Würde der Frauen  

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Kunstformen der Natur (1904) by Ernst Haeckel
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Kunstformen der Natur (1904) by Ernst Haeckel

Würde der Frauen is Schiller's poem in honor of women.

Würde der Frauen.


    Ehret die Frauen! Sie flechten und weben
    Himmlische Rosen ins irdische Leben,
    Flechten der Liebe beglückendes Band.
    Sicher in ihren bewahrenden Händen

5

    Ruht, was die Männer mit Leichtsinn verschwenden,
    Ruhet der Menschheit geheiligtes Pfand.

Ewig aus der Wahrheit Schranken Schweift des Mannes wilde Kraft, Und die irren Tritte wanken 10 Auf dem Meer der Leidenschaft.

Gierig greift er in die Ferne, Nimmer wird sein Herz gestillt, Rastlos durch entlegne Sterne Jagt er seines Traumes Bild.

15

    Aber mit zauberisch fesselndem Blicke
    Winken die Frauen den Flüchtling zurücke,

[187]

    Warnend zurück in der Gegenwart Spur.
    In der Mutter bescheidener Hütte
    Sind sie geblieben mit schamhafter Sitte,

20

    Treue Töchter der frommen Natur.


Feindlich ist des Mannes Streben, Mit zermalmender Gewalt Geht der Wilde durch das Leben, Ohne Rast und Aufenthalt. 25 Was er schuf, zerstört er wieder,

Nimmer ruht der Wünsche Streit, Nimmer, wie das Haupt der Hyder Ewig fällt und sich erneut.

    Aber zufrieden mit stillerem Ruhme,

30

    Brechen die Frauen des Augenblicks Blume,
    Pflegen sie sorgsam mit liebendem Fleiß,
    Freier in ihrem gebundenen Wirken
    Reicher, als er in des Denkens Bezirken.
    Und in der Dichtung unendlichem Kreis.

[188] 35 Seines Willens Herrschersiegel

Drückt der Mann auf die Natur, In der Welt verfälschtem Spiegel Sieht er Seinen Schatten nur, Offen liegen ihm die Schätze 40 Der Vernunft, der Phantasie,

Nur das Bild auf seinem Netze, Nur das Nahe kennt er nie.

    Aber die Bilder, die ungewiß wanken
    Dort auf der Flut der bewegten Gedanken,

45

    In des Mannes verdüstertem Blick,
    Klar und getreu in dem sanfteren Weibe
    Zeigt sie der Seele krystallene Scheibe
    Wirft sie der ruhige Spiegel zurück.

Immer widerstrebend, immer 50 Schaffend, kennt des Mannes Herz

Des Empfangens Wonne nimmer, Nicht den süßgetheilten Schmerz, [189]

Kennet nicht den Tausch der Seelen, Nicht der Thränen sanfte Lust, 55 Selbst des Lebens Kämpfe stählen

Fester seine feste Brust.

    Aber wie, leise vom Zephyr erschüttert,
    Schnell die Aolische Harfe erzittert,
    Also die fühlende Seele der Frau.

60

    Zärtlich geänstigt vom Bilde der Qualen,
    Wallet der liebende Busen, es strahlen
    Perlend die Augen von himmlischen Thau

In der Männer Heerschgebiete Gilt der Stärke stürmisch Recht, 65 Mit dem Schwerdt beweist der Scythe,

Und der Perser wird zum Knecht. Es befehden sich im Grimme Die Begierden – wild und roh! Und der Eris rauhe Stimme 70 Waltet, wo die Charis floh. [190]

    Aber mit sanftüberredender Bitte
    Führen die Frauen den Zepter der Sitte,
    Löschen die Zwietracht, die tobend entglüht,
    Lehren die Kräfte, die feindlich sich hassen,

75

    Sich in der lieblichen Form zu umfassen,
    Und vereinen, was ewig sich flieht.

Seiner Menschlickeit vergessen, Wagt des Mannes eitler Wahn Mit Dämonen sich zu messen, 80 Denen nie Begierden nahn.

Stolz verschmäht er das Geleite Leise warnender Natur, Schwingt sich in des Himmels Weite, Und verliert der Erde Spur.

85

    Aber auf treuerem Pfad der Gefühle
    Wandelt die Frau zu dem göttlichen Ziele,
    Das sie still, doch gewisser erringt,
    Strebt, auf der Schönheit geflügeltem Wagen

[191]

    Zu den Sternen die Menschheit zu tragen,

90

    Die der Mann nur ertödtend bezwingt.


Auf des Mannes Stirne thronet Hoch als Königinn die Pflicht, Doch die Herrschende verschonet Grausam das Beherrschte nicht. 95 Des Gedankens Sieg entehret

Der Gefühle Widerstreit, Nur der ewge Kampf gewähret Für des Sieges Ewigkeit.

    Aber für Ewigkeiten entschieden

100

    Ist in dem Weibe der Leidenschaft Frieden;
    Der Nothwendigkeit heilige Macht
    Hütet der Züchtigkeit köstliche Blüthe,
    Hütet im Busen des Weibes die Güte,
    Die der Wille nur treulos bewacht

105 Aus der Unschuld Schooß gerissen

Klimmt zum Ideal der Mann [192]

Durch ein ewig streitend Wissen, Wo sein Herz nicht ruhen kann, Schwankt mit ungewissem Schritte, 110 Zwischen Glück und Recht getheilt,

Und verliert die schöne Mitte, Wo die Menschheit fröhlich weilt.

    Aber in kindlich unschuldiger Hülle
    Birgt sich der hohe geläuterte Wille

115

    In des Weibes verklärter Gestalt.
    Aus der bezaubernden Einfalt der Züge
    Leuchtet der Menschheit Vollendung und Wiege,
    Herrschet des Kindes, des Engels Gewalt.

SCHILLER.



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