Karl Rössing  

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Train wreck at Montparnasse (October 22, 1895) by Studio Lévy and Sons.
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Train wreck at Montparnasse (October 22, 1895) by Studio Lévy and Sons.

Karl Rössing (* 25. September 1897 in Gmunden, Österreich; † 19. August 1987 in Wels/Österreich) war ein deutscher Künstlergraphiker und Buchillustrator.

Er schuf vor allem Holzstiche (1917 bis 1950), Linolschnitte und Holztafeldrucke (1950 bis ca. 1983) sowie Bildzeichnungen (1981 bis 1987).

Rössing verarbeitete u. a. Tendenzen des Surrealismus (Montage) und der Neuen Sachlichkeit (Form) und nahm Anregungen aus Film und Literatur auf. Ungewöhnliche Kombinationen von Artefakten der vergangenen 2000 Jahre sowie u. a. Partikel der Natur lassen seine Bilderwelten fremd und geheimnisvoll erscheinen. Sie erweisen sich bei näherer Betrachtung jedoch als kritische und/oder kontemplative Befragungen seiner Zeit, die nichts von ihrer Brisanz verloren haben.

Als Hochschullehrer wirkte er in Essen, Berlin und Stuttgart. Zu seinen Schülern zählten u. a. Heinz Kiwitz und Günther Strupp (Essen), Ullrich Bewersdorff und Heinz Theuerjahr (Berlin), Bernd Becher, Robert Förch, Wolfgang Gäfgen, Dieter Groß, Romuald Hengstler, Christine und Heinrich Heuer, Friedrich Meckseper, Walter Rabe, Malte Sartorius, Günter Schöllkopf, Hermann Sturm, Hans Peter Willberg, u. a.

Verheiratet war Karl Rössing seit 1922 mit der Malerin Erika Rössing (geb. Glöckner – 1903 bis 1977).


Contents

Leben

1897–1921

Geboren als Sohn deutscher Eltern in Gmunden/Österreich.

Karl Rössing studiert von 1913 bis 1917 an der Königlichen Kunstgewerbeschule in München unter Richard Riemerschmid bei Fritz Helmuth Ehmcke (Schrift und Illustration) und Adalbert Niemayer, Mitglieder des Deutschen Werkbundes.

In dieser findet seine erste Ausstellung im Graphischen Kabinett Schmidt-Bertsch in München 1915 statt. Es folgen erste Veröffentlichungen von Arbeiten in „Die Furche“ und „Deutsche Studentenarbeit in Feld und Heimat“ 1916. Ein Jahr später entsteht der erste Holzstich und er erhält den ersten Illustrationsauftrag von Dr. Emil Kugler (Hausmärchen der Kuglerkinder, veröffentlicht 1920, E-M 1.21). Damit ist sein künstlerischer Weg vorgezeichnet. Bei Illustration und Holzstich liegt sein Schwerpunkt der kommenden Jahre.

Nach dem Krieg lässt sich Rössing wieder in Gmunden nieder. 1919 stellt er bei der Neuen Sezession in München aus, worauf Rainer Maria Rilke auf ihn aufmerksam wird. In Salzburg lädt ihn Joseph August Lux zur Mitarbeit an der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Kunst- und Kulturrat“ (1919 bis 1921) ein. 1921 nimmt er an der „Internationalen Schwarz-Weiß-Ausstellung“ und zugleich letzten Ausstellung der 1919 von Felix Albrecht Harta und Anton Faistauer begründeten Künstlervereinigung „Der Wassermann“ teil. Mit dabei sind Künstler wie Ernst Barlach, George Grosz, Alfred Kubin und Käthe Kollwitz. Rössing erhält die Silbermedaille der Republik Österreich.

1921–1931

1921 wird Karl Rössing nach Essen berufen. Er übernimmt an der Folkwangschule die Abteilung Buchgewerbe und Graphik. 1926 erhält er den Titel eines Professors und wird Leiter der Fachklasse für Buchgewerbe und Graphik (Illustration).

Er ist Mitglied des Fritz Helmuth Ehmcke-Kreises (Ausstellungen und Veröffentlichungsorgan „Das Zelt“), des Essener Bibliophilenabends und des Zylinder-Clubs.

In die boomenden Nachkriegsjahre fallen seine größten Erfolge als Illustrator. Mitte der zwanziger Jahre wendet er sich, als der Buchmarkt gesättigt schien, verstärkt der Malerei und Zeichnung zu. Er beteiligt sich an der legendären Ausstellung "Neue Sachlichkeit" 1925 in Mannheim.

Reisen nach Holland und Paris bleiben ohne sichtbaren Einfluss. Die wichtigsten und nachhaltigsten Impulse verdankt er seiner ersten Rom-Reise 1930. Erstmals nimmt Rössing hier angesichts der Bauten aus verschiedenen Epochen ganz bewusst das Nebeneinander und Ineinandergreifen der Zeiten wahr. Die Stadt inspiriert ihn dazu, künstlerische Ansätze konsequent weiter zu entwickeln: Er nimmt aus der Wirklichkeit einzelne Motiv-Elemente und ordnet sie in seinen Bildern zu einer neuen Einheit (z. B. „Traumblätter“).

Italien bleibt zeitlebens so etwas wie seine dritte Heimat: 1932 weilt er wie Max Peiffer-Watenphul und Wilhelm Schnarrenberger als Studiengast in der Villa Massimo, Rom (Stipendium des Preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung). Von 1952 bis 1976 bereist er das Land ein- bis zweimal jährlich jeweils mehrere Wochen.

Parallel zu diesen kontemplativen Graphiken entsteht sein explizit gesellschaftskritisches Werk. Seit seiner Kindheit und Jugend beschäftigt er sich mit kritischer Literatur, insbesondere mit Wilhelm Busch und Karl Kraus. Den österreichischen Satiriker lernt er 1929 in Essen persönlich kennen.

Kritische Ansätze gibt es schon in seinen Illustrationen. Sie werden ab 1927 in Lithographien und Holzstichen zu eigenständigen Themen formuliert. Veröffentlicht werden die Blätter in Ausstellungen und in diversen Zeitschriften, die sowohl einer eher konservativen Richtung zuzuordnen sind, wie die Jugend oder Simplicissimus, als auch in linksgerichteten Blättern wie „Die Büchergilde“. 1932 erscheinen 100 Holzstiche, eine Auswahl der kritischen Blätter, in Buchform unter dem programmatischen Titel „Mein Vorurteil gegen diese Zeit“ bei der Büchergilde Gutenberg.

1931–1945

1931 wird der Dienstvertrag Karl Rössings nicht mehr verlängert. Der Nationalsozialismus wirft seine Schatten voraus und ist besonders in Essen spürbar. Darüber berichtet beispielsweise auch Bruno Kreisky in seinen Erinnerungen.

Kurzfristig kehrt das Ehepaar nach Linz/Österreich zurück. Karl und Erika Rössing verbringen immer wieder einige Wochen in Berlin und haben die Absicht, sich dort so bald als möglich niederzulassen. Seit 1931 wird Rössing u. a. vom Reichskunstwart Edwin Redslob gefördert, der ihn auch bei Bewerbungen unterstützt. Obwohl dieser 1933 von der neuen faschistischen Regierung entlassen wird, befürworten 1934 die noch im Amt befindlichen Beamten des Preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung sowie Alexander Kanoldt Rössings Bewerbung für die Klasse für Malen und Zeichnen an der Staatlichen Hochschule für Kunsterziehung in Berlin. 1939 wird er hier zum Professor auf Lebenszeit ernannt.

Rössings Leben in der NS-Zeit ist ein Spiegel der Widersprüchlichkeit dieser Zeit. 1937 beschlagnahmt man die Illustrationen zu „Münchhausen“ sowie die Graphik „Einwandfreie Prozeßführung“ in Erfurt – einige der wenigen Arbeiten, die sich von ihm in Museen befinden. Außerdem scheint er in Wolfgang Willrichs berüchtigtem Buch „Säuberung des Kunsttempels“ auf. Im selben Jahr diffamiert ihn einer seiner Studenten. Daraufhin entschließt sich Rössing, auch auf Drängen des Direktors, offiziell Mitglied der NSDAP zu werden. 1933 hatte er sich bereits um eine Mitgliedschaft bemüht – er wurde jedoch nicht registriert und bezahlte nach seiner Übersiedlung nach Berlin auch keinen Mitgliedsbeitrag mehr.

1941 bereist Rössing Kreta im Auftrag von Walter Wellenstein im Reichsluftfahrtministerium (Bereich Kunstbeschaffung), für das er u. a. neben dem „Schillertheater“ tätig ist. Theaterdirektor Heinrich George hatte hier seinen Freund, den Kunsthistoriker Dr. Wilhelm Fraenger, ehemals Kommunist wie er, als künstlerischen Beirat engagiert. Fraenger, der von den Nazis in Heidelberg entlassen worden war, engagierte seinerseits Karl Rössing sowie dessen Schüler aus Essen, den Kommunisten Günther Strupp.

Die Motive in Rössings Bildern kommen zum Großteil dem Regime entgegen: Landschaftsbilder, die er von seinen Sommer-Aufenthalten in Österreich und Südtirol mitbringt, sowie Bilder von historischen Themen, die ihn zeitlebens interessieren. Gleichzeitig versucht er aber immer wieder erfolgreich, zeitkritische Graphiken wie die „Blätter zum Tod“, zu Goebbels und Göring oder u. a. auch den „Fallschirmjägerfriedhof auf Kreta“ zu veröffentlichen.

1944 wird Rössings Wohnhaus bei einem Bombenangriff zerstört. Er verliert zahlreiche Arbeiten und u. a. an die 1800 Bücher. Daraufhin zieht er mit seiner Frau nach Blankenburg (Harz), wo sein Bruder Wilhelm lebt. Im selben Jahr wird er zum Kriegsdienst verpflichtet. Aber wie beim Ersten Weltkrieg (1917/18) erlebt er auch diesen Krieg – psychisch schwer belastet – nur peripher.

1945–1960

Nach der Entlassung aus der Gefangenschaft kehrt Rössing nach Blankenburg zurück, das kurz danach von der Sowjetunion besetzt wird. Er wird Mitbegründer des Kulturbundes, Ortsgruppe Blankenburg, und Vorsitzender des Kunstkreises Blankenburg.

Die Jahre der NS-Zeit und unmittelbaren Nachkriegszeit werden von ihm immer wieder in Briefen reflektiert. Unter anderen an Alfred Kubin, den er über Emil Kugler kennen gelernt hat und mit dem er seit 1928 in Briefwechsel steht. Briefe wie diese sind selten und haben deshalb einen hohen dokumentarischen Wert.

1947 wird Karl Rössing an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart berufen und übernimmt - Professor auf Lebenszeit - schließlich das gesamte Gebiet der Freien Graphik und Illustration. 1953 bis 1955 ist er Rektor, 1955 bis 1957 Prorektor.

Er ist Mitglied der literarischen Vereinigung „Tisch der 13“, und u. a. 1953 in Zürich Gründungsmitglied von „XYLON. Internationale Vereinigung der Holzschneider“, kurzzeitig auch Vizepräsident.

Um 1950 schließt Rössing das Holzstichwerk, u. a. rund 70 Illustrationen und Graphische Folgen, mit der „Odyssee“ ab. Er wechselt zum Linolschnitt und knüpft dabei stilistisch und inhaltlich an die „Traumblätter“ (1930–35) und die „Begegnungen“ (1945/46) an.

In Stuttgart steht Rössing wie andere Kollegen im Schatten des in diesen Jahren zu Ruhm kommenden Willi Baumeister. Sie sind menschlich und künstlerisch gegensätzlich, stellen aber gerade darum ein charakteristisches Spiegelbild der politisch motivierten Kunstszenen dar. Sie stützen sich beide in ihren Arbeiten auf die Kunst vergangener Jahre. Baumeister versucht mit seiner archaisch anmutenden Bildsprache im Geist der alten Kulturen schöpferisch zu sein und beginnt bei seinem legendären „Nullpunkt“. Rössing hingegen knüpft an die abendländische Kultur an und versucht mit ungewöhnlichen Kombinationen u. a. von Artefakten der vergangenen 2000 Jahre ein aktualisiertes Bild der Vergangenheit zu zeichnen. Damit steht er der jungen aktuellen Kunst überraschend nahe. Zeitgenössische Künstler bedienen sich dabei allerdings der neuesten technischen Errungenschaften und greifen zur Bildherstellung auf den Computer zurück.

1960–1987

1960 lässt sich Karl Rössing auf eigenen Wunsch in den Ruhestand versetzen und übersiedelt mit seiner Frau nach Gauting bei München. Nach dem Tod seiner Frau, 1977, zieht er weiter nach Österreich – nach Marchtrenk in die Griesmühle zu seiner Nichte Inge Linsboth und seinem Großneffen Josef Brunner.

Nach wie vor ist es ihm wichtig, sein Werk in beiden Teilen Deutschlands zu zeigen. In den 60er und 70er Jahren wird im Rahmen des neu erwachten Interesses für die Weimarer Republik das gesellschaftskritische Werk in zahlreichen Ausstellungen und Publikationen neu entdeckt. In der DDR war er damit nie vergessen. Seine Beziehung zur DDR, die er 1976 und 1978 besucht, verdankt er v. a. dem befreundeten Künstler Heinrich Ehmsen und dessen Frau, Lis Bertram-Ehmsen.

Rössing engagiert sich aber nie wirklich politisch oder in einer Gruppe. Dem Kunstmarkt gegenüber verhält er sich distanziert und stiftet sein Werk zum Großteil öffentlichen graphischen Sammlungen.

Auszeichnungen (Auswahl)

Stiftungen von Karl Rössing

Werk

Technik

1917 entdeckt Karl Rössing den Holzstich für sich. Gemeinsam mit José Guadalupe Posada (Mexiko) und Wladimir Faworski (Russland) gilt er als Erneuerer dieser Technik. Thomas Bewick hat Anfang des 19. Jahrhunderts die Technik begründet. Sie war gegen Ende des Jahrhunderts zur rein mechanischen Wiedergabe von Gemälden und Werken in den populären Familienzeitschriften, wie die Die Gartenlaube, verflacht. Nun sind Künstler und Handwerker wieder eine Person.

Mit Ausnahme der Anfangs- und Nachkriegszeit, als Rössing auf weichere und porösere Obsthölzer und Ahorn zurückgreifen muss, verwendet er Buchsbaum, manchmal Birnenholz. Durch das harte Material sind Furchenziehungen in alle Richtungen und in unterschiedliche Tiefen möglich.

Um 1950 wendet sich Rössing dem Linolschnitt zu. Das weichere Material eröffnet ihm auch künstlerisch neue Möglichkeiten, obwohl sich der Übergang über den klassischen Clair-Obscur-Stich fließend vollzieht. Nach wie vor arbeitet er mit dem Stichel und arbeitet mit mehreren Platten mit je eigener Form- und Farb- oder Tonwertbestimmung. Schließlich belässt er jedoch nur noch die Unterdruckplatte in ihrer konstanten Größe. Die übrigen Platten reduziert er auf das einzelne Motiv. Diese so genannten Stempel kann er wie in einem Montage- oder Mosaikdruck, jedoch in einem kontrollierenden Nacheinander, je nach Bedarf einsetzen. Er kann sie mit anderen Elementen kombinieren, neben- oder übereinander drucken, neu färben oder verändern, mit Zusatzplatten oder mit einem Holzstich früherer Jahre ergänzen. Jeder der einzelnen von Hand gedruckten Linolschnitte ist daher ein Unikat. Lediglich in den 70er Jahren lässt Rössing von etlichen Motiven Auflagendrucke herstellen.

Eine Besonderheit stellen in den Jahren 1965 bis 1970 die Holztafeldrucke dar. Sie zeigen ein Bild des Linolschnittes von einer anderen Seite: In einem Umdruckverfahren druckt Rössing den frisch von der Linolplatte abgenommenen Druck auf eine Pressspanplatte.

Zu Beginn der 80er Jahre verzichtet Rössing immer öfter auf das Drucken und belässt es bei den Bildzeichnungen mit Kreide, Tusche, Filzstifte und Tempera.

Die Graphiken zeichnen sich allesamt durch eine drucktechnische Raffinesse aus und sind von subtiler Farbigkeit. Selbst das Schwarz-Weiß des Holzstichs wird durch seine exzellente Beherrschung der Technik (s. o.) mit Grauschattierungen gemildert. Bei den Linolschnitten und Bildzeichnungen bevorzugt er vorwiegend die Farben der Erde und des Herbstes - das Ocker des Sandes, das Olivgrün der Pflanzen, das Umbra der Baumrinde, der Moore, verwitterten Hölzer und Äcker, das Grau des Gesteins und der Felsen.

Stilsynthese

In Auseinandersetzung mit aktuellen Stilrichtungen entwickelt Karl Rössing im Lauf der zwanziger Jahre in Einklang mit der europäischen Avantgarde eine persönliche Bildsprache, die einer Stilsynthese. Er integriert Jugendstil, Expressionismus, Kubismus und Futurismus sowie Verismus und – v. a. in der NS-Zeit – historisierende Tendenzen in sein Werk. Basis dafür ist auch die Ausbildung im Geiste des Deutschen Werkbundes. Form wird hier dem Inhalt nachgeordnet.

Malerei und Zeichnung im Stil der Neuen Sachlichkeit beeinflussen Mitte der zwanziger Jahre sein graphisches Werk. Die sachliche und neutrale Darstellung der Motive kommt seinem Schwerpunkt, der auf der Gestaltung der Bildfläche liegt, entgegen. Leicht variiert behält er diese sachliche Darstellungsweise der einzelnen Motive bis zum Lebensende bei.

Montage

Bereits zu Beginn seines Schaffens lässt Karl Rössing erkennen, dass er ein Bildmotiv nicht ganzheitlich erfasst. Er setzt vielmehr wie die Surrealisten einzelne Elemente aus der Wirklichkeit zu einer neuen Realität zusammen. Der Linolschnitt bietet Karl Rössing schließlich die Möglichkeit, das „Druckbild“ in einem kontrollierenden Nacheinander stufenweise zu entwickeln (siehe Technik).

Für diese seine aus Bruchstücken zusammengesetzte Bildwelt erfindet er den fiktiven Ort Galamataca: „Galamataca ist auf keiner Landkarte auffindbar. Ich erfand es in der ersten Hälfte der 50er Jahre als imaginäres archäologisches Fund-Feld.“ Diese „Funde“ sind u. a. Artefakte und Partikel aus der Natur, die er sammelt, oder in Fotografien fest hält.

Motive

Rössings Bilder sind wie ein Blick in die Wunderkammer des 20. Jahrhunderts, in der vereint ist, was vergänglich ist und was bleibt. Sein Atelierraum mit den Fundstücken (Adler, Schlachtenbilder, Leiter, etc.), den Motiv-Alben sowie der umfangreichen Bibliothek und Schallplattensammlung (v. a. Jazz) spiegeln seine mannigfaltigen kulturellen Interessen wider.

Illustrationen u. a. zu französischer, deutscher, russischer Literatur sowie zum Volksbuch verweisen auf seine große Liebe zur Literatur. Freundeskreis und Mitgliedschaften bei Literatur-Zirkeln unterstreichen diese enge Verbindung. Anregungen für sein Werk finden sich so auch im literarischen Bereich, u. a. bei Jorge Luis Borges, Lawrence Durrell, Vladimir Nabokov und Marcel Proust. Aber auch Theater und Film inspirieren den begeisterten Kinobesucher. Regie, Kameraeinstellung und Inszenierung lassen sich wieder erkennen in seinem Spiel mit Perspektiven, Bedeutungen, Fiktion und Realität, Vergänglichkeit und Dauer, Zukunft und Vergangenheit.

Karl Rössing ist ausschließlich der abendländischen Kultur verpflichtet. Wie ein Bildarchivar integriert er Bruchstücke davon in seine Bildwelt. Das sind Bilder von Albrecht Dürer, Kunstwerke aus der Antike genauso wie Alltagsgegenstände unserer Zeit und Partikel der Natur. In seinen Bildern finden sich beispielsweise Pyramide, Schmetterling und Mond genauso wie Gas- und Kanaldeckel. Damit hinterfrägt er die Gegenwart – etwa Krieg und Terror – und sinniert über das Überzeitliche wie den Tod oder die Harmonie.

Nach dem Tod seiner Frau greift er kurzfristig auf das Menschenbild zurück. Gezielt sucht er nach Besiegten und Gescheiterten wie Knut Hamsun oder die Filmfigur Charlie Chaplins. In den Bildzeichnungen umkreist er schließlich neben den aktuellen Problemen der Zeit vor allem seine eigene Gestimmtheit und befragt eigene ältere Motive neu.

Kritik und Kontemplation sind zeitlebens die polaren Gegensätze, denen sich Rössing, der selbst oft widersprüchlich und auch gegensätzlich zum Zeitgeist agiert, verschrieben hat. Mit Vorliebe wählt er bei seinen Illustrationen Autoren mit polar ausgerichteter Weltanschauung wie E. T. A. Hoffmann oder sucht gezielt nach polaren Situationen einer Geschichte. In seinen freien Graphiken spürt er der Doppelgesichtigkeit der Zeit oder einer Situation nach.

Bedeutend für ihn ist infolgedessen auch Heraklit aus Ephesos (um 540 - 480 v. Chr.), der älteste Urheber der abendländischen Polaritätslehre. Timon von Phleius (330 - 240) nennt ihn einen „Rätsler“. Dieses Prädikat ist auch für Rössing gültig. Bezeichnend dafür ist die Sphinx, die für ihn ein beliebtes Motiv ist. Sie ist ein Symbol für die Erkenntnis auf Umwegen. Denn im Gegensatz zu den Surrealisten will Rössing den Betrachter nicht verunsichern oder in die Irre führen. Er möchte mit den ungewöhnlich erscheinenden Kombinationen der Bildelemente und der Verbindung von unterschiedlichen Realitätsebenen die Zusammenhänge offen legen. Vergleichbar ist er darin etwa John Heartfield, der allerdings direkter und v. a. parteipolitisch motiviert ist.

Als Rössings erstes Schlüsselwerk gilt der Holzstich von 1917 „Der Profit“, in dem er einen feisten Mann mit einem Geldstück zeigt. Im Hintergrund ist eine Fabrik sichtbar. Titel sind jeweils Wegweiser in eine bestimmte Richtung, lassen aber auch immer Raum für eigene Interpretationen.

Werkauswahl

Die Arbeiten Rössings sind in den größten graphischen Sammlungen in Deutschland und Österreich sowie auch im Londoner Britischen Museum, im Moskauer Puschkin-Museum und in der Französischen Nationalbibliothek in Paris vorhanden. Die Graphiken werden auf Wunsch vorgelegt. Die Arbeiten Rössings sind katalogisiert bei den im Literaturverzeichnis genannten Autoren Eichhorn-Mair (E-M) und Elisabeth Rücker (R).

Illustrationen

Zyklen

  • Holzstiche
    • Die Blätter vom Tode, 1933 (E-M 3.13)
    • Mein Vorurteil gegen diese Zeit, 1927 – 1931 (E-M 1.32)
    • Traumblätter, 1930 – 1935 (E-M 1.35)
    • Bilder-Rätsel in Holz-Stichen (Insel-Bücherei 219/2), 1935
    • Begegnungen, 1945/46 (E-M 1.28)
    • Passion unserer Tage, 1946 (E-M 1.34)
    • Apokalypse. Die Offenbarung S. Johannis in Luthers Übersetzung, 1948
  • Linolschnitte
    • Catulli Carmina, 1977 (R 334, R 343, R 351 – R 355)
    • Charlie Chaplin, 1977/78 (R 366 – R 371, R 385, R 415, R 421)
    • Palimpseste, 1982 (R 460 – R 467, R 469, R 471 – R 473)
    • Die Aristokratin, 1982 (R 477 – R 480).
  • Bildzeichnungen
    • Die Schale der Pandora, 1986
    • Augen, 1983 – 1986
    • Schriftbilder, 1986
    • Säulen, 1987.


Wichtige einzelne Linolschnitte

  • Via Appia I, 1950 (R 2);
  • Zug der Menschen, 1962 (R 111);
  • Die Mondwerft, 1966 (R 171);
  • Dürers Traumgesicht – Ein Film von der Gleichheit der Zeiten, 1970 (R 241);
  • Falterschatten auf dem Kriegsland, 1970 (R 242);
  • Demonstration, 1972 (R 271);
  • Fahrrad im Schnee I, 1973 (R 292);
  • Charlie Chaplin - Die gescheiterte Hoffnung, 1978 (R 371);
  • Die Knie von Turin, 1980 (R 413);
  • Stellprobe II – Kugel und Linie, 1980 (R 431);
  • Die letzte und die erste Tür, 1981 (R 451);

Ausstellungen (Auswahl)

Einzelausstellungen seit 1924 vorwiegend in Museen in Deutschland, Österreich, Kanada, Holland, Litauen, Frankreich.

  • 1995: Salzburg, Galerie im Traklhaus: „Säulenzyklus“ 1987 (K)
  • 1997: Schwetzingen, Xylon-Museum; Gmunden, Kammerhofgalerie Gmunden: „Mein Vorurteil gegen diese Zeit“ und andere kritische Arbeiten (F)
  • 1997/98: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg: Mein Vorurteil gegen diese Zeit (K)
  • 1997/98: Wien, Palais Harrach an der Freyung (K); Veste Coburg: „Gegenwelten“ (K); Albstadt, Städtische Galerie Albstadt (K)
  • 1998: Reutlingen, Spendhaus
  • 1999: Landesmuseum Bregenz; Galerie am Steinweg, Passau (Eine Reise in die antike Mythologie/ Im Rahmen der Festspiele Europäische Wochen); Stadtmuseum Bruneck (Die Funde von Galamataca. Karl Rössing auf Spurensuche in Südtirol und Italien)
  • 2001: Kubin-Haus, Zwickledt „Retrovisionen“
  • 2002/3: Ausstellungstournee der Büchergilde Gutenberg, (West)Deutschland „Holzstiche“;
  • 2002/3: Literaturhaus Magdeburg, Kunstverein Halle „Mein Vorurteil gegen diese Zeit & Literaturalphabet“

Gemeinschaftsausstellungen (Auswahl)

  • 1919: München, Neue Secession (K)
  • 1921: Salzburg, Künstlerhaus: Internationale Schwarz-weiß-Ausstellung (K)
  • 1924: Kunsthalle Bremen: Karl Rössing, Conrad Felixmüller und Georg Schrimpf
  • 1925: Mannheim, Städtische Kunsthalle (und Folgestädte): Neue Sachlichkeit. Deutsche Malerei seit dem Expressionismus (K)
  • 1928: München, Bayerisches Nationalmuseum: Fritz Helmuth Ehmcke und der Ehmcke-Kreis:
  • 1933: „Deutsche Graphik“, Museum für neue westliche Kunst, Moskau.
  • 1937: London, Internationale Graphikausstellung
  • 1946: Allgemeine Deutsche Kunstausstellung, Stadthalle Dresden (K).
  • 1947: Baden-Baden: L’art Allemand moderne. Deutsche Kunst der Gegenwart (K)
  • 1956: Gesamtdeutsche-Graphik-Ausstellung „Bekenntnis zum Leben“, München und Ost-Berlin
  • 1964: Berlin-Ost, Staatliche Museen zu Berlin. Nationalgalerie Berlin: Anklage und Aufruf. Deutsche Kunst zwischen den Kriegen (K)
  • 1971: Nürnberg, Albrecht Dürer-Gesellschaft e. V.: Albrecht Dürer zu Ehren (K)
  • 1971: Nürnberg, München, Berlin (West) Deutsche Kommunistische Partei: Kunst als Waffe. Die „Asso“ und die revolutionäre bildende Kunst der 20er Jahre (K)
  • 1973/74: Kunsthalle Hamburg: Kunst in Deutschland 1898 - 1973 (K)
  • 1974/75: New York, The New School Art Center und Staatsgalerie Stuttgart: Twentieth Century German Graphics. Deutsche Graphik im 20. Jahrhundert (K)

Ausstellungen mit seinen Stuttgarter Schülern: 1959 – 1977

Ausstellungen mit seiner Frau Erika Rössing: 1964 - 1980

Literatur (Auswahl)

  • Roh, Franz: Karl Rössing. In: Die Horen, 1926/27. H. II, S. 137 - 144
  • Blanck, Karl: Karl Rössing. In: Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik, 1929, H. 4 (Sonderbeilage)
  • Kugler, Emil: Karl Rössing. In: Die graphischen Künste, 1931, H. 2/3, S. 57 - 62
  • Grohmann, Will (W. G.): Ewiges Rom. Kunst und Wirklichkeit. In: die neue linie, 1935, Okt., H. 2, S. 17 - 19, 57
  • Ehmcke, F. H.: Karl Rössing. München, Berlin 1963 sowie Dresden 1963
  • Karl Rössing. Graphik 1915 - 1972. Hrsg. Albrecht Dürer Gesellschaft. Nürnberg 1973
  • Sotriffer, Kristian: Karl Rössing. Gleichheit der Zeiten. Mit einem Werkkatalog der Linolschnitte von Elisabeth Rücker. Wien 1974 und 1978 (Vorzugsausgabe)
  • Karl Rössing. Die Linolschnitte mit ihren Entwürfen und Holztafeldrucken. Hrsg. Staatsgalerie Stuttgart. Stuttgart 1977
  • Kermer, Wolfgang: Karl Rössing zum 80. Geburtstag: Ausstellung von ehemaligen Schülern: Robert Förch, Wolfgang Gäfgen, Dieter Groß, Christine Heuer, Heinrich Heuer, Friedrich Meckseper, Walter Rabe, Malte Sartorius, Walter Schöllhammer, Günter Schöllkopf, Hans Peter Willberg. Staatliche Akademie der bildenden Künste Stuttgart, Stuttgart 1977
  • Erika Rössing - Temperabilder, Karl Rössing - Linolschnitte. Eine Künstlergemeinschaft. Hrsg. Wirth, Günther und Wutzel, Otto. Linz 1978 (Schriftenreihe des Landeskulturzentrums, Ursulinenhof Nr. 4)
  • Karl Rössing. Das Linolschnittwerk 1950 - 1982. Hrsg. Kuhrmann, Dieter und Thiem, Gunther. Mit Werkkatalog von Elisabeth Rücker. Stuttgart 1982
  • Karl Rössing. Bildzeichnungen 1981 - 1984. Hrsg. Reinhardt, Georg. Stuttgart 1984
  • Karl Rössing. Bildzeichnungen 1982 - 1986. Hrsg. Bayerische Akademie der Schönen Künste. München 1987
  • Eichhorn, Uli und Mair, Roswitha: Karl Rössing 1897 - 1987. Bibliografie des druckgraphischen Werkes bis 1950 für Bücher Zeitschriften und Kataloge. Mit einer Einführung von Roswitha Mair. Rudolstadt 1991
  • Mair, Roswitha: Eine Dokumentation zu Karl Rössing (1897 - 1987). Frankfurt am Main-Berlin-Bern-New York-Paris-Wien 1994
  • Breicha, Otto: Karl Rössing. Sein Säulenzyklus von 1987. Salzburg 1995 (Publikation der Salzburger Landessammlungen Rupertinum zum eigenen Sammlungsbesitz)

Von und über Karl Rössing

  • Karl Rössing:

„Ich möchte meine Dinge immer auflösbar haben.“ „Die Gegensätze sind der Fundus, aus dem ich existiere.“ „Ich lebe zwischen Erinnerung und Utopie, aber die Utopie ist nur fruchtbar durch die Erinnerung. … die Pflicht des Künstlers, seine Zeit zu ‚zeichnen‘ …“ „Mir … kommt es darauf an, dass der Betrachter spürt, wohin ich ziele – auf die Dinge dieser Welt, die hinter den Dingen dieser Welt liegen.“

Zum Schlusse noch der Hinweis auf einen Graphiker, der mir auf der neuen Ausstellung der hiesigen jüngeren ‚Sezession‘ günstig aufgefallen ist; er heißt: Karl Rössing, und der Katalog nennt Gmunden als seinen Wohnsitz. Ein Rahmen mit zwölf Münchhausen-Bildern läßt ihn als eminent buchhaft arbeitend erkennen; außerdem ist ein vorzügliches kleines Ölbild von ihm da. Der Name wäre zu merken.

  • Die Büchergilde 1932:

„Mit diesem Werk rückt Karl Rössing in die große Reihe der sozialrevolutionären Künstler auf, und er nimmt infolge der künstlerischen Vollendung seiner Bildwerke sofort einen der vordersten Plätze ein.“

„Es handelt sich um eines der wichtigsten Zeugnisse engagierter deutscher Kunst.“

  • Manès Sperber 1974:

„Die lyrische Entrueckung des Gegenstaendlichen und die meisterhafte Praezision, mit der alles im oft gestaffelten Raum seine Konturen und somit seinen Platz findet, bedeutet an sich Feuer und Wasser zu vermengen, also etwas, was eher zerstoerend als gestaltend wirken kann. Doch … gelingt es, diesen Widerspruch jedes Mal zu einer Einheit, eben der kuenstlerischen Einheit zu verbinden.“

  • Dieter Kuhrmann 1982:

„Die Ausformungen seiner Bildgedanken gleichen oft den Schöpfungen eines Dichters, sind Bildgedichte. Ihr Grundtenor [sic!] ist verhalten, ernst, zuweilen auch heiter gelassen, im Alterswerk mitunter von heftigeren Regungen bewegt.“

  • Otto Breicha 1995:

„Auch mit den Bildzeichnungen des Spätwerks betreibt Rössing eine Art Kulturarchäologie, die ermächtigen soll, gegenwärtig Anliegendes besser zu verstehen. Was Menschengeist und Menschenkraft geschaffen haben, dauert noch (und vielleicht insbesondere) in seinen Fragmenten weiter.“

Quellen

  • Mair, Roswitha: Eine Dokumentation zu Karl Rössing (1897 – 1987). Frankfurt am Main-Berlin-Bern-New York-Paris-Wien 1994
  • Schriftlicher Nachlass von Karl Rössing: Archiv für bildende Kunst – Germanisches Nationalmuseum Nürnberg




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