Über den sado-masochistischen Komplex  

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"Über den sado-masochistischen Komplex" (1913, English: Regarding the sadomasochistic complex) is an essay by Isidor Sadger published in Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen 5. It coined the term coins sadomasochismus.

Full text

tJber den sado-masochlstisclieii Komplex^).

Von Dr. J. Sadger, Nervenarzt in Wien.


I. Allgemeiner Teil.

In dem vielleicht Witzigsten, was in deutscher Sprache geschrieben wurde, in den „Bädern von Lucca", hat Heinrich Heine den Ausspruch getan: „Was Prügel smd, das weiß man schon; was aber die Liebe ist, das hat noch keiner herausgebracht." Ist dies nun ein Witz, oder gilt von dem ungezogenen Liebling der Grazien, was Goethe von Lichtenberg einmal prägte: Wo der einen Witz macht, da liege ein Problem verborgen? Erwägt man, daß die Bemerkung Heines für einen Witz doch recht dürftig ist, und anderseits wieder, daß jener

1) Der Leser wird finden, daß ich im folgenden immer nur von dem Kom- plexe spreche, statt, wie es üblich, aktive und passive Algolagnie getrennt zu be- handeln. Der Grund liegt darin, daß beide fast immer vereint vorkommen. Man darf behaupten, wo Sadismus besteht, dort findet sich mindest in Einzelzügen auch stets Masochismus und vice versa. Höchstens, daß scheinbar isoliert noch eher der Masochismus auftritt als der Sadismus. Am schärfsten präzisierte dies Havelock EUis („Das Geschlechtsgefühl". Würzburg, 1903, S. 129): „Eine genaue Untersuchung des Sadismus und Masochismus hat uns also zu dem Resultate geführt, daß zwischen diesen beiden Erscheinungen keine bestimmte Grenzlinie besteht Selbst de Sade war kein reiner Sadist, wie aus Dührens sorgfältiger Untersuchung hervorgeht, ja man könnte vielleicht behaupten, de Sade wäre eigentlich ein Masochist gewesen. Alle bekannten Fälle von Sadismus und Maso- chismus, selbst die vonKrafft - Ebing zitierten, zeigen beständig Spuren beider Gruppen vonErscheinungen an einem und demselben Individuum. IMan kann daher die beiden Berufe nicht in einen au.sgeeprochenen Gegensatz zueinander bringen ,Sadismu3* und ,Masochismus' sind einfach bequeme klinische Be- zeichnungen für Erscheinungen, welche in der Regel bei einem Individuum neben- einander vorkommen (S. 173). . Sadismus und Masochismus sind Gefühls- varianten, die einander ergänzen.** 1 1


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Dichter mit der Miene des Spötters die tiefsten Wahrheiten auszu- sprechen pflegte, dann läge die Versuchung nahe, hinter jenem „Witz" ein mindest geahntes Verständnis zu wittern der Beziehungen zwischen Liebe amd Sadismus. Scheint es doch an das größte Rätsel des letztern zu rühren, wieso es denn möglich, daß man ein innigstgeliebtes Wesen mit Schlägen, Mißhandkmgen und Quälereien traktieren muß, um selbst zur höchsten Lust zu gelangen, und warum dann auf der Gegen- seite z. B. ein Weib an die Liebe des Mannes erst zu glauben verma;^. wenn sie solche Unbill von ihm erduldete.

Ich bin dem sadistisch-masochistischen Probleme durch drei Erfahrungen näher gekommen. Einmal behandelte ich einen homo- sexuellen Jüngling, der auch starke masochistische Neigungen hatte, vor allem sich selber binden zu lassen. Schon nach wenigen Stundeii der Psychoanalyse kam er eines Tages froh bewegt zu mir: ,,Herr Doktor, ich hab's, woher meine masochistischen Wünsche stammen!" Und da ich ihn erwartungsvoll ansah, gab er den Bescheid: ,,Vom Eingewickeltwerden als Säugling!" — ,.Das werden ja alle Kinder';, entgegnete ich, 5,da müßten sie sämtlich masochistisch werden, was ja doch nicht zutrifft." Etwas niedergeschlagen, gab er die Richtigkeit des Einwandes zu, fuhr aber gleich fort: ,,Ieh kann nur sagen, ah mir dies gestern eingefallen war, da wurde mir auf der Stelle leichter. Hier hatte nun wieder der Kranke recht. Wir kennen ja die psycho- analytische Regel; Wenn dem Patienten nach einem Einfalle besser wird, dann ward zumindest eine Teillösimg gefunden. Ich wußte mir nur keinen Vers zu machen auf diesen Fund.

Die zweite Erfahrung folgte in Bälde. Da hatte ich ein j^süßes Mädel" in Behandlmig, das nicht bloß ein reiches normales Liebes- leben pflog, sondern auch eine Fülle sadistisch-masochistischer Züge aufwies. In der Psychoanalyse erzählte sie von ihrer Defloration eine merkwürdige Geschichte. Nachdem die erste Blutung vorüber war, verhielt sie sich nicht wie andere Mädchen nach Tunlichkeit ruhig, sondern setzte sich an die Nähmaschine, um durch forciertes Treten derselben die Blutung von neuem anzuregen und möglichst zu steigern. Sie brachte es dadurch wirklich so weit, daß infolge ganz profuser Blutungen ein Arzt zu Rate gezogen werden mußte, der mit ihrer Bekämpfung so viel zu tun hatte, daß er schon die Überführung der Patientin ins Krankenhaus in Erwägung zog. Gab dies schon zu denken, so wirkte ein zweiter Zug noch mehr verblüffend. Die Kranke war scheinbar von einer ständigen Angst beherrscht, gravid zu werden.


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Dies schien bei ihrem expansiven Sexualverkehr nur zu begreiflich. Doch sehr bald stellten sich Symptome ein, welche dieser harmlosen Deutung widersprachen. Wenn Patientin nämlich die Menstruation soeben erst überstanden hatte, kam sie bereits am nächsten Tago mit dem Verlangen nach einem Mittel, um sie auf's neue hervorzurufen. D as war nun offenbar schon mehr als die Furcht, in Hoffnung zu kommen . und sprach für einen heimlichen Wunsch, genau wie nach der Deflo- ration recht viel und beständig Blut zu verlieren. Woher dieser Wunsch und was er bedeute, verstand ich damals freilich noch nicht.

Ein volles Begreifen brachte mir erst meine dritte Erfahrung. Da behandelte ich einen klinischen Assistenten der Psychiatrie wegen Morphinismus, psychischer Impotenz und einer Eeihe hysterischer Symptome. Nachdem die Impotenz in etwa acht Tagen behoben worden, trat eine merkwürdige sadistische Seite der Krankheit zutage. Um überhaupt nämlich verkehren zu können, später, dann um den möglich größten Genuß zu finden, mußte Patient sich immer vorstellen, daß der weibliche Partner durch seine Angriffe zu leiden habe. Eine Dirne, welche seine spezifische Liebesbedingung sehr bald weg hatte, wußte ihn bald derart zu reizen, daß er nun fortab dauernd potent blieb. Am merkwürdigsten war mir folgende Szene. Nach etwa dreiwöchiger Behandlung kam er eines Tages mit freudestrahlendem Gesichte zu mir: ,3err Doktor, gestern ist es mir großartig gegangen! Ich habe nur eine Nummer gemacht, aber ich habe einen halben Tag danach Schmerzen gehabt! Ich sah den Kranken mit einem be- greiflichen Erstaunen an. Man stelle sich vor, ein Patient empfinge den Arzt in der Sprechstunde: ,,Mir ist es großartig gegangen, ich habe einen halben Tag Zahnschmerzen gehabt!" W^äre man da nicht leicht versucht, ihn sofort auf's Beobachtungszimmer zu schicken? Und der mir die freudige Botschaft brachte von jenen großartigen halbtägigen Schmerzen, war ein neunmal gesiebter, erfahrener Fach- mann, ein klinischer Assistent der Psychiatrie, also etwas, was gleicli nach dem Herrgott rangiert. Hier mußte wohl ein Besonderes stecken, das vielleicht anknüpfte an die Blutlust jenes süßen Mädels. Wie dieses offenbar vom Blutfließen nicht genug kriegen konnte und daraus eine besondere Lust zog, so mein Psychiater aus den Schmerzen in Urethra, die er ja mit ausdrücklichen Worten hervorhob. Es mußte also wohl in beiden Fällen mit der starken Reizung der jeweiligen Schleimhaut eine Lust verknüpft sein, welche jene Schmerzen weit übertönte. Das bestätigte auch der psychiatrische Kollege, indem er seinen freudige]i


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Bericht fortsetzte: „Die Lust kam erst dann, als es anfing, weh zu tun, noch bei der Dirne, und das ist dann immer ein Zeichen von starker Erektion. Das Mädel hat auch gesagt: ,No, heut' ist das ganz anders als das letztemal!' Im Momente, da es mir weh tut, habe ich das Gefühl, es muß auch ihr weh tun, und dadurch steigt die Lust ganz rapid bis zum Ergüsse. Das ist förmlich sadistisch." Da hätten wir also die Lösung eines großen sadistischen Rätsels : man tut dem Partner im Liebesleben nicht darum weh, um ihn zu quälen, sondern weil man vom eignen Schmerz Lust empfindet, die man nun dem andern auch schaffen möchte. Ja, der vorausgegangene Schmerz wird dann zu einer ganz besonderen Würze der folgenden Lust, die er nach dem Gegensatzprinzip noch erheblich steigert, sowie auf einem andern Felde die feinsten Schweizer Eßschokoladen nicht einfach süß sind, sondern einen Beisohmack von Bitterkeit haben. Für diese Zusammenhänge lassen sich aus den Psychoanalysen immer wieder neue Beweise erbringen. So sagte z. B. eine Kratz- und Beißsadistin : ,,Wenn ich einen kratze, muß ich das Gefühl haben, daß es ihm wehe tut und wohl zugleich. Merke ich nicht, daß es ihm auch wohl tut, so bleibt das Vergnügen völlig aus. Als junges Mädchen, das vom Koitus nichts wußte, stellte ich mir vor, daß man bei der Vereinigung den Mann nur umarme, küsse und die Nägel einsetze." Und ein männ- licher Patient erklärte geradezu, wenn auch nicht erschöpfend: „Der Sadismus ist überhaupt nur denkbar, wenn das Kind eine Freude an Schmerzen hat im.d dann den andern diese Wohltat nun auch erweisen wilP), wenn es also Lust empfindet, sobald es das erstemal Prügel be- kommt."

Woher nun aber die große Lust am Gekratzt-, Gebissen- imd Geschlagen werden oder allgemeiner am eigenen Schmerze? Warum empfanden bei meinen ersten Erfahrungen die Patienten eine solche Freude, weim man sie band oder Blut ihre Scheide reichlich über- strömte oder endlich Schmerzen in der Harnröhre auftraten? Warum verspürten all diese Menschen dort eine Lust, wo andere Sterbliche

1) Hierher gehört auch folgender Fall: Ein zärthcher Großvater pufft, balgt sich und schlägt seinen Enkel, endet aber das Spiel: ,, Schlag mich zurück!" Dann gibt er ihm einen Klaps aufs Gesäß, fügt aber gleich die Aufforderung hinzu: ,.Hau mich wieder!" Zum Schlüsse dieses erbauHchen Treibens nennt er das Kind auch noch einen Hund, heischt aber sofort: ,,Sag mir auch, daß ich ein Hund bin, beschimpf mich, sag mir Schweinereien!** Hier sieht man deutlich, wie dem Großvater die physische und moralische ünbiil Vergnügen macht, die er darum auch aktiv seinem Enkel antut.


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nichts weiter empfinden als Sclimerz und Unlust? Die physischen Schmerzen fehlten auch jenem natürlich niemals, ja es schien, als ob die sadistisch-masochistische Lust überhaupt an einen ziemlich hohen Grad des Schmerzes gebunden oder mindest durch einen solchen erst auf den Gipfel getrieben werde. Was liegt nun diesem Rätsel zugrunde?

Da kamen mir einige Alltagserfahrungen in den Sinn. Nicht wenige Menschen empfinden, wenn harte Skyballa unter ziemlichen Schmerzen durchgetreten sind, hinterdrein ein direktes Wollustgefühl. Es müssen dies durchaus nicht starke Analerotiker sein, wenn bei diesen auch freilich die Lust schon konstitutionell verstärkt ist. Ferner pflegt bei der Sondenbehandlung der Impotenz die schmerzhafte Reizung der Hamröhrenschleimhaut periphere Lust und Fähigkeit zu Erektionen zu wecken. Jedermann kennt weiter die Wollust des Kratzens bei starkem Jucken, wobei oft geradezu schmerzhafte Ein- griffe mit höchstem Vergnügen empfimden werden. Am auffälügsten tritt dies beim nervösen Pruritus cutaneus zutage. Wie in den ersten zwei Fällen die starke Reizung der Schleimhäute und Muskeln, so wirkte irn letztgenannten Falle die mächtige Reizung der Haut erogen. End- lich kann man alle Tage schauen, daß Buben miteinander zu raufen beginnen aus reinem Vergnügen an der Muskelbetätigung und Haut- berührung Körper an Körper, wobei sogar der tmterUegende Teil trotz erhaltener Prügel noch Lust empfindet. Daß diese wieder ausgesprochen sexueller Art ist, beweist wohl der Umstand, daß viele ihre ersten Erektionen bei solchen Raufszenen wahrgenommen haben. Auch das regelm^äßige Verhalten der Kinder, die sich wehgetan haben, oft derart, daß ein Erwachsener sicher geschrien hätte, während sie nur einen Augenblick lang das Mäulchen verziehen oder gar sich den Schmer;^ ,, wegblasen" lassen, ist hier anzureihen. Ich konnte jenes merkwürdige Verhalten dahin deuten, daß durch den schmerzhaften Insult die so mächtige Hauterotik des Kindes miterregt wird, wobei ein zwiespältiges Empfinden entsteht, nicht einfach Unlust wie beim Erwachsenen^).

Es lag nun nahe, von diesen schmerzhaft-lustvollen Erschei- nungen auf ähnliche beim Algolagnismus zu schließen. Wissen wir doch, daß, während die Mehrzahl aller Menschen bei Aufnahme regel- mäßiger Geschlechtsbeziehungen die im Kindesalter so mächtige Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik verlieren, es manche gibt, bei denen letztere konstitutionell derart verstärkt ist, daß sie auch späterhin,

^) Vgl. meine Studie: ,,Haut-, Schleimhaut- und Miiskelerotik". Jahrb. f. psychoanalyt. u. psychopath. Forschungen, Bd. III, S. 545 ff.

Jahrbuch für psyelioanalyt. u. psychopathol. Forschniigen, V. -l 1


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in reiferen Jahren, noch fortbesteht. Vielleicht, daß just die Sado- Ma?iochi3ten Menschen wären mit angeboren verstärkter und darum fortdauernder Haut-. Schleimhaut- und Muskelsexualität, die eben durch Schmerzen miterregt wird. Als ich mein analysiertes Material von etwa einem Dutzend Algolagnisten daraufhin durchging, stellte sich heraus, daß die genannte besondere Erotik in keinem einzigen Falle fehlte. Wohl aber waren fast regelmäßig mehrere Faktoren kom- biniert, also beispielsweise mehrere Schleimhäute besonders erogen, oder Haut und Muskulatur oder alle drei zusammen genommen, natürlich noch abgesehen von der psychischen Überdeterminierunj, der einzelnen Fälle. Das fand ich nun auch bei jenen weit häufigeren Sado-Masochisten bestätigt, bei welchen aus ungünstigen äußeren Umständen keine Vollanalyse zu machen war, sondern nur eine kurze Nachprüfung möglich. Auch hier versagte die oben angeführte Ätiologie in keinem einzigen Falle. Ebenso führte die Gegenprobe zu günstigem Ergebnisse, d. h. dort, wo in reiferen Jahren keine nennenswerte Haut-, Schleimhaut- oder Muskelerotik vorhanden, dort fehlten auch algo- lagnisehe Züge. So drängte sich mir allmählich die Überzeugung auf, daß die sadistisch-masochistischen Phänomene auf eine konstitutionell erhöhte Haut-, Schleimhaut- und Muskel- orotik zurückgehen.

Um die Beweiskraft meiner Argumente noch zu erhöhen, sali ich mich nach anderer Bestätigimg um. Da fand ich zunächst in all meinen Fällen von Fetische - Sadismus oder - Masochismus neben der für den Fetisch von Freud aufgedeckten Biech- und Schaulust ganz regelmäßig die Haut- xmd Muskelsexualität im Vordergrund Rtohend. Es ist forner bezeichnend, daß Masoch selbst, nach dem j?ne Perversion getauft wurde, an argem Pelz-Fetischismus litt und daß die geistige Miterregung seiner Hauterotik stets erst den höchsten Orgasmus setzte. Die Venus, von der er gequält imd gedemütigt zu worden begehrte, mußte sich dazu immer in Pelz werfen. Auch seine besondere Vorliebe für Katzen imd ihr weiches Fell — gleichfalls eine Kombination von Fetischismus und Kratzmasochismua — die ich übrigens seitdem bei vielen Masochisten wiederfand, weist auf den tieferen Zusammenhang mit der Hauterotik hin.

Einen weiteren Beweis nahm ich von den Erstlingsdramen unserer Dichter. Es ist höchst auffällig, daß es fast in allen von Mord und Tot- schlag förmlich wimmelt. Man denke z. B. an Schillers ,, Räuber*', Grrillparzers ,,Ahnf^au'^ Hebbels ,, Judith", und Grabbes ,, Herzog


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von Gotland. Woher diese Freude an der Grausamkeit, am Morden und Kiederstechen bei den doch mindestens nicht ausnahmslos sadi- stischen Dichtern? ,,Es gibt Menschen", hat Goethe einmal gesagt, „die eine wiederholte Pubertät erleben". Dies gilt nun wohl in erster Linie von den Genies, insonderheit von den großen Poeten. Vor allem dauert bei den letzteren die normale Pubertät der Jiinglingsjahre weit länger als bei anderen Menschen imd auch die Abfassung ihrer Erstlingsdramen fällt regelmäßig in diese früheste Pubertät, Nun führte ich an anderer Stelle schon aus^), wie die Genialität der Mann- barkeitsjahre daher rühre, daß eine Zeitlang die rein genitale neben der infantilen Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik bestehe. Diese letztere Gruppe gibt mm das treibende Moment für den in den Erst- lingen so stark hervortretenden Sadismus der Dichter, der sich dann in den folgenden Dramen meist von selber verliert.

Die letzte Bestätigung bot endlich die direkte Kinderbeobachtung. Es ist allgemein bekannt, wie grausam alle Kleinen sind, auch die au^ besterzogonen Kulturkreisen. Man weiß, wie bösartig sie beispielsweise Haustiere quälen, die ihnen wehrlos ausgeliefert sind. Man kennt ihre Neigung, Insekten die Flügel auszureißen, jüngere Spielgefährten zu schlagen oder ihnen gar noch ärger zu begegnen, und endlich lehrt die pädagogische Erfahrung, daß nur solche Bücher die Kinder wirkUch auf die Dauer fesseln, in denen es von sadistischen Zügen nur so wimmelt, wie z. B. der ,, Struwelpeter", „Max und Moriz" und wohl die allermeisten Märchenbücher. Auch wenn wir jene Publikationen prüfen, die jede wichtigere Lebensäußerung eines Kindes von seiner Geburt ab registrieren, gelangen wir zu den nämlichen Schlüssen. xVUerdings ist zu beachten, daß in den meisten Schriften dieser Art das Kind nicht einmal eine Verdauung hat, geschweige denn etwas wie einen Geschlechtstrieb. Doch immerhin lassen sich bei einzelnen der allerbesten, wie z. B. ,, Bubis erste Kindheit'* vom Ehepaare Scupiii, Züge feststellen, die meine These aufs beste unterstützen.

Ich wähle aus dem letztgenannten Buche nur einige Züge aus dem ersten Lebensjahre des kleinen Ernst Wolfgang. ,, Gleich am Tage seiner Geburt müssen ihm die Händchen eingebimden werden, weil er sich das Gesicht zerkratzt hatte. Am zweiten Tage trägt Groß- mama, die sich zärtlich zu dem Kinde herabneigt, ein paar Kratz- wunden davon, die Fingerchen hatten sich so fest eingekrallt, daß es

^) fliehe meine obzitierte Studie über flaut-, Schleimliaut- und Muakel- eratik, S. 545.


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ihr einen Schmerzenslaut entlockte". Dann aus dem fünften Monate: ,, Großes Vergnügen bereitet es dem Kinde, Spielzeug kräftig auf den Tisch zu hauen, sich selbst damit auf den Kopf zu schlagen und es schließlich mit heftigem Kuck auf die Erde zu werfen." Das geschieht 20- bis 30mal hintereinander. Als die Mutter schließlich müde wird, das Spielzeug immer wieder aufzuheben, ist der Kleine sichthch un- zufrieden. Im neunten Monate wird „der sich zum Kinde nieder- beugende Vater plötzlich am Barte fest gepackt imd daran eine Art Klimmzug vollführt. Zerkratzen uns die unbarmherzigen Händchen das Gesicht, so daß wir vor Schmerz aufschreien, so kommt oft ein wahrhaft grausames Leuchten in des Knaben Augen; die Nasenflügel werden aufgebläht und roll höchstem Eifer und Gier fährt er mit seinen Martern fort, als da sind, einzelne Haare ausraufen, in die Augen greifen, zwicken und kratzen, streckt man die Zunge heraus,

so kräht er jubelnd auf und krallt wild die Nägel hinein Wie

scharf die Zähne schon sind, erfährt bei der täglichen Mundreinigung schmerzhaft Mutters Finger, in den das Kmd energisch und mit ge- radezu diabolischer Gier hineinbeißt". Man schaut hier deutlich, wie die mächtige Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik das grausame Verhalten des Kindes bedingt, wobei selbstredend auch in Anschlag zu bringen, daß dieses noch nicht völlig faßt, wie weh es dem andern damit tut. Im allgemeinen darf man sagen: Sowie sich beim Kinde jene Erotik regt, sind auch die ersten Grausamkeitsregungen präzis nachweisbar, ja diese fußen direkt auf ihr.

Nun ein paar Belege zu meiner These von den Wurzeln des sado-masochistischen Komplexes. Eine Patientin erzählt von ihrer offenbar etwas invertiert-sadistischen Cousine: ,,Wenn sie mich allein sieht, eilt sie auf mich zu und stürzt sich auf mich, ich dürfte ein Mann sein. Sie zwickt mich an den Schenkeln und am Gesäß und sagt dabei: ,Laß mich doch ein bischen, das tut so wohl, wenn das Fleisch so hart ist! Ich kann dich so gut zwicken!' Sie hat davon sicher ein sexuelles Vergnügen, was ich ihr am Gesichte ablese. Denn bei sexuellen Dingen hat sie die Gewohnheit, die Zunge zusammenzurollen und sie zwischen den Zähnen hervorzustrecken, wobei ihre Augen noch besonders leuchten^)". Von der eignen Libido berichtet sie fol- gendes: „Im Momente der höchsten Leidenschaft muß ich meinen Mann in den Oberarm beißen. Ich weiß nicht, was ich vor Lust machen soll, da beiße ich eben. Ich spüre in dem Momente eine solche Kraft

^) Man achte auf die Ähnlichkeit mit dem kleinen Scupin.


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in mir, daß ich meinen Mann erdrücken würde, und da ich das nicht will, beiße ich ihn wenigstens. Darauf ist mir dann ein wenig leichter. Wenn ich meinem Gefühle nachgäbe, hätte ich ihn, glaube ich, schon erwürgt. Eigentlich habe ich im Momente der größten Lust das Be- dürfnis, ihn zu erdrücken, doch ich verliere nie die Besinnung beim Akte und halte mich zurück, damit ich ihm nichts tue. Gäbe ich meinem Verlangen nach, so käme er nicht lebend davon. Das Beißen ist also Ersatz für das Erdrücken. Das Umarmen spielt die Hauptrolle bei mir, das ist dasjenige, was mich am meisten reizt und zum Geschlechts- verkehr animiert". Von der Kindheit-eines Sadisten gibt seine Schwester folgende Kunde: ,5Er hatte schon als kleiner Knabe Zerstörerhände. Was er bekam, machte er rasch kaput. Einmal köpfte er die Soldaten meines Bruders, angebüch, weil sie ihm nicht gefolgt hatten. Meine Puppen zertrümmerte er, doch scheinbar unabsichtlich. Die Tassen, aus denen er trank, stellte er immer so heftig nieder, daß entweder die Tasse oder der Untersatz in Scherben ging und er eine Emailschalc bekommen mußte. Auch Bücher zerriß er häufig, weil er Düten brauchte." ■

Selbst wenn die mächtige Muskelerotik, die in all diesen Fällen im, Vordergrunde steht, dann künstlich, z. B. durch die Eltern xmter- drückt wird, kann sie zu einer wichtigen Quelle des Sado-Masochismus werden. In einer Anzahl von Fällen scheint es mir geradezu, als wäre just diese künstliche Unterdrückimg die psychische Ursache der Algolagnie. Wenn etwa ein Säugling wie in Fall 1 der Kasuistik das gewaltsame Eingewickelt- und Eingeschnürtwerden infolge seiner gesteigerten Haut- und Muskelerotik lustvoU empfindet imd später dem Knaben das Turnen von der Mutter untersagt wird, wofür er dann Ersatz in leidenschaftlichem Lesen sucht, wenn ein Mädchen stets angehalten wird, schön sittsam neben der Mutter zu gehen, statt, wie sie möchte, herumzutollen, wenn ein Schuljunge ganz geflissentlich von selber ,,brav" wird, d. h. seine Muskelerotik imterdrückt und statt herumzutreiben, lieber hinter seinen Lehrbüchern hockt, um so die Liebe seiner Mutter zu gewinnen, wenn endlich eine andere Mutter ihrem Jungen das Raufen mit der Schwester wehrt und sich dieser dann ungesühnt von semen Kollegen verhauen läßt, weil er nicht so ordinär sei, sich herumzuschlagen, dann hat sich in all den genannten Fällen eine schwere Algolagnie entwickelt. Auch psychologisch ist es gut zu begründen, daß die Unterdrückung einer Erotik sie in ganz ausnehmendem Maße erhöht. Gibt's doch bekanntlich kein besseres Mittel/ das Verlangen nach einem Manne zu steigern, als indem man


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einer Liebenden diesen verweigert. Eine Dame schrieb treffend an Havelock Ellis (1. c. S. 171, xlnm. 1): „Der Mann kann ein Weib erregen, wenn er ihr verbietet, seine Liebkosungen zu erwidern; man kann das nur wenige Sekunden aushalten; üi dieser Zeit nimmt aber die Erregung mächtig zu."

Von der Schleimhauterotik verdient eine wenig beachtete Form besondere Erwähnung: die von mir beschriebene Urethralerotik. Es ist seit Rousseau ganz allgemein bekannt, daß Schläge ad nates sehr leicht zu Erektionen führen, wofür man die mechanische Miterregung der nervi erigentes oder des spinalen Zentrums schuldtragend machte. Mich dünkt der Mechanismus doch anders zu liegen. In den meisten Fällen von passiver Flagellation, darunter in sämtlichen, die ich unter- suchen konnte, bestand nämlich neben der Gesäßerotik, die selbst- redend in erster Linie zu nennen, noch eine mächtige Urethralerotik, wie z. B. im Fülle Jean Jacques Rousseau. Was mich hindert,, diese Ver- bindung als konstant anzunehmen, ist wesentlich der Mangel der Gegenprobe, Es gibt nämlich sehr viele Urethralerotiker, die keine Neigung zur Flagellation besitzen. Hingegen geht sicher die häufige Kombination des Masochismus mit Urolagnie auf eine besonders ge- steigerte Urethralerotik zurück. Endlich wies Freud („Über infantile Sexualtheorien") für die Entstehung der sadistischen Koitiistheorie bei Knaben auf gewisse Peniserregungen hin, an die sich das erste Nachdenken über das Rätsel, woher die Kinder kommen, knüpft. Diese Erregungen in ruembro erinnerten sie aber an analoge, die sie neben angenehmen Sensationen in Haut und Muskulatur bei ihren Balgereien erfuhren. Solche Lustgefühle sind dann auch der Grund, daß ein Kleiner selten einer Rauferei aus dem Wege geht, selbst wenn er als Schwächerer alle Aussicht hat, verprügelt zu werden. Es ist wohl kein Zweifel, daß jene Sensationen im Gliede besonders gern und leicht dort auftreten, wo eine konstitutionell gesteigerte Urethralerotik den allergeeignetsten Nährboden schafft. Bemerkenswert ist übrigens die entsprechende Koitustheorie des weiblichen Geschlechtes. Da bestehe die Vereinigung von Mann und Weib in lieftigstem Anpressen, Umarmen und Küssen, was sadistische Mädchen dahin erweitern, daß es fast zum Erdrücken, zum Kratzen und Reißen, ja Blutigbeißen käme. Wo immer man aber das sado-masochistische Problem auch angeht, stets führt es wieder zur Haut-, Schleimhaut- und Muslielerotik zurück.

Dies gilt nun auch für alle Theorien und Erklärungsversuche, die man aus unserer tierischesi Abstammung, aus der Beobachtung


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wilder oder halbzivüi&ierter Volker sowie der moderuen Plebs und endlich von einigen anatomisch-physiologischen Tatsachen herleitet. Einige von ihnen will ich beleuchten, vrährend ich die mehr psychischen Faktoren einer späteren Besprechimg vorbehalte. So meint Havelock Ellis (1. c. S, 84 f.): ,,Die männHche Neigung, im Bewußtsein der Herr- schaft zu schwelgen, die weibliche Neigung, in der Unterwerfung auf- zugehen, knüpfen noch an die alten Traditionen an, vv'o das männliche Tier das weibliche verfolgte. . . . Wir müssen zugeben, daß eine gewisse Freude des Mannes an der Unterwerfung der Frau und den ihr zu- gefügten Schmerzen als ein Überbleibsel aus dem primitiven Liebes- leben und als beinahe oder ganz normale Begleiterscheinung des männ- lichen Geschlechtstriebes zu betrachten ist." V^as über die verschiedenen Formen der Eaubehe und der Gewaltanv^endung bei der Werburig primitiver Völker zu sagen ist, möge meai in den einschlägigen Werken nachlesen. Unter den Kulturnationen wurde yon den slawischen Frauen der niederen Volksklassen behauptet, sie fühlten sich beleidigt, wenn sie nicht ab imd zu von den Männern geschlagen würden. Ähn- liches wird aber auch von den migarischen Bäuerinnen, den Frauen der italienischen Karaorristen und des Londoner Eastends, endhch von den französischen Prostituierten erzählt in dem Verhalten gegen ihre Zuhälter^). In all diesen Fällen wird die Betätigung seiner Muskelkraft vom Manne als Erhöhung sexueller Vorlust, vom Weibe hinwieder die passive Erregung seiner Haut- xuid Muskelerotik erst als Beweis einer wirklichen Liebe des Mannes angesehen. Andeutungen, daß die Zufügung von Schmerz als sexuelle Lust empfunden wird, erlebt man jederzeit auch an den Frauen der besten und gebildetsten Stände. So s^gte mir z. B. der oben zitierte psycliiatrische Kollege aus seinen Liebeserfahrungen : j,Im Augenblicke, da man einen-i Mädchen Schmerzen bereitet, hat sie einen viel lieber, küßt sie leidenschaftlicher und wird viel inniger. So wie m,au ihr weh tut^ erwacht die Liebe*'. Einem andern Patienten sagte seine Frau, die er in der Hochzeitsnach ,,um sie zu schonen", rait den Fingern defloriert hatte, direkt auf den Kopf zu: „Du liebst mich nicht, sonst hättest du nicht so gehandelt! In diesem Punkte wollen wir Frauen nicht geschont sein!

Wir smd hiev bei einem interessanten Punkte, der wieder ::ur an atomisch- physiologischen Grundlage des sado-masochistischen Kom-

  • ) Vgl. H<avclok Ellis L c, S. 80—82, ferner Ki äfft - Ebing, „Psycho-

pathia sexualis", 13. Aufl., S. 29 — 31, endlich Thomas Barthoiin\is, zitiert bei Dühren, ,,Pas Ooschlethtsleben in Ergland", Bd. II, S. 378 ff.


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plexes zurückführt. Einerseits nämlich wirken Schläge, in mäßigem Grade appliziert, direkt tonisierend auf den Empfänger, wie Galen schon wußte und neuerdings Charles Fere betont, während der Austeiler in einen sthenischen, zornähnlichen Affekt gerät, anderseits aber ist die Vulva, des normalen Weibes — der Jungfrau sowohl wie auch der Mutter — sehr wenig empfindlich, so daß es stärkerer An- regungen braucht, um die höchstmögliche Lust zu wecken. Drum machen dort Reizungen, die an anderen Schleimhäuten recht schmerzhaft wären, keine solchen Gefühle, sondern werden ledighch als Lusterreger perzipiert. So verlangen die Frauen der indonesischen Völker^ der Indianer von Nord- und Südamerika, Chinesinnen, manche Russinnen und Indierinnen die Anwendung von für die Rute des Mannes sehr schmerzhaften Apparaten, wie z. B. des Ampallang. Ja, ich glaube sogar, daß phylogenetisch die Entstehmig des Hymens auf diese Lusterregung zurückgeht. Dasselbe besitzen ja außer dem Menschen nur noch die anthropoiden Affen, welch beide Ordnungen bereits Linn e als ,, Herren- tiere" zusammenfaßte. Schon infolge seines so späten Auftretens in der Ahnenreihe kann es nicht wie andere überflüssige Körperteile, z. B. unser processus vermiformis als bedeutungslos gewordenes, ehemals aber sehr wichtiges Organ unserer tierischen Vorfahren angesprochen werden, ganz abgesehen davon, daß es nie einem andern Zwecke diente, als imter Schmerzen und wohl auch Lust zerrissen zu werden. Mich dünkt vielmehr, daß seine Entstehung zusammenhängt mit dem seit dem Menschenaffen so gesteigerten Liebesleben der ,, Herrentiere' \ Es ist eine immer von neuem zu bestätigende Tatsache, daß das Weib dem Manne, der sie mit Genuß deflorierte, zeitlebens treue Anhänglich- keit bewahrt. Man kann nicht selten von Männern hören, daß ein Weib nach Zerreißung des H}Tnens ausrief: ,, Jetzt hab' ich dich noch einmal so gern!" was zweifellos buchstäbliche Wahrheit ist. Überhaupt scheint beim Kulturweibe alles, was mit dem Geschlechtlichen zusammen- hängt, auf Schmerz gestellt. Schmerzhaft sind die Krämpfe bei der Menstruation, die man so bezeichnend ,,das Unwohlsein" heißt, schmerz- haft Defloration und Wehen, schmerzhaft die verschiedenen Neuralgien in der Gravidität und nicht selten endlich auch das Stillen des Kindes infolge von Schrunden an den Brustwarzen. Man könnte diese allge- meine Schmerzhaftigkeit beinahe als Züchtungserfolg ansprechen, um des Weibes Erotik aufs höchste zu steigern. Meint doch Otto Adler mit vollem Rechte (,,Die mangelhafte Geschlechtsempfindung des Weibes") : ,,Der Schmerz im Genitale ist eine bedauernswerte


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Domäne des weiblichen Geschlechtes und gibt vielleicht dem ganzen weiblichen Geschlechtstriebe die besondere Signatur, die ihn von dem männlichen unterscheidet",

Den organischen Ursachen gesellt sich dann leicht ein Psychisches bei. Um zunächst bei einer Alltagserfahrung zu bleiben, so ist die Leich- tigkeit beachtenswert, mit der physische Schmerzen, z. B. der Ent- bindung, vergessen werden. Auch der heftigste Schmerz tut in der Erinnnerung nicht mehr weh. Das nämUche gilt von den Leiden der anderen. Wenn ein masochistisch veranlagter Knabe auch empfangene Prügel schon lustvoll empfindet, so mischt sich doch mindestens anfangs und ursprünglich eine gewisse Unlustempfindung bei infolge der Schmerzen. Anders jedoch, wenn vor seinen Augen ein Schulkollege geschlagen wird. Das weckt dann lediglich Lusterinnerungen, da ja die physische Unlustempfindung hier völlig wegfällt. „25 auf den Buckel eines andern tun nicht weh," sagte einmal Graf Taaffe. Das ist einer der Gründe — andere imd wichtigere werde ich später an- führen — weshalb so viele Masochisten angeben, zum ersten Male beim Anblicke von in der Schule geprügelten Kameraden wollüstige Er- regung empfunden zu haben. Endlich ist auch noch zu beachten, daß jede stärkere Gemütsbewegung eine sexuell iust volle Komponente abspaltet. Das erklärt die Fähigkeit ziemUch aller Menschen, die nicht schon in diesem Punkte verdrängten, aus großen Affekten stets auch sexuelle Lust zu ziehen, sogar aus peinlichen und überaus traurigen. Ich brauche nur an das wonnevolle Entsetzen zu erinnern, mit dem man Gruselgeschichten anhört, Hinrichtimgen beiwohnt, den Schau- platz eines großen Unglücks besucht oder halsbrecherischen Pro- duktionen zusieht, bei denen es auf Tod und Leben geht. So unglaublich es klingt, es lösen sogar die schweren depressiven Affekte, wie Kummer, Trauer und große Angst, oft starke sexuelle Empfindungen aus. Ein Patient mit starker Urethralerotik erzählte aus seinem zehnten Lebens- jahre, daß er einmal bei einem sehr gefürchteten Lehrer sich etwas verspätete. „Als ich beim Eintritte in das Schulhaus an der Schuluhr sah, daß ich zehn Minuten zu spät gekommen, überfiel mich eine furchtbare Angst und zugleich ein so schönes, wundervolles Gefühl im Penis, das ich nie vergessen werde. Ich war wie von einem Taumel erfaßt, so intensiv war es. Mein halbes Leben gäbe ich darum, wenn ich es noch einmal erleben könnte!"

Ganz allgemein muß man scharf unterscheiden — und zwar gilt dies für sämtliche Formen des sado-masochistischen Komplexes —


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zwischen den organischen Grundlagen desselben, id est der Haut-, der Schleimhaut- und Muskelsexualität, und aller weiteren Determiziierung. Wir müssen uns hüten, die wirklich spezifische oganische Wurzel, die wahre conditio sine qua non und die eigentliche Grundlage des Zustandekommens der Perversion in einen Topf zu werfen oder gar zu verwechseln mit den allerersten manifesten Symptomen im SäugUngs- und frühen Kindesalter oder, was die Patienten auch gerne tun, mit noch späterer psychischer Überbesetzung. Das ist schon darum besonders wichtig, weil begreiflicherweise die Patienten von dieser organischen Grundlage nichts wissen, sondern sie erst durch ihre eigenen Einfälle in der Psycho- Analyse kennen lernen. Was sie präsent im Bewußtsein haben imd darum auch immer schuldtragend machen, sind Kinder- erlebnisse imd höchstens noch einige seelische Beziehungen. So ver- meinte z. B. der Masochist der Einleitung, er wolle jetzt darum von einem Weibe gebunden werden, weil die Mutter ihn als Säugling in die Windehi gepackt imd dann eingeschnürt hatte. Ein anderer leitete sadistische Phantasien, Weiber mit einem Stricke zusammenzubinden, wieder davon her, daß er seine Mutter wiederholt ihr Korsett fest zu- sammenschnüren sah. Es liegt auf der Hand, daß beide Erfahrungen, die einfach jegliches Kind erlebt, nicht erklären können, warum just die beiden pervers geworden und nicht sämtliche Menschen, die über die gleiche Erinnerung verfügen. Anders liegt die Sache, wenn wir die richtige Schlußfolgerung machen: just diese beiden mußten bei sonst identischen Erlebnissen eine Dauerperversion davontragen, weil ihre konstitutionell verstärkte Haut- und Muskelsexualität sie jene alltäglichen, banalen Erlebnisse ganz besonders lustvoll empfinden ließ, während andere^Kinder da gleichgültig bleiben. Immerhin werden wir bei allen Formen der Perversion neben der organischen Grundlage des Prozesses auch die infantilen Erlebnisse und die seelischen Faktoren anführen müssen.

Und noch eins lehren jene Erfahrungen, die große, wenn auch nicht spezifische Bedeutung der Eindrücke jeglicher Kinderstube, ja sogar der Säuglingszeit für die Symptomatologie unsrer Perversion. Hätte man die frühesten Kindheits jähre nur besser durchforscht, dann läse man in den Autobiographien der Sado-Masochisten nicht so häufig die Wendung, daß sich ihre perversen Phantasien und Ge- lüste schon vor jeder möglichen Erfahrung zeigten. Und auch Krafft-Ebing würde nicht immer nachdrücklich hervorheben, daß 5, beim Masochisten der Trieb zur passiven Flagellation fast immer


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ab origine bestehe. Er taucht als Wunsch auf, bevor eine Erfahrung über reflektorische Wirkung gemacht wurde, oft zuerst in Träumen^). Just die letzte Bemerkung, gerade das erste Auftreten in Träumen, daß z. B. ein Masochist mit sechs Jahren wiederholt in gleicherweise träumt, ,,es prügle ihn einAVeib ad uates"^)^ deckt jedem Kundigen den Zusammenhang auf. Wie alle Träume, besitzen auch diese Wurzeln aus den allerersten Lebensjahren, und es müssen da ähnliche Erlebnisse vorausgegangen sein, die der Kranke dann freilich nur im Unbewußten weiß und — in seinen Träumen.

Vor Jahren schon hob Paul Federn in Wien in einem Vortrage die Bedeutung der Kinderstubenerlebnisse für die Symptomatologie des Masochismus hervor. Ich kann diese Behauptung nicht nur be- stätigen, sondern auch erweitern. Sehr häufig v^'erden die Symptome nicht erst durch die Erlebnisse des Kindes bestimmt, sondern schon des Säuglings. Eine Reihe von Kranken kommt im Laufe der Analyse selber darauf, daß die Phänomene ilirer Perversion ein Vorbild in den Erfahrungen ihres — Steckbettes haben, demnach das konstitutionell Verstärkte, die Haut- und Muskelsexuatität dort zum ersten Male in Erscheinung trat und dann die einmal gewonnene Gestalt nun dauernd und für immer festgehalten wurde . So vernahmen wir mehrfach die typische Phantasie, von einem Weibe gefesselt zu werden, und wie sich dieser masochistische AVunsch von lustvollen Säuglingserlebnissen herschrieb. Noch charakteristischer ist ein anderes masochistisches Gelüste : überfallen, gefesselt und fortgeschleppt zu werden. Auch dieses enthüllt sich als Reproduktion lustvoller Spiele zwischen Mutter und Kind. Schließlich muß jene doch ein Ende machen, packt

^) ,,Psychopa.thia sexualis", 13. Aurfl., 8. 107. Ahnlich urteilt selbst Havelock Ellis (1. c, S. 159 f.): ,, Diese Assoziation (zwischen der Vorstellung des Gsfesseltseins und angenehmen sexuellen Eaipfindungen) tritt oft in sehr zartem Alter auf und ist von ganz besonderem Interesse, weil sie in vielen Fällen durchaus auf keine persönliehc Erfahrung oder zufällige Ideen- verbindung zurückzuführen ist. Es scheint sich hier um rein psychische Piiantasien zu handeln, gegrlmdct auf die elementare physische Tatsache, daß Beherrschung des Affektes wie die Verzögerung seiner Entladung den Affekt steigert." Femer S. 137: ,,In vielen, Avenn nicht den meisten Fällen übt die Idee des Peitschens ihren Einfluß auf das Sexualleben aus, ganz unabhängig von persönlichen Erlebnissen, manchmal bei Personen, die nie geschlagen worden sind, ja selbst bei solchen, die Schläge kennen und nichts als Wider- w'illen gegen ilire tatsächhche Verabreichung fühlen, während sie sich von der Vorstellung derselben angezogen fühlen.

2) Vgl 1. c, Beob. 52, S. 105, .-^uch Beob. ^.5.


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ihren Kiiaben, schlägt ihn in Windeln und schnürt ihn zu (überfallen und fesseln), um ihn dann in eine Wiege zu tragen (fortschleppen). Man sieht, wie die spätere perverse Phantasie sich genau an das Erlebte hält. Auch der lustvolle Zwang, den einzelne Masochisten ersehnen, Tiat die nämliche Genesis. Von der Mutter in die Windeln gepackt zu werden, ist wohl der erste lustvolle Zwang, zu welchem dann als zweiter noch kommt, seine Bedürfnisse rechtzeitig befriedigen zu müssen. Hingegen ist der häufige Wimsch, einem schönen Weibe als Tragtier zu dienen, einfach Umkehrung des in der allerersten Kindheit selber Erlebten. Damals wurde man ja von der Mutter oder Pflegepersou tatsächlich getragen, was sicher hohe sexuelle Lust gab.

Wenn so viele Masochisten zu betonen nimmer müde werden, nicht Schläge machen den Hauptreiz für sie aus, sondern das Bewußt- sein, in Gewalt und Botmäßigkeit eines geliebten Weibes zu stehen, so haben sie recht. Es ist wohl überflüssig, zu erklären, wer diese Geliebte ursprünglich war, die typische ,, Herrin" oder „Göttin", imd wann sich deren despotische Gewalt ganz unumschränkt geltend zu machen vermochte. Gibt es doch keine größere Abhängigkeit als die des absolut hilflosen Säuglings von seiner ersten Pflegeperson, die allgemein als ,, Mutter" erinnert wird. Wenn Eulenburg meint, daß zur sinnlichen Erregung die Vorstelhmg beitrage, ,,eine geliebte oder doch erotisch begehrte Person ganz als Kind behandeln zu dürfen, sie völlig unterjocht und unterwürfig zu wissen, über sie despotisch schalten zu können"^), so hat er den Nagel weit besser getroffen, als er selber wohl ahnte. Nun schlägt ja die Mutter ihren Säugling wenigstens nicht ständig, nicht einmal tätschelnd und zur Liebkosung, wohl aber steht dieser fast immer willenlos in ihrer Gewalt und sie kann despotisch über ihn verfügen. Diese lust volle Urerinnerung der Kindheit nochmals zu erleben bei einem herrischen, stolzen Weibe, ist darum für soviele Masochisten der Gipfel ihrer Lust. Die sexuelle Hörigkeit und Unterwürfigkeit findet nicht erst, wie Krafft-Ebing meint, in dem Liebesleben zwischen dem reifen Manne und der reifen Frau statt, sondern in einer weit früheren Epoche, in der Liebe zwischen Mutter und Säugling. Wenn Masochisten nicht selten angeben, ihre Neigung wende sich ausschließlich solchen Frauen zu, die älter seien als sie selber, jimge Mädchen interessieren sie gar nicht, so liegt die Beziehung zur Mutter auf der Hand. Aber auch wo ein jüngeres Mädchen


1) „Sexuelle Neuropathie", Leipzig, 189ö, S. 121.


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begehrt wird, ist es häufig die Mutter, die dem Säuglinge eben als solches erschien.

Eine Reihe seltsamer sadistischer wie masochistischer Gelüste wird erst verständlich, wenn man das Verhalten der Mutter zu ihrem Säuglinge heranzieht, in zweiter Linie zu ihren etwas größeren Kindern. So äußert sich ihre Affenzärthchkeit häufig darin, daß sie den Säugling am ganzen Körper abküßt, auch an den allerintimsten Partien, wie den Genitalien, ad nates vel anum^). Die gelegentliche Forderung eines Sadisten, die Geliebte solle ihn ad posteriora küssen, womöglich sogar noch vor anderen Leuten, spricht direkt für gleiche Erlebnisse des Säuglings, die damals wenig Anstößiges hatten. An anderem Orte^) sprach ich schon aus, daß, abgesehen von Überfüllungserscheinungen, ganz kleine Kinder nur geliebte Personen mit ihrem Urin oder ihren Exkrementen bedenken, was ihnen geradezu Liebesbeweis ist. Die ganze Uro- und Koprolagnie hängt mit diesem infantilen Verhalten zusammen und fußt noch tiefer und organisch auf verstärkter Urethral- und Analerotik. Hält man sich dies vor Augen, dann erscheint es nicht mehr ungeheuerlich, daß gleiche Beschmutzungen von Sadisten oder Masochisten erfolgen oder lustvoll begehrt werden. Der Begriff der Besudlung kann später auch auf andere^ schädigende Flüssigkeiten ausgedehnt werden, wie z. B. Tinte oder Schwefelsäure.

Weitere Symptome der Algolagnie gehören schon einem etwas späteren Kindesalter an. So das Knien des Masochisten vor der Geliebten, ferner Liegen oder Sitzen zu ihren Füßen, was ein Klient Krafft-Ebings als ,, Pagismus" bezeichnete, d. h. das Verlangen, der Page eines schönen Weibes zu sein. Das letztere übte auch Sacher- Masoch selbst, der mit Frau von Kottowitz, der Fürstin Bogdanoff und der Baronin Pistor solche Szenen aufführte und sich sogar in dieser Position photographieren ließ. Daß die Mutter spielerisch dem geliebten Kinde auf den Nacken tritt^), es ein andermal wieder wegen eines Vergehens beschimpft oder auszankt, oder endhch das Kind

^) Ich glaube auch, daß die Redensart ,,Du kannst mich gern haben" oder das synonyme und noch vulgärere Zitat aus ,,Götz von Berlichingen" von die3er mißbräuehHchen Zärtlichkeit stammt und uraprünglich völlig ernst gemeint war. Man denke ferner an die Huldigung der Hexen für den Teufel durch den ICuß auf den Hintern.

2) „Über Urethralerotik", Jahrbuch f. psychoanalyt. Forschungen, Bd. II, S. 414 f.

3) Der Wunsch des Masochisten, die Herrin solle ihm den Fuß auf seinen Nacken setzen, hat freilich noch andere Wurzeln. Vgl. z. B. Fall 1 der Kasuistik.


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■die Mutter um Verzeihung bitten muß, bisweilen sogar mit aufgehobenen Händen, dies alles kehrt in algolagnistischen Veranstaltungen wieder. So heischt ein Sadist von seiner Geliebten, sie solle ihm die Hand küssen, ihm „untertänig sein'*, was natürlich einst sein eigenes Verhalten zur Mutter gewesen, und endlich sogar die Paedicatio, weil er einst von jener mit Lust klystiert worden und nun selber die Rolle der Mutter spielt. Beim Verlangen aktiver und passiver Flagellanten nach Sehlägen am liebsten auf entblößte nates wirkt neben einer Reihe anderer Um- stände, auf die ich später zurückkommen werde, auch die Erinnerung mit an das liebevolle Getätscheltwerden des nackten Säuglings, in zweiter Linie an die Exekutionen der ersten Kindheit, die der Algolagnist wegen seiner erhöhten Haut-, Urethral- und Muskelerotik lustvoll empfand. Hier ist auch der Ursprung der „strengen Herrin", der „Ge- bieterin*' zu suchen. Daß sich dies masochistische Ideal von der „strengen Herrin** in Wirklichkeit so selten findet, während jene Sehn- sucht das perverse Denken so häufig tyrannisiert, rührt einfach daher, daß es viele strenge Mütter gibt, die darum noch keineswegs auch geschlechtlich den Mann beherrschen. Sehr treffend bemerkt ein solcher Patient, dessen Selbstbiographie K r a f f t-E b i n g^) mitteilt : , , Soof t ich zu weiblichen Wesen in nähere Beziehungen getreten bin, habe ich den Willen des AVeibes dem meinigen unterworfen gefühlt, nie um- gekehrt. Ein Weib, das Herrsoherlust innerhalb der geschlechtlichen Beziehungen manifestiert, habe ich niemals begegnet. Frauen, die im Hause regieren wollen, und sogenanntes Pantoffelheldentum sind etwas von meiner erotischen Vorstellungen ganz Verschiedenes."

Durch die Zurückführung auf die Erlebnisse des Säuglings und ganz kleinen Kindes erledigt sich noch ein anderer Irrtum, den ins- besondere Krafft-Ebing propagierte. Der genannte Forscher hat zumal bei Erklärung des Masochismus, aber auch des Sadimsus nicht die Lust am Zufügen oder Erdulden des Schmerzes, sondern an der Unterwerfung und Demütigung in den Vordergrund gestellt. Abweichend hiervon markierte S c h r e n c k-N o t z i n g den organischen Faktor, indem er statt Sadismus und Masochismus die Bezeichnung einführte: aktive und passive Algolagnie, zu deutsch Schmerzgeilheit. Dieser neue Name hat durchgegriffen und sich heute wohl allgemeines Bürger- recht erobert. Dagegen kehrte sich nun Krafft-Ebing in scharfen Worten: „Aus diesen Fällen von ideellem Masochismus wird vollkommen


  • ) ,,Psychopatlüa sexualia", 7. Aufl., S. 95 f.


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klar, daß es den mit dieser Anomalie Behafteten durchaus nicht darauf ankommt, Schmerz zu erleiden, imd daß demnach die von Schrenck- Notzing und von Eulenburg versuchte Bezeichnung dieser Anomalie als „Algolagnie" nicht das Wesen, den seelischen Kern masochistischer Gefühls- und Vorstellungsweise trifft. Dieser ist das wollüstig betonte Bewußtsein, dem Willen einer andern Person unterworfen zu sein, imd die ideelle oder wirkliche Markierung einer Mißhandlung seitens einer solchen Person ist nur Mittel zum Zwecke der Erreichung eines solchen Gefühls^)."

Ich brauche wohl nicht erst auseinderzusetzen, daß ich mich auf Seite Schrenck-Notzings stelle. Vertrat ich doch immer, der organische Faktor sei die entscheidende Krankheitsursache, nicht, was so gerne schuldtragend gemacht wird, die psychische Umkleidung oder früheste Symptome der Perversion. Nie darf man die letzteren als das Primäre ansehen wollen, sondern höchstens als erste Er- scheinungsform der verstärkten Haut-, Schleimhaut- und Muskel- erotik^). Ich habe an dem Schrenck-Kotzingschen Terminus „Algo- lagnie", zu deutsch ,, Schmerz — Geilheit", bloß auszusetzen, daß er doch etwas zu eng gefaßt ist. Denn wie aus dem Beispiel des ideellen und symbolischen Sado-Masochismus deutlich hervorgeht, braucht es zum Schmerze überhaupt nicht zu kommen, es genügt mitunter auch schon die Anregtmg der Hauterotik, wie bei den Sadisten, die ihre Opfer einölen oder einseifen, ja gelegentlich das Vfort, wie bei der Lust am Schimpfen und Beschimpft werden, wo höchstens von einem psychischen Schmerze die Rede sein könnte.

Ich kann auch die weitere Behauptung Krafft-Ebings nicht akzeptieren, daß Unterwerfung oder gar Demütigung im Grunde begehrt wird. Es wäre auch gar nicht einzusehen, warum ein sonst vernünftiger Mensch durchaus Erniedrigung anstreben sollte. Nach meiner psychoanalytischen Erfahrung handelt es sich auch keineswegs darum, sondern stets nur um ein Wiedererleben all jener Dinge, die der Perverse wegen seiner Haut- und Muskelerotik als Kmd mit solcher Lust empfand. Was jetzt beim Erwachsenen den Anschein von De- mütigung, Unterwerfung und Erniedrigung weckt, hatte für den Säug- ling ganz andere Bedeutung. Es war der Ausdruck seiner Hüflosigkeit und der großen Lust, die er dabei durch das hebevolle Tun der Mutter

1) ,,PäyGhopathia sexualis", 13. Aufl., 8. 123.

2) Was an den Krafft - Ebiagschen Anschauungen psychisch und von der Gratisamköitskomponente her richtig ist, wird später zur Erörterung kommen.


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empfand. Weil dieses Tun, die Pflege wie das Spiel, nur an seinem Körperchen stattfinden konnte, durch wollüstige Erregung seiner Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik, dnun kam es dann eben bei Disponierten zum Sado-Masochismus. Ist es doch bezeichnend, daß selbst, was als tiefste, erniedrigende Demütigung imponieren könnte, wie etwa die Uro- und Koprolagnie oder Küsse ad nates, wenn nicht gar ad anum, im Leben des Säuglings ganz ausgesprochene Liebesakte vorstellen ohne auch nur den allermindesten Beischmack von Unter- werfung oder arger Demütigung. Also nicht eine Knechtung oder gar Erniedrigimg heischt der Masochist, sondern einzig nur Liebe, jene heißeste Liebe, die er je erfuhr in seinen genußreichen Säuglingstagen ! Sehr schön sagt Ellis (1. c. S. 163): „Der Masochist wünscht Schmerz zu erfahren, doch er soll ihm in Liebe zugefügt werden; der Sadist wünscht Schmerz zuzufügen, aber in manchen, wenn nicht in allen Fällen, wünscht er, daß jener als Liebe gefühlt werde.

Nun noch ein Wort von den entfernteren psychischen Beziehungen des sado-masochistischen Komplexes, Zwar reichen sie an Bedeut- samkeit bei weitem nicht an die Erlebnisse der Säuglings- und Kinder- zeit oder vollends gar die organischen Grundlagen der Perversion, doch besitzen sie immerhin einen gewissen sekimdären Wert und werden vor allem von den Kranken selber als vermeintliche Wurzel ihrer Abirrung gern ins Treffen geführt. Sadisten z. B., die andere binden oder wenigstens davon phantasieren, Masochisten, die heißes Ver- langen treibt, sich von einem Weibe fesseln zu lassen, leiten dies ganz regelmäßig von dem Sichzuschuüren der Mutter beim Korsettanlegen und dann noch früher von ihrem eigenen Eingewickelt- und Zugebunden- werden als Säugling her^). Wieder andere Beziehungen bieten ihnen fest einschnürende Handschuhe, lun den Gürtel recht eng zusammen- gezogene Frauenröcke oder gar Strumpfbänder, femer die Gewohnheit so mancher Mütter, ihre Kinder auf dem Topfe festzuhalten, indem sie sie bei beiden Handgelenken packen, oder endhch die zärtUche Um- schlingtmg der Mutter, die das Kind aus Leibeskräften versuchte, sodaß jene sich vermeintlich nicht wehren konnte. Eine reiche Auswahl dieser und anderer Möglichkeiten gewährt Fall 1 der nachfolgenden Kasuistik,


^) Man könnte einwenden, daß es sich bei diesen und anderen Beziehungen doch auch um Physisches und nicht Psychisches handle. Dem gegenüber muß man festhalten, daß nicht das Körperliche Hauptsache ist, vielmehr die Vor- stellung der Zärtlichkeit oder auch die Identifikation mit geliebten Personen.


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Auch das Schlagen gibt manche psychische Beziehungen. Zu beachten ist vorerst, daß Tätscheln mid leichtes Schlagen aufs Gesäß die am häufigsten geübte Zärtlichkeit der Eltern darstellt, welche dann beim Kinde die hochbedeutsame Gesäßerotik weckt. Im Grunde sind ja Prügel nichts anderes als eine quantitative Verstärkung jenes zärt- lichen Tätscheins. Bei manchen Kindern wirkt feiner mit, daß sie nach applizierten Schlägen, wenn sie gebührend um Verzeihung gebeten, doppelte Liebkosung von unvernünftigen Eltern erhalten. Wo solche günstige Bedingungen vorhanden, provoziert ein Kind nicht selten direkt durch Unarten Prügel. Mütterliche Zärtlichkeit schlägt oder tätschelt weiter noch gern auf die prallen Schenkel, vras viele dann später vermeintlich spontan an sich selber wiederholen. Die Lust am Prügeln und Geprügeltwerden wird oft verstärkt durch die Lektüre schlechter Märchen, in denen es von geschlagenen Kindern nur so wimmelt. Wie einer m,einer Kranken sich ausdrückte, sind schlechte Märchen die Kolportageromane der Kleinen. Eine weitere Beziehung gibt endlich noch das mitunter geduldete Zurückschlagen der Kinder in Scherz und Ernst. Bedenkt man, daß die sadistische Koitustheorie als Geschlechtsverkehr annimmt, die Mutter werde vom Vater ge- liauen, so wird man auch hier die sexuelle Absicht des Kindes durch- schauen. Am höchsten steigt die Lust, wenn die Großen sich anstellen, als täten ihnen die Schläge weh, und vielleicht noch hinterdrein mit Kuß oder anderer Zärtlichkeit lohnen. Sadistische Eltern pflegen wohl auch — ich kenne mehrere solcher Fälle — ihre Kinder ,,aus Liebe" in den — Bauch, die Wange oder Fingerchen zu beißen, was von den Sprößlingen stets mit Behagen und sichtlichem Lust- gefühl aufgenommen wird.

Wann eher Sadismus, wann eher Masochism.us zur Entfaltung kommt, hängt vermutlich von besonderen organischen Vorbedingungen ab und vielleicht auch noch von psychischen Momenten, von denen ich insgesamt nur wenig weiß. So fand ich die aktive Algolagnie oft in der Nachkommenschaft von Potatoren und Epileptikern (und natürlich auch Sadisten), bei denen die motorische Erregbarkeit ja besonders gesteigert ist und leicht zu großen Exzessen führt. Ein Nationalzug der Engländer, ihre Brutalität, wird von Iwan Bloch mit ihrer ganz besonderen Vorliebe für Flagellation in Beziehung gebracht. Für ererbte organische Disposition zur Algolagnie spricht ferner das häufige familiäre Auftreten, d. h. wo ein Sadist in der lui- }nilie ist, sind gewöhnhch noch mehrere Geschwister und Verwandt*^

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Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. V.


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mit dieser Perversion behaftet. Als psychischer Faktor dürfte oft über- fttrenge Erziehung bei Disponierten zum Masochismus, nachgiebige, alles gewährende Verziehung zum Sadismus führen. Im Hinblick auf die Säuglings- und Kindererlebnisse kann man im allgemeinen sagen, daß der Sadist gewöhnlich die Rolle seiner Mutter spielt, der Ma- sochist aber die des Kindes, wenn dies auch nicht ohne Ausnahme zutrifft. Erwägt man, daß auch im normalen Liebesleben der Mann in der Regel unbewußt die Rolle der Mutter mimt,^) das Weib hin- gegen jene des Kindes, so scheint auch von diesem Standpunkte aus der Sadismus als Steigerung der spezifisch männlichen Werbe- aggression, sein Widerpart als solche der weiblichen Schwäche gut zu vertreten.

Interessant sind femer die Verdrängungserscheinungen. Im Alltagsleben bringt die Verdrängung des Sadismus unter anderem zustande, daß jemand nicht mehr traurige Geschichten zu lesen vermag, einen Roman entweder abbrechen muß oder höchstens mühsam fertig bringt, sobald er eine unglückliche Wendung nimmt, oder in den Zei- timgen sämtliche N*achrichten. überschlägt, die von Raub und Mord und Unglücksfällen handehi. Ich kenne Ärzte, die in wahnsinnige Er- regung kommen, wenn sie Arterien spritzen sehen, andere wieder, die Blut zwar schauen, doch davon nimmer reden hören können. Nicht v/enige Leute gehen jeder traurigen Sache aus dem Wege, ja, flüchten direkt oder verschKeßen die Augen, wenn derartiges ihnen über den Weg läuft. Ein klassisches Beispiel hiefür ist Goethe, der diesen Zug von seiner Mutter erbte. Schreckte doch die Frau Rat, die bekannte ,,FrohnatuT'*, vor Traurigem und Leidigem derart zurück, daß sie dies nicht einmal anhören mochte. Den Dienstleuten war es streng untersagt, ihr Unangenehmes je zu vermelden, und selbst von der Krankheit des gehebten Sohnes erfuhr sie erst dann, als jede Gefahr abgewendet worden. Ganz ähnlich verhielt sich der Dichter selber. Vom Sterben geliebter Personen, z. B. Schillers, durfte man dem Geheimrate nie- mals erzählen und, als er selber einmal erkrankte, seines leidenden Zustands ja nicht gedenken. Selbst Abschied zu nehmen, wenn er verreiste, war ihm so peinlich, das er dies nach Möglichkeit unterließ. Er, der schon im zarten Kindesalter das ganze Tongeschirr seiner Eltern zerschlug — eine unverkennbar sadistische Handlung — dann bis weit hinein in die Weimarer Jahre ein tolles und wüstes Leben ge-

^) Vgl. hierzu ,,Die Onanie**, ll Beiträge zu einer Diskussion der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, Wiesbaden, 1912, S. 24 ff.


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führt hatte, legte sich endlich in späteren Jahren nach Unterdrückung seines Sadismus eine majestätische Jupiterrolle zurecht. Freihch vermochte diese nicht zu hindernj daß selbst dem Sechziger die Er- mahnung fast zur Gewohnheit wurde: ,,Ru-hig, ruhig! Nur Ruhe!" die er anderen zurief, oft wenn sie noch oder schon ruhig waren. „Sie schien zugleich eine laut gewordene innerliche Selbstaufforderung zu gelassenem und besonnenem Verfahren zu sein, wie ein Zeitgenosse meldet. Die Unterdrückung sadistischer Regujigen vermag nicht selten bereits in der Kindheit Symptome zu setzen. So kann die Verdrängxmg der Lust am Schlagen dazu führen, daß ein Kind absolut keine Schläge verträgt, bei sich so wenig als bei anderen, weil es da stets in ganz un- glaubliche Aufregung fällt.

Ich kann diesen allgemeinen Teil nicht schließen, ohne auf die Zusammenhänge einzugehen von Erotik imd Grausamkeit. Die letztere scheint als Erbteil unsrer Vorfahren direkt ein Teil der Ichtriebe zu sein. Macht auszuüben, ist ja einer unserer ursprünglichsten Impulse und schon imsere prähistorischen Vorfahren, wie die unzivilisierten Völker der Jetztzeit, haben sich an Martern unterworfener Feinde geweidet und vergnügt. Das scheint nun mit der Sexualität so gut wie keinen Zusammenhang zu haben. Doch ebenso wie Freud eine tiefere Verbindung von Nahrungstrieb und Erotik nachweisen konnte, so deckt auch die Prüfung der Grausamkeitsregungen mindestens frühe Zusammenhänge auf mit der Sexualität. Betrachten wir einmal das Gebaren der Kinder. Wie kommt es denn eigentlich, daß diese jetzt grausam und gleich darauf wieder zärtlich sind? Eins muß man natürUch von vornherein ausschalten. Es gibt ehie Menge von scheinbaren Grau- samkeiten der Kleinen, die es in Wirklichkeit gar nicht sind, sondern daher rühren, daß jene die Tragweite ihrer Handlungen noch nicht begreifen. Allein selbst wenn wir von solchen absehen, erübrigt noch eine Fülle von Taten, die offenkundig grausam sind und als solche von den Kindern auch verstanden werden. Aus selbstbiographischen Mitteilungen der Dichter^) und den Analysen unsrer Neurotiker wissen wir z. B., daß unter den Knaben ganz fürchterliche Quäler sind, die es an Lust zu martern und zu peinigen mit einem Inquisitor aufnehmen könnten. So erzählte ein Kranker mit traumatischer Hysterie mir in der Analyse, wie er als etwa zehnjähriger Junge von einem um drei Jahre älteren Knaben, nota bene dem Primus seiner Klasse, psychisch

^) Vgl. hierzu die autobiographische Erzählung ,,Joggoli'* von C. H. Heer,

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wie physisch gepeinigt wurde. Wie dieser ihn vorerst zur Leerung seiner Sparbüchse hinter dem Rücken seiner Mutter beredete, dann mit der Drohung, alles zu verraten, noch zwingen wollte, die Mutter zu bestehlen. Als dieses Ansinnen zurückgewiesen wurde, begann er dem Jüngeren nicht bloß mit der Aussicht zuzusetzen, er werde seine Tat in Stadt und Gymnasium herumerzählen und ihn so unheilbar kom- promittieren, sondern ihn Abend für Abend trotz aller Bitten fürchterlich zu verhauen, am Kopfe zu reißen, zu knuffen imd zu stoßen. Trotzdem nun der Knabe durch ein offenes Bekenntnis sich sofort hätte helfen können, sein Vergehen auch keineswegs gar so schlimm war, ließ er sich doch täglich quälen und martern, und zwar durch viele Wochen hindurch. Solche imd ähnhche Berichte wecken den starken Verdacht, daß Grausamkeit nicht die einzige Triebfeder solcher Taten ist, sondern wie z. B. in imserem Falle die beiden Knaben noch einen besonderen Lustgewinn zogen sowohl aus dem Zufügen als dem Erleiden all jener Martern. Eine Ansicht, die noch dadurch mächtig an Boden gewinnt, daß nach den Ergebnissen der Analyse der Jüngere in den Peiniger fraglos verliebt war. Mich will bedünken: ein jeder Sadist, welcher quälen will, findet einen Masochisten, der mit imzweifelhaft großem Genüsse sich quälen läßt.

Sehr früh, bereits in den Säuglingsmonaten, sind Anastomosen der. Grausamkeitsimpulse mit gewissen Komponenten des Geschlechts- triebs nachweisbar. Ich erinnere an das eingangs gegebene Beispiel des kleinen Scupin. Schon am zweiten Tage seines jungen Lebens kratzt er die Großmutter derart heftig, daß diese aufschreit. Doch verhielt sich der Knabe damals noch anscheinend indifferent. Allein aus seinem neunten Monate notiert die Mutter, daß, wenn er jetzt den Eltern das Gesicht zerkratzt, ,,oft ein wahrhaft grausames Leuchten" in seine Augen kommt, und wenn er Mutter in den Finger beißt, so geschieht dies ,,mit geradezu diabolischer Gier". Wir kennen diese und ähnliche Zeichen von späteren Äußerungen ganz im verkenn- barer Erotik als direkt sexuell. Nur darf man bei dem kleinen Kinde nicht gleich an Genitalerotik denken, vielmehr an die dem Säuglinge mehr gemäße der Haut, der Mundschleimhaut und Muskulatur. ,,Die Beobachtung lehrt", wie Freud in seinen ,,Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" ausführt (2. Aufl., S. 51), „daß zwischen der Sexualent- wicklung imd der Entwicklimg des Grausamkeitstriebes Beeinflussungen bestehen, welche die behauptete Unabhängigkeit der beiden Triebe wieder einschränken. Kinder, die sich durch besondere Grausamkeit


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gegen Tiere und Gespielen auszeichnen, erwecken gewöhnlich mit Eecht den Verdacht auf intensive und vorzeitige Sexualbetätigung von erogenen Zonen her und bei gleichartiger Frühreife aller sexuellen Triebe scheint die erogene Sexualbetätigung doch die primäre zu sein. Der Wegfall der Mitleidsschranke bringt die Gefahr mit sich, daß diese in der Kindheit erfolgte Verknüpfung der grausamen mit den erogenen Trieben sich späterhin im Leben als unlösbar erweise".

Es fragt sich jetzt nur: Woher rührt der Wegfall der Mitleids- Schranke? Ich glaube, das läßt sich nach meiner Annahme von den organischen Grundlagen der Algolagnie recht gut erklären. Die Er- richtimg einer wirklich tragfähigen Mitleidsschranke setzt nämlich tatsächliches Mitleiden voraus. Ein Kind jedoch, dem eine erhöhte Haut-, Schleimhaut- und Muskelcrotik eigen, empfindet bei sonst schon schmerzhafter Reizung jener Partien nicht Leid, sondern Lust, oder richtiger um so viel mehr Vergnügen, daß es den Schmerz fast nicht mehr spürt. Drum fühlt es dann auch bei Grausamkeitsübungen wider andere weniger Mitleid als wirklich Mitlust. Es will auch ursprünglich nicht Grausamkeit üben, das wird nur fälschlich derart gedeutet. Sein Vornehmen geht auf Schmerzzufügung, und zwar jenes Schmerzes, den es vorher selber als Lust kennen lernte. Dies Empfinden setzt es darum dann auch beim Opfer voraus. Mir scheint der Ausspruch von Ellis zutreffend: ,, Schmerz und nicht Grausamkeit ist der wesentliche Faktor im Masochismus und Sadismus." Man be- greift jetzt leicht, ein Kind, das bei Grausamkeit nicht mitleiden kann, entwickelt auch schwer eine Mitleidsschranke und diese wird niemals tragfähig sein.

Hier dünkt mich der Ort, einem Einwände zu begegnen, der leicht sich aufzudrängen vermöchte. Wenn auch beim Sadisten er- höhte Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik bestehen und er die Fähigkeit haben muß, aus Schmerzen Lustempfindungen zu ziehen, dann sieht es aus, als wüchse der Sadismus stets auf dem Boden des Masochismus, als wäre demnach der letztere das Primäre. Diese An- sicht, der keineswegs beizupflichten ist, birgt tatsächlich einen kleinen richtigen Kern, d. h. ein jeder aktiv Algolagne muß mindestens einmal die Fähigkeit gehabt haben, ja, vielleicht sogar noch heute besitzen, auch passiv algolagnisch zu fühlen. Dies stimmt nun ausgezeichnet zur Brfahrimg, daß es keinen reinen Sadismus gibt, sondern daß er immer irgendeinmal und irgendwann mit Symptomen des Masochismus versetzt war. Da ich für beide die nämliche organische Grimdlage


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annahm, ist diese Beobachtung keineswegs befremdend. Nur darf man nicht sagen, der Sadismus fuße auf dem Masochismus, schon darum nicht, weil der erstere zu seinem Zustandekommen noch einen weiteren Zufluß braucht von der Grausamkeit her, also einem Komplex, der zum geringen Teil auch sexuell ist, vornehmlich jedoch ein Ausdruck des Ich-Triebs. Erst wenn zu jenem gemeinsamen Kerne noch die Lust an der Grausamkeit hinzukommt, die mehr den Ich- Trieben zuzu- rechnen, entsteht die aktive Algolagnie. Die Grausamkeit allein ist aber wiederum nicht Sadismus, ihr fehlt die ausgesprochen sexuelle Grundlage. Nur mündet bei der nahen Verwandtschaft und den früh- zeitigen Anastomosen zwischen Grausamkeit und Sexualität nicht selten beides in ein Strombett zusammen. Noch mehr, es scheint, daß Grausamkeit oft lange zu schlummern vermag, bis sie von der früher entwickelten Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik her zum Leben geweckt wird und dann aus der Vereinigung beider Quellflüsse die schweren Formen des Sadismus entstehen. Dvnm wiederhole ich, was ich oben schon sagte: Zu Anfang wenigstens will der Sadist noch keines- wegs Grausamkeiten begehen, vielmehr nur dem andern jenen Schmerz zufügen, der ihm selber noch lustvoll. Sekundär kommt dann in schwe- reren Fällen Grausamkeit hinzu, welche ihrerseits erst die ärgsten sadistischen Akte inszeniert. Diese können dann durch ihre Ungeheuer- lichkeit leicht derart blenden, daß man vor ihnen den Kern nicht mehr sieht, die enorm erhöhte Haut-, Schleimhaut- und Muskel- sexualität.

Ich führte femer oben schon aus, daß auch der peinlichste und schmerzlichste Affekt, der nur stark genug ist, sexuelle Lust im Ge- folge hat oder haben kann. Es vermögen z. B, selbst Leichenbe- gängnisse imd Unglücksfälle, der Anblick von Hinrichtungen oder Martern dem Zuschauer hohen Lustgewinn zu bringen. Von dieser passiv genossenen Lust bis zu ihrer geflissentlichen Herbeiführung in Martern, Verletzen, ja, vielleicht selbst Morden ist bei Disponierten nur mehr ein Schritt, der um so leichter gegangen wird, je anästhetischer und schwerer sexuell erregbar sie sind. Es dürfte wohl kaum einem Zufalle anzukerben sein, daß Frauen mit ihrer relativ unempfindlichen Vulva um, so viel grausamer als Männer sind. Gerade daß ihre Sexu- alität nur durch mächtige Reizung geweckt werden kann, macht für manche die Grausamkeit zum Bedürfnisse, weil sie erst die richtige Lust ermöglicht. Man vergesse auch nie das Physiologische und die mählige Entwicklung zur Grausamkeit. Die Megäre, die Furie tritt


über den sado-masochistischen Komplex. loo

nicht sofort als solche in Erscheinung, sie muß zuvor an sich selber erlebt und erfahren haben, daß nur grausame Schmerzen ihr ein volles sexuelles Ausleben ermöglichen. Sie hat dann vielleicht erst an geliebten Personen geprobt, um auch diesen die gleiche Wollust zu schenken, ward dann z. B. durch ein masochistisches Entgegen- kommen immer niehr gesteigert, bis endlich das Verlangen nach mög- lichster Grausamkeit, fortwährend gespeist von den Ich-Trieben her, selbständig wurde, unabhängig vom Objekte und nur mehr der eigenen Wollust dienend. Auch bei männlichen Bestien in Menschengestalt ist die mählige Entwicklung zur äußersten Grausamkeit wohl zu beachten. Auch das Monströseste, scheinbar Unfaßlichste ist gut zu verstehen, so man zunächst und in erster Linie die besondere or- ganische Disposition, des weiteren dann die beständige Steigerung durch sexuellen Reizhunger in Anschlag bringt.


II. Spezieller Teil.

Die verschiedenen Einzelformen unserer Perversion von einander zu sondern — in praxi freilich sind sie vielfach kombiniert — gehcii wir am besten von den erogenen Zonen aus. Da läßt sich im allgemeint n sagen: je früher entwickelt mid stärker erogen die Ausgangspartie, desto häufiger die entsprechende Algolagnie. Da sich die Kinder- sexualität weniger als genitale äiißert, vielmehr hauptsächlich die Haut, die Schleimhaut des Mundes, ani et urethrae, sowie endlich die Muskulatur betrifft, so müssen auch die sado-masochis tischen Formen an diese anknüpfen, nicht an die eigentlichen Geschlechts- organe. Drum ist in der Eegel dem Algolagnisten der Koitus Neben- sache, er wird nicht begehrt oder höchstens am Schlüsse noch angefügt, ist oft alles eher denn lustvoll betont.

Die bedeutsamste erogene Zone für das Xeugeborene, welche sich auch von vornherein am stärksten betätigt, ist die Schleimhaut des Mundes, ihre wic^htigste Tätigkeit im Vereine mit der zugehörigeix Muskulatur das Saugen und Beißen. Das erstere spielt in der Perversion nur eine untergeordnete Rolle, führt höchstens zum masochistischen Gelüste, an den Zehen geliebter Personen zu saugen, durchsichtig Wiederholung der autoerotischen Säuglingsgewohnheit, den eigenen Fuß in den Mimd zu stecken, bisweilen auch einer Zärtlichkeit der Mutter, die die Zehen ihres Kindes zwischen die Lippen nimmt. Viel


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bedeutsamer ist die Lust am Beißen. Hier ist die Erogenität der Kiefer^) oft konstitutionell derart verstärkt, daß manche Mutter — und keines- wegs solche mit irgendwie ungenügender Milch — präzise erklären, ihre Kinder hätten a limine so stark und schmerzhaft gesaugt, daß sie Schrunden an den Brustwarzen bekamen, aus denen dann Blut floß. Nebenbei bemerkt, kann dies die allererste Manifestaiton eines spätem Blutsadismus oder -masochismus werden. Das Beißen ad coitum wird in der antiken wie modernen Literatur, der östhchen und westlichen häufig behandelt^) und ist, speziell bei Frauen und Mädchen der Naturvölker ebenso wie der zivilisierten, dermaßen im Schwange, daß sie Havelock-Ellis beim weiblichen Geschlechte direkt als eine normale Manifestation des Geschlechtstriebs ansieht. Eines steht über jedem Zweifel, daß nirgends der Übergang zum Physiologischen so fließend ist wie gerade beim Morsus Veneris. Immerhin sind stärkere Grade sicher pathologisch, auch schon bei Frauen. Den Zusammenhang mit der Munderotik beweist auch der Umstand, daß die nämlichea Personen auch gerne Dinge zwischen die Zähne nehmen, an welchen sie nagen und die Kraft ihrer Kiefer üben können, z. B. einen Gras- halm, ein Stückchen Holz, einen halbharten Radiergummi und ähnliche Sachen. Andere wieder zerbeißen alle Bleistifte und Federstiele, Mund- stücke von Pfeifen oder Zigarren, ja selbst Trinkgläser, „rein nur zum Spaß". Ein Sadist erklärte mir geradezu: ,,\Venn mir recht wohl war, habe ich immer etwas beißen müssen."

Hier fügt sich passend der Blutsadismus und -masochismus an, der vielfach, wenn auch keinewegs ausschließlich, mit dem Beißen zusammenhängt sowie dem Schlagen. So schreibt Alonzi von den sizilianischen Bäuerinnen (zit. nach Havelock-Ellis, 1. c. S. 89 f.): ,,Die Frauen aus dem Volke, besonders in den Gegenden, wo blutige Verbrechen häufig sind, äußern ihre Liebe zu ihren Kleinen dadurch, daß sie sie an Hals und Armen solange küssen und saugen, bis die Kinder krampfhaft schreien. Alle Augenblicke hört man sie mit größter Zärtlichkeit sagen: ,Wie süß du bist! Ich möchte dich beißen, ich möchte dich über und über benagen*. Wenn ein Kind irgend ein kleines Vergehen begeht, begnügen sie sich nicht damit, es duroh Schläge zu strafen, sondern sie verfolgen das kleine Wesen auf die Straße hinaus

  • ) Ich spreche lüer abkürzend von ,, Erogenität der Kiefer", wie später

von einer solchen der Hakpartie. Gemeint ist natürlich die verstärkte Haut-, Seideimhaut- und Muskelerotik der Kinnlade wie des Kollum.

-) Vgl. hierzu H. Ellis, 1. c., S. 87 ff.


über den sado-masochistischen Komplex. 185

und beißen es ins Gresicht, in Ohren und Arme, bis Blut fließt. In solchen Augenblicken sieht selbst die schönste Frau entsetzlich aus: die Züge sind verzerrt, konvulsivisch zuckend, die Augen mit Blut unterlaufen, die Zähne knirschen. — Die Drohung ,Ich werde dein Blut trinken!' ist bei sizilianischen Männern und Weibern etwas sehr Häufiges. Ein Augenzeuge berichtet von einem Manne, der einen andern im Streit erschlagen hatte und von der Hand das warme Blut des Toten ableckte."

Wie man aus dieser Schilderung ersieht, ist der Blutsadismus zum mindesten bei sizilianischen Bäuerinnen eigentlich Höhepunkt ihrer Beißlust. Sie beißen solange und intensiv, bis schließlich auch Blut kommt. Nicht allzuselten beißt auch anderwärts die sadistische Frau dem Konsors in hoher sexueller Erregung die Lippen blutig.^) Eine weitere organisch-konstitutionelle Bedingung werden wir später keuneii lernen. Hingegen sieht das Trinken von Blut wie ein atavistischer Rückschlag aus^ wie ein Zug, den unsere prähistorischen Ahnen und heute noch unzivilisierte Völker recht gerne üben. Auch die hohe Er- regung, die jetzt noch zahlreiche Menschen befällt, ^wenn sie Blut fließen sehen, scheint phylogenetisch zu erklären. Ist doch Blut ,,da3 Leben, wie in der Bibel zu lesen, und wer das Blut seines Feindes getrunken, hat dessen Lebenskraft in sich aufgenommen. Daß ge- legentlich auch andere abergläubische Vorstellungen, wie z. B. von der kosmetischen, verjüngenden Wirkung der Blutbäder auf die Haut mitspielen können, ist wohl nicht zu bezweifeln.

Trotzdem kann weder diese noch eine andere Vorstellung die letzte Ursache der Blutlust sein. Hauptsache und Kern, um den sich erst alles Weitere gruppiert, muß fraglos auch hier ein Organisches darstellen, die konstitutionell verstärkte Anlage. Beim Blutsadismus und -masochismus wird primär das Überströmtwerden der eigenen


^) Die vermutlich regelmäßige Kombination von Blut- und Beißlust ist auch bei der Blutgräfin. Elisabeth Bathory sowie der Patientin, die ich in Fall 3 der Kasuistik beächreiben werde, prompt nachzuweisen. Von der ersteren geht aus dea amtlichen Verhörsprotokollen (vgl. R. A. v. Eisberg, ,,Die Blutgräfin", Breslau, 1894, S. Schottländer, S. 187 f.) hervor, daß sie mit einer Magd das Nämliche tat, wie Penthesileamit der Leiche des Achill. Wie ihre Helfershelferinnen Helene Jö und Dorothea Szentes bezeugen, ließ sie eine solche an ihr Bett, wo sie krank war, lie:'anzerren, worauf dem Mädchen Stücke Fleisch aus dem Ge- sichte und von den Schultern herausgebissen ^vurden'*. ,,Sie hieb auch mit Meisern auf die Midohea ein, schlug und marterte sie überhaupt auf mannigfache Weise."


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Haut oder auch der Schleimhäute lustvoll empfunden. Ob niui ein Patient als früheste sexuelle Äußerung den Drang vermeldet, aus seinem Finger Blut fließen zu sehen, ob andere durch Schlagen mit der Bürste auf den Handrücken Gleiches provozieren oder aber durch starkes Saugen am Zahnfleisch, ob eine Hysterika genitale Blutungen geflissentlich verstärkt durch forciertes Treten mit den Beinen, ob endlich in übertragener Weise Mädchenstecher und Lustmörder ihre Opfer an Bauch oder Natea verwunden, immer handelt es sich um eine besonders lustvoUo Erregung von Haut und Schleimhäuten durch möglichst reichlich fließendes Blut^). Wir kommen stets wieder auf die Haut- und Schleimhauterotik als Kern, um den sich dann leicht verschiedene Vorstellimgen und psychische Beziehungen herum- gruppieren.

Hat man erst einmal starkes Blutfließen an der eigenen Haut oder seinen Schleimhäuten liistvoU empfunden, wozu eben eine besondere konstitutionelle Eignung gehört, dann mangelt es an sekundären Bindungen des Organischen nie. Von diesen dünkt mich zumal die sadistische Koitustheoric der Kinder von großem Belang. Bekanntlich lautet sie, der Vater schlage beim Koitus die Mutter. Beim Blutsa- dist-en erweitert sie sich dahin — Beweis die menstruellen Blutflecke in der mütterlichen Wäsche — daß die Mutter blutig geschlagen oder gestochen werde, und zwar besorge, wie ich aus Träumen und Psycho- analysen von Algolagnisten weiß, der Vater dies letztere mit seinem Penis ad pudenda, am Gesäß oder gar ad anum^). Der Sadist wiederholt dann an seinem Opfer, was vermeintlich dereinst der Vater geübt an seinem Weibe. Es begreift sich jetzt leicht, daß Mädchenstecher mit besonderer Vorliebe in die nates oder Schamgegend stechen oder eben- daselbst mit einer Lanzette schneiden ; daß femer der Sade in der einzig


  • ) Sehr treffend meint EUis (1. c, Anmerkung zu S. 131): , »Höchst wahr-

scheinlich ist das Motiv der Lustmorde fast immer der Genuß am Blutvergießen, nicht die Absicht, den Tod herbeizuführen. Leppmann weist nach, daß diese Morde gev/öhnlich durch Verletzungen am Halse oder am Abdomen herbeigeführt werden, niemals durch Verletzungen am Kopfe." Auch hier wird der Mechanismus ursprünglich wohl der sein, daß der Mädchenstecher seine eigenen Gefühle in den andern projiziert, demnach voraussetzt, die Gestochene empfinde von der starken Blutung dieselbe Lust, wie er selbst in der Vorstellung und in der Erinnerung an Blutungen aus dem eigenen Körper.

2) Die Analtheorie erfolgt natürlich nur, wenn das Kind solche Blutungen aus dem Mastdarme schon erlebte, von intestinalen Entzündiingen her oder Hämorrhoiden.


über den sado-masochistiscben Komplex. 187

beglaubigten sadistisclien Af faire mit der Rosa Keller diese vorerst blutig peitschte, um sie mit einem Messer dann am ganzen Körper zu zerschneiden; und endlich, daß einer meiner Kranken noch die ganze Pubertät hindurch wähnte, die Mädchen kämen ohne Schamspalte auf die Welt, erst später erzeuge der Vater sie ihnen mit seinem Penis. Bezeichnend ist auch die Geschichte des ,. Messerstechers von Bozen" ^). Anfangs befriedigte sich dieser Unhold durch Sodomie und durch Mastur- bation an und später auch vor unschuldigen Mädchen. „Da sei nach und nach die Vorstellung in ihm Herr geworden , wie reizend es sein müsse, schöne junge Mädchen mit einem Messer in die Schamgegend zu stechen und sodann das Blut ablaufen zu sehen". Überflüssig zu sagen, daß das junge, hübsche Mädchen seine Mutter vorstellt, das Messer ursprünglich den Penis des Vaters, in der Folge natürlich seineu eignen. ,, Sowie er ein Mädchen gestochen, ihr Blut am Messer herunter- fließen sah, fühlte er, wie er sich ausdrückt, es wirklich so, als ob er sie gebraucht hätte." Ich will auch die Tatsache nicht ver- schweigen, daß bei einem von mir analysierten Kasus (siehe Fall 3 der Kasuistik) noch eine hämorrhagische Diathese bestand, es also sehr leicht zu Blutungen kam, was wieder eine organische Grundlage gab. Wenn diese Diathese sich öfter bei Blutlust nachweisen ließe, dann wäre auch diese konstitutionelle Wurzel natürlich von keinem geringen Belange. Daß endhch Frauen mit Blutmasochismus die Me- norrhagie eine ganz besondere Lust erzeugt und sie darum die physio- logische Blutung nach Tunlichkeit zu vergrößern trachten und auch zu verlängern, bedarf wohl nicht erst einer Hervorhebung.

Um wieder zu den anderen erogenen Zonen zurückzukehren, so spielt von der im Kindesalter so überaus bedeutsamen Analerotik bloß jenes Stück eine große Eolle in unserer Perversion — und zwar bei der aktiven und passiven Flagellation — das man passend als Gesäßerotik bezeichnen könnte. Sehen wir aber von den Nates ab, so ist die Erotik des Darmausganges und die exkrementelle beim Sado- Masochisten von einer untergeordneten Bedeutung und kommt überdies kaum je isoliert vor. Wir haben z. B. oben die Verbindung von Ko- prolagnie mit verschiedeneu anderen Formen besprochen. Einer meiner Kranken, dem auch andere masochistische Symptome nicht fehlten, klemmte mit sechs Jahren sich einen Stein in den Anus, mit welchem er trotz der Schmerzen herumging, in der Vorstellung, er müsse ihn


1) Demme, ,,Bucli der Veibrcchen", Bd. 11, S. 34S f.


188 J. Sadger.

tragen. Das sadistische Verlangen mancher Männer nach gewaltsamer Paedicatio ihrer Frauen, in anderen Fällen die masochistische Lust, den Pathikus zu spielen, hat den gleichen analerotischen Ursprung. Ein Patient Krafft-Ebings (Beob. 90 der 13. Aufl. seiner Psycho- pathia sexualis) pflegte sich nicht bloß mit Riemen, Ruten, Stöcken, ja sogar Brennesseln selber zu schlagen, sondern führte auch häufig Seife, Pfeffer, Paprika und auch kantige G-egenstände in den After ein. Am interessantesten ist folgender Fall, den ich beobachten konnte. Ein neimj ähriges Mädchen, das später ausgesprochene Sadistin wurde, spielt mit ihrer Schwester Schule. Dabei benehmen sich beide so ungebärdig als möglich und sind gegen die eingebildete Lehrerin so greulich schlimm und keck, daß ihnen von den Eltern verboten wird, weiter Schule zu spielen. Man dürfe gegen Lehrkräfte auch nicht im Spiel sich Frechheiten herausnehmen. Bezeichnenderweise wollte von den Mädchen keines die Lehrerin, jedes nur das entsetzlich unartige Kind darstellen und allen möglichen Unfug treiben. Später erfuhr ich, welche Strafen sich beide ausgesonnen hatten. Es drehte sich, freilich nur in der Phantasie, stets um Irrigationen mit Essig mid Pfeffer, damit es ja nur recht wehe tue. Auch spielten sie, daß bei dieser Irrigation das Rohr so und so lange drin bleiben müsse. ,, Da- durch tut es dann noch mehr weh. Nun kann m^an das Rohr auch automatisch zurückpressen und da spielten wir, das dürfe man nicht. Als besondere Frechheit dachten wir uns aus, daß wir trotz des strengen Verbotes das Rohr vorzeitig herausstießen, um dafür na- türlich neue Strafe zu ernten/'

Bedeutsamer ist für unsere Perversion die Urethralerotik, zu deren Symptomen ich auf das verweise, was ich anderen Ortes angeführt habe^). Nicht wenige Märtyrerphantasien von Masochisten gehen auf diese, zum geringeren Teil auch auf die Analerotik zurück sowie das Eingebimdenwerden als Säugling. Kommt es doch bei der Urethral- erotik überaus häufig zu schmerzhaft-lustvollen Sensationen in der Harnröhre, sei es spontan aus inneren Gründen oder infolge zurück- gehaltenen Urins oder durch vorzeitige Erektionen, Da nun Penis und Peitsche gleichgesetzt werden, so ist das schmerzhafte Marterwerkzeug das eigene Membrum des Masochisten. Ein prächtiges Beispiel von Urethralsadismus gibt uns Fall 2 der folgenden Kasuistik. Der Kranke dieses Falles erklärte geradezu, vom Koitus nur dann das höchste Vergnügen zu verspüren, wenn er vorher in Urethra einen heftigen

1) ,,Uber Urethralerotik", i. c.


über den sado-masochistiscben Komplex. 189

Schmerz empfunden hatte, dessen Lösung dann mit der Ejakulation erfolge. Nur wenn ihm beim Verkehre ins Bewußtsein trat, auch der Konsors empfinde während desselben jenen lustvollen Schmerz — später erweitert: einen physischen oder seelischen Schmerz — ver- mochte er zu vollem Genüsse zu kommen. Zwei weitere Beziehungen erwähnte ich schon oben: die Verbindung des Sado-Masochismus mit der Urolagnie und vor allem jene zur passiven Flagellation, die prak- tisch ganz besonders bedeutsam.

Für diese will ich das berühmteste Beispiel der Literatur, Jean Jacques Kousseau, ins Treffen führen. Mit 8 Jahren erlebte er ein Abenteuer, das ich mit den. Worten des Dichters wiedergebe^):' „Da Fräulein Lambercier uns mit der Liebe einer Mutter zugetan war, nahm sie auch deren Gewalt über uns in Anspruch und trieb dieselbe mit- unter so weit, daß sie uns auch, wenn wir es verdient hatten, wie eine Mutter ihr Kind, züchtigte. Ziemlich lange ließ sie es bei der Drohung bewenden und diese Androhung einer mir ganz neuen Strafe ver- setzte mich in großen Schrecken, aber nach ihrer Erduldung fand ich sie weniger schrecklich, als ich sie mir in der Erwartung vor- gestellt hatte, ja, was noch eigentümlicher ist, diese Züchtigung flößte mir noch größere Zuneigung zu der ein, die sie mir erteilt hatte. Es gehörte sogar die ganze Aufrichtigkeit dieser Zu- neigung imd meine natürliche Folgsamkeit dazu, um mich davon zurück- zuhalten, absichtlich eine Unart zu begehen, die in gleicher Weise hätte geahndet werden müssen. Denn der Schmerz und selbst die Scham war mit einem Gefühle von Sinnlichkeit ver- bunden gewesen, das in mir eher das Verlangen, es von derselben Hand von neuem erregt zu sehen, als die Furcht davor zurückgelassen hatte. Da dies ohne Zweifel von einer vorzeitigen Regung des Geschlechtstriebes herrührte, würde ich allerdings in der nämlichen Züchtigung von der Hand ihres Bruders nichts Angenehmes gefunden haben. . . Die Wiederholung der körperlichen Strafe, der ich, ohne sie zu fürchten, aus dem Wege ging, geschah ohne mein Ver- schulden und ich kann sagen, daß ich sie getrost imd nicht ohne einen geheimen Keiz über mich ergehen ließ. Aber dieses zweite Mal war auch das letzte, denn Fräulein Lambercier, die ohne Zweifel an irgend einem Zeichen gemerkt hatte, daß diese Züchtigung


1) „Rousseaus Bekenntnisse", Übersetzung von Denhardt, Leipzig, Philipp Reclam. *

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ihren Zweck nicht erfüllte, erklärte, daß sie mit einer solchen Bestrafung nichts mehr zu tun haben wollte, da dieselbe sie zu sehr ermüdete. Bis dahin hatten wir in ihrem Zimmer geschlafen und im Winter sogar hin und wieder in ihrem Bette. Zwei Tage später erhielten wir ein besonderes Schlafzimmer und ich genoß von mm an die Ehre, auf die ich gerne verzichtet hätte, von ihr als erwachsener Knabe behandelt zu werden".

Es ist wohl durchsichtig, was hier geschehen. Der Knabe bekam von der Züchtigung durch Fräulein Lambercier trotz seiner Jugend kräftige Erektionen, die wieder zusammenhängen mit seiner auch sonst gut nachweisbaren Urethralerotik. Als das Fräulein raerkte, was sie angerichtet, vermied sie nicht bloß weitere Schläge, sondern auch das Schlafzimmer mit ihm zu teilen. Eousseau aber fährt fort: ,,Wer sollte glauben, daß diese in einem Alter von acht Jahren von der Hand eines Mädchens von dreißig Jahren empfangene Züchtigung über meine Neigungen, meine Begierden, meine Leidenschaften, über mich selbst für meine ganze übrige Lebenszeit entschieden hat, und noch dazu in einer Weise, daß gerade das Gegenteil der von ihr erwarteten Folgen hervorgerufen wurde. Von dem Augenblicke des Erwachens meiner Sinnlichkeit an verwirrten sich meine Begierden dergestalt, daß sie, da sie sich auf das, was ich empfunden hatte, beschränkten, nie den Antrieb fühlten, etwas anderes zu suchen. Trotz meines fast von Geburt an sinnlich erhitzten Blutes hielt ich mich bis zu dem Alter, in dem sich auch die kältesten imd am langsamsten heranreifenden Naturen entwickeln, von jeder Befleckung rein. Lange gepeinigt, ohne zu wissen wovon, verschlang ich mit brennenden Augen schöne Mädchen- erscheinungen ; unaufhörlich stellte meine Einbildimgskraft mir ihr Bild wieder vor die Seele, einzig imd allein um sie mir in der Ausübung des Straf aktes zu zeigen und eben so viele Fräulein Lambercier aus ihnen zu machen." Das einzige, worin der Dichter in dieser klassischen Annahme irrt, wie eigentlich ähnhch sämtliche Masochisten, ist, daß er von jenen beiden Züchtigimgen alles herleitet. In Wahrheit aber handelte es sich da nicht um ersterlebte Lust, sondern sicherhch um ein Wiedererleben von längst Verdrängtem. Nur ist dieses leider nicht mehr zu eruieren oder höchstens zu vermuten, da imser Dichter selber bekennt: ,,Ich erinnere mich nicht, was ich bis zum Alter von 5 oder 6 Jahren tat.*'

Im Grunde kannten die frühkindlichen Beziehxmgen schon die älteren Autoren genau. So schreibt z. B. Giovanni Frusta (,,Der


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Flagellantismus und die Jesuitenbeichte", ISIG'^): „Den Flagellierten erfüllt ein mystisches, aus Sinnlichkeit und Phantasie zusammen- gesetztes Gefühl von Demütigung unter die Gewalt eines Stärkeren, von Zurück Versetzung seiner Persönlichkeit in das kind- liche Alter, sodann eine tiefe Scham und Freude zugleich über die zugefügte Mißhandlung." Man erkennt aus diesen Worten deutlich, daß man sich durch das Geprügeltwerden in die früheste Kindheit zurückversetzt fühlt in die Lust oder Freude, die man damals bei den Schlägen empfunden haben muß. Ähnliches erzählt auch Pisanus Fraxi von den Wünschen der Besucher englischer ,,Flagel- lationsbordelle". Die von ihren „Zöglingen" schriftlich eingesandten Wünsche waren oft sehr merkwürdig. Einige Männer wünschten, wie Kinder übers Knie gelegt zu werden, andere wollten auf dem Rücken einer Dienstmagd abgeprügelt^), noch andere wollten gefesselt werden. Bezeichnenderweise wünschte die Mehrheit der männlichen Flagel- lomanen nicht aktive, sondern passive Peitschung und, wieder charak- teristisch, ,,von der Hand eines schönen Weibes", also durchsichtig der Mutter. In der Analyse der Flagellanten berichten diese ganz regelmäßig, daß die Mutter oder erste Pflegeperson mit Lust und Freude zugehauen habe. Ob dies so allgemein wirklich zutrifft, stehe dahin, wohl aber wird es — und das ist entscheidend — von den Geißel- v,Kitigen vorausgesetzt und späterhin auch bei der passiven Flagellation verlangt. Dies bedingt dann die häufige schwere Enttäuschung solcher Masochisten, die bei der Puella eine Auspeitschung bestellen. Das bloß geschäftsmäßig geübte Durchhauen ohne Gemütsbeteiligung des aktiven Teiles weckt nie die Lustvorstellung der Kindheit. Erst wenn das Weib, wie in den englischen Flagellationsbordellen, aus eigener sinnlicher Freude am Geißeln dies wirklich mit Liebe und Freude besorgt, stellt sich die volle Zufriedenheit der Besucher ein. Auch daß so viele den Ausbruch ihrer Flagellomanie mit dem Anblick einer Züchtigung von Schulkameraden oder Spielgefährten durch dritte Personen in Verbindung bringen, weist deutlich auf die eigene Mutter hin, welche seine Geschwister einst ähnlich verprügelte. Dies kann bei disponierten Kindern um so leichter Lustgefühle wecken, als dadurch


  • ) Diese Angabe sowie die weiteren über englische Bordelle zitier^ nacli

Engen Dühren, ,,Das Geschlochtsleben in England", Berlin, 1903, Lilienthal, Bd. II.

2) Die in England früher gewöhnliche Form der Züchtigung von Schul- jungen. Vgl. Dühren, 1. c., S. 460.


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noch heimliche Eachewünsche wider die Geschwister zur Erfüllung kommen. Anderseits freilich versetzt sich der Zuschauer auch leicht in die Rolle des geschlagenen Geschwisters mit der Vorstellimg, dies empfinde von jener Züchtigung Lust.

Gesteigert wird das Vergnügen am Gegeißeltwerden noch durch zwei Umstände : Die Exbibitionslust, daß man sein Gresäß so gewisser- maßen zur Schau gestellt weiß, und zweitens durch das den Schlägen folgende Wärmegefühl, welches, um mit Erich Wulffen zu reden, „den ganzen Hintern wie in ein warm-weiches WoUfell einhüllt", und ein angenehmes Prickeln in den Nates, also durchwegs Gefühlen der Hauterotik. Sehr richtig sagt der genannte Autor in seinem „Sexual- verbrecher", was ich durch Analysen bestätigen kann; ,, Geschlagene Knaben wundem sich oft über das einer starken Züchtigung nach- folgende annehmliche Wärmegefühl in dem Gesäße und suchen manch- mal aus diesem Grunde zu neuen Züchtigimgen zu gelangen" (1. c. S. 320). Merzbach (,,Die krankhaften Erscheinungen des Geschlechts- sinns", Wien 1909) zitiert den Bericht eines dreizehnjährigen Knaben, der, einmal beim Masturbieren erwischt, von einer Erzieherin heftig verprügelt wird; ,,Es brannte hinten, wie wenn man auf Feuer säße, aber dabei stach es so wohlig, wollüstig auf, gerade die Schläge machten es besonders schön, nie war es so schön, wenn wir uns daran spielten, denn wir taten es doch wieder."

Am deutlichsten tritt die oben berührte Beziehung zur Mutter in der Autoflagellation zutage, wo man regelmäßig in einer Person das Kind und die prügelnde Mutter^) spielt. Bei dieser Selbstgeißeltmg werden gemeinhin bloß Rücken und Schultern, in anderen Fällen wieder nur die Schenkel von den Schlägen getroffen, während das eigentlich vermeinte Gesäß nicht gut zu erreichen. Daß die genannten Ersatzpartien wirklich bloß faute de mieux gewählt werden, erfahren wir nicht nur aus Psychoanalysen, sondern auch die Religionsgeschichte lehrt, daß die ,, obere DiszipUn" sehr rasch und konstant mit der „untern" vertauscht wird. Übrigens scheint es, daß bei Disponierten auch Schläge auf den Oberkörper die Urethralerotik anregen können und zu Erektionen, ja, Ejakulationen führen.

^) Recht selten nur den prügelnden Vater. Abgesehen davon, daß dieser zumeist erst in späteren Jahren und größeren Exekutionen wirkt, lehrt jede forensifjche Erfahrung, wie Wulffen betont (1. c, S. 325 fL), daß Kiiidermiß- handlungen in der ungeheuer überwiegenden Zahl von den leiblichen und den Stiefmüttern ausgehen.


über den sado-masochistischen Komplex. 193

Beim aktiven Geißeln steht natürlich, in allererster Linie die Gesäßerotik^)* Außerdem aber kommt noch eine Reihe von Momenten in Betracht, die wieder an die infantile Sexualität anknüpfen. So vor allem die Schaulust, die Erotik des Auges. Wir wissen, welch un- geheures Interesse die Kinder dem Hintern entgegenbringen, und daß sie oft imglaubliche Kxmststücke aufführen, um jenes AnbKckes bei Gleichaltrigen und Erwachsenen teilhaftig zu werden. Neben den einfach kallipygischen Reizen, für die selbst Ästhetiker, wie Schasler und Friedrich Theodor Vischer, eine Lanze brachen, werden dann auch die Hautveränderungen nach den Schlägen, Rötimg imd Wärme, Striemen oder gar Blutunterlaufimg mit höchstem Interesse beschaut und befühlt. Erwachsenen bereiten die koitusartigon Zuckungen der gegeißelten Muskeln oft hohen Genuß, auch werden bei Apparaten zu passiver Flagellation nicht selten Spiegel angebracht, damit der Ge- schlagene diese Veränderungen selber studiere. Daß auch hier Blut- fließen Gipfel der Lust ist, bedarf wohl nicht erst besonderer An- merkung. Ein psychisches Moment, welches regelmäßig wiederkehrt, ist die Gleichstellung mit Vater oder Mutter bei der Exekution. Wie verbreitet die Lust am Schlagen ist, schon in Erinnerung an das eigene lustvoUe Getätscheltwerden durch die Eltern, erhellt auch daraus, daß es wenige erwachsene Menschen gibt, die, wenn sie ausdrucks- volle, selbst bekleidete Hinterbacken erblicken, nicht mindestens ein leises Verlangen anwandelt, dorthin zu hauen.

Das aktive Prügeln führt endlich auch noch zu starker Betätigung der eigenen Muskellust, und zwar entweder bloß präparatorisch, als Vorbereitung zum eigenthchen Geschlechtsakt (Vorlust), oder, wie zumal bei Mädchen und Witwen, als Ersatz für eine fehlende Begattung. Friedrich S. Krauß erzählt in seiner Studie ,,Die Zeugung in Sitte, Brauch und Glauben der Südslawen'* {KQVTZxddia, Bd. VI) von einem chrowotischen Volksschullehrer, der „nur allzu häufig 5 bis 6 der seiner Zucht anvertrauten Knaben auf nacktem Leibe blutig zu hauen pflegte, um nach stundenlanger Abschindung der hilflosen Jungen schnur- stracks zu einer Dirne zu eilen. Er lachte vor Vergnügen bei dem Jammergeschrei der Knaben und seine blauen Augen funkelten dabei


1) Daß gerade die Gesäßerotik, d. h. jene sexuellen Partialtriebe, die sieb auf das Gesäß und seine Fortsetzung, die Oberschenkel, beziehen, im Mittelpunkt der aktiven und passiven Flagellation steht, führte ich anderen Ortes aus. Vgl. meine Studie „Über Gesäßerotik", Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse, Jahrgang 1, Heft 3.

Jahrbuch für psjchoanalyt. u. psyohopathol. Forschungen. V. 13


i'^4: j, Sadger.

vor AVollust. ]S*icht selten prügeln sadistische "Witwen ihre eigenen Kinder tägUch wegen deren angeblicher Masturbation, bekommen dabei auch objektiv Zeichen von starker sexueller Erregimg und stürzen, wenn es angeht, zum Schlüsse in die Umarmungen von Männern. Die Abschaffung der Prügelstrafe, zumindest in der Schule, sowie ihre möglichste Einschränkung im Hause ist auch vom Arzte gut zu vertreten. Nicht wenige Lehrer mögen im Anfange geprügelt haben ohne einen bewußt sexuellen Gedanken. Doch vergesse man nicht, daß etwas von jener Lust am Schlagen in jedem, auch dem Gesündesten schlummert seit frühester Kindheit und daß man da leicht ,,au£ den Geschmack kommt", zumal wenn eine konstitutionell verstärkte Erotik die Disposition setzt.

Zur Haut- und Muskelerotik direkt des Säugling-s führt jene Algolagnieform zurück, die im Verlangen gipfelt, ein Opfer zu binden oder sich selber fesseln zu lassen. Ich will zu dem, was ich im allgemeinen Teil ausführte, noch einiges ergänzen. Ich kenne einen Masochisten, der unter seinen wenigen sadistischen Zügen auch den offenbarte, er hätte einmal im 11. Jahr einen Schulkameraden, der ihm gefiel, am ganzen Körper über imd über mit Stricken gebunden. Der also (jefesselte fiel dann hin und tat sich weh, was dem Missetäter eine tüchtige Strafe von den Eltern zuzog. Es liegt auf der Hand, daß dieses Über-und-über-Binden nichts anderes bedeutet als das Ein- .schnüren des Säuglings in seine Windeln und der also Handelnde die Rolle seiner Mutter spielt. Weit häufiger wird, entsprechend den eigenen Erlebnissen als Säugling, das Gefesseltwerden von Masochisten begehrt. Erwähnenswert ist noch, daß durch das Einschnüi'en eines .Säuglings nicht selten dessen sexuelle Gelüste, z. B. Hingreifen ad genitalia sua oder ad mammas matris oder auch einfach nur Erektionen verhindert oder besänftigt werden. Wie jede Unterdrückung geschlecht- licher Betätigimg erhöht auch diese die entsprechende Lust.

Eine weitere Form des Sado-Masochismus, die von allen drei Quellen desselben gespeist wird, ist die aktive und passive Lust am Würgen und das Vergnügen am Gehängtwerden, wenn man nur recht- zeitig abgeschnitten wird. Ein Teil der organischen Vorbedingungen des letzteren ist längst bekannt, so die direkte Reizung jener Bahnen, die vom Gehirn zum spinalen Ejakulationszentrum führen, weshalb man z. B. bei Erhängten oft frisch ergossenes Sperma findet. Auch die Atmungsbehinderung kann direkt sexuelle Erregung setzen. Eulen- burg {„Sexuelle Neuropathie", Leipzig 1895) machte ferner auf-


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merksam, daß schon die einfache Suspension im Schwebeapparat, wie sie vor Jahren als ,, Hängemethode*' bei Tabes und Neurasthenie geübt ward, nicht selten als Aphrodisiakum wirkte. Das imitierten manche Lüstlinge künstlich, um sich eine ungewöhnliche sexuelle Emotion zu schaffen, wobei natürlich Vorsichtsmaßregeln getroffen werden müssen, um die Sache nicht weiter als nötig zu treiben. Ein auf Tatsachen fußendes literarisches Beispiel ist der Gutzkowsche Prokurator Dominikus Nück im j^Zauberer von Rom", ein ähnliches Roland im 4. Band der „Justine" de Sades. Auch Eliis erzählt, daß sich manche Besucher Pariser Bordelle vertikal an Stricken aufhängen lassen.

Schon in diesen Fällen wirkt neben den vorgenannten organischen Bedingungen noch ein anderes mit: die erhöhte Erotik der gesamten Halspartie, i. e. der Haut imd Muskulatur daselbst sowie der Schleim- hautbekleidung des Schlundes. Noch deutlicher tritt dies bei der Würglust hervor, die z. B. Fall 1 meiner Kasuistik zeigt. Doch wird die eben genannte Erotik schon des Säuglings mächtig dadurch gereizt, daß die Mutter, wenn sie in Eile ist, die Bändchen am Nachthemd bis zum Würgen zuzieht. Ihren klassischen Fall beschreibt eine Dame in einer Mitteilung an Havelock Ellis (1. c, S. 154 f.): ,, Viele solche (Würge-) Handlungen finden in mir in passivem Sinne ein Echo. So der Gedanke, von jemandem, den ich liebe, stranguliert zu werden. Dabei spielt sowohl die große Empfindlichkeit von Hals und Nacken eine Rolle wie das Verlieren des Atems. Als ich mich einmal von einem Manne trennen mußte, den ich sehr gern hatte, legte ich seine Hände an meinen Hals imd bat ihn, mich zu erwürgen. Das war ein Augenblick des Wahnsinns, der mir den Zustand Geisteskranker verständlich macht. Selbst jetzt, wo ich kühl und besonnen bin, fühle ich, daß, wenn ein Mann, den ich sehr liebte, mich würde töten wollen, besonders durch Erwürgung, ich keinen Versuch machen würde, mich zu retten, wenn auch die Natur im letzten Augen- blicke ohne meinen Willen eingreifen würde. Ich glaube, es ist mir nicht schwerer, mir den inneren Zustand eines Lustmörders vorzustellen, als den eines normalen Mannes, der Genuß bei einem Weibe sucht, das er nicht liebt." Bezeichnend ist auch, wie diese Dame aus ihrei* Fähigkeit, beim Erdulden einer Grausamkeit Lust zu empfinden, die Möglichkeit ableitet zu einem gleich lustvollen aktiven Tun. ,,Ich glaube", fährt die Korrespondentin fort, ,,wenn mir meine heutige Art zu fühlen bliebe und ich mich in einen imbezillen Mann verwandeln könnte — d. h., wenn ich so stark wäre wie ein Mann, aber nicht re-

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flektierte — würde ich auch in jener anscheinend grausamen Weise handeln wollen".

Zum Schlüsse blieben mir noch zwei Formen zu besprechen: der Wort- sowie der symbolische Sado-Masochismus. Der letztere, welcher etwa dazu führt, daß jemand statt des normalen Verkehrs sich damit begnügt, sein Mädchen einzuölen oder einzuseifen, ist aus der Hauterotik wohl gut verständlich, Schwieriger ist der erstgenannte Fall zu erklären, zumal ich derzeit über keinen analysierten Fall ver- füge. Es wäre nicht unmöglich, daß dieser rein psychische Sado- Masochismus auch einen rein psychischen Urspnmg hat. Der Liebens- würdigkeit von Professor Freud verdanke ich ein Analysenstück einer Wortmasochistin. Es handelte sich um eine Kranke, die bis zur Analyse außerordentlich stark an den Vater fixiert war. Ihre spezifische Liebes- bedingung lautete unter anderem, daß sie von einem Manne auf das ärgste, unflätigste beschimpft werden mußte. Es stellte sich heraus, daß dieses Schimpfen eine Eigentümlichkeit ihres rohen Vaters ge- wesen, der sie stets mit Virtuosität schon vor dem ganz kleinen Kinde geübt hatte. Der Liebhaber also, der diese Patientin nach Wunsch behandelte, stellte durch das Schimpfen ihren Vater vor. In den Psychoanalysen finden wir nicht selten Kranke, die den Zwangsimpuls haben, den Arzt auf das stärkste zu beschimpfen. Regelmäßig läßt sich erweisen, daß dies Wiederholung der Schimpfereien von Vater oder Mutter ist.

Das schönste Beispiel, welches ich kenne, hat uns ein Dichter aus seinem eigenen Leben beschert. In einer kleinen Studie ,,Um's Vaterwort" erzählt Peter Rosegger, daß in seinen Eänderjahren der Vater sich nur dann mit ihm abgegeben habe, wenn er schlimm gewesen. Dann stellte sich der Alte vor den Jungen hin und hielt ihm mit schallen- den, zornigen Worten seinen Fehler vor. Den Knaben aber, welcher mit niederhängenden Armen, wie versteinert vor ihm stand und ihm ins zornige Auge schaute, überkam bei allem Gefühl der Schuld doch stets noch eine andere Empfindimg: ,,es war ein eigenartiges Zittern in mir, ein Reiz- und Lustgefühl, wenn das Donnerwetter so recht auf mich niederging. Es kamen mir die Tränen in die Augen, sie rieselten mir über die Wangen, aber ich stand wie ein Bäumlein, schaute den Vater an und hatte ein unerklärliches Wohlgefühl, das in dem Maße wuchs, je länger und je ausdrucksvoller mein Vater vor mir wetterte". Waren dann wieder ein paar Wochen vergangen, ohne daß er etwas heraufbeschworen hatte, weshalb dann der Vater wieder still an ihm


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vorüberscliritt, dann ,, begann in mir albnählich wieder der Drang zu erwachen und zu reifen, etwas anzustellen, was den Vater in Wut bringe. Das geschah nicht, um ihn zu ärgern, denn ich hatte ihn überaus lieb; es geschah ge^nß nicht aus Bosheit, sondern aus einem andern Grunde, dessen ich mir damals nicht bewußt war". So hatte er einmal am Weihnachtsabend ein Kruzifix auseinandergelegt und damit ver- dorben. Um eines solch argen Frevels mllen ging der Vater sich eine Birkenrute schneiden. Da der Junge Prügel noch nie erfahren, ver- steckte er sich angstvoll im Uhrenkasten imd vernahm dort Worte schwerer Sorge, aber auch der heißen Liebe des Vaters, der ihn erfroren und verloren wähnte. ,,Mir ist in diesem Augenblicke die Erkenntnis aufgegangen. Ich sah, wie abscheulich es sei, diesen Vater zu reizen und zu beleidigen. Aber ich fand nun auch, warum ich es getan hatte. Aus Sehnsucht, das Vaterantlitz vor mir zu sehen, ihm ins Auge schauen zu können imd seine zu mir sprechende Stimme zu hören. Sollte er schon nicht mit mir heiter sein, so wie es andere Leute waren imd wie er damals, von Sorgen belastet, so selten gewesen, so wollte ich wenigstens sein zorniges Auge sehen, sein herbes Wort hören; es durchrieselte mich mit süßer Gewalt, es zog mich zu ihm hin. Es war das Vaterauge, das Vaterwort^'.


IIL Kasuistik^).

Fall 1. FetischomasocMsmus.

Es handelt sich um einen zur Zeit der Behandlung 21jährigen Studenten, der, scheinbar völHg invertiert, noch einen lebhaften Hand- schuhfetischismus und schwere masochistische Neigungen aufwies.


^) Eine k.iii'ze Bemerkung über die Zusammensteliung der nachfolgenden Kasuistik dürfte hier am Platze sein. Die ersten zwei Fälle sind verbo tenus meinem Analysenstenogramm entnommen. Bloß der Übersichtlichkeit wegen war oft aus verschiedenen Analysentagen Zusammengehöriges auch unter einem zusammengefaßt. Wo nur irgend möglich, zitierte ich direkt die Worte des Kranken unter Gänsefüßchen, eventuell auch noch ein Stück des Dialogs bei der Analysenarbeit, Anders entstand die Beschreibung von Fall 3, die auch den Charakter einer Erzählung hat. Nachdem ich mit der betreffenden Kranken neun Monate Analyse getrieben und eine Reihe von Einzelfunden gemacht hatte, die ihre Perversion erhellten, kam sie eines Tages spontan mit dem Vorschlag, das bisher Eruierte zusammen mit den noch fehlenden Erinnerungen in eine Autobiographie zusammenzufassen. Ich akzeptierte diesen V'orschlag, enthielt


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Von seiner Homosexualität habe ich bereits andernorts gesprochen^). Auch den Fetischismus muß ich doch wenigstens flüchtig streifen, weil er mit dem Masochismus des Kranken innig verflochten. Doch sei zimächst ein chronologischer Überblick gegeben über das Auftreten dieser beiden letzten Perversionen, wie sie Patient in der Analyse vor- brachte.

Schon vom 1. Jahre ab lebte er im Sommer mit zwei um etwa 10 Jahre älteren Vettern zusammen, in die er sich sehr rasch glühend verliebte, obwohl sie ihn von seinem 3. Jahre ab fleißig prügelten und zum Scherze auch banden. Mit etwa 2 Jahren faßte er eine tiefe Neigung zu einem 9jährigen, sehr gewalttätigen Baron, der zum Vor- bilde wird für seine gelegentlichen sadistischen Anwandlungen. So hatte er z. B. im 0. oder 7. Jahre die Phantasie, einen geliebten Hauslehrer durchzuprügeln oder von dritter Hand durchgeprügelt zu sehen. Zwischen 8 und 10 Jahren bekommt er ein Degout vor allen masochistischen Phantasien, teils weil er diese doch gar zu häufi*^ und stark getrieben, teils weil ihm die Mädchen besser konvenierten. Hingegen bildeten sich in den ersten Klassen des Gymnasiiuns die masochistischen Phantasien immer mehr aus, so nam,entiich die vom Gebimdenwerden, doch blieb es noch imbestimmt, ob van Mann oder Weib. Zu gleicher Zeit entwickelte sich auch fast plötzlich der Hand- schuhfetischismus, der ihm, im Verlaufe weniger Tage zum Bewußtsein kam.. Hatten die masochistischen Akte imd Phantasien im Gymnasium zu Erektionen geführt, so brachte ein maaochistischer Traum im 13. Jahre die erste Ejakidation des Kranken. „Dann aber folgte", er- zählt Patient, ,,eine Periode von allerlei Handschuhphantasien und ein

mich aber peinlich, die Kranke bei der Abfassung zu beeinfkissen. Was diese Autobiographie von den landesüblichen, z. B. in den Werken von Kr äfft- Ebing, Moll oder Magnus Hirschfeld unterscheidet, ist, daß sie nicht von vornherein mitgebracht oder über Auftrag des Arztes gefertigt wurde, also auch nicht darstellt, wie die Kranken persönlich ihre Perversionen angesehen wissen möchten mit aller unbewußten und wohl auch bewußten Unterschlagung und Fälschung, sondern daß sie erst später zur Abfassung und Fixierung gelangte Sie erfolgte erst dann, als Patientin die Technik ihrer Analyse schon ziemlich beherrscht^) und Zusammenhänge verstehen gelernt hatte, die sonst der unbe- wußte Widerstand auch dem ehrlichsten Kranken vorenthält. Ich habe übrigens auch nach diesen Aufzeichnungen die Analyse nocii durch mehrere Monate fort- gesetzt, die Patientin aber nie auf einer UnAvahrheit ertappt oder auch nur einer Fälschung durch die Zensur.

^) ,,Zur Ätiologie der konträren Sexualempfindung", Medizinische Klinik, 1909, Heft 2.


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unbestimmtes Wohlgefühl, ohne daß ich wußte, woher. Mit 14 Jahren (,'twa bekam ich eine Ejakulation im. Wachen infolge einer Handschuh- }.>hantasie mid von diesem AugenbKcke vnißte ich wenigstens, daß jene masochistischen imd fetischistischen Ideen sexueller Natur sind". In all seinen homosexuellen Phantasien müssen die Männer Glacehandschuhe tragen, die förmlich zum Fetisch für ihn geworderi. Hierfür gibt der Kranke folgende Erklärung: „Die Vorliebe für Glanz- handschuhe rührt zunächst daher, daß sie glatt sind und an die mensch- liche Haut erinnern, und zwar besonders jener Stellen, die von Kleidern bedeckt sind und dadurch so glatt erhalten werden, vor allem, also die Genitalien^). Darum wirken nichtglänzende Handschuhe weitaus minder. gestrickte gar nicht. Eine zweite Wurzel ist die Beziehimg ziun Kot. Ich hatte die Gewohnheit, imm^er zu den Glaces zu riechen. Wenn das Leder frisch ist, habe ich ein so eigentümlich pikantes Gefühl, es riecht v/ie Kot. Deshalb bevorzuge ich auch an den Handscimhen gewisse Farben, gelb oder rot, am liebsten habe ich gelblichrote oder eigelbe Handschuhe, weil das die Farbe der Fäzes ist. Auch rote habe ich nicht ungern, die an Blut erinnern, hingegen viel nvinder weiße oder schwarze. Höchstens goutiere ich noch eisengraue, welche an das Eisen von Handschellen gemahnen, die in meinen masochistischen Phantasien eine Rolle spielen, gleich dem Blute. Dann noch eins: sie sollen m.ög- lichst blank und rein sein, nicht schmutzig oder abgerissen, also möglichst saubere, neue Handschuhe. Hat ja auch der Kot eine gleich- mäßige, reine Färbimg'-). Ferner interessieren mich an den Glaces die Rückenähte, dann, wenn der Handschuh geschlossen ist, vorne das Loch, wo man die Haut durchsieht, und namentlich die aufgeworfenen Ränder um dieses Loch. Die Erklärung dürfte folgende sein: Schon von Kindheit ab habe ich die Gewohnheit, an kleinen Wunden die sicli bildenden Krusten abzureißen, was mir ein quasi sexuelles Vergnügen bereitet. Die Rückennähte sind nun nichts anderes als lange Krusten und, wenn man sie ablöst, entsteht eine Spalte, die mit der Scheide identisch sein dürfte. Die Nähte selber sind wie die Peiiisse, wie ich aus verschiedenen Phantasien wciß^). Eine dritte AVurzel ist ma>o-


^) Das ist natürlich nur Phantasie de.^ Kranken, sexuelle Delirien, di^ erklären sollen, wamm er die Handschuhe zum Fetisch macht. Daß ein richtigtr Kern in dieser Phantasie, werden wir später vernehmen.

^) Hierfür werden wir später eine andere Erklärung kennen lernen.

^) Hierfür giH das in Amnerkung 1 Gesagte. Die wahre Ursache i^t r>c' lu- Hauterotik.


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chistischer Art. Die Handschuhe sind gewissermaßen eine Fessel, in welche die Hände eingewickelt werden. Ich habe die Vorstellung vom Gefesseltsein, daß meine Hände von etwas überzogen und gefesselt sind*'.

Man sieht, wieviel Schau- und koprophile Riechlust verborgen ist hinter dem Handschuhfetischismus. Dazu kommt als weitere in- fantile Lust die Hauterotik, die sich in der gesuchten Glätte und dem Abreißen der Krusten manifestiert. Ich muß hier einfügen, daß unser Patient in der Kindheit ein arger Analerotiker war, der sich mit seinen Abfallstoffen die unappetitlichsten Dinge erlaubte. Darum zieht er nicht allein Handschuhe vor, welche Kotfarbe haben, sondern diese müssen in der Verdrängung auch besonders rein sein. Eine andere noch bedeutsamere Wurzel ist, daß Patient sehr früh, wahrscheinlich bereits als Säugling, masturbierte und davon unsaubere Hände bekam. Die nackte, unsaubere Hand wird verdrängt, dafür aber der sie be- deckende Handschuh zum Fetisch erhoben^).

Komplizierter schon ist die Genese seines Masochismus, der sich besonders im Wimsche, gefesselt zu werden, ausspricht. Ich folge zunächst den Ergebnissen der mit ihm durchgeführten Psychoanalyse. Am 12. Tage überraschte mich der Kranke mit der Erklärung, er glaube die Lösung gefunden zu haben: jenes masochistische Gelüste rühre vom Eingewickeltwerden des Säuglings her. Auf meine Entgegnung, es würden doch alle Säuglinge gewickelt, ohne darum Masochisten zu werden, kam vorerst die Antwort, er habe sich nach der Entdeckung dieses Zusammenhanges viel freier gefühlt, was wohl einem jeden Analytiker beweist, daß mindestens eine bedeutsame Teillösung ge- funden wurde, dann aber eine nähere Ausführung: ,,Wenn ich als Säugling eingewickelt wurde, so war ich der Mutter gegenüber und hatte vermutlich das Verlangen, nach ihrer Brust zu greifen, konnte es aber nicht, konnte mich nicht rühren, weil ich eben eingepackt war. Direkt erinnere ich das natürlich nicht, wohl aber erschließe ich es daraus, daß ich mir dies öfter in meinen späteren Phantasien vor- stellte. So hatte ich z. B. die Phantasie, ich sei bei einer Dirne, die mich gebunden hat. Sie stellt sich vor mich hin und ich möchte gerne zu ihr, sie womöglich koitieren. Sie läßt mich aber nicht, sondern hält mich erst eine Weile zum Besten, bevor sie mich zuläßt. Meinen maso-


^) Später berichtet er, in dieses Handschuhloch tatsächlich wiederholt sein Membrum hineingesteckt zu haben, mit dem Gedanken, so den Koitus zu vollziehen. Dann sei auch das Hineinfahren mit der Hand in den Handschuh

eine Immissio iiienibri in vaginam.


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chistischen Veranstaltungen jetzt liegt wohl der Kinderwnnsch zu- grunde, zur Mutter zu kommen, um mit ihr geschlechtlichen Verkehr zu haben ^). Dieser anstößige Wunsch wurde nun imterdrückt und das bloße Eingewickeltwerden, das Nichtkönnen und Gefesseltsein, also das Harmlose bheb erhalten. In der Pubertät habe ich wiederholt Mägden und Mädchen an die Brust gegriffen oder dies wenigstens versucht und habe auch jetzt noch starkes Verlangen, ein Gleiches zu tun."

5, Ein weiterer, vermutlich noch wichtigerer Punkt ist, daß ich schon als ganz kleines Kind sehr viel onanierte, ich glaube schon als Säugling, und durch das Eingewickeltwerden vom Masturbieren ab- gehalten wurde. Als ich in den ,Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie* las, daß schon Säuglinge onanierten, hat mir dies alsbald eingeleuchtet und war mir augenblicklich verständlich. Ganz bestimmt erinnere ich mich, schon sehr früh masturbiert zu haben, sicher bereits mit 3, •t Jahren, und wahrscheinlich viel häufiger, denn jetzt als Erwachsener. Ob sich nicht die ungestillte Libido dann vom Onanieren auf das G^bundensein übertrug? Vielleicht ließen sich noch andere Sachen mit den Händen ausführen, z. B. die Mutter an der Brust zu zupfen, was ich jetzt noch gern bei Prostituierten mache, und auch daran hin- derte mich das Eingewickeltwerden." Weniger ausgeprägt ist bei ihm eine andere Phantasie, die in Erzählungen vieler Masochisten eine Rolle spielt. Er kniet zu Füßen eines Weibes, das ist aber ganz unbestimmt, er hat nur das Bewußtsein, von ihr abhängig, unter ihrer Herrschaft zu sein, oder auch bloß, sie um etwas zu bitten, woran ihm sehr viel lag. Im Stenogramm der Analyse heißt es weiter: ,,Dies geht vermutlich auch auf meine Mutter zurück. Vielleicht, daß ich als ganz kleines Kind bei ihr saß oder zu ihren Knien und sie um die Eingeweide fragte." — ,, Wobei aber Ihre Wißbegierde vermutlich auf die Genitalien ging?" — ,, Jedenfalls, aber nicht recht bewußt. Ich weiß bloß, daß ich sie öfter nach solchen Dingen fragte." Hier sei eine kurze Charakteristik der Mutter eingefügt. ,,Sie hat an mir unsinnig viel herumgepredigt und -gestraft. Kein Zweifel, daß viel von meinem Masochismus davon herrührt." — „Hat sie Sie soviel geschlagen?" — „Nicht einmal gar soviel, aber knien lassen und bei meinen masochistisohen Vornahmen


1) Er erinnert sich dunkel, aber ganz bestimmt, zwischen 3 und 6 Jahren aggressiver gewesen zu sein, wofür ihn die Mutter eatspreohend scharf zurück- wies. Er versuchte, ihr iramer an die Brust zu gceifen, wollte durchaus immer zu ihr ins Bett und eintnal sogar um jeden Preis in das Badezimmer, da sie just nackt in der Wanne saß.


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habe ich gleichfalls ausnahmslos gekniet. Auch wenn sie mich durch- prügelte, habe ich merkwürdigerweise stets vor ihr gekniet. Sie schlug mich aber mehr auf Rücken und Hände^)/'

Auch zwei weitere masochistische Phantasien führt er auf die Kinder- und Säuglingszeit zurück. ,Jch habe die Phantasie gehabt, wenn ich zu einer Prostituierten gehe, mich nur halb auskleiden zu lassen, zunächst nur den Oberkörper, dann mir die Hände auf den Rücken binden und endlich die Unterkleider langsam, ein Stück nach dem andern, von der Dirne wognehmen zu lassen, was offenbar auf das Auskleiden abends durch die Mutter zurückgeht. Gefesselt wurde ich durch die Windeln als Säugling. Da wird es schon vorgekommen sein, daß man mit dem Einfatschen oben begann und mit den Beinen aufhörte, beim Auswickeln aber mit den Füßen anfing, so daß der Unterkörper schon frei war, die Arme aber noch nicht."

,,Dann habe ich bei der ersten Prostituierten, bei der ich war, nachdem ich vergeblich einen Koitus, ja, selbst nur Erektion zu er- zielen versucht hatte, folgende Szene aufgeführt. Sie mußte sich aus- ziehen, dann Glacehandschuhe anlegen und eine Himdspeitsche in die Hand nehmen. Vorher ließ ich mir von ihr mit einer Radfahrkette die Hände auf den Rücken zusammenbinden imd ein Halsband, wie das eines Hundes, umlegen. Ich selbst legte gleichfalls Glacehand- schuhe an, kniete nackt vor sie hin und sie mußte mir Brust und Rücken peitschen, was mir starke Erektionen, aber keine Ejakulation ver-

  • ) Hier noch ein Stück aus der Analyse: „Merkwürdigerweise muß ich

bei dem Worte ,Frau' stets an die Mutter denken, beim Wörtchen ,Weib' aber eigentlich nie. Dazu fällt mir eine Stelle bei Weininger ein aus seinem Nach- lasse: ,Das Vv'ort Frau bezeichnet eine masochistische Vorstellung, das Wort Weib eine sadistische.' Da.^ eine ist sicher: Unter Frau denke ich mir immer ein sehr großes und kräftiges . . /* Er stockt und ich helfe aus: „Frauenzimmer. Mit einem Worte: Ihre Mutter." — „Ja. Unter Weib eine kleine und dicke Person, ^<o wie die Schwester. Dann habe ich noch einen Typus, den ich auch zum Weibe oder Mädchen rechnen muß. Das ist ein Mtädchtn, schlank und niclit gar zu groß, aber doch größer als das sogenannte W^eib, und das dürfte auf meine bisexuelle Cousine zurückgehen. Ich glaube übrigens, mit den zwei letzten Typen könnte ich verkehren und verkehre ich auch, aber mit einer so großen Person könnte ich es nicht.'* — ,,Die so große Person in den 'Augen des Kindes ist natürlich die Mutter, und Inzestwünsche auf diese bilden fast immer die Grundlage der psy- chischen Impotenz.** — ^.Dagegen dürften sich beim ersten Typus masochistische Regungen einstellen, bei den anderen nicht. Darin liegt auch der Orund, weshalb bei Prostituierten, die immer dem letzten Typus angehörten, die masochistischeii V^ersuche stets mißlangen."


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ursachte. AVälirend sie mich so peitschte, drückte ich wiederholt meinen Mimd sowohl an ihre untätige Hand als an die Peitsche, dann krümmte ich den Kopf ganz zu Boden und hieß sie, den Fuß auf meinen Nacken setzen und mich abermals peitschen. Wiederum Erektion ohne Eja- kulation. Nun ließ ich mir von ihr in einem Spiegel die gefesselten Hände zeigen, setzte mich dann neben sie und forderte sie auf, micji 2u masturbieren. Trotz alledem kam es weder zur Ejakulation noch zu voller Befriedigung, Diese stellte sich erst zu Hause ein, als ich jene Szene in der Phantasie nochmals durchging und zweimal onanierte. Die Einzelheiten der ganzen Veranstaltimg, die offensichtlich auf meine Phantasien zurückgeht, von der Mutter masturbiert^) und ge- prügelt zu werden, werde ich später voll erklären. Jetzt will ich nur von dem merkwürdigsten Punkt, dem Anlegen eines Halsbandes reden. Auch dies dünkt mich aus der Säuglingszeit zu stammen, da das Hemdchen noch keine Knöpfe hat, sondern um den Hals durch Bändchen in einer Schlinge geschlossen wird. Und ich glaube, daß hin und wieder die Mutter in der Eile heftig an der* Schlinge zog, wenn sie nicht gleich aufging, imd daß ich überhaupt öfter beim Einwickeln stark zusamm-engebimden und beim Halse stark zusam^mengeschnürt wurde. Daraus würden sich vielleicht auch die masochistischen Phan- tasien vom Hängen und Würgen erklären. Man wird eben leicht dabei gewürgt. Erwähnen will ich noch, daß ich zwar zu gewissen Zeiten ganz und gar einen Widerwillen hatte gegen das Weib, doch niemals gegen masochistischen Verkehr mit ihm.

Nur eine sekundäre Rolle spielen in der Genese seines Mario- chismus Knaben imd Burschen seiner Kinderjahre, Da wären zunächst die beiden heißgeliebten Vettern zu nennen, die, etwa 10 Jahre älter als er, ihn öfter verprügelten, doch nie aufs Gesäß, sondern stets nur auf den Rücken, was in der Veranstaltung mit der Dirne dann wieder- kehrte. Auch machten sie sich bisweilen den Spaß, ihm luiversehens die Hände zu binden, wozu die Mutter einmal herzlich lachte. Eine gewisse Bedeutung kommt wohl auch dem gewalttätigen Baron, einem Bürschchen von 8 — 10 Jahren zu, der in seiner Erinnerung gebückt vor ihm steht imd die Trommel schlägt. Als. das Dienstmädchen jenen

=*) Auf die Bedeutung der Säuglingspflege für die Genese der Masturbation habe ich an anderem Orte verwiesen. (j,I>ie Onanie", 14 Beiträge zu emer Dis- kussion der Wiener psychoanalytischen Vereinigung, Wiesbaden, 1912, 8. l'^^ Diese Ätiologie erfuhr dann in unserem Falle noch durch die Hauterotik be- sondere Verstärkung, so daß Patient sehr früh und maßlos onanierte.


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zu holen kommt, verprügelt er sie mit den TrommelscUägeln, die imseren Patienten wieder an sein — Membrum erinnern, welches an der Glans so trommelschlegelartig verdickt sein soll. „Wenn ich mir den Baron vorstelle'*, fährt der Kranke fort, ,,so wie er das Mädchen mit den Schlegeln prügelt, so verwandeln sich diese in eine Knute, die Knöpfe vorn in Knoten an dem Riemen, der vorn von der Knute herunterhängt, und das Ganze eriimert mich an die Geschichte eines sibirischen Sträflings, die ich mit 12 — 13 Jahren las. Das Schlagen selber hat mich nicht so aufgeregt, wie daß man ihn überfällt, fesselt und fortschleppt. Dies Überfallen, Fesseln und Fortschleppen geht offenbar auf meine Säuglingspflege zurück, wo das losgewickelte imd vergnügt strampelnde Kind von der Mutter plötzlich gepackt, wieder eingeschnürt und ins Bett getragen wird, vielleicht nach allerlei Liebes- spielen. Die Peitsche hinwieder ist im Grunde genommen nur ein Penis. Ein Strick ist zu meinen masochistischen Phantasien nicht zu brauchen, weil er steif ist, und eine Gliedsteifung nahm ich erst mit 12, 13 Jahren an mir wahr. Darum muß es etwas Bieg- und Schmieg- sames sein wie ein Kinderpenis, also eine Kette, eine Schnur oder Riemen, nicht etwas Steifes. Als Kind von 4, 5 Jahren masturbierte ich oft so, daß ich mein Membrum ergriff imd zwischen den Schenkeln hin und her schwenkte, so daß es an ihren Flächen anschlug. Dadurch trat natürlich eine geschlechtliche Erregung ein, die nun beim Peitschen nachgeahmt wird. Ob nicht auch die Mutter mit meinem Penis so hin und her schwenkte, wenn sie mich als Säugling aufgewickelt hatte und mit mir spielte?"

,,Und nun zurück zur Erklärung der masochistischen Szene mit der ersten Dirne. Eine Radfahrkette benutzte ich, weil ich mir die am leichtesten in einem Greschäfte kaufen konnte, ohne Aufsehen zu er- regen. Die Hundspeitsche erinnerte mich zunächst an einen Penis, auch war ich oft zugegen, wenn der Haushimd, an dem ich zärtlich hing und auch gelegentlich Sodomie trieb, geschlagen wurde. Vielleicht identifiziere ich mich auch darum mit ihm durch das Anlegen eines Hundehalsbandes. Was femer den Fuß im Nacken betrifft, den ich mir von der Dirne aufsetzen ließ, so ist dies nichts anderes als der Penis meines Vaters. Ich hatte nämlich als Kind die Gewohnheit, ihm zwischen den Beinen hindurchzuschlüpfen, wobei ich natürlich seinen Penis und seine Hoden im Nacken spürte. Dies dürfte auch die Grundlage für meine Phantasien vom Reiten abgeben, daß nämhch jemand auf mir reitet und seine Genitalien mir im Nacken hat. Noch


über den sado-masochisiischen Komplex.


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tiefer führt natürlich die Identifikation mit der Mutter, auf der der Vater beim Koitus reitet." Eine weitere Überdeterminierung ist, daU die Mutter vermutlich öfter ihren Fuß halb spielerisch auf den Nacken des zu ihren Füßen sitzenden oder krabbehiden Kindes gestellt haben wird. Endlich wäre noch heranzuziehen, daß der Fuß das schmerzlich vermißte Glied des Weibes darstellt. Mit ihm also spürt Patient nicht bloß den Penis des Vaters, sondern auch den gesuchten der Mutter

im Nacken.

„Daß ich mich von der Dirne auf Brust und Eücken schlagen lasse, rührt wohl von einer DarsteUung der Geißelung Christi in einer biblischen Geschichte, die ich mit 6—7 Jahren von der Schule bekam. Sie erregte mich so stark, daß ich in der Kehle ein Angstgefühl bekam, eine Beklemmung, wie immer, wenn ich masochistisch gereizt werde, und wie ich sie wohl auch damals empfand, als Mutter mir das Säuglings- hemdchen rasch zuschnürte. Bei der Geißelung Christi hatte ich vielleicht auch die unbewußte Phantasie, so von Vater und Mutter geprügelt zu werden. Denn trotzdem ich das Buch von der Schule bekommen hatte, also lesen durfte, quälte mich bei der Lektüre das Gefühl: Wenn mich nur nicht Vater oder Mutter erwischen, daß ich das lese ! Es wäre mir riesig zuwider gewesen. Ich hatte also ein böses Gewissen. Dann fäUt mir noch etwas anderes ein. Mit 2—3 Jahren sah ich die Ab- bildung eines Mannes, der auf die Folter gespannt ist, auf eine Art Leiter, die Hände auf den Rücken gebunden — der Hintergrund des Bildes war schwarz — imd das alles übte auf mich einen un- heimlich erdrückenden Einfluß. Das Erotische lag wohl darin, daß der Mann halb nackt und gebunden ist, was auf die Windeln zurück- geht. In etwas späterer Zeit sah ich bei einem Bekannten ein Ecoe- Homo-Bild, wo die Hände Christi vorne zusammengebunden sind, was damals auch schon Eindruck auf mich machte. Das gäbe den Über- gang zum gegeißelten Christus." Dann noch ein paar Einfälle aus späteren Analysenstunden: „Ob nicht die auf dem Rücken gekreuzten Hände eine Nachahmung meines Vaters sind und eine Identifikation, mit ihm? Ich kann mich erinnern, wenn der Vater mit auf dem Rücken verschränkten Armen im Zimmer auf und ab ging, so weckte mir das noch mit 8, 9 Jahren masochistische Gedanken, als bedeute es: die Hände auf den Rücken binden." Ferner: „Als Bub von 4, 5 Jahren trug ich im Winter gestrickte Handschuhe, die von einem Bande zu- sammengehalten wurden. Das würde die Handschellen erklären oder sich wenigstens damit verbinden. Noch wichtiger vielleicht ist folgende


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Beziehung: Wenn ich als ganz kleines Kind auf dem Topfe saß, hielt mich die Mutter stets an den Handgelenken fest, damit ich das Gleich- gewicht nicht verliere, in späteren Jahren, auch damit ich mir nicht an den Genitalien zu schaffen mache/' Endlich noch ein Einfall, der auf den urethralerotischen Ursprung seines Masochismus ein helles Licht Avirft: „Ob nicht die Marterwerkzeuge einfach die Genitalien sind? Ich bekam sehr früh starke Erektionen, die mir Schmerzen verursachten, dann auch Schmerzen infolge des Onanierens und des zurückgehaltenen Urins. Es kann auch sein, daß die sexuelle Nichtbefriedigung Schmerzen in den Genitalien hervorruft. Da Peitsche und Peais identisch sind, ^\urden später die Schmerzen im Membrum sowie die begleitenden Lustgefühle auf die von der Peitsche getroffenen Stellen übertragen." Hier lasse ich noch einige minder wichtige Beziehungen folgen: ,...\ls Kind hörte ich mehrfach die Muttor von einem Knechte ihres A^aters erzählen, der einen Diebstahl begangen hatte und dann ge- fesselt^ abgeführt wurde. Meine ersten masochistischen Phantasien hatte ich bei Gelegenheit eines Bilderbuches, wo von zwei Jungen die Rede war, die gestohlen hatten und arretiert wurden, wobei man ihnen die Hände mit einem Stricke band. Darffals empfand ich zum ersten

^]'alG das richtige masochistische Gefühl, angstähnlich und doch eine

Wollust zugleich. Ich habe gleichfalls zu wiederholten Malen kleine Sachen mitgehen lassen, doch das Gestohlene bezeichnenderweise stets so gehalten, daß die Mutter es in Bälde sehen mußte, was mir immer eine derbe Strafpredigt eintrug. Ob mein Verhalten nicht daher rührt, daß Weiber für Verbrecher, wie Diebe imd Mörder, ein lebhaftes In- teresse, ja, Mitleid zeigen und ich dann durch meine kleinen Diebstähle der Mutter interessant zu werden hoffte?"

Zum Schlüsse will ich noch einen Zwischenfall kurz erzählen, der wieder zur Säuglingspflege zurückführt und zu seiner lebhaften Analerotik. Die ersten zwei Wochen der Psychoanalyse erzielten schon ein fast völliges Zurücktreten der Inversion und Hervorbrechen des normalgeschlechtlichen Empfindens. Da meldet er plötzlich am 19. Tage einen schweren Rückfall. Die männlichen Schenkel hätten es ihm angetan auf der Abbildung eines jungen Athleten, der bei Ronacher auftrat. Er trage auf dem Bilde eine kurze Hose, ähnlich einer Schwimmhose. Hier aber schon drängte sich dem Kranken ein bezeichnendes Wort auf die .Lippen: .„Die Hose ist so gefältelt und gefranst mid das hat mich an die Unterhose eines Weibes erinnert. Am andern Morgen kam mein gewöhnliches Verlangen wieder, von


über den sado-masocliistischen Komplex. M i

einem Manne päderastiert zu werden. Ich stellte mir vor, ich liege auf dem Rücken, die Hände mit eisernen Spangen auf dem Rücken gefesselt, und irgend ein junger Mensch — Brust und Gesicht ist ganz unbestimmt geblieben, nur die Schenkel traten stark hervor, es waren die des Athleten in der Schwimmhose — der koitiert mich. Hierbei ein heftiger Drang 7.Vim Onanieren, dem ich schließlich nachgeben mußte. — ,,In der Vorstellung des Athleten mit der Unterhose eines Weibes sind offenbar zwei Vorstellungen zusammengezogen. Nändich einmal wirklich von einem Athleten, demnach einem besonders starken Manne, gefesselt zu werden und zweitens von der Mutter in Unterhosen.- — „Ja, in Windeln gewickelt und so gefesselt zu werden. Übrigens war die Mutter außerordentlich groß und stark, von männlichem Habitus und besaß einen riesig entwickelten Unterkörper. Das wird die Identifikation mit dem Athleten erleichtern, zumal die Mutter dem kleinen Kinde stets als Riesin erscheint.*^ — ,,Und Ihr Wunsch, im Anus koitiert zu werden, geht wohl auf Ihr kindliches Vergnügen an Klystieren, die Ihre hochgradige Analerotik so lustvoll machte?" — ,,Ja, ganz richtig. Und dann wird es aiich noch öfter passiert sein, wenn ich in der Nacht mich naß oder voll machte, daß die Mutter aufstand, nur rasch in ihre Hosen schlüpfte und mich aus- und dann natürlich auch wieder einpackte.'^

Fall 2. Beiß- und Urethralsadismus,

Klinischer Assistent der Psychiatrie an einer deutschen Univer- sität, 28 Jahre alt, wünschte von mir wegen Morphinismus, Impotenz und verschiedener hysterischer Symptome psychoanalytische Be- handlung. Ich zitiere aus derselben nur, was auf seinen Sadismus

Bezug hatte.

Die verhältnismäßig simpelste Seite desselben ist seine exorbitante Beißlust, Einleidenschaftlicher Raucher, zumal von Zigaretten,verträgt er doch niemals solche mit Mundstück, sondern zerbeißt das letztere sofort. ..Im Gymnasiuna und auch noch an der Universität habe ich passsioniert Pfeife geraucht, aber die Mundstücke sind alle zerbissen. Ich habe direkt meine überflüssige Energie daran ausgelassen. Meine Schwester kaut wieder jeden Bleistift, mit dem sie schreibt, wobei sie also durch- sichtig einen Penis beißt. Ich beiße auch oft so lange drauf los, bis es mir in den Kiefern schon weh tut, mit Vorliebe auf einen Zahn, von dem ich weiß, daß er ein bißchen empfindlich ist, nur damit ich irgendwo einen Schmerz, mindestens eine intensivere Änderung


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J. Sadger.


des GefüUs verspüre." Wie man sieht, empfindet der Kranke Ver- gnügen am eigenen Schmerze. Diese Lust sucht er dann auch anderen zu geben. „Meine Schwester habe ich oft genug in die Wange gebissen als starken Kuß. Auch bei einer geliebten Cousine hätte ich es gerne so gemacht, mich aber nicht getraut." Noch früher liegt das Beißen der mütterlichen Brustwarzen^), welches erst das ganze Symptom erklärt. Es handelt sich hier offenbar um eine besondere Erogenität der ganzen Mundzone, zumal der Kieferschleimhaut und Beißmuskulatur, die dann auch die Leidenschaftlichkeit seines Rauchens erklärt. Die gleiche konstitutionelle Verstärkung verraten auch seine Fieberphan- tasien sowie verschiedene spätere SjTnptomhandlungen. „Noch vor meinem 3. Lebensjahre — das sind meine allerfrühesten Erinnerimgen — und bis ins zehnte hinein sah ich bei Fieber Schlangen, die sich in- einander wanden, was mich stets zum Lachen brachte. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, wie wenn ich in etwas hineinbisse, was nicht zu zerbeißen ist, was zum Hineinbeißen ist, aber doch nicht nachgibt, doch hart ist 2), so daß ich im unklaren war, in was ich eigentlich beiße, imd wenn ich so drauf losbiß, erwachte ich meist. Auch jetzt noch bin ich ein passionierter Beißer. Das Abnagen von Knochen ist für mich eine Passion, in welcher ich es zu einer gewissenVirtuosität gebracht habe. Ich bringe fast alles weg, und wenn ich mir die Zeit vertreiben will, muß ich immer etwas zum .Beißen haben, einen Zahnstocher oder Grashalm, auch wenn ich in einer langweiligen Gesellschaft bin." Hier ist die tröstend sexuelle Beziehung ebenso durchsichtig wie die Gleichsetzimg aller länglichen Gegenstände (Schlangen, Knochen, Grashahn und Zahnstocher) mit Penis oder Brustwarze.

Den Übergang von seinem Beißsadismus zu einer weiteren Form, welche auf die Urethralerotik zurückgeht, bildet eine sehr be- zeichnende Episode: „Mit drei Jahren wurde ich von einem Hunde in das Membrum gebissen. Ich habe riesig geschrien. Ea heilte aber ganz von selber. Seit damals bekam ich von Zeit zu Zeit ,Glangerl- weh', wie ich es nannte (von ,glangerhi', hin- und herpendeln), eigenthch ziehende Schmerzen, die ganz von selbst kamen, da ich ein kleines Kind war. Ich erinnere mich, einmal lag ich abends im Bette und klagte über Schmerzen, und meine Mutter hat das immer für sehr wichtig gehalten. Man könne nicht wissen, man müsse da sehr acht geben,

^) Über mein Befragen schrieb mir die Mutter: „Ich kann mich sehr wohl erinnern, daß er beim Stillen ungeheuer stark saugte. Es war fast schmerzhaft." ') Erinnerung an die mütterliche Brustwarze.


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und hat mir einen Ölfleck darauf gelegt. Dieses Weh bekam ich nun öfter und meine Schwester sekkierte mich deshalb sogar: ,Hast du wieder Glangerlweh?'"' Als ich nun mein Befremden ausdrückte, daß ein Hund ihn just in das Membrum gebissen, kam folgende Ergänzung: ,,Ich glaube, ich werde mit meinem Penis herumgespielt haben. Der Hund muß mich ja eigentlich gekannt, also muß ich ihn rein mit meinem Penis geneckt haben. Auch biß er keineswegs stark hinein, sondern mehr im Spiele. Trotzdem schrie ich füchterlich, nur, glaube ich, war da weniger los, als aus großem Schrecken, i)" Wir dürfen nach dieser Er- klärung wohl annehmen, daß er geflissentlich ins Membrum gebissen sein wollte und dann fürchterUch schrie, teils aus Schuldbewußtsein, teils um die besondere Zärtlichkeit der Mutter, die in diesem Punkte ausnehmend besorgt war, zu provozieren. Entscheidend für das Ver- langen aber, sich von einem Hunde dort beißen zu lassen, war neben der Lust am Beißen und Gebissenwerden noch eine andere, die seiner Urethralerotik entsprang.

Von dieser führte ich bereits an anderer Stelle aus^), daß sie schon in frühester Kinheit entweder Poly- oder PoUakurie setze bis zur Inkontinenz, oder anderseits eine Eetentio urinae, indem die Kinder mit Vorliebe ihren Harn zurückhalten, weil sowohl die Miktion als deren Produkte ganz ungemein lustvoll empfunden werden; daß ferner eine enorm frühe Reizbarkeit der corpora cavernosa urethrae vorhanden, zumal bei zurückgehaltenem Urin, und infolge dessen Erektionen bereits des Säuglings und des ganz kleinen Knaben zur Tagesordnung zählen ; endlich daß auch sehr häufig Parästhesien imd Sensationen schmerz- hafter Art im peripheren Harn- und Geschlechtstrakt auftreten. Diese frühe Harn- oder Urethralerotik wird in der Pubertät vorbildlich für die Sexualentwicklung, so daß z. B., wo ehemals Incontinentia urinae bestand, es nunmehr zu Pollutionen kommt, zu Spermato-, Urorrhöe oder Ejaculatio praecox, während wieder die Verwerfung der infantilen Erektionen von selten der Mutter sich in psychische Impotenz, die Schmerzen in Urethra in verschiedene Genital- imd Harnröhrenneu- ralgien umsetzen können.

Auch bei unserem Kranken ist die Tafel überreichlich gedeckt. So erzählte die Mutter, daß, wenn sie den gäughng trockenlegte, sie öft^r Gliedsteifungen an ihm wahrnahm. „Es kam auch später vor", berichtet Patient, „daß, wenn sie mich an- und auszog, ich Erektionen

1) Von der Mutter wird diese Szene und ihre Folgen bestätigt.

2) „Über Urethralerotik", 1. c.

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen, Y. 1^

1 t T


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hatte, deren ich mich vor ihr schämte. Ebenso im Bade, wenn sie dabei stand und meinen Penis erblickte. Zumal beim kalt Überschütten am Schlüsse bekam ich gewöhnhch eine Gliedsteifung. Es kommt mir auch vor, daß sie öfter, -wenn sie schon im Bette lag, mit der Hand über die Decke darüber streifte, als wollte sie die Erektion niederlegen. Auch das erinnere ich deutlich, daß, wenn zwischen meinem 5. und 10. Jahre die Schwester sich auf den Bettrand setzte oder gar auf meine Beine, ich öfter Erektionen unterdrücken mußte. Ebenso war ich zwischen 16 imd 17 wiederholt genötigt, direkt vom Tische aufzustehen und ans Fenster zu treten, damit niemand die Steifung meines Gliedes sehe." Den innigen Zusammenhang mit der Harnerotik verraten nach- folgende Bemerkungen des Kranken: ,,Beim Urinieren hatte ich auch immer eine Art Status, so daß ich mich auf das Klosettbrett stellen und das Membrum hinunterdrücken mußte, damit es ins Loch trifft. Sogar heute noch stellen sich beim Urinieren Erektionen ein. Hie und da ist auch Samen mit abgegangen. Außerdem hatte ich auch noch das Gefühl, jetzt muß ich urinieren, imd wenn auch schon der Harn fließt, bleibt doch das Gefühl, als wäre noch viel drin und könnte nur ein geringer Teil heraus. Es ist ein gewisses Krampfgefühl und, wenn sich das einstellt, kommt auch sehr häufig Sperma nach. Mit 4 bis 6 Jahren habe ich oft einen fürchterhchen Harndrang bekommen, dem ich absolut Folge leisten mußte. Da verging mir Hören und Sehen, Damals habe ich auch zu zittern begonnen und war ganz starr. Ich konnte die Beine nicht bewegen, ich muß oft dagestanden haben wie eine Bildsäule, die Beine zusammengedrückt, imd traute mich nicht zu rühren. Dabei Angstschweiß, Zittern imd Bleichsein und die stete Furcht: jetzt und jetzt muß ich dem nachgeben. So stand ich eine Zeitlang, dann hatte ich es gewissermaßen dadurch unterdrückt und konnte ein bischen gehen. Jetzt mußte ich aber schnell die Blase entleeren, und da geschah es oft, daß ich nicht rasch genug die Hose öffnen und den Mantel wegschieben konnte, so daß es auf beide ging. In Volksschule und Gymnasium hatte ich oft Schmerzen, me wenn ein Faden der Kleidung in die Harnröhre gelangt wäre und bei einer gewissen Bewegung zurückgezogen würde. Es war ein eigenartiges, stechendes, schneidendes Gefühl vorn in der Urethra, obwohl es natürlich nur eine Parästhesie darstellte. Doch immerhin bestand ein momentaner, ziemlich heftiger Schmerz, der bei Lageveränderungen des Penis wiederum wich, welches Weichen des Schmerzes dann wohltuend wirkte. Damit scheint mir im Zusammenhang zu stehen, daß ich jetzt beim Koitus nur dann das höchste Ver-


über den sado-masochistiscben Komplex. 211

gnügen habe, wenn ich vor demselben einen heftigen Schmerz empfinde. Mit der Ejakulation erfolgt dann die Lösung des letzteren. Nicht selten bekam ich auch plötzlich ein starkes Wollustgefühl in mem.bro nebst einem starken Zittern daselbst, wie wenn beim Koitus die Ejakulation kommt. Oft stellte sich ein förmlicher Klonismus ein, mit oder ohne vorausgegangene Erektion, z. B. häufig auf der Gasse, so daß ich dachte, es folge eine Pollution. Doch kam es nie zu dieser, nur zu einer Urorrhoea ex libidine. Oft war auch das Membrum gleich- sam eingepickt an der Innenseite des Oberschenkels, wenn ich lange gesessen bin^).'*


^) Als der Kranke in meine Behandlung trat, klagte er über psychische Impotenz, die jetzt leicht auf die Verwerfung der kindlichen Erektionen durch die Mutter zurückzuführen ist. Die infantile Retentio urinae fand später teils eine direkte Fortsetzung, teils setzte sie sich in die obgenannten Erscheinungen um von Seiten des Genitaitraktes. Schon in der Volksschule hat er sich angeblich nicht getraut, je aufzuzeigen, daß er hinaus -wolle. "Wie ■'.venig dieses Motiv ent- scheidend, sondern nur die geflissentliche Zurückhaltung, beweist, daß es ihm auch im Oberg3minasiuni ,, gleichsam unbequem war", zu urinieren, und er ,,aus einer gewissen Nachlässigkeit"' den Harn zurückhielt, ,, Selbst jetzt muß ich oft direkt einen gewissen Widerstand überwinden, um auf's Klosett zu gehen. Ich mache alles andere eher, nur um den Urin zurückzuhalten." Ähnliche Retention bewies er auch spater in seinen Genitalfunktionen. Im Obergymnasium litt er lange Zeit an Satjrriasis. Nachdem er sein Membrum durch Phantasien zur böchäten Erektion gebracht und merkte, jetzt käme die Ejakulation, da brach l' plötzhch ab, so daß die Steifung ohne Erguß zurückging. Als er sich im ersten Universitatsjahr bemühte, seine Masturbation zu unterdrücken, da kam es zu - tarken Pollutionen, zu SpermatoiThöe auch außerhalb des ürinierens und endlich ■ui sehr starker Ürorrhöe. AU er nach sicbeiiwöchentlicher psychoanalytischer Kur die Behandlung aus äußeren Gründen unterbrocheii und sich bald dp.rauf ver- lobt hatte, litt er bei KohabitationsA ersuchen mit seiner Braut an Ejaculatio praecox. Vv^ährond es früher bei Prostituierten stets lang währte, bis nur ein wenig Libido kern , nac h lär gerer Friktion und durch eine Art von psychischem Sadismus, d, h. die Vorstellung, er stoße mit seinem Glied in sie hinein, war er jetzt bei der Braut,, voll riesiger Libido. Es genügt, daß ich mit meinem w^eichen Ghedeinpn.ar Mal vor ihrem Genitale herumbewege, um eineEjakuhiiion au^zulöseii, fast ohne Erektion. Es ist eigentlich ein Gefühl, als wenn man sich ausuriniert. Ja, es ist tatsächlich ähnlich. Ais ich vor 2 Jahren zu Hause versuchte, mich vom Morphin zu entwöhnen, da war ich impotent und ging darum auch zu keinem Mädchen. Am 6., 7. Tage war die sexuelle Spannung schon sehr groß und da war es wirklich so arg, als w^enn man starken ürindrang hat, und ich mußte die Beine einziehen. Es war gerade so, als wenn eine Flüssigkeit da wäre, die irgendwo unter erhöhtem Drucke aus dem Gefäße herausfließt. Auch wenn ieh bei meiner Braut Ejaculatio praecox bekomme, habe ich mir oft schon gedacht. es ist, als wenn ich sie anschiffen möclite."

14*


212 J. Sadger.

Wir haben vorhin die merkwürdige Tatsache hören müssen, daß unserem Kranken der Koitus erst dann das intensivste Vergnügen schuf, wenn er vor dem Ergüsse einen heftigen Schmerz empfunden hatte. Nach dreiwöchiger Behandlung kam dann die im theoretischen Teil geschilderte Episode, wo er freudestrahlend zu mir kam, weil er nach einem Koitus einen halben Tag lang Schmerzen gehabt hatte. Als Ergänzung fügte er noch hinzu: ,, Eigentlich ist mein einziges Keiz- mittel bei einer Dirne das Bewußtsein, wenn ich recht heftig in sie hineinkoitiere, so muß auch sie eine Art von Schmerz dabei empfinden. Das ist ganz allgemein der Höhepimkt meines Grenusses, wenn es so an- fängt zu schmerzen. Drum habe ich auch gar nicht ungern zur Zeit der Masturbation mein erigiertes Membrum gegen die Mauer oder etwas Hartes, das mir weh tat, hineingedrückt, es gleichsam so durchbohren wollen. Bei einem besseren Mädchen hat man das Bewußtsein, daß es sie eine Art Überwindung kostet, es ist gleichsam ein psychischer Schmerz, sie muß nachgeben und es sich gefallen lassen. Bei einer Pro- stituierten, wo man das nicht annehmen kann, macht höchstens eine recht starke Erektion, die sie spürt, Eindruck. So eine erzählte mir einst von einem starken Herren, der ihr fast den Unterleib durchbohrte; das wäre mein Ideal gewesen. Ich war direkt eifersüchtig, daß einer existiert, der noch stärker ist als ich und eine Dirne verletzen kann durch die Gewalt seines Penis. Ich bin geradezu neidisch geworden."

Den Übergang zum psychischen Sadismus bot der oben schon erwähnte Gedanke des Kranken, das Mädchen empfinde beim Koitus Schmerz. Dies Bewußtsein war für ihn beinahe conditio sine qua non. Denn als er noch während der ersten Analyse eine Gfeliebte fand, die sich ihm nach monatelanger Werbung schließlich aus vollem Herzen ergab und bei der Defloration gar nicht wehrte, ja, gefUssentlioh jede Schmerzäußerung unterdrückte, blieb ihm fast jegliche Wol- lust aus. Eine Dirne hingegen, die er bald darauf brauchte und welche, seine Eigenart erkennend, die Pein der Überwältigung geschickt markierte, erregte ihn heftig, obwohl er natürlich das Spiel durch- schaute. Und er war genötigt, um bei der Geliebten potent zu sein, sich vorzustellen, daß sie psychisch leide. ,,Bei der Dirne spielte übrigens auch das Bewußtsein mit, daß ich ihr durch den Koitus gewissermaßen meine Veraehtxmg ausdrückte. Sie ist rein dazu da, meine Lust zu befriedigen. Ja, eigentlich ist durch diese Vorstellung erst wieder meine Potenz erwacht. Noch eins gefiel mir bei dieser Prostituierten: Sie sprach nicht und sah mich auch beim Akte nicht an, und dies war


über den sado-masochistischen Komplex. 213

das Eichtige. Wenn eine in solcher Lage zu sprechen beginnt, wie z. B. später meine Braut, so ist das ein Zeichen, daß sie in keiner leidenden Lage ist, es kommt mir zu resolut von ihr vor. Mein Ideal wäre, daß sie sich gewissermaßen fürchtet und seufzt oder Zeichen der Klage gibt, sowie jene Dirne, die beim Koitus immer schnaufte und ächzte. Bei meiner Braut hatte ich so lange starke Erektionen, als sie mir den Koitus weigerte. Da sie sich endlich bereit erklärte, war ich durch ihr Verhalten anfangs impotent. Es gelang mir schheßlich durch folgende Veranstaltung: Ich stellte mir vor, daß sie quasi Versuchskaninchen sei. Sie müsse gleichsam dazu herhalten, daß ich meine Lust auf irgend einer Weise befriedige, ob sie dabei Vergnügen empfinde oder nicht. Infolgedessen kam sie mir vor wie meine Sklavin. Vorher hatte ich ihr aufgetragen, stillezuhalten, wodurch mein Ideal vorgetäuscht wurde: ein Weib, das gezwungen ist zu einem Sexualakte. Förderlich war noch, daß ich die ersten paar Male mich nicht getraut hatte, meinen Penis vor ihr sehen zu lassen, und plötzlich habe ich mich getraut. Und während er größer wurde, dachte ich mir, das muß auf sie einen sozusagen erschreckenden Eindruck machen und bei ihrem schwächlichen und grazilen Bau sein Eindringen für sie mifc einer bedeutenden An- strengung verbunden sein. Und wenn sie am Ende dann und wann auch noch wirklich seufzte oder stöhnte, stieg mein Genuß auf den Gipfel."

Es wäre noch eine letzte Form des Sadismus zu nennen, die andern Ursprungs. ,, Schon mit 5, 6 Jahren hatte ich Phantasien merk- würdiger Art. Ich stellte mir alle jüngeren (etwa 20jährigen) Mädel meines Geburtsortes vor, ganz nackt und mit einem Stricke umfaßt, imd dann zog ich eine oder die andere mit diesem Stricke*). Aus- gelöst dürfte dies worden sein durch das berühmte Bild, wo ein schönes Weib mit Stricken an einen Pfahl angebunden ist. Als ich dies Bild mit 5, 6 Jahren gemeinsam mit meiner Schwester sah, fürchtete ich schon damals, sie könne mir ansehen, wie geil mich das mache. Dann habe ich Miederdamen gesammelt aus der ,Modenwelt'. Da hat mich auch die Art Fesselimg angezogen, der diese Damen unterlagen. Natürlich werde ich auch oft die Mutter gesehen haben, wie sie sich das Korsett


^) Später erzählt er die Phantasie in einer etwas andern Veraion. Er habe die Mädchen zusammengebunden und nachgeschleppt wie Sklaven, gleichsam zur Züchtigung. ,,Mir kommt dies auch vvie eine Reaktion oder Rache vor, weil sie mich nicht gehätschelt haben." Die wahren Gründe werden wir später erfahren .


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zuschnürte." — „Hatten Sie vielleicht das Verlangen, ihr dabei zu helfen?" — ,,Ja, das mag schon sein. Vielleicht, weil ich oft sah, wie Mutter sich das Mieder schnürte, daß ich darum die Phantasie hatte, mehrere nackte Frauen würden mit einem Strick zusammengebunden. Dann wird es vorgekommen sein, daß ich Mutter die Hände zusammen- hielt: ,So, jetzt kannst du dich nicht rühren!' Auch weiß ich ganz bestimmt, daß ich ihr von der Seite herumgegriffen und sie fest- gehalten habe, indem ich ihr von vorne und von hinten die Arme um den Leib schlang." — ,,Also Fesselung aus Liebe," — „Ja. Übrigens merke ich auch jetzt noch, wenn ich ein Mädchen, wie meine Braut, besonders stark um die Mitte zusammenpresse, bekomme ich eine Erektion."

,,Mit 15, 16 Jahren dachte ich bei erwachsenen Frauen, zumal der Tante, wenn ich nur in die Lage käme, sie auf eine unverfängliche Art, die meine Geilheit nicht verrät, quälen oder umschlingen zu können. Zur selben Zeit phantasierte ich auch oft, daß ich eine Ster- bende oder gar Tote koitiere. Da wäre ich doch ganz sicher gewesen, nicht verraten zu werden. Sie ist doch stumm und tot und sieht meine Geilheit nicht. Ich kann mit ihr machen, was ich will. Ebenso hätte ich bei anderen weiblichen Personen getan, die in einem Zustande sind, wo man ihnen gleichsam zu Hilfe kommt. Sagen wir: sie sind geknebelt, und ich fände sie so oder bewußtlos liegend. Und dann beschäftigte mich auch sehr in der Phantasie, eine aus dem Wasser zu ziehen oder aus dem Feuer zu retten. Daß dabei das Sexuelle nicht hervorleuchtet, war der Hauptgrund. Später an der Klinik kamen gynäkologische Untersuchungen an die Reihe, wo die Patientin ja auch nicht denkt, daß man seine Libido dabei befriedigt. Auch für Hexenprozesse hatte ich immer sehr großes Interesse. Da wird ja auch die Frau gemartert, ohne zu wissen, daß dies einen sexuellen Hintergrund hat. Immer möchte ich durch Grausamkeit das Sexuelle verdecken. Ich möchte grausam sein, damit die nicht merkt, es ge- schehe aus Sinnhchkeit. Dazu eignet sich besonders das Verbrecherische. Fensterin allein hätte mir nicht imponiert, wohl aber als Verbrecher bei einem Mädchen eindringen, sie fesseln, fortschleppen und ver- gewaltigen."

„Ob nicht die Ursache all dieser Phantasien ist, daß ich die Mutter einmal so daliegen sah und sexuelle Wünsche auf sie hatte? Das würde ja erklären, warum ich meine Libido immer verbergen will. Die durfte die Mutter ja nicht durchschauen. Als Kind von


über deu sado-masocliistiscben Komplex. ^1^

4 5 Jahren habe ich oft gedacht, warum sie doch nie krank wird

und sich niederlegt wie Tante und andere. Ich hatte direkt den Wunsch, wenn sie nur einmal krank würde, daß sie sich nicht bewegen und ich mit ihr sexuell alles machen könnte, was ich wollte. Ich weiß, es war meine liebste Beschäftigung, hin und her zu denken, wie ich einmal meine Befriedigung bekommen und irgend etwas Sexuelles an Tante oder Mutter tun könnte. Da habe ich die längste Zeit herum- phantasiert und tue das auch heute noch. Vielleicht ist dies sogar der Ursprung, daß ich meine Mutter gern hätte sterben lassen, was sich später in die Zwangsfurcht umsetzte, sie könnte leicht sterben. Auch die passive Rolle fehlt mir nicht, das Verlangen in meinen Phan- tasien, die Mutter solle mich selber in wehrlosem Zustande gebrauchen, z. B. mein Membrimi. bei sich einführen, während ich schlafe. Wahr- scheinlich produzierte ich auch deswegen immer das Glangerlweh, damit die Mutter sich liebevoll mit meinem Penis beschäftige, und auch die eigenartigen Schmerzen in den Beinen. Ob die Empfindung in den letzteren nicht auf das Eingeschnürtwerden in die Fatschen zurück- geht, wo ich ja auch ganz wehrlos war? Wenn die Beinschmerzen da sind, ist es, als wenn ich mich nicht rühren dürfte."

Wir stehen hier vor der tiefsten Erldärungdes Sado-Masochismus, der verstärkten Haut- imd Muskelerotik, während das entsprechende Zeremoniell bedingt wird durch die Erlebnisse einer frühen Kindheit, ja, direkt des Säuglings. Ehe ich dies im einzelnen vertiefe, will ich vorerst noch einige Details berühren: ,,Oft denke ich mir, wenn ich meine Braut gleich hinschleifen könnte auf einen Diwan und die Geschichte ganz brutal abmachen, dann wäre ich sofort potent. Auch habe ich das häufig als Kunstlmiff geübt, daß ich ihr die Brüste stark kniff, bis sie Schmerzen äußerte. Es ist hochbezeichnend, im Augen- blicke, da man einem Mädchen Schmerzen bereitet, hat sie einen viel lieber, küßt sie leidenschaftlicher und vrird viel inniger. Bei mir ver- deckt und ersetzt das gewissermaßen das Fiasko beim Koitus. Sowie man ihr einmal wehe tut, erwacht erst die Liebe.

Nun etwas, das die Rolle der Haut- und Muskelerotik ins hellste Licht stellt. ,,Auch das scheint mir wichtig: wenn ich meine Kräfte entfalten und mit der Schwester raufen wollte, hat mich meine Mutter zurückgerissen^). Ich wäre auch ein passionierter Turner geworden.


1) Dies bestätigte mir die Mutter mündlich: ,,Vielleiclit bin ich auch sjhuld an seinem Sadismus. Seine Stioföchweäter ist überaus empfindlich und


216 J. Sadger.

hätte ich nicht das Gefühl gehabt, ich darf keiner werden. Ich habe die Lust an den Bewegungen verloren und das Turnen als etwas Minder- wertiges angesehen, weil es nichts Geistiges ist, und dadurch wurde ich auch ein schlechter Turner. Weiter erduldete ich auch Hiebe von meinen Kollegen, ohne sie zurückzugeben. Ich habe mich dann gleichsam damit selbst entschuldigt, daß ich kein Mensch bin, der herumschlägt und herumhaut. Das war schließlich auch im Sinne meiner Mutter und erst jetzt, da ich mich eigentlich gesünder fühle, habe ich das Bedürfnis, irgend etwas zu tun, z. B. über einen Zaun zu springen. Es kommt mir vor, was jetzt noch an Schüchternheit in mir ist, hängt damit zusammen, daß ich früher nicht schlagen und nicht raufen durfte nach Belieben und Verlangen und auch im Gymnasium stets daran denken sollte, daß meine Mutter Schulgeld zahlen muß. Und ich hätte oft so gerne mitgeholfen beim Raufen und war auch hin und wieder dabei und einmal mußte ich es mit Karzer büßen und fürchterUchen Szenen von der Mutter. Dazu sagte sie noch: ,Du bist halt der Dumme und fällst hinein, die anderen sind viel gescheiter!' wodurch sie mein Insuffizienzgöfühl noch erhebUch verstärkte. Ich kann mich noch erinnern, welche Demütigungen mich eine Episode aus meinem 9. oder 10. Jahre kostete. Da haben wir beim Soldatenspiel einen Peldzug unternommen, sind auf eine Sandgrube hinaus, wo allerlei Verstecke waren, und haben ims dort postiert. Ich war gerade auf der Flucht durch den Wald begriffen, da erschienen Mutter und Schwester und nahmen mich beiseite und die Kollegen hielten mich für einen Feigling, als ich mit meinen Leuten nach Hause mußte. Ich habe mich geschämt imd war furchtbar deprimiert. Bei meinen Kollegen war ich immer der sich anschmiegende Teil. Darum hatten sie mich auch immer so gern, besonders im Gymnasium. Auch heute noch kommen sie mir so entgegen, daß sie mich umschlingen wie ein Mädchen: ,Na, Kurt- chen, wie geht es Dir denn?' mit einem Verkleinerungsausdruck. Ich habe mir oft schon gedacht, ob ich so minderwertig bin, daß die Kollegen es mir ansehen, ich sei kein rechter Mann und mich behandeln, wie man einen Kleineren behandelt." Es ist wohl durchsichtig, daß er hier das sich an die Mutter anschmiegende Kind posiert.

Daß, wie im Liebesleben überhaupt, auch im Sado-Masochismus dem Mutter-und-Kind- Spielen eine ganz bedeutsame Rolle zukommt,

nervös. Darum hielt ich den Buben immer zurück. ,Ich bitte dich, tue ihr nichts, laß sie gehen, tu's mir zuliebt' und das war schlecht. Er konnte sich nicht aus- toben wie andere Buben^ die sich mit ihren Geschwistern prügeln.'*


über den sado-masochistischen Komplex. 217

beweist auch noch folgender Bericht des Kranken aus seiner jungen Ehe: „Meine Frau ist mir zu naiv; sie faßt den Koitus zu natürUch auf, hat gleichsam keine Angst davor und wehrt sich entweder gar nicht oder derart, daß sie entschieden nicht will Aber so, als wenn ich sie gleichsam dazu zwingen müßte, sie es nicht wollte, aber not- gedrungen zugäbe, dieses Gefühl fehlt mir eigentlich noch und das erzeuge ich mir in der Phantasie." — ,, Woher rührt diese Ihre spe- zifische Liebesbedingung?" ~ „Ob ich das nicht in eigener Person bin ? Eigentlich gebe ich selber einem Drange nach, bei dem ich Schmerz empfinde, und will nun bei einer andern sehen, daß sie es tut wie ich." — „Also auch hier der Umweg über den Narzißmus. Sie suchen im Weibe eigentlich sich selbst." — ,,Ja, eigentlich ärgert es mich, daß sie nicht solche Beschwerden hat wie ich." — „Wer hat Sie denn so gezwungen, wie Sie jetzt Ihre Frau zwingen möchten?" — ,, Sollte das meine Mutter gewesen sein? Noch eines fällt mir ein. Am meisten imponiert mir, wenn ich höre, eine junge, hübsche Frau habe einen Mann nehmen müssen, der ihr nicht gefiel, bloß, weil sie ein armes Mädel war, daß sie also dadurch gleichsam gezwungen war. Das ist so ein sadistischer Zug, wobei mir besonders imponierte, die Frau ist gewissermaßen ein Objekt und muß sich das gefallen lassen, weil sie dazu da ist." — ,,Und wie war das bei Ihnen und der Mutter? Wo haben Sie bei einem Zwange Lust empfunden?" — ,,Z. B. wenn ich gereinigt wurde, geschah dies auch rücksichtslos. Ich mußte mir das gefallen lassen, hauptsächlich, als ich das Glangerlweh hatte. Da nahm sie allerlei Manipulationen vor. Ich durfte nicht hinuntergreifen, sondern mußte ruhig bleiben und mich nicht bewegen. Da war ich selbst der Leidende. Mir war das riesig unangenehm und ich hatte auch Schmerzen in der Harnröhre." — ,,Und trotzdem auch starke sexuelle Lust- gefühle?" — „Ja, gewiß", — ,, Hatten Sie schon vor dem Glangerl- weh beim Reinigen Unlustgefühle?" — „Vom kalten Waschen weiß ich, daß ich mir das gefallen lassen mußte, was mir sehr peinlich war." — „Ich vermute, Sie müssen auch bei der Geliebten stets die Mutter spielen, und wenn die Gehebte ihre Libido auf den Gipfel treiben will, dann muß sie sich benehmen, wie seinerzeit Sie sich selbst". Hier ist die Beziehung zur Haut-^) und Schleimhauterotik wohl völlig durchsichtig.

1) Für diese führe ich aus der Analyse noch folgendes an: ,,Das Ange- nehmste war mir in der Kindheit das warme Bad. Da tritt eine allgemeine Er- schlaffung und Wohlsein ein, gleichsam eine Asexualität, genau wie nach der


218 J. Sadgep.

Nun noch etwas, das die Beziehung des Narzißmus zur Be- wunderung durch d^e Mutter beweist. ,,Mit 15 — 17 Jahren beschaute ich sehr gern meinen erigierten Penis. Mir kommt vor, das Anschauen desselben hat mir alles andere ersetzen müssen. Eine mächtige Erektion war da imd ich habe mich rein hineingedacht, wie ein Mädchen meinen Penis ansieht, beinahe wie wenn ich es wäre." — „Sie spielten da wohl Mutter und Kind in einer Person, indem Sie sich vor sich selber als Mutter produzierten, so wie seinerzeit als kleines Kind." — ,,Auch das tat ich gerne. Wenn nicht ich mehr aus wußte, wie ich mir das vorstellen soll, in welcher Situation das Weib sich befindet, wenn man es koitiert oder im Begriffe ist, das zu tun, so habe ich mich selbst hingelegt wie ein Weib und dachte mir, jetzt liegt sie so da, um mir gleichsam zu ersetzen, was mir gefehlt hat, was ich nicht haben konnte. Ich habe mich so in ihre Situation hineingedacht, wie mir das gefallen würde, wenn sie so daläge imd ich auf ihr darauf liege. Es war nämlich

]\Iorphimnjektion. JJas waime Bad ersetzt einem beinahe den Koitus. Ich kann es iiiciib heiß genug kriegen, die geringste Kühle ist mir f>ehon unangenehm, das Darinhegen im lieißen Wasser kt tatsächlich ^yie ein Eräatz des Koitus» mein Gefühl nahm es auch immer dafür. Drum badete ich auch stets so gerne warm. Hingegen steigerten sich meine hysterischen Beschwerden und die Satyriasis enorm, als ich in die Schwimmachule ging oder eine Zeitlang zu Hause kalt badete, um mich abzaliarten und zu stärken . . . Wenn v/ir als Kinder ein warmes Bad bekamen, wollten wir gar nicht wieder heraus, ^Mutter mußte immer fürchterlich treiben. Da? Gefühl darin war das Schönste, was ich kannte. Wenn man über den kalten Rand der Vv^anue steigt und mit dein Gliede da ankommt, so ruft die.s einen Reiz hervor, der sich dann im warmen Wasser löst. Ob nicht mein hysterisches Zittern jetzt das Zittern nach dem Bade darateilt? Meine Mutter staunte oft, daß ich 30 fürchterlich mit den Zähnen klapperte und zu zittern begann, wenn es auch nocli gar nicht kalt war. Das ist bei mir viel stärker wie bei anderen 3.1ensclien. v/enn ich abends ins Bett steigen und das kalte Hemd anziehen mußte, da bekam ich eine solche Gänsehaut und solches Zähneklappem, daß es weit stärker war, als der Kälte entsprach. Die Mutter fragte mich oft, ob ich das zu Fleiß tue. Es ist das gleichsam die Übenvindung eines unangenehmen Zustandes, um in einen woliligen zu gelangen, und je länger dieser unangenehme Zustand gedauert hat, desto stärker wurde natürlich dieses Zittern, und gerade so war es beim Hoia,ussteigen aus dem warmen Bade, bis dio Mutter mir das warme Leintucli herumschlug und mich frottierte. Und wenn ich mit einem Mädel ein Verhältnis begann, bekam ich auch das Zittern, das immer ärger wird, so lange ich noch nicht intimer werden kann. Ich bekomme auch Zähneklappern und dadurch Erschwerung des Sprechens. Wenn ich sie umfangen kann, hört natürlich alles auf. . . Das, was man Orgasmus nennt, ist eigentlich riesig ähnlich dem Gefühle im warmen Bade. Man hat auch da die Rötung und schwitzt sehr stark, also Erektion und Ejakulation.*'


über den sado-masochisii.-;.iJvn Komplex, -li^'

nicht genug, daß icli die Phantasie hatte, sie liege da, sondern ich habe sie selbst gleichsam mit meinem eigenen Körper dargestellt/" Überflüssig zu sagen, daß es die Mutter ist, welche er so spielt, und die Phantasie auf seine infantilen Inzest wünsche zurückgeht.

Fall 3. Lust am Schlagen und GescMageuwerden, Blutsadismus und -masochlsmus.

233ährige Hysterika, ,, süßes Mädel". Trat mit einem Heer von hysterischen Beschwerden, die ich hier nur gelegentlich streife, in psycho- analytische Behandlung, Während dieser stellte sich bald heraus, daß jenes so überaus lüsterne Mädchen, welches eine Legion von Männer- verhältnissen hinter, sich hatte, eigentlich viel stärker, homosexuell empfand. Von sonstigen Besonderheiten ihres Falles hebe ich noch hervor, daß sie gleich ihrer Mutter an Nachtwandeln und Mondsucht litt und an einem ausgeprägten sado-masochistischen Komplex, der uns hier vor allem interessiert. Von diesem erweist sich die aktive imd passive Lust am Schlagen sowie der Blutmasochisnxus stark aus- geprägt, während das Vergnügen am Beißen und Saugen im Hinter- grunde bleibt.

Zur Ätiologie ist anzuführen, daß dieser Komplex in ihrer FamiÜe zu Hause ist, namentlich mütterlicherseits. Der Großvater war ein arger Potator und EpUeptiker, der, sonst seelengut, sich im Zustand der Trunkenheit durch Grausamkeit und Lust am Prügeln auszeichnete. Diese beiden letzteren Eigenschaften erbte seine Tochter, die Mutter der Patientin, die gegenüber imserer Kranken, schon da diese noch Kind war, oft aus einem ganz minimalen Anlaß eine Härte und Grau- samkeit entwickelte, ,,wie man sie selten finden dürfte. Wenn sie etwas mehr gereizt war, war sie kaiim mehr zu erkennen, so entf^tellte der maßlose Zorn ihre Züge. Sie war wie ein Mensch, der der Vernunft beraubt ist, und drohte ihrer Tochter oft, sie zu erwürgen. Anderseits verrauchte ihr Zorn aber auch bald, rmd wenn die Kleine um Verzeihung gebeten hatte, konnte die Mutter doppelt zärtlich werden. Ihre beiden Söhne zeigten stark sadistische Züge und können noch heute , ,roh bis zum Exzeß sein". Der ältere, war furchtbar jähzornig und gewalttätig, würgte seine Geschwister nicht selten, bis sie blau wurden, imd schlug, wenn er in Wut geriet, was bei dem germgsten Anlaß geschah, alles kurz und klem. Wenn die Mutter ihn prügelte, gab es oft die fürchterlichsten Szenen. Der jüngere hatte als Kind eine wahrhaft diabolische Lust, alles zu zerstören und zu demolieren, z. B. auch auf die Puppen seiner Schwester


220 J. Sadger.

mit Messer oder Schere loszustechen. Wie sehr das Beispiel der Mutter auf die Patientin fortwirkte, beweist, daß sie auch späterhin nur solche Menschen wirkhch lieben konnte, die wenigstens bis zu etaem gewissen Grade grausam sein konnten. ,,Dann erst vermochte ich für eine solche Person Liebe zu empfinden, gleichgültig, ob sie Mann oder Weib. Letz- teres muß überhaupt in meiner Phantasie stets voll Energie sein, und je rauher so eine Natur im Verkehre ist, desto größer meine Bewimderung und Verehrung. Die Liebe eines solchen Mädchens zu erringen, dürfte die größte Wollust in mir erwecken. Während man aber selten Mädchen findet, die sich mit der Liebe eines sie an- schmachtenden Weibes zufriedengeben, findet man oft bei einem Manne, der ja auch meist von Natur aus rauher imd energischer ver- anlagt ist, andere weibische Eigenschaften, z. B. schneeweiße Haut oder etwas rundliche, volle Formen. Dies, vereint mit Energie, ver- setzte mich später in höchste Wollust und ließ mich den größten Sexual- genuß finden, von dem ich bis dahin immer nur gehört hatte, ohne ihn doch jeraals für möglich zu halten. Von einem solchen Manne könnte man dann die größten Qualen, die ärgsten Beleidungen erdulden, auch wenn man sonst noch so empfindlich ist. Sie trügen nur dazu bei, die Lust in enormem Maße zu erhöhen. Ich bin der Meinung, es gibt keinen höheren und größeren Genuß, als von einem Manne, der mich kurz vorher gepeinigt, gequält und geschlagen hat, Liebe zu empfangen^)." Sehr früh schon zeigte sich bei ihr eine mächtige Lust am Ge- schlagenwerden. So berichtete sie in der Analyse: ,,Wenn ich als kleines Kind schlimm oder unfolgsam war, so bekam ich Schläge von der Mutter meist mit der Rute auf das nackte Gesäß. Dies erzeugte mir immer große Lust, wozu die Entblößung wohl auch viel beitrug. Je mehr ich heulte und schrie, desto mehr schlug mich die Mutter und mein eigenes Geschrei machte mir die größte Lust. Ich stellte mir immer vor, ich sei derjenige, der schlägt, imd das Jammern und Weinen der von mir geschlagenen Person regte mich so auf, daß mir meine eigene Stimme fremd, wie die eines andern vorkam und ich auch keine Schläge spürte. Diese Lust am Geschlagenwerden dürfte auf meine allerfrüheste Kindheit zurückgehen. Mutter liebte es nämlich, mir die Kleidchen aufzuheben und mich aus Zärtlichkeit etwas am Popo zu schlagen. Auch streichelte und küßte sie mich dort sehr gern, was in mir immer große Liist weckte, besonders das Küssen. Dies

^) Hier denke man wieder an das Vorbild der Mutter mit ihrer ver- doppelten Zärtlichkeit nach Strafe und Abbitte.


über den sado-masochiatischen Komplex. 221

kitzelte mich vorn und rückwärts und erregte mich sexuell, so daß ich immer zu lachen begann." Man erkennt hier deutlich die primäre Wirkung der von Haus aus gesteigerten Hauterotik, natürlich noch genährt durch das unvernünftige Gebaren der Mutter.

,,Auch das aktive Schlagen reizte mich sehr und erzeugte mir Lust* So erinnere ich mich deutlich, daß ich etwa mit zwei Jahren anfing, auch die Mutter zu schlagen. Ich sehe sie beim Wäschekasten stehen, wo sie Wäsche für den Vater herrichtet, und es erwacht das Verlangen in mir, einmal auch sie zu schlagen, wie sie es mir sonst tat. Ich gehe hin, spanne ihr zuerst die Röcke über dem Gesäße, wie es Vater machte, wenn er die Brüder prügelte, und fange an, fest zu schlagen. Ich plage mich, soviel ich kann, werde dabei im Gesichte vor Anstrengung hochrot und schlage immer heftiger zu, um so mehr, als Mutter tut, als ob sie weine, was meine Lust noch erhöht. Da auf einmal muß ich abbrechen, meine Arme fallen kraftlos herunter, ich bin außerstande, sie vor Schmerz und Müdigkeit nochmals zu heben. Doch nur für kurze Zeit, dann gehe ich über meine Puppe, der ich auch erst die Kleidchen aufhob, ehe ich sie prügle. Ihr Heulen und Schreien führe ich natürlich selber auf, während ich fortwährend zuhaue. Die nächste Person, die ich oft schlug, war unsere alte Bedienerin, die lange vor meiner Geburt schon immer ins Haus kam und an die ich mich hielt, wenn Mutter, wie so häufig, mit Bluthusten lag. Diese Bedienerin durfte ich nach Herzenslust hauen. Auch sie weinte und lamentierte zum Steinerweichen, imd ich drosch auch hier wieder fort, bis meine Arme ermüdet herunterfielen. Täglich hatte sie über Befehl der Mutter mir eine kleine Bäckerei vom Einkaufen mitzubringen. Wehe, wenn sie dies einmal vergaß! Ich wartete schon bei der Türe auf sie. Hatte sie die Bäckerei angeblich vergessen, was aber in Wirklichkeit niemals geschah, dann spannte ich ihr ebenfalls die Röcke und schlug, so fest und so lang ich konnte. Sie weinte ujid lamentierte genau wie die Mutter, und wenn ich vor Erschöpfung endlich aufhören mußte, dann drehte sie sich um und gab mir lächelnd die Bäckerei, Als sie es mir einige Male so gemacht hatte, fragte ich sie gar nicht mehr nach der Bäckerei, sondern fing sofort zu schlagen an. Ich glaube, daß ich mich mehr auf das Schlagen als auf die Bäckerei gefreut habe." Aus dieser Schildenmg ist zu ersehen, wie Patientin das Lustgefühl, welches sie ursprünglich selber empfand an der Haut der Nates, dann auch der geliebten Mutter gönnte, wozu dann noch weiter ihre mächtige Muskelerotik kam. Daß diese letztere stark im Spiel ist, erhellt auch daraus, daß die Kranke in ihrer Pubertät


222 j. Sadger.

von einer hysterischen Lähmung des rechten Armes befallen wurde, welche einzig die am Schlagen beteiligten Muskeln erfaßte.

„Als 2— Sj'ähriges Kind, da ich nachts zwischen meinen Eltern lag, schlug ich mit Händen und Füßen herum, sie beide treffend. Ich tat dies vollkommen bewußt, doch mit geschlossenen Augen, so daß die Eltern meinten, ich machte dies im Schlafe und mich darum ent- schuldigten. Als ich dann mit 7 Jahren zusammen mit meiner 13jährigen Schwester lag, schlug ich auch diese fortwährend mit Händen und Füßen, aber nun wirklich im Schlafe. Schließlich hielt es die Schwester nicht mehr neben mir aus und ich wurde nachts zur Mutter gelegt, bei der ich das nämliche Treiben wiederholte. Dies währte bis zu meinem 16. Jahre, bis ich zu Männern in Beziehungen trat. Mein Verhalten zu Schwester und Mutter rührt wohl daher, daß ich auch bei Tage unbe- wußt die nämlichen Wünsche hatte, die ich dann nachts im Schlafe ausführte, weü man für das, was man bewußtlos tut, nicht zur Ver- antwortung gezogen werden kann."

Als Mädel von 9—10 Jahren schleppte sie sich lange Zeit mit ganz kleinen Kindern herum, die sie trotz ihrer Schwächlichkeit auf den Armen trug, aber nur um mit ihnen genau das nämliche treiben zu können, was seinerzeit die Mutter mit ihr getan. Auch sie mimt also in ihrer Perversion die eigene Mutter. „Ich spielte z. B. mit einem IV^jährigen Buben, hob ihm das Kleidchen auf, begeilte mich an aemem Fleische, schlug ihn öfter auf den Popo und liebkoste ihn dann um so mehr. Nur konnte ich ihn leider nicht viel schlagen, da ich von den Eltern des Knaben viel überwacht wurde." Andere Untaten, die sie mit Kindern beging, werde ich später erzählen.

„Der jüngere meiner beiden Brüder, der offenbar auch selbst stark sadistisch ist, fand seinen größten Genuß darin, mich zu quälen und mir alle Spielereien zu ruinieren. Er bekam dann oft so fürchterliche Prügel von der Mutter, daß ich glaubte, er werde nicht mehr aufstehen. Ich aber empfand dabei heftige Lust, besonders wenn er die Schläge auf den nackten Popo bekam und furchtbar schrie. Hinterdrein tat ich, als bedauerte ich ihn, ja, weinte sogar mit, mn ihm so meine Liebe zu bezeigen. Im Innern aber wünschte ich ihm noch viel mehr Prügel. Mein Genuß wurde vermehrt, wenn er die Schläge auf meine Anklage hin bekam, was er freihch nicht wußte. Dann ließ ich mir die Striemen an seinem Gesäß zeigen, die ich dann küßte, fing an ihn zu liebkosen und verleitete ihn zu sexuellen Spielereien, die mir den höchsten Genuß bereiteten, so daß ich sogar unten ein Sekret auspreßte. Übrigens


Ü"ber den sado-masochistisclien Komplex. 223

zahlte mir mein Bruder mit Gleichem, verklagte auch mich heimlich bei der Mutter und weidete sich dann an den Schlägen, die ich kriegte." Hier haben wir neben der sexuellen Schaulust zum erstenmal etwas, das später im Zusammenhang abgehandelt werden soll: die nackte Lust an der Grausamkeit, so daß das Vergnügen unserer Patientin desto höher stieg, je größer das Leiden des geliebten Partners.

Ehe ich auf diese und den Blutsadismus näher eingehe, sei vorerst das organische Fundament der Perversion besprochen: die enorme Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik der Kranken. Nichts tat sie so gern, schon als ganz kleines Kind, denn sich an den nackten, molligen Leib ihrer Mutter anzuschmiegen. Wenn diese gut aufgelegt war, durfte sie zu ihr unter das Federbett schlüpfen imd sich an sie anpressen, deren volle Formen es ihr angetan hatten. „Das war kein Anschmiegen mehr", meint die Patientin, ,, sondern ein förmliches Anwinden. Ich suchte mich, ihrem ganzen Körper durch Winden anzupassen. Der erste Mann, mit dem ich später als 16jährige zusammenlag, sagte mir auch: ,Du windest dich an meinen Körper wie eine Schlange!' Ohne mir dessen bewußt zu werden, suchte ich aber an seinem Körper nur den Leib der Mutter und fand volle Befriedigung in bloßem Anpressen und Küssen, so wie bei dieser, während ich den Koitus damals noch nicht ziüieß." Auch weiterhin kam es noch öfter vor, daß sie einem Manne den Bei- schlaf weigerte, dafür aber sich mit größter Leidenschaft an seinen nackten Körper anpreßte. Da sie ein Schulmädel war und sogar noch früher, schützte sie allerlei Beschwerden vor, rmi von der Mutter ins Bett genommen zu werden. Als ganz kleines Kind will sie endlich, wenn diese sie auf dem Arme trug, ihren Kopf fest an deren Brust gepreßt haben, während die gespreizten Finger ihrer Hände die zweite Brust der Mutter zu umfassen suchten ,,in unendlicher Wollust". Wie stark hierbei ihr Vergnügen gewesen, erhellt auch daraus, daß selbst organisch begründete Leiden, wie Zahnschmerzen, aufhörten, sobald sie von der Mutter so getragen wurde. Auch wenn sie auf deren Schöße saß, machte sie sich besonders gern mit ihren Brüsten zu schaffen oder knöpfte ihr die Bluse auf, um hineinzufahren. Nächst den Mammae waren es vor allem die Nates ihrer Mutter, die sie besonders leidenschaftlich drückte.

Neben einer in der Schule sich unliebsam bemerkbar machenden Incontinentia urinae litt sie auch sehr lange an Enuresis nocturna. Femer bestand eine besondere Lust am Jammern und Schreien, wenn sie oder andere Prügel bekamen, wie wir bereits oben vernommen haben.


^24 j. Sadger.

Später pflegte sie beim Koitus in höchster Lust zu winaeb. Endlich gibt sie noch direkt an, was zur Muskelerotik hinüberführt: „Wenn ich niich an der Mutter erregte, so preßte ich immer zwischen meinen Beinen entweder ihren Schenkel oder als ganz kleines Kind ihre Hand. Später gab ich dann meine eigene zwischen die Beine. Immer, wenn ich fest zusammenpreßte, kam unten ein« Flüssigkeit heraus; dabei bestand auch stets ein Drang zum Urinieren, der sich auch nachts im Schlafe einstellte, wenn ich von jenen Szenen träumte." Eine ähnliche Mit- erregung der Urethralerotik erfolgte auch später, als sie jene onanistischen Akte mit dem Bruder fortsetzte.

Ihre Muskelerotik verriet sich sehr früh in einer intensiven Lust am Tanzen. Als sie 4 Jahre zählte, gab es zu Hause ein Pest, an dessen Schlüsse ein Tänzchen arrangiert wurde, „Ohne es je gelernt zu haben, fing ich im Walzerschritt Solo zu tanzen an, was mir allgemeinen Beifall erwarb. Dann tanzte ich mit meinem Bruder, wobei es jedermaim auf- fiel, daß ich unbewußterweise den Herrn beim Tanzen machte. Die Eltern waren über meine unerwartete Geschicklichkeit hoch erfreut und besonders Vater konnte sich nicht satt sehen. Als wir bald darauf em Ariston bekamen, begann ich zu dessen Klängen immer zu tanzen, wobei ich wieder die alte unendliche Wollust verspürte. Meine Augen glänzten, meine Wangen wurden hochrot, wie immer, wenn ich sexuell sehr erregt war. War ich mit dem Tanz fertig, dann stürzte ich auf den Schoß der Mutter, mich fest an ihre Brust pressend. Angeblich war es Müdigkeit, in Wahrheit aber die höchste Wollust infolge der schwindelnden Bewegung, die mich in ihre Arme trieb. Dieselben schwingenden Bewegungen wie beim Tanzen hatte ich auch verspürt, wenn Mutter mich als kleines Kind einschläferte. Auch mit 10 Jahren gab es eine Epoche, wo ich, ohne es je gelernt zu haben, die schwierigsten Tänze mit den Großen tanzte. Nach Vaters Tode drang ich in die Mutter, mich zur Tänzerin ausbilden zu lassen, was aber an unserer Armut scheiterte. Später wurde ich dann eine ganz leidenschaftliche Tänzerin auf kleinen Kränzchen."

Nun zum Blutsadismus, Für diesen sind hier zwei Ursprünge nachweisbar. Zunächst derjenige, der wohl regehnäßig in all solchen Tällen bei Frauen aufzuzeigen ist : die mächtig gesteigerte Vaginalerotik, die ad menstruationem besonders wollüstig angeregt wird und bei unserer Kranken sehr früh zu maßlosem Masturbieren imd später zu einem zuchtlosen Leben führte. Neben dieser landläufigen Ätiologie besteht aber hier noch eine zweite; mehr singulare, die aber zeitlich


über den sado-masochistisclien Komplex. 225

weit früher in Erscheinung tritt und auf der Munderotik fußt. Sie knüpft

zimäclist an eine Form des Sadismus an, die wir als extreme Beiß-

und Sauglust bezeichnen dürfen. Patientin soll, wie ihre Mutter noch

heute erzählt, so häufig und stark an deren Brüsten gesogen haben,

daß sie ihr, die ohnehin an Hämoptoe litt, angeblich „das Blut durch

das Saugen herbeizog*'. Die Kranke behauptet, einmal mit sechs

Monaten direkt Blut statt Milch in den Mund bekommen zu

haben, was nach der Verdrängung die tiefste Wurzel ihres spätem

hysterischen Erbrechens geworden. So viel bestätigt auch die Mutter,

daß sie die Kleine mit 6 Monaten wegen Blutungen aus der Lunge

absetzen mußte. „TJm mir den Übergang zu erleichtern, durfte ich,

als sie wieder wohl war, etwas und ganz leicht an ihrer Brust saugen

und obendrein dort mit den Händen spielen. Später, so zwischen I und

2 Jahren, fing ich an, sie in die Brust zu beißen und zu zwicken. Ich

wollte ihr weh tun und vielleicht unbewußt Blut durch eine Verletzung

wieder herbeiziehen 1). Saß ich auf ihrem Schoß, so riß ich ihr rasch die

Bluse auf und biß sie in die Brust. Anfangs lamentierte und weinte

sie im Scherz, als hätte ich ihr wehe getan. Ich fuhr nun jedesmal auf

ihre Brust los, daß sie sich meiner kaum erwehren konnte, biß, kratzte

und schlug, und wenn sie dann die Hand vors Gesicht gab und tat,

als ob sie weinte, empfand ich die allergrößte Wollust. Erst zum Schlüsse

fing sie laut zu lachen an, was eine Wurzel wurde für meine Verstellung

mein ganzes Leben lang. Ich konnte lamentieren und weinen, um

dann im nächsten Äugenblicke aufzxdachen,"

Dann erinnert sie eine sehr frühe Episode. ,, Mutter klagte immer, ehe der Bluthusten kam, über süßlichen Geschmack im Mimde, große Angstzustände und starkes Würgen im Halse. Einmal, mit zirka 2 Jahren, saß ich mm auf ihrem Schöße und plagte mich gerade, die Knöpfe ihrer Bluse zu öffnen, was mich schon sehr erregte, als sie plötzlich sich zu räuspern begann und ich auf ihren Lippen Blut erblickte. Dies übte in meinem erregten Zustand einen unendlichen Reiz auf mich aus. Ich griff nach ihren Lippen, mu dann die Pinger abzulecken. Eben wollte ich das Blut zum Munde führen, als sich die Mutter nochmals räusperte und nun viel Blut kam. Mutter mußte rasch ins Bett und durfte sich nicht bewegen. Ich aber stand bei ihr und wartete sehn- süchtig, ob nicht vielleicht noch Blut über ihre Lippen komme. Man schickte mich fort, weil Mutter Ruhe, viel Ruhe haben müsse, um wieder gesund zu werden. Aber ich wollte ja gar nicht, daß sie gesund würde,

1) Das ist natürlich nachträgliche Rationalisierung ihrer inf antileuBeißhist. Jahrbuch für psychoanalyt. u. psycbopathol. Forschungen. V. 1*5


226 J. Sadger.

nur recht viel Blut sehen, was mir ja solche Lust bereitete. Ich ver- suchte nun, mich recht fest zu räuspern, vielleicht kam dann auch Blut. Ich tat dies so stark, daß ich einen ganz rauhen Hals bekam, aber nie kam Blut. Dann versuchte ich es, mich selber in die Lippen zu beißen, doch ohne wesentlichen Erfolg. Als mich kurz darauf Vater auf seinen Schoß nahm, kamen mir seine prächtigen roten Lippen wie blutiges Fleisch vor, weshalb seine Küsse mich besonders aufregten. Einigemal glaubt« ich direkt, bei diesen Küssen Blut zu verspüren, ja, bald fing ich an, ihn während derselben in die Lippen zu beißen und an seinem Mund zu saugen, er konnte mich kaum loskriegen,.. Auch wenn Mutter sich mit uns aufregte, weil wir z. B. nicht folgten, und sie uns schlagen mußte, bekam sie oft Bluthusten. Die Spuren desselben hatte ich häufig Gelegenheit, in der Wäsche, im Leintuch und im Nacht- topf zu sehen." Ich darf noch hinzufügen, daß auch ihre sadistische Koitustheorie dahin gefärbt war, der Vater steche die Mutter beim Ver- kehre blutig.

Seit frühester Kindheit durchzieht eine kolossale Blutlust ihr ganzes Leben, ein Verlangen, fremdes Blut zu schauen, wie ihr eigenes bei jedem Anlaß zu verspritzen. Wenn sie mit den Geschwistern das Lied vom Heideröslein singt, dann stellt sie sich bei den Versen: „Knabe sprach, ich breche dich, Köslein auf der Heiden ! Röslein sprach, ich steche dich,.." regelmäßig ein Mädchen vor, vermutlich sie selbst, auf einem Küchenbrett liegend, und vor ihr einen Knaben (ihren jüngeren Bruder), der mit dem großen Küchenmesser der Mutter — unverkennbar dem Membrum des Vaters — auf sie lossticht, vornehmlich auf Brust und Bauch, bis sie über und über von Blut trieft. Dabei erfüllt sie ,, unsagbare Wollust" und jedesmal steigt ihr das Blut zu Kopf, öfters erzählt ihr die Mutter Märchen, wenn sie auf derem Schöße sitzt. Eines erinnert sie noch von einem Häschen, das zwei Mädchen mit einem Karren überfuhren^ worüber diese hinterdrein furchtbar jam- merten. Unsre Kleine hört mit vor Erregung geröteten Wangen zu imd weint äußerhch auch heftig. Insgeheim aber wünscht sie dem Häslein „recht viel Schmerzen und arges Blutvergießen". Mit leuchtenden Augen steht sie dabei, wenn Mutter in der Küche Wild tranchiert, und mit 10 Jahren stiehlt sie sich trotz strengsten Verbotes in den Nachbarkeller des Geflügelhändlers, wo Hühner abgestochen werden, was sie hoch- gradig sexuell erregt.

Auch das Vergießen des eigenen Blutes, macht ihr hohe Lust. ,,Ich blutete sehr leicht vom Zahnfleisch, auch wenn ich nur saugte.


über den sado-masochistischen Komplex. 227

und hatte nicht selten morgens auf dem Polster Blut. Auch beim Zähne- putzen bekam ich den Mund oft voll. Später, so von 8 Jahren an, stach ich mich öfter selber ins Zahnfleisch, um das mich so erregende Blut zu sehen. Auch brauchte ich das Zahnfleisch bloß etwas zusammen- zupressen, damit Blut herauskam. Manchmal, wenn ich lachte, riefen sie zu Hause oder in der Schule: ,Gott, du hast ja den ganzen Mimd voll Blut!' Vermuthch spielt auch der Wunsch mit, Blut zu husten wie die Mutter und mich daran zu erregen, dann femer auch soviel Liebe zu empfangen wie Mutter, wenn sie krank war." Neben diesem Psychischen ist wohl auch ein Organisches anzunehmen, wahrscheinlich von der Mutter vererbt, eine gewisse hämorrhagische Diathese, viel- leicht eine größere ZerreißHchkeit ihrer Blutgefäße. Als sie z. B. mit 15 Jahren sich einen Zahn extrahieren ließ, ging das ganz leicht, hinter- drein aber stellte sich eine mächtige Blutung ein, die nur mit größter Mühe gestillt werden konnte. Der Arzt hieß sie direkt „eine Bluterin". Metro- und Menorrhagien von ähnlicher Heftigkeit werden uns später beschäftigen. Hier will ich nur ergänzen, daß sie mit 8 Jahren von ihrem Bruder angeleitet ward, sich mit der Kleiderbürste auf die Hand zu schlagen, wobei stets kleine Blutstropfen austraten. Schlug sie nur etwas länger, so glich es bei ihr angebUch einem Blutmeer, so mächtig quoll das rote Blut hervor. Später versuchten sie und ihr Bruder, sich gegenseitig zu tätowieren, wobei sie sich mit Nadeln stachen, ,,bis das Blut nur so herniederrieselte", was auf sie einen ,, stark sinnlichen Reiz" ausübte. Andere Male wieder schlugen sie sich gegenseitig ad nates und ruhten nicht eher, als bis das Holzstäbchen, mit dem sie losdroschen, ganz rot gefärbt war. Endlich wäre noch anzuführen, daß sie schon als kleines Mädchen schmerzhafte Operationen oft lautlos ertrug, zu großer Verwunderimg der Eltern und des Arztes, weil ihr ,,das schöne, rote Blut" und auch der Schmerz als solcher hohe Lust bereiteten. Bis- weilen rüstete sie sogar selber alles Nötige her, wie Stühle, Watte, Wasser usw.

Von besonderer Wichtigkeit waren natürlich die Blutungen aus dem Genitale. ,,Als mit 14 Jahren meine erste Periode eintrat, da konnte ich sie kaum erwarten. Ich wollte nur Blut sehen, recht viel Blut. Als ich eines Morgens beim Erwachen dies auf meinem Lager sah, erfaßte mich ein Glücks- und Wollustgefühl, das ich nicht beschreiben kann. Ich wünschte mir nur recht viel Blut zu verHeren und tatsächlich währte die erste Menstruation zirka 10 Tage und hörten die Blutungen fast gar nicht auf. Dies wiederholte sich dann regelmäßig, bis die Psvcho-

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analyse ilire Dauer auf 5 Tage herabsetzte und auch den Blutverlust geringer machte. Was ich während dieser 9 Jahre an Blut ver- loren habe, würde niemand für möglich halten. Oft lag ich nachts während der Menstruation in einem förmlichen Blutbad. Wenn ich Blut sah, fingen meine Augen förmlich zu glühen an. Als Kind ver- drehte ich sie bei solchen Anlässen. Schon kleine Ursachen, vor allem aber Gemütsaufregungen reichten hin, um auch in der Zwischenzeit entweder sofort oder in wenigen Tagen Blutungen hervorzurufen. Es gab öfter Zeiten, wo ich fast jede Woche Blutungen hatte."

Mit 16 Jahren wurde sie unter „fürchterlichen Schmerzen^)" und profusen Blutungen defloriert. Noch stärker waren die letzteren beim zweiten Koitus 8 Tage später^). Als sie wenige Stunden später ,, zufällig" an der Nähmaschine zu tun hatte, wurde durch das Treten die Blutung so arg, daß der nach einiger Zeit geholte Arzt an einen Abortus glaubte, die Hämorrhagie nur mit größter Mühe zu stillen vermochte imd schon an Überführung der Patientin ins Krankenhaus dachte. Trotz der Tamponade begannen in der Nacht die Blutungen von neuem, so daß am Morgen der Arzt von der Möglichkeit einer Auskratzung sprach. Dies war, wie sie meint, die Ursache einer Zwangs- furcht, welche sie nun eine Zeitlang verfolgte, bei Wiederholung des Koitus einen Blutsturz zu bekommen. Darum gab sie in den nächsten Monaten zwar nicht den Verkehr mit Männern auf, wohl aber wehrte sie ihnen das Letzte. Während der Analyse zeigte sich dann eine andere Phobie. Kaum waren die Menses nämlich jeweils vorüber, so quälte mich die Kranke gleich am nächsten Tage um ein Mittel, sie neuerdings wieder in Gang zu bringen. Das war nun natürlich nicht Furcht vor Schwangerschaft, die sie bei ihrem infantilen Genitale überhaupt nicht zu befürchten hatte, als der Wunsch, ihre Vagina ständig von Blut überströmt zu fühlen, aus ihrer Schleimhauterotik heraus.

In der ersten Kindheit wähnte sie immer, Blut trete nur bei Angätzuständen, wie bei der Hämoptoe der Mutter oder unter großen Schmerzen auf. ,,Und wenn ich sah, daß jemand große Schmerzen ausstand und Angstgefühle hatte, so konnte ich den größten Genuß


^) Diese worden dadurch, glaubwürig, daß ich 8 Jahre spiter voa ihrem ¥i:aueriarzte veraahm, sie besitze eia durchaus infantiles Genitale.

  • ) Hiermit iat eine irrige Angabe dei theoretischen Teile3 richtig gestellt.

Zuerst erklärte die Patientin, ihre Hämorrhagie am Tage der Defloration be* kommen zu haben, stellt dies aber im Verlaufe der Analyse in der oben angeführten Weise richtig.


über den sado-masoctistischen Komplex. 229

empfinden. War die Mutter z. B. an Bluthusten erkrankt oder der herzleidende Vater an einem Asthmaanfalle, dann weinte und jammerte ich angeblich, so bei der Mutter bereits mit zwei Jahren. Würde man mich aber in einem unbewachten Moment gesehen haben, dann hätte man ein Lachen auf meinem eben noch so traurigen Gesicht entdecken können. Ich versteckte meinen Kopf in den Händen, nur imi. lachen zu können. Wenn meine Angehörigen glaubten, ich weine, und mich zu trösten begannen, ließ ich es ruhig geschehen, ja, weinte wirküch, ima hinterdrein, allein gelassen, schnell in ein vom gewöhnlichen ganz verschiedenes Lachen auszubrechen. Ja, noch mehr, Trauer oder Schmerzen weckten in mir seit der ersten Kindheit die stärkste Lust. Mich an dem Menschen, dem ich eben noch die größten Qualen ge- wünscht hatte, oder der viele Schmerzen litt, oder der mich selber peinigte und schlug, wie in erster Linie meine eigene Mutter, sexuell zu erregen, war mein höchster Genuß. Dies ist wohl darauf zurück- zuführen, daß mich Mutter nach dem Schlagen, wenn ich sie ordnungs- und pflichtgemäß, wie es bei uns eingeführt war, um Verzeihung ge- beten hatte, gleich wieder liebkoste. Soviel Liebe tat nach den Prügeln doppelt wohl, so daß ich mich alsbald geschlechtlich aufzuregen begann. Um diesen erhöhten Genuß zu erlangen, ging ich oft geradezu darauf aus, meine Mutter durch Unfolgsamkeit oder Lüge so lange zu reizen, bis sie mich schlug. Bezeichnend war ihr Wort: ,Dir ist nicht leichter, wenn du nicht Prügel bekommst !' Freilich ahnte sie keineswegs, wie sehr sie den Nagel auf den Kopf getroffen."

Besonders charakteristisch war der Kranken Betragen beim Asthma cardiacum ihres Vaters. Zwei Jahre vor seinem Tode — dieser erfolgte, als sie sieben Jahre zählte — häuften sich die Anfälle und sie hatte öfter Gelegenheit zu sehen, wie der Vater Beklemmungen und '[furchtbare Angstzu^tände bekam imd mit dem Atem rang, öfter kam der Anfall unerwartet und dann hieß es: ,,Nur rasch die Kinder hinaus!*' „Wir schlichen nun davon", setzte die Kranke fort, ,,aber langsam, sehr langsam ging es bei mir. Keinen Blick wandte ich von Vaters nun entsetzlich weiß gewordenem Antlitze. Ich sah ihn leiden und verspürte nicht nur kein Mitleid, sondern dbekte Wohl- lust. In meinem Gesichte prägte sich tiefste Teiluahme aus, ich klagte, daß der Arme soviel Schmerzen litte, meine Augen waren meist mit Tränen gefüllt, allein wie es in meinem Innern aussah, hätte niemand erraten. Wünschte ich doch dem besten aller Väter, der nur für seine Familie lebte imd mir ganz besonders alles zulieb tat, die ärgsten An-


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fälle mit den größten Schmerzen, ja sogar den Tod! Doch es sollte noch ärger kommen/'

„Vater war schon sehr miserabel, mußte ständig das Bett hüten und die eiskalten Beine mit warmen Tüchern eingewickelt bekommen. Es war Nachmittag und Mutter schickte ims ins Nebenzimmer, wir sollten beten, daß der Vater nicht sterben müsse. Das taten wir nun auch, ich aber setzte meiner Grausamkeit die Krone auf, denn ich betete um seinen Tod. Als Mutter dann mit der Botschaft kam, es sei alles vorüber, da war ich in meinem Innern sicher, der Tod sei nur auf mein Beten erfolgt, und schon begannen sich schwere Selbst- vorwürfe zu regen. Ich weinte und schrie und warf mich am Boden herum imd konnte kaum beridiigt werden. Dann ging ich schnell ins andere Zimmer, stellte mich zum Spiegel imd lachte. Es tat mir wohl, mich selbst lachen zu sehen, wo alles weinte. Trat nun jemand an mich heran, so fing ich mein Heulen wieder von vorne an, um nur recht bedauert zu werden imd recht viel Mitleid zu erhalten. Nach zwei Tagen war mein Gesicht vor lauter "Weinen kaum mehr zu er- kennen. Mir tat es so wohl, zu Hause von Mutter und Verwandten zu hören: ,Armes Kind, so gern hast du deinen Vater gehabt!' oder , Jetzt hast du keinen Vater mehr, und gerade du warst sein Liebling!' Solche Reden brachten immer einen neuen Tränenstrom zum Aus- bruche. Ehe man Vater auf den Friedhof hinaustrug, bat ich die Mutter. ihn noch einmal küssen zu dürfen. Das letzte Busserl sollte er von mir bekommen. In Wahrheit hatte ich nur den Wunsch, mich an seinen Lippen noch einmal recht erregen zu können. Aber, o weh! Seine Lippen waren nicht mehr rot, sondern bläulich und riesig kalt und ein noch ärgerer Geruch entströmte dem Munde. So küßte ich die Lippen des Vaters nur flüchtig. Hinterdrein trat Brechreiz und Ekel auf, die sich später nach dem Geschlechtsverkehr regelmäßig wieder- holten."

Nun noch einige Ergänzungen zu ihrem Masochismus und dessen Begründung. Die Patientin liebte es, sich zum Genüsse zwingen zu lassen, indem sie tat, als sträubte sie sich, um durch gewaltsame Be- siegung ihres Widerstandes die Lust zu erhöhen. Insbesondere in den Liebesspielen mit dem Bruder reizte sie ihn vorerst auf das äußerste, dann aber weigerte sie sich unter irgend einem Vorwande, um von dem Stärkeren genötigt zu werden: „Wenn der Bruder über mich kam, mich mit beiden Händen festhielt und dann rückwärts entblößte, war der Gipfel meiner Lust erreicht. Meist schlug er mich dafür, daß


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ich ihm nicht folgte, und ich glaube, es war wieder nur die Erinnerung an die Mutter, was mich so erregte. Auch bei dieser widersetzte ich mich ja den meisten Anordnungen und bekam Schläge, gegen die ich mich sträubte, nur um so den höchsten Genuß zu erreichen/*

,,Von meiner Kinder- und Schulzeit ab bis zum 19. Jahre war mein sehnlichster Wunsch, ein Kind zu bekommen. Eigentlich wollte ich nur Mutter imitieren und etwas haben, über das ich allem zu ver- fügen hätte, das geduldig, ohne sich wehren zu können, alles über sich ergehen lassen müsse. So ein Kind könnte ich sowohl auf die Lippen als zwischen die Schenkel küssen, vorne imd rückwärts, es kitzeln, an seinem Mimde saugen und mich nach Herzenslust an ihm erregen. Dann wieder könnte ich es schlagen imd quälen, um es hinter- drein doppelt gern zu haben. All das hatte Mutter mit mir getan, indem sie mich zuerst wegen des kleinsten Unrechtes fest mit der Kute züchtigte, oft stimdenlang am Boden knien ließ, dann aber, nachdem ich um Verzeihung gebeten, wieder in ganz überschwänglicher Weise liebkoste. Schläge oder harte Strafe erhöhten die Liebe zur Mutter und oft, wenn ich wegen eines kleinen Ungehorsams ahnte, daß mir Schläge bevorstanden, brachte ich schon selbst die Rute, d. h. ich ließ sie, indem ich heimlich am Spiegel rüttelte, zu Boden fallen, damit sie Mutter nur rasch bei der Hand hätte^). Einige Male mußte ich auf ihren Befehl sogar selber die Rute zu meiner Bestrafung holen. Ich tat, als fiele mir dies ungemein schwer, so daß sie mich förmlich dazu zwingen mußte. Und doch ließ ich mich so gerne zwingen, weil dies den Reiz und die Lust besonders erhöhte. Ob dies nicht in tiefster Wurzel darauf zurückgeht, daß ich schon als ganz kleines Kind, wenn Mutter mich anzog, oder, wie ich vermute, vielleicht noch früher, wenn ich als Säugling eingewickelt wurde, mich aus Leibes- kräften wehrte, bis Mutter mir einen leichten Klaps auf den Popo gab oder mich gewaltsam lunwendete?" Wie man sieht, führt auch diese Patientin ihren Masochismus, die Lust am Zwange und Geschlagen- werden, auf die Säuglingspflege zurück, genau wie Fall 1.

Nun noch eine aktive, also sadistische Anwendimg des also Er- lebten. Mit zehn Jahren gab sie sich viel mit dem zweijährigen Mädchen einer Kachbarin ab, die froh war, wenn ihr jemand die Sorg^ \un die Elleine abnahm. ,,Ging ich mit dem Kinde spazieren", erzählte die

^) Auch bei ihren späteren Liebesverhältnissen kam es öfter vor, daß sie dem Amant eine direkt dazu gekaufte Rute brachte, er solle =:ie vor dein Akte schlagen, weil das ihre Lust auf das höchste steigerte.


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Patientin, ,,so fing ich meine Grausamkeiten an. War ich allein in einem Parke, so zwang ich es, mir unfolgsam zu sein. Ich sagte ihm auf eine Frage von mir kecke Antworten vor, die es ahnungslos wieder- holte, wofür ich ea schlug. Am liebsten ließ ich es mir widersprechen, was ihm die ärgsten Prügel eintrug. War das Kind mit mir allein, so war es nicht wiederzuerkennen. So trotzig imd widerspenstig zu Hause, so folgsam und scheu mir gegenüber. Ich zerrte die Kleine oft schauerlich herum und schlug sie, wenn sie mir etwas nachsagen mußte, so fest auf den Mund, daß die Lippen zitterten. Wollte sie in Weinen ausbrechen, so verbot ich es ihr. Sie wagte es nicht zu tun, konnte es aber oft nicht mehr zurückhalten imd rang förmhch damit. In der Nähe hatten wir eine sehr steile Gasse, über die zu gehen das Kind sich fürchtete. Ich aber zwang es dazu, indem ich es an die Hand nahm und dann, so rasch es ging, über den Abhang hinunterlief. Die arme Kleine hat gewiß Todesangst ausstehen müssen, da sie natür- lich den Boden unter den Füßen verlor und fast in der Luft hing. So zerrte ich sie fast täglich über jenen Abhang."

,,Mit diesem Hinunterlaufen imd dem Nachschleppen des sich fürchtenden Kindes wiederholte ich etwas, das ich als kleines Mädchen selber erlebt hatte auf einem Abhänge in Schönbrunn und wobei ich ebenfalls Todesangst ausstand. Überhaupt ist bezeichnend, daß ich das Kind jetzt zu all dem zwang, zum Widersprechen, mit dem Fuße Strampfen und Hinimterlaufen, was mir einst selber Schläge oder Angst eingetragen hatte. Und auch die Strafe, Aufheben des Kleidchens und Schläge aufs G^säß beim geringsten Widerspruch, war genau das gleiche, was mir widerfahren.*' Zu ergänzen ist nur, daß auch unsere Kranke damals vermuthch Lustgewinn zog aus der sexuellen Kom- ponente, die jede größere Angst abspaltet, und daß sie diese Lu^t jetzt dem anderen Kinde gleichfalls zuteil werden lassen wollte.





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