Gradiva (novel)  

From The Art and Popular Culture Encyclopedia

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Train wreck at Montparnasse (October 22, 1895) by Studio Lévy and Sons.
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Train wreck at Montparnasse (October 22, 1895) by Studio Lévy and Sons.
Gradiva

Gradiva: Ein pompejanisches Phantasiestück (1903, Dresden and Leipzig: Carl Reissner) is a novel by German author Wilhelm Jensen. Its English title is Gradiva: A Pompeiian Fancy. The story is about an archaeologist named Norbert Hanhold who holds a fascination for a woman depicted in a relief that he sees in the Naples National Archaeological Museum. Hanhold later dreams that he has been transported back in time to meet the girl, whose unusual gait captivates him as he imagines her walking on the stepping stones that cross the roads in Pompeii while the hot ashes subsume the city in 79 AD.

It was inspired by a Roman bas-relief of the same name and became the basis for Sigmund Freud's famous 1907 study Delusion and Dream in Jensen's Gradiva. Freud owned a copy of this bas-relief, which he had joyfully beheld in the Vatican Museums in 1907; it can be found on the wall of his study (the room where he died) in 20 Maresfield Gardens, London – now the Freud Museum.

Plot synopsis

The story is about an archaeologist named Norbert Hanold who is obsessed with a woman depicted in a bas-relief that he sees in a museum in Rome. After his return to Germany, he manages to get a plaster-cast of the relief, which he hangs on a wall in his work-room and contemplates daily. He comes to feel that her calm, quiet manner does not belong in bustling, cosmopolitan Rome, but rather in some smaller city, and one day an image comes to him of the girl in the relief walking on the peculiar stepping stones that cross the streets in Pompeii. Soon afterwards, Hanold dreams that he has been transported back in time to meet the girl whose unusual gait so captivates him. He sees her walking in the streets of Pompeii while the hot ashes of Vesuvius subsume the city in 79 AD.

This fantastical dream leads Hanold on a real journey to Rome, Naples, and ultimately Pompeii, where, amazingly, he sees the Gradiva of his bas-relief stepping calmly and buoyantly across the lava stepping-stones. He follows her, loses her, then finds her sitting on the low steps between two pillars. He greets her in Latin, only to be answered, "If you wish to speak to me, you must do so in German." When he addresses her as if she were the girl of his dream, however, she looks at him without comprehension, gets up and leaves. Hanold calls out after her, "Are you coming here again tomorrow in the noon hour?" But she does not turn round, gives no answer, and a few moments later disappears round the corner. Hanold hurries after her, but she is nowhere to be seen. What follows is his quest to determine whether the woman he has seen is real or a delusion.

Films

In 1970, the Italian actor and filmmaker Giorgio Albertazzi released a film titled Gradiva, based on Jensen's novel and featuring Laura Antonelli as Gradiva. Albertazzi is best known for his portrayal of the male protagonist in Last Year at Marienbad, written by Alain Robbe-Grillet, who would himself go on to direct a film based on Jensen's novel.

In 2006, the French writer and filmmaker Alain Robbe-Grillet (died 2008) released a film titled C'est Gradiva Qui Vous Appelle ("It's Gradiva Who is Calling You"), which was roughly based on the novel, although updated to more recent times (no earlier than the 1970s). It begins with an English art historian named John Locke who is doing research in Morocco on the paintings and drawings that French artist Eugène Delacroix (1798 – 1863) produced over a century before, when he travelled to the country, then a French colony, as part of a diplomatic mission. Locke spots a beautiful, mysterious blonde girl (Gradiva) in flowing robes dashing through the back alleys of Marrakech, and becomes consumed with the need to track her down. Like most of Robbe-Grillet's cinematic output, the film is highly surreal and also has explicit scenes of sex slavery, nudity and sadomasochism.

Full text from the Project Gutenberg

Beim Besuche einer der grossen Antikensammlungen Roms hatte Norbert Hanold ein Reliefbild entdeckt, das ihn ausnehmend angezogen, so dass er sehr erfreut gewesen war, nach Deutschland zurückgekehrt, einen vortrefflichen Gipsabguss davon erhalten zu können. Der hing nun schon seit einigen Jahren an einem bevorzugten Wandplatz seines sonst zumeist von Bücherständern umgebenen Arbeitszimmers, sowohl im richtigen Lichtauffall, als an der, wenngleich nur kurz, von der Abendsonne besuchten Seite. Ungefähr in Drittel-Lebensgrösse stellte das Bildniss eine vollständige, im Schreiten begriffene weibliche Gestalt dar, noch jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseits indess augenscheinlich keine Frau, sondern eine römische Virgo, die etwa in den Anfang der Zwanziger-Jahre eingetreten. Sie erinnerte in nichts an die vielfach erhaltenen Reliefbilder einer Venus, Diana oder sonstigen Olympierin, ebensowenig an eine Psyche oder Nymphe. In ihr gelangte etwas im nicht niedrigen Sinn Menschlich-Alltägliches, gewissermassen ›Heutiges‹ zur körperhaften Wiedergabe, als ob der Künstler, statt wie in unsern Tagen mit dem Stift eine Skizze auf ein Blatt hinzuwerfen, sie auf der Strasse im Vorübergehen rasch nach dem Leben im Thonmodell festgehalten habe. Eine hochwüchsige und schlanke Gestalt, deren leichtgewelltes Haar ein faltiges Kopftuch beinahe völlig umschlungen hielt; von dem ziemlich schmalen Gesicht ging nicht das Geringste einer blendenden Wirkung aus. Doch lag ihm unverkennbar auch fremd ab, eine solche üben zu wollen; in den feingebildeten Zügen drückte sich eine gleichmütige Achtlosigkeit auf das umher Vorgehende aus, das ruhig vor sich hinschauende Auge sprach von voll unbeeinträchtigter leiblicher Sehkraft und still in sich zurückgezogenen Gedanken. So fesselte das junge Weib keineswegs durch plastische Formenschönheit, besass aber etwas bei den antiken Steingebilden Seltenes, eine naturwahre, einfache, mädchenhafte Anmut, die den Eindruck regte, ihm Leben einzuflössen. Hauptsächlich geschah dies wohl durch die Bewegung, in der sie dargestellt war. Nur ganz leicht vorgeneigten Kopfes, hielt sie mit der linken Hand ihr ausserordentlich reichfaltiges, vom Nacken bis zu den Knöcheln niederfliessendes Gewand ein wenig aufgerafft, so dass die Füsse in den Sandalen sichtbar wurden. Der linke hatte sich vorgesetzt, und der rechte, im Begriff, nachzufolgen, berührte nur lose mit den Zehenspitzen den Boden, während die Sohle und Ferse sich fast senkrecht emporhoben. Diese Bewegung rief ein Doppelgefühl überaus leichter Behendigkeit der Ausschreitenden wach und zugleich eines sicheren Ruhens auf sich. Das verlieh ihr, ein flugartiges Schweben mit festem Auftreten verbindend, die eigenartige Anmut.

Wo war sie so gegangen und wohin ging sie? Doctor Norbert Hanold, Docent der Archäologie, fand eigentlich für seine Wissenschaft an dem Relief nichts sonderlich Beachtenswerthes. Es war kein plastisches Erzeugniss alter grosser Kunst, sondern im Grunde ein römisches Genrebild, und er wusste sich nicht klarzustellen, was daran seine Aufmerksamkeit erregt habe, nur dass er von etwas angezogen worden und diese Wirkung des ersten Anblicks sich seitdem unverändert forterhalten habe. Um dem Bildwerk einen Namen beizulegen, hatte er es für sich ›Gradiva‹ benannt, ›die Vorschreitende‹; das war zwar ein von den alten Dichtern lediglich dem Mars Gradivus, dem zum Kampf ausziehenden Kriegsgott, verliehenes Beiwort, doch Norbert erschien es für die Haltung und Bewegung des jungen Mädchens am besten bezeichnend. Oder, nach dem Ausdruck unserer Zeit, der jungen Dame, denn unverkennbar gehörte sie nicht unterem Stande an, war die Tochter eines Nobilis, jedenfalls eines honesto loco ortus. Vielleicht – ihre Erscheinung erweckte ihm unwillkürlich die Vorstellung – konnte sie vom Hause eines patrizischen Aedilis sein, der sein Amt im Namen der Ceres ausübte, und befand sich zu irgend einer Verrichtung auf dem Weg nach dem Tempel der Göttin.

Doch einem Gefühl des jungen Archäologen stand's entgegen, sie sich in den Rahmen der grossen, lärmvollen Stadtwelt Roms einzufügen. Ihr Wesen, ihre ruhige stille Art gehörte ihm nicht in dies tausendfältige Getriebe, drin niemand auf den andern achtete, sondern in eine kleinere Ortschaft, wo jeder sie kannte, stillstehend und ihr nachblickend zu einem Begleiter sagte: »Das ist Gradiva« – ihren wirklichen Namen vermochte Norbert nicht an die Stelle zu setzen – »die Tochter des ... sie geht am schönsten von allen Jungfrauen in unserer Stadt.«

Als ob er's mit eigenem Ohr so vernommen, hatte sich das ihm im Kopfe festgesetzt und drin eine andere Annahme fast zur Ueberzeugung ausgebildet. Auf seiner italienischen Reise war er mehrere Wochen hindurch zum Studium der alten Trümmerreste in Pompeji verblieben und in Deutschland ihm eines Tages plötzlich aufgegangen, die von dem Bild Dargestellte schreite dort irgendwo auf den wieder ausgegrabenen eigenthümlichen Trittsteinen, die bei regnerischem Wetter einen trockenen Uebergang von einer Seite der Strasse zur anderen ermöglicht und doch auch Durchlass für Wagenräder gestattet hatten. So sah er sie, wie ihr einer Fuss sich über die Lücke zwischen zwei Steinen hinübergesetzt, während der andere im Begriff stand, nachzufolgen, und bei der Betrachtung der Ausschreitenden baute sich das sie näher und weiter Umgebende wie leibhaftig vor seiner Vorstellungskraft auf. Sie erschuf ihm, unter Beihülfe seiner Alterthumskenntniss, den Anblick der lang hingedehnten Strasse, zwischen deren beide Häuserreihen mannigfach Tempelgebäude und Säulenhallen sich einmischten. Auch Handel und Gewerbe traten ringsum zur Schau, tabernae, officinae, cauponae, Verkaufsläden, Werkstätten, Schankbuden; Bäcker hielten ihre Brode ausgelegt, Thonkrüge, in marmorne Ladentische eingelassen, boten alles für den Haushalt und die Küche Erforderliche dar; an der Strassenkreuzungsecke sass eine Frau, in Körben Gemüse und Früchte feilbietend; von einem halben Dutzend der grossen Wallnüsse hatte sie die Hälfte der Schale weggethan, um zur Reizung der Kauflust den Kerninhalt als frisch und tadellos zu zeigen. Wohin das Gesicht sich wendete, stiess es auf lebhafte Farben, bunt bemalte Mauerflächen, Säulen mit rothen und gelben Kapitälen; alles funkelte und strahlte in mittägiger Sonne Blendung zurück. Weiter abwärts ragte auf hohem Sockel eine weissblitzende Statue empor, darüberher sah aus der Weite, doch von zitterndem Spiel der heissen Luft halb verschleiert, der Mons Vesuvius, noch nicht in seiner heutigen Kegelgestalt und braunen Oede, sondern bis gegen den zerfurchten Schroffengipfel hinan mit grünflimmerndem Pflanzenwuchs bedeckt. In der Strasse bewegten sich nur wenig Leute, nach Möglichkeit einen Schattenwurf aufsuchend, hin und her, die Glut der sommerlichen Mittagsstunde lähmte das sonst geschäftige Treiben. Dazwischen schritt die Gradiva über die Trittsteine dahin, scheuchte eine goldgrünschillernde Lacerte von ihnen fort.

So stand's lebendig vor Norbert Hanold's Augen, allein aus der täglichen Anschauung ihres Kopfes hatte sich ihm allmählich noch eine neue Mutmassung herausgebildet. Der Schnitt ihrer Gesichtszüge bedünkte ihn mehr und mehr nicht von römischer oder latinischer, sondern von griechischer Art, so dass sich ihm nach und nach ihre hellenische Abstammung zur Gewissheit erhob. Ausreichende Begründung dafür lieferte die alte Besiedelung des ganzen südlichen Italiens von Griechenland her, und weitere, den darauf Fussenden angenehm berührende Vorstellungen entsprangen daraus. Dann hatte die junge ›domina‹ vielleicht in ihrem Elternhause Griechisch gesprochen und war, mit griechischer Bildung genährt, aufgewachsen. Bei eingehender Betrachtung fand dies auch in dem Ausdruck des Antlitzes Bestätigung, es lag entschieden unter seiner Anspruchslosigkeit Kluges und etwas fein Durchgeistigtes verborgen.

Diese Conjekturen oder Ausfindungen konnten indess ein wirkliches archäologisches Interesse an dem kleinen Bildwerk nicht begründen, und Norbert war sich auch bewusst, etwas Anderes, und zwar in seine Wissenschaft Fallendes sei's, was ihn zu so häufiger Beschäftigung damit zurückkehren lasse. Es handelte sich für ihn um eine kritische Urtheilsabgabe, ob der Künstler den Vorgang des Ausschreitens bei der Gradiva dem Leben entsprechend wiedergegeben habe. Darüber vermochte er nicht ins Klare zu gelangen, und seine reichhaltige Sammlung von Abbildungen antiker plastischer Werke verhalf ihm ebenfalls nicht dazu. Ihn bedünkte nämlich die fast senkrechte Aufstellung des rechten Fusses als übertrieben; bei allen Versuchen, die er selbst unternahm, liess die nachziehende Bewegung seinen Fuss stets in einer weit minder steilen Haltung; mathematisch formulirt, stand der seinige während des flüchtigen Verharrungsmomentes nur in der Hälfte des rechten Winkels gegen den Boden, und so erschien's ihm auch für die Mechanik des Gehens, weil am zweckdienlichsten, als naturgemäss. Er benützte einmal die Anwesenheit eines ihm befreundeten jungen Anatomen, diesem die Frage vorzulegen, doch auch der war zur Abgabe eines sicheren Entscheides ausser stande, da er nie Beobachtungen in dieser Richtung angestellt hatte. Die von dem Freunde an sich selbst gewonnene Erfahrung bestätigte er wohl als mit seiner eigenen übereinstimmend, wusste indess nicht zu sagen, ob vielleicht die weibliche Gangweise sich von der männlichen unterscheide, und die Frage gelangte nicht zu einer Lösung.

Trotzdem war ihre Besprechung nicht ertraglos gewesen, denn sie hatte Norbert Hanold auf etwas ihm bisher nicht Eingefallenes gebracht, zur Aufhellung der Sache selbst Beobachtungen nach dem Leben anzustellen. Das nöthigte ihn allerdings zu einem ihm durchaus fremdartigen Thun; das weibliche Geschlecht war bisher für ihn nur ein Begriff aus Marmor oder Erzguss gewesen, und er hatte seinen zeitgenössischen Vertreterinnen desselben niemals die geringste Beachtung geschenkt. Aber sein Erkenntnissdrang versetzte ihn in einen wissenschaftlichen Eifer, mit dem er sich der von ihm als nothwendig erkannten eigenthümlichen Ausforschung hingab. Diese zeigte sich in dem Menschengedränge der Grossstadt durch viele Schwierigkeiten behindert, liess ein Ergebniss nur vom Aufsuchen minder belebter Strassen erhoffen. Doch auch hier machten zumeist lange Kleider die Gangart völlig unerkennbar, hauptsächlich trugen nur die Dienstmägde kurze Röcke, konnten jedoch mit Ausnahme einer geringen Minderzahl schon wegen ihres groben Schuhwerks für die Lösung der Frage nicht wohl in Betracht fallen. Trotzdem fuhr er beharrlich in seiner Auskundung fort, bei trockener, wie bei nasser Witterung; er nahm gewahr, dass die letztere noch am ehesten Erfolg verheisse, da sie die Damen zum Aufraffen ihrer Kleidsäume veranlasse. Unvermeidlich musste mancher von ihnen sein prüfend nach ihren Füssen gerichteter Blick auffallen; nicht selten gab ein unmutiger Gesichtszug der Betrachteten kund, sie sehe sein Behaben als eine Keckheit oder Ungezogenheit an; hin und wieder, da er ein junger Mann von sehr einnehmendem Aeussern war, drückte sich in ein paar Augen das Gegentheil, etwas Ermutigendes aus, doch kam ihm das eine so wenig zum Verständniss wie das andere. Nach und nach dagegen gelang seiner Ausdauer dennoch die Einsammlung einer ziemlichen Anzahl von Beobachtungen, die seinem Blick mannigfache Verschiedenheiten vorüberführten. Diese gingen langsam, jene hurtig, die einen schwerfällig, die andern leichter beweglich. Manche liessen die Sohle nur eben über den Boden hingleiten, nicht viele hoben sie zu zierlicherer Haltung schräger auf. Unter allen aber bot nicht eine einzige die Gangweise der Gradiva zur Schau; das erfüllte ihn mit der Genugthuung, er habe sich in seinem archäologischen Urtheil über das Relief nicht geirrt. Andrerseits indess bereiteten seine Wahrnehmungen ihm einen Verdruss, denn er fand die senkrechte Aufstellung des anhaltenden Fusses schön und bedauerte, dass sie, nur von der Phantasie oder Willkür des Bildhauers geschaffen, der Lebenswirklichkeit nicht entsprach.

Bald nachdem seine pedestrischen Prüfungen ihm diese Erkenntniss eingetragen, hatte er eines nachts einen schreckvoll beängstigenden Traum. Darin befand er sich im alten Pompeji, und zwar grade an dem 24. Augusttage des Jahres 79, der den furchtbaren Ausbruch des Vesuvs mit sich brachte. Der Himmel hielt die zur Vernichtung ausersehene Stadt in einen schwarzen Qualmmantel eingeschlagen, nur da und dort liessen durch eine Lücke die aus dem Krater auflodernden Flammenmassen etwas von blutrothem Licht Uebergossenes erkennen; alle Bewohner suchten, einzeln oder wirr zusammengeballt, von dem unbekannten Entsetzen kopfverloren-betäubt, Rettung in der Flucht. Auch auf Norbert stürzten die Lapilli und der Aschenregen nieder, doch, wie's in Träumen wunderbar geschieht, verletzten sie ihn nicht, und ebenso roch er den tödlichen Schwefeldunst in der Luft, ohne davon am Athmen behindert zu werden. Wie er so am Rande des Forums neben dem Jupitertempel stand, sah er plötzlich in geringer Entfernung die Gradiva vor sich; bis dahin hatte ihn kein Gedanke an ihr Hiersein angerührt, jetzt aber ging ihm auf einmal und als natürlich auf, da sie ja eine Pompejanerin sei, lebe sie in ihrer Vaterstadt und, ohne dass er's geahnt habe, gleichzeitig mit ihm. Auf den ersten Blick erkannte er sie, ihr steinernes Abbild war bis in jede Einzelheit vortrefflich gerathen und gleicherweise ihre schreitende Bewegung; unwillkürlich bezeichnete er sich diese als ›lente festinans‹. Und so ging sie ruhig-behend über die Fliesenplatten des Forums dem Apollotempel zu, mit der ihr eigenen gleichmütigen Achtlosigkeit für ihre Umgebung. Sie schien von dem auf die Stadt niederbrechenden Geschick nichts zu bemerken, nur ihren Gedanken nachzuhängen; darüber vergass auch er den furchtbaren Vorgang, wenigstens ein paar Augenblicke lang, suchte in einem Gefühl, ihre lebende Wirklichkeit werde ihm rasch wieder verschwinden, sich diese aufs genaueste einzuprägen. Dann indess, ihn jählings überfallend, kam ihm zum Bewusstwerden, wenn sie sich nicht eilig rette, müsse sie dem allgemeinen Untergang mit verfallen, und heftiger Schreck entriss seinem Mund einen Warnruf. Den hörte sie auch, denn ihr Kopf wendete sich ihm entgegen, so dass ihr Antlitz ihm jetzt flüchtig die Vollansicht bot, doch mit einem völlig verständnisslosen Ausdruck und ohne weiter achtzugeben, setzte sie ihre Richtung in der vorherigen Weise fort. Dabei aber entfärbte ihr Gesicht sich blasser, wie wenn es sich zu weissem Marmor umwandle; sie schritt noch bis zum Porticus des Tempels hinan, doch dort zwischen den Säulen setzte sie sich auf eine Treppenstufe und legte langsam den Kopf auf diese nieder. Nun fielen die Lapilli so massenhaft, dass sie sich zu einem völlig undurchsichtigen Vorhang verdichteten; ihr hastig nacheilend, fand er indess den Weg zu der Stelle, an der sie seinem Blick verschwunden war, und da lag sie, von dem vorspringenden Dach geschützt, auf der breiten Stufe wie zum Schlaf hingestreckt, doch nicht mehr athmend, offenbar von den Schwefeldünsten erstickt. Vom Vesuv her überflackerte der rothe Schein ihr Antlitz, das mit geschlossenen Lidern vollständig dem eines schönen Steinbildes glich; nichts von einer Angst und Verzerrung gab sich in den Zügen kund, ein wundersamer, sich ruhig in das Unabänderliche fügender Gleichmut sah aus ihnen. Doch wurden sie rasch undeutlicher, da der Wind jetzt den Aschenregen hierhertrieb, der sich erst wie ein grauer Florschleier über sie breitete, dann den letzten Schimmer ihres Gesichtes auslöschte und bald auch wie ein nordisch-winterliches Flockengestöber die ganze Gestalt unter einer gleichmässigen Decke begrub. Drauss ragten die Säulen des Apollotempels auf, indes auch nur zur Hälfte mehr, denn eilig häufte sich an ihnen ebenfalls der graue Aschenfall empor.

Als Norbert Hanold aufwachte, lag ihm noch das verworrene Geschrei der nach Rettung suchenden Bewohner Pompejis und der dumpf dröhnende Brandungsanschlag der wilderregten See im Ohr. Dann kam er zur Besinnung; die Sonne warf ein goldenes Glanzband über sein Bett, ein Aprilmorgen war's, und von draussen scholl das vielfältige Gelärm der Grossstadt, Ausrufe von Verkäufern und Wagengeroll bis zu seinem Stockwerk herauf. Doch stand das Traumbild noch mit jeder Einzelheit ihm aufs deutlichste vor den geöffneten Augen, und es bedurfte einiger Zeit, eh' er sich aus einem Halbzustand der Sinnbefangenheit losmachen konnte, dass er nicht wirklich in der Nacht vor bald zwei Jahrtausenden dem Untergang an der Bucht von Neapel beigewohnt habe. Erst beim Ankleiden ward er allmählich davon frei, dagegen gelang's ihm nicht, sich durch Anwendung kritischen Denkens seiner Vorstellung zu entwinden, dass die Gradiva in Pompeji gelebt und dort im Jahre 79 mit verschüttet worden sei. Vielmehr hatte die erstere Annahme sich ihm zur Gewissheit befestigt, und ebenso schloss sich jetzt auch die zweite daran. Mit einer wehmütigen Empfindung betrachtete er in seinem Wohnzimmer das alte Relief, das für ihn eine neue Bedeutung angenommen. Es war gewissermassen ein Gruftdenkmal, mit dem der Künstler das Bild der so früh aus dem Leben Geschiedenen für die Nachwelt forterhalten hatte. Doch wenn man sie mit aufgegangenem Verständnisse ansah, liess der Ausdruck ihres ganzen Wesens nicht zweifelhaft, dass sie sich in der verhängnisvollen Nacht wirklich mit solcher Ruhe zum Sterben hingelegt habe, wie's der Traum ihm gezeigt. Ein altes Wort sagte, die Lieblinge der Götter seien's, die sie in blühender Jugend von der Erde fortnähmen.

Norbert legte sich, ohne seinen Hals noch in einen Kragen eingeengt zu haben, in leichter häuslicher Morgenkleidung, mit Hausschuhen an den Füssen, ins geöffnete Fenster und blickte hinaus. Der endlich auch zum Norden vorgeschrittene Frühling lag draussen, gab sich in der grossen Steingrube der Stadt zwar nur durch das Himmelsblau und die linde Luft kund, doch ein Ahnen berührte aus ihr die Sinne, weckte Verlangen in die sonnige Weite nach Blättergrün, Duft und Vogelgesang; ein Anhauch davon kam doch auch bis hierher, die Marktweiber auf der Strasse hatten ihre Körbe mit ein paar bunten Wiesenblumen besteckt, und an einem offenstehenden Fenster schmetterte ein Kanarienvogel im Käfig sein Lied. Der arme Bursche that Norbert leid, er hörte unter dem hellem Klang trotz seinem Jubeltone die Sehnsucht nach der Freiheit, der Ferne hinaus.

Doch verweilten die Gedanken des jungen Archäologen nur flüchtig dabei, denn etwas Anderes hatte sich ihnen aufgedrängt. Ihm gerieth's erst jetzt zum Bewusstsein, dass er in dem Traum nicht genau darauf geachtet habe, ob die belebte Gradiva wirklich auch so gegangen sei, wie das Bildwerk es darstellte und wie die heutigen Frauen jedenfalls nicht gingen. Das war merkwürdig, weil sein wissenschaftliches Interesse an dem Relief darauf beruhte; andrerseits freilich erklärte sich's aus der Erregung, in die ihre Lebensgefährdung ihn versetzt gehabt. Er suchte sich, indess vergeblich, ihre Gangart ins Gedächtniss zurückzurufen.

Da durchfuhr ihn plötzlich einmal etwas wie mit einem Ruck; im ersten Augenblick wusste er sich nicht zu sagen, von woher. Aber dann erkannte er's; drunten auf der Strasse ging, ihm die Rückseite zuwendend, ein weibliches Wesen, nach Gestalt und Kleidung wohl eine junge Dame, leicht elastischen Schrittes dahin. Sie hielt mit der linken Hand ihren nur bis zu den Knöcheln herabreichenden Kleidsaum ein wenig aufgerafft, und seinen Augen erregte es den Eindruck, als ob bei der schreitenden Bewegung sich die Sohle ihres nachfolgenden schmalen Fusses für einen Moment auf den Zehenspitzen senkrecht vom Boden aufrichte. Es schien so, ein gewisses Erkennen liess die Entfernung und der Niederblick von oben nicht zu.

Auf einmal befand Norbert Hanold sich inmitten der Strasse, ohne noch recht zu wissen, wie er dorthin gerathen sei. Er war, einem am Geländer niedergleitenden Knaben gleich, blitzgeschwind die Treppe hinuntergeflogen, lief unten zwischen Wagen, Karren und Menschen hindurch. Die letzteren richteten verwunderte Augen auf ihn, und von mehreren Lippen klangen lachende, halb spöttische Ausrufe. Dass sich diese auf ihn bezogen, ward ihm nicht verständlich, sein Blick suchte nach der jungen Dame umher, und er glaubte auch, auf ein paar Dutzend Schritte weit vor sich, ihre Kleidung zu unterscheiden. Doch nur den Obertheil, von der unteren Hälfte und den Füssen konnte er nichts gewahren, denn sie wurden durch das Getriebe sich auf dem Trottoir drängender Leute verdeckt. Nun reckte ein altes, behäbiges Gemüseweib die Hand nach seinem Aermel, hielt ihn dran an und brachte halb grinsend vom Mund: »Sagen Sie mal, mein Muttersöhnchen, Sie haben heut' Nacht wohl ein bischen was zu viel Flüssigkeit in den Kopf gekriegt und suchen hier auf der Strasse nach Ihrem Bett? Da thun Sie besser, erst mal nach Hause zu gehn und sich im Spiegel zu besehn.« Ein Gelächter umher bestätigte, dass er sich in einem für die Oeffentlichkeit nicht schicklichen Anzug präsentierte, brachte ihm jetzt zur Erkenntniss, wie er bedachtlos aus seinem Zimmer davongelaufen sei. Das machte ihn betroffen, da er auf Anständigkeit der äusseren Erscheinung hielt, und, von seinem Vorhaben ablassend, kehrte er rasch in die Wohnung zurück. Offenbar von dem Traum her doch noch mit etwas verwirrten, ihm Täuschung vorgaukelnden Sinnen, denn er hatte als Letztes wahrgenommen, dass bei dem Lachen und Rufen die junge Dame einen Augenblick den Kopf umgewendet habe, und er hatte kein fremdes Gesicht, sondern das der Gradiva von drüben herschauend zu sehen gemeint.

  • * *

Doctor Norbert Hanold befand sich in der angenehmen Lage, durch beträchtlichen Vermögensbesitz unbeschränkter Herr seines Thuns und Lassens zu sein und bei dem Auftauchen einer Neigung in ihm nicht von einer Begutachtung derselben durch irgend welche höhere Instanz als seine eigene Entscheidung abzuhängen. Darin unterschied er sich äusserst günstig von dem Kanarienvogel, der seinen angeborenen Trieb, aus dem Käfig in die sonnige Weite davonzukommen, nur erfolglos hinausschmettern konnte, sonst jedoch besass der junge Archäologe mit jenem in manchem einige Aehnlichkeit. Er war nicht in der Naturfreiheit zur Welt gekommen und aufgewachsen, sondern eigentlich schon bei der Geburt zwischen Gitterstäben eingehegt worden, mit denen ihn Familien-Tradition durch Erziehung und Vorbestimmung umgeben. Von seiner frühen Kindheit auf hatte im Elternhause kein Zweifel darüber bestanden, dass er als einziger Sohn eines Universitäts-Professors und Alterthumsforschers berufen sei, durch die nämliche Thätigkeit den Glanz des väterlichen Namens weiter zu erhalten, womöglich noch zu erhöhen, und so war diese Geschäftsfortsetzung ihm von jeher als die selbstverständliche Aufgabe seiner Lebenszukunft erschienen. Daran hatte er auch, nach dem frühen Abscheiden seiner Eltern völlig allein zurückgeblieben, getreulich festgehalten, im Anschlusse an sein vorzüglich bestandenes philologisches Examen die vorschriftsmässige Studienreise nach Italien gemacht und auf dieser eine Fülle alter plastischer Kunstwerke, deren Nachbildungen ihm bisher nur zugänglich gewesen, im Original gesehen. Lehrreicheres, als in den Sammlungen von Florenz, Rom, Neapel, konnte nirgendwo für ihn geboten werden, er durfte sich das Zeugniss zutheilen, seine dortige Aufenthaltszeit aufs beste zur Bereicherung seiner Kenntnisse ausgenützt zu haben, und war vollbefriedigt heimgekehrt, sich mit den neuen Errungenschaften ganz in seine Wissenschaft zu vertiefen. Dass ausser ihren Gegenständen aus einer fernen Vergangenheit auch noch eine Gegenwart um ihn herum vorhanden sei, kam ihm nur äusserst schattenhaft zur Empfindung; für sein Gefühl waren Marmor und Bronze nicht todte Mineralien, vielmehr das einzig wirklich Lebendige, den Zweck und Werth des Menschenlebens zum Ausdruck Bringende. Und so sass er zwischen seinen Wänden, Büchern und Bildern, keines andern Verkehrs bedürftig, sondern jedem als einer leeren Zeitvergeudung möglichst ausweichend und sich nur sehr widerwillig ab und zu in die unabwendbare Plage einer Gesellschaft fügend, deren Besuch altüberlieferte Verbindungen seines Elternhauses ihm aufnöthigten. Doch war's bekannt, dass er an solchen Zusammenkünften ohne Augen und Ohren für seine Umgebung theilnahm, unter einer Vorgabe sich stets nach der Beendigung des Mittags- oder Abendessens, so bald es irgend thunlich wurde, empfahl, und auf der Strasse niemand von denen, mit welchen er am Tisch gesessen, begrüsste. Das diente dazu, ihn besonders bei jungen Damen in ein wenig günstiges Licht zu stellen; denn selbst eine solche, mit der er ausnahmsweise ein paar Worte gesprochen hatte, blickte er bei einer Begegnung grusslos als ein nie gesehenes, wildfremdes Gesicht an.

Ob etwa die Archäologie an sich eine etwas curiose Wissenschaft sein mochte oder ihre Legirung mit dem Wesen Norbert Hanold's eine absonderliche Verquickung bewerkstelligt hatte, so wie diese war, vermochte sie auf andere nicht viel Anziehung zu üben und gereichte ihm selbst wenig zum Genuss des Lebens, nach welchem die Jugend zu trachten pflegt. Doch hatte, vielleicht in wohlmeinender Absicht, die Natur ihm als Zugabe gewissermassen ein Correktiv durchaus unwissenschaftlicher Art ins Blut gelegt, ohne dass er selbst von diesem Besitzthum wusste, eine überaus lebhafte Phantasie, die sich bei ihm nicht nur in Träumen, sondern oft auch im Wachen zur Geltung brachte und im Grunde seinen Kopf für nüchtern-strenge Forschungsmethodik nicht vorwiegend geeignet machte. Aus dieser Mitgift aber entsprang wieder eine Aehnlichkeit zwischen ihm und dem Kanarienvogel. Der war in der Gefangenschaft geboren, hatte nie anderes als seinen ihn eng umsperrenden Käfig gekannt, trug indess trotzdem ein Gefühl in sich, dass ihm etwas fehle, und liess das Verlangen nach diesem Unbekannten aus seiner Kehle hervorklingen. So verstand's Norbert Hanold, bedauerte ihn deshalb, in sein Zimmer zurückgekehrt und wieder aus dem Fenster liegend, nochmals, und ward dabei von einer Empfindung heut' angerührt, ihm fehle gleichfalls etwas, wovon sich nicht sagen lasse, was es sei. Ein Nachdenken darüber konnte drum auch nichts nützen; die unbestimmte Gefühlserregung kam aus der linden Frühlingsluft, den Sonnenstrahlen, der Weite mit ihrem Duftanhauch und gestaltete ihm einen Vergleich herauf, er sitze hier eigentlich ebenfalls in einem Käfig hinter Gitterstäben. Doch gesellte sich dem sofort beschwichtigend hinzu, seine Lage sei ungleich vortheilhafter als die des Kanarienvogels, denn er habe Flügel im Besitz, die durch nichts am beliebigen Ausfliegen ins Freie behindert wurden.

Das aber war jetzt ein Vorstellungsergebniss, von dem sich durch Nachdenken weiter fortschreiten liess. Norbert gab sich dieser Beschäftigung ein Weilchen hin, doch dauerte es nicht lange, bis der Vorsatz einer Frühlingsreise in ihm feststand. Den führte er am selben Tage noch aus, packte seinen leichten Handkoffer, warf beim Abendanbruch noch einen bedauerlichen Verabschiedungsblick auf die Gradiva, die, von den letzten Sonnenstrahlen überflossen, behender denn je über die unsichtbaren Trittsteine unter ihren Füssen auszuschreiten schien, und fuhr mit dem Nachtschnellzug in südlicher Richtung davon. Wenn auch der Antrieb zu einer Reise ihm aus einer unbenennbaren Empfindung entsprungen war, hatte die weitere Ueberlegung doch als selbstverständlich ergeben, dass sie einem wissenschaftlichen Zweck dienen müsse. Ihm war aufgegangen, dass er vernachlässigt habe, sich in Rom bei mehreren Statuen über einige wichtige archäologische Fragen zu vergewissern, und er begab sich, ohne unterwegs anzuhalten, in anderthalbtägiger Fahrt dorthin.

  • * *

Nicht Allzuviele machen an sich selbst die Erfahrung, dass es sehr schön ist, jung, vermöglich und unabhängig, im Frühling aus deutschen Landen nach Italien zu ziehen, denn selbst die mit jenen drei Eigenschaften Ausgerüsteten sind solcher Schönheitsempfindung nicht allmal zugänglich. Besonders wenn sie, und leider die Mehrzahl ausmachend, sich in den einer Hochzeit nachfolgenden Tagen und Wochen zu Zweien befinden, nichts ohne ein ausserordentliches, sich durch zahlreiche Superlative kundgebendes Entzücken an ihren Augen vorübergleiten lassen und schliesslich nur das Nämliche als Ausbeute mit nach Hause zurückbringen, was sie beim Dortverbleiben ganz ebenso entdeckt, empfunden und genossen hätten. In umgekehrter Richtung, wie die Zugvögel, pflegen solche Dualisten im Frühling die Alpenpässe zu überschwärmen. Norbert Hanold ward während der ganzen Fahrt von ihnen wie in einem rollenden Taubenschlag umflügelt und umflötet und eigentlich zum erstenmal im Leben in die Zwangslage versetzt, seine ihn umgebenden Mitmenschen mit Auge und Ohr genauer in sich aufzunehmen. Obwohl sie nach ihrer Sprache sämtlich deutsche Landsleute waren, rief seine Stammeszugehörigkeit zu ihnen durchaus kein Stolzgefühl in ihm wach, vielmehr nur das ziemlich entgegengesetzte, er habe vernunftgemäss wohl daran gethan, sich bisher mit dem lebendigen ›Homo sapiens‹ der Linné'schen Classifizirung möglichst wenig zu befassen. Hauptsächlich in Bezug auf die weibliche Hälfte dieser Gattung; zum erstenmal auch sah er derartig vom Paarungstrieb Zusammengesellte in seiner nächsten Nähe, ausser stande, zu begreifen, was sie gegenseitig dazu veranlasst haben könne. Ihm blieb unverständlich, warum die Frauen sich diese Männer ausgewählt hätten, noch räthselhafter aber, weshalb die Wahl der Männer auf diese Frauen gefallen sei. Bei jeder Kopfaufhebung musste sein Blick auf das Gesicht einer von ihnen gerathen und traf auf keines, das die Augen durch eine äussere Wohlbildung einnahm oder innerlich auf einen geistigen und gemüthlichen Inhalt hinwies. Allerdings fehlte ihm ein Massstab, um sie daran zu bemessen, denn mit der erhabenen Schönheit der alten Kunstwerke durfte man das heutige weibliche Geschlecht natürlich nicht in Vergleich bringen, doch trug er eine dunkle Empfindung in sich, dass er sich dieses ungerechten Verfahrens nicht schuldig mache, sondern in allen Zügen etwas vermisse, zu dessen Darbietung auch das gewöhnliche Leben verpflichtet sei. So dachte er manche Stunden hindurch über das sonderbare Treiben der Menschen nach und kam zu dem Ergebniss, unter allen ihren Thorheiten nehme jedenfalls das Heirathen, als die grösste und unbegreiflichste, den obersten Rang ein, und ihre sinnlosen Hochzeitsreisen nach Italien setzten gewissermassen dieser Narrethei die Krone auf.

Wiederum aber ward er an den von ihm in der Gefangenschaft zurückgelassenen Kanarienvogel erinnert, denn er sass auch hier in einem Käfig, rundum von den ebenso verzückten als nichtig-leeren jungen Ehepaargesichtern eingepfercht, an denen vorbei sein Blick nur dann und wann einmal durch die Fenster hinausschweifen konnte. Daraus mochte sich wohl erklären, dass die draussen seinen Augen vorüberziehenden Dinge ihm andere Eindrücke als damals erregten, wie er sie vor einigen Jahren gesehen hatte. Das Olivenlaub flimmerte in einem stärkeren Silberglanz, die da und dort einsam gegen den Himmel ragenden Cypressen und Pinien zeichneten sich mit schöneren und eigenartigeren Umrissen ab, reizvoller bedünkten ihn die auf den Berghöhen hingelagerten Ortschaften, wie wenn jede gleichsam ein Individuum mit verschiedengeartetem Gesichtsausdruck sei, und der trasimenische See erschien ihm von einer weichen Bläue, wie er sie noch nie an einer Wasserfläche wahrgenommen. Ihn rührte ein Gefühl an, den Schienenstrang umgebe rechts und links eine ihm fremde Natur, als ob er diese vormals in beständigem Dämmerlicht oder bei grauem Regenfall durchfahren haben müsse und jetzt zum erstenmal in ihrer von der Sonne vergoldeten Farbenfülle sehe. Ein paarmal ertappte er sich auf einem ihm bisher unbekannt gewesenen Wunsch, aussteigen und zu Fuss sich einen Weg nach dieser und jener Stelle suchen zu können, weil sie ihn ansah, wie wenn sie irgend etwas Eigenthümliches, wie Geheimnisvolles verborgen halte. Doch liess er sich von solchen vernunftwidrigen Anwandlungen nicht verleiten, sondern der ›direttissimo‹ brachte ihn gradewegs nach Rom, wo ihn bereits vor der Einfahrt in den Bahnhof die alte Welt mit den Trümmerresten des Tempels der Minerva Medica in Empfang nahm. Aus seinem mit den Inseparables angefüllten Käfig in Freiheit gelangt, nahm er vorderhand in einem ihm bekannten Gasthof Unterkunft, um sich von dort aus ohne Uebereilung nach einer seinem Wunsch entsprechenden Privatwohnung umzusehen.

Eine solche fand er im Verlauf des nächsten Tages noch nicht, sondern kehrte am Abend nochmals in seinen Albergo zurück und begab sich, von der ungewohnten italienischen Luft, der starken Sonnenwirkung, vielem Umherwandern und dem Strassenlärm ziemlich ermüdet, zur Ruhe. So fing auch schon das Bewusstsein bald an, ihm zu verdämmern, doch grade im Einschlafen begriffen, ward er wieder aufgeweckt, denn sein Zimmer war durch eine nur durch einen Schrank verstellte Thür mit dem nebenan befindlichen verbunden, und in dieses traten zwei Gäste, die am Morgen davon Besitz genommen, ein. Nach ihren, die dünne Scheidewand durchklingenden Stimmen ein männlicher und ein weiblicher, die unverkennbar der Classe der deutschen Frühlingsstrichvögel angehörten, mit denen er gestern von Florenz hierhergefahren war. Ihre Gemütsstimmung schien der Hotelküche ein entschieden günstiges Zeugniss auszustellen, und der Güte eines castelli romani-Weines mochte es zu danken sein, dass sie ihre Gedanken und Empfindungen äusserst deutlich vernehmbar mit norddeutschen Zungen austauschten:

»Mein einziger August –«

»Meine süsse Grete –«

»Nun haben wir uns wieder.«

»Ja, endlich sind wir wieder allein.«

»Müssen wir morgen noch mehr ansehen?«

»Wir wollen beim Frühstück 'mal im Bädeker nachsehen, was noch nothwendig ist.«

»Mein einziger August, du gefällst mir viel besser, als der Apoll von Belvedere.«

»Das hab' ich oft denken müssen, meine süsse Grete, du bist viel schöner, als die capitolinische Venus.«

»Ist der feuerspeiende Berg, auf den wir hinaufwollen, hier nahebei?«

»Nein, da müssen wir, glaub' ich, noch ein paar Stunden mit der Eisenbahn fahren.«

»Wenn er dann grade anfinge, zu speien, und wir da mitten hineinkämen, was würdest du da thun?«

»Da würde ich gar keinen andern Gedanken haben, als wie ich dich retten sollte, und dich so auf die Arme nehmen.«

»Stich dich nur nicht an einer Stecknadel!«

»Ich kann mir ja nichts Schöneres denken, als mein Blut für dich zu vergiessen.«

»Mein einziger August –«

»Meine süsse Grete –«

Damit schloss vorderhand die Unterhaltung. Norbert hörte noch ein unbestimmtes Rascheln und Rücken von Stühlen, dann ward's still, und er verfiel in den Halbschlaf zurück. Der versetzte ihn nach Pompeji, wie eben der Vesuv wieder ausbrach; ein buntes Gewimmel von flüchtenden Menschen knäuelte sich um ihn herum, und darunter sah er auf einmal den Apoll von Belvedere, der die capitolinische Venus aufhob, forttrug und in einen dunklen Schatten gesichert auf einen Gegenstand hinlegte; ein Wagen oder Karren, mit dem sie fortgebracht werden sollte, schien's zu sein, denn ein knarrender Ton scholl davon her. Dieser mythologische Vorgang verwunderte den jungen Archäologen nicht weiter, nur fiel ihm als merkwürdig auf, dass die Beiden nicht Griechisch, sondern Deutsch mit einander redeten, denn er hörte sie, dadurch zu halber Besinnung gelangend, nach einem Weilchen sagen:

»Meine süsse Grete –«

»Mein einziger August –«

Aber danach verwandelte sich das Traumbild um ihn herum vollständig. Lautlose Stille trat an die Stelle der verworrenen Töne, und statt des Rauches und Flammenscheines lag helles, heisses Sonnenlicht über den Trümmerresten der verschütteten Stadt. Die änderte sich ebenfalls allmählich um, ward zu einem Bett, auf dessen weissen Linnen Goldstrahlen sich bis an seine Augen heranringelten, und Norbert Hanold wachte, vom römischen Frühmorgen umfunkelt, auf.

Auch in ihm selbst war indess etwas anders geworden, wodurch, wusste er sich nicht anzugeben, doch hatte sich seiner abermals ein sonderbar beklemmendes Gefühl bemächtigt, dass er in einem Käfig eingesperrt sei, der diesmal Rom heisse. Wie er das Fenster öffnete, kreischten ihm von der Strasse her die dutzendfachen Ausrufe der Verkäufer noch weit schrilltöniger im Ohr, als in seiner deutschen Heimat; er war nur aus einer lärmvollen Steingrube in die andre gerathen, und ihn schreckte ein wunderlich unheimliches Grauen vor den Alterthumssammlungen, einer dortigen Begegnung mit dem Apoll von Belvedere und der capitolinischen Venus zurück. So stand er nach kurzem Besinnen von seinem Vorhaben, sich eine Wohnung zu suchen, ab, packte eilfertig seinen Koffer wieder und fuhr auf der Eisenbahn weiter nach Süden. Dies that er, um den Inseparables zu entgehen, in einem Wagen dritter Klasse, zugleich in diesem eine interessante und ihm wissenschaftlich förderliche Umgebung von italienischen Volkstypen, den ehemaligen Modellen der antiken Kunstwerke, erwartend. Doch er fand nichts, als landesüblichen Schmutz, entsetzlich riechende Monopol-Cigarren, kleine, windschiefe, mit Armen und Beinen fuchtelnde Kerle und Vertreterinnen des weiblichen Geschlechtes, gegen die ihm seine zwiegepaarten Landsmänninnen in der Erinnerung fast noch als olympische Göttinnen erschienen.

  • * *

Zwei Tage später bewohnte Norbert Hanold einen ziemlich fragwürdigen, camera benannten Raum im ›Hotel Diomède‹ neben dem von Eucalyptusbäumen bewachten ›ingresso‹ zu den Ausgrabungen von Pompeji. Er hatte beabsichtigt, dauernd in Neapel zu bleiben, um die Sculpturen und Wandgemälde im Museo Nazionale eingehend wieder zu studiren, doch es war ihm dort ähnlich ergangen, wie in Rom. Im Saale der pompejanischen Hausgeräthsammlung sah er sich von einer Wolke weiblicher Reisekleider neuester Façon eingehüllt, die zweifellos sämmtlich unmittelbar mit dem jungfräulichen Strahlenglanz von Atlas-, Seide- oder Gaze-Brautkleidern vertauscht worden waren; jedes hing durch die Vermittlung eines Aermels am Arm eines ebenso tadellos männlich costümirten, jüngeren oder ältlicheren Begleiters, und Norbert's neugewonnene Einsicht in ein ihm bisher unbekannt gewesenes Wissensgebiet war so weit vorgeschritten, ihn auf den ersten Blick erkennen zu lassen, jeder war August und jede war Grete. Nur kam dies hier durch andere, vom Ohr der Oeffentlichkeit modificirte, gemässigte und gemilderte Gesprächsführung zu Tage:

»O sieh' mal, das hatten sie praktisch, solchen Speisenwärmer wollen wir uns doch auch anschaffen.«

»Ja, aber für die Gerichte, die meine Frau kocht, muss er aus Silber gemacht sein.«

»Weisst du denn schon, ob das, was ich koche, dir so gut schmecken wird?«

Die Frage wurde von einem schelmischen Aufblick begleitet und von einem wie mit Glanzlack gefirnissten bejaht. »Was du mir servirst, kann alles nur zur Delicatesse werden.«

»Nein, das ist ja ein Fingerhut! Haben denn die Leute damals schon Nähnadeln gehabt?«

»Das scheint beinah' so, aber du hättest nichts mit ihm anfangen können, mein Herz, dir würde er noch für den Daumen viel zu gross sein.«

»Meinst du wirklich? Und hast du denn schmale Finger lieber als breite?«

»Deine brauch' ich gar nicht zu sehen, die würde ich beim tiefsten Dunkel aus allen anderen auf der Welt herausfühlen.«

»Das ist wirklich alles furchtbar interessant. Müssen wir eigentlich auch noch nach Pompeji selbst?«

»Nein, das lohnt sich kaum, da sind nur alte Steine und Schutt, was von Werth war, steht im Bädeker, ist alles hierhergebracht. Ich fürchte, die Sonne würde dort auch für deinen zarten Teint schon zu heiss sein, das könnte ich mir nie verzeih'n.«

»Wenn du auf einmal eine Negerin zur Frau hättest.«

»Nein, so weit reicht glücklicherweise doch meine Phantasie nicht, aber eine Sommersprosse auf deinem Näschen würde mich schon unglücklich machen. Ich denke, wenn's dir recht ist, wollen wir morgen nach Capri fahren, mein Liebchen. Dort soll alles sehr bequem eingerichtet sein, und in der wundervollen Beleuchtung der blauen Grotte werde ich erst ganz erkennen, was für ein grosses Loos ich in der Glückslotterie gezogen habe.«

»Du, wenn Jemand das anhört, ich schäme mich ja beinah'. Aber wohin du mich bringst, ist's mir überall recht, und ganz einerlei, wo, denn ich habe dich ja bei mir.«

August und Grete rundum, für Auge und Ohr etwas gemässigt und gemildert. Norbert Hanold war's, als ob er von allen Seiten mit verdünntem Honig angegossen würde und davon Schluck um Schluck auch über die Zunge herunterbringen müsse. Es wandelte ihn ein Uebelkeitsgefühl an, und er lief aus dem Museo Nazionale davon, zur nächsten Osteria hinüber, um ein Glas Wermuth zu trinken. Verzehnfacht drang's auf ihn ein: Wozu füllte dieser hundertfältige Dual die Museen von Florenz, Rom und Neapel an, statt sich seiner Pluralbeschäftigung in den heimischen deutschen Vaterländern hinzugeben? Doch war ihm aus einer Anzahl der Causerien und Kosereden aufgegangen, wenigstens die Mehrheit der Vogelpaare habe nicht im Sinn, zwischen dem Schutt von Pompeji zu nisten, sondern sehe eine Flugabschwenkung nach Capri als zweckdienlicher an, und daraus entsprang für ihn der rasche Antrieb, das zu thun, was sie nicht thaten. Vergleichsweise bot sich ihm jedenfalls so noch am meisten Aussicht, aus dem Hauptschwarm ihres Schnepfenstriches loszukommen und dasjenige zu finden, wonach er hier im hesperischen Lande vergeblich herumsuchte. Das war auch eine Zweiheit, doch kein Hochzeits-, sondern ein Geschwisterpaar ohne stets girrende Schnäbel, die Stille und die Wissenschaft, zwei ruhige Schwestern, bei denen allein sich auf eine befriedigende Unterkunft rechnen liess. Sein Verlangen nach ihnen enthielt etwas ihm bisher Unbekanntes – wenn es nicht ein Widerspruch in sich gewesen wäre, hätte er diesem Drang das Epitheton ›leidenschaftlich‹ beilegen können – und schon um eine Stunde später sass er in einer ›carozella‹, die ihn hurtig durch die Endlosigkeit von Portici und Resina davon trug. Eine Fahrt war's wie durch eine prangend für einen altrömischen Triumphator geschmückte Strasse; links und rechts breitete fast jedes Haus, gelblichen Teppichbehängen ähnlich, zum Dörren in der Sonne einen überschwänglichen Reichthum von ›pasta da Napoli‹ aus, dem höchsten Landesleckerbissen an dickeren oder dünneren maccheroni, vermicelli, spaghetti, cannelloni und fidelini, denen dort durch Fettdünste der Garküchen, Staubgewirbel, Fliegen und Flöhe, in der Luft herumtanzende Fischschuppen, Schornsteinrauch und sonstige Tag- oder Nachteinflüsse die intime Köstlichkeit ihres Wohlgeschmacks verliehen wurde. Dann sah über braune Lavageröllfelder der Vesuvkegel nah herunter, zur Rechten dehnte sich mit schillernder Bläue, wie aus flüssigem Malachit und Lapis Lazuli zusammengemischt, der Golf. Die kleine beräderte Nussschale flog, wie von einem tollen Sturm fortgewirbelt und als ob jeder Augenblick ihr letzter sein müsse, über das grausame Pflaster von Torre del Greco, durchrasselte Torre dell' Annunziata, erreichte das in unablässigem, stumm-grimmigem Ringkampf seine Anziehungskräfte messende Dioskurenpaar des ›Hôtel Suisse‹ und ›Hôtel Diomède‹ und hielt vor dem letzteren an, dessen altclassischer Name den jungen Archäologen wieder, wie bei seinem ersten Besuch, zu der Gasthofswahl bestimmt hatte. Wenigstens mit scheinbar grösster Gemüthsruhe schaute indess der moderne schweizerische Concurrent vor seiner Thür diesem Vorgange zu; er war darüber beruhigt, dass auch in den Töpfen des classischen Nachbars nicht mit andrem Wasser gekocht wurde, als in seinem, und dass die drüben verführerisch zum Ankauf ausgestellten antiken Herrlichkeiten ebensowenig wie seine unter der Aschendecke herauf nach zwei Jahrtausenden wieder ans Licht gekommen seien.

So war Norbert Hanold wider Erwarten und Absicht in wenigen Tagen vom deutschen Norden nach Pompeji versetzt worden, fand den Diomed mit menschlichen Gästen nicht allzu stark angefüllt, dagegen von der musca domestica communis, der gemeinen Stubenfliege, bereits überreichlich bevölkert. Er hatte nie eine Erfahrung gemacht, dass sein Gemüth für ungestüme Regungen veranlagt sei, doch gegen diese Zweiflügler brannte ein Hass in ihm; er betrachtete sie als die niederträchtigste Bosheitserfindung der Natur, gab um ihretwillen dem Winter als der einzigen Zeit einer menschenwürdigen Lebensführung weitaus den Vorzug vor dem Sommer, und erkannte in ihnen den unumstösslichen Beweis gegen das Vorhandensein einer vernünftigen Weltordnung. Nun empfingen sie ihn hier schon um mehrere Monate früher, als er ihrer Infamie in Deutschland anheimgefallen wäre, stürzten sich sofort dutzendweise über ihn, als auf ein erharrtes Opfer, schwirrten ihm in die Augen, schnurrten im Ohr, verfingen sich im Haar, liefen kitzelnd auf Nase, Stirn und Händen. Manche erinnerten ihn dabei an hochzeitsreisende Paare, redeten sich vermuthlich in ihrer Sprache auch »mein einziger August« und »meine süsse Grete« an; dem Gedächtniss des Gequälten stieg ein sehnsüchtiger Wunsch nach einer ›scacciamosche‹, einer vortrefflich angefertigten Fliegenklatsche, auf, wie er sie im etruskischen Museum in Bologna aus einer Gruftstele ausgegraben gesehen hatte. Also war im Alterthum diese nichtswürdige Creatur schon ebenso die Geissel der Menschheit gewesen, bösartiger und unabwendbarer als Scorpione, Giftschlangen, Tiger und Haifische, die es nur auf leibliche Schädigung, Zerreissung oder Verschlingung der von ihnen Ueberfallenen abgesehen hatten, vor denen man sich ausserdem durch besonnenes Verhalten sichern konnte. Gegen die gemeine Stubenfliege aber gab es keinen Schutz, und sie lähmte, verstörte, zerrüttete schliesslich das geistige Wesen des Menschen, seine Denk- und Arbeitsfähigkeit, jeden höheren Aufschwung und jede schöne Empfindung. Nicht Hungerbegier und Blutdurst trieb sie dazu, lediglich das teuflische Gelüst, zu martern; sie war das ›Ding an sich‹, in dem das absolut Böse seinen Ausdruck und seine Verkörperung gefunden. Die etruskische scacciamosche, ein Holzstiel mit einem daran befestigten Bündel feiner Lederstreifen, bewies: so hatte sie schon im Kopf des Aeschylos die erhabensten Dichtungsgedanken zu Grunde gerichtet, so den Meissel des Phidias zu einem nicht wieder verbesserlichen Fehlschlag gebracht, die Stirn des Zeus, die Brust Aphrodite's, vom Scheitel bis zur Sohle alle olympischen Götter und Göttinnen überlaufen, und Norbert empfand im Innersten, das Verdienst eines Menschen sei vor allem andern, nach der Anzahl von Stubenfliegen zu bewerthen, die er während seiner Lebzeit als ein Rächer seines ganzen Geschlechtes von Urzeit her erschlagen, aufgespiesst, verbrannt, in täglichen Hekatomben ausgerottet habe.

Zu solchem Ruhmgewinn aber gebrach's ihm hier an der nöthigen Waffe, und wie es auch der grösste, doch in Vereinzelung gerathene Schlachtenheld des Alterthums nicht anders vermocht hatte, räumte er vor der hundertfältigen Ueberzahl der gemeinen Gegner das Feld oder vielmehr seine Stube. Draussen dämmerte ihm auf, er habe damit nur heute im Engeren gethan, was er morgen im Weiteren wiederholen müsse; Pompeji bot seinem Bedürfniss offenbar auch keinen ruhig-befriedigenden Aufenthalt. Uebrigens gesellte sich dieser Erkenntniss, wenigstens dunkel, noch eine andre hinzu, dass seine Unbefriedigung wohl nicht allein durch das um ihn herum Befindliche verursacht werde, sondern etwas ihren Ursprung auch aus ihm selbst schöpfe. Allerdings war die Belästigung durch die Fliegen ihm immer sehr widerwärtig gewesen, aber in eine derartige Grimmaufwallung wie eben hatten sie ihn bisher doch noch nicht versetzt. Seine Nerven befanden sich unverkennbar von der Reise in einem erregten und reizbaren Zustand, dessen Anbahnung vermuthlich schon zu Hause durch winterlange Stubenluft und Ueberarbeitung begonnen. Er fühlte, dass er missmuthig sei, weil ihm etwas fehle, ohne dass er sich aufhellen könne, was. Und diese Missstimmung brachte er überallhin mit sich; gewiss waren in Masse umschwärmende Stubenfliegen und Hochzeitspaare nicht dazu angethan, irgendwo das Leben zu verannehmlichen. Doch wenn er sich nicht in eine dicke Wolke von Selbstbeschönigung einwickeln wollte, konnte ihm nicht recht verborgen bleiben, dass er eigentlich ebenso zweck- und sinnlos, taub und blind wie sie, nur mit erheblich geringerer Vergnügungsbefähigung in Italien herumfuhr. Denn seine Reisebegleiterin, die Wissenschaft, hatte entschieden viel von einer alten Trappistin, that den Mund nicht auf, wenn sie nicht angeredet wurde, und ihm kam's vor, er sei nicht weit davon, aus dem Gedächtniss zu verlieren, in welcher Sprache er überhaupt mit ihr verkehrt habe.

Durch den Ingresso noch nach Pompeji hineinzugehen, war's schon zu spät am Tage. Norbert erinnerte sich eines von ihm einmal auf der alten Stadtmauer gemachten Rundganges, suchte zu ihr durch allerhand Buschgestrüpp und Unkrautgewächs einen Aufstieg. So wanderte er eine Strecke weit etwas erhöht über der Gräberstadt dahin, die ihm, ohne Regung und Laut, zur Rechten lag. Als ein todtes Schuttfeld erschien sie, grösstentheils bereits vom Schatten zugedeckt, da die Abendsonne im Westen nicht weit mehr vom Rande des tyrrhenischen Meeres entfernt stand. In der Runde umher dagegen überfloss sie alle Bergkuppen und Gelände noch mit einem zauberhaften Glanz des Lebens, vergoldete die über dem Vesuvkrater aufwachsende Rauchpinie, kleidete die Zinnen und Zacken des Monte Sant' Angelo in Purpur. Hoch und einsam stieg der Monte Epomeo aus der blauperlenden, Lichtfunken aufsprühenden See, der sich das Cap Misenum mit dunklem Umriss wie ein geheimnissvoller Titanenbau enthob. Wohin der Blick fiel, breitete sich ein wundervolles Bild aus, Erhabenheit und Anmuth verschwisternd, ferne Vergangenheit und freudige Gegenwart. Norbert Hanold hatte geglaubt, hier das, wonach er ein unbestimmtes Verlangen trug, zu finden. Doch er war nicht in der Stimmung dazu, obwohl ihn auf der verlassenen Mauer keine Hochzeitspaare und Fliegen behelligten, aber auch die Natur war ausser stande, ihm zu bieten, was er um sich und in sich vermisste. Mit einer nah an Gleichgültigkeit grenzenden Gelassenheit liess er die Augen über alle Schönheitsfülle hingehen, bedauerte nicht im Geringsten, dass diese beim Sonnenuntergang verblich und auslosch, und kehrte unbefriedigt, wie er gekommen, zum Diomed zurück.

  • * *

Da er aber nun einmal, ob auch invita Minerva, durch seine Unbedachtsamkeit hierher versetzt worden war, kam er über Nacht zum Beschluss, aus der begangenen Thorheit wenigstens einen Tag lang wissenschaftlichen Nutzen zu ziehen, und begab sich, sobald am Morgen der Ingresso geöffnet ward, auf dem ordnungsmässigen Wege nach Pompeji hinein. Vor ihm und hinter ihm wanderte in kleinen, von den Zwangsführern befehligten Trupps, mit rothem Bädeker oder ausländischen Vettern desselben bewaffnet, die derzeitige, nach heimlichen eignen Ausscharrungen lüsterne Bevölkerung der beiden Gasthöfe; fast ausschliesslich erfüllte englisches oder anglo-amerikanisches Gequadder die noch frische Morgenluft, die deutschen Hochzeitspaare beglückten drüben hinter dem Monte Sant' Angelo auf Capri sich gegenseitig an dem Frühstücktisch des Pagano-Hauptquartiers mit germanischer Süssigkeit und Begeisterung. Norbert verstand's von früher her, sich durch richtig gewählte, mit einer guten ›mancia‹ verbundene Worte bald von der Lästigkeit seines ›guida‹ zu befreien, um unbehindert allein seinen Zwecken nachgehn zu können. Ihm gereichte etwas zur Befriedigung, dass er sich im Besitz eines tadellosen Gedächtnisses erkannte; wohin sein Blick fiel, lag und stand Alles genau so, wie er es in sich trug, als ob er's erst gestern vermittelst sachverständiger Betrachtung seinem Kopf eingeprägt habe. Diese sich beständig wiederholende Wahrnehmung aber brachte andrerseits mit, dass ihm sein Hiersein eigentlich sehr unnöthig vorkam und sich seiner Augen und geistigen Sinne mehr und mehr, wie am Abend auf der Mauer, eine entschiedene Gleichgültigkeit bemächtigte. Obwohl, wenn er aufsah, die Rauchpinie des Vesuvkegels zumeist gegen den blauen Himmel vor seinem Blick dastand, kam ihm doch merkwürdigerweise nicht ein einzigesmal in Erinnerung, dass er vor einiger Zeit einmal geträumt habe, bei der Verschüttung Pompejis durch den Kraterausbruch im Jahre 79 zugegen gewesen zu sein. Das stundenlange Umherwandern machte ihn wohl müde und halb schläfrig, allein von etwas Traumhaftem empfand er nicht den geringsten Anhauch, sondern ihn umgab lediglich ein Gewirr von Bruchstücken alter Thorbogen, Säulen und Mauern, im höchsten Masse bedeutungsvoll für die archäologische Wissenschaft, doch ohne die esotherische Beihülfe dieser angesehen, eigentlich nicht viel Anderes, als ein grosser, zwar sauber aufgeräumter, indess ausserordentlich nüchterner Schutthaufen. Und obwohl Wissenschaft und Träumen sonst zu einander auf einem gegensätzlichen Fusse zu stehen gewöhnt waren, hatten sie offenbar heute hier ein Uebereinkommen getroffen, Norbert Hanold gleicherweise ihre Hülfsleistungen zu entziehn und ihn völlig der Zwecklosigkeit seines Umhergehens und -Stehens zu überlassen.

So war er vom Forum bis zum Amphitheater, von der Porta di Stabia zur Porta del Vesuvio, durch die Gräberstrasse wie durch unzählige andere kreuz und quer gewandert, und die Sonne hatte währenddessen ebenfalls ihren gewohnten Vormittagsweg gemacht, bis zu der Stelle hin, wo sie ihren Aufstieg vom Bergrücken her zum bequemeren Abstieg nach der Seeseite umzuändern pflegte. Damit aber gab sie den von der Reisepflicht hergenöthigten Engländern und Amerikanern, männlichen wie weiblichen, zur grossen Zufriedenheit ihrer unverstanden heiser geredeten Führer ein Zeichen, auch der besseren Bequemlichkeit des Sitzens an den Mittagstischen der beiden Dioskuren-Gasthöfe eingedenk zu werden; sie hatten ausserdem alles mit eignen Augen angesehen, was für die Conversation jenseits des grossen und des Aermelwassers erforderlich sein konnte, und so traten die von der Vergangenheit vollgesättigten Einzeltrupps den Rückzug an, ebbten in gemeinsamer Bewegung durch die Via Marina ab, um an den allerdings ziemlich euphemistisch-lucullischen Tafeln der Gegenwart im Hause des Diomedes und des Mr. Swiss für ihren Magen nicht den Kürzeren zu ziehen. In Anbetracht sämmtlicher innerer und äusserer Umstände war dies zweifellos auch das Klügste, was sie zu thun vermochten, denn die Maimittagssonne meinte es zwar entschieden mit den Eidechsen, Schmetterlingen und sonstigen geflügelten Bewohnern oder Besuchern der weiten Trümmerstätte sehr gut, dagegen für den nordländischen Teint einer Mistress oder Miss begann ihre scheitelrechte Aufdringlichkeit unbedingt weniger liebsam zu werden. Und vermuthlich in einem Causalverband damit hatten die ›charmings‹ sich in der letzten Stunde bereits erheblich vermindert, die ›shockings‹ sich um ebensoviel vermehrt und die männlichen ›auhs‹, zwischen noch weiter als vorher auseinandergeklafterten Zahnreihen hervorkommend, einen bedenklichen Uebergang zum Gähnen angetreten.

Merkwürdig aber war's, wie gleichzeitig mit diesem Wegschwinden das, was ehemals die Stadt Pompeji gewesen, ein ganz verändertes Gesicht annahm. Nicht etwa ein lebendiges, vielmehr schien's sich jetzt erst völlig zu todter Reglosigkeit zu versteinern. Doch aus dieser rührte ein Gefühl an, dass der Tod zu sprechen anfange, nur nicht in einer für Menschenohren vernehmbaren Weise. Allerdings klang es da und dort, als komme ein raunender Ton aus dem Gestein hervor, den weckte indess nur der leise flüsternde Südwind auf, der alte Atabulus, der vor zwei Jahrtausenden so um die Tempel, Hallen und Häuser gesummt hatte und nun mit den grünen, flimmernden Halmen auf den niedrigen Mauerresten sein tändelndes Spiel trieb. Von der Küste Afrikas brauste er oftmals, aus voller Brust wildes Gefauch ausstossend, herüber; das that er heute nicht, umfächelte nur sanft die wieder ans Licht zurückgekehrten alten Bekannten. Von seiner eingeborenen Wüstenart dagegen konnte er nicht lassen, blies Alles, was er auf seinem Wege traf, wenn auch noch so leis, mit heissem Athem an.

Dabei half ihm die Sonne, die seine ewig jungbleibende Mutter war. Sie verstärkte seinen glühenden Hauch und vollbrachte dazu, was er nicht konnte, übergoss Alles mit zitterndem, blinkendem und blendendem Glanz. Wie mit einem goldenen Radirmesser löschte sie an den Häuserrändern der semitae und crepidines viarum, wie man einst die Trottoire benannt hatte, jeden schmalen Schattenstrich weg, warf in alle vestibula, atria, peristylia und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein Ueberdach ihnen den graden Zugang wehrte, unter dies abspringende Funken hinein. Kaum irgendwo gab's noch einen Winkel, dem es gelang, sich gegen das Lichtgewoge zu schützen und mit einem silbernen Dämmergewebe zu umhüllen; jegliche Strasse zog sich zwischen den alten Mauerwerken wie ein langer, zum Bleichen ausgebreiteter, weissrieselnder Linnenstreifen dahin. Und ohne Ausnahme alle gleich reglos und lautlos, denn nicht nur die schnarrenden und näselnden Sendboten Englands und Amerikas waren bis auf den letzten aus ihnen verschwunden, auch das bisherige kleine Leben der Lacerten und Falter schien ebenso die schweigsame Trümmerstatt verlassen zu haben. Sie hatten's wohl in Wirklichkeit nicht gethan, doch der Blick nahm keine Bewegung mehr von ihnen gewahr. Wie's seit Jahrtausenden der Brauch ihrer Vorfahren draussen an den Berghängen und Felswänden gewesen, wenn der grosse Pan sich zum Schlafen hingelegt, hatten sie auch hier, um ihn nicht zu stören, sich regungslos ausgestreckt oder, die Flügel zusammenfaltend, da und dort hingekauert. Und es war, als empfänden sie hier noch verstärkter das Gebot der heissen, heiligen Mittagsstille, in deren Geisterstunde das Leben verstummen und sich niederdrücken müsse, weil die Todten in ihr aufwachten und in tonloser Geistersprache zu reden begannen.

Dies andere Gesicht, das rundherum die Dinge angenommen, drängte sich eigentlich weniger den Augen auf, als das Gefühl, oder richtiger ein unbenannter sechster Sinn davon angerührt wurde, dieser aber so stark und nachhaltig, dass ein mit ihm Begabter sich der auf ihn geübten Wirkung nicht zu entziehen vermochte. Zu den derartig Ausgerüsteten hätte allerdings unter den bereits mit dem Suppenlöffel beschäftigten schätzbaren Tischgästen der beiden alberghi am Ingresso schwerlich Einer oder Eine gezählt, doch Norbert Hanold hatte die Natur einmal so veranlagt, und er musste die Folge davon über sich ergehen lassen. Durchaus nicht, weil er selbst damit im Einverständniss war; er wollte garnichts und wünschte nichts weiter, als anstatt sich auf die zwecklose Frühlingsreise begeben zu haben, ruhig mit einem lehrreichen Buch in der Hand in seiner Studirstube zu sitzen. Allein wie er jetzt aus der Gräberstrasse durch das Herculanerthor ins Stadtinnere zurückgekehrt und völlig absichts- und gedankenlos bei der Casa di Sallustio linkshin in den schmalen Vicolo abgebogen war, ward auf einmal jener sechste Sinn in ihm aufgeweckt. Oder eigentlich traf diese letzte Bezeichnung nicht zu, vielmehr wurde er von demselben in einen wunderlich traumhaften Zustand versetzt, der sich zwischen wacher Besinnung und ihrem Verlust ungefähr in der Mitte hielt. Wie überall ein Geheimniss behütend, lag die lichtübergossene Todesstille rings um ihn her, so athemlos, dass auch seine eigene Brust kaum Luft zu schöpfen wagte. Er stand an einer Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio durchschnitt die breitere, zur Rechten und Linken sich lang hindehnende Strada di Mercurio; dem Handelsgott entsprechend, hatten hier ehemals Handel und Gewerbe ihren Sitz gehabt, stumm redeten die Strassenecken davon. Mehrfach öffneten sich nach ihnen tabernae, Verkaufsläden mit zersprungenen marmorbelegten Ladentischen; hier wies die Einrichtung auf eine Bäckerei hin, dort eine Anzahl grosser, rundbauchiger Thonkrüge auf eine Oel- und Mehlhandlung. Gegenüber zeigten, in die Tischplatte eingelassen, schlankere, gehenkelte Amphoren an, dass der Raum hinter ihnen eine Schänkstube gewesen sei, doch dicht mochten sich hier abends auch Sklaven und Mägde der Nachbarschaft gedrängt haben, um in eigenen Krügen aus der caupona Wein für ihre Herrschaften zu holen; man sah, die nicht mehr lesbare, mit Mosaiksteinchen eingelegte Inschrift auf der semita vor dem Laden war von vielen Füssen abgetreten, vermuthlich hatte sie den Vorüberkommenden eine Anpreisung des vini praecellentis entgegengehalten. Von der Mauerwand blickte ein ›graffito‹ her, nur in halber Manneshöhe, wahrscheinlich von einem Schuljungen mit dem eignen Nagel oder einem eisernen in den Bewurf eingeritzt, vielleicht spöttisch jene Lobpreisung dahin erläuternd, dass des Schankwirths Wein seine Unübertrefflichkeit nicht sparsamem Zusatz von Wasser verdanke.

Denn aus dem Gekritzel schien sich vor den Augen Norbert Hanold's das Wort caupo herauszuheben, oder wars nur Täuschung, sicher feststellen konnte er's nicht. Er besass eine entschiedene Fertigkeit in der Entzifferung schwer enträthselbarer graffiti, hatte schon rühmlich Anerkanntes darin geleistet, doch gegenwärtig versagte sie ihm vollständig. Nicht das nur, er trug ein Gefühl in sich, dass er überhaupt kein Latein verstehe, und es sei widersinnig von ihm, lesen zu wollen, was vor zwei Jahrtausenden ein pompejanischer Quartaner in die Wand gekratzt habe. Seine ganze Wissenschaft hatte ihn nicht allein verlassen, sondern liess ihn auch ohne das geringste Begehren, sie wieder aufzufinden; er erinnerte sich ihrer nur wie aus einer weiten Ferne, und in seiner Empfindung war sie eine alte, eingetrocknete, langweilige Tante gewesen, das ledernste und überflüssigste Geschöpf auf der Welt. Was sie mit hochgelehrter Miene über die verrunzelten Lippen brachte und als Weisheit vortrug, war Alles eitel leere Wichtigthuerei, klaubte nur an den dürren Schalen der Erkenntnissfrüchte herum, ohne von ihrem Inhalt, dem Wesenskerne etwas zu offenbaren und zu innerem Verständnissgenuss zu bringen. Was sie lehrte, war eine leblose archäologische Anschauung, und was ihr vom Mund kam, eine todte, philologische Sprache. Die verhalfen zu keinem Begreifen mit der Seele, dem Gemüth, dem Herzen, wie man's nennen wollte, sondern wer danach Verlangen in sich trug, der musste als einzig Lebendiger allein in der heissen Mittagsstille hier zwischen den Ueberresten der Vergangenheit stehen, um nicht mit den körperlichen Augen zu sehen und nicht mit den leiblichen Ohren zu hören. Dann kam's überall hervor, ohne sich zu regen, und begann zu reden ohne Laut – dann löste die Sonne die Gräberstarre der alten Steine, ein glühender Schauer durchrann sie, die Todten wachten auf, und Pompeji fing an, wieder zu leben.

Nicht eigentlich blasphemische Gedanken im Kopf Norbert Hanold's waren's, nur ein unbestimmtes, doch jenes Beiwort gleichfalls vollverdienendes Gefühl, und mit diesem sah er, regungslos stehend, vor sich hinaus, die Strada di Mercurio gegen die Stadtmauer zu hinunter. Die vielkantigen Lavablöcke ihrer Pflasterung lagen noch so tadellos zusammengefügt wie vor ihrer Verschüttung und waren im Einzelnen von einer hellgrauen Farbe, doch brütete so blendender Glanz auf ihnen, dass sie sich wie ein gestepptes silberweisses Band zwischen den schweigenden Mauern und Säulentrümmern an den Seiten in glimmender Leere hinzogen.

Da plötzlich –

Mit geöffneten Augen blickte er die Strasse entlang, doch war's ihm, als thue er's in einem Traum. Darin trat plötzlich ein wenig abwärts von rechts her aus der casa di Castore e Polluce etwas hervor, und über die Lavatrittsteine, die vor dem Hause zur anderen Seite der Strada di Mercurio hinüberführten, schritt leichtbehend die Gradiva dahin.

Ganz zweifellos war sie's; wenn auch die Sonnenstrahlen ihre Gestalt wie mit einem dünnen Goldschleier umgaben, nahm er sie doch deutlich und genau so im Profil, wie auf dem Relief, gewahr. Ein wenig neigte der Kopf sich vor, dessen Scheitel ein auf den Nacken zurückfallendes Tuch überschlang, die linke Hand hielt das ausserordentlich reichfaltige Kleid leicht aufgerafft, und nicht weiter als bis zu den Knöcheln reichend, liess es klar erkennen, dass bei der vorschreitenden Bewegung der rechte Fuss sich im Zurückbleiben, wenn auch nur einen Moment lang, auf den Zehenspitzen mit der Ferse beinah' senkrecht emporhob. Nur stellte hier nicht ein Steingebild alles in gleichmässiger Farblosigkeit dar, das Gewand, sichtlich aus äusserst weich-schmiegsamem Stoff verfertigt, sah nicht mit kaltem Marmorweiss, sondern einem leicht ins Gelbliche fallenden warmen Ton an, und das leisgewellt unter dem Kopftuch auf der Stirn und an der Schläfe hervorblickende Haar hob sich mit goldbraunem Glanz von der Alabasterfarbe des Gesichtes ab.

Zugleich mit dem Anblick aber war's Norbert hell im Gedächtniss aufgewacht, dass er sie schon einmal so im Traum hier habe gehen seh'n, in der Nacht, als sie sich drüben am Forum ruhig wie zum Schlafen auf die Stufen des Apollotempels hingelegt hatte. Und mit dieser Erinnerung zusammen kam ihm noch etwas Anderes zum erstenmal zum Bewusstwerden: Er sei, ohne selbst von dem Antrieb in seinem Innern zu wissen, desshalb nach Italien und ohne Aufenthalt von Rom und Neapel bis Pompeji weitergefahren, um danach zu suchen, ob er hier Spuren von ihr auffinden könne. Und zwar im wörtlichen Sinne, denn bei ihrer besonderen Gangart musste sie in der Asche einen von allen übrigen sich unterscheidenden Abdruck der Zehen hinterlassen haben.

Ein Mittagstraumbild war's wieder, was sich da vor ihm bewegte, und doch auch eine Wirklichkeit. Denn das sprach aus einer Wirkung, die es verursachte. Auf dem jenseitigen letzten Trittsteine lag im brennenden Sonnenlicht bewegungslos eine grosse Lacerte ausgestreckt, deren wie aus Gold und Malachit zusammengewobener Leib deutlich bis zu den Augen Norberts herleuchtete. Aber vor dem herannahenden Fuss schoss sie jetzt plötzlich herunter und ringelte sich über die weissglimmernden Lavaplatten der Strasse davon.

Die Gradiva überschritt in ihrer ruhigen Hurtigkeit die Trittsteine und ging, nun den Rücken wendend, auf dem Trottoir der andren Seite fort, ihr Wegziel schien das Haus des Adonis zu sein. Vor dem hielt sie auch einen Augenblick an, doch bewegte sich dann, wie nach andrem Besinnen, durch die Strada di Mercurio weiter abwärts. In dieser lag zur Linken von vornehmeren Gebäuden nur noch, nach den zahlreich dort aufgedeckten Apollobildern benannt, die casa di Apollo, und dem ihr Nachschauenden kam's wieder, dass sie sich ja auch den Porticus des Apollotempels zum Todesschlaf ausgewählt hatte. So stand sie wahrscheinlich in einem näheren Verband mit dem Cultus des Sonnengottes und begab sich dorthin. Bald indess hielt sie nochmals an; Trittsteine überkreuzten auch hier die Strasse, und sie schritt wieder zur rechten Seite derselben zurück. So wendete sie jetzt ihre andere Profilseite zu und nahm sich ein wenig verändert aus, da ihre linke, das Gewand aufschürzende Hand nicht sichtbar ward und statt ihrer gebogenen Armhaltung die rechte gradlinig herabhing. In der weiteren Entfernung aber umwoben sie nun die goldwelligen Sonnenstrahlen mit dichterem Schleiergewirk, liessen nicht mehr unterscheiden, wo sie, auf einmal vor dem Haus des Meleager verschwindend, geblieben sei.

Norbert Hanold stand noch, ohne ein Glied gerührt zu haben. Nur mit den Augen, und diesmal mit den leiblichen, hatte er Schritt um Schritt ihr kleiner werdendes Bild in sich aufgenommen. Jetzt holte er zum erstenmal tief Athem, denn auch seine Brust war beinah reglos geblieben.

Zugleich aber hielt der sechste Sinn, die übrigen zur Nichtigkeit niederdrängend, ihn völlig in seiner Macht. War das, was eben vor ihm gestanden, ein Erzeugniss seiner Phantasie oder Wirklichkeit gewesen?

Er wusste es nicht, nicht ob er wache oder träume, suchte sich vergeblich darauf zu besinnen. Dann jedoch überlief's ihm plötzlich mit einem sonderbaren Schauer den Rücken. Er sah und hörte nichts, doch fühlte an geheimen Schwingungen seines Innern, dass Pompeji in der Mittagsgeisterstunde rings um ihn her zu leben begonnen hatte, und so lebte in ihr auch die Gradiva wieder und war in das Haus gegangen, das sie vor dem verhängnissvollen Augusttage des Jahres 79 bewohnt hatte.

Er kannte die casa di Meleagro von früherem Besuch, war diesmal jedoch noch nicht dahin gekommen, sondern hatte nur im Museo Nazionale Neapels kurz vor dem Wandgemälde des Meleager und seiner arkadischen Jagdgenossin Atalanta angehalten, das in jenem Hause der Mercurstrasse gefunden und nach dem das letztere benannt worden. Doch wie er nun, wieder zur Bewegungsfähigkeit gelangt, gleichfalls diesem zuschritt, ward ihm zweifelhaft, ob es wirklich seinen Namen nach dem Erleger des kalydonischen Ebers trage. Er entsann sich plötzlich eines griechischen Dichters Meleager, der allerdings wohl etwa um ein Jahrhundert vor der Zerstörung Pompejis gelebt hatte. Aber ein Nachkomme von ihm konnte hierher gerathen sein und sich das Haus erbaut haben. Das stimmte mit etwas anderem in seinem Gedächtniss Aufgewachten überein, denn er erinnerte sich seiner Vermuthung oder vielmehr gewissen Ueberzeugung, die Gradiva sei von griechischer Abkunft gewesen. Daneben freilich mischte sich in seine Vorstellung das Bild der Atalanta ein, wie's Ovid in einer der Metamorphosen geschildert: Oben schloss ihr Gewand mit dem Dorn die geglättete Spange, Kunstlos lag ihr das Haar in den einzelnen Knoten gesammelt.

Nicht im Wortlaut konnte er sich auf die Verse besinnen, doch ihr Inhalt war ihm gegenwärtig; und aus seinem Kenntnissvorrath gesellte sich hinzu, dass die junge Gattin des Oeneussohnes Meleagros Kleopatra geheissen habe. Mit grösserer Wahrscheinlichkeit aber handelte sich's nicht um den, sondern um den griechischen Dichter Meleager. So gaukelte es in der campanischen Sonnengluth mythologisch-literarhistorisch-archäologisch durch seinen Kopf.

An den Häusern des Castor und Pollux und des Centauren vorübergekommen, stand er jetzt vor der Casa di Meleagro, von deren Schwelle ihm, noch erkennbar, der eingelegte Gruss ›Have‹ entgegensah. An der Wand des Vestibulum überreichte Mercurius der Fortuna einen mit Geld gefüllten Beutel; das wies vermuthlich allegorisch auf Reichthum und sonstige glückliche Umstände der ehemaligen Bewohner hin. Dahinter öffnete sich das Atrium, dessen Mitte ein runder, von drei Greifen getragener Marmortisch einnahm.

Leer und lautlos lag der Raum da, den Hineingetretenen völlig fremd anblickend, keine Erinnerung weckend, dass er schon hier gewesen sei. Doch dann tauchte sie ihm auf, denn das Hausinnere bot eine Abweichung von dem der übrigen ausgegrabenen Gebäude der Stadt. An das Atrium schloss sich nicht in gebräuchlicher Art das Peristylium jenseits des Tablinums nach rückwärts an, sondern zur linken Seite, dafür aber von weiterem Umfang und prächtigerer Ausstattung, als irgend ein anderes in Pompeji. Es war von einem Porticus umrahmt, den zwei Dutzend an der unteren Hälfte roth bemalte, an der oberen weisse Säulen trugen. Die verliehen dem grossen, schweigsamen Raume Feierliches; hier befand sich in der Mitte eine Piscina in Gestalt eines Brunnens mit schön gearbeiteter Umfassung. Nach Allem musste das Haus einem angesehenen Manne von Bildung und Kunstsinn zur Wohnstatt gedient haben.

Die Augen Norbert's gingen umher, und sein Ohr horchte. Doch auch hier regte sich nirgendwo etwas, klang kein leisester Ton. Zwischen diesem kalten Gestein gab es keinen Athemzug des Lebens mehr; wenn die Gradiva sich in das Haus des Meleager begeben hatte, war sie bereits wieder in nichts zergangen.

An die Rückseite des Peristyls stiess noch ein Raum, ein Oecus, der einstmalige Festsaal, ebenfalls an drei Seiten von Säulen, doch gelb bemalten, umgeben, die von weitem im Lichtauffall wie mit Gold belegt schimmerten. Zwischen ihnen indess leuchtete ein noch weit glühenderes Roth, als von den Wänden herüber, mit dem kein Pinsel des Alterthums, sondern die heutige junge Natur den Boden übermalt hatte. Dessen früheres kunstvolles Paviment lag völlig zerstört, verfallen und verwittert; Mai war's, der seine urälteste Herrschermacht hier wieder übte, und den ganzen Oecus bedeckte, wie zur Zeit in vielen Häusern der Gräberstadt, gleicherweise rothblühender Feldmohn, dessen Samenkörner die Winde herübergetragen und die Asche zum Aufgehen gebracht. Ein Gewoge dichtzusammengedrängter Blüthen war's, oder so erschien's, obwohl sie in Wirklichkeit unbeweglich dastanden, denn der Atabulus fand zu ihnen herunter keinen Zugang, summte nur in der Höhe leise darüber weg. Doch die Sonne warf so flammendes Glanzgezitter auf sie nieder, dass es den Eindruck regte, als schwankten in einem Weiher rothe Wellen hin und her.

Norbert Hanold's Augen waren in andren Häusern achtlos über den ähnlichen Anblick hingegangen, aber hier ward er davon seltsam durchschauert. Die Traumblume erfüllte den Raum, am Rande des Lethewassers aufgewachsen, und Hypnos lag dazwischen hingestreckt, aus den Säften, welche die Nacht in den rothen Kelchen gesammelt, sinnumdämmernden Schlaf ausspendend. Dem durch den Porticus des Peristyls in den Oecus Hineingeschrittenen war's, als fühle er seine Schläfe vom unsichtbaren Schlummerstab des alten Besiegers der Götter und Menschen angerührt, doch nicht mit schwerer Betäubung, nur eine traumhaft süsse Lieblichkeit umwob ihm das Bewusstsein. Dabei indess blieb er noch Herr seines Fusses, setzte ihn an der Wand des ehmaligen Festsaales hin weiter vor, von der alte Bilder hersahen: Paris, den Apfel zutheilend, ein Satyr, der eine Aspisschlange in der Hand trug und eine junge Bacchantin mit ihr ängstigte.

Aber da wiederum plötzlich, unvorgesehen – nur etwa fünf Schritte von ihm entfernt, in dem schmalen Schatten, den ein einzelnes, noch erhalten gebliebenes Oberstück des Saalporticus herabwarf, sass zwischen zweien der gelben Säulen auf den niedrigen Stufen eine hellgewandete, weibliche Gestalt, die mit leichter Bewegung jetzt den Kopf ein wenig emporhob. Dadurch bot sie dem unbemerkt Herangekommenen, dessen Fusstritt sie offenbar erst eben vernommen, die Vollansicht ihres Antlitzes entgegen, das eine Doppelempfindung bei ihm hervorrief, denn es erschien seinen Augen zugleich als ein fremdes und doch auch als ein bekanntes, schon gesehenes oder vorgestelltes. Aber am Stocken seines Athemzuges und Aussetzen seines Herzschlages erkannte er als unzweifelhaft, wem es angehöre. Er hatte gefunden, wonach er gesucht, was ihn unbewusst nach Pompeji getrieben; die Gradiva führte ihr Scheinleben in der mittägigen Geisterstunde noch fort und sass hier vor ihm, so wie er sie im Traum sich auf die Stufen des Apollotempels niederlassen gesehn. Auf ihren Knien lag etwas Weisses ausgebreitet, das sein Blick klar zu unterscheiden nicht fähig war; ein Papyrusblatt schien's zu sein, und eine Mohnblüthe hob sich mit rothem Scheine von ihm ab.

In ihrem Gesicht drückte sich eine Ueberraschung aus, unter dem glanzbraunen Haare und der schönen alabasterfarbigen Stirn sahen ihn zwei ausserordentlich hellgesternte Augen mit fragender Verwunderung an. Nur weniger Momente jedoch bedurfte es für ihn, dann hatte er die Uebereinstimmung ihrer Züge mit denen des Profils erkannt. So mussten sie, von vorn wahrgenommen, sein, und deshalb waren sie ihm doch auch beim ersten Blick nicht wirklich fremd gewesen. In der Nähe erhöhte ihr weisses Kleid durch die leichte Neigung ins Gelbliche den warmen Farbenton noch; sichtlich bestand's aus einem feinen, äusserst weichen Wollenstoff, der den reichen Faltenwurf veranlasste, und aus dem gleichen war das um den Kopf geschlagene Tuch verfertigt. Darunter schimmerte im Nacken mit einem Theil wieder das braune Haar hervor, kunstlos in einem einzelnen Knoten gesammelt; vorn am Hals, unter dem zierlichen Kinn, hielt eine kleine goldene Spange das Gewand zusammengeschlossen.

Das gelangte Norbert Hanold in halber Deutlichkeit zur Wahrnehmung, unwillkürlich hatte er nach seinem leichten Panamahut gefasst, ihn abgezogen, und nun kam ihm in griechischer Sprache vom Mund: »Bist du Atalanta, die Tochter des Jasos, oder entstammst du dem Hause des Dichters Meleager?«

Die Angeredete blickte ihn, ohne eine Antwort zu geben, lautlos mit dem ruhig-klugen Ausdruck ihrer Augen an, und zwei Gedanken durchkreuzten sich in ihm: Entweder vermochte ihr wiedererstandenes Scheindasein überhaupt nicht zu sprechen oder sie war doch nicht von griechischer Abkunft und der Sprache unkundig. So vertauschte er diese mit der lateinischen und fragte in ihr: »War dein Vater ein vornehmer Bürger Pompejis von latinischem Ursprung?«

Darauf erwiderte sie indess ebensowenig, nur um ihre feingeschwungenen Lippen ging etwas leise Huschendes, als drängten sie eine Lachanwandlung zurück. Jetzt befiel's ihn mit Schreck; offenbar sass sie nur als ein stummes Bild vor ihm, ein Schemen, dem die Sprache versagt war. Die Bestürzung über diese Erkenntniss prägte sich voll in seinen Zügen aus.

Aber da vermochten ihre Lippen dem Antriebe nicht mehr zu widerstehen, ein wirkliches Lächeln umspielte sie, und zugleich klang zwischen ihnen eine Stimme hervor: »Wenn Sie mit mir sprechen wollen, müssen Sie's auf Deutsch thun.«

Das war eigentlich merkwürdig aus dem Munde einer vor zwei Jahrtausenden verstorbenen Pompejanerin, oder wär' es für einen Hörer in anderer Sinnesverfassung gewesen. Doch Norbert verging jede Befremdlichkeit unter zwei über ihm zusammenschlagenden Empfindungswogen, der einen, dass die Gradiva Sprachfähigkeit besass, und der andern, die von ihrer Stimme aus seinem Innern aufgedrängt worden. Die klang grade so hell, wie's der Blick ihrer Augen war; nicht scharf, doch an eine angeschlagene Glocke erinnernd, ging ihr Ton durch die Sonnenstille über das blühende Mohngefild hin, und dem jungen Archäologen kam's plötzlich zum Bewusstsein, in sich, in seiner Vorstellung habe er sie schon so gehört. Und unwillkürlich gab er seinem Gefühl laut Ausdruck: »Ich wusste es, so klänge deine Stimme.«

In ihrem Gesicht stand zu lesen, sie suche nach einem Verständniss für etwas, doch finde es nicht. Auf seine letzte Aeusserung entgegnete sie nun: »Wie konnten Sie das? Sie haben doch noch nie mit mir gesprochen.«

Ihm war's nicht im Geringsten mehr auffällig, dass sie Deutsch sprach und ihn nach dem heutigen Brauch in der dritten Person anredete; da sie's that, begriff er vielmehr völlig, es könne nicht anders geschehn, und er erwiderte schnell: »Nein, gesprochen nicht – aber ich rief dir zu, als du dich zum Schlafen hinlegtest, und stand dann bei dir – dein Gesicht war so ruhig-schön wie von Marmor. Darf ich dich bitten – leg' es noch einmal wieder so auf die Stufe zurück –«

Während seines Sprechens hatte sich etwas Eigenthümliches begeben. Von den Mohnblüthen her war ein goldfarbiger Falter, am Innenrand der Oberflügel leicht roth überhaucht, zu den Säulen herangeflattert, umgaukelte ein paarmal den Kopf der Gradiva und liess sich dann auf dem braunen Haargewell über ihrer Stirn nieder. Zugleich aber wuchs ihre Gewalt schlank und hoch empor, denn sie stand mit einer ruhig-raschen Bewegung auf, richtete Norbert Hanold kurz und stumm noch einen Blick entgegen, aus dem etwas sprach, als ob sie ihn für einen Irrsinnigen ansehe, und den Fuss vorsetzend, schritt sie in ihrer Gangart, den Säulen des alten Porticus entlang, davon. Nur flüchtig noch sichtbar, dann schien sie in den Boden versunken zu sein.

Er stand athemberaubt, wie betäubt, doch hatte er mit dumpfem Verständniss aufgefasst, was sich vor seinen Augen zugetragen habe. Die Mittagsgeisterstunde war vorüber und in der Gestaltung eines Schmetterlings von der Asphodeloswiese des Hades herauf eine geflügelte Botin gekommen, um die Abgeschiedene an ihre Rückkehr dorthin zu mahnen. Damit verband sich ihm, ob auch in verworrener Undeutlichkeit, noch etwas Anderes. Er wusste, dass der schöne Falter der Mittelmeerländer den Namen Kleopatra trug, und so hatte die junge Gattin des kalydonischen Meleager geheissen, die aus Schmerz über seinen Tod sich selbst den Unterirdischen zum Opfer gebracht.

Von seinem Mund irrte der Fortschreitenden ein Ruf nach: »Kehrst du morgen in der Mittagsstunde wieder hieher?« Doch sie wendete sich nicht um, gab keine Antwort und verschwand nach wenig Augenblicken im Winkel des Oecus hinter den Säulen. Nun durchfuhr's ihn jäh wie mit einem treibenden Stoss, dass er ihr nacheilte. Aber ihr helles Gewand kam nirgendwo mehr zum Vorschein, von den heissen Sonnenstrahlen überflammt, lag rings um ihn die Casa di Meleagro ohne Regung und Laut, nur die Kleopatra schwebte auf ihren rothschimmernden Goldflügeln, langsame Kreise ziehend, wieder über dem dichten Gedränge der Mohnblüthen dahin.

  • * *

Wann und auf welche Weise er zum Ingresso zurückgekommen sei, war Norbert Hanold nicht im Gedächtniss haften geblieben; er trug nur in der Erinnerung, dass sein Magen peremptorisch verlangt hatte, sich sehr verspätet im Diomed etwas auftischen zu lassen, und dann war er auf dem ersten besten Wege ziellos davongewandert, an den Golfstrand nördlich von Castellamare gerathen, wo er sich auf einen Lavablock gesetzt und der Seewind ihm um den Kopf geblasen, bis die Sonne ungefähr in der Mitte zwischen dem Monte Sant Angelo über Sorrent und dem Monte Epomeo auf Ischia untergegangen. Doch trotz diesem jedenfalls mehrstündigen Aufenthalt am Wasser hatte er aus der frischen Luft dort für seine geistige Sinnesbeschaffenheit keinen Vortheil gezogen, sondern kehrte zum Gasthof ziemlich im nämlichen Zustand zurück, in dem er ihn verlassen. Er traf die übrigen Gäste bei emsiger Beschäftigung mit der ›cena‹ an, liess sich in einem Winkel der Stube einen Fiaschetto mit Vesuvwein bringen, betrachtete die Gesichter der Speisenden und hörte ihren Unterhaltungen zu. Aus den Mienen Aller, wie aus ihren Reden aber ging ihm als vollkommen zweifellos hervor, dass niemand unter ihnen einer todten, in der Mittagsstunde wieder flüchtig zum Leben gelangten Pompejanerin begegnet sei und mit ihr gesprochen habe. Dies war allerdings von vornherein anzunehmen gewesen, da sie sich um die Zeit sämmtlich beim pranzo befunden hatten; warum und wozu eigentlich, wusste er sich nicht anzugeben, doch nach einer Weile ging er zum Concurrenten des Diomed ins ›Hotel Suisse‹ hinüber, setzte sich auch dort in eine Ecke, da er etwas bestellen musste, ebenfalls vor ein Fläschchen Vesuvio, und gab sich hier mit Augen und Ohren den gleichen Nachforschungen hin. Sie führten genau zu dem nämlichen Ergebniss, nur ausserdem noch zu dem weiteren, dass ihm nunmehr sämmtliche zeitweiligen lebendigen Besucher Pompejis von Angesicht zu Angesicht bekannt geworden waren. Das bildete zwar einen Zuwachs seiner Kenntnisse, den er kaum als Bereicherung ansehen konnte, allein dennoch berührte ihn daraus eine gewisse befriedigende Empfindung, dass in den beiden Unterkunftstätten kein Gast, weder männlichen, noch weiblichen Geschlechtes, vorhanden sei, zu dem er nicht vermittelst Ansehens und Anhörens in ein, wenn auch einseitiges, persönliches Verhältniss getreten war. Selbstverständlich war ihm mit keinem Gedanken die widersinnige Annahme in den Sinn gekommen, er könne möglicherweise in einer der beiden Wirthschaften die Gradiva antreffen, aber er hätte eidlich zu beschwören vermocht, dass sich Niemand in jenen aufhalte, der oder die mit ihr nur im Allerentferntesten eine Spur von Aehnlichkeit besitze. Während seiner Betrachtungen hatte er aus dem Fiaschetto ab und zu in sein Glas geschenkt, dies hin und wieder ausgetrunken, und als dadurch allgemach der erstere inhaltslos geworden, stand er auf und ging zum Diomed zurück. Den Himmel hielten jetzt unzählbare blitzende und flimmernde Sterne übersäet, jedoch nicht in der herkömmlich-unbeweglichen Weise, sondern es erregte Norbert den Eindruck, als ob der Perseus, die Kassiopeia und die Andromeda mit noch einigen Nachbarn und Nachbarinnen, sich leicht hierhin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen aufführten, und auch unten auf dem Erdboden, schien's ihm, beharrten die dunklen Schattenrisse der Baumwipfel und Baulichkeiten nicht ganz auf dem nämlichen Standpunkt. Das konnte auf dem von altersher schwanken Boden der Gegend freilich nicht grade Wunder nehmen, denn die unterirdische Glut lauerte überall nach einem Aufbruch und liess auch ein Weniges von sich in die Rebstöcke und Trauben emporsteigen, aus denen der Vesuvio gekeltert wurde, der nicht zu den gewohnten Abendgetränken Norbert Hanold's zählte. Allein dieser trug in der Erinnerung, wenngleich dem Wein ein bischen mit an der kreisenden Bewegung der Dinge zuzuschreiben sein mochte, dass alle Gegenstände schon seit der Mittagsstunde eine Neigung offenbart hatten, sich leise um seinen Kopf herumzudrehen, und so empfand er in dem bischen Mehr nichts Neues, sondern nur eine Fortsetzung des bereits vorher Gewesenen. Er stieg zu seiner Camera hinan und stand noch ein Weilchen am offenen Fenster, nach dem Vesuvkegel hinüberblickend, über dem jetzt keine Rauchpinie den Wipfel ausbreitete, vielmehr umfloss ihn etwas wie das Hin- und Herwallen eines dunkelpurpurnen Mantels. Dann kleidete der junge Archäologe sich, ohne Licht angezündet zu haben, aus und suchte seine Lagerstätte. Doch wie er sich auf diese hinstreckte, war sie nicht das Bett des Diomed, sondern ein rothes Mohnfeld, dessen Blüthen als ein weiches, sonnenheisses Kissen über ihm zusammenschlugen. Seine Feindin, die musca domestica communis, sass in halbhundertfältiger Anzahl, vom Dunkel zu lethargischem Stumpfsinn gebändigt, über seinem Kopf an der Stubenwand, nur eine schnurrte ihm, selbst in der Schlaftrunkenheit von ihrer Martergier getrieben, um die Nase. Aber er erkannte sie nicht als das absolut Böse, die Jahrtausende alte Geissel der Menschheit, denn vor seinen geschlossenen Augen schwebte sie als eine rothgoldene Kleopatra um ihn her.

Als am Morgen die Sonne unter reger Beihülfe der Fliegen ihn aufweckte, konnte er sich nicht besinnen, was in der Nacht noch weiter an wundersamen ovidischen Metamorphosen um sein Bett vorgegangen sei. Doch zweifellos hatte irgend ein mystisches Wesen, unablässig Traumgespinnste webend, neben ihm gesessen, denn er fühlte seinen Kopf vollständig damit angefüllt und verhängt, so dass alle Denkfähigkeit darin ausweglos eingesperrt sass und nur das Eine ihm im Bewusstsein stand, er müsse genau um die Mittagsstunde wieder im Hause des Meleager sein. Dabei hatte sich indess eine Scheu seiner bemächtigt, wenn die Thorhüter am Ingresso ihm ins Gesicht sähen, würden sie ihn nicht hineinlassen, überhaupt sei's nicht rathsam, dass er sich in der Nähe der Beobachtung von Menschenaugen aussetze. Dem zu entgehen, gab's für den Pompeji-Kundigen ein, freilich vorschriftswidriges Mittel, doch er befand sich nicht in der Verfassung, gesetzlichen Anordnungen eine Bestimmung seines Verhaltens zuzuerkennen, stieg wieder, wie am Abend seiner Ankunft, zur alten Stadtmauer hinan und umschritt auf dieser in weitem Halbbogen die Trümmerwelt bis zur einsam-unbewachten Porta di Nola. Hier fiel's nicht schwierig, in's Innere hinunterzugelangen, und er begab sich abwärts, ohne sein Gewissen übermässig damit zu beschweren, dass er der ›amministrazione‹ durch sein selbstherrliches Verfahren vorderhand zwei Lire Eintrittsgeld entzog, die er ihr wohl später auf irgend eine andere Weise zukommen lassen konnte. So hatte er ungesehn einen sonst von Niemandem aufgesuchten, interesselosen, zum grössten Theile noch unausgegrabenen Stadttheil erreicht, setzte sich in einen verborgenen Schattenwinkel und wartete, dann und wann seine Uhr zu Rath ziehend, auf das Vorrücken der Zeit. Einmal traf sein Blick in einiger Entfernung auf etwas silberweiss glänzend aus dem Schutt Aufragendes, ohne dass sein unsicheres Sehvermögen erkannte, was es sei. Doch trieb's ihn unwillkürlich, hinanzugehn, und da stellte es sich als ein hoher, ganz mit weissen Glockenkelchen behängter Asphodelos-Blüthenschaft heraus, dessen Samen der Wind von draussen hierhergetragen. Die Blume der Unterwelt war's, deutungsvoll und, wie's ihm zum Gefühl kam, für sein Vorhaben bestimmt hier aufzuwachsen; er brach den schlanken Stengel ab und kehrte damit nach seinem Sitz zurück. Mehr und mehr brannte die Maisonne heiss wie gestern nieder, näherte sich endlich ihrer Mittagshöhe, und nun machte er sich durch die lange Strada di Nola auf den Weg. Diese lag todesstill verlassen, wie auch fast alle übrigen schon; drüben nach Westen drängten sich bereits sämmtliche Vormittagsbesucher wieder der Porta Marina und den Suppentellern zu. Nur gluthdurchwirkte Luft zitterte, und in der Glanzblendung erschien die einsame Gestalt Norbert Hanold's mit der Asphodilstaude wie die eines in moderner Kleidung daherschreitenden Hermes Psychopompos, auf der Wanderung begriffen, um eine abgeschiedene Seele zum Hades hinunterzugeleiten.

Nicht bewusst, doch einem Instinkttrieb folgend, fand er sich durch die Strada della Fortuna weiter bis zur Mercurstrasse zurecht und gelangte, rechtshin in diese abbiegend, vor die Casa di Meleagro. Ebenso leblos wie gestern empfingen ihn hier das Vestibulum, Atrium und Peristylium, zwischen den Säulen des letzteren flammten die Mohnblüthen des Oecus herüber. Dem in diesen Eintretenden aber war's nicht deutlich, ob er gestern oder vor zweitausend Jahren hier gewesen sei, um bei dem Eigenthümer des Hauses irgend eine Erkundigung einzuziehn, die für die archäologische Wissenschaft grösste Wichtigkeit besessen; welche, wusste er sich indess nicht anzugeben, und ausserdem war ihm, ob auch in einem Widerspruch damit, die gesammte Alterthumswissenschaft das Zweckloseste und Gleichgültigste auf der Welt. Er begriff nicht, dass ein Mensch sich mit ihr befassen könne, da es doch nur ein Einziges gab, auf das sich alles Denken und Ergründen richten musste; von welcher Beschaffenheit die körperliche Erscheinung eines Wesens sei, das zugleich todt und lebendig, wenn auch dies letztere nur in der Mittagsgeisterstunde, war. Oder nur grade am gestrigen Tage gewesen war, vielleicht nur ein einzigesmal in einem Jahrhundert oder Jahrtausend, denn ihn überfiel's jetzt plötzlich mit Gewissheit, seine heutige Rückkehr hieher sei vergeblich. Er treffe die Gesuchte nicht an, weil ihr nicht verstattet worden, wieder zu kommen, erst nach einer Zeit, in der auch er seit lange nicht mehr zu den Lebenden gehöre, ebenfalls todt, begraben und vergessen sei. Allerdings, wie sein Fuss nun an der Wand unter dem apfelaustheilenden Paris entlang schritt, gewahrte sein Blick die Gradiva ebenso wie gestern vor sich, in derselben Gewandung zwischen den gleichen zwei gelben Säulen auf der nämlichen Stufe sitzend. Doch er liess sich nicht von einem Gaukelspiel seiner Einbildungskraft täuschen, sondern wusste, nur die Phantasie gestalte ihm als Trugwerk wieder vor Augen, was er gestern dort in Wirklichkeit gesehn. Nicht umhin aber konnte er, sich der Anschauung der von ihm selbst geschaffenen wesenlosen Erscheinung hinzugeben, stand anhaltend, und ohne sein Wissen kamen ihm in einem Ton des Leides die Worte vom Mund: »O, dass du noch wärest und lebtest!«

Seine Stimme verhallte, und danach lag wieder das hauchlose Schweigen zwischen den Ueberresten des alten Festsaales. Doch dann durchklang eine andere die leere Stille und sagte: »Willst du dich nicht auch setzen? Du siehst ermüdet aus.«

Norbert Hanold's Herzschlag stand einmal still. So viel brachte sein Kopf an Besinnung zusammen: Eine Vision vermochte nicht zu sprechen. Oder übte auch eine Gehörhallucination Betrug an ihm? Starr dreinblickend, stützte er sich mit der Hand an einer Säule.

Da fragte die Stimme wieder, und es war die, welche niemand sonst als die Gradiva besass: »Bringst du mir die weisse Blume?«

Ein Betäubungsschwindel fasste ihn an, er fühlte, dass die Füsse ihn nicht mehr hielten, sondern zum Sitzen zwangen, und er liess sich ihr gegenüber an der Säule auf die Stufe niedergleiten. Ihre hellen Augen waren auf sein Gesicht gerichtet, doch mit andersgeartetem Blick, als mit dem sie ihn gestern bei ihrem plötzlichen Aufstehen und Davongehn angesehen hatte. Aus dem hatte etwas Unmuthiges und Zurückweisendes gesprochen, das war weggeschwunden, als ob sie inzwischen zu einer veränderten Auffassung gelangt sei, und ein Ausdruck von suchender Neugier oder Wissbegier an die Stelle getreten. Und ähnlich schien sie sich auch darauf besonnen zu haben, dass die heute bräuchliche Anrede in der dritten Person ihrem Munde und den Umständen des Raumes nicht angemessen sei, denn sie hatte sich auch des ›Du‹ bedient, und es kam ihr eigentlich ohne Schwierigkeit, wie etwas Natürliches von den Lippen. Da er aber auf ihre letzte Frage gleichfalls stumm geblieben war, nahm sie nochmals wieder das Wort und sagte:

»Du sprachst gestern, du hättest mir einmal zugerufen, als ich mich zum Schlafen hingelegt, und nachher bei mir gestanden; mein Gesicht sei da ganz weiss wie Marmor gewesen. Wann und wo war das? Ich kann mich nicht daran erinnern und bitte dich, es mir genauer mitzutheilen.«

Norbert hatte jetzt so viel Sprachfähigkeit gewonnen, dass ihm möglich fiel, zu antworten: »In der Nacht, als du dich am Forum auf die Stufen des Apollotempels setztest und der Aschenfall vom Vesuv dich zudeckte.«

»Ach so – damals. Ja richtig – das war mir nicht eingefallen. Aber ich hätte mir denken können, dass es eine derartige Bewandtniss damit haben müsse. Als du's gestern sagtest, kam's mir nur zu unerwartet und ich war zu wenig darauf vorbereitet. Doch das geschah, wenn ich mich recht besinne, vor bald zwei Jahrtausenden. Lebtest du denn damals schon? Mich däucht, du siehst jünger aus.«

Sie sprach's sehr ernsthaft, nur am Schluss spielte ihr ein leichtes, äusserst anmuthiges Lächeln um den Mund. Er war in eine verlegene Unschlüssigkeit gerathen und erwiderte ein wenig stotternd: »Nein, wirklich, glaub' ich, lebte ich wohl im Jahre 79 noch nicht – es war vielleicht – ja, es ist wohl der Seelenzustand, den man Traum nennt, gewesen, der mich in die Zeit vom Untergang Pompejis zurückbrachte – aber ich erkannte dich auf den ersten Blick wieder –«

In den Zügen der ihm nur auf ein paar Schritte Entfernung gegenüber Sitzenden kennzeichnete sich merklich eine Ueberraschung, und sie wiederholte mit einem Ton von Verwunderung: »Du erkanntest mich wieder? In dem Traum? Woran?«

»Gleich zuerst an deiner besonderen Gangart.«

»Auf die hattest du Acht gegeben? Und gehe ich denn besonders?«

Ihr Erstaunen hatte sich wahrnehmbar noch erhöht; er versetzte: »Ja – weisst du's selbst nicht? – anmuthreicher, als irgend eine sonst, wenigstens unter den jetzt Lebenden giebt es keine. Doch ich erkannte dich auch sofort an allem Uebrigen, der Gestalt und dem Antlitz, deiner Haltung und Gewandung, denn Alles stimmte aufs genaueste mit deinem Reliefbild in Rom überein.«

»Ach so –« wiederholte sie noch einmal in ähnlichem Ton, wie vorher – »mit meinem Reliefbild in Rom. Ja, daran hatte ich auch nicht gedacht und weiss sogar im Augenblick nicht genau – wie ist es doch – und dort hast du's also gesehen?«

Nun berichtete er, der Anblick desselben habe ihn so angezogen, dass er hocherfreut gewesen sei, in Deutschland einen Abguss davon zu bekommen, der schon seit Jahren in seinem Zimmer hänge. Den betrachte er täglich, ihm sei die Vermuthung aufgegangen, das Bild müsse eine junge Pompejanerin darstellen, die in ihrer Heimatstadt über die Trittsteine einer Strasse wegschreite, und das habe jener Traum ihm bestätigt. Jetzt wisse er auch, dass er dadurch getrieben worden, wieder hierher zu reisen, um nachzusuchen, ob er nicht irgendeine Spur von ihr auffinden könne. Und wie er gestern Mittags an der Ecke der Mercurstrasse gestanden, sei sie selbst plötzlich grade ebenso wie ihr Bildniss vor ihm über die Trittsteine weggeschritten, als ob sie sich drüben in das Haus des Apollo begeben wollte. Dann habe sie weiterhin die Strasse wieder zurück überkreuzt und sei vor dem Hause des Meleager verschwunden.

Dazu nickte sie mit dem Kopf und sagte: »Ja, ich hatte die Absicht, das Haus des Apollo aufzusuchen, ging dann jedoch hierher.«

Er fuhr fort: »Dadurch kam mir der griechische Dichter Meleager ins Gedächtniss, und ich glaubte, du seiest eine Nachkommin von ihm und kehrtest – in der Stunde, die es dir verstattet – in dein Vaterhaus zurück. Aber, als ich dich griechisch ansprach, verstandest du es nicht.«

»War das griechisch? Nein, das verstand ich nicht oder hab' es wohl vergessen. Doch wie du jetzt wiederkamst, hörte ich dich etwas sprechen, was mir verständlich wurde. Du drücktest den Wunsch aus, Jemand möchte doch noch da sein und leben. Nur begriff ich nicht, wen du damit meintest.«

Das liess ihn erwidern, er habe bei ihrem Anblick geglaubt, sie sei es nicht wirklich, sondern nur seine Phantasie täusche ihm ihr Bild an der Stelle, wo er sie gestern angetroffen, wieder vor. Dazu lächelte sie und pflichtete bei: »Es scheint, dass du Grund haben magst, dich vor einem Uebermass von Einbildungsvermögen in Acht zu nehmen, obwohl ich bei meinem Zusammensein mit dir nicht auf solche Vermuthung gekommen war.« Aber sie brach davon ab und fügte nach: »Was ist es denn mit meiner Gangart, von der du vorhin sprachst?«

Merkbar war's, dass ein in ihr rege gewordenes Interesse sie darauf zurückbrachte, und ihm kam vom Mund: »Wenn ich dich bitten darf –«

Dabei indess stockte er, denn ihm gerieth schreckhaft in Erinnerung, dass sie gestern plötzlich aufgestanden und davongeschritten sei, als er sie gebeten hatte, sich noch einmal so auf der Stufe, wie auf der des Apollotempels, zum Schlaf hinzulegen, und dunkel brachte etwas in seinem Kopf den Blick, den sie beim Weggang auf ihn gerichtet, damit in Verbindung. Doch jetzt erhielt sich der ruhig-freundliche Ausdruck ihrer Augen gleichmässig fort, und da er nicht weiter sprach, sagte sie: »Es war artig von dir, dass dein Wunsch, Jemand möge noch leben, mir galt. Wenn du dafür etwas von mir bitten willst, erfülle ich es dir gern.«

Das beschwichtigte seine Furcht, und er entgegnete: »Es würde mich glücklich machen, dich in der Nähe so gehen zu sehn, wie dein Bildniss –«

Bereitwillig, ohne etwas zu erwidern, stand sie auf, schritt eine Strecke zwischen der Wand und den Säulen entlang. Genau die ihm so festeingeprägte, ruhig-behende Gangart mit der sich fast senkrecht emporhebenden Sohle war's, nur nahm er zum erstenmal gewahr, dass sie unter dem fussfreien Gewand keine Sandalen, sondern sandfarbig helle Schuhe von feinem Leder trug. Als sie zurückkehrte und sich schweigend wieder hinsetzte, zog er unwillkürlich diesen Unterschied ihrer Fussbekleidung von der auf dem Relief in Rede. Darauf entgegnete sie: »Die Zeit ändert ja immerzu an Allem, und für die gegenwärtige passen Sandalen nicht, darum lege ich Schuhe an, die besser gegen Staub und Regen schützen. Aber wesshalb batest du mich, vor dir zu gehen? Was ist denn Besonderes daran?«

Ihr nochmals ausgedrückter Wunsch, dies zu erfahren, bekundete sie nicht ganz von einer weiblichen Neugierde frei. Der Befragte erläuterte nun, dass es sich um die eigenartig hohe Aufstellung ihres zurückgehaltenen Fusses während des Ausschreitens handle, und knüpfte daran, wie er in seiner Heimat mehrere Wochen lang auf der Strasse den Gang der heutigen Frauen zu beobachten gesucht habe. Doch es scheine, dass diese schöne Bewegungsweise ihnen völlig verloren gegangen sei, mit Ausnahme vielleicht von einer einzigen, die ihm einmal den Eindruck, so zu gehen, gemacht. Sicher habe er dies indess in dem Menschengedränge um sie her nicht feststellen können, und ihn wohl eine Augentäuschung befallen gehabt, da ihm vorgekommen sei, als ob auch ihre Gesichtszüge etwas denen der Gradiva geähnelt hätten.

»Wie schade,« antwortete sie, »denn die Feststellung wäre doch von grosser wissenschaftlicher Bedeutung gewesen, und wenn sie dir gelungen wäre, hättest du vielleicht die weite Reise hierher nicht zu machen gebraucht. Doch von wem sprachst du eben? Wer ist die Gradiva?«

»So habe ich mir dein Bild benannt, da ich deinen wirklichen Namen nicht wusste – und auch jetzt noch nicht weiss.«

Das Letzte setzte er ein bischen zögernd hinzu, und auch ihr Mund zauderte ein wenig, ehe sie auf die indirecte Frage seiner Nachfügung erwiderte: »Ich heisse Zoë.«

Ihm entflog mit einem schmerzlichen Ton: »Der Name steht dir schön an, aber er klingt mir als ein bitterer Hohn, denn Zoë heisst das Leben.«

»Man muss sich in das Unabänderliche finden,« entgegnete sie, »und ich habe mich schon lange daran gewöhnt, todt zu sein. Nun aber ist für heute meine Zeit vorbei; du hast die Grabesblume mitgebracht, dass sie mich auf den Weg zurückgeleiten soll. So gieb sie mir.«

Aufstehend, streckte sie die schmale Hand vor, und er reichte ihr die Asphodelosstaude, doch behutsam, ihre Finger nicht zu berühren. Den Blüthenzweig annehmend, sagte sie: »Ich danke dir. Solchen, die besser daran sind, giebt man im Frühling Rosen, doch für mich ist die Blume der Vergessenheit aus deiner Hand die richtige. Morgen wird es mir verstattet sein, um diese Stunde noch wieder hierher zu kommen. Wenn auch dich dein Weg dann noch einmal ins Haus des Meleager führt, können wir uns wie heute am Mohnrand gegenübersitzen. Auf seiner Schwelle steht: Have, und ich spreche es dir: Have!«

Sie ging und verschwand wie gestern an der Umbiegung des Porticus, als ob sie dort in den Boden niedergesunken sei. Leer und stumm lag Alles wieder, nur aus einiger Entfernung her scholl einmal kurz ein heller, gleich wieder abgebrochener Ton wie von einem lachenden Ruf eines über die Trümmerstadt hinfliegenden Vogels. Der Zurückgebliebene sah auf den verlassenen Stufensitz hinunter, dort schimmerte etwas Weisses, das Papyrusblatt schien's zu sein, das die Gradiva gestern auf den Knien gehalten und heute mitzunehmen vergessen hatte. Doch wie er scheu die Hand danach streckte, war's ein kleines Skizzenbuch mit Bleistiftzeichnungen verschiedener Ueberreste aus mehreren Häusern Pompejis. Das vorletzte Blatt zeigte den Greifentisch im Atrium der Casa di Meleagro abgebildet, und auf dem letzten war ein Anfang gemacht, über die Mohnblüthen des Oecus hin den Durchblick durch die Säulenreihe des Peristyls wiederzugeben. Ebenso Verwundersames rührte daraus an, dass die Abgeschiedene in einem Skizzenbuch von heutiger Art zeichnete, wie dass sie ihren Gedanken in deutscher Sprache Ausdruck gab. Doch waren das nur geringfügige Wunderzugaben neben der grossen ihrer Wiederbelebung, und offenbar benützte sie die mittägige Freistunde dazu, die Umgebung, in der sie einst gelebt, mit ungewöhnlicher künstlerischer Begabung sich gegenwärtig zu erhalten. Die Darstellungen zeugten von fein ausgebildetem Auffassungssinn, wie jedes ihrer Worte von klugem Denkvermögen, und vermuthlich hatte sie oftmals an dem alten Greifentisch gesessen, so dass er ihr ein besonders werthvolles Erinnerungsstück war.

Mechanisch ging Norbert mit dem Büchlein ebenfalls den Porticus entlang und nahm an der Stelle, wo dieser umbog, in der Mauer einen schmalen Spalt gewahr, doch breit genug, um eine Gestalt von ungewöhnlicher Schlankheit in das Nebengebäude und wohl weiter nach dem Vicolo del Fauno an der andern Seite des Hauses hindurchzulassen. Zugleich aber durchschoss es ihm den Kopf mit der Erkenntniss, die Zoë-Gradiva versinke hier nicht in den Boden – das war an sich auch vernunftwidrig, und er begriff nicht, es geglaubt zu haben – sondern begebe sich auf diesem Wege zu ihrer Gruft zurück. Die musste in der Gräberstrasse sein, und fortstürzend, eilte er in die Mercurstrasse hinaus und weiter bis zum Thor des Hercules. Allein, als er an diesem athemlos und in Schweiss gebadet eintraf, war's schon zu spät; leer dehnte sich die breite Strada di Sepolcri weissblendend hinunter, nur an ihrem Ende schien hinter dem glitzernden Strahlenvorhang ein leichter Schatten ungewiss vor der Villa des Diomedes zu zergehen.

  • * *

Norbert Hanold verbrachte die zweite Hälfte dieses Tages mit einem Gefühl, dass Pompeji überall oder wenigstens da, wo er sich grad aufhalte, in eine Nebelwolke eingehüllt sei. Die war nicht nach ihrer sonstigen Art grau, düster und trübsinnig, vielmehr eigentlich heiter und äusserst vielfarbig, blau, roth und braun, hauptsächlich leicht gelblich-weiss und alabasterweiss, dazu von Sonnenstrahlen mit goldenen Fäden durchsponnen. Auch beeinträchtigte sie weder das Sehvermögen des Auges, noch die Gehörkraft des Ohres, nur durch sie hindurch denken liess sich nicht, und das machte doch eine Wolkenmauer daraus, deren Wirkung mit dem dichtesten Nebel wetteiferte. Dem jungen Archäologen war's ungefähr, als werde ihm allstündlich in unsichtbarer und auch sonst nicht bemerkbarer Weise ein Fiaschetto mit Vesuvio beigebracht, der einen unterlasslosen Kreislauf in seinem Gehirn ausführe. Davon suchte er sich instinktiv durch Anwendung von Gegenmitteln zu befreien, indem er einerseits häufig Wasser trank, andrerseits möglichst viel und weit umherlief. Seine medicinischen Kenntnisse waren nicht umfangreich, allein sie verhalfen ihm doch zu der Diagnose, dieser unbekannte Zustand müsse einem zu starken Blutandrang nach dem Kopf, vielleicht in Verbindung mit einer beschleunigten Herzthätigkeit, entspringen, denn er fühlte die letztere, ebenfalls als etwas ihm bisher völlig Fremdartiges, ab und zu an einem raschen Klopfen gegen seine Brustwandung. Im Uebrigen verhielten sich seine Gedanken, die nicht nach aussen durchdringen konnten, im Innern keineswegs unthätig, oder richtiger war's nur ein Gedanke, der dort den Alleinbesitz angetreten hatte und eine rastlose, wenngleich vergeblich bleibende Geschäftigkeit betrieb. Er drehte sich dabei immerwährend um die Frage herum, von welcher leiblichen Beschaffenheit die Zoë-Gradiva sein möge, ob sie während ihres Aufenthaltes im Hause des Meleager ein körperhaftes Wesen oder nur eine Trugnachahmung dessen, das sie ehemals besessen habe, sei. Für das Erstere schien physikalisch-physiologisch-anatomisch zu reden, dass sie über Organe zum Sprechen verfügte und mit den Fingern einen Bleistift zu halten vermochte. Aber bei Norbert überwog doch die Annahme, wenn er sie berühren, etwa seine Hand auf die ihrige legen würde, träfe er damit nur auf leere Luft. Sich darüber zu vergewissern, trieb ihn ein eigenthümlicher Drang, indess eine ebenso grosse Scheu hielt ihn in der Vorstellung auch davon zurück. Denn er empfand, die Bestätigung jeder der beiden Möglichkeiten müsse etwas Bangniss Einflössendes mit sich bringen. Die Körperhaftigkeit der Hand würde ihn mit einem Schreck durchfahren und ihre Körperlosigkeit ihm einen starken Schmerz verursachen.

Mit diesem, nach wissenschaftlicher Ausdrucksweise ohne Anstellung eines Experimentes nicht lösbaren Problem fruchtlos beschäftigt, gelangte er bei seiner weiten Umherwanderung am Nachmittag bis zu den südwärts von Pompeji aufsteigenden Vorbergen der grossen Gebirgsgruppe des Monte Sant' Angelo, und traf hier unvorgesehen mit einem älteren, schon graubärtigen Herrn zusammen, der nach seiner Ausrüstung mit allerhand Geräthschaften ein Zoolog oder Botaniker zu sein und an einem heissbesonnten Abhang eine Nachspürung anzustellen schien. Der drehte den Kopf um, da Norbert dicht an ihn hingerathen war, sah diesen einen Augenblick überrascht an und sagte dann: »Interessiren Sie sich auch für die Faraglionensis? Das hätte ich kaum vermuthet, aber mir ist es durchaus wahrscheinlich, dass sie sich nicht nur auf den Faraglionen bei Capri aufhält, sondern sich mit Ausdauer auch am Festland finden lassen muss. Das vom Collegen Eimer angegebene Mittel ist wirklich gut, ich habe es schon mehrfach mit bestem Erfolg angewendet. Bitte, halten Sie sich ganz ruhig –«

Der Sprecher brach ab, setzte behutsam einige Schritte am Gelände empor vorwärts und hielt, sich reglos auf den Boden hinstreckend, eine aus einem langen Grashalm hergestellte kleine Schlinge vor eine schmale Felsritze, aus der das bläulich schillernde Köpfchen einer Eidechse hervorsah. So blieb er ohne die leiseste Bewegung liegen, und Norbert Hanold wendete sich hinter seinem Rücken geräuschlos um und kehrte auf den Weg, den er gekommen, zurück. Ihm war's dunkel, das Gesicht des Lacertenjägers sei schon einmal, wahrscheinlich in einem der beiden Gasthöfe, an seinen Augen vorübergegangen, darauf wies auch die Anrede desselben hin. Es hatte etwas kaum Glaubliches, was für närrisch merkwürdige Vorhaben Leute zu der weiten Fahrt nach Pompeji veranlassen konnten; froh, dass es ihm gelungen sei, sich so rasch von dem Schlingensteller loszumachen und wieder im Stande zu sein, seine Denkkraft auf das Problem der Körperhaftigkeit oder -losigkeit zurückzurichten, begab er sich auf die Rückwanderung. Doch verleitete ein Seitenweg ihn einmal zu unrichtigem Abbiegen und brachte ihn, statt zum westlichen Rand, an das Ostende der langgestreckten alten Stadtmauer; in seine Gedanken vertieft, nahm er die Irrung erst gewahr, als er dicht an ein Gebäude herangekommen, das weder der ›Diomed‹ noch das ›Hotel Suisse‹ war. Trotzdem trug es die Anzeichen einer Wirthschaft an sich, unweit davon erkannte er die Reste des grossen pompejischen Amphitheaters, und ihm kam von früher ins Gedächtniss, dass in der Nähe des letzteren noch ein Gasthaus, der ›Albergo del Sole‹, vorhanden sei, wegen seiner abgelegenen Entfernung vom Bahnhof meistens nur von einer geringen Gästezahl aufgesucht werde und ihm selbst auch unbekannt geblieben sei. Der Weg hatte ihm heiss gemacht, dazu das nebelhafte Kreisen in seinem Kopf nicht vermindert, so trat er in die offene Thür ein und liess sich das von ihm als nützlich gegen den Blutandrang erachtete Mittel einer Flasche kohlensauren Wassers geben. Das Zimmer stand, selbstverständlich bis auf den vollzählig versammelten Fliegenbesuch, leer, und der unbeschäftigte Wirth nützte, mit dem Eingekehrten eine Unterhaltung anknüpfend, die Gelegenheit, sein Haus und die darin enthaltenen ausgegrabenen Schätze bestens in Empfehlung zu bringen. Nicht grade unverständlich deutete er darauf hin, dass es in der Nähe von Pompeji Leute gäbe, bei denen unter den vielen von ihnen zum Verkauf ausgestellten Gegenständen kein einziges Stück echt, sondern alle nachgemacht seien, während er, sich mit einer geringeren Anzahl begnügend, seinen Gästen nur zweifellos Ungefälschtes anbiete. Denn er erwarb lediglich Dinge, bei deren Zutageförderung er selbst anwesend war, und im Weitergang seiner Beredsamkeit ergab sich, dass er auch zugegen gewesen, als man in der Gegend des Forum das junge Liebespaar aufgefunden, das sich bei der Erkenntniss des unabwendbaren Unterganges fest mit den Armen umschlungen und so den Tod erwartet habe. Davon hatte Norbert schon früher gehört, darüber als über eine Fabelerfindung irgend eines besonders phantasiereichen Erzählers die Achsel gezuckt, und er wiederholte dies auch jetzt, wie der Wirth ihm zum Beleg eine mit grüner Patina überkrustete Metallspange herbeiholte, die in seiner Gegenwart neben den Ueberresten des Mädchens aus der Asche gesammelt worden. Aber als der im Sonnenhof Eingekehrte sie in die eigene Hand nahm, übte doch die Einbildungskraft solche Uebermacht auf ihn aus, dass er plötzlich, ohne weiteres kritisches Bedenken, den dafür verlangten Engländerpreis entrichtete und eilig mit seinem Erwerb den ›Albergo di Sole‹ verliess. In diesem sah er bei einer nochmaligen Umdrehung oben an einem offenstehenden Fenster einen in ein Wasserglas gestellten, mit weissen Blüthen behängten Asphodilschaft herabnicken, und ohne eines logischen Zusammenhanges dafür zu bedürfen, durchdrang's ihn bei dem Anblick der Gräberblume, dass von ihr ihm eine Beglaubigung der Echtheit seines neuen Besitzthums zu Theil werde.

Dies betrachtete er, jetzt längs der Stadtmauer den Weg zur Porta Marina innehaltend, zugleich angespannt und scheu, vor allem mit einem zwiespältigen Gefühl. Es war also doch kein Märchen, dass ein junges Liebespaar in solcher Umschlingung unweit des Forums ausgegraben worden sei, und dort am Apollotempel hatte er die Gradiva sich zum Todesschlaf hinlegen gesehn. Aber nur in einem Traum, das wusste er jetzt bestimmt; in Wirklichkeit konnte sie vom Forum noch weitergegangen, mit Jemand zusammengetroffen und gemeinsam mit ihm gestorben sein.

Aus der grünen Spange zwischen seinen Fingern durchfloss ihn ein Gefühl, sie habe der Zoë-Gradiva angehört, das Gewand derselben am Halse geschlossen gehalten. Dann aber war diese die Geliebte, Verlobte, vielleicht die junge Frau dessen gewesen, mit dem sie zusammen sterben gewollt.

Es wandelte Norbert Hanold an, die Spange fortzuschleudern. Sie brannte seine Finger, als ob sie in glühenden Zustand gerathe. Oder richtiger, sie verursachte ihm den Schmerz, wie bei der Vorstellung, dass er seine Hand auf die der Gradiva lege und nur leere Luft antreffe.

Indess die Vernunft behauptete in seinem Kopf die Oberhand, er liess ihn nicht willenlos von der Phantasie beherrschen. Wie wahrscheinlich es sein mochte, fehlte doch der unumstössliche Beweis, dass die Spange ihr angehört habe, und dass sie es gewesen sei, die man in den Armen des jungen Mannes aufgefunden. Diese Erkenntniss verhalf ihm zur Fähigkeit eines befreienden Athemzuges, und als er im Dämmerungsbeginn den ›Diomed‹ erreichte, hatte die langstündige Umherwandrung seiner gesunden Constitution doch auch leibliches Nahrungsbedürfniss eingebracht. Er verzehrte die ziemlich spartanische Abendkost, die der ›Diomed‹ trotz seiner argivischen Abkunft bei sich am Tisch adoptirt hatte, nicht ohne Esslust und nahm dabei zwei im Laufe des Nachmittags neueingetroffene Gäste gewahr. Durch Aussehen und Sprache kennzeichneten sie sich als Deutsche, ein Er und eine Sie; sie hatten beide jugendliche, einnehmende und mit einem geistigen Ausdruck begabte Gesichtszüge; ihr Verhältniss zu einander liess sich nicht entnehmen, doch schloss Norbert nach einer gewissen Aehnlichkeit auf ein Geschwisterpaar. Allerdings unterschied das Haar des jungen Mannes sich durch Blondfarbigkeit von ihrem lichtbraunen; sie trug eine rothe Sorrentiner Rose am Kleid, deren Anblick an etwas im Gedächtniss des aus seiner Stubenecke Hinüberschauenden rührte, ohne dass er sich darauf besinnen konnte, was es sei. Die Beiden waren die ersten ihm auf seiner Reise Begegnenden, von denen er einen sympathischen Eindruck empfing. Sie redeten, bei einem Fiaschetto sitzend, miteinander, weder zu laut vernehmbar, noch in besorglichem Flüsterton, augenscheinlich bald über ernsthafte Dinge und bald über heitere, denn zuweilen ging gleichzeitig um ihre Lippen ein halblachender Zug, der ihnen hübsch stand und Lust zu einer Antheilnahme an ihrer Unterhaltung erweckte. Oder vielleicht bei Norbert hätte erwecken können, wenn er um zwei Tage früher mit ihnen in dem sonst nur von den Anglo-Amerikanern bevölkerten Raum zusammengetroffen wäre. Doch er fühlte, was in seinem Kopf vorging, stehe in einem zu starken Gegensatz zu der fröhlichen Natürlichkeit der Beiden, um die unverkennbar kein leisester Nebel lag und die zweifellos nicht über die Wesensbeschaffenheit einer vor zwei Jahrtausenden Verstorbenen tiefgrundig nachsannen, sondern sich ohne alle Abmühung an einem räthselvollen Problem ihres Lebens in der gegenwärtigen Stunde freuten. Damit stimmte sein Zustand nicht zusammen; er kam sich einerseits höchst überflüssig für sie vor und scheute andrerseits vor dem Versuch, eine Bekanntschaft mit ihnen anzuknüpfen, zurück, da er eine dunkle Empfindung hatte, ihre heiteren, hellen Augen könnten ihm durch die Stirnwandung in seine Gedanken hineinsehen und dabei einen Ausdruck annehmen, als ob sie ihn nicht ganz richtig bei Verstand hielten. So begab er sich zu seinem Zimmer hinauf, stand noch etwas wie gestern, nach dem nächtigen Purpurmantel des Vesuv hinüberblickend, am Fenster und legte sich dann zur Ruhe. Uebermüdet, schlief er auch bald ein und träumte, doch merkwürdig unsinnig. Irgendwo in der Sonne sass die Gradiva, machte aus einem Grashalm eine Schlinge, um eine Eidechse drin zu fangen, und sagte dazu: »Bitte halte dich ganz ruhig – die Collegin hat recht, das Mittel ist wirklich gut, und sie hat es mit bestem Erfolg angewendet –«

Norbert Hanold kam's im Traum zum Bewusstwerden, das sei in der That vollständige Verrücktheit, und er warf sich herum, um von ihr loszukommen. Dies gelang ihm auch durch die Beihülfe eines unsichtbaren Vogels, der einen kurzen lachenden Ruf ausstiess, wie es schien, die Lacerte im Schnabel forttrug, und danach war Alles verschwunden.

  • * *

Beim Aufwachen erinnerte er sich, dass in der Nacht eine Stimme gesprochen habe, im Frühling gäbe man Rosen, oder eigentlich ward ihm dies durch die Augen ins Gedächtniss gerufen, da sein aus dem Fenster gehender Blick drunten auf einen mit rothen Blumen leuchtenden Strauch fiel. Sie waren von der nämlichen Art wie die, welche die junge Dame vor der Brust getragen, und als er hinuntergekommen, pflückte er unwillkürlich ein paar von ihnen ab und roch daran. Es musste mit den Sorrentiner Rosen in der That eine absondere Bewandtniss haben, denn ihr Duft bedünkte ihn nicht nur wundervoll, sondern auch völlig neu und fremdartig, und dabei, als ob sie eine etwas lösende Wirkung in seinem Kopf ausübten. Wenigstens entledigten sie ihn seiner gestrigen Scheu vor den Thorwächtern, er begab sich vorschriftsmässig durch den Ingresso nach Pompeji hinein, entrichtete unter einer Vorgabe den doppelten Betrag des Eintrittsgeldes und schlug rasch Wege ein, die ihn aus der Nähe der übrigen Besucher davonbrachten. Das kleine Skizzenbuch aus der Casa di Meleagro trug er nebst der grünen Spange und den rothen Rosen mit sich, doch zu frühstücken hatte er über dem Duft der letzteren vergessen, und seine Gedanken befanden sich nicht in der Gegenwart, sondern ausschliesslich auf die Mittagsstunde vorausgerichtet. Bis zu der war's indess noch lang, er musste die Wartezeit verbringen und trat zu dem Behuf bald in dieses, bald in jenes Haus ein, von dem ihm wahrscheinlich vorkam, dass auch die Gradiva es ehemals öfter betreten habe oder noch jetzt zuweilen aufsuche – seine Annahme, dass sie lediglich um Mittag dazu im stande sei, war etwas ins Schwanken gerathen. Vielleicht stand's ihr auch noch zu anderen Tagesstunden frei, möglicherweise ebenfalls bei Nacht im Mondschein; verwunderlich bekräftigten ihm diese Muthmassung die Rosen, wenn er sie einathmend an seine Nase hielt, und dieser neuen Auffassung kam sein Nachsinnen willfährig und überzeugungsbereit entgegen. Denn er konnte sich das Zeugniss zuerkennen, dass er durchaus nicht bei einer vorgefassten Meinung beharre, vielmehr jeder vernünftigen Einwendung freien Lauf lasse, und eine solche machte sich hier entschieden, nicht nur logisch, auch ebenso wünschenswerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei einer Begegnung mit ihr auch die Augen Anderer im stande seien, sie als leibliche Erscheinung wahrzunehmen, oder ob nur den seinigen die Befähigung dazu innewohne. Das erstere liess sich nicht abweisen, behauptete sogar die Wahrscheinlichkeit für sich und wandelte das Wünschenswerthe zum Gegentheil um, versetzte ihn in eine unmuthig-unruhige Stimmung. Der Gedanke, Andere könnten sie ebenfalls anreden, sich zu ihr setzen, um eine Unterhaltung mit ihr zu führen, entrüstete ihn; darauf besass nur er ein Anrecht oder jedenfalls ein Vorrecht, denn er hatte die Gradiva, von der niemand sonst gewusst, entdeckt, sie täglich betrachtet, in sich aufgenommen, gewissermassen mit seiner Lebenskraft durchdrungen, und ihm war's, als ob er ihr dadurch ein Leben wieder verliehen habe, das sie ohne ihn nicht besessen hätte. Daraus aber fiel seinem Gefühl ein Recht zu, auf das er allein Anspruch erheben durfte und verweigern konnte, es mit irgendjemand sonst zu theilen.

Der vorschreitende Tag war noch heisser als die beiden voraufgegangenen, die Sonne schien es heut' auf eine ganz ausserordentliche Leistung abgesehen zu haben und machte nicht nur in archäologischer, auch in praktischer Hinsicht bedauerlich, dass die Wasserleitung Pompejis seit zwei Jahrtausenden zerborsten und ausgetrocknet dalag. Strassenbrunnen erhielten da und dort ihr Gedächtniss fort und legten ingleichem noch Zeugniss von ihrer umstandslosen Benützung durch vorübergekommene durstige Leute ab. Sie hatten, um sich an das verschwundene Mündungsrohr vorzubücken, eine Hand auf den marmornen Brunnenrand gestützt und diesen, wie der Tropfen den Stein höhlte, allmählich an der Stelle zu einer Einmuldung ausgeschürft; Norbert machte diese Wahrnehmung an einer Ecke der Strada della Fortuna, ihm stieg daraus die Vorstellung auf, dass auch die Hand der Zoë-Gradiva sich ehemals hier so aufgestützt haben möge, und unwillkürlich legte seine Hand sich in die kleine Aushöhlung hinein. Doch verwarf er die Annahme sogleich, empfand einen Verdruss über sich selbst, dass er darauf hatte gerathen können. Sie stand in keinem Einklang zu dem Wesen und Benehmen der jungen Pompejanerin aus feingebildetem Hause; Entwürdigendes lag darin, dass sie sich so übergebeugt und ihre Lippen an das nämliche Rohr gelegt haben sollte, aus dem die Plebs mit rohem Munde trank. Im edlen Sinn Schicklicheres, als es sich in ihrem Thun und ihren Bewegungen kundgab, war ihm noch nie zu Gesicht gekommen; ihn überkam's schreckhaft, sie könne ihm den unglaublich verstandwidrigen Einfall ansehen. Denn ihre Augen besassen etwas Eindringliches; ihn hatte ein paarmal das Gefühl angerührt, während seines Zusammenseins mit ihr trachteten sie danach, einen Zugang ins Innere seines Kopfes auszufinden und darin wie mit einer stahlhellen Sonde herumzusuchen. Er musste desshalb sehr behutsam Acht geben, dass sie nichts Thörichtes in seinen Gedankenvorgängen antrafen.

Noch immer war's eine Stunde bis Mittag, und um sie zu verbringen, ging er quer über die Strasse in die Casa del Fauno, das umfänglichste und stattlichste aller ausgegrabenen Häuser, hinein. Wie kein anderes, besass es ein doppeltes Atrium und zeigte in dem bedeutendsten inmitten des Impluviums den leeren Sockel, auf dem die berühmte Statue des tanzenden Fauns, nach dem es benannt worden, gestanden hatte. Doch ward bei Norbert Hanold nicht das geringste Bedauern rege, dass sich dies, von der Wissenschaft am höchsten geschätzte Kunstwerk nicht mehr hier befinde, sondern zugleich mit dem Mosaikbilde der Alexanderschlacht ins Museo nazionale nach Neapel überführt worden sei; er trug keinerlei weitere Absicht, noch Wunsch in sich, als die Zeit weiterrücken zu lassen, und wanderte zu diesem Zweck planlos durch das grosse Gebäude umher. Hinter dem Peristyl öffnete sich ein weiter, von zahlreichen Säulen umfasster Raum, entweder auch eine nochmalige Wiederholung des Peristyls, oder als Xystos, Schmuckgarten, angelegt; so erschien's gegenwärtig, denn wie der Oecus der Casa di Meleagro war er ganz mit blühendem Mohn überdeckt. In abwesenden Gedanken schritt der Besucher durch die stille Verlassenheit.

Dann aber hielt er einmal stutzend den Fuss an, er befand sich doch nicht allein hier, sein Blick traf in einiger Entfernung auf zwei Gestalten, die zuerst nur den Eindruck von einer erregten, da sie so nah als irgendmöglich aneinandergedrängt standen. Sie nahmen ihn nicht gewahr, denn sie waren ganz nur mit sich beschäftigt und mochten sich dabei in dem Winkel durch die Säulen für etwaige andere Augen unentdeckbar gemacht glauben. Wechselseitig sich mit den Armen umschlingend, hielten sie auch ihre Lippen zusammengeschlossen, und der unvermuthete Zuschauer erkannte zu seiner Ueberraschung, es seien der junge Herr und die junge Dame, an denen er gestern Abend zum erstenmal auf seiner Reise ein Gefallen gefunden hatte. Für zwei Geschwister aber bedünkten ihn ihr gegenwärtiges Verhalten, die Umarmung und der Kuss von zu langer Andauer, also war es doch ein Liebes- und muthmasslich junges Hochzeitspaar, auch ein August und eine Grete.

Merkwürdigerweise indess geriethen die beiden Letzteren Norbert augenblicklich nicht in den Sinn, und der Vorgang rührte ihn durchaus nicht lächerlich oder widerwärtig an, vielmehr erhöhte noch sein Wohlgefallen an den Beiden. Was sie thaten, kam ihm ebenso natürlich wie vollbegreiflich vor, seine Augen hafteten auf dem lebenden Bild mit grösser aufgeweiteten Lidern, als je auf einem der am höchsten bewunderten antiken Kunstwerke, und gern hätte er sich dieser Betrachtung noch länger überlassen. Doch war's ihm zu Muth, als sei er unberechtigt in einen geweihten Raum eingedrungen und stehe im Begriff, darin eine geheime Andachtsübung zu stören; die Vorstellung, dabei wahrgenommen zu werden, befiel ihn mit Schreck, er wendete sich hastig um, ging geräuschlos ein Stück auf den Zehen zurück und lief, aus der Hörweite gelangt, beengten Athems und klopfenden Herzens auf den Vicolo del Fauno hinaus.

  • * *

Als er vor dem Hause des Meleager ankam, wusste er nicht, ob es bereits Mittagsstunde sei, und gerieth auch nicht darauf, seine Uhr danach zu befragen, doch er blieb vor der Thür, unschlüssig eine Weile auf das ›Have‹ des Einganges niederblickend, stehen. Ihn hielt eine Furcht ab, hineinzutreten, und sonderbar fürchtete er sich gleicherweise davor, die Gradiva drinnen nicht anzutreffen und sie dort zu finden, denn in seinem Kopf hatte sich während der letzten Minuten festgesetzt, im ersteren Falle halte sie sich anderswo mit irgend einem jüngeren Herrn auf und im zweiten leiste dieser ihr auf den Stufen zwischen den Säulen Gesellschaft. Gegen den aber empfand er einen Hass noch weit stärker, als gegen die Gesammtheit aller gemeinen Stubenfliegen, hatte bis heute nicht für möglich gehalten, dass er einer so heftigen inneren Erregung fähig sein könne. Das Duell, das er immer für eine sinnlose Dummheit angesehen, erschien ihm plötzlich in einem veränderten Lichte; hier ward es zum Naturrecht, das der in seinem eigensten Recht Gekränkte, zu Tod Beleidigte an sich nahm als einzig vorhandenes Mittel, eine befriedigende Vergeltung zu üben oder sich eines zwecklos gewordenen Daseins entäussern zu lassen. So setzte sein Fuss sich mit jäher Bewegung doch zum Eintritt vor; er wollte den frechen Menschen herausfordern und wollte – das drängte sich fast noch gewaltsamer in ihm auf – ihr rückhaltlos zum Ausdruck bringen, dass er sie für etwas Besseres, Edleres, solcher Gemeinschaft nicht fähig gehalten habe –

So bis zum Lippenrande voll war er von diesem Vorhaben der Empörung, dass es ihm auch vom Mund flog, wo durchaus keinerlei Anlass dafür zu Tage lag. Denn wie er mit stürmischer Eile die Entfernung bis zum Oecus hinter sich gebracht hatte, stiess er ungestüm aus: »Bist du allein?!«, obwohl der Augenschein keinen Zweifel darüber beliess, dass die Gradiva grad ebenso einsam wie an den beiden vorigen Tagen auf der Stufe dasass. Sie sah ihn verwundert an und erwiderte: »Wer sollte denn nach Mittag noch hier sein? Da sind die Leute alle hungrig und sitzen beim Essen. Das hat die Natur für mich sehr erfreulich so eingerichtet.«

Seine überwallende Aufregung konnte sich jedoch so rasch nicht beschwichtigen und liess ihm ohne Wissen und Willen noch weiter die Muthmassung entfahren, die eben draussen mit der Stärke einer Gewissheit über ihn gerathen; denn, setzte er, zwar einigermassen widersinnig, hinzu, es lasse sich ja eigentlich gar nicht anders denken. Ihre hellen Augen hielten sich in sein Gesicht gerichtet, bis er zu Ende gesprochen, dann machte sie mit einem Finger einmal eine Bewegung gegen ihre Stirn und sagte: »Du –.« Danach aber fuhr sie fort: »Mir scheint's grade genug, dass ich nicht von hier wegbleibe, obgleich ich erwarten muss, dass du um diese Zeit hieherkommst. Aber der Platz gefällt mir einmal gut, und ich sehe, du hast mir mein Skizzenbuch, das ich gestern vergessen hatte, mitgebracht. Ich danke dir für deine bessere Achtsamkeit. Willst du's mir nicht geben?«

Die letzte Frage war wohlbegründet, denn er traf keinerlei Anstalt dazu, sondern blieb unbeweglich auf demselben Fleck stehen. In seinem Kopf dämmerte es, dass er sich eine ungeheure Dummheit ein- und ausgebildet, dazu auch noch ausgesprochen habe; um sie, soweit es möglich fiel, wieder gut zu machen, trat er nun hastig vor, reichte der Gradiva das Buch hin und setzte sich zugleich mechanisch neben ihr auf die Stufe nieder. Einen Blick auf seine Hand werfend, sagte sie: »Du scheinst ein Freund von Rosen zu sein.«

Bei den Worten kam's ihm auf einmal zum Bewusstwerden, was ihn zum Abpflücken und Mitnehmen derselben veranlasst habe, und er entgegnete: »Ja – doch, ich habe sie nicht für mich – du sprachst gestern – und auch heut' Nacht sagte mir's Jemand – man gäbe sie im Frühling –«

Sie dachte merklich kurz nach, ehe sie antwortete: »Ach so – ja, ich erinnere mich – Anderen, meinte ich, gäbe man nicht Asphodil, sondern Rosen. Das ist artig von dir; es scheint, du hast deine Ansicht von mir ein wenig verbessert.«

Ihre Hand streckte sich zum Empfang der rothen Blumen aus, und diese ihr jetzt hinreichend, versetzte er: »Ich glaubte zuerst, du könntest nur in der Mittagsstunde hier sein, aber mir ist wahrscheinlich geworden, dass du auch zu anderer Zeit – das macht mich sehr glücklich –«

»Warum macht dich das glücklich?«

Ihr Gesicht drückte Verständnisslosigkeit aus, nur um ihre Lippen ging ein kaum merkbar leises Zucken. Verwirrt brachte er hervor: »Es ist schön, lebendig zu sein – mir ist dies früher nie so – ich wollte dich noch fragen –«

Er suchte in seiner Brusttasche und setzte, das Gefundene herausziehend, hinzu: »Hat diese Spange ehemals dir gehört?«

Ihr Gesicht bewegte sich ein kleinwenig danach vor, doch sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich kann mich nicht erinnern. Der Zeitrechnung nach wär's sonst wohl nicht unmöglich, denn sie wird vermuthlich erst aus diesem Jahr herstammen. Hast du sie vielleicht in der Sonne gefunden? Bekannt kommt die schöne grüne Patina mir doch vor, als hätte ich sie schon gesehen.«

Unwillkürlich wiederholte er: »In der Sonne – warum in der Sonne?«

»Sole heisst sie hier, die bringt mancherlei von der Art zu Stande. Sollte die Spange nicht einem jungen Mädchen gehört haben, das mit einem Begleiter zusammen, ich glaube in der Umgegend des Forums, verunglückt sein soll.«

»Ja, der seine Arme um sie geschlungen hielt –«

»Ach so –«

Die beiden Wörtchen lagen offenbar der Gradiva als eine Lieblings-Interjection auf der Zunge, und sie hielt danach einen Augenblick inne, ehe sie hinzufügte: »Desshalb meintest du, ich hätte sie an mir getragen. Und hätte das dich etwa – wie sagtest du vorhin? – dich unglücklich gemacht?«

Ihm war anzusehen, dass er sich ausserordentlich erleichtert fühle, und vernehmlich klang's auch aus seiner Antwort: »Ich bin sehr froh darüber – denn die Vorstellung, dass dir die Spange gehört habe, verursachte mir einen – einen Schwindel im Kopf –«

»Dazu scheint er bei dir etwas Neigung zu hegen. Hast du vielleicht heut' Morgen zu frühstücken vergessen? Das verstärkt leicht solche Anfälle noch; ich leide nicht daran, aber sehe mich vor, da es mir am besten zusagt, um die Mittagszeit hier zu sein. Wenn ich dir von dem misslichen Zustand deines Kopfes dadurch ein bischen abhelfen kann, dass ich meinen Vorrath mit dir theile –«

Sie zog ein in Seidenpapier eingewickeltes Weissbrod aus ihrer Kleidertasche, brach es durch, legte ihm die eine Hälfte in seine Hand und begann die andere mit sichtlichem Appetit zu verzehren. Dabei blitzen ihre ausnehmend zierlichen und tadellosen Zähne nicht nur mit einem perlenden Glanz zwischen den Lippen auf, sondern verursachten beim Durchbeissen der Rinde auch einen leicht krachenden Ton, so dass sie durchaus den Eindruck erregten, nicht wesenlose Scheingebilde, sondern von wirklicher körperhafter Beschaffenheit zu sein. Im Uebrigen hatte sie mit ihrer Vermuthung bezüglich des versäumten Frühstückes wohl das Richtige getroffen; mechanisch ass er ebenfalls und empfand eine entschieden günstige Wirkung davon auf die Klärung seiner Gedanken ausgeübt. So sprachen sie Beide ein Weilchen nicht weiter, sondern gaben sich schweigend der gleichen nützlichen Beschäftigung hin, bis die Gradiva sagte: »Mir ist's, als hätten wir schon vor zweitausend Jahren einmal so zusammen unser Brod gegessen. Kannst du dich nicht darauf besinnen?«

Das konnte er nicht, doch nahm's ihn jetzt Wunder, dass sie von einer so unendlich fernen Vergangenheit sprach, denn die Stärkung des Kopfes durch das Nährmittel hatte eine Umänderung in seinem Gehirn nach sich gezogen. Die Annahme, sie sei schon seit so langer Zeit hier in Pompeji umhergegangen, wollte sich nicht mehr mit der gesunden Vernunft in Einklang bringen lassen; Alles an ihr erschien ihm gegenwärtig so, als ob es kaum mehr als zwanzig Jahre alt sein könne. Die Formen und Farbe des Gesichtes, das überaus reizvolle, braungewellte Haar und die makellosen Zähne; auch die Vorstellung, das helle, von keinem Schatten eines Fleckens beeinträchtigte Gewand habe ungezählte Jahre in der Bimssteinasche gelegen, enthielt im höchsten Masse Widerspruchsvolles. Norbert ward von einem Empfindungszweifel angefasst, ob er eigentlich in wachem Zustande hier sitze oder nicht wahrscheinlicher in seiner Studirstube, wo er bei der Betrachtung des Bildes der Gradiva von Schlaf überkommen worden, geträumt habe, dass er nach Pompeji gefahren, mit ihr als einer noch Lebenden zusammengetroffen sei, und weiter träume, noch so an ihrer Seite in der Casa di Meleagro zu sitzen. Denn dass sie wirklich noch lebte oder wieder lebendig geworden sei, konnte sich doch wohl nur in einem Traume zutragen – die Naturgesetze erhoben dagegen einen Einwand –

Seltsam freilich war's, dass sie eben gesagt hatte, sie habe schon vor zweitausend Jahren einmal so ihr Brod mit ihm getheilt. Davon wusste er nichts und konnte doch darauf auch im Traum nicht gerathen –

Ihre linke Hand lag mit den schmalen Fingern ruhig auf ihren Knien – die trug den Schlüssel zur Lösung eines unentwirrbaren Räthsels in sich –

Auch vor dem Oecus der Casa di Meleagro machte die Frechheit der gemeinen Stubenfliege nicht halt; an der gelben Säule ihm gegenüber sah er eine nach ihrer nichtswürdigen Gepflogenheit in suchender Gier auf und ab rennen; nun schwirrte sie dicht an seiner Nase vorbei.

Er musste doch irgendetwas auf ihre Frage, ob er sich nicht an das schon früher gemeinsam mit ihr verzehrte Brod erinnere, antworten und brachte, jäh herausgestossen, vom Mund: »Waren die Fliegen damals schon ebenso teuflisch wie jetzt, dass sie dich bis zum Lebensüberdruss gemartert haben?«

Sie blickte ihn mit einem völlig begrifflosen Erstaunen an und wiederholte: »Die Fliegen? Hast du jetzt eine Fliege im Kopf?«

Da sass auf einmal das schwarze Ungeheuer auf ihrer Hand, die nicht durch die leiseste Regung kundgab, dass sie etwas davon verspüre. Bei dem Anblick aber mischten sich in dem jungen Archäologen zwei gewaltsame Antriebe zur Ausführung einer und der nämlichen Handlung ineinander. Seine Hand fuhr plötzlich in die Höh' und klatschte mit einem keineswegs gelinden Schlag auf die Fliege und die Hand seiner Nachbarin herunter.

Mit diesem Zuschlag erst kam Besinnung, Bestürzung und doch auch ein freudiger Schreck über ihn. Er hatte den Streich nicht durch leere Luft hindurch geführt, auch nicht auf etwas Kaltes und Starres, sondern auf eine unzweifelhaft wirkliche, lebendige und warme Menschenhand, die einen Moment lang, augenscheinlich vollständig verblüfft, regungslos unter der seinigen liegen blieb. Doch dann zog sie sich mit einem Ruck fort, und der Mund über ihr sagte: »Du bist doch offenbar verrückt, Norbert Hanold.«

Der Name, von dem er niemand in Pompeji Mittheilung gemacht, ging der Gradiva so glatt, zweifellos und deutlich über die Lippen, dass der Inhaber desselben noch stärker erschrocken von der Stufe aufflog. Zugleich ertönten im Säulengang unvermerkt nah herangekommene Fusstritte, vor verworrenem Blick tauchten ihm die Gesichter des sympathischen Liebespaars aus der Casa di Fauno auf, und die junge Dame rief mit einem Ton höchlicher Überraschung: »Zoë! du auch hier? Und auch auf der Hochzeitsreise? Davon hast du mir ja kein Wort geschrieben!«

  • * *

Norbert befand sich wieder draussen vor dem Haus des Meleager in der Strada di Mercurio. Wie er dorthin gekommen, war ihm nicht klar, es musste instinktiv geschehen sein, und zwar von einer blitzartigen Erleuchtung in ihm veranlasst, das einzige sei's, was er thun könne, um nicht eine überaus lächerliche Figur darzustellen. Vor dem jungen Paar, mehr noch vor der von diesem freundschaftlich Begrüssten, die ihn eben mit seinem Vor- und Zunamen angeredet, und am allermeisten vor sich selbst. Denn, wenn er auch nichts begriff, war ihm doch Eines als ganz unanfechtbar aufgegangen. Die Gradiva mit der nicht wesenlosen, sondern körperhaft wirklichen, warmen Menschenhand hatte eine zweifellose Wahrheit ausgesprochen, sein Kopf war in den beiden letzten Tagen in einem Zustand völliger Verrücktheit gewesen. Und zwar keineswegs in unklugem Traum, vielmehr mit so wachen Augen und Ohren, als sie zu ihrer vernünftigen Anwendung Menschen von der Natur mitgegeben wurden. Wie das sich derartig zugetragen habe, entzog sich, gleich allem Uebrigen, seinem Verständniss; nur dunkel rührte ihn eine Empfindung an, ein sechster Sinn müsse dabei im Spiel gewesen sein, der, in solcher Weise zur Oberhand gelangend, etwas sonst vielleicht Schätzenswerthes zum Gegentheil umwandle. Um darüber durch einen Nachdenkungsversuch wenigstens ein bischen mehr Aufschluss zu gewinnen, war ein in unbesuchter Stille abgelegener Ort durchaus erforderlich; zunächst aber trieb es Norbert an, sich möglichst rasch aus dem Bereich der Augen, Ohren und sonstigen Sinne zu entfernen, die ihre Naturmitgift so benützten, wie's dem eigentlichen Gebrauchszweck entsprach.

Was die Besitzerin jener warmen Hand betraf, so war sie jedenfalls von dem unvorgesehenen und um die Mittagsstunde nicht erwarteten Besuch in der Casa di Meleagro auch, und nach ihrem allerersten Mienenausdruck nicht in ausschliesslich angenehmer Weise, überrascht worden. Doch liess vom letzteren schon der nächste Augenblick in ihrem klugen Gesicht keine Spur mehr erkennen, sie stand hurtig auf, trat der jungen Dame entgegen und versetzte, ihr die Hand reichend: »Das ist ja wirklich hübsch, Gisa, der Zufall hat zuweilen auch einen netten Einfall. Also das ist seit vierzehn Tagen dein Mann? Ich freue mich, ihn mit Augen kennen zu lernen und brauche nach eurem beiderseitigen Aussehen offenbar meinen Glückwunsch nicht nachträglich zu einer Condolation umzuändern. Paare, bei denen das angebracht wäre, pflegen um diese Zeit in Pompeji bei Tisch zu sitzen; ihr seid vermuthlich am Ingresso in Quartier, da suche ich euch heut' Nachmittag auf. Nein, geschrieben habe ich dir nichts; das wirst du mir nicht übel nehmen, denn du siehst, meine Hand geniesst nicht die Berechtigung der deinigen, sich durch einen Ring auszuzeichnen. Die Luft hier wirkt ausserordentlich kräftig auf die Einbildung, das merke ich an dir; besser ist's ja freilich, als wenn sie zu nüchtern machte. Der junge Herr, der eben fortging, laborirt auch an einem merkwürdigen Hirngespinnst, mir scheint, er glaubt, dass ihm eine Fliege im Kopf summt; nun, irgend eine Kerbthierart hat wohl Jeder drin. Pflichtmässig verstehe ich mich etwas auf Entomologie und kann desshalb bei solchen Zuständen ein bischen von Nutzen sein. Mein Vater und ich wohnen im Sole, er bekam auch einen plötzlichen Anfall und dazu den guten Einfall, mich mit hierher zu nehmen, wenn ich mich auf meine eigene Hand in Pompeji unterhalten und an ihn keine Anforderungen stellen wollte. Ich sagte mir, irgend etwas Interessantes würde ich wohl schon allein hier ausgraben. Freilich, auf den Fund, den ich gemacht – ich meine das Glück, dich zu treffen, Gisa, hatte ich mit keinem Gedanken gerechnet. Aber ich verschwatze die Zeit, wie's bei einer alten Freundin so geht – ganz uralt allerdings sind wir doch grade noch nicht. Mein Vater kommt um zwei Uhr aus der Sonne an den Sonnentisch, da muss ich seinem Appetit Gesellschaft leisten und darum leider augenblicklich auf deine weitere verzichten. Ihr werdet die Casa di Meleagro ja auch ohne mich besichtigen können; ich verstehe das zwar nicht, aber ich denke es mir. Favorisca signor! A rivederci, Gisetta! So viel Italienisch habe ich schon gelernt, und viel mehr braucht man eigentlich nicht. Was sonst noch nöthig ist, schöpft man aus sich selbst – bitte, nein, senza complimenti!«

Dies letzte Ersuchen der Sprecherin bezog sich auf eine höfliche Bewegung, mit der ihr der junge Eheherr das Geleit geben zu wollen schien. Sie hatte sich höchst lebendig, äussert unbefangen und ganz den Umständen der unerwarteten Begegnung mit einer nahstehenden Freundin entsprechend ausgedrückt, doch mit einer ausserordentlichen Schnelligkeit, die für die Dringlichkeit ihrer Aussage, dass sie sich gegenwärtig nicht länger aufhalten könne, Zeugniss ablegte. Und so waren nicht mehr als ein paar Minuten seit dem eilfertigen Abgang Norbert Hanold's verflossen, wie sie gleichfalls aus dem Hause des Meleager in die Strada di Mercurio hinaustrat. Diese lag, der Tageszeit gemäss, einzig da und dort von einer schwänzelnden Lacerte belebt da, und für ein paar Augenblicke gab sich die an ihrem Rande Innehaltende offenbar einem kurz überwägenden Nachdenken hin. Dann schlug sie hurtig die nächste Richtung dem Thor des Hercules zu ein, überschritt an der Kreuzung des Vicolo di Mercurio und der Strada di Sallustio mit dem anmuthig-behenden Gradiva-Gang die Trittsteine und gelangte so sehr rasch bis an die beiden Seitenmauerreste der Porta Ercolanese. Hinter dieser dehnte sich lang die Gräberstrasse abwärts, doch nicht weissblendend und von glitzernden Strahlen verhängt, wie vor vierundzwanzig Stunden, als der junge Archäologe ebenso mit suchenden Augen von hier durch sie hinuntergeblickt hatte. Die Sonne schien heut' von einem Gefühl überkommen zu sein, dass sie am Vormittag doch des Guten ein wenig zu viel gethan habe; sie hielt einen grauen Schleier vor sich gezogen, an dessen Verdichtung sichtlich noch weiter gearbeitet wurde, und in Folge davon hoben die hin und wieder an der Strada de' Sepolcri aufgewachsenen Cypressen sich ungewöhnlich scharf und schwarz gegen den Himmel ab. Ein anderes Bild als gestern war's, der geheimnissvoll Alles überflimmernde Glanz fehlte ihm; auch die Strasse befliss sich einer gewissen trübsinnigen Deutlichkeit, hatte gegenwärtig ein ihrem Namen Ehre machendes todtes Gesicht angenommen. Dieser Eindruck ward durch eine vereinzelte Regung an ihrem Ende nicht aufgehoben, sondern eher noch erhöht; es sah aus, als ob dort in der Umgegend der Villa des Diomedes eine Schattengestalt ihren Tumulus aufsuche und unter einem der Gräberdenkmäler verschwinde.

Nicht der nächste Weg vom Haus des Meleager zum Albergo del Sole war's, vielmehr eigentlich die grade entgegengesetzte Richtung dorthin, aber die Zoë-Gradiva musste nachträglich zur Einsicht gekommen sein, dass die Zeit doch noch nicht so übermässig zum Mittagstisch dränge. Denn nach einem ganz flüchtigen Anhalten am Herculesthor ging sie, die Sohle des zurückbleibenden Fusses jedesmal beinahe senkrecht emporrichtend, über die Lavaplatten der Gräberstrasse weiter.

  • * *

Die ›Villa des Diomedes‹ – äusserst beliebig von den Heutlebenden so nach einem Grabmal benannt, das ein ›Libertus‹ Marcus Arrius Diomedes, der zu einem Vorstand des früher hier gelegenen Stadttheiles aufgerückt gewesen, in der Nähe für seine vormalige Gebieterin Arria, sowie für sich und seine Angehörigen errichtet hatte – war ein sehr umfänglicher Bau und barg ein nicht von der Phantasie erfabeltes, sondern recht schauerlich-wirkliches Stück der Geschichte vom Untergang Pompejis in sich. Eine Wirrniss weitläufiger Trümmerreste machte den oberen Theil aus, darunter lag vertieft ein ungemein grosser, ringsum von einem erhalten gebliebenen Pfeilerporticus umschlossener Gartenraum mit kargen Ueberbleibseln eines Brunnens und kleinen Tempels in der Mitte, und noch weiter abwärts führten zwei Treppen in ein rundlaufendes, nur matt von trübem Dämmerlicht angehelltes Kellerganggewölbe nieder. Auch in dies war die Vesuvasche eingedrungen, und man hatte hier in ihr die Skelette von achtzehn Frauen und Kindern gefunden; Schutz suchend, waren sie mit einigen hastig zusammengerafften Nahrungsmitteln in das halbunterirdische Gelass geflüchtet und die trügerische Zuflucht allen zur Gruftstatt geworden. An anderer Stelle lag der muthmassliche, namenlose Herr des Hauses gleichfalls erstickt auf dem Boden hingestreckt; er hatte sich durch die verschlossene Gartenthür retten wollen, denn er hielt den Schlüssel zu ihr in den Fingern. Neben ihm kauerte ein anderes Gerippe, wahrscheinlich das eines Dieners, der eine beträchtliche Anzahl goldener und silberner Münzen mit sich getragen. Von der erharteten Asche waren die Körperformen der Verunglückten erhalten gewesen; im Museo Nazionale in Neapel ward unter Glas der hier aufgefundene genaue Abdruck des Halses, der Schultern und des schönen Busens eines jungen, mit florartig feinem Gewand bekleideten Mädchens bewahrt.

Die Villa des Diomedes bildete wenigstens einmal unerlässlich das Wegziel für jeden pflichtgetreuen Pompeji-Besucher, doch jetzt um die Mittagszeit liess sich bei ihrer ziemlich weiten räumlichen Abgeschiedenheit mit grosser Sicherheit annehmen, dass keinerlei Neugier sich in ihr aufhalte, und so war sie Norbert Hanold als geeignetster Zufluchtsort für sein neuestes Kopfbedürfniss erschienen. Das verlangte dringlichst nach grabesartiger Einsamkeit, athemloser Stille und unbeweglicher Ruhe; wider die letztere aber erhob eine treibende Unruhe in seinem Gefässsystem einen energischen Gegenanspruch, und er hatte zwischen den beiden Forderungen eine Übereinkunft schliessen müssen, dass der Kopf die seinige zu behaupten suchte, dagegen den Füssen freigab, ihrem Drang Folge zu leisten. So wanderte er seit seiner Hierherkunft rundum durch den Porticus; ihm gelang dabei, das körperliche Gleichgewicht zu bewahren, und er mühte sich, sein geistiges in den gleichen Normalzustand zu versetzen. Das aber erwies sich in der Ausführung schwieriger als in der Absicht; allerdings stand als unanzweifelbar vor seiner Erkenntniss, er sei völlig ohne Sinn und Verstand gewesen, zu glauben, dass er mit einer mehr oder weniger leiblich wieder lebendig gewordenen jungen Pompejanerin beisammensitze, und diese deutliche Einsicht seiner Verrücktheit bildete unstreitig einen wesentlichen Fortschritt auf dem Rückweg zur gesunden Vernunft. Doch fand diese sich damit entschieden noch nicht in ihre ordnungsmässige Verfassung zurückgebracht, denn wenn ihr auch aufgegangen war, die Gradiva sei nur ein todtes Steinbild, so stand trotzdem gleicherweise ausser Zweifel, dass sie noch lebte. Dafür war ein unumstösslicher Beweis beigebracht; nicht er allein, auch Andere sahen sie, wussten, dass sie Zoë hiess, und sprachen mit ihr als einer ihnen gleichartigen Leibhaftigkeit. Andrerseits aber wusste sie auch seinen Namen, und das konnte wieder nur einer übernatürlichen Befähigung ihres Wesens entstammen; diese Doppelnatur blieb auch für die in den Kopf einziehende Vernunft unenträthselbar. Doch gesellte sich der unvereinbaren Zwiespaltigkeit eine anähnelnde in ihm selbst hinzu, denn er hegte den inständigen Wunsch, vor zweitausend Jahren hier in der Villa des Diomedes mitverschüttet worden zu sein, damit er nicht Gefahr laufe, der Zoë-Gradiva nochmals irgendwo zu begegnen; zugleich indess klopfte ein ausserordentlich freudiges Gefühl in ihm, dass er noch lebte und dadurch in stand gesetzt ward, irgendwo noch wieder mit ihr zusammenzutreffen. Das drehte sich in einem vulgären, doch zutreffenden Vergleich wie ein Mühlenrad durch seinen Kopf herum, und ebenso lief er anhaltlos rundum durch den langen Porticus, der ihm nicht zu einer Aufhellung der Widersprüche verhalf. Im Gegentheil rührte ihn eine undeutliche Empfindung an, dass sich alles nur noch immer mehr um ihn und in ihm verdunkle.

Da prallte er plötzlich einmal, eine der vier Ecken des Pfeilerganges umbiegend, zurück. Auf ein halbes Dutzend Schritte entfernt vor seinem Gesicht sass ziemlich erhöht auf einem abgebrochenen Mauerstück eines der jungen Mädchen, die hier in der Asche den Tod gefunden.

Nein, das war ein Unsinn, den seine Vernunft abgethan. Auch seine Augen und noch etwas Anderes, nicht mit einem Namen Belegtes in ihm erkannten es. Die Gradiva war's, sie sass auf dem Steinrest wie sonst auf der Stufe, nur sahen, da jener beträchtlich höher war, ihre frei herabhängenden schmalen Füsse in den sandfarbigen Schuhen bis an das zierliche Knöchelgelenk unter dem Kleidsaum hervor.

Mit instinktiver erster Bewegung wollte Norbert zwischen zwei Pfeilern durch den Gartenraum hinaus fortlaufen; das, wovor er sich seit einer halben Stunde am meisten auf der Welt fürchtete, war jählings eingetreten, sah ihn mit den hellen Augen und darunter mit Lippen an, die nach seiner Empfindung im Begriff standen, in ein spöttisches Lachen auszubrechen. Doch thaten sie's nicht, sondern die bekannte Stimme klang nur ruhig von ihnen her: »Draussen wirst du nass.«

Nun sah er's zum erstenmal, es regnete; davon war's so dunkel geworden. Das gereichte fraglos allem Pflanzenwachsthum um und in Pompeji zum Vortheil, aber anzunehmen, dass ein Mensch des Nämlichen dadurch theilhaft werde, enthielt eine Lächerlichkeit, und Norbert Hanold scheute augenblicklich weit mehr als vor einer Todesgefahr davor zurück, sich lächerlich zu machen. Desshalb gab er unwillkürlich den Versuch, davonzukommen, auf, stand rathlos da und sah auf die beiden Füsse, die jetzt, als ob sie etwas in eine Ungeduld geriethen, leicht hin und her schlenkerten. Und da auch dieser Anblick nicht grade so klärend auf seine Gedanken einwirkte, dass er einen sprachlichen Ausdruck für sie finden konnte, nahm die Besitzerin der zierlichen Füsse nochmals das Wort: »Wir wurden vorhin unterbrochen, du wolltest mir etwas von Fliegen erzählen – ich dachte mir, dass du hier wissenschaftliche Untersuchungen anstelltest – oder von einer Fliege in deinem Kopf. Ist dir's geglückt, sie auf meiner Hand zu erwischen und umzubringen?«

Das Letzte sagte sie mit einem lächelnden Zug um die Lippen, der indess so leicht und anmuthig war, dass er nichts Schreckhaftes an sich trug. Im Gegentheil verlieh er dem Befragten jetzt Sprechfähigkeit, nur mit der Beschränkung, dass der junge Archäolog auf einmal nicht wusste, welches Pronomens er sich eigentlich bei seiner Antwort bedienen solle. Um diesem Dilemma zu entkommen, fand er's am besten, überhaupt keines anzuwenden, sondern erwiderte: »Ich war – wie Jemand sagte – etwas verwirrt im Kopf und bitte um Verzeihung, dass ich die Hand derartig – wie ich so sinnlos sein konnte, ist mir nicht begreiflich – aber ich bin auch nicht im stande, zu begreifen, wie ihre Besitzerin mir meine – meine Unvernunft mit meinem Namen vorhalten konnte.«

Die Füsse der Gradiva hielten in ihrer Bewegung inne, und sie entgegnete, bei der Anrede in der zweiten Person verbleibend: »So weit ist dein Begreifen also noch nicht vorgeschritten, Norbert Hanold. Wunder nehmen kann's mich allerdings nicht, da du mich lange daran gewöhnt hast. Um die Erfahrung wieder zu machen, hätte ich nicht nach Pompeji zu kommen gebraucht, und du hättest sie mir um gut hundert Meilen näher bestätigen können.«

»Um hundert Meilen näher« – wiederholte er verständnisslos und halb stotternd – »wo ist das?«

»Deiner Wohnung schräg gegenüber, in dem Eckhaus, an meinem Fenster steht ein Käfig mit einem Canarienvogel.«

Wie eine Erinnerung aus einer weiten Ferne rührte das letzte Wort den Hörer an, der es wiederholte: »Ein Canarienvogel –« und er fügte, noch entschiedener stotternd, hinzu: »Der – der singt?«

»Das pflegen sie zu thun, besonders im Frühling, wenn die Sonne wieder warm zu scheinen anfängt. In dem Haus wohnt mein Vater, der Professor der Zoologie Richard Bertgang.«

Norbert Hanold's Augen erweiterten sich zu einer noch niemals von ihnen erreichten Grösse. Er sprach abermals nach: »Bertgang – dann sind Sie – sind Sie – Fräulein Zoë Bertgang? Die sah aber doch ganz anders aus –«

Die beiden herabhängenden Füsse fingen wieder ein wenig an zu schlenkern, und Fräulein Zoë Bertgang sprach dazu: »Wenn du die Anrede passender zwischen uns findest, kann ich sie ja auch anwenden, mir lag nur die andere natürlicher auf der Zunge. Ich weiss nicht mehr, ob ich früher, als wir täglich freundschaftlich miteinander herumliefen, gelegentlich uns zur Abwechslung auch knufften und pufften, anders ausgesehen habe. Aber wenn Sie in den letzten Jahren einmal mit einem Blick auf mich Acht gegeben hätten, wäre Ihren Augen vielleicht aufgegangen, dass ich schon seit längerer Zeit so aussehe. – Nein, jetzt schüttet's, wie man bei uns sagt, Schusterjungen, da behalten Sie keinen trockenen Faden.«

Nicht nur die Füsse der Sprecherin hatten auf eine Erneuerung der Ungeduld in ihr oder was es sonst sein mochte, hingedeutet, auch in den Tonfall ihrer Stimme war ein bischen von lehrhaft unmuthiger Anzüglichkeit gerathen und Norbert dabei von einem Gefühl überkommen worden, dass er Gefahr laufe, etwas in die Rolle eines ausgescholtenen und auf den Mund geschlagenen grossen Schuljungen zu verfallen. Das liess ihn mechanisch noch einmal nach einem Ausweg zwischen den Pfeilern suchen, und auf seine Bewegung, durch welche er diesen Antrieb kundgegeben, hatte sich die letzte, gleichmüthig nachgefügte Aeusserung Fräulein Zoë's bezogen. Und allerdings in unanfechtbar zutreffender Weise, denn für das, was sich jetzt ausserhalb des Schutzdaches zutrug, war ›schütten‹ eigentlich eine gelinde Bezeichnung. Ein tropischer Wassersturz, wie er sich nur selten einmal des sommerlichen Durstes der campanischen Gefilde erbarmte, schoss senkrecht herunter, rauschte, als ergiesse sich das tyrrhenische Meer vom Himmel her auf die Villa des Diomedes, und stand andrerseits wie eine feste, aus Milliarden nussgrosser und perlenhaft blinkender Tropfen zusammengefügte Mauer da. Das machte in der That ein Entkommen in die freie Luft hinaus zur Unmöglichkeit, zwang Norbert Hanold, in der Schulstube des Porticus zu verbleiben, und die junge Lehrmeisterin mit dem feinen, klugen Gesicht benützte diesen Riegelverschluss zu einer noch weiteren Fortsetzung ihrer pädagogischen Erörterungen, indem sie nach einer kurzen Pause fortfuhr:

»Damals, so bis um die Zeit, in der man uns, ich weiss nicht wesshalb, Backfische titulirt, hatte ich mir eigentlich eine merkwürdige Anhänglichkeit an Sie angewöhnt und glaubte, ich könnte nie einen mir angenehmeren Freund auf der Welt finden. Mutter und Schwester oder Bruder hatte ich ja nicht, meinem Vater war eine Blindschleiche in Spiritus bedeutend interessanter als ich, und etwas muss man, wozu ich auch ein Mädchen rechne, wohl haben, womit man seine Gedanken und was sonst mit ihnen zusammenhängt, beschäftigen kann. Das waren also Sie damals; doch als die Alterthumswissenschaft über Sie gekommen war, machte ich die Entdeckung, dass aus dir – entschuldigen Sie, aber Ihre schickliche Neuerung klingt mir doch zu abgeschmackt und passt auch nicht zu dem, was ich ausdrücken will – ich wollte sagen, da stellte sich heraus, dass aus dir ein unausstehlicher Mensch geworden war, der, wenigstens für mich, keine Augen mehr im Kopf, keine Zunge mehr im Mund und keine Erinnerung mehr da hatte, wo sie mir an unsere Kindheitsfreundschaft sitzen geblieben war. Darum sah ich wohl anders aus als früher, denn wenn ich ab und zu in einer Gesellschaft mit dir zusammenkam, noch im letzten Winter einmal, sahst du mich nicht, und noch weniger bekam ich deine Stimme zu hören, worin übrigens keine Auszeichnung für mich lag, weil du's mit allen Andern ebenso machtest. Ich war Luft für dich, und du warst mit deinem blonden Haarschopf, an dem ich dich früher oft gezaust, so langweilig, vertrocknet und mundfaul wie ein ausgestopfter Kakadu und dabei so grossartig wie ein – Archäopteryx heisst das ausgegrabene vorsintflutliche Vogelungethüm ja wohl. Nur dass dein Kopf eine ebenfalls so grossartige Phantasie beherbergte, hier in Pompeji mich auch für etwas Ausgegrabenes und wieder lebendig Gewordenes anzusehn – das hatte ich nicht bei dir vermuthet, und als du auf einmal ganz unerwartet vor mir standest, kostete es mich zuerst ziemliche Mühe, dahinter zu kommen, was für ein unglaubliches Hirngespinnst deine Einbildung sich zurechtgearbeitet hatte. Dann machte mir's Spass und gefiel mir auch trotz seiner Tollhäusigkeit nicht so übel. Denn, wie gesagt, das hatte ich bei dir nicht vermuthet.«

Damit beendete Fräulein Zoë Bertgang, am Schluss im Ausdruck und Ton etwas abgemildert, ihre rückhaltlose, ausführliche und lehrreiche Strafrede, und merkwürdig in der That war's, wie genau sie dabei dem Reliefbildniss der Gradiva glich. Nicht nur in den Gesichtszügen, der Gestalt, den mit klugem Ausdruck blickenden Augen, dem reizvoll gewellten Haar, wie in der mehrfach zur Schau gestellten graciösen Gangweise; auch ihre Gewandung, Kleid und Kopftuch aus einem crêmefarbigen, feinen, viel- und weichfaltigen Kaschmirstoff vollendeten die ausserordentliche Aehnlichkeit der gesammten Erscheinung. Es mochte viel Thorheit in dem Glauben gelegen haben, dass eine vor zwei Jahrtausenden vom Vesuv verschüttete Pompejanerin zeitweilig wieder lebend herumgehen, sprechen, zeichnen und Brod essen könne, aber wenn der Glaube selig machte, nahm er überall eine erhebliche Summe von Unbegreiflichkeiten in den Kauf. Und in Berücksichtigung sämmtlicher Umstände lagen unstreitig bei der Beurtheilung der Kopfverfassung Norbert Hanold's doch einige Milderungsgründe für die Verrücktheit vor, dass er zwei Tage lang die Gradiva als Rediviva angesehen hatte.

Obwohl er trocken unter dem Porticusdach dastand, liess sich doch nicht ganz unzutreffend ein Vergleich zwischen ihm und einem begossenen Pudel anstellen, dem eben ein voller Wasserkübel über den Kopf geschüttet worden. Allein eigentlich hatte das kalte Brausebad ihm wohlgethan. Ohne recht zu wissen, warum, fühlte er seine Brust davon wesentlich zu besserem Athemholen erleichtert. Dazu mochte freilich besonders die Tonumänderung am Schlusse der Predigt – denn die Rednerin sass wie auf einem Kanzelstuhl – mit beigetragen haben, wenigstens war bei ihr zwischen seine Lider ein verklärender Schimmer gerathen, wie er aus den Augen andächtig ergriffener Kirchenbesucher die erweckte Hoffnung auf ein Seligwerden durch den Glauben zum Vorschein bringt. Und da die Abkanzlung nun überstanden war, ohne dass eine weitere Fortsetzung zu befürchten schien, gelang's ihm, vom Mund zu bringen: »Ja, nun erkenne ich – nein, im Grunde hast du dich garnicht verändert – du bist es, Zoë – meine gute, fröhliche, klugsinnige Kameradin – das ist höchst sonderbar –«

»Dass Jemand erst sterben muss, um lebendig zu werden. Aber für die Archäologie ist das wohl nothwendig.«

»Nein, ich meine dein Name –«

»Warum ist der sonderbar?«

Der junge Archäolog erwies sich nicht nur in den klassischen Sprachen, sondern auch in der Etymologie der germanischen bewandert und versetzte: »Weil Bertgang mit Gradiva gleichbedeutend ist und ›die im Schreiten Glänzende‹ bezeichnet.«

Die beiden sandalenähnlichen Schuhe Fräulein Zoë Bertgang's erinnerten augenblicklich durch ihre Beweglichkeit gradezu an eine ungeduldig wippende, auf etwas wartende Bachstelze; doch sprachwissenschaftliche Erläuterungen schienen nicht das zu sein, worauf die Inhaberin der im Schreiten glänzenden Füsse gegenwärtig ihr Augenmerk verwendete. Auch durch ihre Miene erregte sie den Eindruck, mit irgend einer hurtigen Ausführung umzugehen, ward davon indess noch durch einen hörbar aus tiefster Ueberzeugung heraufkommenden Ausruf Norbert Hanold's abgehalten: »Aber welches Glück, das du nicht die Gradiva bist, sondern so, wie die sympathische junge Dame!«

Das liess einen Zug wie aufhorchender Verwunderung über ihr Gesicht gehen, und sie fragte: »Wer ist das? Wen meinst du?«

»Die dich im Haus des Meleager anredete.«

»Kennst du die?«

»Ja, ich hatte sie schon gesehen. Es war die erste, die mir vortrefflich gefallen hat.«

»So? Wo hast du sie denn gesehen?«

»Heut' Vormittags im Haus des Faun. Da thaten die Beiden auch etwas ganz Sonderbares.«

»Was thaten sie denn?«

»Sie sahen mich nicht und küssten sich.«

»Das war ja eigentlich recht vernünftig. Wozu sind sie sonst in Pompeji auf der Hochzeitsreise?«

Mit einem Schlage veränderte sich bei dem letzten Wort vor den Augen Norbert's das bisherige Bild, denn der alte Mauerrest lag leer geworden da, weil die, welche sich ihn zum Sitz, Lehrkatheder und Kanzel auserwählt gehabt, von ihm heruntergekommen war. Oder eigentlich geflogen, und zwar ebenfalls mit der eigenartig wiegenden Behendigkeit einer sich durch die Luft davonschwingenden Bachstelze, so dass sie schon wieder auf den Gradivafüssen stand, ehe der Blick ihren Niederflug mit Bewusstsein aufgefasst hatte. Und wie unmittelbar im Sprechen fortfahrend, sagte sie: »Nun hat der Regen aufgehört, zu gestrenge Herren regieren nicht lange. Das ist ja auch vernünftig, und so ist Alles wieder zur Vernunft gekommen, ich nicht am wenigsten, und du kannst Gisa Hartleben, oder welchen neuen Namen sie trägt, wieder aufsuchen, um ihr bei dem Zweck ihres Aufenthalts in Pompeji wissenschaftlich behülflich zu sein. Ich muss jetzt in den Albergo del Sole, denn mein Vater wird schon zum Mittagessen auf mich warten. Vielleicht treffen wir uns in einer Gesellschaft in Deutschland oder auf dem Mond noch einmal wieder. Addio.«

Das sprach Zoë Bertgang in dem durchaus artigen, doch auch ebenso gleichmüthigen Ton einer jungen Dame von bester Erziehung und stellte, den linken Fuss vorsetzend, nach ihrem Brauch die Sohle des rechten beinah senkrecht zum Weitergange auf. Da sie ausserdem in Anbetracht des draussen stark durchnässten Bodens mit der linken Hand ihr Kleid ein wenig in die Höh raffte, war das Ebenbild der Gradiva vollendet, und der auf kaum mehr als doppelte Armlänge von ihr entfernt Stehende nahm nur zum erstenmal eine ganz geringfügige Abweichung der lebendigen von der steinernen gewahr. Dieser fehlte etwas, das jene besass, und das augenblicklich besonders deutlich an ihr zu Tage trat, ein kleines Grübchen auf der Wange, darin sich ein winziger, nicht bestimmbarer Vorgang zutrug. Es hielt sich ein bischen gekraust und gefältelt, konnte damit einen Verdruss oder auch einen verhaltenen inneren Lachreiz, möglicherweise beides zusammen zum äusseren Ausdruck bringen. Darauf sah Norbert Hanold hin, und obwohl er nach dem ihm eben ausgestellten Zeugniss wieder völlig zur Vernunft gelangt war, mussten seine Augen doch nochmals einer optischen Täuschung unterliegen. Denn er stiess mit einem eigenthümlich über seine Entdeckung triumphirenden Ton aus: »Da sitzt die Fliege wieder!«

So absonderlich klang's, dass der verständnisslosen Hörerin, die sich nicht selbst anzusehen vermochte, unwillkürlich die Frage entflog: »Die Fliege – wo?«

»Da auf deiner Wange!« Und zugleich schlang der Antwortende plötzlich einen Arm um ihren Nacken und haschte diesmal nach dem von ihm so tief verabscheuten Insekt, das die Vision seinem Blick in dem Grübchen vorgaukelte, mit den Lippen. Offenbar indess ohne Erfolg, denn gleich danach rief er nochmals: »Nein, nun sitzt sie dir auf der Lippe!«, und damit wendete er blitzgeschwind seinen Fangversuch dieser zu, jetzt aber so lang ausdauernd, dass kein Zweifel darüber bleiben konnte, er gelange zur vollkommensten Erreichung seines Zweckes. Und merkwürdigerweise behinderte die lebendige Gradiva ihn diesmal durch nichts dabei, und als ihr Mund nach Ablauf von ungefähr einer Minute sich einmal genöthigt sah, tief nach Athem zu ringen, sagte sie, zur Sprachfähigkeit zurückversetzt, nicht: »Du bist wirklich verrückt, Norbert Hanold,« vielmehr liess ein überaus reizvolles Lächeln um ihre erheblich stärker als zuvor gerötheten Lippen erkennen, sie sei eher noch mehr von der vollständigen Gesundung seiner Vernunft überzeugt worden.

Die Villa des Diomedes hatte vor zwei Jahrtausenden in einer bösen Stunde sehr Schauerliches gesehen und gehört, doch gegenwärtig vernahm und gewahrte sie ungefähr eine Stunde lang nur Dinge, die sich nicht im allergeringsten zur Einflössung eines Grausens eigneten. Dann jedoch machte sich einmal bei Fräulein Zoë Bertgang eine verständige Besinnung geltend, und in Folge davon gerieth ihr, eigentlich wider Wunsch und Willen, vom Mund: »Jetzt aber muss ich wirklich gehen, sonst verhungert mein armer Vater. Mich däucht, du kannst heute auf die Mittagsgesellschaft Gisa Hartleben's verzichten, da du nichts mehr von ihr zu lernen hast, und nimmst am besten mit in der Sonnenwirthschaft vorlieb.«

Daraus liess sich auf Einiges schliessen, das während der Stunde unter vielem Anderm mit zur Rede gekommen sein musste, denn es wies auf eine hülfreiche Lehrthätigkeit hin, die Norbert von der genannten jungen Dame zu Theil geworden. Doch fasste er aus den mahnenden Worten nicht dies auf, sondern etwas zum erstenmal ihm erschreckend ins Bewusstwerden Kommendes, das sich durch die Wiederholung kundgab: »Dein Vater – was wird der –?«

Fräulein Zoë fiel indess, ohne irgend ein Anzeichen in ihr dadurch erweckter Beunruhigung, ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, ich bin kein unentbehrliches Stück in seiner zoologischen Sammlung; wär' ich das, hätte sich mein Herz vielleicht nicht so unklug an dich gehängt. Im Uebrigen bin ich mir schon von frühauf darüber klar gewesen, dass ein Frauenzimmer auf der Welt nur zu etwas nützt, wenn sie einem Mann die Mühe abnimmt, zu bestimmen, was im Hause geschehen soll; die erspare ich meinem Vater fast stets, und du kannst nach dieser Richtung also auch für deine Zukunft ziemlich beruhigt sein. Sollte er jedoch zufällig einmal und grade in diesem Fall eine andere Meinung haben als ich, da machen wir's so einfach wie möglich. Du fährst für ein paar Tage nach Capri hinüber, fängst dort mit einer Grasschlinge – wie man's macht, kannst du an meinem kleinen Finger einüben – eine Lacerta faraglionensis, lässt sie hier wieder laufen und fängst sie vor seinen Augen noch einmal. Dann stellst du ihm die Wahl frei zwischen ihr und mir, und du hast mich so sicher, dass es mir beinah' um dich leid thut. Gegen den Collegen Eimer aber, fühle ich heut', hab' ich mich bisher undankbar verhalten, denn ohne seine geniale Eidechsenfang-Erfindung wäre ich wahrscheinlich nicht in das Haus des Meleager gekommen, und das wäre doch schade gewesen, nicht nur für dich, sondern auch für mich.«

Dieser letzten Ansicht gab sie bereits ausserhalb der Villa des Diomedes Ausdruck, und leider war kein Mensch mehr auf Erden vorhanden, der über die Stimme und Sprechweise der Gradiva irgend welche Angaben machen konnte. Doch wenn auch sie denen des Fräuleins Zoë Bertgang ebenso wie alles Sonstige geglichen hatten, mussten sie einen ganz ungewöhnlich schönen und schalkhaften Reiz besessen haben.

Von dem ward wenigstens Norbert Hanold so stark überkommen, dass er, ein wenig zu poetischem Aufschwung emporgetragen, ausrief: »Zoë, du liebes Leben und liebliche Gegenwart – unsere Hochzeitsreise machen wir nach Italien und Pompeji!«

Das bildete einen entschiedenen Beleg für die Erfahrung, wie sehr veränderte Umstände auch eine Umwandlung im Menschengemüth herbeiführen und zugleich eine Gedächtnissschwächung damit verbinden können. Denn es kam ihm gar nicht in den Sinn, dass er sich und seine Begleiterin auf jener Reise dadurch der Gefahr aussetzen werde, von misanthropisch-missmuthigen Eisenbahngenossen die Namen August und Grete zu empfangen; aber er dachte daran augenblicklich so wenig, wie dass sie Hand in Hand mit einander durch die alte Gräberstrasse von Pompeji dahingingen. Freilich drängte diese sich auch gegenwärtig der Empfindung nicht mehr als solche auf; wolkenloser Himmel leuchtete und lachte wieder über ihr, die Sonne deckte ein goldenes Teppichgewirk auf die alten Lavaplatten, der Vesuv breitete seine duftige Pinienkrone aus, und die ganze ausgegrabene Stadt erschien, statt mit Bimssteinen und Asche, von dem wohlthätigen Regensturz mit Perlen und Diamanten überschüttet. Mit den letzteren wetteiferte auch ein Glanz in den Augen der jungen Zoologentochter, doch ihre klugen Lippen entgegneten auf den kundgegebenen Reisezielwunsch ihres gewissermassen gleichfalls aus der Verschüttung wieder ausgegrabenen Kindheitsfreundes: »Darüber, denke ich, wollen wir uns heute nicht den Kopf zerbrechen; das ist eine Sache, die wohl besser von uns Beiden erst noch öfter in reiflichere Erwägung gezogen und künftigen Eingebungen überlassen wird. Ich fühle mich wenigstens zu solcher geographischen Entscheidung jetzt doch noch nicht völlig lebendig genug.«

Das zeugte auch von einer der Sprecherin innewohnenden grossen Bescheidenheit hinsichtlich der Beurtheilung ihres Einsichtsvermögens in Dinge, über die sie bis heute noch nie nachgedacht hatte. Sie waren an das Herculesthor zurückgelangt, wo am Anfang der Strada Consolare alte Trittsteine die Strasse überkreuzten. Norbert Hanold hielt vor ihnen an und sagte mit einem eigenthümlichen Klang der Stimme: »Bitte, geh' hier vorauf!« Ein heiter verständnissvoll lachender Zug umhuschte den Mund seiner Begleiterin, und mit der Linken das Kleid ein wenig raffend, schritt die Gradiva rediviva Zoë Bertgang, von ihm mit traumhaft dreinblickenden Augen umfasst, in ihrer ruhig-behenden Gangart durch den Sonnenglanz über die Trittsteine zur anderen Strassenseite hinüber.

  • Druck von *

Kamm & Seemann

  • in Leipzig. *

Anmerkungen zur Transkription:

Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.

   Seite 1:
   andrerseit sindess augenscheinlich keine Frau,
   andrerseits indess augenscheinlich keine Frau,
   Seite 10:
   Doch auch hier machten zumeisf lange
   Doch auch hier machten zumeist lange
   Seite 12:
   Schwefeldunst in der Luft, ohne davo nam Athmen
   Schwefeldunst in der Luft, ohne davon am Athmen
   Seite 17:
   ihre Gangart ins Gedächtnis zurückzurufen.
   ihre Gangart ins Gedächtniss zurückzurufen.
   Seite 50:
   atria, peristyla und tablina ihre vollsten Strahlengarben
   atria, peristylia und tablina ihre vollsten Strahlengarben
   Seite 53:
   di Mercurio, durchschnitt die breitere, zur Rechten
   di Mercurio durchschnitt die breitere, zur Rechten
   Seite 57:
   sondern einem leicht ins Gebliche fallenden warmen
   sondern einem leicht ins Gelbliche fallenden warmen
   Seite 72:
   dem ersten besten Wege zielloss davongewandert,
   dem ersten besten Wege ziellos davongewandert,
   Seite 75:
   sich leicht hierin und dorthin verneigend, einen
   sich leicht hierhin und dorthin verneigend, einen
   Seite 80:
   dass zugleich todt und lebendig, wenn auch dies
   das zugleich todt und lebendig, wenn auch dies
   Seite 89:
   So habe ich mir dein Bild benannt, da ich
   »So habe ich mir dein Bild benannt, da ich
   Seite 97:
   Ostende der langestreckten alten Stadtmauer; in
   Ostende der langgestreckten alten Stadtmauer; in
   Seite 104:
   eine absondere Bewandniss haben, denn ihr Duft
   eine absondere Bewandtniss haben, denn ihr Duft
   Seite 106:
   logisch, auch ebenso wünschenwerth geltend. Nur
   logisch, auch ebenso wünschenswerth geltend. Nur
   Seite 118:
   Jahre in der Bimsteinasche gelegen, enthielt im
   Jahre in der Bimssteinasche gelegen, enthielt im
   Seite 128:
   Untergang Pompejis in sich. Eine Wirniss weitläufiger
   Untergang Pompejis in sich. Eine Wirrniss weitläufiger
   Seite 134:
   n der zweiten Person verbleibend: »So weit ist
   in der zweiten Person verbleibend: »So weit ist
   Seite 147:
   ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, in bin kein
   ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, ich bin kein




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