The Paris of the Second Empire in Baudelaire  

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Train wreck at Montparnasse (October 22, 1895) by Studio Lévy and Sons.
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Train wreck at Montparnasse (October 22, 1895) by Studio Lévy and Sons.

"The Paris of the Second Empire in Baudelaire" is an essay by German philosopher Walter Benjamin on Charles Baudelaire in relation to Paris during the Second Empire.

"Benjamin had submitted the essay "Das Paris des Second Empire bei Baudelaire" (The Paris of the Second Empire in Baudelaire) to the Zeitschrift fur Sozialforschung at the end of September 1938, and followed this up with a letter to Adorno ..."[1]
In the 1938 essay "The Paris of the Second Empire in Baudelaire," Benjamin launches a direct attack on Baudelaire's definition of modernity in "The Painter of Modern Life."[2]

Its three subsections are bohemianism, the flaneur and modernity.

Contents

Full text[3]

Das Paris des Second Empire bei Baudelaire


Une capitale n'est pas absolument n&essaire a I'homme.

Senancour


I Die Boheme

In aufschlufireichem Zusammenhang kommt die Boheme bei Marx vor. Er rechnet ihr die Verschwdrer von Beruf zu, mit denen er sich in der ausfiihrlichen Anzeige der Memoiren des Polizeiagenten de la Hodde beschaftigt, die 1850 in'der »Neuen Rheinischen Zeitung« ersdiienen ist. Die Physiognomie Baude- laires vergegenwartigen, heifit von der Ahnlichkeit sprechen, die er mit diesem politischen Typus aufweist. Ihn umreifit Marx wie folgt:

"Mit der Ausbildung der proletarischen Konspirationen trat das Bedürfnis der Teilung der Arbeit ein; die Mitglieder teilten sich in Gelegenheitsverschwörer, conspirateurs d'occasion, d.h. Arbeiter, die die Verschwörung nur neben ihrer sonstigen Beschäftigung betrieben, nur die Zusammenkünfte besuchten und sich bereithielten, auf den Befehl der Chefs am Sammelplatz zu erscheinen, und in Konspirateure von Profession, die ihre ganze Tätigkeit der Verschwörung widmeten und von ihr lebten ... Die Lebensstellung dieser Klasse bedingt schon von vornherein ihren ganzen Charakter ... Ihre schwankende, im einzelnen mehr vom Zufall als von ihrer Tätigkeit abhängige Existenz, ihr regelloses Leben, dessen einzig fixe Stationen die Kneipen der Schankwirte sind - die Rendezvoushäuser der Verschwornen -, ihre unvermeidlichen Bekanntschaften mit allerlei zweideutigen Leuten rangieren sie in jenen Lebenskreis, den man in Paris la bohême nennt."

l11, Im Vorbeigehen ist anzumerken, daft Napoleon in. selbst sei- nen Aufstieg in einem Milieu begonnen hatte, das mit dem ge- schilderten kommuniziert. Bekanntiich ist eines der Werkzeuge seiner Prasidialzeit die Gesellschaft vom 10. Dezember gewesen, deren Kaders nach Marx »die ganze unbestimmte, aufgeloste,

  • Proudhon, der siA von den Berufsversdiworern distanzieren will, nennt sidi

gelegentlidi cinen »neuen Mann - einen Mann, dessen Sadie nicht die Barrikade ist, sondern die Auseinandersetzung; einen Mann, der jeden Abend mit dem Polizei- prasidenten zu Tisdie sitzen und alle de la Hoddes der Welt in sein Vertrauen ziehen konnte« (cit. Gustave Geffroy: l/enferme\ Paris 1897, p. 180/181). 1 Karl Marx und Friedridi Engels: Bespr. von Adolphe Chenu, »Les conspirateurs«, Paris 1850, und Lucien de la Hodde, »La naissance de la R^publique en fevrier 1848*, Paris 1850; cit. nadi: Die Neue Zeit 4 (1886), p. 555.


5 14 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

hin und her geworfene Masse, die die Franzosen la Boheme nennen« 2 , gestellt hatte. Wahrend seines Kaisertums hat Na- poleon konspirative Gepflogenheiten fortgebildet. Oberraschen- de Proklamationen und Geheimniskramerei, sprunghafte Aus- falle und undurchdringliche Ironie gehoren zur Staatsraison des Second Empire. Dieselben Ziige findet man in Baudelaires theoretischen Schriften wieder. Er tragt seine Ansichten meist apodiktisch vor. Diskussion ist seine Sadie nicht. Er geht ihr audi dann aus dem Wege, wenn die schroffen Widerspriiche in Thesen, die er sich nacheinander zu eigen macht, eine Aus- einandersetzung erfordern wiirden. Den » Salon von 1846* hat er »den Bourgeois* gewidmet; er tritt als ihr Fursprecher auf, und seine Geste ist nicht die des advocatus diaboli. Spaterhin, zum Beispiel in seiner Invektive gegen die Schule des bon sens findet er fur die »>honne*te< bourgeoise« und den Notar, ihre Re- spektsperson, die Akzente des rabiatesten BohemienMJm 1850 pro- klamiert er, Kunst sei von Niitzlichkeit nicht zu trennen; wenige Jahre spater vertritt er das Part pour Tart. In alledem bemiiht er sich vor seinem Publikum so wenig urn eine Vermittlung wie Napoleon in., wenn er fast iiber Nacht und hinter dem Riicken des franzosischen Parlaments vom Schutzzoll zum Freihandel ubergeht. Diese Ziige machen es immerhin verstandlich, dafi die offizielle Kritik - Jules Lemaitre voran - von den theoretischen Energien, die in Baudelaires Prosa stecken, so wenig spiirte. Marx fahrt in seiner Schilderung der conspirateurs de profession folgendermafien fort: »Die einzige Bedingung der Revolution ist fiir sie die hinreichende Organisation ihrer Verschworung . . . Sie werfen sich auf Erfindungen, die revolutionare Wunder verrichten solien; Brandbomben, Zerstorungsmaschinen von magischer Wirkung, Emeuten, die um so wunderthatiger und uberraschender wirken solien, je weniger sie einen rationellen Grund haben. Mit solcher Projektenmacherei beschaftigt, haben sie keinen andern Zweck als den nachsten des Umsturzes der be-

2 Marx: Der a&tzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. Neue erganzte Ausgabe mit einem Vorwort von F. Engeis. Hrsg. und eingeleitet von D[avid] Rjazanov. Wien, Berlin 1927, p. 73.

3 Charles Baudelaire: CEuyres. Texte itabli et annote* par Yves-Girard Le Dantec. 1 Bde. Paris 1931/1952. (Bibliotheque de la Plliade. 1. u. 7.) II, p. 415. <Im folgen- den nur nodi nadb Band und Seitenzahl zitiert.)


DieBoheme 515

stehenden Regierung und veraditen auf's tiefste die mehr theo- retische Aufklarung der Arbeiter iiber ihre Klasseninteressen. Daher ihr nicht proletarischer, sondern plebejisdier Arger iiber die habits noirs (schwarzen Rocke), die mehr oder minder gebil- deten Leute, die diese Seite der Bewegung vertreten, von denen sie aber, als von den offiziellen Reprasentanten der Partei, sich nie ganz unabhangig machen konnen.« 4 Die politischen Einsich- ten Baudelaires gehen grundsatzlidi nicht iiber die dieser Berufs- verschworer hinaus. Ob er seine Sympathien dem klerikalen Ruckschritt zuwendet oder sie dem Auf stand von 48 sdienkt - ihr Ausdruck bleibt unvermittelt und ihr Fundament briichig. Das Bild, das er in den Februartagen geboten hat - an irgend- einer pariser Strafienecke ein Gewehr mit den Worten schwin- gend »Nieder mit General AupickU* - ist beweiskraftig. Allen- falls hatte er Flauberts Wort »Von der ganzen Politik verstehe icfa nur ein Ding: die Revolte« zu seinem eigenen machen kon- nen. Das ware dann so zu verstehen gewesen wie es der Schlufi- passus einer mit seinen Entwiirfen iiber Belgien iiberlieferten Notiz ergibt: »Ich sage >es lebe die Revolution! < wie ich sagen wiirde >es lebe die Zerstorung! es lebe die Bufie! es lebe die Ziich- tigung! es lebe der Tod!< Ich wiirde nicht nur als Opfer gliicklich sein; audi den Henker zu spielen, wiirde mir nicht mifif alien - um die Revolution von beiden Seiten zu fiihlen! Wir haben alle republikanischen Geist im Blut wie wir die Syphilis in den Kno- chen haben; wir sind demokratisch infiziert und syphilitisch.« 5 Was Baudelaire so niederlegt, konnte man als die Metaphysik des Provokateurs bezeichnen. In Belgien, wo diese Notiz ge- schrieben ist, hat er eine Weile als Spitzel der franzbsischen Poli- zei gegolten. An sich hatten derartige Arrangements so wenig Befremdendes, dafi Baudelaire am 20. Dezember 1854 seiner Mutter mit Bezug auf die literarischen Stipendiaten der Polizei schreiben konnte: »Niemals wird mein Name in ihren Schand- registern erscheinen.« 6 Was Baudelaire in Belgien den Ruf ein- trug, war schwerlich allein die Feindschafk, die er gegen den dort gefeierten proskribierten Hugo an den Tag legte. Anteil an der

  • Der General A u pick war Baudelaires Stiefvater.

4 Marx und Engels, Bespr. von Chenu und de la Hodde, 1. c. (S. 513) p. Jj6.

5 II, p. 718.

6 Baudelaire: Lettres a sa mere. Paris 1932, p. 83.


j 16 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

Entstehung dieses Geriichts hat seine verwustende Ironie ge- habt; er konnte sich leicht darin gefallen haben, es zu verbreiten. Der culte de la blague, den man bei Georges Sorel wiederfindet und der ein unveraufierliches Bestandstiick der faschistischen Propaganda geworden ist, bildet bei Baudelaire seine ersten Fruchtknoten. Der Titel unter, der Geist in dem Celine seine »Bagatelles pour un massacre« geschrieben hat, f iihrt unmittel- bar auf eine Baudelairesche Tagebucheintragung zuruck: »Eine schone Konspiration Hefie sich zwecks Ausrottung der jiidischen Rasse organisieren.« 7 Der Blanquist Rigault, der seine konspi- rative Laufbahn als Polizeiprasident der pariser Kommune be- schlofi, scheint den gleichen makabren Humor gehabt zu haben, von dem in Zeugnissen iiber Baudelaire viel die Rede ist. »Ri- gault«, heifit es in den »Hommes de la revolution de iSyi« von Ch. Proles, »hatte in alien Dingen bei grofier Kaltblutigkeit etwas von einem wiisten Witzbold. Das war ihm unveraufier- lich, bis in seinen Fanatismus hinein.« 8 Selbst der terroristische Wunschtraum, dem Marx bei den conspirateurs begegnet, hat bei Baudelaire sein Gegenstuck. »Wenn ich je«, schreibt er am 23. Dezember 1865 an seine Mutter, »die Spannkraft und die Energie wiederfinde, die ich einige Male besessen habe, so werde ich meinem Zorn durch entsetzenerregende Biicher Luft machen. Ich will die ganze Menschenrasse gegen mich aufbringen. Das ware mir eine Wollust, die mich fiir alles entschadigen wiirde.« 9 Diese verbissene Wut - la rogne - war die Verfassung, die ein halbes Jahrhundert von Barrikadenkampfen in pariser Berufs- verschworern genahrt hatte.

»Sie sind es«, sagt Marx von diesen Verschworern, »die die ersten Barrikaden aufwerfen und kommandiren.« 10 In der Tat steht im Fixpunkt der konspirativen Bewegung die Barrikade. Sie hat die revolutionare Tradition fiir sich. Ober viertausend Barrikaden hatten in der Julirevolution die Stadt durchzogen 11 . Als Fourier nach einem Beispiel fiir den » travail non salarie'

7 II, p. 666.

8 Charles Proles: Raoul Rigault. La prefecture de police sous la Commune. Les otages. (Les homines de la revolution de 1871.) Paris 1898, p. 9.

9 Baudelaire: Lettresa sa mere, 1. c. (S. 515) p. 278.

10 Marx und Engels, Bespr. von Chenu und de la Hodde, I. c. (S. $13) p. $$6.

11 vgl. Ajasson de Grandsagne und Maurice Plaut: Revolution de 1830. Plan des combats de Paris aux 27, 28 et 29 juillet. Paris [o. J.].


DieBoheme 517

mais passionn£« Ausschau halt, findet er keines, das naher liegt als der Barrikadenbau. Eindrucksvoll hat Hugo in den »Mise"- rables« das Netz jener Barrikaden festgehalten, indem er ihre Besatzung im Schatten liefi. »Uberall wachte die unsiditbare Polizei der Revoke. Sie hielt die Ordnung aufrecht, dafi heifit die Nacht . . . Ein Auge, das von oben her auf diese aufgetiirm- ten Schatten herabgeblickt hatte, ware vielleicht an verstreuten Stellen auf einen undeutlichen Schein gestofien, der gebrochene, willkurlich verlaufende Umrisse zu erkennen gab, Profile merk- wiirdiger Konstruktionen. In diesen Ruinen bewegte sich etwas, das Lichtern ahnelte. An diesen Stellen waren die Barrikaden. « 12 In der Bruchstiick verbliebenen Anrede an Paris, die die »Fleurs du mal« abschliefien sollte, nimmt Baudelaire von der Stadt nicht Abschied, ohne ihre Barrikaden heraufzufufen; er gedenkt ihrer »magischen Pflastersteine, welche sich zu Festungen in die Hohe tiirmen« 13 . >Magisch< sind diese Steine freilich, indem Baudelaires Gedicht die Hande nicht kennt, die sie in Bewegung gesetzt haben. Aber eben dieses Pathos diirfte dem Blanquismus verpflichtet sein. Denn ahnlich ruft der Blanquist Tridon : »0 force, reine des barricades, . . . toi qui brilles dans l'£clair et dans l'emeute . . . c'est vers toi que les prisonniers tendent leurs mains enchainees.« 14 Am Ende der Kommune tastete sich das Proletariat, wie ein zu Tode getroffenes Tier in seinen Bau, hinter die Barrikade zuriick. Dafi die Arbeiter, im Barrikaden- kampfe geschult, der offenen Schlacht, die Thiers den Weg hatte verlegen miissen, nicht gewogen waren, hat mit Schuld an der Niederlage getragen. Diese Arbeiter zogen, wie einer der jiing- sten Historiker der Kommune schreibt, »dem Treffen im freien Felde die Schlacht im eigenen Quartier . . . und, wenn es sein mufite, den Tod hinter dem zur Barrikade geturmten Pflaster einer Strafie von Paris vor« 15 . Der bedeutendste der pariser Barrikadenchefs, Blanqui, safi

12 Victor Hugo: CEuvres completes. Edition definitive d'aprcs les man u series originaux. Roman. Bd. 8: Les miseVables. IV. Paris 1881, p. 722/523.

13 I, p. 229.

14 cit. Charles Benoist: La crise de l'ltat moderne. Le » my the* de »la classe ouvriere«, in: Revue des deux mondes, 84c annee, 6« piriode, tome 20, i«r mars 1914, p. 105.

15 Georges Laronze: Histoire de la Commune de 1871 d'apres des documents et de* souvenirs inldits. La justice. Paris 1928, p. 532.


5 1 8 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

damals in seinem letzten Gefangnis, dem Fort du Taureau. In ihm und seinen Genossen sah Marx in seinem RUckblick auf die Junire volution »die wirklichen Fiihrer der prole tarischen Par- tei« 16 . Man kann sich von dem revolutionaren Prestige, das Blanqui damals besessen und bis zu seinem Tode bewahrt hat, schwerlich einen zu hohen Begriff machen. Vor Lenin gab es keinen, der im Proletariat deutlichere Ziige gehabt hatte. Sie haben sich audi Baudelaire eingepragt. Es gibt ein Blatt von ihm, das neben andern improvisierten Zeichnungen den Kopf von Blanqui aufweist. - Die Begriffe, die Marx in seiner Dar- stellung der konspirativen Milieus in Paris heranzieht, lassen die Zwitterstellung, die Blanqui darin einnahm, erst recht er- kennen. Es hat einerseits seine guten Grunde, wenn Blanqui als Putschist in die Oberlieferung einging. Ihr stellt er den Typus des Politikers dar, der es, wie Marx sagt, als seine Aufgabe an- sieht, »dem revolutionaren Entwicklungsprozefi vorzugreifen, ihn kiinstlich zur Krise zu treiben, eine Revolution aus dem Stegreif, ohne die Bedingungen einer Revolution zu machen « 17 . Halt man, auf der andern Seite, Beschreibungen, die man liber Blanqui besitzt, dagegen, so scheint er vielmehr einem der habits noirs zu gleichen, an denen jene Berufsverschworer ihre mifilie- bigen Konkurrenten hatten. Folgendermafien beschreibt ein Augenzeuge den Blanquischen Klub der Hallen: »Will man einen genauen Begriff von dem Eindruck bekommen, den man vom ersten Augenblick an von Blanquis revolutionarem Klub im Vergleich zu den beiden Klubs hatte, die die Ordnungspartei damals . . . besafi, so denkt man sich am besten das Publikum der Comedie Franchise an einem Tage, wo Racine und Corneille gespielt wird, neben der Volksmenge, die einen Zirkus fiillt, in dem Akrobaten halsbrecherische Kunststiicke vorfiihren. Man befand sich gleichsam in einer Kapelle, die dem orthodoxen Ri- tus der Konspiration geweiht war. Die Turen standen jedermann offen, aber man kam nur wieder, wenn man Adept war. Nach dem verdriefilichen Defilee der Unterdriickten . . . erhob sich der Priester dieser Statte. Sein Vorwand war, die Beschwerden sei- nes Klienten zu resiimieren, des Volks, das von dem halben Dutzend anmafiender und gereizter Dummkopfe, die man eben

16 Marx: Der aditzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1. c. (S. 514) p. 28.

17 Marx und Engels, Bespr. von Chenu und de la Hodde, 1. c. (S. 513) p. 556.


DieBoheme 519

gehort hatte, reprasentiert wurde. In Wirklichkeit setzte er die Lage auseinander. Sein Aufieres war distinguiert, seine Klei- dung tadellos; sein Kopf war feingebildet; sein Ausdruck still; nur ein unheilverkiindender, wilder Blitz fuhr manciimal durch seine Augen. Sie waren schmal, klein und durchdringend; fiir gewohnlich sahen sie eher wohlwollend darein als hart. Seine Redeweise war mafivoll, vaterlich und deutlich; die wenigst deklamatorische Redeweise, die ich neben der von Thiers je gehort habe.« 18 Blanqui erscheint hier als Doktrinar. Das Si- gnalement des habit noir bestatigt sich bis in kleineDinge.Eswar bekannt, dafi >der Alte< in schwarzen Handschuhen zu dozieren pflegte*. Aber der gemessene Ernst, die Undurchdringlichkeit, welche Blanqui eignen, sehen anders in der Beleuchtung aus, in welche eine Bemerkung von Marx sie stellt. »Sie sind«, schreibt er von diesen Berufsverschworern, »die Alchymisten der Revo- lution und theilen ganz die Ideenzerriittung und die Bornirt- heit in fixen Vorstellungen der friiheren Alchymisten. « 19 Damit stellt sich Baudelaires Bild wie von selber ein: der Ratselkram der Allegorie beim einen, die Geheimniskramerei des Verschwo- rers beim anderen.

Abschatzig, wie es sich nicht anders erwarten lafit, redet Marx von den Kneipwirtschaften, in denen der niedere Konspirateur sich zuhause fuhlte. Der Dunst, der sich dort niederschlug, war auch Baudelaire vertraut. In ihm hat sich das grofie Gedicht ent- faltet, das »Le vin des chiffonniers« iiberschrieben ist. Seine Ent- stehung wird man in die Jahrhundertmitte verlegen diirfen. Da- mals wurden Motive, die in diesem Stuck anklingen, in der Offentlichkeit erortert. Es ging, einmal, um die Weinsteuer. Die konstituierende Versammlung der Republik hatte ihre Abschaf- fung zugesagt, so wie sie schon 1830 zugesagt worden war. In den »Klassenkampfen in Frankreich« hat Marx gezeigt, wie sich in der Beseitigung dieser Steuer eine Forderung des stadtischen Proletariats mit der Forderung der Bauern begegnete. Die Steuer, die den Konsumwein in gleicher Hohe belastete wie den gepfleg-

  • Baudelaire wufite solche Details zu schatzen. »Warum«, schreibt er, >legen die

Annen zum Betteln nidit Handschuhe an? Sie wurden ein Vermogen madien.« (II, p. 424.) Er schiebt das Wort einem Ungenannten zu; es hat die Pragung von Baudelaire.

18 Beridit von J.-J. Weiss; cit.Gustave Geffroy: L'enfenn^ 1. c. (S. yij) p. 346-348.

19 Marx und Engels, Bespr. von Chenu und de la Hodde, 1. c. (S. 513) p. 556.


$20 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

testen, verminderte den Verbrauch, »indem sie an. den Thoren aller Stadte iiber 4000 Einwohner Oktrois errichtet und jede Stadt in ein fremdes Land mit Schutzzollen gegen den franzosi- schen Wein verwandelt« 20 hatte. »An der Weinsteuer«, sagt Marx, »erprobt der Bauer das Bouquet der Regierung.« Sie scha- digte aber den Stadter audi und zwang ihn, um billigen Wein zu finden, in die Wirtschaften vor der Stadt zu Ziehen. Dort wurde der steuerfreie Wein ausgeschenkt, den man den vin de la barriere nannte. Der Arbeiter stellte seinen Genufi daran, wenn man dem Sektionschef im Polizeiprasidium H.-A. Fregier glau- ben darf, als den einzig ihm vergonnten, voller Stolz und voll Trotz zur Scfaau. »Es gibt Frauen, die keinen Anstand nehmen, mit :1iren Kindern, die schon arbeiten konnten, ihrem Mann zur barriere zu folgen . . . Man madit sich danach halb berauscht auf den Heimweg und stellt sich betrunkener als man ist, damit es in aller Augen deutlich sei, dafi man getrunken hat, und nicht wenig. Manchmal tun es dabei die Kinder den Eltern nach.« 21 »So viel steht fest«, schreibt ein zeitgenossischer Beobachter, »dafi der Wein der barrieres dem Regierungsgeriist nicht wenige Stofie erspart hat.« 22 Der Wein eroffnet den Enterbten Traume von kiinftiger Rache und kunftiger Herrlichkeit. So im »Wein der Lumpensammler« :

On voit un chiffonnier qui vient, hochant la tete, Buttant, et se cognant aux murs comme un poete, Et, sans prendre souci des mouchards, ses sujets, Epanche tout son cceur en glorieux projets.

II prete des serments, dicte des lois sublimes, Terrasse les mediants, releve les victimes, Et sous le firmament comme un dais suspendu S'enivre des splendeurs de sa propre vertu. 23

20 Marx: Die Klassenkampfe in Frankreidi 1848 bis 1850. Abdruck aus der »Neuen Rheinischen Zeitung«, Politisdi-okonomis<he Revue, Hamburg 1850. Mit Einleitung von Friedridi Engels. Berlin 1895, p. 87.

21 H.-A. Frigier: Des classes dangereuses de la population dans les grandes villes, et des moyens de les rend re meilleures. Paris 1840. Bd. 1, p. 86.

22 Edouard Foucaud: Paris inventeur, Physiologie de l'industrie francaise. Paris 1844, p. 10.

23 I, p. 120.


Die Boheme 521

Lumpensammler traten in grofierer Zahl in den Stadten auf, seitdem durch die neuen industriellen Verfahren der Abfall einen gewissen Wert bekommen hatte. Sie arbeketen fiir Zwi- schenmeister und stellten eine Art Heimindustrie dar, die auf der Strafie lag. Der Lumpensammler faszinierte seine Epoche. Die Blicke der ersten Erforscher des Pauperismus hingen an ihm wie gebannt mit der stummen Frage, wo die Grenze des mensch- lichen Elends erreicht sei. Fregier widmet ihm in seinem Buche »Des classes dangereuses de la population « sechs Sei ten. Le Play gibt fiir die Zeit zwischen 1849 und 1850, mutmafilich die, in der Baudelaires Gedicht entstanden ist, das Budget eines pariser Lumpensammlers und seiner Angehorigen*.

  • Das Budget ist ein soziales Dokument nicht sowohl durch seme an einer bestimmten

Familie veranstalteten Erhebungen als durch den Versuch, tiefstes Elend minder an- stoflig dadurch erscheinen zu lassen, dafi es sauberlich rubriziert wird. Mit dem Ehr- geiz, keine ihrer Unmenschlichkeiten ohne den Paragraphen zu lassen, dessen Beach- tung in ihr zu erblicken ist, haben die totalitarcn Staaten einen Keim zur Bliite ge- bracht, der, wie man hiernach vermuten darf, in einem friiheren Stadium des Kapi- talismus bereits geschlummert hat. Die vierte Sektion dieses Budgets eines Lumpen- sammlers - kulturelle Bediirfnisse, Vergniigungen und Hygiene - nimmt sich folgen- dermafien aus: »Unterricht der Kinder: das Schulgeld wird vom Arbeitgeber der Familie bezahlt — 48 fr. 00; - Biicheranschaff'ungen - 1 fr. 45. Hilfeleistungen und Almosen (die Arbeiter dieser Schicht geben fur gewohnlich keine Almosen); Feste und Feierlichkeiten : Mahlzeiten, die von der gesamten Familie an einer der barrieres von Paris eingenommen werden (8 Ausfliige jahrlich): Wein, Brot und Bratkartoffeln - 8 fr. 00; - Mahlzeiten bestehend ausMakkaroni - mit Butter und Kase angerichtet- und Wein dazu, am Weihnachtstag, Faschtngsdienstag, Ostern und Pfingsten: diese Ausgaben sind in der ersten Sektion verzeichnet; - Kautabak fiir den Mann (vom Arbeiter selbst gesammelte Zigarrenstummel) ... 5 fr. 00 bis 34 fr. 00 reprasen- tierend; - Schnupftabak fiir die Frau (wird gekauft) ... 18 fr. 66; - Spielzeug und andere Geschenke fur das Kind - 1 fr. 00 . . . Korrespondenz mit den Verwandten: Briefe der Briider des Arbeiters, die in Italien wohnen: durchschnittlich einer im Jahr . . . Zusatz. Die wichtigste Auskunft der Familie bei Ungliicks fallen besteht in der privaten Wohltatigkeit . . . Jahrliche Ersparnisse (der Arbeiter besitzt keinerlei Voraussicht; ihm Iiegt vor allem daran, seiner Frau und seiner kleinen Tochter alles Behagen zu verschafTen, das mit ihrer Lage verembar ist; er macht keine Ersparnisse, sondern gibt Tag fiir Tag alles aus, was er verdient).« (FrW^ric Le Play: Les ouvriers europ^ens. Paris 1855, p. 274/275.) - Den Geist einer solchen Erhebung illustriert eine sarkastische Bemerkung von Buret: »Da die Menschlichkeit, ja schon der Anstand verbietet, Menschen wie Tiere sterben zu lassen, so kann man ihnen das Almosen eines Sarges nicht verweigern.« (Eugene Buret: De la mi sere des classes laborieuses en Angleterre et en France; de la nature de la misere, de son existence, de ses efifets, de ses causes, et de Pinsuffisance des remedes qu'on lui a opposes jusqu'ici; avec I'indication des moyens propres a en affranchir les socie*tis. Paris 1840. Bd. i, p. 166.)


522 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

Der Lumpensammler kann natiirlich nicht zur Boheme zah- len. Aber vom Literaten bis zum Berufsverschworer konnte jeder, der zur Boheme gehorte, im Lumpensammler ein Snick von sich wiederfinden. Jeder stand, in mehr oder minder dump- fern Aufbegehren gegen die Gesellschaft, vor einem mehr oder minder prekaren Morgen. Er konnte zu seiner Stunde mit denen fuhlen, die an den Grundfesten dieser Gesellschaft riktelten. Der Lumpensammler ist in seinem Traum nicht allein. Es beglei- ten ihn Kameraden; audi um sie ist der Duft von Fassern, und auch sie sind ergraut in Schlachten. Sein Schnurrbart hangt her- unter wie eine alte Fahne. Auf seiner Runde begegnen ihm die mouchards, die Spitzel, iiber die ihm seine Traume die Herr- schaft geben*. Soziale Motive aus dem pariser Alltag begegnen schon bei Sainte-Beuve. Sie waren dort eine Eroberung der lyri- schen Poesie; eine der Einsicht aber darum noch nicht. Elend und Alkohol gehen im Geiste des gebildeten Privatiers eine wesent- lich andere Verbindung ein als in dem eines Baudelaire.

Dans ce cabriolet de place j 'examine

L'homme qui me conduit, qui n'est plus que machine,

  • Es ist fesselnd zu verfolgen, wie die Rebellion sich in den verschiedenen Versionen

der Schlufiverse des Gedichts langsam Bahn bricht. Diese hiefien in der ersten Fassung:

C'est ainsi que le vin regne par ses bienfaits,

Et chante ses exploits par le gosier de Phomme.

Grandeur de la bonte" de Celui que tout nomme,

Qui nous avait de*ja donne* le doux sommeil,

Et voulut ajouter le Vin, fils du Soleil,

Pour r^chaufTer le coeur et calmer la souffrance

De tous ces malheureux qui meurent en silence. (I, p. 605.) Sie hiefien 1852:

Pour apaiser le cceur et calmer la souffrance

De tous ces innocents qui meurent en silence,

Dieu leur avait d£ja donne* le doux sommeil;

II ajouta le vin, fils sacre* du Soleil. (I, p. 606.) Sie lauten endlich, mit eingreifender Veranderung des Sinnes, 1857:

Pour noyer la rancceur et bercer Pindolence

De tous ces vieux maud its qui meurent en silence,

Dieu, touche* de remords, avait fait le sommeil;

L'Homme ajouta le Vin, fils sacre* du Soleil 1 (I, p. 121.) Deutlich ist zu verfolgen, wie die Strophe ihre sichere Form erst mit dem blasphemi- schen Inhalt findet.


DieBoheme 523

Hideux, a barbe epaisse, a longs dieveux colics: Vice et vin et sommeil chargent ses yeux soul^s. Comment l'homme peut-il ainsi tomber? pensais-je, Et je me reculais a l'autre coin du siege. 24

Soweit der Anfang des Stiicks; was folgt, ist die erbauliche Aus- legung. Sainte-Beuve stellt sich die Frage, ob seine Seele nicht ahnlich verwahrlost sei wie die des Mietkutschers. Auf welchem Untergrunde der freiere und verstandigere Be- griff beruht, welchen Baudelaire von den Enterbten hatte, zeigt die »Abel et Cai*n« iiberschriebene Litanei. Sie macht aus dem Widerstreit der biblischen Briider den zweier auf ewig unver- sohnlicher Rassen.

Race d'Abel, dors, bois et mange; Dieu te sourit complaisamment.

Race de Cain, dans la fange Rampe et meurs miserablement. 25

Das Gedicht besteht aus sechzehn Zweizeilern, deren Beginn, alternierend, der gleiche ist wie der der vorstehenden. Kain, der Ahnherr der Enterbten, erscheint darin als Begriinder einer Rasse, und diese kann keine andere sein als die proletarische. Im Jahre 1838 veroffentlichte Granier de Cassagnac seine »Histoire des classes ouvrieres et des classes bourgeoises «. Dieses Werk wufite den Ursprung der Proletarier bekanntzugeben; sie for- mieren eine Klasse von Untermenschen, die aus einer Kreuzung von Raubern und Prostituierten entstanden ist. Hat Baudelaire diese Spekulationen gekannt? Es ist leicht moglich. Gewifi ist, dafi sie Marx, der in Granier de Cassagnac »den Denker« der bonapartistischen Reaktion griifite, begegnet waren. Dessen Ras- sentheorie parierte das »Kapital« im Begriflf einer »Rasse eigen- tumlicher Warenbesitzer« 26 , unter der es das Proletariat ver- steht. Genau in diesem Sinne erscheint die Rasse, die von Kain

24 C[harles] A[ugustm] Sainte-Beuve: Les consolations. Pens^es d'aout. Notes et sonnets - un dernier rSve. (Poesies de Sainte-Beuve. 2* partie.) Paris 1863, p. 193.

25 I, p. 136.

26 Marx: Das Kapital. Kritik der politisdien Dkonomie. Ungekurzte Ausgabe nach der zweiten Auflage von 1872. [Geleitwort von Karl Korsch.] Bd. 1. Berlin 1932, p. 173.


524 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

herkommt, bei Baudelaire. Er hatte ihn freilich nicht definieren konnen. Es ist die Rasse derer, die keine andere Ware besitzen als ihre Arbeitskraft.

Baudelaires Gedicht steht in dem »Revolte« iiberschriebenen Zyklus*. Die drei Stiicke, die ihn zusammensetzen, halten einen blasphemischen Grundton fest. Der Satanismus von Baudelaire darf nicht allzu schwer genommen werden. Wenn er von einiger Bedeutung ist, so als die einzige Attitude, in der Baudelaire eine nonkonformistische Position auf die Dauer zu halten im- stande war. Das letzte Stuck des Zyklus, »Les litanies de Satan«, ist, seinem theologischen Inhalt nach, das miserere einer ophiti- schen Liturgie. Satan erscheint in seinem luziferischen Strahlen- kranz: als Verwahrer des tiefen Wissens, als Unterweiser in den prometheischen Fertigkeiten, als Schutzpatron der Verstockten und Unbeugsamen. Zwischen den Zeilen blitzt das finstere Haupt Blanquis auf.

Toi qui fais au proscrit ce regard calme et haut Qui damne tout un peuple autour d'un £chafaud. 27

Dieser Satan, den die Kette der Anrufungen audi als den »Beichtvater ... der Verschworer« kennt, ist ein anderer als der hollische Intrigant, den die Gedichte mit dem Namen des Satan trismegistos, des Damon, die Prosastiicke mit dem Ihrer Hoheit nennen, die ihre unterirdische Wohnung in der Nahe des Boule-

  • Dem Titel folgt eine Vorbemerkung, die in den spateren Ausgaben unterdriickt

wurde. Sie gibt die Gedichte der Gruppe fur eine hochliterarische Nachbildung »der Sophismen der Unwissenheit und der Wut« aus. In Wahrheit kann von Nachbildung keine Rede sein. Die Staatsanwaltschaft des Second Empire hat das begriffen, und audi ihre Nachfahren begreifen es. Mit viel Nonchalance verrat das der Baron Seilliere in seiner Auslegung des Gedichts, das die Folge »Revolte« einleitet. Es heifit »Le reniement de Saint Pierre* und enthalt die Verse:

Revais-tu de ces jours . . .

Ou, le cceur tout gonfl^ d'espoir et de vaillance,

Tu fouettais tous ces vils marchands a tour de bras,

Ou tu fus maitre enfin? Le remords n'a-t-il pas

Penitre" dans ton flanc plus avant que la lance? (I, p. 136.) In diesen remords erblickt der ironische Ausleger die Selbstvorwiirfe, »eine so gute Gelegenheit, die Diktatur des Proletariats einzufuhren, versiiumt zu haben« (Ernest Seilliere: Baudelaire. Paris 1931, p. 193). 17 I, p. 138.


DieBoheme 525

vards hat. Lemaitre hat auf den Zwiespalt hingewiesen, der aus dem Teufel hier »einmal den Urheber alles Bosen, dann wieder den grofien Besiegten, das grofie Opfer« 28 macht. Es heifit das Problem nur anders wenden, wenn man die Frage aufwirft, was Baudelaire notigte, der radikalen Absage an die Herrschenden eine radikal-theologische Form zu geben.

Der Protest gegen die burgerlichen Begriffe von Ordnung und Ehrbarkeit war nach der Niederlage des Proletariats im Juni- kampf bei den Herrschenden besser aufgehoben als bei den Unterdriickten. Die, welche sich zu Freiheit und Recht bekann- ten, erblickten in Napoleon in. nicht den Soldatenkaiser, der er in Nachfolge seines Oheims sein wollte, sondern den vom Gliick begiinstigten Hochstapler. So haben die »Chatiments« seine Figur festgehalten. Die Boheme dor^e ihrerseits sah in seinen rauschenden Festlichkeiten, in dem Hofstaat, mit welchem er sich umgab, ihre Traume von einem >freien< Leben in der Wirk- lichkeit angesiedelt. Die Memoiren, in denen der Graf Viel- Castel die Umgebung des Kaisers schildert, lassen eine Mimi und einen Schaunard als recht ehrbar und spiefiburgerlich erscheinen. In der oberen Schicht gehorte der Zynismus zum guten Ton, das rebellische Rasonnement in der unteren. Vigny hatte in seinem »Eloa« dem gefallenen Engel, dem Luzifer, auf Byrons Spur im gnostischen Sinn gehuldigt. BartheUemy, auf der anderen Seite, hatte in seiner »N£m£sis« den Satanismus den Herrschenden zu- gesellt; er lieft eine Messe des agios sagen und einen Psalm von der Rente absingen 29 . Dieses Doppelgesicht des Satans ist Baude- laire durch und durch vertraut. Ihm spricht der Satan nicht nur fur die Unteren sondern audi fiir die Oberen. Marx hatte sich kaum einen besseren Leser fiir die folgenden Zeilen wiinschen konnen. »Als die Puritaner«, so heifit es im »Achtzehnten Bru- maire«, »auf dem Konzil von Konstanz uber das lasterhafte Le- ben der Papste klagten . . ., donnerte der Kardinal Pierre d'Ailly ihnen zu: >Nur noch der Teufel in eigener Person kann die katholische Kirche retten, und ihr verlangt Engel.< So rief die


28 Jules Lemaitre: Les contemporains. Etudes et portraits UtteYaires. 4* s^rie. ^14* id., Paris 1897,) p. 30.

29 vgl. [Auguste-Marseille] Barthelemy: N^m^sis. Satire hebdomadaire. Paris 1834, Bd. 1, p. 225 (»I/archeve , die' et la bourse*).


526 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

franzosische Bourgeoisie nach dem Staatsstreich: Nur nodi der Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember kann die biirgerliche Gesellschaft retten! Nur noch der Diebstahl das Eigentum, der Meineid die Religion, das Bastardtum die Familie, die Unord- nung die Ordnung.« 30 Baudelaire, der Bewunderer der Jesuiten, wollte, auch in seinen rebelliscfaen Stunden, diesem Retter nicht ganz aufsagen und nicht fur immer. Seine Verse behielten sich vor, was seine Prosa sich nicht verboten hatte. Darum stellt sich der Satan in ihnen ein. Ihm danken sie die subtile Kraft, noch im verzweifelten Aufbegehren dem die Gefolgschaft nicht ganz zu kiindigen, wogegen Einsicht und Menschlichkeit sich empor- ten. Fast immer dringt das Bekenntnis der Frommigkeit wie ein Streitruf aus Baudelaire. Er will sich seinen Satan nicht nehmen lassen. Der ist der wahre Einsatz in dem Konflikt, den Baude- laire mit seinem Unglauben zu bestehen hatte. Es geht nicht um Sakramente und um Gebet; es geht um den luziferischen Vorbe- halt, den Satan zu lastern, dem man verf alien ist. Mit seiner Freundschaft pi Pierre Dupont hat sich Baudelaire als sozialer Dichter bekennen wollen. Die kritischen Schriften von d'Aurevilly geben von diesem Autor eine Skizze: »In die- sem Talent und in diesem Kopfe hat Kain iiber den sanften Abel die Oberhand - der rohe, ausgehungerte, neiderfiillte und wilde Kain, der in die Stadte gegangen ist, um die Hefe des Grolls zu schliirfen, die sich dort ansammelt, und Teil an den falschen Ideen zu haben, die dort ihren Triumph erleben.« 31 Diese Cha- rakteristik sagt recht genau, was Baudelaire mit Dupont solida- risch machte. Wie Kain ist Dupont »in die Stadte gegangen«  und hat sich von der Idylle abgewandt. »Das Lied, wie es von unsern Vatern verstanden wurde . . ., ja selbst die schlichte Ro- manze liegt ihm ganz fern.« 32 Dupont hat die Krise der lyri- schen Dichtung mit dem fortschreitenden Zerfall zwischen Stadt und Land kommen ftihlen. Einer seiner Verse gesteht das, unbe- holfen; er sagt, dafi der Dichter »abwechselnd den Waldern sein Ohr leihe und der Masse«. Die Massen haben ihm seine Auf-

30 Marx: Der achtzehnte Bruraaire des Louis Bonaparte, I. c. (S. 714) P* **4« 

31 J[ules-Am6d£e] Barbey d'Aurevilly: Les ceuvres et les hommes. (XIXe siecle.) 3« partie: Les pokes. Paris 1862, p. 242.

32 Pierre Larousse: Grand dictionaire universel du XIX< sikle. Bd. 6. Paris 1870, p. 14 13 (Article »Dupont«).


DieBoheme 527

merksamkeit entgolten; Dupont war um 1848 in aller Munde. Als die Errungenschaften der Revolution eine nach der andern verloren gingen, dichtete Dupont sein » Chant du vote«. In der politischen Dichtung dieser Zeit gibt es Weniges, was sich mit dessen Refrain messen kann. Er ist ein Blatt von dem Lorbeer, den Karl Marx damals fiir die »drohend finstere Stirn« 33 der Junikampfer in Ansprudi nahm.

Fais voir, en depuant la ruse, O Republique! a ces pervers, Ta grande face de Med use Au milieu de rouges eclairs! 34

Ein Akt literarischer Strategic war die Einleitung, die Baude- laire 185 1 zu einer Lieferung Dupontscher Gedichte beisteuerte. Man findet darin die folgenden merkwurdigen Ausspriiche: »Die rdcherliche Theorie der Schule des Tart pour Tart schlofi die Moral aus und oft selbst die Leidenschaft; sie wurde dadurch notwendig unfruchtbar.« Und weiter, mit offenbarer Beziehung auf Auguste Barbier: »Als ein Dichter, der trotz manchem gele- gentlichen Ungeschick sich fast immer grofi bewahrte, auftrat und die Heiligkeit der Julirevolution proklamierte, dann in ebenso flammenden Versen Gedichte auf das Elend in England und Irland schrieb, . . . war die Frage ein fiir allemal abgetan und fortan die Kunst untrennbar von der Moral wie von der Niitzlichkeit.« 35 Das hat nichts yon der tiefen Duplizitat, von der Baudelaires eigene Dichtung befliigelt wird. Sie nahm sich der Unterdriickten an, aber ebenso ihrer Illusionen wie ihrer Sache. Sie hatte ein Ohr fiir die Gesange der Revolution, aber audi ein Ohr fiir die >hohere Stimme<, die aus dem Trommel- wirbel der Exekutionen spricht. Als Bonaparte durch den Staats- streich zur Herrschaft kommt, ist Baudelaire einen Augenblick aufgebracht. »Dann fafit er die Ereignisse vom >providentielIen Gesichtspunkt< her ins Auge und unterwirft sich wie ein

33 Marx: Dem Andenken der Juni-Kampfer; cit. nadi: Karl Marx als Denker, MensA und Revolutionar. Ein Sammelbuch. Hrsg. von D. Rjazanov, Wien, Berlin 1928, p. 40.

34 Pierre Dupont: Le Aant du vote. Paris 1850 [unpagimert].

35 II, p. 403-405.


528 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

M6nch.« 36 »Theokratie und Kommunismus« 37 waren ihm nidit Oberzeugungen sondern Einfliisterungen, die sich sein Ohr streitig machten: die eine nicht so seraphisch, die andere niclit so luziferisch wie er wohl meinte. Nicht lange, so hatte Baudelaire sein revolutionises Manifest preisgegeben und nach einer Reihe von Jahren schreibt er: »Der Grazie und der weiblichen Zart- heit seiner Natur verdankt Dupont seine ersten Lieder. Zum Gliick hat die revolutionise Aktivitat, welche damals fast alle mit sich rifi, ihn nicht ganz von seinem natiirlichen Weg abge- lenkt.« 38 Der schroffe Bruch mit dem Tart pour Tart hatte nur als Haltung fiir Baudelaire seinen Wert. Er erlaubte ihm, den Spielraum bekanntzugeben, der ihm als Literat zur Verfiigung stand. Ihn hatte er vor den Schriftstellern seiner Zeit voraus - die grofiten unter ihnen nicht ausgenommen. Damit wird er- sichtlich, worin er iiber dem literarischen Betrieb stand, der ihn umgab.

Der literarische Tagesbetrieb hatte sich hundertundfiinfzig Jahre lang um Zeitschriften bewegt. Gegen Ende des ersten Jahrhundertdrittels begann das sich zu andern. Die schone Li- teratur bekam durch das Feuilleton einen Absatzmarkt in der Tageszeitung. In der Einfuhrung des Feuilletons resiimieren sich die Veranderungen, die die Julirevolution der Presse ge- bracht hatte. Einzelnummern von Zeitungen durften unter der Restauration nicht verkauft werden; man konnte ein Blatt nur als Abonnent beziehen. Wer den hohen Betrag von 80 Francs fiir das Jahresabonnement nicht bestreiten konnte, war auf Cafes angewiesen, in denen man oft zu mehreren um eine Nummer stand. 1824 gab es in Paris 47 000 Bezieher von Zeitungen, 1836 waren es 70 und 1846 200 Tausend. Eine entscheidende Rolle hatte bei diesem Aufstieg Girardins Zeitung »La Presse« ge- spielt. Sie hatte drei wichtige Neuerungen gebracht: die Herab- setzung des Abonnementspreises auf 40 Francs, das Inserat so- wie den Feuilletonroman. Gleichzeitig begann die kurze, ab- rupte Information dem gesetzten BerichtKonkurrenz zu machen.

36 Paul Desjardins: Pokes contemporains. Charles Baudelaire, in; Revue bleue. Revue politique et litt£raire (Paris), 3« s£rie, tome 14, 24me ann^e, 2e semestre, No. 1, 2 juillet 1887, p. 19.

37 II, p. 659.

38 II, p. 555.


DieBoheme 529

Sie empfahl sich durch ihre merkantile Verwertbarkeit. Die soge- nannte >r£clame< brach ihr freie Bahn: Darunter verstand man eine dem Ansehen nach unabhangige, in Wahrheit vom Verleger bezahlte Notiz, mit der im redaktionellen Teil auf ein Buch hingewiesen wurde, dem am Vortage oder auch in der gleichen Nummer ein Inserat vorbehalten war. Sainte-Beuve klagte schon 1839 uber ihre demoralisierenden Wirkungen. »Wie konn- te man« im kritischen Teil »ein Erzeugnis verdammen . . ., von dem zwei Fingerbreit tiefer zu lesen stand, dafi es ein Wunder- werk der Epoche sei. Die Anziehungskraft der immer grofier werdenden Lettern des Inserats bekam die Oberhand: es stellte einen Magnetberg dar, der den Kompafi ablenkte.« 39 Die >re- clame< steht am Anfang einer Entwicklung, deren Ende die von den Interessenten bezahlte Borsennotiz der Journale ist. Schwerlich kann die Geschichte der Information von der der Pressekorruption getrennt geschrieben werden. Die Information brauchte wenig Platz; sie, nicht der politische Leitartikel noch der Roman im Feuilleton, verhalf dem Blatt zu dem tagtaglich neuen, im Umbruch klug variierten Aus- sehen, in dem ein Teil seines Reizes lag. Sie muflte standig erneuert werden: Stadtklatsch, Theaterintrigen, audi >Wissens- wertes< gaben ihre beliebtesten Quellen ab. Die ihr eigene billige Eleganz, die fiir das Feuilleton so bezeichnend wird, ist ihr von Anfang an abzusehen. Mme de Girardin begrufit in ihren »Pari- ser Briefen« die Photographie wie folgt: »Man beschaftigt sich derzeit viel mit der Erfindung des Herrn Daguerre, und nichts ist possierlidier als die seriosen Erlauterungen, die unsere Salon- gelehrten von ihr zu geben wissen. Herr Daguerre darf unbe- sorgt sein, man wird ihm sein Geheimnis nicht rauben . . . Wirk- lich, seine Entdeckung ist wundervoll; aber man versteht nichts von ihr; sie ist zu viel erklart worden.« 40 Nicht so bald und nicht uberall fand man sich mit dem Feuilletonstil ab. i860 und 68 erschienen in Marseille und Paris die beidenBandeder»Revues parisiennes« von dem Baron Gaston de Flotte. Sie machten es


39 Sainte-Beuve: De la literature industrielle, in: Revue des deux mondes, 4«  sfrie, 1839, p. 682/683.

40 Mme Emile de Girardin n£e Delphine Gay: CEuvres completes. Bd. 4: Lettres parisienncs 1 836-1 840. Paris i860, p. 289/290.


530 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

sich zur Auf gabe, gegen die Leichtfertigkeit der historischen An- gaben, ganz besonders im Feuilleton der pariser Presse, anzu- kampfen. - Im Cafe, beim Aperitif kam das Fullwerk der In- formation zustande. »Die Gepflogenheit des Aperitifs . . . stellte sich mit dem Aufkommen der Boulevardpresse ein. Friiher, als es nur die groflen, seriosen Blatter gab . . . kannte man keine Stunde des Aperitifs. Sie ist die logische Folge der >Pariser Chro- nik< und des Stadtklatsches.« 41 Der Kaffeehausbetrieb spiel te die Redakteure auf das Tempo des Nachrichtendienstes ein, ehe noch dessen Apparatur entwickelt war. Als der elektrische Tele- graph gegen Ende des Second Empire in Gebrauch kam, hatte der Boulevard sein Monopol verloren. Die Ungliicksfalle und die Verbrechen konnten nunmehr aus aller Welt bezogen wer- den.

Die Assimilierung des Literaten an die Gesellschaft, in der er stand, vollzog sich dergestalt auf dem Boulevard. Auf dem Boulevard hielt er sich dem nachstbesten Zwischenfall, Witz- wort oder Geriicht zur Verfiigung. Auf dem Boulevard entfal- tete er die Draperie seiner Beziehungen zu Kollegen und Lebe- leuten; und er war auf deren Effekte so angewiesen wie die Kokotten auf ihre Verkleidungskunst*. Auf dem Boulevard bringt er seine miifiigen Stunden zu, die er als einen Teil seiner Arbeitszeit vor den Leuten ausstellt. Er verhalt sich als ob er von Marx gelernt hatte, dafi der Wert jeder Ware durch die zu ihrer Produktion gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit be- stimmt ist. Der Wert seiner eigenen Arbeitskraft bekommt der- gestalt angesichts des ausgedehnten Nichtstuns, das in den Augen des Publikums fiir ihre Vervollkommnung notig ist, etwas bei- nahe Phantastisches. Mit solcher Schatzung stand das Publikum nicht allein. Das hohe Entgelt des damaligen Feuilletons zeigt, daf? sie in gesellschaftlichen Verhaltnissen begriindet war. In der Tat bestand ein Zusammenhang zwischen der Senkung der

  •  »Mit ein wenig Scharfblidk erkennt man leidit, dafi ein Maddien, das sidi um acht

Uhr reich gekleidet in einem eleganten Kostum sehen lafit, dieselbe ist, die um neun Uhr als Grisette auftritt und sidi um zehn als Bauerin zeigt.* (F.-F.-A. Be>aud: Les filles publiques de Paris, et la police qui les regit. Paris, Leipzig 1839. Bd. 1, p. yr.)

41 Gabriel Guillemot: Le bohSme. Physionomies parisiennes. Dessins par Hadol. Paris 1868, p. 72.


DieBoh&me 531

Abonnementsgebuhren, dem Aufschwung des Inseratenwesens und der wadisenden Bedeutung des Feuilletons. »Auf Grund des neuen Arrangements* - der Herabsetzung der Abonnementsgebuhren - »mufi das Blatt von der Annonce leben . . .; um viele Annoncen zu erhalten, mufite die viertel Seite, die zur Affiche geworden war, einer moglichst grofien An- zahl von Abonneriten zu Gesicht kommen. Es wurde ein K6- der notig, der sich an alle ohne Ansehen ihrer Privatmeinung richtete, und der seinen Wert darin hatte, die Neugier an die Stelle der Politik zu setzen . . . War der Ausgang spunk t, der Abonnementspreis von 40 Francs, einmal gegeben, so gelangte man iiber das Inserat fast mit absoluter Notwendigkeit zum Feuilletonroman.« 42 Eben das erklart die hohe Dotierung dieser Beitrage. 1845 schlofi Dumas mit dem » Constitutional « und der »Presse« einen Vertrag, in dem ihm fiir fiinf Jahre ein jahrliches Mindesthonorar von 63 000 Francs bei einer jahrlichen Min- destproduktion von achtzehn Banden ausgesetzt wurde 43 . Eugene Sue erhielt fiir die »Mysteres de Paris« eine Anzahlung von 100 000 Francs. Die Honorare von Lamartine hat man fiir den Zeitraum von 1838 bis 1851 auf 5 Millionen Francs berechnet. Fiir die »Histoire des Girondins«, welche zuerst als Feuilleton erschienen war, hatte er 600 000 Francs bezogen. Die uppige Honorierung von literarischer Tagesware fiihrte notwendig zu Ubelstanden. Es kam vor, dafi Verleger sich beim Erwerb von Manuskripten das Recht vorbehielten, sie von einem Verfasser ihrer Wahl zeichnen zu lassen. Das setzte voraus, dafi einige erfolgreiche Romanciers mit ihrer Unterschrift nicht heikel waren. Naheres dariiber berichtet ein Pamphlet »Fabrique de romans, Maison Alexandre Dumas et Cie« 44 . Die »Revue des deux mondes« schrieb damals: »Wer kennt die Titel aller Bii- cher, die Herr Dumas gezeichnet hat? Kennt er sie seiber? Wenn er nicht ein Journal mit >Soll< und >Haben< fiihrt, so hat er

42 Alfred Nettement: Histoire de la literature franjaise sous le Gouvernement de Juillet. 2« 6d., Paris 1859. Bd. 1, p. 301/302.

43 vgl. Ernest Lavisse: Histoire de France contemporaine. Depuis la revolution jusqu'a la paix de 1919. Bd. 5: S. Charity: La monarchic de juillet (1830-1848). Paris 1921, p. 3J2.

44 vgl. Eugene de [Jacquot] Mirecourt: Fabrique de romans. Maison Alexandre Dumas et Compagnte. Paris 1845.


532 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

bestimmt . . . mehr als eines der Kinder vergessen, von denen er der legitime, der naturliche oder der Adoptivvater ist.« 45 Es ging die Sage, Dumas beschaftige in seinen Kellern eine ganze Kompagnie armer Literaten. Noch zehn Jahre nach den Feststel- lungen der grofien Revue - 1855 - findet man in einem kleinen Organ der Boheme die folgende pittoreske Darstellung aus dem Leben eines erfolgreichen Romanciers, den der Autor de Santis nennt: »2uhause angekommen, schliefit Herr de Santis sorgfaltig ab . . . und orTnet eine kleine hinter seiner Bibliothek verborgene Tur. - Er befindet sich damit in einem ziemlich schmutzigen, schlecht beleuchteten Kabinett. Da sitzt, einen langen Gansekiel in der Hand, mit verwirrtem Haar ein duster doch unterwiirfig blickender Mann. In ihm erkennt man auf eine Meile den wahren Romancier von Gebliit, wenn es audi nur ein ehemaliger Ministerialangestellter ist, der die Kunst Balzacs bei der Lekture des >Constitutionnel< erlernt hat. Der wahre Verfasser der >Schadelkammer< ist er; er ist der Roman- cier. « 46 * Unter der zweiten Republik versuchte das Parlament gegen das Oberhandnehmen des Feuilletons anzukampfen. Man belegte die Romanfortsetzungen Stuck fur Stuck mit einer Steuer von einem Centime. Mit den reaktionaren Pressgesetzen, die durch Beschrankung der Meinungsfreiheit dem Feuilleton erhohten Wert gaben, trat die Vorschrift nach kurzer Frist aufier Kraft.

Die hohe Dotierung des Feuilletons verbunden mit seinem grofien Absatz verhalf den Schriftstellern, die es belieferten, zu einem grofien Namen im Publikum. Es lag fur den Einzelnen nicht fern, seinen Ruf und seine Mittel kombiniert einzusetzen: die politis'che Karriere erschlofi sich ihm fast von selbst. Damit ergaben sich neue Formen der Korruption, und sie waren fol- genreicher als der Mifibrauch bekannter Autorennamen. War der politische Ehrgeiz des Literaten einmal erwacht, so lag es fiir das Regime nahe, ihm den richtigen Weg zu weisen. 1846 bot

  • DerGebraudi der>Neger< war nidit auf das Feuilleton besdirankt. Scribe beschaftigte

fiir den Dialog seiner Stucke eine Reihe von anonymen Mitarbeitern.

45 Paulin Limayrac: Du roman actuel et de nos romanciers, in: Revue des deux mondes, tome ir, 14c ahn£e, nouvelle s£rie, 1845, p. 953/954.

46 Paul Saulnier: Du roman en general et du romancier moderne en particulier, in: Le boheme. Journal non politique, ire annee, No. 5, 29 avril 1855, p. 2.


Die Boh&me 533

Salvandy, der Kolonialminister, Alexandre Dumas an, auf Re- gierungskosten - das Unternehmen war mit 10 000 Francs be- dacht - eine Reise nach Tunis zu unternehmen, um die Kolonien zu propagieren. Die Expedition mifiriet, verschlang viel Geld und endete mit einer kleinen Anfrage in der Kammer. Gliick- licher war Sue, der auf Grund des Erfolges seiner »Mysteres de Paris« nicht nur die Abonnentenzahl des »Constitutionnel« von 3600 auf 20000 brachte, sondern 1850 mit 130000 Stimmen der Arbeiter von Paris zum Deputierten gewahlt wurde. Die proletarischen Wahler gewannen damit nicht viel; Marx nennt die Wahl einen » sentimental abschwachenden Kommentar« 47 der vorangegangenen Mandatsgewinne. Wenn so die Lkeratur den Bevorzugten eine politische Laufbahn eroffnen konnte, so ist diese Laufbahn ihrerseits fur die kritische Betrachtung ihrer Schriften verwertbar. Lamartine bietet dafiir ein Beispiel dar. Lamartines entscheidende Erfolge, die »Meditations« und die »Harmonies«, reichen in die Zeit zuriick, in der das franzosische Bauerntum noch im Genufi des eroberten Ackers stand. In einem naiven Vers an Alphonse Karr hat der Diehter sein Schaffen dem eines Weinbauern gleichgestellt:

Tout homme avec fierte peut vendre sa sueur!

Je vends ma grappe en fruit comme tu vends ta fleur,

Heureux quand son nectar, sous mon pied qui la foule,

Dans mes tonneaux nombreux en ruisseaux d'ambre coule,

Produisant a son maitre, ivre de sa cherte\

Beaucoup d'or pour payer beaucoup de libert^! 48

Diese Zeilen, in denen Lamartine seine Prosperitat als eine bau- erliche lobt und der Honorare sidi riihmt, die ihm sein Produkt auf dem Markt verschafft, sind aufschluflreich, wenn man sie minder von der moralischen Seite* denn als einen Ausdruck von

  • In einem ofFenen Briefe an Lamartine schreibt der ultramontane Louis Veuillot:

»Sollten Sie wirklidi nicht wissen, dafi >frei sein< vielmehr besagen will: Gold verachten! Und um sich die Art Freiheit zu verschaffen, die man mit Gold erkauft, produzieren Sie Ihre Biicher auf ebenso kommerzielle Art wie Ihr Gemiise oder wie Ihren WeinN (Louis Veuillot: Pages choisies avec une introduction critique par Antoine Albalat. Lyon, Paris 1906, p. 31.

47 Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1. c. (S. J14) p. 6B.

48 Alphonse de Lamartine: (CEuvres poeuques completes. Ed. Guyard. Paris 1963, p. 1506 (»Lettre a Alphonse Karr«).)


534 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

Lamartines Klassengefiihl betrachtet. Es war das des Parzellen- bauern. Darin liegt ein Stiick Geschichte von Lamartines Poesie. Die Lage des Parzellenbauern war in den vierziger Jahren kri- tisch geworden. Er war verschuldet. Seine Parzelle lag »nidit mehr im sogenannten Vaterland, sondern im Hypotheken- buch« 49 . Damit war der bauerliche Optimismus, die Grundlage der verklarenden Anschauung der Natur, die Lamartines Lyrik eigen ist, in Verfall geraten. »Wenn die neu entstandene Parzelle in ihrem Einklang mit der Gesellschaft, in ihrer Abhangigkeit von den Naturgewalten und ihrer Unterwerfung unter die Autoritat, die sie von oben beschiitzte, naturlich religios war, wird die schuldzerriittete, mit der Gesellschaft und der Autori- tat zerfallene, iiber ihre eigene Beschranktheit hinausgetriebene Parzelle naturlich irreligios. Der Himmel war eine ganz schone Zugabe zu dem eben gewonnenen schmalen Erdstrich, zumal da er das Wetter macht; er wird zum Insult, sobald er als Ersatz fur die Parzelle aufgedrangt wird.« 50 An eben diesem Himmel waren die Gedichte Lamartines Wolkengebilde gewesen, wie denn Sainte-Beuve schon 1830 geschrieben hatte: »Die Dichtung von Andre" Chenier ... ist gewissermafien die Landschaft, iiber der Lamartine den Himmel ausgespannt hat.« 51 Dieser Him- mel sturzte fiir immer ein, als die franzosischen Bauern 1 849 fur die Prasidentschaft von Bonaparte stimmten. Lamartine hatte ihr Votum mit vorbereket*. »Er hatte wohl nicht gedacht«, schreibt iiber seine Rolle in der Revolution Sainte-Beuve, »dafi er bestimmt war, der Orpheus zu werden, welcher mit seinem guldenen Bogen jenen Einfall der Barbaren lenken und mafii-

  • Aus Berichten des damaligen russisdien Botschafters in Paris, Kisseljow, hat Po-

krowski nachgewiesen, dafi die Ereignisse so verlaufen sind, wie sdion Marx sie sich in den »KIassenkampfen in Frankreicfa« zurechtgelegt hatte. Am 6. April 1849 hatte Lamartine dem Botschafter zugesichert, Truppen in . der Hauptstadt zusammenzu- ziehen - eine Mafinahmc, die das Btirgertum spater mit den Arbeiterdemonstrationen vom 16. April zu rechtfertigen suchte. Lamartines Bemerkung, er werde fiir die Truppen konzentration ungefahr zehn Tage benotigen, lafit in der Tat ein zweideutiges Lidit auf jene Demonstrationen fallen. (Vgl. M[ichail] N. Pokrowski: Hlstorische Aufsatze. Ein Sammelband, Wicn, Berlin 1928, p. 108/109.)

49 Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1. c. {S. 514) p. 122/123.

50 Marx, 1. c. p. 122.

51 Vie, poesies et pens£es de Joseph Delorme. Nouvelle Edition. (Poesies de Sainte- Beuve. ire partie.) Paris 1863, p. 159/160.


DieBoheme 535

gen sollte.« 52 Baudelaire nennt ihn trocken »ein bifichen hurig, ein bifichen prostituiert« 53 .

Fiir die problematischen Seiten dieser glanzvollen Erscheinung hat schwerlidi einer einen scharferen Blick besessen als Baude- laire. Das mag damit zusammenhangen, dafi er selber seit jeher wenig Glanz auf sich hatte ruhen fiihlen. Porche* meint, es sehe ganz danach aus, als habe Baudelaire nicht die Wahl gehabt, wo er seine Manuskripte placieren konne 54 . »Baude- laire«, schreibt Ernest Raynaud, »hatte mit . . . Gaunersitten zu rechnen; er hatte es mit Herausgebern zu tun, die auf die Eitel- keit der Leute von Welt, der Amateure und der Anfanger spe- kulierten und welche Manuskripte nur annahmen, wenn man Abonnements zeichnete.« 55 Baudelaires eigenes Verhalten ent- spricht dieser Sachlage. Er stellt das gleiche Manuskript mehre- ren Redaktionen zur Verfiigung, vergibt Zweitdrucke, ohne sie als solche zu kennzeichnen. Er hat den literarischen Markt schon fruh vollig illusionslos betrachtet. 1846 schreibt er: »So schon ein Haus sein mag, es hat vor allem einmal - und ehe man sich bei seiner Schonheit aufhalt - soundsoviel Meter Hohe und so- undsoviel Meter Lange. - Ebenso ist die Literatur, welche die unschatzbarste Substanz darstellt, vor allem Zeilenfullung; und der literarische Architekt, dem nicht schon sein blofier Name einen Gewinn verspricht, mufi zu jedem Preise verkaufen.« 56 Bis an sein Ende blieb Baudelaire auf dem literarisdien Markt schlecht placiert. Man hat berechnet, dafi er mit seinem gesam- ten Werk nicht mehr als 1 5 000 Francs verdient hat. »Balzac richtet sich mit Kaffee zu Grunde, Musset stumpft sich durch Absinthgenufi ab . . ., Murger stirbt ... in einer Heil- anstalt wie eben jetzt Baudelaire. Und nicht einer dieser Schrift- steller ist Sozialist gewesen!« 57 schreibt der Privatsekretar von Sainte-Beuve, Jules Troubat. Baudelaire hat die Anerkennung, die der letzte Satz ihm zollen wollte, gewifi verdient. Aber er

52 Sainte-Beuve: Les consolations, 1. c. (S. 523) p. 118.

53 cit. Francois Porch^: La vie douloureuse de Charles Baudelaire. Paris 1926, p. 248.

54 vgl. Porche\ I. c. p. i$6.

55 Ernest Raynaud: Ch. Baudelaire. Etude biographique et critique suivi d'un essai de bibliographie et d'iconographie baudelairiennes. Paris 1922, p. 319.

56 II, p. 385.

57 cit. Eugene Cre'pet: Charles Baudelaire. Etude biographique, revue et mise a jour par Jacque Crepet. Paris 1906, p. 196/197.


$}6 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

war darum nicht ohne Einsicht in die wirkliche Lage des Litera- ten. Ihn - und sich selber an erster Stelle - mit der Hure zu konfrontieren, war ihm gelaufig. Das Sonett an die kaufliche Muse - »La muse venale« - spricht da von. Das grofie Einlei- tungsgedicht »Au lecteur« stellt den Dichter in der unvorteilhaf- ten Positur dessen da r, der fur seine Gestandnisse klingende Munze nimmt. Eines der friihsten Gedichte, die in die »Fleurs du mal« keinen Eingang fanden, ist an ein Strafienmadchen ge- richtet. Seine zweite Strophe lautet:

Pour avoir des souliers, elle a vendu son ame; Mais le bon Dieu rirait si, pres de cette infame, Je tranchais du tartufe et singeais la hauteur, Moi qui vends ma pensee et qui veux etre auteur. 58

Die Ietzte Strophe » Cette boheme-la, c'est mon tout« schliefit dieses Geschopf unbekiimmert in die Bruderschaft der Boheme ein. Baudelaire wufite, wie es um den Literaten in Wahrheit stand: als Flaneur begibt er sich auf den Markt; wie er meint, um ihn anzusehen, und in Wahrheit doch schon, um einen Kau- fer zu finden.


58 I, p. 209,

II Der Flaneur

Der Schriftsteller, der den Markt einmal betreten hatte, sah sich dort um wie in einem Panorama. Eine eigene Literaturgattung hat seine ersten Orientierungsversuche aufbehalten. Es ist eine panoramatische Literatur. »Le Hvre des Cent-et-un«, »Les Francais peints par eux-memes«, »Le diable a Paris«, »La grande ville« genossen nicht zufallig um die gleicfae Zeit wie die Panora- men die Gunst der Hauptstadt. Diese Bucher bestehen aus ein- zelnen Skizzen, die mit ihrer anekdotisclien Einkleidung den plastischen Vordergrund jener Panoramen und mit ihrem infor- matorischen Fundus deren weitgespannten Hintergrund gleich- sam nachbilden. Zahlreiche Autoren leisteten Beisteuer zu ihnen. So sind diese Sammelwerke ein Niedersohlag der gleichen belle- tristischen Kollektivarbeit, derGirardin im Feuilleton eine Statte eroffnet hatte. Sie waren das Salongewand eines Schrifttums, das von Hause aus dem Strafienverschleifi bestimmt war. In diesem Schrifttum nahmen die unscheinbaren Hefte in Taschen- format, die sich >physiologies< nannten, einen bevorzugten Platz ein. Sie gingen Typen nach, wie sie dem, der den Markt in Augenschein nimmt, begegnen. Vom fliegenden Strafienhandler der Boulevards bis zu den Elegants im Foyer der Oper gab es keine Figur des pariser Lebens, die der physiologue nicht umris- sen hatte. Der grofie Augenblick der Gattung fallt in den An- fang der vierziger Jahre. Sie ist die hohe Schule des Feuilletons; Baudelaires Generation hat sie durchgemacht. Dafi sie ihm selber wenig zu sagen hatte, zeigt, wie friih er den eigenen Weg ging. Man zahlte 1841 sechsundsiebenzig neue Physiologien 1 . Von diesem Jahre an sank die Gattung ab; mit dem Biirgerkonigtum war audi sie verschwunden. Sie war eine von Grund auf klein- biirgerliche. Monnier, der Meister des Genres, war ein mit un- gewdhnlicher Fahigkeit zur Selbstbeobachtung ausgestatteter Spiefier. Nirgends durchbrachen diese Physiologien den be- schranktesten Horizont. Nachdem sie sich den Typen gewidmet

1 vgl. Charles Louandre: Statistique littirairc. De la production intellectuelle en France depuis qulnze ans. Derniere partie, in: Revue des deux mondes, tome 20, 17c annee, nouvelle sirie, ij novembre 1847, p. 686/687.


538 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

hatten, kam dieReihe an diePhysiologie der Stadt.Es erschienen »Paris la nuit«, »Paris a table«, » Paris dans Peau«, » Paris a cheval«, »Paris pittoresque«, »Paris marie«. Als audi diese Ader erschopft war, wagte man sich an eine >Physiologie< der Volker. Man vergafi nicht die >Physiologie< der Tiere, die sich seit jeher als harmloser Vorwurf empfohlen haben. Auf die Harmlosigkeit kam es an. In seinen Studien zur Geschichte der Karikatur macht Eduard Fuchs darauf aufmerksam, dafi im Anfang der Physiologien die sogenannten Septembergesetze stehen - das sind die verscharften Zensurmafinahmen von 1836. Durch sie wurde eine Mannschaft von fahigen und in der Satire geschulten Kiinstlern mit einem Schlage von der Politik abge- drangt. Wenh das in der Graphik gelang, so mufite das Regie- rungsmanover erst recht in der Literatur gliicken. Denn in ihr gab es keine politische Energie, die sich mit der eines Daumier hatte vergleichen lassen. Die Reaktion ist also die Vorausset- zung, »aus der sich die kolossale Revue des burgerlichen Lebens erklart, die . . . in Frankreich einsetzte . . . Alles defilierte vor- iiber . . . Freudentage und Trauertage, Arbeit und Erholung, Eheliche Sitten und Junggesellengebrauche, Familie, Haus, Kind, Schule, Gesellschaft, Theater, Typen, Berufe.« 2 Die Gemachlichkeit dieser Schildereien pafit zu dem Habitus des Flaneurs, der auf dem Asphalt botanisieren geht. Aber schon damals konnte man nicht uberall in der Stadt umherschlendern. Breite Burgersteige waren vor Haussmann selten; die schmalen boten wenig Schutz vor den Fuhrwerken. Die Flanerie hatte sich zu ihrer Bedeutung schwerlich ohne die Passagen entwickeln konnen. »Die Passagen, eine neuere Erfindung des industriellen Luxus«, sagt ein illustrierter pariser Fiihrer von 1852, »sind glasgedeckte, marmorgetafelte Gange durch ganze Hausermas- sen, deren Besitzer sich zu solchen Spekulationen vereinigt ha- ben. Zu beiden Seiten dieser Gange, die ihr Licht von oben er- halten, laufen die elegantesten Warenladen hin, so dafi eine solche Passage eine Stadt, eine Welt im Kleinen ist.« In dieser Welt ist der Flaneur zuhause; er verhilft »dem Lieblingsauf- enthalte der Spazierganger und der Raucher, dem Tummelplatze

2 Eduard Fudis: Die Karikatur der europaisdien Volker. Erster Teil: Vom Altertum bis zum Jahre 1848. 4. AufL, Munthen 1921, p. 362.


Der Flaneur $39

aller moglichen kleinen Metiers « 3 zu seinem Chronisten und seinem Philosopher!. Sich selber aber verhilft er dort zu dem unfehlbaren Heilmittel gegen die Langeweile, wie sie unter dem Basiliskenblick einer saturierten Reaktion leicht gedeiht. »Wer imstande ware«, so lautet ein durch Baudelaire uberliefertes Wort von Guys, »sich in einer Menschenmenge zu langweilen, ist ein Dummkopf. Ein Dummkopf, wiederhole ich, und ein ver- achtlicher.<< 4 Die Passagen sind ein Mittelding zwisdien Strafie und Interieur. Will man von einem Kunstgriff der Physiologien reden, so ist es der bewahrte des Feuilletons: namlich den Bou- levard zum Interieur zu machen. Die Strafie wird zur Woh- nung fiir den Flaneur, der zwischen Hauserfronten so wie der Burger in seinen vier Wanden zuhause ist. Ihm sind die glanzenden emaillierten Firmenschilder so gut und besser ein Wandschmuck wie im Salon dem Burger ein Olgemalde; Mauern sind das Schreibpult, gegen das er seinen Notizblock stemmt; Zeitungskioske sind seine Bibliotheken und die Cafeterrassen Erker, von denen aus er nach getaner Arbeit auf sein Hauswesen heruntersieht. Dafi das Leben in seiner ganzen Vielfalt, in seinem unerschopflichen Reichtum an Variationen erst zwischen den grauen Pflastersteinen und vor dem grauen Hintergrunde der Despotie gedeiht - das war der politische Hintergedanke des Schrifttums, dem die Physiologien angehorten. Dieses Schrifttum war audi gesellschaftlich nicht geheuer. Der langen Reihe von kauzigen oder simplen, gewinnenden oder strengen Charakterkopfen, die die Physiologien dem Leser vor- stellen, ist eines gemeinsam: sie sind harmlos, von vollendeter Bonhomie. Eine solche Ansicht vom Nebenmenschen lag zu weit von der Erfahrung ab, urn sich nicht von ungewohnlich triftigen Ursachen herzuschreiben. Sie kam aus einer Beunruhi- gung von besonderer Art. Die Leute hatten mit einem neuen, ziemlich befremdenden Umstand sich abzufinden, der den Grofi- stadten eigentiimlich ist. In einer glucklichen Formulierung hat Simmel festgehalten, was hier in Frage steht. »Wer sieht, ohne zu horen, ist viel . . . beunruhigter als wer hort, ohne zu sehen. Hier liegt etwas fiir die Soziologie der Grofistadt Charakteri-

3 Ferdinand von Gall: Paris und seine Salons. Bd. 2. Oldenburg 184$, p. 22.

4 II, P . 333-


54° Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

stisdies. Die wechselseitigen Beziehungen der Menschen in den Grofistadten . . . zeichnen sich durch ein ausgesprochenes Ober- gewicht der Aktivitat des Auges iiber die des Gehors aus. Die Hauptursachen davon sind die offentlichen Verkehrsmittel. Vor der Entwicklung der Omnibusse, der Eisenbahnen, der Tram- ways im neunzehnten Jahrhundert waren die Leute nicht in die Lage gekommen, lange Minuten oder gar Stunden sich ge- genseitig ansehen zu miissen, ohne aneinander das Wort zu richten.« 5 Der neue Zustand war, wie Simmel erkennt, kein anheimelnder. Schon Bulwer instrumentierte seine Schilderung der grofistadtischen Menschen im »Eugen Aram« mit dem Hin- weis auf die Goethische Bemerkung, jeder Mensch, der beste wie der elendeste, trage ein Geheimnis mit sich herum, das ihn alien andern verhafit machen wiirde, sollte es bekannt werden 6 . Ahn- liche beunruhigende Vorstellungen als geringfiigig beiseite zu schieben, waren die Physiologien gerade gut. Sie stellten, wenn man so sagen darf, die Scheuklappen des >bornierten Stadt- tiers< 7 vor, von dem bei Marx einmal die Rede ist. Wie griind- lich sie, wo es nottat, den Blick beschrankten, zeigt eine Schil- derung des Proletariers in Foucauds »Physiologie de Pindustrie francaise«: »Ruhiger Genufi ist fiir den Arbeiter geradezu erschopfend. Sei das Haus, das er bewohnt, unter wolkenlosem Himmel noch so begriint, von Blumen durchduftet und vom Gezwitscher der Vogel belebt - ist er miifiig, so bleibt er den Reizen der Einsamkeit unzuganglich. Trifft aber zufallig ein scharfer Ton oder Pfiff aus einer entfernten Fabrik sein Ohr, hort er auch nur das einformige Geklapper, das vom Miihlwerk einer Manufaktur herriihrt, gleich heitert sich seine Stirne auf . . . Er spiirt nicht mehr den erlesenen Blumenduft. Der Rauch aus dem hohen Fabrikschornstein, die drohnenden Schlage vom Ambofi her lassen ihn vor Freude erzittern. Er erinnert sich der seligen Tage seiner durch den Geist des Erfinders gelenkten

5 G[eorg] Simmel: Melanges de philosophic r£lativiste. Contribution a la culture philosophique. Traduit par A, Guillain. Paris 1912, p. 26/27.

6 vgl. [Edward George Bulwer Lytton:] Eugene Aram. A Tale. By the Author of »Pelham«, »Devereux«, &c. Paris 1832, p. 314.

7 Marx und Engels iiber Feuerbach. Der erste Tell der »Deutsdien Ideologic*, in: Marx-Engels-Ardiiv (Zeitschrift des Marx-Engels-Instxtuts in Moskau, hrsg. von D. Rjazanov, Frankfurt a. M.)» Bd. i, 1926, p. 272.


Der Flaneur 541

Arbeit. « 8 Der Unternehmer, der diese Besdireibung las, ging vielleicht gelassener als sonst zur Ruhe.

Das Niichstliegende war in der Tat, den Leuten voneinander ein freundliches Bild zu geben. Damit webten die Physiologien auf ihre Art an der Phantasmagoric des pariser Lebens. Aber ihr Verfahren konnte nicht sehr weit fiihren. Die Leute kannten einander als Schuldner und Glaubiger, als Verkaufer und Kun- de, als Arbeitgeber und Angestellter - vor allem kannten sie einander als Konkurrenten. Ihnen von ihren Partnern die Vor- stellung eines harmlosen Originals zu erwecken, ersdiien auf die Dauer nicht aussichtsreich. Daher bildete sich in diesem Schrift- tum friih eine andere Ansicht der Sache aus, die sehr viel toni- scher wirken konnte. Sie geht auf die Physiognomiker des acht- zehnten Jahrhunderts zuriick. Mit deren solideren Bemiihungen hat sie allerdings wenig zu tun. Bei Lavater oder bei Gall war neben der Spekulation und Schwarmerei echte Empirie mit im Spiel. Die Physiologien zehrten von deren Kredit, ohne aus Eigenem dazuzugeben. Sie versicherten, jedermann sei, von Sachkenntnis ungetriibt, imstande, Beruf, Charakter, Herkunft und Lebensweise der Passanten abzulesen. Bei ihnen erscheint diese Gabe als eine Fahigkeit, die die Feen dem Grofistadter in die Wiege legen. Mit solchen Gewifiheiten war vor alien andern Balzac in seinem Element. Seine Vorliebe fur uneingeschrankte Aussagen fuhr gut mit ihnen. »Das Genie«, schreibt er beispiels- weise, »ist im Menschen so sichtbar, dafi der Ungebildetste, wenn er sich in Paris ergeht und dabei einen grofien Kunstler kreuzt, sofort wissen wird, woran er ist.« 9 Delvau, Baudelaires Freund und der interessanteste unter den kleinen Meistern des Feuille- tons, will das Publikum von Paris nach seinen verschiedenen Schichten so leicht auseinanderhalten wie ein Geologe die Schich- tungen im Gestein. Liefi sich dergleichen tun, dann war aller- dings das Leben in der Grofistadt nicht entfernt so beunruhi- gend, wie es den Menschen wahrscheinlich vorkam. Dann war es nur eine Floskel, wenn Baudelaire fragt, »was sind die Ge- fahren des Waldes und der Prarie mit den taglichen Chocks und Konflikten in der zivilisierten Welt verglichen? Ob der Mensch auf dem Boulevard sein Opfer unterfafit oder in unbe-

8 Foucaud, I. c. (S. 520) p. 122/11$.

9 Honori de Balzac: Le cousin Pons. Ed. Conard. Paris 1914, p. 130.


54* Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

, kannten Waldern seine Beute durchbohrt - bleibt er nicht hier und dort das vollkommenste aller Raubtiere?« 10 Baudelaire gebraucht fiir dieses Opfer den Audruck >dupe<; das Wort bezeichnet den Betrogenen, Genasfiihrten; zu ihm steht der Menschenkenner im Gegensatz. Je weniger geheuer die Grofistadt wird, desto mehr Menschenkenntnis, so dachte man, gehort dazu, in ihr zu operieren. In Wahrheit fiihrt der verscharfte Konkurrenzkampf den Einzelnen vor allem dahin, seine Interessen gebieterisch anzumelden. Deren prazise Kennt- nis wird, wenn es gilt, das Verhalten eines Menschen abzuschat- zen, oft viel dienlicher als die seines Wesens sein. Die Gabe, de- ren der Flaneur sich so gerne ruhmt, ist darum eher eines der Idole, die schon Baco auf dem Markte ansiedelt. Baudelaire hat diesem Idol kaum gehuldigt. Der Glaube an die Erbsiinde feite ihn gegen den Glauben an Menschenkenntnis. Er hielt es mit de Maistre, der seinerseits das Studium des Dogmas mit dem des Baco vereinigt hatte.

Die beruhigenden Mittelchen, welche die Physiologisten feil- hielten, waren bald abgetan. Der Literatur dagegen, die sich an die beunruhigenden und bedrohlichen Seiten des stadtischen Le- bens gehalten hat, sollte eine grofie Zukunft beschieden sein. Audi diese Literatur hat es mit der Masse zu tun. Sie verfahrt aber anders als die Physiologien. Ihr liegt an der Bestimmung von Typen wenig; sie geht yielmehr den Funktionen nach, welche der Masse in der grofien Stadt eigen sind. Unter ihnen drangte eine sich auf, die schon ein Polizeibericht um die Wende des neunzehnten Jahrhunderts hervorhebt. »Es ist fast unmog- lich«, schreibt ein pariser Geheimagent im Jahre 1798, »gute Lebensart in einer dicht massierten Bevolkerung aufrecht zu er- halten, wo jeder einzelne alien andern sozusagen unbekannt ist und daher vor niemandem zu erroten braucht.« n Hier erscheint die Masse als das Asyl, das den Asozialen vor seinen Verfolgern schiitzt. Unter ihren bedrohlichen Seiten hat sich diese am zei- tigsten angekiindigt. Sie steht im Ursprung der Detektivge- schichte. In Zeiten des Terrors, wo jedermann etwas vom Konspirateur

10 11, p. 637.

11 cit. Adolphe Schmidt: Tableaux de la revolution francaise. Publics sur les papiers in^dits du d^partement et de la police secrete de Paris. Bd. 3. Leipzig 1870, p. 337.


Der Flaneur 543

an sich hat, wird audi jedermann in die Lage kommen, den Detektiv zu spielen. Die Flanerie gibt ihm darauf die beste An- wartschaft. »Der Beobachter«, sagt Baudelaire, »ist ein Fiirst, der iiberall im Besitze seines Inkognitos ist.« 12 Wenn der Fla- neur dergestalt zu einem Detektiv wider Willen wird, so kommt ihm das gesellschaftlich sehr zupafi. Es legitimiert seinen Miifiig- gang. Seine Indolenz ist eine nur scheinbare. Hinter ihr verbirgt sich die Wachsamkeit eines Beobachters, der den Missetater nicht aus den Augen lafit. So sieht der Detektiv ziemlich weite Ge- filde seinem Selbstgefiihl aufgetan. Er bildet Formen des Reagie- rens aus, wie sie dem Tempo der Groftstadt anstehen. Er er- hascht die Dinge im Flug; er kann sich damit in die Nahe des Kiinstlers traumen. Den geschwinden Stift des Zeichners lobt jedermann. Balzac will Kiinstlerschaft iiberhaupt an geschwin- des Erfassen gebunden wissen*. - Kriminalistischer Spiirsinn mit der gefalligen Nonchalance des Flaneurs vereinigt gibt den Auf- rifi von Dumas' » Mohicans de Paris«. Ihr Held entschliefit sich, auf Abenteuer auszuziehen, indem er einem Fetzen Papier nachgeht, den er den Winden zum Spiel uberlassen hat. Welche. Spur der Flaneur auch verfolgen mag, jede wird ihn auf ein Verbrecheh fuhren. Damit ist angedeutet, wie auch die Detektiv- geschichte, ihres niichternen Kalkiils ungeachtet, an der Phantas- magoric des pariser Lebens mitwirkt. Noch verklart sie nicht den Verbrecher; aber sie verklart seine Gegenspieler und vor allem die Jagdgriinde, in denen sie ihn verfolgen. Messac hat gezeigt, wie man sich bemiiht, dabei Reminiszenzen an Cooper heranzuziehen 13 . Das Interessante an Coopers Einflufi ist: man verbirgt ihn nicht, man stellt ihn vielmehr zur Schau. In den erwahnten »Mohicans de Paris« liegt die Schaustellung schon im Titel; der Autor macht dem Leser die Aussicht, ihm in Paris einen Urwald und eine Prarie zu offnen. Das holzgeschnittene Frontispice zum dritten Band zeigt eine bebuschte, damals wenig begangene Strafie; die Beschriftung der Ansicht lautet: »Der

  • In »Seraphita« spridit Balzac von einer »scfinellen Schau, deren Perzeptionen der

Phantasie in raschem Wechsel die gegensatzlichsten Landschaften der Erde zur Ver- fiigung stellen«.

12 II, p. 333.

13 vgl. R^gis Messac: Le »Detective Novel* et Tinfluence de la pens£e scientifique. Paris 1929.


544 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

Urwald in der d'Enfer-Strafie^ Der Verlagsprospekt dieses Werkes umreifit den Zusammenhang mit einer grofiartigen Flos- kel, in der man die Hand des von sich begeisterten Verfassers vermuten darf : »Paris - die Mohikaner . . . diese beiden Namen prallen aufeinander wie das Qui vive zweier gigantischer Unbe- kannter. Es trennt die beiden ein Abgrund; er ist von den Fun- ken jenes elektrischen Lichtes durchzuckt, das seinen Herd in Alexandre Dumas hat.« Feval versetzte schon friiher eine Rot- haut in weltstadtische Abenteuer. Sie heifk Tovah und bringt es fertig, auf einer Ausfahrt in einem Fiaker ihre vier weifien Begleiter so zu skalpieren, daft der Kutscher nichts davon merkt. Die »Mysteres de Paris« weisen gleich zu Beginn auf Cooper, um zu versprechen, daft ihre Helden aus der pariser Unterwelt »nicht minder der Zivilisation entriickt sind als die Wilden, die Cooper so trefflich darstellt«. Besonders ist aber Balzac nicht miide geworden, auf Cooper als auf sein Vorbild hinzuweisen. »Die Poesie des Schreckens, von der die amerikanischen Walder, in denen feindliche Stamme auf dem Kriegspfad einander begeg- nen, voll sind - diese Poesie, die Cooper so zustatten gekommen ist, eignet genau so den kleinsten Details des pariser Lebens. Die Passanten, die Laden, die Mietkutschen oder ein Mann, der ge- gen ein Fenster lehnt, all das interessierte die Leute von Peyra- des Leibwache ebenso brennend wie ein Baumstumpf, ein Biber- bau, ein Felsen, eine Buffelhaut, ein unbewegliches Canoe oder ein treibendes Blatt den Leser eines Romans von Cooper. « Bal- zacs Intrige ist reich an Spielformen zwischen Indianer- und Detektivgeschichte. Friih hat man seine »Mohicaner im spencer«  und »Huronen im Gehrock« beanstandet 14 . Andererseits schreibt Hippolyte Babou, der Baudelaire nahestand, riickblickend im Jahre 1857: »Wenn Balzac ... die Mauern durchbricht, um der Beobachtung freie Bahn zu geben . . ., so horcht man an den Tii- ren . . ., man verhalt sich mit einem Wort . . . wie unsre Nach- barn, die Englander, in ihrer Priiderie sagen, als police detec- tive.* 15

Die Detektivgeschichte, deren Interesse in einer logischen Kon- struktion liegt, die als solche der Kriminalnovelle nicht eignen mufi, erscheint fur Frankreich zum ersten Male mit den Ober-

14 vgl. Andr£ Le Breton: Balzac. L'homme et l'ceuvre. Paris i^oj, p. 83.

15 Hippolyte Babou: La v£rit£ sur le cas de M. Champfleury. Paris 1857, p. 30.


Der Flaneur 545

setzungen der Poesdien Erzahlungen: »Das Geheimnis der Marie Roget«, »Der Doppelmord in der rue Morgue«, »Der ent- wendete Brief «. Mit der Obertragung dieser Modelle hat Baude- laire die Gattung adoptiert. Poes Werk ging durchaus in sein eigenes ein; und Baudelaire betont diesen Sachverhalt, indem er sich solidarisch mit der Methode macht, in der die einzelnen Gattungen, denen Poe sicix zuwandte, iibereinkommen. Poe ist einer der grofiten Tecliniker der neueren Literatur gewesen. Er als erster hat es, wie Valery bemerkt 16 , mit der wissenschaft- lichen Erzahlung, mit der modernen Kosmogonie, mit der Dar- stellung pathologischer Erscheinungen versucht. Diese Gattun- gen galten ihm als exakte Hervorbringungen einer Methode, fur die er allgemeine Geltung beanspruchte. Genau darin trat ihm Baudelaire zur Seite und im Sinne von Poe schreibt er: »Die Zeit ist nicht fern, da man verstehen wird, dafi eine Literatur, die sidi weigert, briiderlich vereint mit der Wissenschaft und mit der Philosophic ihren Weg zu machen, eine morderische und selbstmorderische Literatur ist.« 17 Die Detektivgeschichte, die folgenreichste unter den technischen Errungenschaften von Poe, gehorte einem Schrifttum an, das dem Baudelaireschen Postulat Geniige tat. Ihre Analyse macht einen Teil der Analyse von Baudelaires eigenem Werk, unbeschadet der Tatsache, dafi von ihm keine solchen Geschichten verfafit worden sind. Als disiecta membra kennen die »Fleurs du mal« drei von ihren entscheiden- den Elementen: das Opfer und den Tatort (»Une martyre«), den Morder (»Le vin de l'assassin«), die Masse (»Le crepuscule du soir«). Es fehlt das vierte, das dem Verstand erlaubtj diese affektschwangere Atmosphare zu durchdringen. Baudelaire hat keine Detektivgeschichte verfafit, weil die Identifikation mit dem Detektiv ihm nach seiner Triebstruktur unmoglich gewesen isc Der Kalkiil, das konstruktive Moment stand bei ihm auf der Seite des Asozialen. Es ist ganz und gar in die Grausamkeit ein- gebracht. Baudelaire ist ein zu guter Leser von Sade gewesen, urn mit Poe kpnkurrieren zu konnen*.

  •  »Man mufi immer auf Sade . . . zuriickgreifen, urn das Bose zu erklaren.« (II,

P. *94)-

16 vgl. Baudelaire: Les fleurs du mal. Ed. Cres. Paris 1928. - Introduction de Paul Valery.

17 II, p. 424.


$4*> Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

Der urspriingliche gesellschaftliche Inhalt der Detektivgeschich- te ist die Verwischung der Spuren des Einzelnen in der Grofi- stadtmenge. Eingehend widmet Poe sich diesem Motiv im »Ge- heimnis der Marie Roget«, der umfangreichsten von seinen Kriminalnovellen. Gleichzeiug ist diese Novelle der Prototyp der Verwertung journalistischer Informationen bei der Aufdek- kung von Verbrechen. Poes Detektiv, der Chevalier Dupin arbeitet hier nicht auf Grund des Augenscheins sondern der Be- richte der Tagespresse. Die kritische Analyse ihrer Berichte gibt das Geriist der Erzahlung ab. Unter anderm mufi der Zek- punkt des Verbrechens ermittelt werden. Ein Blatt, der »Com- merciel«, vertritt die Ansicht, Marie Roget, die Ermordete, sei unmittelbar nachdem sie die mutterliche Wohnung verlassen habe, beseitigt worden. »>Es ist unmoglich - schreibt er -, dafi eine junge Frau, die mehreren tausend Personen bekannt war, auch nur drei Strafienecken weit gekommen ware, ohne auf einen Passanten zu stolen, dem ihr Gesicht bekannt war . . .< Das ist nun die Vorstellungsweise eines Mannes, der im orfentlichen Leben steht und seit langem in Paris ansassig ist, der sich im iibrigen in dieser Stadt fast immer in der Gegend der offentlichen Verwaltungsgebaude bewegt. Sein Kommen und Gehen spielt sich in regelmafiigen Fristen in einem beschrankten Sektor ab und in ihm bewegen sich Leute, die Beschaftigungen nachgehen, welche der seinen ahneln; diese Leute interessieren sich daher fiir ihn, und sie nehmen von seiner Person Notiz. Demgegen- iiber darf man sich die Wege, wie sie gewohnlich von Marie in der Stadt beschrieben wurden als unregelmafiig vorstellen. In dem besondern Falle, mit dem wir es zu tun haben, mufi fur wahrscheinlich gelten, dafi ihr Weg von dem ublicherweise von ihr beschriebenen abwich. Die Parallele, von der der >Commer- ciel< offenbar ausging, ware nur dann statthaft, wenn die beiden in Frage stehenden Personen den Weg durch die ganze Stadt gemacht hatten. Fiir diesen Fall waren unter der Voraussetzung, dafi sie gleich viel Bekannte hatten, die Chancen, auf die gleiche Menge von Bekannten zu stofien, fiir sie die gleichen. Ich rhei- nesteils halte es nicht nur fiir moglich sondern fiir unendlich wahrscheinlich, dafi Marie zu jeder beliebigen Zeit von ihrer Wohnung zu der ihrer Tante einen beliebigen Weg einschlagen konnte, ohne auf einen einzigen Passanten zu stofien, den sie


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gekannt hatte oder dem sie bekannt gewesen ware. Um in dieser Frage zu einem richtigen Urteil zu kommen und sie sachgerecht zu beantworten, mufi man sich das ungeheure Miftverhaltnis vor Augen halten, das zwischen der Anzahl von Bekannten selbst des iiberlaufensten Individuums und der Gesamtbevolkerung von Paris besteht.« 18 Lafit man den Zusammenhang auEer acht, der diese Reflexionen bei Poe herauffiihrt, so verliert der Detek- tiv seine Kompetenz, aber nicht das Problem seine Gultigkeit. Es liegt abgewandelt einem von den beriihmtesten Gedichten der »Fleurs du mal«, dem Sonett »A une passante« zugrunde.

La rue assourdissante autour de moi hurlait. Longue, mince, en grand deuil, douleur majestueuse, Une femme passa, d'une main fastueuse Soulevant, balancant le feston et Tourlet;

Agile et noble, avec sa jambe de statue. Moi, je buvais, crispe comme un extravagant, Dans son ceil, ciel livide ou germe Touragan, La douceur qui fascine et le plaisir qui tue.

Un eclair . . . puis la nuit! - Fugitive beaute Dont le regard m'a fait soudainement renaitre, Ne te verrai-je plus que dans Teternite?

Ailleurs, bien loin d'ici! trop tard! jamais peut-etre! Car j'ignore ou tu fuis, tu ne sais ou je vais, O toi que j'eusse aimee, 6 toi qui le savais! 19

Das Sonett »A une passante« stellt die Menge nicht als das Asyl des Verbrechers sondern als das der den Dichter fliehenden Liebe dar. Man darf sagen, es handelt von der Funktion der Menge nicht im Dasein des Burgers sondern in dem des Erotikers. Auf den ersten Blick scheint diese Funktion negativ; aber sie ist es nicht. Die Erscheinung, welche ihn fasziniert - weit entfernt, sich dem Erotiker in der Menge nur zu entziehen, wird ihm durch diese Menge erst zugetragen. Die Entzuckung des Stadters

18 Edgar Poe: Histoires extraordinaires. Traduction de Charles Baudelaire. (Charles Baudelaire: CEuvres completes. Bd. 5; Traductions I. Ed. Calmann Livy.) Paris i88$, p. 484-486.

19 I, p. 106.


54^ Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

ist eine Liebe nicht sowohl auf den ersten als auf den letzten Blick. Das »jamais« ist der Hohepunkt der Begegnung, an dem die Leidenschaft, scheinbar vereitelt, in Wahrheit erst als Flamme aus dem Poeten schliigt. In ihr verbrennt er; doch aus ihr steigt kein Phonix. Die Neugeburt der ersten Terzine eroffnet eine Ansicht von dem Geschehen, die im Lichte der vorangehenden Strophe sehr problematisch erscheint. Was den Korper im Krampf zusammenzieht, das ist nicht die Betroffenheit dessen, von dem ein Bild in alien Kammern seines Wesens Besitz er- greift; es hat mehr von dem Chock, mit dem ein gebieterisches Geliist unvermittelt den Einsamen uberkommt. Der Zusatz »comme un extravagant« spricht das beinahe aus; der Ton, der vom Dichter darauf gelegt wird, dafi die Frauenerscheinung in Trauer ist, ist nicht danach angetan, es geheim zu halten. Es be- steht in Wahrheit ein tiefer Bruch zwischen den Vierzeilern, die den Vorgang dartun, und den Terzinen, die ihn verklaren. Wenn Thibaudet von diesen Versen gesagt hat, »dafi sie nur in einer Grofistadt entstehen konnten« 20 , so bleibt er an ihrer Oberflache. Ihre innere Figur pragt sich darin aus, dafi in ihnen die Liebe selbst von der Grofistadt stigmatisiert erkannt wird*. Seit Louis Philippe findet man im Burgertum das Bestreben, sich fur die Spurlosigkeit des Privatlebens in der grofien Stadt zu entschadigen. Das versucht es innerhalb seiner vier Wande. Es ist als habe es seine Ehre darein gesetzt, die Spur, wenn schon nicht seiner Erdentage so doch seiner Gebrauchsartikel und Re- quisiten in Aonen nicht untergehen zu lassen. Unverdrossen nimmt es den Abdruck von einer Fiille von Gegenstanden; fiir PantofT ein und Taschenuhren, fiir Thermometer und Eierbecher, fiir Bestecke und Regenschirme bemiiht es sich um Futterale und Etuis. Es bevorzugt Sammet- und Pluschbeziige, die den Ab- druck jeder Beruhrung aufbewahren. Dem Makartstil - dem Stil des ausgehenden Second Empire - wird die Wohnung zu

  • Das Motiv der Liebe zu der Passantin wird von einem Gedicht des friihen George

aufgenommen. Das Entscheidende ist ihm entgangen - die Stromung, mit der die Frau von der Menge getragen an dem Dichter voriibertreibt. So kommt es zu einer be- fangenen Elegie. Die Blicke des Sprechenden sind, wie er seiner Dame gestehen mufi, »feuch: vor sehnen fortgezogen i eh sie in deine sich zu tauchen trauten« (Stefan George: Hymnen Pilgerfahrten Algabal. 7. Aufl., Berlin 1922, p. 23). Baudelaire lafit daruber keinen Zweifel, dafi er der Passantin tief in die Augen gesehen hat. 20 Albert Thibaudet: Inteneurs. Baudelaire, Fromentin, Amiel. Paris 1924, p. 22.


Der Flaneur 549

einer Art Gehause. Er begreift sie als Futteral des Menschen und bettet ihn mit all seinem Zubehor in sie em, seine Spur so be- treuend wie im Granit die Natur eine tote Fauna. Es braucht dabei nicht verkannt zu werden, dafi der Vorgang seine zwei Seiten hat. Der reale oder sentimentale Wert der derart aufbe- wahrten Gegenstande wird unterstrichen. Sie werden dem pro- fanen Blick des Nichteigentiimers entzogen, und insbesondere wird ihr Umrifi auf bezeichnende Art verwischt. Es hat nichts Befremdendes, dafi die Abwehr der Kontrolle, wie sie den Asozialen zur zweiten Natur wird, im besitzenden Burgertum wiederkehrt. - Man kann in diesen Gepflogenheiten die dialek- tische Illustration eines Textes erblicken, der im »Journal offi- ciel« in vielen Fortsetzungen erschienen ist. Bereits 1836 hatte Balzac in der »Modeste Mignon« geschrieben: »Arme Frauen Frankreichs! ihr mochtet wohl gerne unbekannt bleiben, um euren kleinen Liebesroman zu spinnen. Aber wie soil euch das in einer Zivilisation gliicken, die auf den offentlichen Platzen Ab- gang und Ankunft der Kutschen verzeichnen lafit, die die Briefe zahlt und sie bei der Aufgabe einmal und bei der Auslieferung nochmals abstempelt, die die Hauser mit Nummern versieht und bald das ganze Land bis auf die kleinste Parzelle ... in ihren Katastern wird stehen haben.« 21 Ein ausgedehntes Kontroll- netz hatte seit der franzosischen Revolution das biirgerliche Le- ben immer fester in seine Maschen eingeschnurt. Fiir das Fort- schreiten der Normierung gibt in der Groftstadt die Hauserzah- lung einen brauchbaren Anhalt ab. Die Verwaltung Napoleons hatte sie 1805 fiir Paris verbindlich gemacht. In proletarischen Vierteln war diese einfache Polizeimafinahme allerdings auf Widerstande gestofien; von dem Quartier der Schreiner, Saint- Antoine, heifit es noch 1864: »Wenn man einen der Bewohner dieser Vorstadt nach seiner Adresse fragt, wird er stets den Na- men geben, den sein Haus tragt, und nicht die kalte, officielle Nummer.« 22 Solche Widerstande vermochten natiirlich auf die Dauer nichts gegen das Bestreben, durch ein vielfaltiges Gewebe von Registrierungen den Ausfall von Spuren zu kompensieren, den das Verschwinden der Menschen in den Massen der grofien

21 Balzac: Modeste Mignon. Ed. du Si^cle. Paris i8jo, p. 99.

22 Sigmund Englander: Geschichte der franzosischen Arbeiter-Associationen. Dritter Theil. Hamburg 1864, p. 126.


5 jo Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

Stadte mit sich bringt. Baudelaire fand sich durch dieses Bestre- ben ebenso beeintrachtigt wie irgendein Krimineller. Auf der Flucht vor den Glaubigern schlug er sich in Cafes oder in Lese- zirkel. Es traf sich, dafi er zwei Domizile zugleich bewohnte - aber an Tagen, an denen die Miete fallig wurde, nachtigte er oft bei Freunden in einem dritten. So trieb er sich in der Stadt her- um, welche dem Flaneur langst nicht mehr Heimat war. Jedes Bett, in das er sich legte, war fiir ihn zu einem »lit hasardeux« 23 geworden. Crepet zahlt zwischen 1842 und 1858 vierzehn pariser Adressen von Baudelaire.

Technische Mafinahmen mufiten dem administrativen Kontroll- prozefi zu Hilfe kommen. Am Anfang des Identifikations- verfahrens, dessen derzeitiger Standard durch die Bertillonsche Methode gegeberi ist, steht die Personalbestimmung durch Un- terschrift. In der Geschichte dieses Verfahrens stellt die Erfin- dung der Photographie einen Einschnitt dar. Sie bedeutet fiir die Kriminalistik nicht weniger als die des Buchdrucks fiir das Schrifttum bedeutet hat. Die Photographie ermoghcht zum ersten Mai, fiir die Dauer und eindeutig Spuren von einem Menschen festzuhalten. Die Detektivgeschichte entsteht in dem Augenblick, da diese einschneidendste aller Eroberungen iiber das Inkognito des Menschen gesichert war. Seither ist kein Ende der Bemuhun- gen abzusehen, ihn dingfest im Reden und Tun zu machen. Poes beriihmte Novelle »Der Mann der Menge« ist etwas wie das Rontgenbild einer Detektivgeschichte. Der umkleidende Stoff, den das Verbrechen darstellt, ist in ihr weggefallen. Die blofie Armatur ist geblieben: der Verfolger, die Menge, ein Un- bekannter, der seinen Weg durch London so einrichtet, dafi er immer in deren Mitte bleibt. Dieser Unbekannte ist der Fla- neur. So ist er von Baudelaire audi verstanden worden, als er in seinem Guys-Essay den Flaneur »l*homme des foules« genannt hat. Aber Poes Beschreibung dieser Figur ist frei von der Kon- nivenz, die Baudelaire ihr entgegenbrachte. Der Flaneur ist fiir Poe vor allem einer, dem es in seiner eigenen Gesellschaft nicht geheuer ist. Darum sucht er die Menge; nicht weit davon wird der Grund, aus dem er sich in ihr verbirgt, zu suchen sein. Den Unterschied zwischen dem Asozialen und dem Flaneur verwischt Poe vorsatzlich. Ein Mann wird in dem Mafie verdachtiger als

23 I, p. 115.


Der Flaneur 551

er schwerer aufzutreiben ist. Von langerer Verfolgung abste- hend, fafk im stillen der Erzahler seine Erkenntnis so zusam- men: »>Dieser alte Mann ist die Verkorperung, ist der Geist des Verbrechens<, sagte ich zu mir. >Er kann nicht allein sein; er ist der Mann der Menge.<« 24

Das Interesse des Lesers wird vom Verfasser nicht fur diesen Mann allein beansprucht; es wird sich mindestens gleich sehr an die Schilderung der Menge heften. Dies aus dokumentarischen Griinden ebenso wie aus kiinstlerischen. In beiden Hinsichten ragt sie hervor. Was zuerst frappiert, ist, wie hingerissen der Erzahler dem Schauspiel der Menge folgt. Dem folgt auch, in einer bekannten Erzahlung E. T. A. Hoffmanns, der Vetter an seinem Eckfenster. Aber wie befangen geht der Blick dessen iiber die Menge hin, der in seinem Hauswesen installiert ist. Und wie durchdringend ist der des Mannes, der durch die Scheiben des Kaffeehauses starrt. In dem Unterschied der Beobachtungspo- sten steckt der Unterschied zwischen Berlin und London. Auf der einen Seite der Privatier; er sitzt im Erker wie in einer Rangloge; wenn er auf dem Markt sich deutlicher umsehen will, so hat er einen Operngucker zur Hand. Auf der andern Seite der Konsument, der namenlose, der ins Kaffeehaus eintritt und es in kurzem, angezogen von dem Magneten der Masse, von dem er unablassig bestrichen wird, wieder verlassen wird. Auf der einen Seite ein Vielerlei kleiner Genrebilder, die insgesamt ein Album von kolorierten Stichen bilden; auf der andern Seite ein Aufrifl, der einen grofien Radierer zu inspirieren imstande ware; eine unabsehbare Menge, in welcher keiner dem andern ganz deutlich und keiner dem andern ganz undurchschaubar ist. Dem deutschen Kleinbiirger sind seine Grenzen eng gesteckt. Und doch war Hoffmann nach seiner Veranlagung von der Familie der Poe und der Baudelaire. In den biographischen Bemerkun- gen zu der Originalausgabe seiner letzten Schriften wird ange- merkt: »Von der freien Natur war Hoffmann nie ein besonde- rer Freund. Der Mensch, Mittheilung mit, Beobachtungen iiber, das blose Sehen von Menschen, gait ihm mehr als Alles. Ging er im Sommer spaziereri, was bei schonem Wetter taglich gegen

24 Poe: Nouvelles histoires extraordmaires. Traduction de Charles Baudelaire. (Char- les Baudelaire: CEuvres completes. Bd. 6; Traductions II. Ed. Caiman n Levy.) Paris 1887, p. 102.


55 2 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

Abend geschah, so . . . fand sich nicht leidit ein Weinhaus, ein Conditorladen, wo er nidit eingesprochen, um zu sehen, ob und welche Menschen da seyen.« 25 Spater klagte ein Dickens, wenn er auf Reisen war, immer wieder iiber den Mangel an Strafien- larm, der ihm fur seine Produktion unerlafilich sei. »Ich kann nicht sagen, wie sehr die Strafien mir fehlen«, schrieb er 1846 aus Lausanne, in der Arbeit an »Dombey und Sohn« begrif- fen. »Es ist, als ob sie meinem Gehirn etwas gaben, dessen es, wenn es arbeiten soil, nicht entbehren kann. Eine Wodie, vier- zehn Tage kann ich wunderbar schreiben an einem entlegenen Orte; ein Tag in London geniigt dann, mich wieder aufzuzie- hen . . . Aber die Muhe und Arbeit, zu schreiben, Tag fur Tag, ohne diese magische Laterne, ist ungeheuer . . . Meine Figuren scheinen stillstehen zu wollen, wenn sie keine Menge um sich haben.« 26 Unter dem vielen, was Baudelaire an dem verhafiten Briissel aussetzt, erfiillt eines ihn mit besonderem Groll: »Keine Schaufenster. Die Flanerie, die von Volkern mit Phantasie ge- liebt wird, ist in Briissel nicht moglich. Es gibt nichts zu sehen, und die Strafien sind unbenutzbar.« 27 Baudelaire liebte die Einsamkeit; aber er wollte sie in der Menge. Im Verlaufe seiner Erzahlung lafit Poe es dunkel werden. Er verweilt bei der Stadt im Gaslicht. Die Erscheinung der Strafie als Interieur, in der die Phantasmagoric des Flaneurs sich zu- sammenfafit, ist von der Gasbeleuchtung nur schwer zu trennen. Das erste Gaslicht brannte in den Passagen. In Baudelaires Kindheit fallt der Versuch, unter f reiem Himmel es zu verwer- ten; man stellte auf der Place Vend6me Kandelaber auf. Unter Napoleon in. wachst die Zahl der pariser Gaslaternen in schnel- ler Folge 28 . Das erhohte die Sicherheit in der Stadt; es machte die Menge auf offener Strafie auch des Nachts bei sich selber hei- misch; es verdrangte den Sternenhimmel aus dem Bilde der gro- fien Stadt zuverlassiger als das durch ihre hohen Hauser ge-

25 Ernst Theodor Amadeus Hoffmann: Ausgewahlte Sdiriften. Bd. ij: Leben und Na&Iafi. Von Julius Eduard Hitzig. Bd. 3. 3. Aufl., Stuttgart 1839, p. 32-34.

26 cit. anofl. [Franz Mehring]: Charles Didtens, in: Die Neue Zeit 30 (1911/12), Bd. I, p. 622.

27 II, p. 710.

28 vgl. (Marcel Poete [u. a.]:) La transformation de Paris sous Ie Second Empire. Exposition de la Bibliotheque et des travaux historique de la ville de Paris. Orga- nised avec Ie concours des collections de P, Blondel [u. a.]. Paris 1910, p. 6j.


Der Flaneur 553

schah. »Idi ziehe den Vorhang hinter der Sonne zu; nun ist sie zu Bett gebracht wie es sich gehort; ich sehe fortan kein anderes Licht als das der Gasflamme.« 29 * Mond und Sterne sind nicht mehr erwahnenswert.

In der Bliitezeit des Second Empire schlossen die Laden in den Hauptstrafien nicht vor zehn Uhr abends. Es war die grofie Zeit des noctambulisme. »Der Mensch«, schrieb damals Delvau in dem der zweiten Stunde nach Mitternacht gewidmeten Ka- pitel seiner »Heures parisiennes«, »darf sich von Zeit zu Zeit ausruhen; Haltepunkte und Stationen sind ihm erlaubt; aber er hat nicht das Recht zu schlafen.« 30 Am genfer See gedenkt Dik- kens wehmiitig Genuas, wo er zwei Meilen Strafie hatte, in de- ren Beleuchtung er in den Nachten herumirren konnte. Spater als mit dem Aussterben der Passagen die Flanerie aus der Mode kam und audi Gaslicht nicht mehr fiir vornehm gait, schien einem letzten Flaneur, der traurig durch die leere Passage Col- bert schlenderte, das Flackern der Kandelaber nur noch die Angst ihrer Flamme zur Schau zu tragen, am Monatsende nicht mehr bezahlt zu werden 31 . Damals schrieb Stevenson seine Klage auf das Verschwinden der Gaslaternen. Sie hangt vor allem dem Rhythmus nach, in dem Laternenanzunder durch die Strafien hin eine nach der andern die Laternen entzunden. Erst hebt sich dieser Rhythmus vom Gleichmafi der Dammerung ab, nun aber von einem brutalen Chock, mit dem ganze Stadte auf einen Schlag im Schein des elektrischen Lichts daliegen. »Dieses Licht sollte nur auf Morder oder auf Staatsverbrecher fallen oder in Irrenanstalten den Gang erleuchten - Grauen, Grauen zu steigern angetan.« 32 Manches spricht dafiir, dafi Gaslicht erst spat so idyllisch empfunden wurde wie von Stevenson, der ihm den Nachruf schreibt. Vor allem bezeugt das der fragliche Poesche Text. Unheimlicher ist die Wirkung dieses Lichts kaum zu schildern: »Die Strahlen der Gaslaternen waren zuerst

  • Das gleiche Bild im »CrepuscuIe du soir«: der Himmel sdiliefit sidi langsam wie ein

grofier Alkoven; vgl. I, p. 108.

29 Julicn Lemer: Paris au gaz, Paris 1861, p. 10.

30 Alfred Delvau: Les heures parisiennes. Paris i%66, p. 206.

31 vgl. Louis Veuillot: Les odeurs de Paris. Paris 1914, p. 182.

32 Robert Louis Stevenson: Virginibus Puerisque and Other Papers. London (?), p. 192 (»A Plea for Gas Lamps*).


554 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

schwadi gewesen als sie nodi mit der Abenddammerung in Streit gelegen hatten. Nun hatten sie gesiegt und warfen ein flackern- des und grelles Licht ringsumher. Alles sah schwarz aus, fun- kelte aber wie das Ebenholz, mit dem man den Stil Tertullians verglidien hat.«" »Im Innern des Hauses«, heifit es bei Poe an anderer Stelle, »ist Gas durdiaus unstatthaft. Sein flackerndes, hartes Licht beleidigt das Auge.« 34

Duster und zerfahren wie das Licht, inwelchem sie sich bewegt, erscheint die londoner Menge selbst. Das gilt nicht nur von dem Gesindel, das mit der Nacht »aus den H6hlen« 35 kriecht. Die Klasse der hoheren Angestellten wird von Poe folgendermafien beschrieben: »Ihr Haar war zumeist bereits ziemlich gelichtet, ihr rechtes Ohr stand infolge seiner Verwendung als Trager des Federhalters gewohnlich etwas vom Kopfe ab. Alle riickten gewohnheitsmaftig mit beiden Handen an ihren Hiiten und alle trugen kurze goldene Uhrketten von altmodischer Form.« 36 Auf den unmittelbaren Augenschein ist Poe in seiner Schilderung nicht aus gewesen. Die Gleichformigkeiten, denen die Kleinbur- ger durch ihr Dasein in der Menge unterworfen werden, sind iibertrieben; ihr Aufzug ist nicht weit davon entfernt, uniform zu sein. Noch erstaunlicher ist die Beschreibung der Menge nach der Art, wie sie sich bewegt. »Die meisten, die vorbeikamen, sahen aus wie Leute, die mit sich zufrieden sind und mit beiden Fiifien im Leben stehen. Sie schienen nur daran zu denken, sich durch die Menge ihren Weg zu bahnen. Sie runzelten die Brauen und warfen Blicke nach alien Seiten. Wenn sie von benachbarten Passanten einen Stofi bekamen, zeigten sie sich nicht weiter ungehalten; sie brachten ihre Kleider wieder in Ordnung und hasteten weiter. Andere, und audi diese Gruppe war grofi, hat- ten ungeordnete Bewegungen, ein rot angelaufenes Gesicht, sprachen mit sich selbst und gestikulierten, so als ob sie sich ge- rade infolge der unzahligen Menge, von der sie umgeben wa- ren, allein vorgekommen waren. Wenn sie unterwegs innehalten mufiten, dann horten diese Leute plotzlich auf zu murmeln; aber

33 Poe: Nouvelles histoires extraordinaires, 1. c. (S. jji) p. 94.

34 Poe: Histoires grotesques et seVieuses. (Charles Baudelaire: CEuvres completes. Ed. Cr^pet-Pidiois. [Bd. 10.]) Paris 1937, p. 207.

35 Poe: Nouvelles histoires extraordinaires, 1. c. p. 94.

36 Poe, L c p. 90/91.


Der Flaneur 555

ihre Gestikulation wurde heftiger und sie warteten mit abwesen- dem, forciertem Lacheln bis die Leute, die ihnen im Wege stan- den, vorbeiwaren, Wenn man sie anstiefi, so griifiten sie diejeni- gen tief, von denen sie ihren Stofi bekommen hatten, und sie schienen dann hochst befangen.« 37 * Man sollte denken, die Rede sei von halbtrunkenen, verelendeten Individuen. In Wahrheit handelt es sich urn »Leute von gutem Stande, Kaufleute, Advo- katen und B6rsenspekulanten« 38 . Anderes als eine Psychologie der Klassen ist hier im Spiel**.

Es gibt eine Lithographie von Senefelder, die einen Spielklub darstellt. Nicht einer der auf ihr Abgebildeten geht in der iibli- chen Weise dem Spiele nach. Jeder ist von seinem Affekt beses- sen; einer von ausgelassener Freude, ein anderer von Mifitrauen gegen den Partner, ein dritter von dumpfer Verzweiflung, ein vierter von Streitsucht; einer macht Anstalten, um aus der Welt zu gehen. Dies Blatt erinnert in seiner Extravaganz an Poe. Al- lerdings ist Poes Vorwurf grofier, und dem entsprechen audi seine Mittel. Sein Meisterzug in dieser Schilderung besteht darin, dafi er die hoffnungslose Isoliertheit der Menschen in ihrem Pri- vatinteresse nicht, wie Senefelder, in der Verschiedenheit ihres Gebarens sondern in ungereimten Gleichformigkeiten, sei es

  • Zu dieser Stelle findet sich eine Parallele in »Un jour de pluie*. Das Gedicht ist,

wenn auch von anderer Hand signiert, Baudelaire zuzuschreiben (vgl. Charles Baudelaire: Vers retrouves. Ed. Jules Mouquet. Paris 1929). Die Anatogie des leczten Verses zu Poes Erwahnung von Tertullian ist um so bemerkenswerter als das Stuck spatestens 1843 geschrieben ist - zu einer Zeit, da Baudelaire von Poe nicht wufite.

Chacun, nous coudoyant sur le trottoir glissant,

Egoiste et brutal, passe et nous eclabousse,

Ou, pour courir plus vite, en s'lloignant nous pousse,

Partout fange, deluge, obscurity du ciel:

Noir tableau qu'eut reve le noir Ez^chielt (I, p. 211.)

    • Das Bild von Amerika, das Marx in sich trug, scheint aus dem gleichen Stoff wie

Poes Schilderung, Er hebt die »fieberhaft jugendliche Bewegung der materiel len Pro- duktion« in den Staaten hervor und macht grade sie daftir haftbar, dafi »weder Zeit noch Gelegenheit« war, »die alte Geisterwelt abzuschaffen« (Marx: Dier achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1. c. S. J14) p. 30). Die Physiognomic selbst der Ge- schaftsleute hat bei Poe etwas Damonisches. Baudelaire schildert wie bei Einbruch der Dunkelheit »trag wie ein Kaufmannspack die sch ad lichen Damonen« (I, p. 10S) in der Luft erwachen. Vielleicht ist die Stelle im »Crepuscule du soir« von dem Poeschen Text mitbestimmt.

37 Poe: Nouvelles histoires extraordinaires, 1. c. {S. 551) p. 89.

38 Poe, 1. c. p. 89/90.


556 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

ihrer Kleidung, sei es ihres Benehmens zum Ausdruck bringt. Die Servilitat, mit der sich die, die Piiffe einstecken, obendrein noch entschuldigen, lafit erkennen, woher die Mittel, welche Poe an dieser Stelle einsetzt, stammen. Sie stammen aus dem Repertoire der Klowns. Und er verwendet sie ahnlich wie das spater durch die Exzentriks geschehen ist. Bei den Leistungen des Exzentriks ist eine Beziehung auf die Okonomie offenkun- dig. In seinen abrupten Bewegungen imitiert er ebensogut die Maschinerie, welche der Materie, wie die Konjunktur, welche der Ware ihre Stofie versetzt. Eine ahnliche Mimesis der »fieber- haften . . . Bewegung der materiellen Produktion« nebst der ihr zugehorigen Geschaftsformen vollziehen die Teilchen der bei Poe geschilderten Menge. Was der Luna-Park, der den kleinen Mann zum Exzentrik macht, spater in seinen Wackeltopfen und verwandten Amusements zustande brachte, das ist in der Be- schreibung von Poe vorgebildet. Die Leute verhalten sich bei ihm so als wenn sie nur noch reflektorisch sich aufiern konnten. Dies Treiben wirkt noch entmenschter dadurch, dafi bei Poe nur Menschen in Rede stehen. Wenn die Menge sich staut, so ist es nicht, weil der Wagenverkehr sie aufhalt - er ist nirgends mit einem Wort erwahnt - sondern weil sie durch andere Mengen blockiert wird. In einer Masse von soldier Beschaffenheit konnte die Flanerie keine Bliiten treiben.

In Baudelaires Paris war es noch nicht an dem. Noch gab es Fahren, die dort wo spater Briicken sich befanden, die Seine querten. Noch konnte, in Baudelaires Todesjahr, ein Unterneh- mer auf den Gedanken kommen, zur Bequemlichkeit bemittelter Einwohner fiinfhundert Sanften zirkulieren zu lassen. Noch waren die Passagen beliebt, in denen der Flaneur dem Anblick des Fuhrwerks enthoben war, das den Fufiganger als Konkur- renten nicht gelten lafit. Es gab den Passanten, welcher sich in die Menge einkeilt; doch gab es audi noch den Flaneur, welcher Spielraum braucht und sein Privatisieren nicht missen will. Mufiig geht er als eine Personlichkeit; so protestiert er gegen die Arbeitsteilung, die die Leute zu Spezialisten macht. Ebenso pro- testiert er gegen deren Betriebsamkeit. Um 1840 gehorte es vor- ubergehend zum guten Ton, Schildkroten in den Passagen spa- zieren zu fuhren., Der Flaneur liefi sich gern sein Tempo von ihnen vorschreiben. Ware es nach ihm gegangen, so hatte der


Der Flaneur 557

Fortschritt diesen pas lernen mussen. Aber nicht er behielt das letzte Wort sondern Taylor, der das >Nieder mit der Flanerie< zur Parole machte 39 . Mancher suchte sich beizeiten ein Bild von dem zu machen, was kommen sollte. »Der Flaneur«, schreibt Rattier 1857 in seiner Utopie »Paris n'existe pas«, »den man auf dem Pflaster und vor den Auslagen angetroffen hat, dieser nichtige, unbedeutende, ewig schaulustige Typ, der immer auf Sechser-Emotionen aus war und von nichts wufite als von Stei- nen, Fiakern und Gaslaternen . . . der ist nun Ackerbauer, Win- zer, Leinenfabrikant, Zuckerraffineur, Eisenindustrieller gewor- den.* 40

Auf seinen Irrfahrten landet der Mann der Menge spat in einem noch viel besuchten Kaufhaus. Er bewegt sich darin wie ein Kundiger. Gab es vielstockige Warenhauser zur Zek von Poe? Wie dem audi sei, Poe lafit den Ruhelosen »etwa andert- halb Stunden« in diesem Kaufhause zubringen. »Er ging von einem Rayon zum andern, ohne etwas zu kaufen noch auch zu sprechen; wie abwesend starrte er auf die Waren.« 41 Wenn die Passage die klassische Form des Interieurs ist, als das die Strafie sich dem Flaneur darstellt, so ist dessen Verfallsform das Wa- renhaus. Das Warenhaus ist der letzte Strich des Flaneurs. War ihm anfangs die Strafie zum Interieur geworden, so wurde ihm dieses Interieur nun zur Strafie, und er irrte durchs Labyrinth der Ware wie vordem durch das stadtische. Es ist ein grofiartiger Zug in Poes Erzahlung, dafi sie der friihesten Schilderung des Flaneurs die Figur seines Endes einbeschreibt. Jules Laforgue hat von Baudelaire gesagt, als erster habe von Paris er »als ein tagtaglich zur hauptstadtischen Existenz Ver- dammter« 42 gesprochen. Er hatte sagen konnen, als erster er habe auch von dem Opiat gesprochen, das diesen - und nur die- sen - Verdammten zur Erleichterung gegeben ist. Die Menge ist nicht nur das neueste Asyl des Geachteten; sie ist auch das neue- ste Rauschmittel des Preisgegebenen. Der Flaneur ist ein Preisge- gebener in der Menge. Damit teilt er die Situation der Ware.

39 vgl. Georges Fricdmann: La crise du progres. Esquisse d'histoire des id£es 189$- 1935. 2* £d., Paris 1936, p. 76.

40 Paul-Ernest de Rattier: Paris n'existe pas. Paris 1857, p. 74/75.

41 Poe: Nouvelles histoires extraordin aires, 1. c. (S. 551) p. 98.

42 Jules Laforgue: Melanges posthumes. Paris 1903, p. in.


558 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

Diese Besonderheit ist ihm nicht bewufit. Sie wirkt aber darum auf ihn nicht weniger. Sie durchdringt ihn beseligend wie ein Rauschgift, das ihn fur viele Demutigungen entschadigen kann. Der Rausch, dem sich der Flanierende uberlafit, ist der der vom Strom der Kunden umbrausten Ware.

Gabe es jene Warenseele, von welcher Marx gelegentlich im Scherz spricht 43 , so ware sie die einfuhlsamste, die im Seelen- reiche je begegnet ist. Denn sie miifite in jedem den Kaufer sehen, in dessen Hand und Haus sie sich schmiegen will. Ein- fiihlung ist aber die Natur des Rausches, dem der Flaneur in der Menge sich uberlafit. »Der Dichter geniefit das unvergleichliche Privileg, dafi er nach Gutdiinken er selbst und ein anderer sein kann. Wie irrende Seelen, die einen Korper suchen, so tritt er, wann er will, in die Person eines anderen ein. Ihm steht die eines jeglichen frei und offen; wenn ihm gewisse Platze ver- schlossen scheinen, so ist es, weil sie in seinen Augen der Miihe wert nicht sind, inspiziert zu werden.« 44 Was hier spricht, ist die Ware selbst. Ja, die letzten Worte geben einen ziemlich genauen Begriff von dem, was sie dem armen Schlucker zumurmelt, der an einer Auslage mit schonen und teuren Sachen vorbeikommt. Sie wollen nichts von ihm wissen; in ihn fuhlen sie sich nicht ein. In den Satzen des bedeutsamen Stiicks »Les foules« spricht mit andern Worten der Fetisch selbst, mit dem Baudelaires sensitive Anlage so gewaltig mitschwingt, dafi die Einfuhlung in das An- organische eine der Quellen seiner Inspiration gewesen ist*.

  • Zu den Belegen, die im ersten Teil hierfur versammelt wurden, kommt als ein

gewiduigster das zweite der »SpIeen«-Gedichte. Schwerlich hat ein Dichter vor Baudelaire einen Vers geschrieben, der dem »Je suis un vieux boudoir plein de roses fan£es« (I, p. 86) entsprache. Das Gedicht ist durch und durch auf die Einfuhlung in eine Materie gestellt, welche eine im doppelten Sinne tote ist. Es ist die anorganische, weiter die aus dem Zirkulationsprozefi ausgeschiedene.

DeWmais tu n'es plus, 6 matiere vivantel

Qu'un granit entouri d'une vague £pouvante,

Assoupi dans le fond d'un Saharah brumeux;

Un vieux sphinx ignori du monde insoucieux,

OubIi6 sur la carte, et dont l'humeur farouche

Ne chante qu'aux rayons du soleil qui se couche. (I, p. 86). Das Bild der Sphinx, mit dem das Gedicht schliefit, hat die diistere Schonheit von Ladenhtitern, wie man sie noch in Passagen antrifft.

43 vgl. Marx: Das Kapital, 1. c. (S. J23) p. 9J.

44 I, p. 420/421.


Der Flaneur 559

Baudelaire war ein Kenner der Rauschmittel. Dennoch ist ihm eine ihrer sozial erheblichsten Wirkungen wohl entgangen. Sie besteht in dem Charme, den die Siichtigen unterm Einflufi der Droge an den Tag legen. Den gleichen Effekt gewinnt ihrerseits die Ware der sie berauschenden, sie umrauschenden Menge ab. Die Massierung der Kunden, die den Markt, der die Ware zur Ware macht, eigentlich bildet, steigert deren Charme fur den Durchschnittskaufer. Wenn Baudelaire von einem »religiosen Rauschzustand der Grofistadte« 45 spricht, so diirfte dessen un- genannt gebliebenes Subjekt die Ware sein. Und die »heilige Prostitution der Seele«, mit der verglichen »das, was die Men- schen Liebe nennen, recht klein, recht beschrankt und recht schwachlich« 46 sein soli, kann, wenn die Konfrontation mit der Liebe ihren Sinn behalt, wirklich nichts anderes sein als die Pro- stitution der Warenseele. »Cette sainte prostitution de Tame qui se donne tout entiere, po&ie et charit£, a l'imprevu qui se montre, a l'inconnu qui passe« 47 , sagt Baudelaire. Genau diese po£sie und genau diese charite ist es, welche die Prostituierten fur sich in Anspruch nehmen. Sie hatten die Geheimmsse des of- fenen Markts ausprobiert; die Ware hatte da nichts vor ihnen voraus. Auf dem Markte beruhten einige ihrer Reize, und es wurden ebenso viele Machtmittel. Als solche registriert Baude- laire sie im »Crepuscule du Soir«:

A travers les lueurs que tourmente le vent

La Prostitution s'allume dans les rues;

Comme une fourmiliere elle ouvre ses issues;

Partout elle se fraye un occulte chemin,

Ainsi que Pennemi qui tente un coup de main;

Elle remue au sein de la cite* de fange

Comme un ver qui d£robe a l'Homme ce qu'il mange. 48

Erst die Masse der Einwohner erlaubt der Prostitution diese Streuung uber weite Teile der Stadt. Und erst die Masse macht es dem Sexualobjekt moglich, sich an den hundert Reizwirkun- gen zu berauschen, die es zugleich ausiibt.

45 II, p. 627.

46 I, p. 421.

47 I, p. 421.

48 I, p. 108.


$6o Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

Nicht auf jeden wirkte das Schauspiel berauschend, das das Strafienpublikum einer Grofistadt bot. Lange ehe Baudelaire sein Prosagedicht »Les foules« verfafite, hatte Friedrich Engels es unternommen, das Treiben in den londoner Strafien abzuschil- dern. »So eine Stadt wie London, wo man stundenlang wandern kann, ohne auch nur an den Anfang des Endes zu kommen, ohne dem geringsten Zeichen zu begegnen, das auf die Nahe des plat- ten Landes schliefien liefie, ist doch ein eigen Ding. Diese kolos- sale Centralisation, diese Anhaufung von dritthalb Millionen Menschen auf Einem Punkt hat die Kraft dieser dritthalb Mil- lionen verhundertfacht . . . Aber die Opfer, die . . . das geko- stet hat, entdeckt man erst spater. Wenn man sich ein paar Tage lang auf dem Pflaster der Hauptstrafien herumgetrieben . . . hat, dann merkt man erst, dafi diese Londoner das beste Theil ihrer Menschheit aufopfern mufiten, um alle die Wunder der Civilisa- tion zu vollbringen, von denen ihre Stadt wimmelt, dafi hun- dert Krafte, die in ihnen schlummerten, unthatig blieben und unterdriickt wurden . . . Schon das Strafiengewiihl hat etwas Wi- derliches, etwas, wogegen sich die menschliche Natur emport. Diese Hunderttausende von alien Klassen und aus alien Stan- den, die sich da aneinander vorbeidrangen, sind sie nicht Alle Menschen, mit denselben Eigenschaften und Fahigkeiten, und mit demselben Interesse, glucklich zu werden? . . . Und doch rennen sie an einander voriiber, als ob sie gar Nichts gemein, gar Nichts mit einander zu thun hatten, und doch ist die einzige Ubereinkunft zwischen ihnen die stillschweigende, dafi Jeder sich auf der Seite des Trottoirs halt, die ihm rechts liegt, damit die beiden an einander vorbeischiefienden Stromungen des Ge- dranges sich nicht gegenseitig aufhalten; und doch fallt es Kei- nem ein, die Andern auch nur eines Blickes zu wiirdigen. Die bmtale Gleichgiiltigkeit, die gefiihllose Isolirung jedes Einzelnen auf seine Frivatinteressen tritt um so widerwartiger und ver- letzender hervor, je mehr dieser Einzelnen auf den kleinen Raum zusammengedrangt sind.« 49

Diese >gefuhllose Isolierung jedes Einzelnen auf seine Privat- interessen< durchbricht der Flaneur nur scheinbar, indem er den Hohlraum, welchen die seinige in ihm geschaffen hat, mit den

49 Engels: Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Nadi eigner Ansdiauung und authentischen Quellen. 2, Ausg., Leipzig 1848, p. 36/37.


Der Flaneur 561

erborgten, zudem erdichteten von Fremden ausfiillt. Es klingt neben der klaren Beschreibung, die Engels gibt, dunkel, wenn Baudelaire schreibt: »Das Vergniigen, in einer Menge sich zu befinden, ist ein geheimnisvoller Ausdruck fiir den Genufi an der Vervielfaltigung der Zahl« 50 ; aber der Satz klart sich, wenn man ihn nicht sowohl vom Standpunkt des Menschen als der Ware gesprochen denkt. Sofern der Mensch, als Arbeitskraft, Ware ist, hat er es allerdings nicht notig, eigens in die Ware sich zu versetzen. Je mehr diese Seinsweise seiner selbst als die von der Produktionsordnung iiber ihn verhangte ihm zum Bewufit- sein kommt - je mehr er sich proletarisiert -, desto mehr durch- dringt ihn der Frosthauch der Warenwirtschaft, desto weniger wird es sein Fall sein, in die Ware sich einzufiihlen. Aber so weit war es mit der Klasse der kleinen Burger, der Baudelaire angehorte, noch nicht gekommen. Auf der Stufenleiter, von der hier die Rede ist, befand sie sich erst im Beginn des Abstiegs. Unausweichlich mufite vielen in ihr die Warennatur ihrer Ar- beitskraft eines Tages aufstofien. Aber dieser Tag war noch nicht gekommen. Bis zu ihm durften sie, wenn man so sagen darf, ihre Zeit hinbringen. Dafi unterdessen ihr Teil im besten Fall der Genufi sein konnte, doch nie die Herrschaft, das eben machte die Frist, die ihr von der Geschichte gegeben war, zu einem Ge- genstande des Zeitvertreibs. Wer auf Zeitvertreib ausgeht, der sucht Genufi. Es verstand sich jedoch von selber, dafi dem Ge- nufi dieser Klasse um so engere Grenzen gezogen waren, je mehr sie ihm in dieser Gesellschaft fronen wollte. Weniger beschrankt liefi dieser Genufi sich an, sofern sie ihn an ihr zu finden imstande war. Wollte sie es in dieser Art zu geniefien bis zur Virtuositat bringen, so durfte sie die Einfuhlung in die Ware nicht verschmahen. Sie mufite diese Einfuhlung mit der Lust und der Bangigkeit auskosten, die ihr aus dem Vorgefuhl von ihrer eigenen Bestimmung als Klasse kam. Sie mufite ihr schliefilich ein Sensorium entgegenbringen, das audi Bestofienem und Faulendem noch die Reize abmerkt. Baudelaire, der im Ge- dicht an eine Kurtisane »ihr Herz, bestofien wie einen Pfirsich, reif fiir weises Lieben« nennt »wie ihren Leib«, besafi dieses Sensorium. Ihm verdankte er den Genufi an dieser Gesellschaft als ein halb bereits von ihr Ausgeschiedener. 50 II, p. 6x6.


5 62 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

In der Haltung des so Geniefienden liefi er das Schauspiel der Menge auf sich einwirken. Dessen tiefste Faszination lag aber darin, ihm im Rausch, in welchen es ihn versetzte, die schreck- liche gesellschaftliche Wirklichkeit nicht zu entriicken. Er hielt sie sich bewufit; so zwar wie Berauschte wirklicher Umstande >noch< bewufit bleiben. Darum kommt die Grofistadt bei Baude- laire beinahe nie in der unmittelbaren Darstellung ihrer Bewoh- ner zumAusdruck. DieDirektheit undHarte, mit der ein Shelley- London im Bild seiner Menschen festhielt, konnte dem Paris von Baudelaire nicht zugute kommen.

Die Holle ist eine Stadt, sehr ahnlich London - Eine volkreiche und eine rauchige Stadt. Dort gibt es alle Arten von ruinierten Leuten Und dort ist wenig oder gar kein Spafi Wenig Gerechtigkeit und noch weniger Mitleid. 51

Dem Flaneur liegt ein Schleiet auf diesem Bild. Die Masse ist dieser Schleier; sie wogt in »den faltigen Maandern der alten Metropolen« 52 . Sie macht, dafi das Grauenhafte auf ihn bezau- bernd wirkt". Erst wenn dieser Schleier zerreifit und dem Blick des Flaneurs »einen der volkreichen Platze« freigibt, »die im Strafienkampfe menschenleer daliegen« 54 , sieht audi er die grofie Stadt unverstellt.

Bediirfte es eines Zeugnisses fur die Gewalt, mit der die Erfah- rung der Menge Baudelaire bewegt hat, so ware es die Tatsache, dafi er es unternahm, im Zeichen dieser Erfahrung mit Hugo zu wetteifern. Dafi in ihr wenn irgendwo Hugos Starke lag, war fur Baudelaire offenkundig. Er riihmt einen »caractere po&ique . . ., interrogatif« 55 an Hugo und sagt ihm nach, er verstehe nicht nur das Klare scharf und klar wiederzugeben, sondern gebe audi mit der unerlafilichen Dunkelheit wieder, was nur dunkel und undeutlich sei offenbart worden. Von den drei Gedichten der »Tableaux parisiens«, die Hugo gewidmet sind,

51 Percy Bysshe Shelley: The Complete Poetical Works. London 1932, p. 346. (» Peter Bell the Third Part*; Obertragung von Brecht.)

52 I, p. 102.

53 vgl, I, p. 102.

54 II, p. 193.

55 II, p. J22.


Der Flaneur 56*3

beginnt eines mit einer Anrufung der menschenerfullten Stadt - »Wimmelnde Stadt, Stadt, von Traumen erfiillte« 56 - ein ande- res verfolgt im »wimmelnden Tableau« 57 der Stadt, durch die Menge hindurch, alte Frauen*. Die Menge ist in der Lyrik ein neuer Gegenstand. Noch dem Neuerer Sainte-Beuve riihmte man es, als dem Dichter geziemend und angemessen, nach, dafi »die Menge ihm unertraglich« 58 sei. Hugo hat wahrend seines Exils in Jersey diesen Gegenstand der Poesie erschlossen. In sei- nen einsamen Spaziergangen an der Kiiste gliederte er sich ihm dank einer von den riesigen Antithesen, die seiner Inspiration unerlafilich waren. Die Menge tritt bei Hugo als ein Gegenstand der Kontemplation in die Dichtung ein. Der brandende Ozean ist ihr Modell und der Denker, der diesem ewigen Schauspiel nachsinnt, ist der wahre Ergriinder der Menge, in die er sich verliert wie ins Meeresrauschen. »Wie er von der einsamen Klippe hiniiberblickt, der Verbannte, nach den grofien schicksal- vollen Landern, so blickt er hinab in die Vergangenheiten der Volker . . . Er tragt sich und seine Geschicke hinein in die Fiille der Geschehnisse und sie werden ihm lebendig und ver- fliefien mit dem Dasein der naturlichen Machte, mit dem Meere, den verwitternden Felsen, den treibenden Wolken und den anderen Erhabenheiten, die ein einsames und ruhiges Leben im Verkehr mit der Natur enthalt.« 59 »L'ocean meme s'est en- nuye de lui«, hat Baudelaire von Hugo gesagt, mit dem Licht- biindel seiner Ironie den briitend auf den Klippen Postierten streifend. Dem Schauspiel der Natur nachzuhangen, fiihlte sich Baudelaire nicht bewogen. Seine Erfahrung der Menge trug die Spuren >der Unbill und der tausend Stofie<, die der Passant im Gewiihl einer Stadt erleidet und die sein Ichbewufitsein nur um so wacher halten. (Es ist im Grunde eben dies Ichbewufitsein, das er der flanierenden Ware leiht.) Ein Anreiz, das Senkblei

  • In dem Zyklus »Les petites vieilles* unterstreidit das dritte Gedldit die Rivalitat

durch wortliche Anlehnung an das dritte Gedicht der Hugoschen Folge »Fant6mes«. Es entsprechen sich so eines der vollendetsten Gedichte von Baudelaire und eines von den schwachsten, die Hugo geschrieben hat,

56 I, p. 100,

57 I, p. 103.

58 Sainte-Beuve: Les consolations, I. c. {S. 523) p. 12J. (Die von Sainte-Beuve aus dem Manuskript veroffentlichte Aufiening stammt von [George] Farcy.)

59 Hugo von Hofmannsthal: Versuch uber Victor Hugo. Miinchen 1925, p. 49.


$64 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

des Gedankens in die Tiefe der Welt auszuwerfen, ist die Menge fur Baudelaire nie gewesen. Hugo dagegen schreibt: >les profon- deurs sont des multitudes < 60 und gibt damit seinem Sinnen einen unermefilichen Spielraum frei. Das Natiirlich-Obernatiirliche, von dem Hugo als von der Menge betroffen wurde, stellt sicli ebensogut im Walde wie im Tierreich wie in der Brandung dar; in jedem von ihnen kann fiir Augenblicke die Physiogno- mie einer grofien Stadt aufblitzen. Die »Pente de la reverie «  gibt von der zwischen der Vielzahl alles Lebendigen waltenden Promiskuitat einen grofiartigen Begriff.

La nuit avec la foule, en ce reve hideux,

Venait, s'epaississant ensemble toutes deux,

Et, dans ces regions que nul regard ne sonde,

Plus l'homme etait nombreux, plus Tomb re etait profonde. 61

Und

Foule sans nom! chaos! des voix, des yeux, des pas. Ceux qu'on n'a jamais vus, ceux qu'on ne connait pas. Tous les vivants! - citis bourdonnant aux oreilles Plus qu'un bois d'Amerique ou des ruches d'abeilles. 62

Mit der Menge ubt die Natur ihr elementares Recht an der Stadt. Aber es ist nicht die Natur allein, die so ihre Rechte wahr- nimmt. Es gibt eine erstaunliche Stelle in den »Miserables«, an der das Waldweben als Archetypus des Massendaseins erscheint. »Was in dieser Strafe vor sich gegangen war, hatte einen Wald nicht erstaunt; die Schafte und das Unterholz, die Krauter, die unentwirrbar ineinander verschlungenen Zweige und die hohen Graser fiihren ein Dasein von dunkler Art; durchs unabsehbare Gewimmel huscht Unsichtbares; was unter dem Menschen steht, nimmt durch Nebel das wahr, was iiber dem Menschen steht.«  In diese Darstellung ist eingesenkt, was Hugos Erfahrung mit der Menge eigentumlich gewesen ist. In der Menge tritt, was unter dem Menschen steht, in Verkehr mit dem, was iiber ihm

60 cit. Gabriel Bounoure: Abimes de Victor Hugo, in: Mesures, 15 juillet 1936, p. 39.

61 Hugo: CEuvres completes, 1. c. (S. 517) Po£sie. Bd. 2: Les orientates, Les feuilles d'automne. Paris 1880, p. 365.

62 Hugo, 1. c. p. 363.


Der Flaneur 565

waltet. Diese Promlskuitat ist es, die alle andern einschliefit. Die Menge erscheint bei Hugo als Zwitterbalg, den ungestalte, ubermenschliche Machte denen ausgebaren, die unter dem Men- schen sind. Im visionaren Einschlag, der in Hugos Konzept von der Menge vorliegt, kommt das gesellschaftliche Sein besser zu seinem Recht als in der >realistischen< Behandlung, die er ihr in der Politik angedeihen liefi. Denn die Menge ist in der Tat ein Naturspiel, wenn man den Ausdruck auf gesellsdiaftliche Ver- haltnisse iibertragen darf. Eine Strafie, eine Feuersbrunst, ein Verkehrsungliick versammeln Leute, die als solche von klassen- mafiiger Bestimmtheit frei sind. Sie prasentieren sich als kon- krete Ansammlungen; aber gesellschaftlich verbleiben sie doch abstrakt, namlich in ihren isolierten Privatinteressen. Ihr Mo- dell sind die Kunden, die sich - jeder in seinem Privatinteresse - auf dem Markte um >die gemeinsame Sache< sammeln. Diese Ansammlungen haben vielfach nur statistische Existenz. In ihr bleibt verhiillt, was an ihnen das eigentlich Monstrose ausmacht: namlich die Massierung privater Personen als soldier durch den Zufall ihrer Privatinteressen. Fallen diese Ansammlungen jedoch ins Auge - und dafiir sorgen die totalitaren Staaten, indem sie die Massierung ihrer Klienten permanent und verbindlich fur alle Vorhaben machen -, so tritt ihr Zwittercharakter klar zu Tage. Er tut das vor allem fur die BetrofTenen selbst. Sie ratio- nalisieren den Zufall der Marktwirtschaft, der sie derart zu- sammenfuhrt, als >Schicksal<, in dem sich >die Rasse< wieder- findet. Sie geben damit zugleich dem Herdentrieb und dem reflektorischen Handeln freies Spiel. Die Volker, die im Vorder- grunde der westeuropaischen Biihne stehen, machen Bekannt- sdiaft mit dem Obernatiirlichen, das Hugo in der Menge ent- gegentrat. Das historische Vorzeichen dieser GroGe hat Hugo allerdings nicht lesen konnen. Doch hat es sich in seinem Werk als eine sonderbare Entstellung abgedriickt: in Gestalt der spiri- tistischen Protokolle.

Der Kontakt mit der Geisterwelt, der bekanntlich in Jersey gleich tief auf sein Dasein wie auf seine Produktion wirkte, war, so befremdend das erscheinen mag, vor allem ein Kontakt mit den Massen, wie er dem Dichter in der Verbannung von Hause aus abging. Denn die Menge ist die Daseinsweise der Geister- welt. So sah Hugo zuvorderst sich selbst als Genius in einer


$66 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

grofien Versammlung der Genien, die seine Ahnen waren. Der »William Shakespeare« geht seitenweise, in grofien Rhapsodien die Reihe dieser Geistesfiirsten durch, die mit Moses beginnt und mit Hugo endet. Sie macht aber nur eine kleine Schar in der ge- waltigen Menge der Abgeschiedenen. Das ad plures ire der Romer war Hugos chthonischem Ingenium kein leeres Wort. - Die Spirits der Toten kamen spat, als Boten der Nacht, in der letzten Sitzung. Die Aufzeichnungen von Jersey haben ihre Bot- schaften aufbewahrt: »Jeder Grofie wirkt an zwei Werken. An dem Werk, das er als Lebender schafft, und an seinem Geister- Werke . . . Der Lebende weiht sich dem ersten Werke. Des Nachts jedoch in der tiefen Stille erwacht, oh Schrecken! der Geister-Schopfer in diesem Lebenden. Wie? ruft die Kreatur, ist das nicht alles? - Nein, erwidert der Geist, auf und erhebe dich; der Sturm ist los, die Hunde und Fiichse heulen, Finsternis aller- orten, die Natur schauert; unter der Peitsche Gottes zuckt sie zusammen . . . Der Geister-Schopfer sieht die Phantom-Idee. Die Worte strauben sich und der Satz erschauert . . ., fahl lauft die Scheibe an, Furcht packt die Lampe . . . Hiite dich, Lebender, hiite dich, Mensch eines Sakulums, du Vasall eines Gedankens, der von der Erde stammt. Denn das hier ist der Wahnsinn, das hier ist das Grab, das hier ist das Unendliche, das hier ist eine Phantom-Idee.« 63 Der kosmische Schauer im Erlebnis des Un- sichtbaren, welchen Hugo an dieser Stelle festhalt, hat keine Ahnlichkeit mit dem nackten Schrecken, von dem Baudelaire im spleen iiberwaltigt wurde. Auch brachte Baudelaire fiir das Hugosche Unternehmen nur wenig Verstandnis auf. »Die wahre 2ivilisation«, sagte er, »liegt nicht im Tischrucken.« Hugo ging es aber nicht um die Zivilisation. Er fiihlte sich in der Geister- welt eigentlich heimisch. Sie war, konnte man sagen, das kos- mische Komplement eines Hauswesens, in dem es auch nicht ohne Grauen abging. Seine Intimitat mit den Erscheinungen nimmt ihnen viel von ihrem Erschreckenden. Sie ist auch nicht frei von Betriebsamkeit und verrat an ihnen das Fadenscheinige. Das Pendant zu den Nachtgespenstern sind nichtssagende Ab- straktionen, mehr oder minder sinnige Verkorperungen, wie sie auf Denkmalern damals zu Hause waren. >Das Drama<, >die

63 Gustave Simon: Chez Victor Hugo. Les tables tournantes de Jersey. Proces- verbaux des stances. Paris 1923, p. 306-308, 314.


Der Flaneur 567

Lyrik<, >die Poesie<, >der Gedanke< und viele ahnliche lassen sich in den jerseyer Protokollen unbefangen neben den Stimmen des Chaos horen.

Die uniibersehbaren Scharen der Geisterwelt - das diirfte das Ratsel der Losung naherbringen - sind fiir Hugo vor allem Publikum. Es ist weniger sonderbar, dafi sein Werk Motive des redenden Tisches aufnimmt als dafi er es vor ihm zu produzieren pflegte. Der Beifall, mit dem das Jenseks ihm nicht gekargt hat, gab ihm im Exil einen Vorbegriff von dem unermefllichen, wel- cher ihn im Alter, in der Heimat erwarten sollte. Als an seinem siebenzigsten Geburtstag das Volk der Hauptstadt gegen sein Haus in der Avenue d'Eylau drangte, war das Bild der Woge, die an die Klippe brandet, aber auch die Botschaft der Geister- welt eingelost.

Das unergriindliche Dunkel des Massendaseins ist zuletzt audi die Quelle von Victor Hugos revolutionaren Spekulationen gewesen. In den »Chatiments« ist der befreiende Tag umschrie- ben als

Le jour ou nos pillards, ou nos tyrans sans nombre Comprendront que quelqu'un remue au fond de Pombre. 64

Konnte der im Zeichen der Menge stehenden Vorstellung von der unterdriickten Masse ein zuverlassiges revolutionares Urteil entsprechen? War sie nicht vielmehr die deutliche Form fiir des- sen wo immer sich herschreibende Beschranktheit? In der Kam- merdebatte vom 25. November 1848 hatte Hugo gegen Cavaignacs barbarische Unterdriickung der Junirevolte ge- schimpft. Aber am 20. Juni hatte er in der Verhandlung iiber die ateliers nationaux das Wort gepragt: »Die Monarchic hatte ihre Miifiigganger, die Republik hat ihre Tagediebe.«* Der Re-

  • P^lin, ein kennzcichnender Vertreter der niederen Boheme, sdirieb in seinem BUtt

»Lcs boulets rouges. Feuille du club pacifiquc des droits de l'homme* iiber diese Rede: »Der citoyen Hugo hat in der Nationalversaramlung debutiert. Er erwies sich, wie man erwartet hatte, als Deklamator, Gebardenmacher und Phrasenheld; im Sinne seines letzten durchtriebenen und verleumderischen Maueranschlags hat er von den Mufiiggangern, dem Elend, den Nichtstuern, den Lazzaroni, den Pratorianem der Revolte, den condottieh gesprochen - mit einem Wort, er hat die Metapher strapa- ziert, um mit einem Angriff auf die ateliers nationaux zu enden,« (anon., Faits divers, 64 Hugo: GEuvres completes. 1. c. (S. 517) Po&ie. Bd. 4: Les ch^timents. Paris 1882, p. 397 (»Le caravane IV«).


568 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

flex im Sinne der oberflachlichen Ansicht des Tages und der ver- trauensseligsten von der Zukunft wird bei Hugo neben der tiefen Ahnung des im Schofie der Natur und des Volkes sich bildenden Lebens angetrorTen. Eine Vermittlung ist Hugo nie gelungen; dafi er ihre Notwendigkeit nicht empfunden hat, war die Be- dingung des gewaltigen Anspruchs, des gewaltigen Umfangs und wohl audi der gewaltigen Wirkung seines Lebenswerkes bei den Zeitgenossen. In dem »V argot « uberschriebenen Kapitel der »Miserables« treten die beiden widerstreitenden Seiten seiner Natur mit imponierender Schroffheit einander gegeniiber. Nach kiihnen Blicken in die sprachliche Werkstatt des niederen Volkes schliefk der Dichter: »Seit 89 entfaltet sich das gesamte Volk im gelauterten Individuum: es gibt keinen Armen, er hatte denn sein Recht und damit audi den Strahl, der auf ihn fallt; der arme Schlucker tragt in seinem Innern die Ehre Frankreichs; die Wiirde des Staatsbiirgers ist eine innere Wehr; wer frei ist, der ist gewissenhaft; und wer Stimmrecht hat, der regiert.« 65 Victor Hugo sah die Dinge, wie die Erfahrungen der erfolgreichsten li- terarischen und einer glanzenden politisdien Laufbahn sie vor ihn hinstellten. Er war der erste grofie Schriftsteller, der Kollek- tivtitel in seinem Werke hat - »Les miserables«, »Les travailleurs de la mer«. Menge hiefi ihm, fast im antiken Sinne, die Menge der Klienten - das war seiner Leser- und seiner Wahlermassen. Hugo war, mit einem Wort, kein Flaneur. Fur die Menge, die mit Hugo und mit der er ging, gab es keinen Baudelaire. Wohl aber existierte sie, diese Menge, fiir ihn. Ihr Anblick veranlafite ihn tagtaglich, die Tiefe seines Mifierfolgs auszuloten. Und das war unter den Griinden, aus denen er die- sen Anblick suchte, wohl nicht der letzte. Den verzweifelten Hochmut, der ihn so, gewissermaflen in Schuben, heimsuchte, nahrte er am Ruhme von Victor Hugo. Nodi heftiger stachelte

in: Les boulets rouges. Feuille du club pacifique des droits de I'homme [R^dacteur: Le C«n pelin], ire annee, No. i, Du 22 au 2j juin 1848, p. 1.) - In seiner »Histoire parlementaire de la Seconde R^publiquc* schreibt Eugene Spuller: » Victor Hugo war mit den Stimmen der Reaktion gewahlt worden.« »£r hatte immer mit der Rechten gcstimmt, von zwei oder drei Anlassen abgesehen, bei denen die Politik keine Rolle spiel te.« (Eugene Spuller: Histoire parlementaire de la Seconde R^publique suivi d'une petite histoire du Second Empire. Paris 1891, p. in und p. 266.) 65 Hugo: CEuvres completes, 1. c. (S. 517) Roman. Bd. 8: Les miserable*. IV. Paris 1881, p. 306.


Der Flaneur 569

ihn wahrscheinlich dessen politisches Glaubensbekenntnis an. Es war das Glaubensbekenntnis des ckoyen. Die Masse der grofien Stadt konnte ihn nidit beirren. Er erkannte die Volksmenge in ihr wieder. Er wollte Stoff sein von ihrem Stoff. Laizismus, Fortschritt und Demokratie waren das Banner, das er iiber den Hauptern schwang. Dieses Banner verklarte das Massendasein. Es verschattete eine Schwelle, die den Einzelnen von der Menge trennt. Diese Schwelle hiitete Baudelaire; das unterschied ihn von Victor Hugo. Er ahnelte ihm jedoch darin, dafi audi er den gesellschaftlichen Schein nicht durchschaute, welcher sich in der Menge niederschlagt. Er setzte ihr darum ein Leitbild entgegen, so unkritisch wie die Hugosche Konzeption von ihr. Der Herds ist dieses Leitbild. Im Augenblick, da Victor Hugo die Masse als den Helden in einem modernen Epos feiert, halt Baudelaire nach einem Zufluchtsort des Helden in der Masse der Grofistadt Ausschau. Als citoyen versetzt Hugo sich in die Menge, als Heros sondert sich Baudelaire von ihr ab.


III Die Moderne

Baudelaire hat sein Bild vom Kunstler einem Bilde vom Helden angeformt. Beide treten von Anfang an fiireinander ein. »Die Willenskraft«, so heifit es im »Salon de i845«, »mufi eine wirk- lich kostbare Gabe sein und wird offenbar nie vergebens einge- setzt, denn sie geniigt, um selbst . . . Werken . . . zweiten Ranges etwas Unverwechselbares zu geben . . . Der Beschauer geniefit die Miihe; er schliirft den Schweif5.« 1 In den »Conseils aux jeunes litterateurs « vom nachsten Jahr steht die schone For- mel, in der die »contemplation opiniatre de Toeuvre de demain« 2 als die Gewahr der Inspiration erscheint. Baudelaire kennt die »indolence naturelle des inspires« 3 ; wieviel Arbeit dazu gehort, »aus einer Traumerei ein Kunstwerk hervorgehen zu lassen« 4 , habe ein Musset nie begriffen. Er dagegen tritt vom ersten Au- genblick an mit einem eigenen Kodex, eigenen Satzungen und Tabus vor das Publikum. Barres will »in jeder geringsten Vo- kabel von Baudelaire die Spur der Muhen erkennen, die ihm zu so Grofiem verholfen haben« 5 . »Bis in seine nervose Krise hinein«, sdireibt Gourmont, »behalt Baudelaire etwas Gesun- des.« 6 Am gliicklichsten formuliert der Symbolist Gustave Kahn, wenn er sagt, dafi »die dichterische Arbeit bei Baudelaire einer korperlichen Anstrengung ahnlich sah« 7 . Dafiir ist der Beweis im Werk zu finden - in einer Metapher, die nahere Betrachtung lohnt.

Diese Metapher ist die des Fechters. Baudelaire liebte es, unter ihr die Zuge des Martialischen als artistische vorzustellen. Wenn er Constantin Guys, an dem er hing, beschreibt, so sucht er ihn um die Zeit, da die andern schlafen, auf : »wie er dasteht, iiber

1 II, p. 26.

2 11, p. 388.

3 II, p. 53i.

4 cit. Albert Thibaudet: Int^rieurs. Paris 1924, p. ij,

5 cit. Andrl Gide: Baudelaire et M. Faguet, in: Nouvelle revue francaise, tome 4, ier novembre 1910, p. 513.

6 Rimy de Gourmont: Promenades litt^raires. Deuxieme s^rie. Paris 1906, p. 86.

7 Baudelaire: Mon coeur mis a nu et fusses, journaux intimes. Edition conforme. au manuscrit. Preface de Gustave Kahn. Paris 1909, p. 5.


DieModerne 571

den Tisch gebeugt, mit der gleichen Scharfe das Blatt Papier visiert wie am Tag die Dinge um ihn herum; wie er mit seinem Stift, seiner Feder, dem Pinsel ficht; Wasser aus seinem Glas zur Decke spritzen und die Feder an seinem Hemd sich versuchen lafit; wie geschwind und heftig er hinter der Arbeit her ist, als fiirchte er, die Bilder entwischten ihm. So ist er streitbar, wenn audi allein und pariert seine eigenen Stofie.« 8 In soldi »phan- tastischem Gefedit« begriffen hat Baudelaire sich selbst in der Anfangsstrophe des »Soleil« portratiert, und das ist wohl die einzige Stelle der »Fleurs du mal«, die ihn bei der poetischen Arbeit zeigt. Das Duell, in dem jeder Kunstler begriffen ist und in dem er, »ehe er besiegt wird, vor Schrecken aufschreit« 9 , ist in den Rahmen einer Idylle gefafit; seine Gewaltsamkeiten tre- ten in den Hintergrund, und es lafit seinen Charme erkennen.

Le long du vieux faubourg, ou pendent aux masures Les persiennes, abri des secretes luxures, Quand le soleil cruel frappe a traits redoubles Sur la ville et les champs, sur les toits et les bles, Je vais m'exercer seul a ma fantasque escrime, Flairant dans tous les coins les hasards de la rime, Trebuchant sur les mots comme sur les paves, Heurtant parfois des vers depuis longtemps rev£s. 10

Diesen prosodischen Erfahrungen audi in der Prosa ihr Recht werden zu lassen, war eine der Absichten, denen Baudelaire im »Spleen de Paris« - seinen Gedichten in Prosa - nachgegangen war. In seiner Widmung der Sammlung an den Chefredakteur der »Presse« Arsene Houssaye kommt neben dieser Absicht zum Ausdruck, was jenen Erfahrungen eigentlich zu Grunde lag. »Wer unter uns hatte nicht schon in den Tagen des Ehrgeizes das Wunderwerk einer poetischen Prosa ertraumt? Sie miifite musikalisch ohne Rhythmus und ohne Reim sein; sie nuiftte geschmeidig und sprod genug sein, um sich den lyrischen Re- gungen der Seele, den Wellenbewegungen der Traumerei, den Chocks des Bewufitseins anzupassen. Dieses Ideal, das zur fixen

8 II, p. 334-

9 cit. Raynaud, 1. c. (S. 535) p. 318.

10 I, p. 96.


$7* Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

Idee werden kann, wird vor all em von dem Besitz ergreif en, der in den Riesenstadten mit dem Gefledit ihrer zahllosen einander durchkreuzenden Beziehungen zuhause ist.« n Will man diesen Rhythmus vergegenwartigen und dieser Ar- beitsweise nachgehen, so zeigt es sich, dafi Baudelaires Flaneur nidit in dem Grade ein Selbstportrat des Dichters ist, wie man es meinen konnte. Ein bedeutender Zug des wirklichen Baude- laire - namlich des seinem Werk verschriebenen - ist in dieses Bildnis nicht eingegangen. Das ist die Geistesabwesenheit. - Im Flaneur feiert die Schaulust ihren Triumph. Sie kann sich in der Beobachtung konzentrieren - das ergibt den Amateurdetektiv; sie kann im Gaffer stagnieren - dann ist aus dem Flaneur ein badaud geworden*. Die aufschlufireichen Darstellungen der Grofistadt stammen weder von dem einen noch von dem an- dern. Sie stammen von denen, die die Stadt gleichsam abwesend, an ihre Gedanken oder Sorgeri verloren, durchquert haben. Ihnen wird das Bild der fantasque escrime gerecht; auf deren Verfassung, die alles andere als die des Beobachters ist, hat Baudelaire es abgesehen. In seinem Buch iiber Dickens hat Chesterton meisterhaft den gedankenverloren die Grofistadt Durchstreifenden festgehalten. Die standhaften Irrgange von Charles Dickens hatten in seinen Kinderjahren begonnen. »Wenn er mit seiner Arbeit f ertig war, blieb ihm nichts iibrig als herum- zustrolchen, und er strolchte durch halb London. Er war als Kind traumerisch; sein trauriges Schicksal beschaftigte ihn mehr als anderes ... In der Dunkelheit stand er unter den Laternen von Holborne und in Charing Cross litt er das Martyrium.«  »Er legte es nicht auf Beobachtung an, wie das die Pedanten tun; er guckte nicht, um sich zu bilden, Charing Cross an; er zahlte nicht die Laternen von Holborne, um Arithmetik zu lernen . . . Dickens nahm nicht den Abdruck der Dinge in seinen


  •  »Man darf den flaneur nidit mit dem badaud verwediseln; es ist da eine Nuance zu

bcriicksiditigea . . . Der schlidite flaneur ist immer im vollen Besitz seiner Individual^ tat; die des badaud dagegen verschwindet. Sie wird von der Aufienwelt aufge- sogen . . .; diese berauscht ihn bis zur Selbstvergessenheit. Unter dem Einflufi des Schauspiels, das sich ihm bietet, wird der badaud zu einem unperson lichen Wesen; er ist kein Mensch mehr: er ist Publikum, er ist Menge.c (Victor Fournel: Ce qu'on voit dans les rues de Paris. Paris 1858, p. 263.) 11 I, p. 405/406.


Die Moderne 573

Geist auf ; es war viel eher so, dafi er seinen Geist den Dingen eindriickte.« 12

Nidit oft konnte sich Baudelaire in den spateren Jahren als Promeneur durch die pariser Strafien bewegen. Seine Glaubiger verfolgten ihn, die Krankheit meldete sich und Zerwurfnisse zwischen ihm und seiner Matresse traten hinzu. Die Chocks, mit denen seine Sorgen ihm zusetzten und die hundert Einfalle, mit denen er sie parierte, bildet der dichtende Baudelaire in den Finten seiner Prosodie nach. Die Arbeit, die Baudelaire seinen Gedichten zuwandte, unterm Bild des Gefechts erkennen, heifit, sie als eine ununterbrochene Folge kleinster Improvisationen begreifen lernen. Die Varianten seiner Gedichte bezeugen, wie bestandig er an der Arbeit war und wie sehr das geringste ihn dabei bekummerte. Diese Streifziige, auf denen er seinen poeti- schen Sorgenkindern an den Ecken von Paris in die Arme lief, waren nicht immer freiwillige. In den ersten Jahren seines Da- seins als Literat, da er das Hotel Pimodan bewohnte, konnten seine Freunde die Diskretion bewundern, mit der er alle Spuren der Arbeit - den Schreibtisch voran - aus seinem Zimmer ver- bannt hatte*. Damals war er, sinnbildlich, auf die Eroberung der Strafie ausgegangen. Spater, als er ein Stuck seines burger- lichen Daseins nach dem andern preisgab, wurde sie ihm mehr und mehr zu einem Zufluchtsort. Ein Bewufitsein von der Briichigkeit dieses Daseins lag aber in der Flanerie von Anfang an. Sie macht aus der Not eine Tugend und zeigt darin die Struktur, die fiir die Konzeption des Heros bei Baudelaire in alien Teilen charakteristisdi ist. Die Not, die hier verkleidet wird, ist nicht nur eine materielle;

  • Baudelaires Jugendfreund Prarond schreibt im Andenken an die Zeit um 1845 :

»Arbeitstische, an denen wir nachdachten oder etwas niederschrieben, waren bei uns wenig in Gebraudi . . . Ich fiir meinen Teil«, fahrt er nadi einer Erwahnung von Baudelaire fort, »sah ihn eher vor mir, wie er im Flug, strafiauf strafiab, seine Verse st elite; ich sah ihn nicht vor einem Ries Papier sitzen.« (cit. Alphonse S£ch£: La vie des »Fleurs du mal«. Amiens 1928, p. 84.) Ahnlich berichtet Banville iiber das Hotel Pimodan: » Als ich zum ersten Mai hinkam, fand ich da weder Lexika, nodi einArbeits- zimmer, noch einen Schreibtisch; ebensowenig gab es ein Buffet oder ein Speisezimmer und nichts» was an die Einrichtung einer burger lichen Wohnung erinnerte.« (Theodore de Banville: Mes souvenirs. Paris 1882, p. 81/82.)

12 G filbert] K[eith] Chesterton: Charles Dickens. Traduit de Archille Laurent et L. Martin-Dupont. Paris o. J. [1927], p. 31.


574 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

sie betrifft die poetische Produktion. Die Stereotypien in Baude- laires Erfahrungen, der Mangel an Vermittlung zwischen seinen Ideen, die erstarrte Unruhe in seinen Ziigen deuten darauf hin, dafi die Reserven, die grofies Wissen und umfassender geschicht- licher Oberblick dem Mensdien erofFnen, ihm nicht zu Gebote standen. » Baudelaire hatte fiir einen Schrifts teller einen grofien Fehler, von dem er selbst nichts ahnte: er war unwissend. Was er wufite, das wufite er griindlich; aber er wufite Weniges. Ge- schichte, Physiologie, Archaologie, Philosophie blieben ihm fremd . • . Die Aufienwelt interessierte ihn wenig; er bemerkte sie vielleicht, aber jedenfalls studierte er sie nicht.« 13 Es ist zwar naheliegend und audi berechtigt, solchen und ahnlichen Kriti- ken 14 gegeniiber auf die notwendige und mitzliche Unzugang- lidikeit des Arbeitenden, die in aller Produktion unerlafilichen idiosynkratischen Einschlage hinzuweisen; aber der Sachverhalt hat eine andere Seite. Er begiinstigt die Uberforderung des Pro- duzierenden im Namen eines Prinzips, des >Schopferischen<. Diese ist um so gefahrlicher als sie, dem Selbstgefiihl des Produ- zierenden schmeichelnd, die Interessen einer ihm feindseligen Gesellschaftsordnung vorziiglich wahrt. Die Lebensweise der Bo- h^miens hat dazu beigetragen, einen Aberglauben an das Schop- ferisdie in Kurs zu setzen, dem Marx mit einer Feststellung begegnet, die fiir geistige genau wie fiir manuelle Arbeit gilt. Zum ersten Satz des Gothaer Programmentwurfs, » Die Arbeit ist die Quelle alles Reich turns und aller Kultur«, vermerkt er kritiscfa: »Die Burger haben sehr gute Griinde, der Arbeit iiber- natiirliche Schopfungskraft anzudichten; denn gerade aus der Naturbedingtheit der Arbeit folgt, dafi der Mensch, der kein anderes Eigentum besitzt als seine Arbeitskraft, in alien Gesell- schafts- und Kulturzustanden der Sklave der andern ^Mensdien sein mufi, die sich zu Eigentiimern der gegenstandlichen Arbeits- bedingungen gemacht haben. « 15 Wenig von dem, was zu den gegenstandlichen Bedingungen geistiger Arbeit gehort, hat Bau- delaire besessen: von einer Bibliothek bis zu einer Wohnung gab

13 Maxime Du Camp: Souvenirs litte*raires. Bd, 2: 1850-1880. Paris 1906, p. 6$.

14 vgl. Georges Rency: Physionomies litt^raires. Bruxelles 1907, p. 288.

15 Marx: Randglossen zum Programm der Deutschen Arbeiterpartei. Mit einer ausfiihrlichen Einleitung und sechs Anhangen brsg. von Karl Korsdi. Berlin, Leipzig 1922, p. 22.


Die Moderne 575

es nichts, worauf er im Laufe seines Daseins, das gleich unstet in wie aufierhalb von Paris verlief, nicht hatte verzichten mussen. »Physisdie Leiden«, schreibt er am 26. Dezember 1853 an seine Mutter, »bin ich in dem Grade gewohnt, ich verstehe so gut, mir unter einer zerrissenen Hose und einer Jacke, durch die der Wind streicht, mit zwei Hernden auszuhelfen, und ich bin so geiibt, mich bei durchlocherten Schuhen mit Stroh oder selbst Papier einzurichten, dafi ich fast nur noch moralische Leiden als solche fuhle. Immerhin mufi ich often sagen, dafi ich nun soweit bin, aus Furcht, meine Sachen noch mehr zu zerreifien, keine sehr plotzlichen Bewegungen mehr zu machen und nicht mehr viel zu gehen.« 16 Von der Art waren unter den Erfahrungen, die Baudelaire im Bilde des Heros verklart hat, die unzwei- deutigsten.

Der Depossedierte taucht unter dem Bild des Heros um diese Zeit noch an anderer Stelle auf; und zwar ironisch. Das ist der Fall bei Marx. Er spricht von den Ideen des ersten Napoleons und sagt: »Der Kulminierpunkt der >idees napoleoniennes< . . . ist das Obergewicht der Armee. Die Armee war der point d'honneur der Parzellenbauern, sie selbst in Heroen verwan- delt.« Nun aber, unter dem dritten Napoleon, ist die Armee »nicht mehr die Bliite der Bauernjugend, sie ist die Sumpfblume des bauerlichen Lumpenproletariats. Sie besteht grofienteils aus Remplagants . . ., wie der zweite Bonaparte selbst nur Rempla- 9am, der Ersatzmann fiir Napoleon ist.« 17 Der Blick, der sich von dieser Ansicht zum Bilde des fechtenden Dichters zuriick- wendet, findet es sekundenlang von dem des Marodeurs iiber- blendet, des anders >fechtenden< Soldners, der durch die Gegend irrt*. Vor allem aber klingen zwei beruhmte Zeilen Baudelaires

  • vgl, »Pour toi, vieux maraudeur, 1 L'amour n'a plus de gout, non plus que la

dispute.* (I, p. 89.) - Eine der wemgen abstoflenden Ersdieinungen in der ausge- breiteten, meist farblosen Literatur iiber Baudelaire ist das Budi eines Peter Klassen. Es ist fiir dieses in der depravierenden Terminologie des Georgekreises verfafite Budi, v > das Baudelaire gleidisam unter dem Stahlhelm darstellt, bezeidinend, dafi es in dessen Lebenszentrum die ultramontane Restauration stellt, n ami ich den Augenblick, »wo im Sinne des wicderhergestellten Gottesgnadenkonigtums das Allerheiligste in der Um- starmng blanker Waffen durct die Strafien von Paris gefuhrt wird. Dies mag ein

16 Baudelaire: Dernieres lettres inedites a sa mere, Avertissement et notes de Jacques Crepet. Paris 1926, p. 44/4$.

17 Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1. c. (S. $14) p. 122/113.


576 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

mit ihrer unauffalligen Synkope deutlicher iiber dem gesell- schaftlichen Hohlraum wider, von dem Marx spricht. Sie be- schliefien die zweite Strophe des dritten Gedichtes der »Petites vieilles«. Proust begleitet sie mit den Worten, »il semble im- possible d'aller au dela« 18 .

Ah! que j'en ai suivi, de ces petites vieilles! Une, entre autres, a Pheure ou Ie soleil tombant Ensanglante le ciel de blessures vermeilles, Pensive, s'asseyait a l'ecart sur un banc,

Pour entendre un de ces concerts, riches de cmvre, Dont les soldats parfois inondent nos jardins, Et qui, dans ces soirs d'or ou Ton se sent revivre, Versent quelque hdroi'sme au coeur des citadins. 19

Die mit den Sohnen verarmter Bauern besetzten Blechkapellen, die ihre Weisen fur die arme Stadtbevolkerung ertonen lassen - sie geben den Heroismus ab, der in dem Wort quelque seine Fadenscheinigkeit scheu verbirgt und eben in dieser Geberde edit und der einzige ist, der von dieser Gesellschaft noch hervorge- bracht wird. In der Brust ihrer Heroen wohnt kein Gefuhl, das in der der kleinen Leute nicht Platz hatte, die sich um eine Mili- tarmusik ansammeln.

Die Garten, von denen in dem Gedicht als von >den unsrigen< die Rede ist, sind die dem Stadter geoffneten, dessen Sehnsucht vergebens um die grofien verschlossenen Parks streift. Das Pu- blikum,das sich in ihnen einfindet, ist nicht ganz das den Flaneur umwogende. »2u welcher Partei man immer gehoren mag«, schrieb Baudelaire 185 1, »es ist unmoglich, nicht von dem Schau- spiel dieser kranklichen Bevolkerung ergriffen zu werden, die den Staub der Fabriken schluckt, Baumwollpartikeln einatmet, ihre Gewebe von Bleiweifi und Quecksilber und von alien Giften durchdringen lafit, die zur Herstellung von Meisterwerken ge- braucht werden . . . Diese Bevolkerung verzehrt sich nach den

entscheidendes, weil wesenhaftes Erlcbnis seines gesamten Daseins gewesen sein.«  (Peter Klassen: Baudelaire. Welt und Gegenwelt. Weimar 193 1, p. 9.) Baudelaire war damals sechs Jahre alt.

18 Marcel Proust: A propos de Baudelaire, in: Nouvelle revue franfaise, tome 16, ier juin 1921, p. 646,

19 I, p. 104.


DieModerne 577

Wundern, auf die ihr docli die Erde ein Anrecht gibt; sie fuhlt purpurnes Blut in ihren Adern wallen, und sie wirft einen lan- gen von Trauer beschwerten Blick auf das Sonnenlicht und die Schatten in den grofien Parks. « 20 Diese Bevolkerung ist der Hintergrund, von dem sich der Umrifi des Heros abhebt. Das Bild, welches sich so darstellt, beschriftete Baudelaire auf seine eigene Weise. Er setzte das Wort la modernite* darunter. Der Heros ist das wahre Subjekt der modernite\ Das will be- sagen - um die Moderne zu leben, bedarf es einer heroischen Verfassung. Das war audi die Meinung Balzacs gewesen. Balzac und Baudelaire stehen mit ihr zur Romantik in Gegensatz. Sie verklaren die Leidenschaften und die Entschlufikraft; die Ro- mantik den Verzicht und die Hingabe. Aber die neue An- schauungsweise ist ungleich vielmaschiger, ungleich reicher an Vorbehalten bei dem Lyriker als bei dem Romancier. Zwei Rede- figuren zeigen, auf welche Art. Beide stellen den Heros in seiner modernen Erscheinung dem Leser vor. Bei Balzac wird der Gladiator zum commis voyageur. Der grofie Geschaftsreisende Gaudissart bereitet sich darauf vor, die Touraine zu bearbeiten. Balzac schildert seine Veranstaltungen und unterbricht sich, um auszurufen: » Welch ein Athlet! welche Arena! und was fiir Waffen: er, die Welt und sein MundwerkU 21 Baudelaire da- gegen erkennt den Fechtersklaven im Proletarier wieder; unter den Versprechungen, die der Wein dem Enterbten zu vergeben hat, nennt die fiinfte Strophe des Gedichts »L'ame du vin«:

J'allumerai les yeux de ta femme ravie; A ton fils je rendrai sa force et ses couleurs Et serai pour ce frele athlete de la vie L'huile qui raffermit les muscles des lutteurs. 22

Was der Lohnarbeiter in taglicher Arbeit leistet, ist nichts Ge- ringeres als was im Altertum dem Gladiator zu Beifall und Ruhm verhalf . Dieses Bild ist Stoff vom StofFe der besten Er- kenntnisse, die Baudelaire geworden sind; es stammt aus dem Nachdenken iiber seine eigene Lage. Eine Stelle aus dem » Salon

20 11, p. 408.

21 Balzac: L'illustre Gaudissart. (CEuvres completes [Ed. Calmann Levy], Bd. 13: Seines de la vie de province. Les Parisiens en Province.) Paris 1901, p. 5.

22 I, p. 119.


$jS Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

de i859« ergibt, wie er sie angesehen wissen wollte. »Wenn ich hore, wie ein Raphael oder Veronese mit der verschleierten Ab- sicht glorifiziert werden, was nach ihnen gekommen ist zu ent- werten . . ., so frage ich mich, ob eine Leistung, die als solche der ihrigen mindestens gleichzusetzen ist . . ., nicht unendlich viel verdienstlicher als die ihre ist, da sie sich in einer Atmosphare und in einem Landstrich hervorgetan hat, die ihr feindlich ge- sinnt waren.« 23 - Baudelaire liebte es, seine Thesen krafi, in gleichsam barocker Beleuchtung in den Kontext hineinzusetzen. Es gehorte zu seiner theoretischen Staatsraison, ihren Zusammen- hang untereinander - wo einer vorhanden war - zu beschatten. Derartige Schattenpartien sind durch die Briefe fast immer auf- zuhellen. Ohne ein solches Verfahren notwendig zu machen, lafit die angezogene Stelle von 1859 ihren unzweifelhaften Zu- sammenhang mit einer mehr als zehn Jahre friiheren und beson- ders befremdlichen klar erkennen. Die folgende Kette von Ober- legungen rekonstruiert diesen.

Die Widerstande, die die Moderne dem natiirlichen produktiven Elan des Menschen entgegensetzt, stehen im Mifiverhaltnis zu seinen Kraften. Es ist verstandlich, wenn er erlahmt und in den Tod fluchtet. Die Moderne mufi im Zeichen des Selbstmords stehen, der das Siegel unter ein heroisches Wollen setzt, das der ihm feindseligen Gesinnung nichts zugesteht. Dieser Selbstmord ist nicht Verzicht sondern heroische Passion. Er ist die Erobe- rung der Moderne im Bereiche der Leidenschaften'^. So, nam- lich als die passion particuliere de la vie moderne, tritt der Selbstmord an der klassischen Stelle auf , die der Theorie der Moderne gewidmet ist. Der Freitod antiker Helden ist eine Ausnahme. »Wo findet man, abgesehen von Herakles auf dem Berge Oeta, von Cato von Utica und von Kleopatra, . . . Selbst- morde in den antiken Darstellungen?« 24 Nicht als ob Baudelaire sie in den modernen fande; der Hinweis auf Rousseau und Bal-

  • Unter ahnlidiem B lick wink el erscheint der Selbstmord spater bei Nietzsche. »Man

kann das Christen turn nidit genug verurteilen, weil es den Wert einer . . . rein igen den grofien Nihilismus-Bewegung, wie sie vielleidit im Gange war, . . . entwertet hat: ... immer durch ein Abhalten von der Tat des Nihilismus, dem Selbstmord. « (cit. Karl Lowith: Nietzsches Philosophic der ewigen Wiederkunft des Gleidien. Berlin 193;, p. 108.)

23 II, p. 239.

24 II, p. 133/134-


Die Moderne 579

zac, der diesem Satze folgt, ist ein diirftiger. Aber den Rohstoff solcher Darstellungen halt die Moderne bereit; und sie wartet auf seinen Meister. Dieser Rohstoff hat sich in eben den Schich- ten abgesetzt, die sich durchweg als Fundament der Moderne herausstellen. Die ersten Aufzeichnungen zu deren Theorie sind von 1845. Um die gleiche Zeit ist die Vorstellung des Selbst- mords in den arbeitenden Massen heimisch geworden. »Man reifit sich um die Abziige einer Lithographie, die einen engli- schen Arbeiter darstellt, wie er sich in der Verzweiflung, sein Brot nicht mehr verdienen zu konnen, das Leben nimmt. Ein Arbeiter geht sogar in die Wohnung von Eugene Sue und hangt sich dort auf; in der Hand hat er einen Zettel: > . . . Ich dachte, der Tod mdchte mir leichter werden, wenn ich ihn unter dem Dach desMannes sterbe, der fur uns eintrittund der uns liebt.<« 25 Adolphe Boyer, ein Buchdrucker, publizierte 1841 die kleine Schrift »De 1'etat des ouvriers et de son amelioration par Tor- ganisation du travail«. Es war eine gemafiigte Darlegung, die die alten in Zunftgebrauchen befangenen Korporationen der wandernden Handwerksburschen fiir die Arbeiterassoziation zu gewinnen suchte. Sie hatte keinen Erfolg; der Verfasser nahm sich das Leben und forderte in einem offenen Brief seine Lei- densgenossen auf, ihm nachzufolgen. Der Selbstmord konnte sehr wohl einem Baudelaire als die einzig heroische Handlung vor Augen stehen, die den multitudes maladives der Stadte in den Zeiten der Reaktion verblieben war. Vielleicht sah er den Rethelschen Tod, den er sehr bewunderte, als gelenkigen Zeich- ner vor einer Staffelei, die Todesarten der Selbstmorder auf die Leinwand werfend. Was die Farben des Bildes angeht, so bot die Mode ihre Palette dar.

Seit der Julimonarchie begann in der Mannerkleidung das Schwarze und Graue vorzuwalten. Diese Neuerung beschaftigte Baudelaire im»Salon von i845«. ImSchlufiwort seiner Erstlings- schrift fiihrt er aus: »Vor alien anderen wird derjenige der Maler heifien, der dem gegenwartigen Leben seine epische Seite abgewinnt und uns in Linien und Farben verstehen lehrt, wie grofi und poetisch wir in unseren Lackschuhen und Krawatten

25 Charles Benoist: L'homme de 1848. II: Comment il s'est developpe* Ie com- munisme, l'organisation du travail, la r£forme, in: Revue des deux mondes, 84c ann£e, 6« p6node, tome 19, ier fivrier 19 14, p. €6y.


580 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

sind. - Mogen die wirklichen Pioniere uns nachstes Jahr die erlesene Freude machen, die Heraufkunft des wahrhaft Neuen feiern zu durfen.« 26 Ein Jahr darauf : »Um auf den Anzug, die Hulle des modernen Heros zu kommen - . . . sollte der nicht seine Schonheit und seinen ihm eigenen Charme haben . . .? 1st das nicht der Anzug wie ihn unsere Epoche braucht; denn sie leidet und tragt noch auf ihren schwarzen, mageren Schultern das Symbol einer ewigen Traurigkeit. Der schwarze Anzug und der Gehrock haben ja nicht nur als Ausdruck der allgemeinen Gleichheit ihre politische Schonheit - sie haben auch eine poeti- sche, und zwar als Ausdruck der offentlichen Geistesverfassung, dargestellt in einer unabsehbaren Prozession von Leichenbittern - politischen Leichenbittern, erotischen Leichenbittern, privaten Leichenbittern. Irgendeine Beisetzung feiern wir alle. - Die durchgehend gleiche Livree der Trostlosigkeit beweist die Gleich- heit . . . Und haben die Falten im Stoff, die Grimassen schneiden und sich wie Schlangen urn erstorbenes Fleisch legen, nicht ihren verborgenen Reiz?« 27 Diese Vorstellungen haben an der tiefen Faszination Anteil, die die in Trauer gekleidete Passantin des Sonetts auf den Dichter ausiibt. Der Text von 1846 schliefit dann: »Denn die Heroen der Ilias reichen euch nicht das Wasser, Vautrin, Rastignac, Birotteau - und dir Fontanares, der du nicht gewagt hast, dem Publikum zu gestehen, was du unter dem makabren, wie im Krampfe zusammengezogenen Frack durchmachtest, welchen wir alle tragen; - und dir Honore* de Balzac, die sonderbarste, die romantischste und die poetischste unter alien Figuren, die deine Phantasie erschaffen hat.« 28 Fiinfzehn Jahre spater kommt der suddeutsche Demokrat Fried- rich Theodor Vischer in einer Kritik der Herrenmode zu Er- kenntnissen, die denen von Baudelaire ahnlich sind. Nur andert sich ihr Akzent; was bei Baudelaire als Farbton in den dam- mernden Prospekt der Moderne eingeht, liegt bei Vischer als blankes Argument im politischen Kampf zur Hand. »Farbe bekennen«, schreibt Vischer mit dem Blick auf die seit 1850 herrschende Reaktion, »gilt fiir lacherlich, straff sein fur kin- disch; wie sollte da die Tracht nicht auch farblos, schlaff und

26 II, p. 54/55.

27 II, p. 134.

28 II, p. 13*.


Die Moderne 5 8 1

eng zugleich werden?« 29 Die Extreme beriihren einander; Vi- schers politische Kritik uberschneidet, wo sie sich metaphorisch auspragt, ein friihes Phantasiebild von Baudelaire. In einem So- nett, dem »Albatros« - es stammt von der iiberseeischen Reise, durch die man den jungen Dichter zu bessern hoffte - erkennt Baudelaire sich in diesen Vogeln, deren Unbeholfenheit auf dem Schiffsdeck, wo die Mannschaft sie ausgesetzt hat, er so be- schreibt:

A peine les ont-ils deposes sur les planches, Que ces rois de l'azur, maladroits et honteux, Laissent piteusement leurs grandes ailes blanches Comme des avirons trainer a cote* d'eux.

Ce voyageur aile, comme il est gauche et veule! 30

Von den weiten, ubers Gelenk fallenden Armeln des Jackettan- zuges sagt Vischer: »Das sind nicht mehr Arme, sondern Fliigel- rudimente, Pinguinsfliigelstumpfe, Fischflossen und die Bewe- gung der formlosen Anhangsel im Gang sieht einem thorichten, simpelhaften Fuchteln, Schieben, Nachjiicken, Rudern gleich.« 31 Die gleiche Ansicht der Sache - das gleiche Bild. Folgendermaften bestimmt Baudelaire das Angesicht der Mo- derne deutlicher - das Kainszeichen auf ihrer Stirn nicht ver- leugnend: »Die Mehrzahl der Dichter, die sich mit wirklich modernen Sujets befafiten, hat sich mit den abgestempelten, offiziellen begniigt - diese Dichter beschaftigten sich mit unseren Siegen und mit unserem politischen Heroismus. Auch das tun sie widerwillig, nur weil die Regierung sie dazu kommandiert und sie honoriert. Und doch gibt es Sujets aus dem Privatleben, die bedeutend heroischer sind. Das Schauspiel des mondanen Lebens und der Tausende ungeregelter Existenzen, die in den Souterrains einer grofien Stadt zuhause sind — der Verbrecher und der ausgehaltenen Frauen - die Gazette des tribunaux und der Moniteur beweisen, dafi wir nur die Augen zu offnen brau- chen, um den Heroismus zu erkennen, den wir zu eigen haben.« 32

29 Friedr[kh] Theod[or] Vischer: Kritische Gange. Neue Folge. Drittes Heft. Stutt- gart 1861, p. 117 (»Vernunftige Gedanken iiber die jetzige Mode*).

30 I, p. 22.

31 Vischer, 1. c. p. in.

32 II, p. 134/13?-


582 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

Ins Bild des Heros tritt hier der Apache. An ihm kommen die Charaktere.nachhause, die Bounoure an der Eirisamkeit Baude- laires verzeichnet - »ein noli me tangere, eine Verkapslung des Individuums in seine Differenz« 33 . Der Apache schwort den Tugenden und den Gesetzen ab. Er kiindigt ein fur alle Mai den contrat social. So glaubt er sich vom Burger durch eine Welt geschieden. Er erkennt in ihm nicht die Ziige des Spiefi- gesellen, die sehr bald von Hugo in den »Chatiments« mit so machtiger Wirkung gezeichnet wurden. Den Illusionen von Bau- delaire sollte freilich ein sehr langerer Atem beschieden sein. Sie begrunden die Poesie des Apachentums. Sie gelten einer Gat- tung, die in mehr als achtzig Jahren nicht abgebaut wordert ist. Diese Ader hat Baudelaire als erster angeschlagen. Poes Held ist nicht der Verbrecher sondern der Detektiv. Balzac seinerseits kennt nur den groften Aufienseiter der Gesellschaft. Vautrin erfahrt Aufstieg und Absturz; er hat eine Karriere wie alle Balzacschen Helden. Die Verbrecherlaufbahn ist eine wie die andern. Auch Ferragus sinnt auf Grofies und plant ins Weke; er ist vom Schlage der carbonari. Der Apache, welcher sein Leben lang auf die Bannmeile der Gesellschaft wie der grofien Stadt angewiesen bleibt, hat vor Baudelaire in der Literatur keine Stelle. Die scharfste Pragung dieses Sujets in den »Fleurs du mal«, der »Vin de Passassin« ist zum Ausgangspunkt eines pariser Genres geworden. Seine >Kunststatte< wurde das Chat noir. »Passant sois moderne« hiefi die Inschrift, die es in den ersten, heroischen Zeiten fiihrte.

Die Dichter finden den Kehricht der Gesellschaft auf ihrer Strafie und ihren heroischen Vorwurf an eben ihm. Damit scheint in ihren erlauchten Typus ein gemeiner gleichsam hinein- kopiert. Ihn durchdringen die Ziige des Lumpensammlers, wel- cher Baudelaire so bestandig beschaftigt hat. Ein Jahr vor dem »Vin des chiffonniers« erschien eine prosaische Darstellung der Figur: »Hier haben wir einen Mann - er hat die Abfalle des vergangenen Tages in der Hauptstadt aufzusammeln. Alles, was die grofie Stadt fortwarf , alles, was sie verlor, alles, was sie ver- achtete, alles, was sie zertrat - er legt davon das Register an und er sammelt es. Er kollationiert die Annalen der Ausschwei-

33 Bounoure, 1. c. (S. $64) p. 40.


Die Moderne 583

fung, das Capharnaum des Abhubs; er sondert die Dinge, er trifft eine kluge Wahl; er verfahrt wie ein Geizhals mit einem Schatz und halt sich an den Schutt, der zwischen den Kinnladen der Gottm der Industrie die Form niitzlicher oder erfreulicher Sachen annehmen wird.« 34 Diese Beschreibung ist eine einzige ausgedehnte Metapher fiir das Verfahren des Dichters nach dem Herzen von Baudelaire. Lumpensammler oder Poet - der Abhub geht beide an; beide gehen einsam ihrem Gewerbe nach, zu Stunden, wo die Burger dem Schlafe fronen; selbst der Gestus ist der gleiche bei ihnen beiden. Nadar spricht von Baudelaires »pas saccade« 35 ; das ist der Schritt des Dichters, der nach Reim- beute die Stadt durchirrt; es mufi auch der Schritt des Lumpen- sammlers sein, der alle Augenblick auf seinem Wege innehalt, um den Abfall, auf den er stofk, aufzulesen. Vieles spricht da- fur, dafi Baudelaire verhohlen diese Verwandtschaft zur Geltung hat bringen wollen. Eine Wahrsagung birgt sie auf jeden Fall. Sechzig Jahre spater erscheint ein Bruder des zum Lumpensamm- ler herabgesunkenen Dichters bei Apollinaire. Es ist Cronia- mantal, der poete assassin^ - erstes Opfer des Pogroms, der auf der ganzen Erde dem Geschlecht der Lyriker ein Ende bereiten soil.

Ober der Poesie des Apachentums liegt ein Zwielicht. Stellt der Auswurf die Helden der grofien Stadt? oder ist Held nicht vielmehr der Dichter, der aus solchem StofFe sein Werk erbaut*? - Die Theorie der Moderne raumt beides ein. Aber der alternde Baudelaire deutet in einem spaten Gedicht »Les plaintes d'un Icare« an, dafi er nicht mehr mit dem Schlage von Menschen fiihlt, unter dem er in der Jugend Heroen suchte.

Les amants des prostitutes Sont heureux, dispos et repus; Quant a moi, mes bras sont rompus Pour avoir etreint des nu£es. 36

  • Baudelaire hegte lange die Absidit, mit Romanen aus diesem Milieu aufzuwarten.

Im Nachlafi haben sich in Gestalt von Titeln Spuren davon gefunden: »Lcs enseigne- ments d'un monstre«, »L'entreteneur«, »La femme malhonnete*.

34 I t p. 249/250.

35 cit. Firm in Mail lard: La cite* des intellectuels. Scenes cruelles et plaisantes de la vie litteVaire des gens de lettres au XIXe siecle. je £d., Paris o. J. [1905], p. 362.

36 I, p. 193.


584 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

Der Dichter, der Platzhalter des antiken Helden, wie der Titel des Stiicks es sagt, hat dem modernen Helden, von dessen Taten die » Gazette des tribunaux« berichtet, weichen mtissen*. In Wahrheit ist im Begriff des modernen Heros dieser Verzicht bereits angelegt. Er ist zum Untergang vorbestimmt und um dessen Notwendigkeit darzustellen, braucht kein Tragiker auf- zustehen. Ist ihr aber ihr Recht geworden, so ist die Moderne abgelaufen. Dann wird die Probe auf sie gemacht werden. Nach ihrem Ende wird sich erweisen, ob sie selber je Antike wird wer- den konnen.

Diese Frage blieb Baudelaire stets vernehmbar. Den alten Anspruch auf die Unsterblichkeit erfuhr er als seinen Anspruch, einmal wie ein antiker Schriftsteller gelesen zu werden. Dafi »alle Moderne es wirklich wert sei, dereinst Antike zu werden« 37 - das ist ihm die Umschreibung der kUnstlerischen Aufgabe iiberhaupt. An Baudelaire bemerkt Gustave Kahn sehr treffend einen »refus de Poccasion, tendue par la nature du pretexte lyrique« 38 . Was ihn gegen Gelegenheiten und Anlasse sprode machte, war das Bewufitsein von jener Aufgabe. Nichts kommt fur ihn in der Epoche, welcher er selber zuflel, der >Aufgabe< des antiken Heros, den >Arbeiten< eines Herakles naher als die ihm selber als die eigenste auferlegte: der Moderne Gestalt zu geben.

Unter alien Verhaltnissen, in die die Moderne tritt, ist das zur Antike ein ausgezeichnetes. Fur Baudelaire stellt sich das an Victor Hugo dar. »Das Geschick fiihrte ihn dazu, ... die antike Ode und die antike Tragodie bis zu . . . den Gedichten und Dramen umzubilden, die wir von ihm kennen.« 39 Die Moderne bezeichnet eine Epoche; sie bezeichnet zugleich die Kraft, die in dieser Epoche am Werke ist, der Antike sie anverwandelnd. Wi- derwillig und in gezahlten Fallen wurde sie Hugo von Baude- laire zugestanden. Wagner dagegen erschien ihm als schranken- lose, unverfalschte Ausstromung dieser Kraft. »Wenn Wagner

  • Ein dreiviertel Jahrhundert spater kam neues Leben in die Konfrontation des Zu-

haltcrs mit dem Literaten. Als die Schriftsteller aus Deutsdiland vertrieben wurden, hat in das deutsche Sch rift turn eine Horst-Wessel-Legende ihren Einzug gehalten.

37 II, p. 33«-

38 KaHn, I. c. ($. 570) p. iy.

39 II, p. 580.


DieModerne 585

in der Wahl seiner Sujets und in seinem dramatischen Verfah- ren der Antike nahekommt, so ist er dank seiner leidenschaft- lichen Ausdruckskraft gegenwartig der wichtigste Reprasentant der Moderne.* 40 Der Satz enthalt in nuce Baudelaires Theorie der modernen Kunst. Die Vorbildlichkeit der Antike beschrankt sich nach ihr auf die Konstruktion; die Substanz und Inspira- tion des Werkes ist die Sache der modernite. »Wehe dem, der anderes am Altertum studiert als die reine Kunst, die Logik, die allgemeine Methode. Vertieft er sich in die Antike allzu sehr, . . . so entaufiert er sich . . . der Privilegien, die die Gelegenheit ihm bietet.« 41 Und in den Schlufisatzen des Essays iiber Guys heifit es; »Allerorten hat er die transitorische, fluchtige Schonheit un- seres gegenwartigen Lebens gesucht. Der Leser hat uns erlaubt, sie die Modernitat zu nennen.« 42 Zusammengefafit nimmt sich die Doktrin folgendermafien aus: »Am Schonen wirken ein ewi- ges, unveranderhches . . . und ein relatives, bedingtes Element zusammen. Dieses letzte . . . wird von der Epoche, der Mode, der Moral, den Leidenschaften gestellt. Ohne dieses zweite Ele- ment . . . ware das erste nicht assimilierbar.« 43 Man kann nicht sagen, dafi das in die Tiefe geht.

Die Theorie der modernen Kunst ist in Baudelaires Ansicht von der Moderne der schwachste Punkt. Die letztere zeigt die modernen Motive auf; Sache der ersten ware wohl eine Aus- einandersetzung mit der antiken Kunst gewesen. Dergleichen hat Baudelaire nie versucht. Den Verzicht, der in seinem Werk als Ausfall der Natur und der Naivitat erscheint, hat seine Theorie nicht bewaltigt. Ihre Abhangigkeit von Poe, die bis in die Formulierung geht, ist ein Ausdruck ihrer Befangenheit. Ihre polemische Ausrichtung ist ein anderer; sie hebt sich von dem grauen Fond des Historizismus ab, von dem akademischen Alexandrinertum, das mit Villemain und Cousin im Schwange ging. Keine ihrer asthetischen Reflexionen hat die Moderne in ihrer Durchdringung mit der Antike dargestellt, wie das in ge- wissen Stiicken der »Fleurs du mal« geschieht. Unter ihnen steht das Gedicht »Le cygne« voran. Nicht urn- sonst ist es ein allegorisches. Diese Stadt, die in steter Bewegung begriffen ist, erstarrt. Sie wird sprdde wie Glas, aber audi wie

40 II, p. jo8. 41 II, p. 337.

42 II, p. 363. 43 II, p. 316.


586 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

Glas durdisiditig - namlich auf ihre Bedeutung hin. »(La forme d'une ville 1 Change plus vite, helas! que le cceur d'un mortel.)* 44 Die Statur von Paris ist gebrechlich; es ist umstellt von Sinnbil- dern der Gebredilidikeit. Kreatiirlichen - der Negerin und dem Schwan; und historiscfaen - der Andromache, »Hektors Witwe und Weib des Helenus«. Trauer iiber das was war und Hoff- nungslosigkeit in das Kommende ist der gemeinsame Zug an ihnen. Worm zuletzt und am innigsten die Moderne der Antike sich anverlobt, das ist diese Hinfalligkeit. Paris, wo immer es in den »Fleurs du mal« vorkommt, tragt deren Male. Der »Crepus- cule du matin« ist das im Stoff einer Stadt nachgebildete Auf- schluchzen eines Erwachenden; »Le soleil« zeigt die Stadt faden- scheinig wie ein altes Gewebe im Sonnenlicht; der Greis, der tagtaglich von neuem resigniert nach seinem Handwerkszeug greift, weil die Sorgen im Alter nicht von ihm gelassen haben, ist die Allegorie der Stadt, und Greisinnen - »Les petites vieilles«  - sind unter ihren Einwohnern die einzig vergeistigten. Dafi diese Gedichte unangefochten die Jahrzehnte durchdrungen ha- ben, danken sie einem sie wappnenden Vorbehalt. Es ist der Vorbehalt gegen die grofie Stadt. Er unterscheidet sie von fast aller Grofistadtdichtung, die nach ihnen gekommen ist. Eine Strophe von Verhaeren geniigt, zu erfassen, um was es hierbei geht.

Et qu'importent les maux et les heures dementes

Et les cuves de vice ou la cite fermente

Si quelque jour, du fond des brouillards et des voiles

Surgit un nouveau Christ, en lumiere sculpte*

Qui souleve vers lui Phumanit6

Et la baptise au feu de nouvelles etoiles. 45

Baudelaire kennt solche Perspektiven nicht. Sein Begriff von der Hinfalligkeit der grofien Stadt steht im Ursprung der Dauer der Gedichte, welche er auf Paris geschrieben hat. Auch das Gedicht »Le cygne« ist Hugo gewidmet; vielleicht als einem der Wenigen, deren Werk, wie es Baudelaire schien, eine neue Antike zum Vorschein brachte. Soweit bei Hugo davon

44 I, p. 99 .

45 Emile Verhaeren: Les villes tentaculaires. Paris 1904, p. 119 (»L , ame de la villc).


Die Moderne 587

die Rede sein kann, ist die Quelle seiner Inspiration von der Bau- delaires grundverschieden. Hugo ist das Erstarrungsvermogen fremd, das - wenn ein biologischer Begriff statthaft ist - als eine Art Mimesis des Todes sich hundertfach in Baudelaires Didi- tung kundtut. Dagegen kann von einer chthonischen Veranla- gung Hugos die Rede sein. Ohne dafi ihrer gerade Erwahnung geschahe, kommt sie in den folgenden Satzen von Charles Peguy zur Geltung. Aus ihnen ergibt sich, wo die Verschieden- heit in Hugos und Baudelaires Konzeption der Antike zu su- chen ist. »Dessen soil man versichert sein: wenn Hugo den Bett- ler an der Landstrafie sah, ... so sah er ihn wie er ist, wirklich so, wie er wirklich ist . . ., auf der antiken Landstrafie ihn, den antiken Bettler, den antiken Flehenden. Wenn er die Marmor- verkleidung eines unserer Kamine sah oder die zementierten Ziegel an einem unserer modernen Kamine, so sah er sie als das, was sie sind: namlich den Stein vom Herd. Den Stein vom an- tiken Herd. Wenn er die Tur des Hauses und die Schwelle sah, die fur gewohnlich ein behauener Stein ist, so erkannte er auf diesem behauenen Stein die antike Linie: die Linie der heiligen Schwelle, welche dieselbe ist.« 46 Kein besserer Kommentar zu der folgenden Stelle der »Mis£rables«: »Die Kneipen des Fau- bourg Saint-Antoine ahnelten den Tavernen des Aventin, die iiber der Hohle der Sibylle errichtet sind und in Verbindung mit den heiligen Eingebungen stehen; die Tische dieser Tavernen waren beinahe Dreifufie und Ennius spricht von dem sibyllini- schen Wein, der da getrunken wurde.« 47 Aus der gleichen An- sdiauungsweise stammt das Werk, in dem das erste Bild einer >pariser Antlke< erscheint, Hugos Gedichtzyklus »A Pare de triomphe«. Die Verherrlichung dieses Baudenkmals geht von der Vision einer pariser Campagna aus, einer » immense campagne«, in der nur drei Monumente der untergegangenen Stadt iiber- dauern: die Sainte-Chapelle, die Vendome-Saule und der Tri- umphbogen. Die hohe Bedeutung, die dieser Zyklus im Werk von Victor Hugo hat, entspricht der Stelle, die er in der Ent- stehung eines der Antike angeformten Bildes vom Paris des

46 Charles P£guy: CEuvres completes. [1.] CEuvres de prose. Bd. 4: Notre jeunesse. Victor-Marie, comte Hugo. Introduction par Andr£ Suares. Paris I9i<5» p. 388/389.

47 Hugo: CEuvres completes, 1. c. (S. J17). Roman. Bd. 8: Les miserables. IV. Paris 1881, p. 55/56.


588 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

neunzehnten Jahrhunderts einnimmt. Baudelaire hat ihn un- zweifelhaft gekannt. Er stammt aus dem Jahre 1837. Bereits sieben Jahre friiher notiert der Historiker Friedridi von Raumer in seinen »Briefen aus Paris und Frankreich im Jahre 183CXC »Vom Thurme Notre Dame herab iibersah ich gestern die ungeheure Stadt; wer hat das erste Haus gebaut, wann wird das letzte zusammenstiirzen und der Boden von Paris aus- sehen wie der von Theben und Babylon? « 48 Diesen Boden wie er sein wird, wenn dereinst »dies Ufer, wo das Wasser an tonen- den Briickenbogen sich bricht, den murmelnden Binsen, die sidi neigen, wird wiedergegeben sein« 49 , hat Hugo beschrieben:

Mais non, tout sera mort. Plus rien dans cette plaine Qu'un peuple eVanoui dont elle est encor pleine. 50

Hundert Jahre nach Raumer wirft von Sacr^-Coeur, einem an- deren erhobenen Orte der Stadt, Leon Daudet auf Paris einen Blick. In seinem Auge spiegelt die Geschichte der >Moderne< bis auf den gegenwartigen Augenblick sich in schreckenerregender Kontraktion: »Man sieht von oben her auf diese Ansammlung von Palais, Monumenten, Hausern und Baracken und bekommt das Gefiihl, sie seien einer Katastrophe oder mehreren vorbe- stimmt - meteorologischen oder gesellschaftlichen ... Ich habe Stunden auf Fourvieres mit dem Blick auf Lyon, auf Notre- Dame de la Garde mit dem Blick auf Marseille, auf Sacre-Cceur mit dem Blick auf Paris zugebracht . . . Was von diesen Anho- hen aus am deutlichsten erkennbar wird, ist die Drohung. Die Menschenansammlungen sind bedrohlich; . . . der Mensch hat Arbeit notig, das ist richtig, aber er hat audi andere Bedurf- nisse . . . Er hat unter anderen Bediirfnissen das des Selbstmords, das in ihm und in der Gesellschaft, welche ihn bildet, steckt; und es ist starker als sein Selbsterhaltungstrieb. So wundert man sich, wenn man oben von Sacr^-Cceur, Fourvieres und Notre- Dame de la Garde heruntersieht, dafi Paris, Lyon, Marseille

48 Friedridi von Raumer: Briefe aus Paris und Frankreich im Jahre 1830. Zweiter Theil. Leipzig 1831, p. 127.

49 Hugo; CEuvres completes, 1. c. (S. 517). Po^sie. Bd. 3: Les chants du cr^puscule, Les voix intirieures, Les rayons et les ombres. Paris 1880, p. 234 (»A l'arc de triomphe III*)*

50 Hugo, 1. c. p. Z44 (»A Tare de triomphe VIII«).


Die Moderne 589

noch vorhanden sind.« 51 Dies ist das Gesicht, das die passion moderne, die Baudelaire im Selbstmord erkannte, im gegenwar- tigen Jahrhundert bekommen hat.

Die Stadt Paris trat in dies Jahrhundert in der Gestalt ein, die ihr Haussmann gegeben hat. Seine Umwalzung des Stadtbildes hatte er mit den denkbar bescheidensten Mitteln ins Werk ge- setzt: Spaten, Hacken, Brecheisen und dergleichen. Welches Maft von Zerstorung hatten nicht schon diese beschrankten her- vorgerufen! Und wie wuchsen seither mit den grofien Stadten die Mittel, sie dem Erdboden gleichzumachen! Welche Bilder vom Kommenden rufen sie nicht hervor! - Die Arbeiten Hauss- manns stand en auf ihrem Hohepunkt, ganze Quartiers wurden abgerissen, da befand sich an einem Nachmittag des Jahres 1862 Maxime Du Camp auf dem Pont neuf. Er wartete unweit vom Laden eines Optikers auf seine Augenglaser. »Der Autor, der an der Schwelle des Alters stand, erfuhr einen jener Augen- blicke, in denen der Mann, sein verflossenes Leben iiberdenkend, in allem seine eigene Melancholie gespiegelt sieht. Das geringe Nachlassen seiner Sehscharfe, dessen der Besuch beim Optiker ihn iiberfiihrt hatte, rief ihm das Gesetz der unvermeidlichen Hinfalligkeit aller menschlichen Dinge ... in die Erinnerung . . . Ihm, dem weit im Orient Herumgekommenen, dem in den Ein- oden Bewanderten, deren Sand Staub von Toten ist, kam plotz- lich der Gedanke, auch diese Stadt, die ihn umbrauste, wiirde einst sterben miissen wie so viele Kapitalen . . . gestorben sind. Ihm fiel ein, wie aufierordentlich uns heute eine genaue Darstel- lung von Athen zur Zeit des Perikles, von Kathargo zur Zeit des Barca, von Alexandrien zur Zeit der Ptolemaer, von Rom zur Zeit der Caesaren interessieren wiirde . . . Dank einer blitz- artigen Eingebung, wie sie einem bisweilen zu einem aufieror- dentlichen Sujet verhilft, fafite er den Plan, das Buch iiber Paris zu schreiben, das die Geschichtsschreiber des Altertums iiber ihre Stadt nicht geschrieben haben . . . Das Werk seines reif en Alters erschien vor seinem geistigen Auge.« 52 In Hugos Gedicht »An den Triumphbogen«, in Du Camps grofier verwaltungstech-

51 L^on Daudet: Paris vecu. Rive droite. Illustr^ de 46 compositions ct d'une eau-forte originale par P. -J. Poitevin. Paris 1930, p. 243/244.

52 Paul Bourget: Discours academique du 13 juin 1895. Succession a Maxime Du Camp. L'anthologte de I'Acad^mie francaise. Paris 1921. Bd. 2, p. 191-193.


59° Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

nischer Darstellung seiner Stadt ist die gleiche Inspiration zu erkennen, die fur Baudelaires Idee der Moderne entscheidend wurde.

Haussmann ging 1859 ans Werk. Es war durch Gesetzesvor- lagen angebahnt, in seiner Notwendigkeit langst empfunden worden. »Nach i848«, schreibt DuCamp in dem eben genannten Werk, »stand Paris im BegrifF, unbewohnbar zu werden. Die standige Ausdehnung des Eisenbahnnetzes . . . beschleumgte den Verkehr und den Bevolkerungszuwadis der Stadt. Die Leute erstickten in den engen, unsauberen, verschachtelten alten Gas- sen, in die sie gepfercht blieben, weil es nicht anders ging.« 53 Zu Beginn der fiinfziger Jahre fing man in der pariser Bevolkerung an, in die Vorstellung von einer unausweichlichen grofien Berei- nigung des Stadtbildes sich zu schicken. Man darf annehmen, dafi diese Bereinigung in ihrer Inkubationszeit auf eine bedeu- tende Phantasie ebenso stark wirken konnte, wenn nicht starker, als der Anblick der urbanistischen Arbeiten selbst. »Les poetes sont plus inspires par les images que par la presence meme des objets« 54 , sagt Joubert. Von den Kunstlern darf Gleiches gel- ten. Das, wovon man weifi, dafi man es bald nicht mehr vor sich haben wird, das wird Bild. So wurden es wohl die pariser Strafien zu jener Zeit. Jedenfalls lag das Werk, dessen unter- irdischer Zusammenhang mit der grofien Umwalzung von Paris am wenigsten zu bezweifeln ist, einige Jahre ehe sie unternom- men wurde vollendet vor. Es waren Meryons radierte Ansichten von Paris. Niemand ist mehr von ihnen beeindruckt worden als Baudelaire. Ihm war die archaologische Ansicht der Katastrophe, wie sie den Traumen Hugos zugrunde lag, nicht die eigentlich bewegende. Ihm sollte die Antike mit einem Schlag, eine Athene aus dem Haupte des unversehrten Zeus, aus der unversehrten Moderne steigen. Meryon trieb das antike Antlitz der Stadt her- aus, ohne einen Pflasterstein von ihr preiszugeben. Diese An- sicht der Sache war es, welcher Baudelaire unablassig im Ge- danken der modernite nachgehangen hatte. Er bewunderte Meryon leidenschaftlich.

53 Maxime Du Camp: Paris, ses organ es, scs fonctions et sa vie dans la seconde moiti^ du XIX« siecle. Bd. 6. Paris 1886, p. ^53.

54 J[oseph] Joubert: Pensees. Prec^dees de sa correspondance. D'une notice sur sa vie, son caractere et ses travaux par Paul de Raynal. 5c ^d., Paris 1869. Bd. 2, p. 267.


DieModerne 591

Beide waren einander wahlverwandt. Ihr Geburtsjahr ist das gleidie; ihr Tod Hegt nur urn Monate auseinander. Beide starben vereinsamt und schwer gestort; Meryon als Dementer in Cha- renton, Baudelaire, ohne Sprache, in einer Privatklinik. Beider Ruhm hat sidi spat auf den Weg gemacht. Fur Meryon ist zu Lebzeiten Baudelaire fast als der einzige eingetreten*. Weniges in seinen Prosastiicken lafit sich mit dem kurzen Text iiber Me- ryon messen. Von Meryon handelnd, huldigt er der Moderne; er huldigt aber dem antiken Gesicht in ihr. Denn audi bei Me- ryon durchdringen einander die Antike und die Moderne; audi bei Meryon tritt die Form dieser Oberblendung, die Allegorie, unverkennbar auf. Die Beschriftung ist auf seinen Blattern von Wichtigkeit. Spielt der Wahrisinn in ihren Text hinein, so unter- streidit sein Dunkel nur die >Bedeutung<. Die Meryonschen Verse unter der Ansicht des Pont neuf stehen als Auslegung, unbeschadet ihrer Spitzfindigkeit, in nadister Nachbarsdiaft des »Squelette laboureur«:

Ci-git du vieux Pont-Neuf L'exacte ressemblance Tout radoube de neuf Par recente ordonnance. O savants medecins, Habiles diirurgiens, De nous pourquoi ne faire Comme du pont de pierre. 55 **

Geffroy trifft in das Zentrum von Meryons Werk, er trifft audi

  • Im zwanzigsten Jahrhundert fand Meryon einen Biographen in Gustave Geffroy.

Es ist kein Zufall, dafi das Meisterwerk dieses Autors eine Biographie von Blanqui ist.

    • Meryon hatte als Marineoffizier begonnen. Seine letzteRadierung stellt dasMarine-

ministerium auf der Place de la Concorde dar. In den Wolken stiirmt ein Gefolge von Pferden, Wagen und Delphinen auf das Ministerium zu. Schiffe und Seeschlangen fehlen nicht; einige menschenformige Geschopfe sind in der Schar zu sehen. Geffroy findet die >Bedeutung< zwanglos, ohne sich bei der Form der Allegorie aufzuhalten: »Seine Traume stiirmten auf dieses Haus ein, das so hart wie eine Festung war. Dort waren in seiner Jugend, als er sich noch auf grofier Fahrt befand, die Daten seiner dienstlichen Laufbahn eingetragen worden. Und nun nimmt er von dieser Stadt, dies cm Hause Abschied, von denen er so viel gelitten hatte.« (Gustave Geffroy: Charles Meryon. Paris 1926, p. 161.) 55 cit. Geffroy: Charles Meryon, I. c. p. 59.


592 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

dessen Verwandtschaft mit Baudelaire, vor allem aber trifft er die Treue in der Wiedergabe der Stadt Paris, die bald von Triim- merfeldern durchsetzt werden sollte, wenn er die Einzigartigkeit dieser Blatter darin sucht, »dafi sie, wiewohl unmittelbar nach dem Leben verfertigt, den Eindrudk von abgelaufenem Leben machen, das erstorben ist oder das sterben wird« 56 *. Baudelaires Meryon-Text gibt unter der Hand die Bedeutsamkeit dieser pariser Antike zu verstehen. »Selten haben wir mit mehr dichte- rischer Kraft die natiirliche Feierlichkeit einer grofien Stadt dar- gestellt gesehen: die Majestat der aufgehauften Steinmassen, die Kirchtiirme, deren erhobener Finger auf den Himmel deutet, die Obelisken der Industrie, welche Heerscharen Rauches gegen das Firmament entbieten**, die Geriiste, die ihr durchbrochenes, spinnwebhaftes Gefiige so paradox iiber den massiven Block der Bauten, an denen man bessert, legen, den dunstigen von Zorn geschwangerten und von Groll schweren Himmel und die tiefen Durchblicke, deren Poesie in den Dramen wohnt, mit denen man sie im Geist ausstattet - kernes der komplexen Ele- mente, aus denen der teuer erkaufte und ruhmreiche Dekor der Zivilisation sich zusammensetzt, ist vergessen worden.« 57 Unter den Planen, deren Scheitern man wie einen Verlust beklagen kann, ist der des Verlegers Delatre zu rechnen, der die Meryon- sche Folge mit Texten von Baudelaire veroffentlichen wollte. Dafi diese Texte nicht geschrieben wurden, geht auf den Graphi- ker zuriick; er vermochte nicht, sich die Aufgabe Baudelaires an- ders vorzustellen denn als ein Inventar der von ihm wiederge- gebenen Hauser und Strafienzuge. Ware Baudelaire an diese Aufgabe herangetreten, so wiirde das Wort von Proust iiber »die Rolle der antiken Stadte im Werke von Baudelaire und die Scharlachfarbe, die sie ihm stellenweise mitteilen« 58 , sinnfalli-

4 Der Wille, >die Spur< zu bewahren, hat den entschiedensten Anteil an dieser Kunst. Meryons Titel zu der Folge der Radierungen zeigt einen zersprengten Stein mit den abgedriidcten Spuren von alten Pflanzenformen.

    • vgl. Pierre Hamps vorwurfsvolle Bemerkung: »Der Kiinstler . . . bewundert die

Saule des babylonischen Tempels und verachtet den Fabriksdiornstein.« (Pierre Hamp; La literature, image de la soci£t£, in: Encyclopedic francaise, Bd. 16: Arts et line ratu res dans la societe" contemporaine I. Paris 1935, fasc. 16.64-1.)

56 GefFroy: Charles Meryon, 1. c. (S. J91) p. 3.

57 II, p. z?3-

58 Proust, 1. c. (S. $76) p. 6$6.


Die Moderne 593

ger geworden sein als es sidi heute liest. Unter diesen Stadten stand fiir ihn Rom voran. In einem Aufsatz uber Leconte de Lisle gesteht er seine »natiirliche Vorliebe« fiir diese Stadt. Wahr- scheinlich ist er zu ihr durch die Veduten von Piranesi gekom- men, auf denen die nicht restaurierten Ruinen nodi als eins mit der neuen Stadt ersdieinen.

Das Sonett, das als neununddreifiigstes Gedidit der »Fleurs du mal« figuriert, beginnt:

Je te donne ces vers afin que si mon nom Aborde heureusement aux £poques lointaines, Et fait rever un soir les cervelles humaines, Vaisseau favoris£ par un grand aquilon,

Ta m£moire, pareille aux fables incertaines, Fatigue le lecteur ainsi qu'un tympanon. 59

Baudelaire will gelesen werden wie ein Antiker. Erstaunlidi schnell wurde die Forderung fallig. Denn die feme Zukunft, die £poques lointaines, von denen das Sonett spricht, sind ge- kommen; soviel Jahrzehnte nadi seinemTode als sich Baudelaire Jahrhunderte gedacht mag haben. Zwar steht Paris nodi; und die grofien Tendenzen der gesellsdiaftlidien Entwicklung sind nodi die gleichen. Aber je bestandiger sie geblieben sind, desto hinfalliger wurde an der Erfahrung von ihnen alles, was im Zeidien des >wahrhaft Neuen< gestanden hatte. Die Moderne ist sich am wenigsten gleich geblieben; und die Antike, die in ihr stecken sollte, stellt in Wahrheit das Bild des Veralteten. »Man findet Herculanum unter der Asche wieder; aber einige Jahre verschutten die Sitten einer Gesellschaft besser als aller Staub der Vulkane.* 60

Die Antike von Baudelaire ist die rdmische. Nur an einer Stelle ragt die griediische Antike in seine Welt hinein. Griedienland stellt ihm das Bild von der Heroine, welches ihm wiirdig und fahig schien, in die Moderne ubertragen zu werden. Griediische Namen - Delphine und Hippolyte - tragen die Frauenbilder in einem der grofiten und beruhmtesten Stiicke der »Fleurs du

59 1, P . 53.

60 Barbey d'Aurevilly: Du dandysme ct dc G. Brummel. Memoranda. Paris 1887, p. 30.


594 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

mal«. Es ist der lesbischen Liebe gewidmet. Die Lesbierin ist die Heroine der modernite. In ihr ist ein erotisdies Leitbild von Baudelaire - die Frau, die von Harte und Mannheit sagt - von einem geschichtlichen Leitbild durchdrungen worden - dem der Grofie in der antiken Welt. Das macht die Stellung der lesbi- schen Frau in den »Fleurs du mal« unverwechselbar. Es erklart, warum ihnen von Baudelaire lange Zeit der Titel »Les lesbien- nes« zugedacht worden ist. Im ubrigen ist Baudelaire weit ent- fernt, die Lesbierin fiir die Kunst entdeckt zu haben. Balzac in seiner »Fille aux yeux d'or« hat sie schon gekannt; Gautier in » Mademoiselle de Maupin«, Delatouche in der »Fragoletta«. Auch bei Delacroix trat sie Baudelaire entgegen; etwas um- wunden spricht er in der Kritik seiner Bilder von einer »heroi- schen Manifestation der modernen Frau in der Richtung des Infernalischen« 61 .

Das Motiv ist im Saintsimonismus beheimatet, der in seinen kultischen Velleitaten oft die Idee der Androgyne verwertet hat. Zu ihnen zahlt der Tempel, der in Duveyriers >Neuer Stadt< prangen sollte. Ein Adept der Schule bemerkt von ihm: »Der Tempel mufi eine Androgyne darstellen, einen Mann und eine Frau . . . Die gleiche Teilung mufi fur die ganze Stadt vorge- sehen werden, ja fiir das ganze Konigreich und die gesamte Erde: es wird die Hemisphere des Mannes und die der Frau geben.« 62 Fafilicher als in dieser Architektur, die nicht gebaut wurde, ist die saintsimonistische Utopie ihrem anthropologischen Inhalt nach in den Gedankengangen von Claire Demar. Ober den grofispurigen Phantasien von Enfantin ist Claire Demar vergessen worden. Dem Kern der saintsimonistischen TReorie - namlich der Hypostasierung der Industrie als der Kraft, die die Welt bewegt - steht das Manifest, das sie hinterliefi, naher als der Mutter-Mythos von Enfantin. Um die Mutter geht es auch diesem Text, aber in wesentlich anderer Meinung als denen, die von Frankreich auf brachen, um im Morgenlande nach ihr zu suchen. In der weit verzweigten Literatur der Zeit, die es mit der Zukunft der Frau zu tun hat, steht er vereinzelt durch Kraft und durch Leidenschaft. Er erschien mit dem Titel »Ma loi

61 II, p. 162.

62 Henry-Rene* d'Allemagne: Les Saint-Simon tens 1 827-1837. Preface de S£bastien Charlity. Paris 1930, p. 310.


DieModerne 595

d , avenir«. In seinem Schlufiabschnitt heifk es: »Keine Mutter- schaft mehr! kein Gesetz des Blutes. Ich sage: keine Mutterschaft mehr. 1st die Frau erst einmal . . . von Mannern, die ihr den Preis ihres Korpers zahlen, befreit . . ., so wird sie ihr Dasein . . . nur ihrem eigenen Schaffen zu danken haben. Dazu mufi sie sich einem Werke widmen und eine Funktion ausfiillen ... So mufit ihr eudi denn entschliefien, das Neugeborene von der Brust der natiirlichen Mutter dem Arm der sozialen Mutter zu iibergeben, dem Arm der staatlich bestellten Amme. So wird das Kind bes- ser erzogen werden . . . Dann erst, und friiher nicht, werden Mann, Frau und Kind vom Gesetz des Bluts, dem Gesetze der Ausbeutung der Menschheit durch sie selber entbunden wer- den. « 63

Hier pragt sich das Bild der heldischen Frau, welches Baudelaire in sich aufnahm, in urspriinglicher Fassung aus. Seine lesbische Abwandlung wurde nicht erst von den Schriftstellern vor- genommen, sondern im saintsimonistischen Zirkel selbst. Was an Zeugnissen hier in Frage kommt, lag bei den Chronisten der Schule selbst gewifi nicht in den besten Handen. Immerhin be- sitzt man von einer Frau, die sich zur Lehre von Saint-Simon bekannte, folgende merkwurdige Konfession: »Ich begann, meinen Nachsten die Frau ebensosehr zu Heben wie meinen Nachsten den Mann ... Ich liefi dem Manne seine physische Kraft und die ihm eigene Art von Intelligenz, setzte aber neben ihm als gleichwertig die korperliche Schonheit der Frau und die ihr eigene Art geistiger Gaben ein.« 64 Wie ein Echo dieses Be- kenntnisses klingt eine kritische Reflexion von Baudelaire, deren man sich nicht leicht versehen hatte. Sie gilt Flauberts erster Heldin. » Madame Bovary ist ihrer besten Spannkraft und ihren ehrgeizigsten Zielen nach, aber auch in ihrem tiefsten Trau- men ... ein Mann geblieben. Wie die dem Haupte des Zeus ent- stiegene Pallas Athene hat diese sonderbare Androgyne alle verfuhrerische Gewalt erhalten, die einem mannlichen Geist in einem bezaubernden Frauenkorper zu eigen ist. « 65 Und weiter,

63 Cklre Demar; Ma loi d'avenir. Ouvrage posthume public par Suzanne. Paris 1834, p. j8/$ 9 .

64 cit. Firmin Maillard: La Ugende de la femmc £mancipee. Histoire de femmes pour servir a l'htstoire contemporaine. Paris [o. J.], p. 65.

65 II, p. 44J.


59<> Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

iiber den Dichter selbst: »Alle intellektuellen Frauen werden ihm Dank wissen, das >Weibchen< zu einer Hohe erhoben zu ha- ben . . ., auf der sie an der Doppelnatur teilhat, die den voll- endeten' Menschen ausmacht: ebenso der Berechnung fahig zu sein wie der Traumerei.« 66 Mit einem Handstreich, wie er ihm immer gelegen hat, erhebt Baudelaire Flauberts Kleinburger- gattin zur Heroine.

Es gibt in Baudelaires Dichtung eine Anzahl von wichtigen, auch offenkundigen Tatsachen, die unbeachtet geblieben sind. Zu ihnen gehort die gegensatzliche Ausrichtung der beiden lesbi- schen Gedichte, die in den »Epaves« aufeinander folgen. »Les- bos« ist eine Hymne auf die lesbische Liebe; »Delphine et Hippolyte« dagegen ist eine von welchem Mitleid immer vibrie- rende Verdammung dieser Passion.

Que nous veulent les lois du juste et de Pinjuste? Vierges au coeur sublime, honneur de Parchipel, Votre religion comme une autre est auguste, Et Pamour se rira de PEnfer et du Ciel! 67

So heifit es im ersten dieser Gedichte; im zweiten:

- Descendez, descendez, lamentables victimes, Descendez le chemin de Penfer kernel! 68

Der auffallende Zwiespalt erklart sich so: wie Baudelaire die lesbische Frau nicht als Problem sah - weder als ein gesellschaft- liches noch als eines der Veranlagung - so hatte er, als Prosaiker konnte man sagen, auch keine Stellung zu ihr. Im Bilde der Mo- derne hatte er fiir sie Platz; in der Wirklichkeit erkannte er sie nicht wieder. Darum schreibt er unbekummert: »Wir haben die schriftstellernde Philanthropin gekannt, ... die republikanische Dichterin, die Dichterin der Zukunft, sie sei Fourieristin oder Saintsimonistin* - niemals haben wir unser Auge ... an all dies getragene und abstofiende Gehaben . . ., diese Imitationen mannlichen Geistes gewohnen konnen.« 69 Es ware abwegig

  • Vielleidit ist dies eine Anspielung auf die »Loi d*avenir« von Claire Demar.

66 II, p. 448.

67 I, p. 157.

68 I, p. 161.

69 II, p. 534.


Die Moderne 597

anzunehmen, Baudelaire ware je beigefallen, mit seinem Dichten in der Offentlichkeit fiir die lesbische Frau sich einzusetzen. Die Vorschlage, die er seinem Anwalt fiir das Pladoyer im Prozefi gegen die »Fleurs du mal« machte, beweisen das. Die biirgerliche Achtung ist fiir ihn von der heroischen Natur dieser Leiden- schaft nicht zu trennen. Das »descendez, descendez, lamen- tables victimes« ist das letzte Wort, das Baudelaire der lesbi- schen Frau nachruft. Er gibt sie dem Untergang preis. Sie ist unrettbar, weil die Verworrenheit in Baudelaires Konzeption von ihr unauf loslich ist.

Das neunzehnte Jahrhundert begann die Frau im Produktions- prozefi riickhaltlos aufterhalb des Hauswesens zu verwerten. Es tat das vorwiegend auf primitive Art; es stellte sie in Fabriken ein. Mannliche Ziige mufiten damit im Laufe der Zeit an ihr in Erscheinung treten. Da Fabrikarbeit sie bedingte, offenbar vor allem entstellende. Hohere Formen der Produktion, audi der politische Kampf als soldier konnten mannliche Ziige in einer edleren Form begiinstigen. Vielleicht kann die Bewegung der Vesuviennes in einem solchen Sinne verstanden werden. Sie stellte der Februarrevolution ein Corps, das sich aus Frauen zu- sammensetzte. » Vesuviennes «, so heiftt es in den Statuten, »nennen wir uns, um damit auszusagen, daft in jeder Frau, die uns angehort, ein revolutionarer Vulkan am Werke ist.« 70 In soldier Veranderung des weiblichen Habitus kamen Tendenzen zur Geltung, die Baudelaires Phantasie beschaftigen konnten. Es ware nicht erstaunlich, wenn seine tiefe Idiosynkrasie gegen die Schwangerschaft mit im Spiele gewesen ware"". Die Vermann- lichung der Frau sprach zu ihr. Baudelaire bejahte also den Vor- gang. Gleichzeitig aber kam es ihm darauf an, ihn aus der oko- nomischen Botmafiigkeit zu losen. So gelangte er dazu, dieser Entwicklungsrichtung einen rein sexuellen Akzent zu geben. Was er George Sand nicht verzeihen konnte, war vielleicht, die Ziige einer lesbischen Frau durch ihr Abenteuer mit Musset ent- weiht zu haben.

  • Ein Fragment von 1844 (I, p. 213) erscheint hier sdiliissig. - Baudelaires bekannte

Federzeichnung seiner Matresse zeigt eine Gangart, die der von Schwangeren frap- pierend ahnelt. Das zeugt nicht gegen die Idiosynkrasie.

70 Paris sous la Republique de 1848. Exposition de la Bibliotheque et des travaux historiques de la ville de Paris. Paris 1909, p. 28.


598 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

Die Verkummerung des >prosaischen< Elements, die in Baude- laires Stellung zur lesbischen Frau sich auspragt, ist audi in an- deren Stiicken fur ihn bezeichnend. Sie befremdete aufmerk- same Betrachter. 1895 schreibt Jules Lemaitre: »Man steht vor einem Werk voller Kunstgriffe und beabsichtigter Widersprii- die . . . Im Augenblick, da es sich in der krassesten Beschrei- bung der trostlosesten Details der Realitat gefallt, ergeht es sich in einem Spiritualismus, der weit von dem unmittelbaren Ein- druck abfiihrt, welchen die Dinge auf uns machen . . . Die Frau gilt Baudelaire als Sklavin oder als Tier, . . . aber die gleichen . . . Huldiguhgen ergehen an sie, die der heiligen Jungfrau er- wiesen werden . . . Er verflucht den >Fortschritt<, er verabscheut die Industrie des Jahrhunderts, . . . und doch geniefit er die be- sondere Note, die diese Industrie in unser heutiges Leben getra- gen hat . . . Ich glaube, das spezifisch Baudelairesche besteht dar- in, immer zwei entgegengesetzte Arten der Reaktion zu ver- einigen . . ., man konnte sagen, eine vergangene und eine gegen- wartige. Ein Meisterstuck des Willens . . .; die letzte Neuheit auf dem Gebiete des Gefiihlslebens.« 71 Diese Haltung als Grofitat des Willens vorzustellen, lag im Sinne von Baudelaire. Aber ihr Revers ist ein Mangel an Oberzeugung, an Einsicht, an Stetig- keit. Einem jahen, chockartigen Wechsel war Baudelaire in alien seinen Regungen ausgesetzt. Desto lockender schwebte ihm eine andere Art, in den Extremen zu leben vor. Sie formt sich in den Inkantationen, die von vielen seiner vollkommenen Verse aus- gehen; sie benennt sich in einigen von ihnen selbst.

Vois sur ces canaux

Dormir ces vaisseaux Dont Phumeur est vagabonde;

C'est pour assouvir

Ton moindre dislr Qu'ils viennent du bout du monde. 72

Ein wiegender Rhythmus eignet dieser beruhmten Strophe; ihre Bewegung ergreift die Schiffe, welche festgemacht auf dem Kanale liegen. Zwischen den Extremen gewiegt zu werden, wie

71 Lemaitre, 1. c. (S. 525) p. 28-31.

72 I, p. 67.


Die Moderne 599

es das Vorrecht der SchifFe ist, danach sehnte sich Baudelaire. Deren Bild taucht auf, wo es um sein tiefes, verschwiegenes und paradoxes Leitbild geht: das Getragensein von, das Geborgen- sein in der Grofie. »Diese schonen, grofien SchifTe, wie sie un- merklidi gewiegt . . . auf dem stillen Wasser liegen, diese starken SchifFe, die so sehnsiichtig und so miifiig ausschauen - fragen sie uns nicht in einer stummen Sprache: wann fahren wir aus ins Gluck?« 73 In den Schiffen vereint sidi die Nonchalance mit der Bereitschaft zum aufiersten Krafteinsatz. Das legt ihnen eine ge- heime Bedeutung bei. Es gibt eine besondere Konstellation, in der sich Grofie und Lassigkeit audi im Menschen zusammenfin- den. Sie waltet ilber dem Dasein von Baudelaire. Er hat sie ent- ziffert und nannte sie >die Moderne<. Wenn er sich an das Schau- spiel der SchifFe auf der Reede verliert, so geschieht es, um ein Gleichnis an ihnen abzulesen. So stark, so sinnreich, so harmo- nisch, so gut gebaut ist der Heros wie jene SegelschifFe. Aber ihm winkt vergebens die hohe See. Denn ein Unstern steht iiber seinem Leben. Die Moderne erweist sich als sein Verhangnis. Der Heros ist nicht in ihr vorgesehen; sie hat keine Verwendung fur diesen Typ. Sie macht ihn fiir immer im sichern Hafen fest; sie liefert ihn einem ewigen Nichtstun aus. In dieser seiner letz- ten Verkorperung tritt der Heros als Dandy auf. Stofit man auf eine dieser Erscheinungen, die dank ihrer Kraft und Gelassen- heit in jeder ihrer Geberden vollendet sind, so sagt man sich, »der da vorbeigeht, ist vielleicht begiitert; doch ganz gewifi steckt in diesem Passanten ein Herakles, fiir den keine Arbeit vorhanden ist« 74 . Er wirkt als wenn er von seiner Grofie getra- gen werde. Daher ist es verstandlich, dafi Baudelaire seine Fla- nerie zu gewissen Stunden mit der gleichen Wurde bekleidet glaubte wie die Anspannung seiner Dichterkraft. Fiir Baudelaire stellte der Dandy sich als ein Nachfahre grofier Ahnen dar. Der Dandysmus ist ihm »der letzte Schimmer des Heroischen in Zeiten der Dekadenz« 75 . Es gefallt ihm, bei Chateaubriand einen Hinweis auf indianische Dandys zu ent- decken - Zeugnis der einstigen Blutezeit jener Stamme. In Wahrheit ist unmoglich zu verkennen, dafi die Ziige, welche im

73 n, P . 630.

74 II, p. 3J2.

75 II, p. ml


600 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

Dandy versammelt sind, eine ganz bestimmte geschichtliche Signatur tragen. Der Dandy ist eine Pragung der Englander, die im Welthandel fiihrend waren. In den Handen der londoner Borsenleute lag das Handelsnetz, das iiber den Erdball lauft; seine Maschen verspurten die mannigfachsten, haufigsten, unver- mutbarsten Zuckungen. Der Kaufmann hatte auf diese zu rea- gieren, nicht aber seine Reaktionen zur Schau zu tragen. Den dadurch in ihm erzeugten Widerstreit iibernahmen die Dandys in eigene Regie. Sie bildeten das sinnreiche Training aus, welches zu seiner Bewaltigung notig war. Sie verbanden die blitzsdinelle Reaktion mit entspanntem, ja schlaffem Gebaren und Mienen- spiel. Der Tick, der eine Zeitlang fur vornehm gait, ist gewisser- mafien die unbeholfene, subalterne Darstellung des Problems. Sehr bezeichnend dafiir ist das folgende: »Das Gesicht eines eleganten Mannes mufi immer . . . etwas Konvulsivisches und Verzerrtes haben. Man kann solche Grimasse, wenn man will, einem natiirlichen Satanismus zuschreiben.« 76 So malte sich die Erscheinung des londoner Dandys im Kopfe eines pariser Boule- vardiers. So spiegelte sie sich physiognomisch in Baudelaire. Seine Liebe zum Dandysmus war keine gluckliche. Er besafi die Gabe nicht, zu gefallen, welche ein so wichtiges Element in der Kunst des Dandys, nicht zu gefallen, ist. Was von Natur aus an ihm befremden mufite zur Manier erhebend, geriet er so, da mit seiner wachsenden Isolierung seine Unzuganglichkeit grofier wurde, in die tiefste Verlassenheit.

Baudelaire hat nicht wie Gautier Gefallen an seiner Zeit ge- funden, noch sich wie Leconte de Lisle um sie betriigen konnen. Ihm stand der humanitare Idealismus eines Lamartine oder Hugo nicht zu Gebote, und es war ihm nicht wie Verlaine gege- ben, sich in die Devotion zu fliichten. Weil er keine Oberzeu- gung zu eigen hatte, nahm er selbst immer neue Gestalten an. Flaneur, Apache, Dandy und Lumpensammler waren fiir ihn ebenso viele Rollen. Denn der moderne Heros ist nicht Held - er ist Heldendarsteller. Die heroische Moderne erweist sich als ein Trauerspiel, in dem die Heldenrolle verfugbar ist. Das hat Baudelaire selbst, versteckt wie~hr einer'femarque, am Rande seiner »Sept vieillards« angedeutet.

76 Lcs Petits-Paris. Par Us auteurs des M^moires de Bilboquet. [Par Taxile Delord u. a.] Paris 1854. Bd. 10: Paris- viveur, p. 26.


DieModerne 60 1

Un matin, cependant que dans la triste rue Les maisons, dont la brume allongeait la hauteur, Simulaient les deux quais d'une riviere accrue, Et que, d£cor semblable a l'ame de l'acteur,

Un brouillard sale et jaune inondait tout Tespace, Je suivais, roidissant mes nerfs comme un heVos Et discutant avec mon ame deja lasse, Le faubourg secoue* par les lourds tombereaux. 77

Dekor, Akteur und Heros treten in diesen Strophen auf eine nicht mifizuverstehende Art zusammen. Die Zeitgenossen brauch- ten den Hinweis nicht. Courbet klagt als er ihn malt dariiber, Baudelaire sehe jeden Tag anders aus. Und Champfleury sagt ihm die Gabe nach, seinen Gesichtsausdruck zu verstellen wie ein entlaufener Galeerenstrafling 78 . Valles hat in seinem bosen Nachruf, der von ziemlich viel Scharfblick zeugt, Baudelaire einen cabotin genannt 79 .

Hinter den Masken, die er verbrauchte, wahrte der Dichter in Baudelaire das Inkognito. So herausfordernd er im Umgang erscheinen konnte, so umsichtig verfuhr er in seinem Werk. Das Inkognito ist das Gesetz seiner Poesie. Sein Versbau ist dem Plan einer grofien Stadt vergleichbar, in der man sich unauf f al- lig bewegen kann, gedeckt durch Hauserblocks, Torfahrten oder Hofe. Auf diesem Plan sind den Worten, wie Verschworenen vor dem Ausbruch einer Revoke, ihre Platze genau bezeichnet. Baudelaire konspiriert mit der Sprache selbst. Er berechnet ihre Effekte auf Schritt und Tritt. Dafi er es immer vermieden hat, sich dem Leser gegenuber zu decouvrieren, ist gerade den Be- rufensten nachgegangen. Gide vermerkt eine Unstimmigkeit zwischen Bild und Sache, die sehr berechnet ist 80 . Riviere hat hervorgehoben, wie Baudelaire vom entlegenen Worte ausgeht, wie er es lehrt, leise aufzutreten indem er es behutsam der Sache nahert 81 . Lemaitre spricht von Formen, die so geartet sind,

77 I, p. 101.

78 vgl. Champfleury [Jules Husson]: Souvenirs et portraits de jeunesse. Paris 1872, p. 13S-

79 Abgedruckt aus >La situation* bei Andre* Billy: Les ecrivains de combat. Paris 1931, p. 189.

80 vgl. Gide, 1. c. (S. 570) p. 51a.

81 vgl. Jacques Riviere: Etudes. (18* id., Paris 1948, p. 15.)


6oi Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

dafi sie den Ausbruch der Leidenschaft unterbinden 82 , und Lafor- gue hebt den Baudelaireschen Vergleich hervor, der die lyrische Person gleichsam Liigen straft und als Storenfried in den Text gerat. »La nuit s'epaississait ainsi qu'une cloison« - »andere Beispiele liefien sich in Fiille finden« 83 , setzt Laforgue hinzu*. Die Sonderung der Worter in solche, die zum gehobenen Ge- brauche geeignet schienen, und solche, die von ihm auszuschlie- fien waren, wirkte in die gesamte poetische Produktion hinein und gait von Hause aus fiir die Tragodie nicht minder als fur die lyrische Poesie. In den ersten Dezennien des neunzehnten Jahrhunderts stand diese Konvention unangefochten in Kraft. Bei der Auffiihrung des »Cid« von Lebrun erregte das Wort chambre ein mififalliges Gemurmel. »Othello«, in einer Uberset- zung von Alfred de Vigny, fiel wegen des Wortes mouchoir, des- sen Erwahnung in der Tragodie unertraglich beruhrte. Victor Hugo hatte damit begonnen, in der Dichtung den Unterschied zwischen den Worten der Umgangssprache und denen einer ge- hobenen einzuebnen. Sainte-Beuve war in ahnlichem Sinne vor- gegangen. Er erklart im »Leben Joseph Delormes«: »Ich habe versucht . . ., original auf meine Weise zu sein, auf eine beschei- dene, gutburgerliche . . . Ich nannte die Dinge des intimen Le- bens mit ihrem Namen; aber die Hutte hat mir dabei naher als das Boudoir gelegen.« 84 Baudelaire ging ebenso iiber das sprach- liche Jakobinertum von Victor Hugo hinaus wie iiber die buko- lischen Freiheiten von Sainte-Beuve. Seine Bilder sind original durch die Niedrigkeit der Vergleichsobjekte. Er halt Ausschau nach dem banalen Vorgang, um ihm den poetischen anzunahern. Er spricht von den j^vagues terreurs de ces afTreuses nuits i

  • Aus dieser Fulle:

Nous volons au passage un plaisir clandestin Que nous pressons bien fort comrae une vieille orange. (I, p. 17.) Ta gorge triomphante est une belle armoire. (I, p. 65.) Comme un sanglot coupe* par un sang leumeux Le chant du coq au loin dlchirait l'air brumeux. (I, p. 118.) La the, avec l'amas de sa crimere sombre

£t de ses bijoux pr£cieux, Sur la table de nuit, comme une renoncule,

Repose. (I, p. iz6.)

82 vgl. Lemaitre, I. c. (S. 525) p. 29.

83 Jules Laforgue: Melanges posthumes. Paris 1903, p. 113.

84 Sainte-Beuve: Vie, poesies et pensles de Joseph Delorme, 1. c. (S. 534) p. 170.


Die Moderne 603

Qui compriment le cceur comme un papier qu'on froisse« 85 . Diese Sprachgeberde, kennzeichnend fiir den Artisten in Baude- laire, wird wahrhaft bedeutsam erst an dem Allegoriker. Sie gibt seiner Allegorie das Beirrende, das sie von den landlaufigen unterscheidet. Mit ihnen hatte zuletzt Lemercier den Parnafi des Empire bevolkert; der Tiefpunkt der klassizistischen Dichtung war so erreicht worden. Baudelaire Hefi sich das nidit bekiim- mern. Er greift Allegorien in Fiille auf: durch die sprachliche Umwelt, in welche er sie versetzt, andert er ihren Charakter grundsatzlich. Die »Fleurs du mal« sind das erste Buch, das Worte nicht allein prosaischer Provenienz sondern stadtischer in der Lyrik verwertet hat. Dabei vermeiden sie keineswegs Pra- gungen, die, frei von poetischer Patina, durch ihren Stempel- glanz in die Augen fallen. Sie kennen quinquet, wagon oder omnibus; sie schrecken vor bilan, reVerbere, voirie nidit zuriick. So ist das lyrische Vokabular beschaffen, in dem plotzlich und durch nichts vorbereitet eine Allegorie erscheint. Wenn der Sprachgeist von Baudelaire irgendwo dingfest zu machen ist, so in dieser briisken Koinzidenz. Claudel hat sie endgiiltig for- muliert. Baudelaire, so hat er einmal gesagt, habe die Schreib- weise von Racine mit der eines Journalisten des Second Empire verbunden. Kein Wort seines Vokabulars ist von vornherein zur Allegorie bestimmt. Es empfangt diese Charge von Fall zu Fall; je nachdem, worum die Sache geht, welches Sujet an der Reihe ist, ausgespaht, zerniert und besetzt zu werden. Fiir den Hand- streich, der bei Baudelaire Dichten heifit, zieht er Allegorien in sein Vertrauen. Sie sind die einzigen, die im Geheimnis sind. Wo la Mort oder le Souvenir, le Repentir oder le Mai sich zei- gen, da sind Zentren der poetischen Strategic Das blitzhafte Auftauchen dieser Chargen, die, an ihrer Majuskel erkennbar, sich mitten in einem Text befinden, der die banalste Vokabel nicht von sich weist, zeigt, dafi Baudelaires Hand im Spiele ist. Seine Technik ist die putsdiistische.

Wenige Jahre nach Baudelaires Ende kronte Blanqui seine Lauf- bahn als Konspirateur durch ein denkwiirdiges Meisterstuck. Es war nach der Ermordung von Victor Noir. Blanqui wollte sich einen Oberblick iiber seinen Truppenbestand verschafFen. Von Angesicht zu Angesicht kannte er im wesentlichen nur seine 85 1, p. 57.


604 Das Paris des Second Empire bei Baudelaire

Unterfiihrer. Wie weit alle in seiner Mannschaft ihn gekannt haben, steht dahin. Er verstandigte sich mit Granger, seinem Adjutanten, der die Anordnungen fur eine Revue der Blanqui- sten traf. Sie wird bei GefTroy so besdirieben: »Blanqui . . . ging bewaffnet von Hause fort, sagte seinen Schwestern Adieu und bezog seinen Posten in den Champs-Elys&s. Dort sollte nach der Vereinbarung mit Granger das Defilee der Truppen statt- finden, deren geheimnisvoller General Blanqui war. Er kannte die Chefs, er sollte nun hinter ihrer jedern im Gleichschritt, in re- gelmafiigen Formationen deren Leute an sich vorbeiziehen sehen. Es geschahwie beschlossen war. Blanqui hielt seine Revue ab, ohne dafi irgendwer etwas von dem merkwiirdigen Schauspiel ahnte. In der Menge und unter den Leuten, die zuschauten wie audi er selber schaute, stand der Alte an einenBaum gelehnt und sah auf- merksam inKolonnen seine Freundeherankommen, wie sie stumm unter einem Gemurmel sich naherten, das durch Zurufe immer- fort unterbrochen wurde.« 86 - Die Kraft, die so etwas moglich machte, ist mit Baudelaires Dichtung im Wort verwahrt. Baudelaire hat bei Gelegenheit das Bild des modernen Heros auch im Konspirateur erkennen wollen. »Keine Tragodien mehrU schrieb er wahrend der Februartage im »Salut public«. »Schlufi mit der Geschichte des alten Rom! Stehen wir heute nicht grofier als Brutus da?« 87 Grofier als Brutus war freilich weniger grofi. Denn als Napoleon in. zur Herrschaft kam, er- kannte Baudelaire in ihm den Caesar nicht. Darin war Blanqui ihm iiberlegen. Aber tiefer als beider Verschiedenheit reicht, was ihnen gemeinsam gewesen ist, reicht der Trotz und die Ungeduld, reicht die Kraft der Emporung und die des Hasses - reicht auch die Ohnmacht, die ihrer beider Teil war. Baudelaire nimmt in einer beruhmten Zeile leichten Herzens Abschied von einer Welt, »in der die Tat nicht die Schwester des Traumes ist« 88 . Seiner war nicht so verlassen als es ihm schien. Blanquis Tat ist die Schwester von Baudelaires Traum gewesen. Beide sind in- einander verschlungen. Es sind die ineinander verschlungenen Hande auf einem Stein, unter dem Napoleon in. die Hoffnun- gen der Junikampf er begraben hatte.

86 Geffroy: Uenfcrm6, 1. c. (S. J13) p. 27^/277.

87 cit. Cr£pct, 1. c. (S. 535) p. 81.

88 I, p. 13$.

See also




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