Delusion and Dream in Jensen's Gradiva  

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"With respect to 'the final paragraph, in which Jensen has Hanold asking Zoë to walk ahead of him and she complies with a smile, Freud put, "Erotic...foot interest"'...By walking ahead of him in imitation of "Gradiva" on the plaque, she finds the key to his therapy'."

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Train wreck at Montparnasse (October 22, 1895) by Studio Lévy and Sons.
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Train wreck at Montparnasse (October 22, 1895) by Studio Lévy and Sons.

Delusion and Dream in Jensen's Gradiva ("Der Wahn und die Träume in W. Jensens Gradiva", 1907) is an essay by Sigmund Freud that analyzes the novel Gradiva by Wilhelm Jensen from a psychoanalytical point of view.

The novel is about a young archaeologist who comes to realize his love for his childhood friend through a long and complex process, mainly associating her with an idealized woman in the form of the gradiva bas-relief.

Poststructuralist philosopher Jacques Derrida references Freud's use of Jensen's GraDIVa in his own book length essay Archive Fever: A Freudian Impression (1995).

The Gradiva Awards, given by the National Association for the Advancement of Psychoanalysis, are named after Freud's essay.

Full text in original German

HARVARD UNIVERSITY



DEPARTMENT


PJHILOSOPHY



SCHRIFTEN ZUR ANGEWANDTEN SEELENKUNDE

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIOM. FREUD

ERSTES HEFT


DER WAHN UND DIE TRAUME


IN


W. JENSENS „GRADIVA"

VON

Prof. Dr. SIGM. FREUD WIEN


LEIPZIG UND WIEN FRANZ DEUTICKE

1908


Verlags-Nr. 1455


Im Verlage ron Franz Deuticke in Leipzig und Wien er- scheinen:

Schriften zur angewandten Seelenkunde

herausgegeben von

Prot Dr. Si«ni. Freud

in Wien.

I. Heft:

Der Wahn und die Träume in W. Jensens ^Gradiva^ Von Prot Dr. Sigm. Freud in Wien. Preis M. 2.50 = K 8.—.

n. Heft:

WunseherfQUung und Symbolik im Märchen. Eine Studie ron

Dr. Franz Riküa, Sekundararzt in Rheinau (Schweiz).

Preis M. 3.- = K 3.60.

m. Heft:

Der Inhalt der Psychose. Von Dr. C. 6. Jung, Privatdozent in Zürich.

In Vorbereitung.


Die „Schiiften zur angewandten Seelenkunde^ wenden sich an jenen weiteren Kreis von Gebildeten, die, ohne gerade Philosophen oder Medi- zmer zu sein, doch die Wissenschaft vom Seelischen des Menschen nach ihrer Bedeutung für das Verständnis und die Vertiefung unseres Lebens zu würdigen wissen. Die Hefte werden in zwangloser Folge erscheinen und zumeist eine einzige Arbeit bringen, welche die Anwendung ps^cho- lo^cher Erkenntnisse auf Themata der Kunst und Literatur, Kultur«  und Beligionsgeschichte und analoger Grebiete unternimmt.


SCHRIFTEN ZUR ANGEWANDTEN SEELENKÜNDE

HEEAUSGEGEBEN VON PeOF. De. SIGM. FKEÜD BESTES HEFT


DER WAHN UND DIE TRÄUME W. JENSENS „GRADIVA« 

VON

Prof. De. SIGM. FREUD

WIEN


WIEN UND LEIPZIG

HUGO HELLER & CIE.

1907


HARVARD UNIVERSmf.

Philos. Oeofc Ubrarji

vor i^»4-6»


" HARVARD A

UNIVERSITY I

LIBRARY I


K. a. R. Bofbucfadnxckerej Karl Prochaska in Tecehea.


In einem Kreise von Männern, denen es als ausgemacht gilt, daß die wesentlichsten Bätsei des Traumes durch die Bemiihimg des Verfassers*) gelöst worden sind, erwachte eines Tages die Neugierde, sich um jene Traume zu kümmern, die überhaupt niemals geträumt worden, die von Dichtern geschaffen imd erfundenen Personen im Zusammenhange einer Erzählung beigelegt werden. Der Vorschlag, diese Gattung von Träumen einer Untersuchimg zu unterziehen, mochte müßig und be- fremdend erscheinen; von einer Seite her konnte man ihn als berechtigt hinstellen. Es wird ja keineswegs allgemein geglaubt, daß der Traum etwas Sinnvolles und Deutbares ist. Die Wissen- schaft imd die Mehrzahl der Gebildeten lächeln, wenn man ihnen die Aufgabe einer Traumdeutung stellt; nur das am Aberglauben hängende Volk, das hierin die Überzeugungen des Altertums fortsetzt, will von der Deutbarkeit der Träume nicht ablassen, imd der Verfasser der Traumdeutung hat es gewagt, gegen den Einspruch der gestrengen .Wissenschait Partei für die Alten und für den Aberglauben zu nehmen. Er ist allerdings weit davon entfernt, im Traume eine An- kündigung der Zukunft anzuerkennen, nach deren Enthüllung der Mensch seit jeher mit allen unerlaubten Mitteln vergeb- lich strebt. Aber völlig konnte auch er nicht die Beziehung des Traumes zur Zukunft verwerfen, denn nach Vollendung einer mühseligen Übersetzungsarbeit erwies sich ihm der Traum als ein erfüllt dargestellter Wunsch des Träumers, und wer könnte bestreiten, daß Wünsche sich vorwiegend der Zu- kunft zuzuwenden pflegen.

Ich sagte eben: der Traum sei ein erfüllter Wunsch. Wer sich nicht scheut, ein schwieriges Buch durchzuarbeiten, wer


•) Freud, Die Traumdeatang^ 1900. Freud, Der Wfthn und die Trfttune.


DBB WAHN UND DIE TRÄUME


mcht fordert, daß ein verwickeltes Problem zur Schonung sei- ner Bemühung und auf Kosten von Treue und Wahrheit ihm als leicht imd einfach vorgehalten werde, der mag in der er- wähnten „Traumdeutung" den weitläufigen Beweis für diesen Satz aufsuchen und bis dahin die ihm sicherlich aufsteigen- den Einwendungen gegen die Gleichstellung von Traum und .Wunscherfüllung zur Seite drängen.

Aber wir haben weit vorgegriffen. Es handelt sich noch gar nicht darum, festzustellen, ob der Sinn eines Traumes in jedem Falle durch einen erfüllten Wunsch wiederzugeben sei> oder nicht auch ebenso häufig durch eine ängstliche Erwar- tung, einen Vorsatz, eine Überlegimg u. s. w. Vielmehr steht erst in Frage, ob der Traum überhaupt einen Sinn habe, ob man ihm den Wert eines seelischen Vorganges zugestehen solle. Die Wissenschaft antwortet mit Nein, sie erklärt das Träumen für einen bloß physiologischen Vorgang, hinter dem man also Sinn, Bedeutung, Absicht nicht zu suchen brauche. Körperliche Reize spielten während des Schlafes auf dem see- lischen Instrument und brächten so bald diese, bald jene der alles seelischen Zusammenhaltes beraubten Vorstellungen zum Bewußtsein. Die Träume wären nur Zuckungen, nicht aber Ausdrucksbewegungen des Seelenlebens vergleichbar.

In diesem Streite über die Würdigung des Traumes scheinen nun die Dichter auf derselben Seite zu stehen wie die Alten, wie das abergläubische Volk und wie der Ver- fasser der „Traumdeutung". Denn wenn sie die von ihrer Phaur tasie gestalteten Personen träumen lassen, so folgen sie der alltäglichen Erfahrung, daß das Denken und Fühlen der Men- schen sich in den Schlaf hinein fortsetzt, und suchen nichts anderes, als die Seelenzustände ihrer Helden durch deren Träume zu schildern. Wertvolle Bundesgenossen sind aber die Dichter imd ihr Zeugnis ist hoch anzuschlagen, denn sie pfle- gen eine Menge von Dingen zwischen Himmel imd Erde zu wissen, von denen sich unsere Schulweisheit noch nichts träu- men läßt. In der Seelenkunde gar sind sie uns Alltagsmen- schen weit voraus, weil sie da aus Quellen schöpfen, welche wir noch nicht für die Wissenschaft erschlossen haben. Wäre diese Parteinahme der Dichter für die sinnvolle Natur der


IN W. JENSENS „GRäDIVA"


Träume nur unzweideutiger! Eine schärfere Kritik könnte ja einwenden, der Dichter nehme weder für noch gegen die psy- chische Bedeutung des einzelnen Traumes Partei; er begnüge sich zu zeigen, wie die schlafende Seele unter den Erregungen aufzuckt, die als Ausläufer des Wachlebens in ihr kräftig ver- blieben sind.

Unser Interesse für die Art, wie sich die Dichter des Trau- mes bedienen, ist indes auch durch diese Ernüchterung nicht gedämpft. Wenn uns die Untersuchung auch nichts Neues über das Wesen der Träume lehren sollte, vielleicht gestattet sie uns von diesem Winkel aus einen kleinen Einblick in die Na- tur der dichterischen Produktion. Die wirklichen Träume gelten zwar bereits als zügellose und regelfreie Bildungen, und nxm erst die freien Nachbildungen solcher Träume! Aber es gibt viel weniger Freiheit und Willkür im Seelenleben, als wir geneigt sind anzunehmen; vielleicht überhaupt keine. Was wir in der Welt draußen Zufälligkeit heißen, löst sich be- kanntermaßen in Gesetze auf; auch was wir im Seelischen Willkür heißen, ruht auf — derzeit erst dunkel geahnten — Gesetzen. Sehen wir also zu !

Es gäbe zwei Wege für diese Untersuchung. Der eine wäre die Vertiefung in einen Spezialfall, in die Traumschöpfungen eines Dichters in einem seiner Werke. Der andere bestünde im Zusammentragen imd Gegeneinanderhalten all der Beispiele, die sich in den Werken verschiedener Dichter von der Ver- wendung der Träume finden lassen. Der zweite Weg scheint der bei weitem trefflichere zu sein, vielleicht der einzig berechtigte, denn er befreit uns sofort von den Schädigungen, die mit der Aufnahme des künstlichen Einheitsbegriffes „der Dichter" ver- bunden sind. Diese Einheit zerfällt bei der Untersuchung in die so sehr verschiedenwertigen Dichterindividuen, unter denen wir in einzelnen die tiefsten Kenner des menschlichen Seelen- lebens zu verehren gewohnt sind. Dennoch aber werden diese Blätter von einer Untersuchung der ersten Art ausgefüllt sein. Es hatte sich in jenem Kreise von Männern, unter denen die Anregung auftauchte, so gefügt, daß jemand sich besann, in dem Dichtwerke, das zuletzt sein Wohlgefallen erweckt, wären mehrere Träume enthalten gewesen, die ihn gleichsam mit ver-


DEE WAHN UND DIB TRÄUME


trauten Zügen angeblickt hätten und ihn einlüden, die Me- thode der „Traumdeutung" an ihnen zu versuchen. Er gestand zu, Stoff und örtlichkeit der kleinen Dichtung wären wohl an der Entstehung seines Wohlgefallens hauptsächlich be- teiligt gewesen, denn die Geschichte spiele auf dem Boden von Pompeji und handle von einem jungen Archäologen, der das Inter- esse für das Leben gegen das an den Besten der klassischen Ver- gangenheit hingegeben hätte und nun auf einem merkwürdigen, aber völlig korrekten Umwege ins Leben zurückgebracht werde. Während der Behandlung dieses echt poetischen Stoffes rege sich allerlei Verwandtes und dazu Stimmendes im Leser. Die Dichtimg aber sei die kleine Novelle „Gradiva" von Wil- helm Jensen, vom Autor selbst als „pompe janisches Phan- tasiestück" bezeichnet.

Und nun müßte ich eigentlich alle meine Leser bitten, dieses Heft aus der Hand zu legen und es für eine ganze Weile durch die 1903 im Buchhandel erschienene „Gradiva" zu ersetzen, damit ich mich im weiteren auf Bekanntes be- ziehen kann. Denjenigen aber, welche die „Gradiva" bereits gelesen haben, will ich den Inhalt der Erzählung durch einen kurzen Auszug ins Gedächtnis zurückrufen, und rechne darauf, daß ihre Erinnerung allen dabei abgestreiften Reiz aus eige- nem wiederherstellen wird.

Ein junger Archäologe, Norbert Hanoi d, hat in einer Antikensammlung Boms ein Beliefbild entdeckt, das ihn so ausnehmend angezogen, daß er sehr erfreut gewesen ist, einen vortrefflichen Gipsabguß davon erhalten zu können, den er in seiner Studierstube in einer deutschen Universitätsstadt auf- hängen imd mit Interesse studieren kann. Das Bild stellt ein reifes jimges Mädchen im Schreiten dar, welches ihr reichfal- tiges Gewand ein wenig aufgerafft hat, so daß die Füße in den Sandalen sichtbar werden. Der eine Fuß ruht ganz auf dem Boden, der andere hat sich zum Nachfolgen vom Boden abgehoben und berührt ihn nur mit den Zehenspitzen, während Sohle und Ferse sich fast senkrecht emporheben. Der hier dar- gestellte ungewöhnliche und besonders reizvolle Gang hatte wahrscheinlich die Aufmerksamkeit des Künstlers erregt imd


IN W. JENSENS „GRADIVA"


fesselt nach so viel Jahrhunderten nun den Blick unseres archäologischen Beschauers.

Dies Interesse des Helden der Erzählung für das geschil- derte Beliefbild ist die psychologische Grundtatsache unserer Dichtung. Es ist nicht ohne weiteres erklärbar. „Doktor Nor- bert Hanold, Dozent der Archäologie, fand eigentlich für seine Wissenschaft an dem Eelief nichts sonderlich Beachtenswertes.^^ (Gradiva p. 3.) „Er wußte six^h nicht klarzustellen, was daran seine Aufmerksamkeit erregt habe, nur daß er von etwas angezogen worden und diese Wirkung sich seitdem unverändert forterhalten habe." Aber seine Phantasie läßt nicht ab, sich mit dem Bilde zu beschäftigen. Er findet etwas „Heutiges" darin, als ob der Künstler den Anblick auf der Straße „nach dem Leben" fest- gehalten habe. Er verleiht dem im Schreiten dargestellten Mädchen einen Namen: „Gradiva", die „Vorschreitende"; er fabuliert, sie sei gewiß die Tochter eines vornehmen Hauses, vielleicht „eines patrizischen Aedilis, der sein Amt im Na- men der Ceres ausübte", und befinde sich auf dem Wege zum Tempel der Göttin. Dann widerstrebt es ihm, ihre ruhige stille Art in das Getriebe einer Großstadt einzufügen, viel- mehr erschafft er sich die Überzeugung, daß sie nach Pom- peji zu versetzen sei imd dort irgendwo auf den wieder aus- gegrabenen eigentümlichen Trittsteinen schreite, die bei reg- nerischem Wetter einen trockenen Übergang von einer Seite der Straße zur anderen ermöglicht und doch auch Durchlaß für Wagenräder gestattet hatten. Ihr Gesichtsschnitt dünkt ihm griechischer Art, ihre hellenische Abstammung unzwei- felhaft; seine ganze Altertumswissenschaft stellt sich allmäh- lich in den Dienst dieser und anderer auf das Urbild des Re- liefs bezüglichen Phantasien.

Dann aber drängt sich ihm ein angeblich wissenschaftliches Problem auf, das nach Erledigimg verlangt. Es handelt sich für ihn um eine kritische Urteilsabgabe, „ob der Künstler den Vorgang des Ausschreitens bei der Gradiva dem Leben ent- sprechend wiedergegeben habe". Er selbst vermag ihn an sich nicht hervorzurufen; bei der Suche nach der „Wirklichkeit" dieser Gangart gelangt er nun dazu, „zur Aufhellung der Sache selbst Beobachtungen nach dem Leben anzustellen". (G. p. 9.)


DER WAHN UND DIE TRÄUME


Das nötigt ihn allerdings zu einem ihm dnrchaiis fremdartigen Tun. „Das weibliche Geschlecht war bisher für ihn nur ein Begriff aus Marmor oder Erzguß gewesen, und er hatte seinen zeitgenössischen Vertreterinnen desselben niemals die geringste Beachtimg geschenkt." Pflege der Gesellschaft war ihm immer nur als unabweisbare Plage erschienen ; jimge Damen, mit denen er dort zusammentraf, sah und hörte er so wenig, daß er bei einer nächsten Begegnung grußlos an ihnen vorüberging, was ihn natürlich in kein günstiges Licht bei ihnen brachte. Nun aber nötigte ihn die wissenschaftliche Aufgabe, die er sich gestellt, bei trockener, besonders aber bei nasser "Witterimg eifrig nach den sichtbar werdenden Füßen der Frauen und Mädchen auf der Straße zu schauen, welche Tätigkeit ihm manchen unmutigen und manchen ermutigenden Blick der so Beobachteten eintrug; „doch kam ihm das eine so wenig zum Verständnis wie das andere". (G. p. 10.) Als Ergebnis dieser sorgfältigen Studien mußte er finden, daß die Gangart der Gra- diva in der Wirklichkeit nicht nachzuweisen war, was ihn mit Bedauern und Verdruß erfüllte.

Bald nachher hatte er einen schreckvoll beängstigenden Traum, der ihn in das alte Pompeji am Tage des Vesuvausbru- ches versetzte uud zum Zeugen des Unterganges der Stadt machte. „Wie er so am Bande des Forums neben dem Jupitertempel stand, sah er plötzlich in geringer Entfernung die Gradiva vor sich; bis dahin hatte ihn kein Gedanke an ihr Hiersein angerührt, jetzt aber ging ihm auf einmal und als natürlich auf, da sie ja eine Pompejanerin sei, lebe sie in ihrer Vaterstadt und, ohne daß er's geahnt habe, gleichzeitig mit ihm." (G.p. 12;) Angst um das ihr bevorstehende Schicksal ent- lockte ihm einen Warnruf, auf den die gleichmütig fortschrei- tende Erscheinung ihm ihr Gesicht zuwendete. Sie setzte aber dann unbekümmert ihren Weg bis zum Portikus des Tempels fort, setzte sich dort auf eine Treppenstufe und legte langsam den Kopf auf diese nieder, während ihr Gesicht sich immer blasser färbte, als ob es sich zu weißem Marmor umwandle. Als er ihr nacheilte, fand er sie mit ruhigem Ausdruck wie schlafend auf der breiten Stufe hingestreckt, bis dann der Aschenregen ihre Gestalt begrub.


IN W. JENSENS „GRADIVA"


Als er erwachte, glaubte er noch das verworrene Geschrei der nach Bettung suchenden Bewohner Pompejis und die dumpl' dröhnende Brandung der erregten See im Ohre zu haben. Aber auch nachdem die wiederkehrende Besinnung diese Geräusche als die weckenden Lebensäußerungen der lärmenden Großstadt erkannt hatte, behielt er für eine lange Zeit den Glauben an die Wirklichkeit des G^träiunten ; als er sich endlich von der Vor- stellimg frei gemacht, daß er selbst vor bald zwei Jahrtausenden dem Untergang Pompejis beigewohnt, verblieb ihm doch wie eine wahrhafte Überzeugung, daß die Gradiva in Pompeji ge- lebt und dort im Jahre 79 mit verschüttet worden sei. Solche Portsetzung fanden seine Phantasien über die Gradiva durch die Nachwirkimg dieses Traumes, daß er sie jetzt erst wie eine Verlorene betrauerte.

.Während «r, von diesen Gedanken befangen, aus dem Fenster lehnte, zog ein Kanarienvogel seine Aufmerksam- keit auf sich, der an einem offenstehenden Fenster des Hauses gegenüber im Käfig sein Lied schmetterte. Plötz- lich durchfuhr etwas wie ein Euck den, wie es scheint, noch nicht völlig aus seinem Traum Erwachten. Er glaubte, auf der Straße eiii(B Gestalt wie die seiner Gradiva ge- sehen und selbst den für sie charakteristischen Gang er- kannt zu haben, eilte unbedenklich auf die Straße, um sie einztiholen, imd erst das Lachen und Spotten der Leute über seine unschickliche Morgenkleidung trieb ihn rasch wieder in seine Wohnung zurück. In seinem Zimmer war es wieder der singende Kanarienvogel im Käfig, der ihn beschäftigte tmd ihn zum Vergleiche mit seiner eigenen Person anregte. Auch er sitze wie im Käfig, iand er, doch habe er es leichter, seinen Käfig zu verlassen. Wie in weiterer Nachwirkung des Traumes, vielleicht auch imter dem Einflüsse der linden Früh- lingsluft gestaltete sich in ihm der Entschluß einer Frühjahrs- reise nach Italien, für welche ein wissenschaftlicher Vorwand bald gefunden wurde, wenn auch „der Antrieb zu dieser Keise ihm aus einer unbenennbaren Empfindung entsprun- gen war". (G. p. 24.)

Bei dieser merkwürdig locker motivierten Beise wollen wir einen Moment Halt machen imd die Persönlichkeit wie das


DER WAHN UND DIB TRÄUME


Treiben unseres Helden näher ins Auge fa43sen. Er erscheint uns noch unverständlich und töricht; wir ahnen nicht, auf welchem Wege seine besondere Torheit sich mit der Mensch- lichkeit verknüpfen wird, um unsere Teilnahme zu erzwingen. Es ist das Vorrecht des Dichters, uns in solcher Unsicherheit belassen zu dürfen; mit der Schönheit seiner Sprache, der Sin- nigkeit seiner Einfälle lohnt er uns vorläufig das Vertrauen, das wir ihm schenken, und die Sympathie, die wir, noch un- verdient, für seinen Helden bereithalten. Von diesem teilt er uns noch mit, daß er schon durch die Familientradition zum Altertumsforscher bestimmt, sich in seiner späteren Verein- samung und Unabhängigkeit ganz in seine .Wissenschaft ver- senkt imd ganz vom Leben und seinen Oenüssen abgewendet hat. Marmor und Bronze waren für sein Gefühl das einzig wirk- lich Lebendige, den Zweck und Wert des Menschenlebens zum Ausdruck Bringende. Doch hatte vielleicht in wohlmeinender Absicht die Natur ihm ein Korrektiv durchaus unwissenschaft- licher Art ins Blut gelegt, eine überaus lebhafte Phantasie, die sich nicht nur in Träumen, sondern auch oft im Wachen zur Geltung bringen konnte. Durch solche Absondertmg der Phantasie vom Denkvermögen mußte er zum Dichter oder zum Neurotiker bestimmt sein, gehörte er jenen Menschen an, deren Reich nicht von dieser Welt ist. So konnte es sich ihm er- eignen, daß er mit seinem Interesse an einem Reliefbild hän- gen blieb, welches ein eigentümlich schreitendes Mädchen dar- stellte, daß er dieses mit seinen Phantasien umspann, ihm Na- men imd Herkimft fabulierte, tmd die von ihm geschaffene Person in das vor mehr als 1800 Jahren verschüttete Pompeji versetzte, endlich nach einem merkwürdigen Angsttraum die Phantasie von der Existenz und dem Untergang des Oradiva genannten Mädchens zu einem Wahn erhob, der auf sein Han- deln Einfluß gewann. Sonderbar und undurchsichtig würden uns diese Leisttmgen der Phantasie erscheinen, wenn wir ihnen bei einem wirklich Lebenden begegnen würden. Da unser Held Norbert Hanold ein Geschöpf des Dichters ist, möchten wir etwa an diesen die schüchterne Frage richten, ob seine Phantasie von anderen Mächten als von ihrer eigenen Willkür bestimmt worden ist.


IN W. JENSENS „GRADIVA"


Unseren Helden hatten wir verlassen, als er sich anschei- nend durch das Singen eines Kanarienvogels zu einer Beise nach Italien bewegen ließ, deren Motiv ihm offenbar nicht klar war. Wir erfahren weiter, daß auch Ziel und Zweck dieser Reise ihm nicht feststand. Eine innere Unruhe und Unbefrie- digung treibt ihn von Bom nach Neapel und von da weiter weg. Er gerät in den Schwärm der Hochzeitsreisenden und genötigt, sich mit den zärtlichen „August" und „Grete" zu beschäftigen, findet er sich ganz außer stände, das Tun tmd Treiben dieser Paare zu verstehen. Er kommt zu dem Er- gebnis, unter allen Torheiten der Menschen „nehme jedenfalls das Heiraten, als die größte und unbegreiflichste, den obersten Rang ein, und ihre sinnlosen Hochzeitsreisen nach Italien setzten gewissermaßen dieser Narretei die Krone auf". (G. p. 27.) In Rom durch die Nähe eines zärtlichen Paares in seinem Schlaf gestört, flieht er alsbald nach Neapel, nur um dort andere „August und Grete" wiederzufinden. Da er aus deren Gesprä- chen zu entnehmen glaubt, daß die Mehrheit dieser Vogelpaare nicht im Sinne habe, zwischen dem Schutt von Pompeji zu nisten, sondern den Flug nach Capri zu richten, beschließt er, das zu tun, was sie nicht täten, und befindet sich „wider Erwarten und Absicht" wenige Tage nach seiner Abreise in Pompeji.

Ohne aber dort die Ruhe zu finden, die er gesucht. Die Rolle, welche bis dahin die Hochzeitspaare gespielt, die sein Ge- müt beunruhigt und seine Sinne belästigt hatten, wird jetzt von den Stubenfliegen übernommen, in denen er die Verkörperung des absolut Bösen und Überflüssigen zu erblicken geneigt wird. Beiderlei Quälgeister verschwimmen ihm zu einer Einheit; manche Fliegenpaare erinnern ihn an Hochzeitsreisende, reden sich vermutlich in ihrer Sprache auch „mein einziger August" und „meine süße Grete" an. Er kann endlich nicht umhin zu erkennen, „daß seine Unbefriedigung nicht allein durch das um ihn herum Befindliche verursacht werde, sondern etwas ihren Ursprung auch aus ihm selbst schöpfe". (G. p. 42.) Er fühlt, „daß er mißmutig sei, weil ihm etwas fehle, ohne daß er sich aufhellen könne, was".

Am nächsten Morgen begibt er sich durch den „Ingresso"


10 DER WAHN UND DIE TRÄUME

nach Pompeji und durchstreift nach Verabschiedung des Füh- rers planlos die Stadt, merkwürdigerweise ohne sich dabei zu erinnern, daß er vor einiger Zeit im Traume bei der Ver- schütttmg Pompejis zugegen gewesen. Als dann in der „heißen, heiligen" Mittagsstunde, die ja den Alten als Geisterstunde galt, die anderen Besucher sich geflüchtet haben, und die Trümmerhaufen verödet und sonnenglanzübergossen vor ihm liegen, da regt sich in ihm die Fähigkeit, sich in das ver- sunkene Leben zurückzuversetzen, aber nicht mit Hilfe der .Wissenschaft. „Was diese lehrte, war eine leblose archäolo- gische Anschauung, und was ihr vom Mund kam, eine tote, philologische Sprache. Die verhalfen zu keinem Begreifen mit der Seele, dem Gemüt, dem Herzen, wie man's nennen wollte, sondern wer danach Verlangen in sich trug, der mußte als einzig Lebendiger allein in der heißen Mittagsstille hier zwischen den Überresten der Vergangenheit stehen, um nicht mit den körperlichen Augen zu sehen und nicht mit den leib- lichen Ohren zu hören. Dann .... wachten die Toten auf und Pompeji fing an, wieder zu leben." (G. p. 55.)

Während er so die Vergangenheit mit seiner Phantasie be- lebt, sieht er plötzlich die unverkennbare Gradiva seines Ee- liefs aus einem Hause heraustreten und leichtbehend über die Lavatrittsteine zur anderen Seite der Straße schreiten, ganz so, wie er sie im Traume jener Nacht gesehen, als sie sich wie zum Schlafen auf die Stufen des Apollotempels hingelegt hatte. „Und mit dieser Erinnerung zusammen kommt ihm noch etwas anderes zum erstenmal zum Bewußtsein: Er sei, ohne selbst von dem Antrieb in seinem Innern zu wissen, deshalb nach Italien und ohne Aufenthalt von Rom und Neapel bis Pompeji weitergefahren, um danach zu suchen, ob er hier Spuren von ihr auffinden könne. Und zwar im wörtlichen Sinne, denn bei ihrer besonderen Gangart mußte sie in der Asche einen von allen übrigen sich unterscheidenden Abdruck der Zehen hinterlassen haben." (G. p. 58.)

Die Spannung, in welcher der Dichter uns bisher erhalten hat, steigert sich hier an dieser Stelle für einen Augenblick zu peinlicher Verwirrung. Nicht nur, daß unser Held offen-


IN W. JENSENS „GRADIVA" 11

bar aus dem Gleichgewicht geraten ist, auch wir finden uns angesichts der Erscheinung der Gradiva, die bisher ein Stein- und dann ein Phantasiebild war, nicht zurecht. Ist's eine Halluzination unseres vom Wahn betörten Helden, ein „wirk- liches" Gespenst oder eine leibhaftige Person? Nicht daß wir an Gespenster ^u glauben brauchten, um diese Eeihe aufzu- stellen. Der Dichter, der seine Erzählung ein „Phantasiestück" benannte, hat ja noch keinen Anlaß gefunden uns aufzuklären, ob er uns in unserer, als nüchtern verschrieenen, von den Ge- setzen der Wissenschaft beherrschten Welt belassen oder in eine andere phantastische Welt führen will, in der Geistern und Gespenstern Wirklichkeit zugesprochen wird. Wie das Beispiel des Hamlet, des Macbeth, beweist, sind wir ohne Zögern bereit, ihm in eine solche zu folgen. Der iWahn des phantasievollen Archäologen wäre in diesem Falle an einem anderen Maßstabe zu messen. Ja, wenn wir bedenken, wie un- wahrscheinlich die reale Existenz einer Person sein muß, die in ihrer Erscheinung jenes antike Steinbild getreulich wieder- holt, 80 schrumpft tmsere Beihe zu einer Alternative ein : Hallu- zination oder Mittagsgespenst. Ein kleiner Zug der Schilderung streicht dann bald die erstere Möglichkeit. Eine große Eidechse liegt bewegungslos im Sonnenlicht ausgestreckt, die aber vor dem herannahenden Fuß der Gradiva entflieht und sich über die Lavaplatten der Straße davonringelt. Also keine Hallu- zination, etwas außerhalb der Sinne unseres Träumers. Aber sollte die Wirklichkeit einer Eediviva eine Eidechse stören können?

Vor dem Hause des Meleager verschwindet die Gradiva. Wir verwundern uns nicht, daß Norbert Hanold seinen Wahn dahin fortsetzt, daß Pompeji in der Mittagsgeisterstunde rings* um ihn her wieder zu leben begonnen habe, und so sei auch die Gradiva wieder aufgelebt und in das Haus gegangen, das sie vor dem verhängnisvollen Augusttage des Jahres 79 bewohnt hatte. Scharfsinnige Vermutungen über die Persön- lichkeit des Eigentümers, nach dem dies Haus benannt sein mochte, tmd über die Beziehung der Gradiva zu ihm schießen durch seinen Kopf und beweisen, daß sich seine Wissenschaft nun völlig in den Dienst seiner Phajitasie begeben hat. Ins


12 DEB WAHN UND DIE TRÄUME

Innere dieses Hauses eingetreten, entdeckt er die Erscheinung plötzlich wieder auf niedrigen Stufen zwischen zweien der gelben Säulen sitzend. „Auf ihren Knien lag etwas Weißes ausgebreitet, das sein Blick klar zu unterscheiden nicht fähig war; ein Papyrusblatt schien's zu sein " Unter den Vor- aussetzungen seiner letzten Kombination über ihre Her- kunft spricht er sie griechisch an, mit Zagen die Entscheidung erwartend, ob ihr in ihrem Scheindasein wohl Sprachvermögen gegönnt sei. Da sie nicht antwortet, vertauscht er die An- rede mit einer lateinischen. Da klingt es von lächelnden Lip- pen: „Wenn Sie mit mir sprechen wollen, müssen Sie's auf Deutsch tun."

Welche Beschämung für uns, die Leser! So hat der Dich- ter also auch unser gespottet und ims wie durch den Wider- schein der Sonnenglut Pompejis in einen kleinen Wahn gelockt, damit wir den Armen, auf den die wirkliche Mittagssonne brennt, milder beurteilen müssen. Wir aber wissen jetzt, von kurzer Verwirrung geheilt, daß die Gradiva ein leibhaftiges deutsches Mädchen ist, was wir gerade als das Unwahrschein- lichste von uns weisen wollten. In ruhiger Überlegenheit dürfen wir nun zuwarten, bis wir erfahren, welche Beziehung zwischen dem Mädchen und ihrem Bild in Stein besteht, und wie unser junger Archäologe zu den Phantasien gelangt ist, die auf ihre reale Persönlichkeit hinweisen.

Nicht so rasch wie wir wird imser Held aus seinem Wahn gerissen, denn „wenn der Glaube selig machte", sagt der Dichter, „nahm er überall eine erhebliche Summe von Unbegreif- lichkeiten in den Kauf", (G. p. 140) und überdies hat dieser Wahn wahrscheinlich Wurzeln in seinem Innern, von denen wir nichts wissen, und die bei uns nicht bestehen. Es bedarf wohl bei ihm einer eingreifenden Behandlimg, um ihn zur Wirkli<9ikeit zTirückzuführen. Gegenwärtig kann er nicht anders, als den Wahn der eben gemachten wunderbaren Erfahnmg anpassen. Die Gradiva, die bei der Verschüttung Pompejis mit unter- gegangen, kann nichts, anderes sein als ein Mittagsgespenst, das für die kurze Geisterstunde ins Leben zurückkehrt. Aber warum entfährt ihm nach jener in deutscher Sprache gegebenen Antwort der Ausruf: „Ich wußte es, so klänge deine Stimme"?


IN W. JENSENS „GRADIVA" 18

Nicht wir allein, auch das Mädchen selbst muß so fragen, und Hanold muß zugeben, daß er die Stimme noch nie gehört, aber sie zu hören erwartet, damals im Traum, als ^r sie an- rief, während sie sich auf den Stufen des Tempels zum Schla- fen hinlegte. Er bittet sie, es wieder zu tun wie damals, aber da erhebt sie sich, richtet ihm einen befremdenden Blick ent- gegen und verschwindet nach wenigen Schritten zwischen den Säulen des Hofes» Ein schöner Schmetterling hatte sie kurz vorher einigemal umflattert; in seiner Deutung war es ein Bote des Hades gewesen, der die Abgeschiedene an ihre Bück- kehr mahnen sollte, da die Mittagsgeistersttmde abgelaufen. Den Ruf: „Kehrst du morgen in der Mittagssttmde wieder hie- her?'^ kann Hanold der Verschwindenden noch nachsenden. Uns aber, die wir uns jetzt mehr nüchterner Deutungen ge- trauen, will es scheinen, als ob die junge Dame in der Auf- fordenmg, die Hanold an sie gerichtet, etwas Ungehöriges erblickte und ihn darum beleidigt verließ, da sie doch von seinem Traum nichts wissen konnte. Sollte ihr Feingefühl nicht die erotische Natur des Verlangens herausgespürt haben, das sich für Hanold durch die Beziehung auf seinen Traum motivierte?

Nach dem Verschwinden der Gradiva mustert unser Held sämtliche bei der Tafel anwesenden Gäste des Hotels Diomede imd darauf ebenso die des Hotels Suisse und kann sich dann sagen, daß in keiner der beiden ihm allein bekannten Unter- kunftsstätten Pompejis eine Person zu finden sei, die mit der Gradiva die entfernteste Ähnlichkeit besitze. Selbstverständ- lich hätte er die Erwartung als widersinnig abgewiesen, daß er die Gradiva wirklich in einer der beiden ."Wirtschaften an- treffen könne. Der auf dem heißen Boden des Vesuvs ge- kelterte Wein hilft dann den Taumel verstärken, in dem er den Tag verbracht.

Vom nächsten Tage stand nur fest, daß Hanold wieder um die Mittagsstunde im Hause des Meleager sein müsse, und diese Zeit erwartend, dringt er auf einem nicht vorschrifts- mäßigen Wege über die alte Stadtmauer in Pompeji ein. Ein mit weißen Glockenkelchen behängter Asphodelosschaft er-


14 DER WAHN UND DIE TRÄUME

scheint ihm als Blume der Unterwelt bedeuttmgsvoll genug, um ihn zu pflücken und mit sich zu tragen* Die gesamte Altertumswissenschaft aber dünkt ihm während seines Wartens das Zweckloseste und Gleichgültigste von der Welt, denn ein anderes Interesse hat sich seiner bemächtigt, das Problem: „von welcher Beschaffenheit die körperliche Erscheinung eines We- sens wie der Oradiva sei, das zugleich tot, und, wenn auch nur in der Mittagsgeisterstunde, lebendig war." (G. p. 80.) Auch bangt er davor, die Gesuchte heute nicht anzutreffen, weil ihr viel- leicht die Wiederkehr erst nach langen Zeiten verstattet sein könne, tmd hält ihre Erscheinung, als er ihrer wieder zwischen den Säulen gewahr wird, für ein Gaukelspiel seiner Phantasie, welches ihm den schmerzlichen Ausruf entlockt: „0, daß du noch wärest und lebtest!" Allein diesmal war er offenbar zu kritisch gewesen, denn die Erscheinung verfügt über eine Stimme, die ihn fragt, ob er ihr die weiße Blume bringen wolle, und zieht den wiederum Fassungslosen in ein langes Gespräch. Uns Lesern, welchen die Gradiva bereits als lebende Persönlichkeit interessant geworden ist, teilt der Dichter mit, daß das Unmutige und Zurückweisende, das sich tags zuvor in ihrem Blick geäußert, einem Ausdruck von suchender Neu- gier oder Wißbegierde gewichen war. Sie forscht ihn auch wirklich aus, verlangt die Aufklärung seiner Bemerkung vom vorigen Tag, wann er bei ihr gestanden, als sie sich zum Schlafen hingelegt, erfährt so vom Traum, in dem sie mit ihrer Vaterstadt imtergangen, dann vom Keliefbild und der Stellung des Fu^es, die den Archäologen so angezogen. Nim läßt sie sich auch bereit finden, ihren Gang zu demonstrieren, wobei als einzige Abweichung vom Urbild der Gradiva der Ersatz der Sandalen durch sandfarbig helle Schuhe von feinem Leder festgestellt wird, den sie als Anpassung an die Gegenwart auf- klärt. Offenbar geht sie auf seinen Wahn ein, dessen ganzen Umfang sie ihm entlockt, ohne je zu widersprechen. Ein ein- ziges Mal scheint sie durch einen eigenen Affekt aus ihrer Bolle gerissen zu werden, als er, den Sinn auf ihr Keliefbild gerichtet, behauptet, daß er sie auf den ersten Blick erkannt habe. Da sie an dieser Stelle des Gespräches noch nichts von dem Eelief weiß, muß ihr ein Mißverständnis der Worte Hanolds


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nahe liegen, aber alsbald hat sie sich wieder gefaßt, und nur uns will es scheinen, als ob manche ihrer Keden doppelsinnig klingen, außer ihrer Bedeutiuig im Zusammenhang des .Wahnes auch etwas Wirkliches und Gegenwärtiges meinen, so z. B. wenn sie bedauert, daß ihm damals die Feststellung der Gradiva- gangart auf der Straße nicht gelimgen sei. „Wie schade, du hät- test vielleicht die weite Beise hieher nicht zu machen gebraucht." (G. p. 89.) Sie erfährt auch, daß er ihr EeUefbild „Gradiva" benannt, und sagt ihm ihren wirklichen Namen Zoe. „Der Name steht dir schön an, aber er klingt mir als ein bitterer Hohn, denn Zoe heißt das Leben." — „Man muß sich in das Unabänderliche fügen",i entgegnet sie, „imd ich habe mich schon lange daran gewöhnt, tot zu sein." Mit dem Versprechen, morgen um die Mittagsstunde wieder an demselben Orte zu sein, nimmt sie von ihm Abschied, nachdem sie sich noch die Asphodelosstaude von ihm erbeten. „Solchen, die besser daran sind, gibt man im Frühling Bösen, doch für mich ist die Blume der Vergessenheit aus deiner Hand die richtige," (G. p. 90.) Weh- mut schickt sich wohl für eine so lang Verstorbene, die nun auf kurze Stunden ins Leben zurückgekehrt ist.

Wir fangen nun an zu verstehen und eine Hoffnung zu fassen. Wenn die junge Dame, in deren Gestalt die Gradiva wieder aufgelebt ist, Hanolds Wahn so voll aufnimmt, so tut sie es wahrscheinlich, um ihn von ihm zu befreien. Es gibt keinen anderen Weg dazu; durch Widerspruch versperrte man sich die Möglichkeit. Auch die ernsthafte Behandlung eines wirklichen solchen Krankheitszustandes könnte nicht anders, als sich zunächst auf den Boden des Wahngebäudes stellen und dieses dann möglichst vollständig erforschen. Wenn Zoe die richtige Person dafür ist, werden wir wohl erfahren, wie man einen Wahn wie den unseres Helden heilt. Wir wollten auch gern wissen, wie ein solcher Wahn entsteht. Es träfe sich sonderbar und wäre doch nicht ohne Beispiel und Gegenstück, wenn Behandlung tmd Erforschung des Wahnes zusammenfielen und die Aufklärung der Entstehimgsgeschichte desselben sich gerade während seiner Zersetztmg ergäbe. Es ahnt uns frei- lich, daß unser Krankheitsfall dann in eine „gewöhnliche" Lie- besgeschichte auflaufen könnte, aber man darf die Liebe als


16 DEB WAHN UND DIE TRÄUME

Heilpotenz gegen den Wahn nicht verachten, und war unseres Helden Eingenommensein von seinem Gradivabild nicht auch eine volle Verliebtheit, allerdings noch aufs Vergangene und Leblose gerichtet?

Nach dem Verschwinden der Gradiva schallt es nur noch einmal aus der Entfernung wie ein lachender Ruf eines über die Trümmerstadt hinfliegenden Vogels. Der Zurückgebliebene nimmt etwas Weißes auf, das die Gradiva zurückgelassen, kein Papyrusblatt, sondern ein Skizzenbuch mit Bleistiftzeichnungen verschiedener Motive aus Pompeji. Wir würden sagen, es sei ein Unterpfand ihrer Wiederkehr, daß sie das kleine Buch an dieser Stelle vergessen, denn wir behaupten, man vergißt nichts ohne geheimen Grund oder verborgenes Motiv.

Der Best des Tages bringt unserem Hanold allerlei merk- würdige Entdeckimgen und Feststellungen, die er zu einem Ganzen zusammenzufügen verabsäumt. In der Mauer des Portikus, wo die Gradiva verschwunden, nimmt er heute einen schmalen Spalt gewahr, der doch breit genug ist, um eine Person von ungewöhnlicher Schlankheit durchzulassen. Er er- kennt, die Zoe-Gradiva brauche hier nicht in den Boden zu versinken, was auch so vernunftwidrig sei, daß er sich dieses nun abgelegten Glaubens schämt, sondern sie benütze diesen Weg, um sich in ihre Gruft zu begeben. Ein leichter Schatten scheint ihm am Ende der Gräberstraße vor der sogen. Villa des Diomedes zu zergehen. Im Taumel wie am Vortage und mit denselben Problemen beschäftigt, treibt er sich nun in der Umgebung Pompejis herum. Von welcher leiblichen Beschaf- fenheit wohl die 2joe-Gradiva sein möge, und ob man etwas verspüren würde, wenn man ihre Hand berührte. Ein eigen- tümlicher Drang trieb ihn zum Vorsatze, dieses Experiment zu unternehmen, und doch hielt ihn eine ebenso große Scheu auch in der Vorstellung davon zurück. An einem heißbesonnten Abhänge traf er einen älteren Herrn, der nach seiner Aus- rüstung ein Zoologe oder Botaniker sein mußte und mit einem Fange beschäftigt schien. Der wandte sich nach ihm um und sagte dann: „Interessieren Sie sich auch für die Fara- glionensis? Das hätte ich kaum vermutet, aber rnir ist es durchaus wahrscheinlich, daß sie sich nicht nur auf den Fara-


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glionen bei Capri aufhält, sondern sich mit Ausdauer auch am Festland finden lassen muß. Das vom Kollegen Eimer angegebene Mittel ist wirklich gut; ich habe es schon mehr- fach mit bestem Erfolge angewendet. Bitte» halten Sie sich ganz ruhig — ." (G. p. 96.) Der Sprecher brach dann ab und hielt eine aus einem langen Orashalm hergestellte Schlinge vor eine Fels- ritze, aus der das bläulich schillernde Köpfchen einer Eidechse hervorsah. Hanold verließ den Lacertenjäger mit der kri- tischen Idee, es sei kaum glaublich, was für närrisch merk- würdige Vorhaben Leute zu der weiten Fahrt nach Pompeji ver- anlassen konnten, in welche Ejritik er sich und seine Absicht, in der Asche Pompejis nach den Fußabdrücken der Gradiva zu forschen, natürlich nicht einschloß. Das Gesicht des Herrn kam ihm übrigens bekannt vor, als hätte er es flüchtig in einem der beiden Gasthöfe bemerkt, auch war dessen Anrede wie an einen Bekannten gerichtet gewesen. Auf seiner weiteren Wan- derung brachte ihn ein Seitenweg zu einem bisher von ihm nicht entdeckten Haus, welches sich als ein drittes Wirtshaus, der „Albergo del Sole" herausgtellte. Der unbeschäftigte Wirt benützte die Gelegenheit, sein Haus und die darin enthaltenen ausgegrabenen Schätze bestens zu empfehlen. Er behauptete, daß er auch zugegen gewesen sei, als man in der Gegend des Forums das junge Liebespaar aufgefunden, das sich bei der Erkenntnis des unabwendbaren Unterganges fest mit den Ar- men umschlungen und so den Tod erwartet habe. Davon hatte Hanold schon früher gehört und darüber als über eine Fabel- erfindung irgend eines phantasiereichen Erzählers die Achsel gezuckt, aber heute erweckten die Reden des Wirtes bei ihm eine Gläubigkeit, die sich auch weiter erstreckte, als dieser eine mit grüner Patina überzogene Metallspange herbeiholte, die in seiner Gegenwart neben den Überresten des Mädchens aus der Asche gesammelt worden sei. Er erwarb diese Spange ohne weitere kritische Bedenken, und als er beim Verlassen des Albergo an einem offenstehenden Fenster einen mit weißen Blüten besetzten Asphodelosschaft herabnicken sah, durchdrang ihn der Anblick der Gräberblume wie eine Beglaubigung für die Echtheit seines neuen Besitztums.

Freud, Der Wehn und die Tiftnme. ^


18 DER WAHN UND DIE TRÄUME

Mit dieser Spange hatte aber ein neuer Wahn von ihm Besitz ergriffen oder vielmehr der alte ein Stückchen Fort- setzung getrieben, anscheinend kein gutes Vorzeichen für die eingeleitete Therapie. Unweit des Forums hatte man ein jun- ges Liebespaar in solcher ümschlingung ausgegraben, und er hatte im Traume die Gradiva in eben dieser Gegend beim Apollotempel sich zum Schlafe niederlegen gesehen. Wäre es nicht möglich, daß sie in Wirklichkeit vom Forum noch weiter gegangen sei, um mit jemand zusammenzutreffen, mit dem sie dann gemeinsam gestorben? Ein quälendes Gefühl, das wir vielleicht der Eifersucht gleichstellen können, entsprang aus dieser Vermutung. Er beschwichtigte es durch den Hinweis auf die Unsicherheit der Kombination und brachte sich wieder so weit zurecht, daß er die Abendmahlzeit im Hotel Diomede ein- nehmen konnte. Zwei neueingetroffene Gäste, ein Er und eine Sie, die er nach einer gewissen Ähnlichkeit für Geschwister halten mußte, — trotz ihrer verschiedenen Haarfärbung, — zo- gen dort seine Aufmerksamkeit auf sich. Die Beiden waren die ersten ihm auf seiner Eeise Begegnenden, von denen er einen sympathischen Eindruck empfing. Eine rote Sorrentiner Eose, die das junge Mädchen trug, weckte irgend eine Erinnerung in ihm, er konnte sich nicht besinnen, welche. Endlich ging er zu Bett und träumte ; es war merkwürdig unsinniges Zeug, aber offenbar aus den Erlebnissen des Tages zusammengebraut- „Irgendwo in der Sonne saß die Gradiva, machte aus einem Grashalm eine Schlinge, um eine Eidechse drin zu fangen imd sagte dazu: »Bitte, halte dich ganz ruhig — die Kollegin hat recht, das Mittel ist wirklich gut und sie hat es mit bestem Erfolge angewendet.*" Gegen diesen Traum wehrte er sich noch im Schlafe mit der Kritik, das sei ja vollständige Ver- rücktheit, und es gelang ihm, den Traum loszuwerden mit Hilfe eines unsichtbaren Vogels, der einen kurzen lachenden Euf aus- stieß und die Eidechse im Schnabel forttrug.

Trotz all dieses Spuks erwachte er eher geklärt und ge- festigt. Ein Eosenstrauch, der Blumen von jener Art trug, wie er sie gestern an der Brust der jungen Dame bemerkt hatte, brachte ihm ins Gedächtnis zurück, daß in der Nacht jemand gesagt hatte, im Frühling gäbe man Eosen. Er pflückte


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unwillkürlich einige der Bösen ab, und an diese mußte sich etwas knüpfen, was eine lösende Wirkung in seinem Kopf aus- übte. Seiner Menschenscheu erledigt, begab er sich auf dem ge- wöhnlichen "Wege nach Pompeji, mit den Eosen, der Metall- spange und dem Skizzenbuch beschwert und mit verschiedenen Problemen, welche die Gradiva betrafen, beschäftigt. Der alte .Wahn war rissig geworden, er zweifelte bereits, ob sie sich nur in der Mittagsstunde, nicht auch zu anderen Zeiten in Pompeji aufhalten dürfe. Der Akzent hatte sich dafür auf das zuletzt angefügte Stück verschoben, und die an diesem hängende Eifersucht quälte ihn in allerlei Verkleidungen. Bei- nahe hätte er gewünscht, daß die Erscheinung nur seinen Augen sichtbar bleibe und sich der Wahrnehmung anderer entziehe; so dürfte er sie doch als sein ausschließliches Eigentum be- trachten. Während seiner Streifungen im Erwarten der Mit- tagsstunde hatte er eine überraschende Begegnung. In der Casa del fauno traf er auf zwei Gestalten, die sich in einem Winkel unentdeckbar glauben mochten, denn sie hielten sich mit den Armen umschlungen imd ihre Lippen zusammenge- schlossen. Mit Verwimderung erkannte er in ihnen das sym- pathische Paar von gestern abend. Aber für zwei Geschwister bedünkten ihn ihr gegenwärtiges Verhalten, die Umarmung und der Kuß von zu langer Andauer; also war es doch ein Liebes- und vermutlich junges Hochzeitspaar, auch ein August und eine Grete. Merkwürdigerweise erregte dieser Anblick jetzt nichts anderes als Wohlgefallen in- ihm, und scheu, als hätte er eine geheime Andachtsübxing gestört, zog er sich im- gesehen zurück. Ein Bespekt, der ihm lange gefehlt hatte, war in ihm wiederhergestellt.

Vor dem Hause des Meleager angekommen, überfiel ihn die Angst, die Gradiva in Gesellschaft eines Anderen anzu- treffen, noch einmal so heftig, daß er für ihre Erscheintmg keine andere Begrüßung fand, als die Frage: Bist du allein? Mit Schwierigkeit läßt er sich von ihr zum Bewußtsein brin- gen, daß er die Bösen für sie gepflückt, beichtet ihr den letzten Wahn, daß sie das Mädchen gewesen, das man am Forum in Liebesumarmung gefunden, und dem die grüne Spange gehört hatte. Nicht ohne Spott fragt sie, ob er das Stück etwa


so DER WAHN UND DIE TRÄUME

in der Sonne gefunden. Diese — hier Sole genannt — bringe allerlei derart zu stände. Zur Heilung des Schwindels im Kopfe, den er zugesteht, schlägt sie ihm vor, ihre kleine Mahl- zeit mit ihr zu teilen, und bietet ihm die eine Hälfte eines in Seidenpapier eingewickelten Weißbrotes an, dessen andere sie selbst mit sichtlichem Appetit verzehrt. Dabei blitzen ihre tadellosen Zähne zwischen den Lippen auf und verur- sachen beim Durchbeißen der Binde einen leicht krachenden Ton. Auf ihre Bede: „Mir ist's, als hätten wir schon vor zweitausend Jahren einmal so zusammen unser Brot gegessen. Kannst du dich nicht darauf besinnen?" (G. p. 118) wußte er keine Antwort, aber die Stärkung seines Kopfes durch das Nährmittel und all die Zeichen von Gegenwärtigkeit, die sie gab, ver- fehlten ihre Wirkung auf ihn nicht. Die Vernunft erhob sich in ihm und zog den ganzen Wahn, daß die Gradiva nur ein Mittagsgespenst sei, in Zweifel; dagegen ließ sich freilich einwenden, daß sie soeben selbst gesagt, sie habe schon vor zweitausend Jahren die Mahlzeit mit ihm geteilt. In solchem Konflikt bot sich ein Experiment als Mittel der Entscheidung, das er mit Schlauheit und wiedergefundenem Mute ausführte. Ihre linke Hand lag mit den schmalen Fingern ruhig auf ihren Knien, und eine der Stubenfliegen, über deren Frechheit und Nutzlosigkeit er sich früher so entrüstet hatte, ließ sich auf dieser Hand nieder. Plötzlich fuhr Hanolds Hand in die Höh' und klatschte mit einem keineswegs gelinden Schlag auf die Fliege und die Hand der Gradiva herunter.

Zweierlei Erfolg trug ihm dieser kühne Versuch ein, zu- nächst die freudige Überzeugung, daß er eine unzweifelhaft wirkliche, lebendige und warme Menschenhand berührt, dann aber einen Verweis, vor dem er erschrocken von seinem Sitr auf der Stufe aufflog. Denn von den Lippen der Gradiva tönte es, nachdem sie sich von ihrer Verblüffung erholt hatte: „Du bist doch offenbar verrückt, Norbert Hanold."

Der Buf beim eigenen Namen ist bekanntlich das beste Mittel, einen Schläfer oder Nachtwandler aufzuwecken. Welche Folgen die Nennung seines Namens, von dem er niemand in Pompeji Mitteilung gemacht, durch die Gradiva für Norbert Hanold mit sich gebracht hatte, ließ sich leider nicht beob-


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achten. Denn in diesem kritischen Augenblick tauchte das sympathische Liebespaar aus der Casa di fauno auf, und die junge Dame rief mit einem Ton fröhlicher Überraschung : „Zoe ! du auch hier? Und auch auf der Hochzeitsreise? Davon hast du mir ja kein Wort geschrieben!" Vor diesem neuen Beweis der Lebenswirklichkeit der Gradiva ergriff Hanold die Flucht. Die Zoe-Gradiva war durch den unvorhergesehenen Be- such, der sie in einer, wie es scheint, wichtigen Arbeit störte, auch nicht aufs angenehmste überrascht. Aber bald gefaßt, beantwortet sie die Frage mit einer geläufigen Antwortsrede, in der sie der Freundin, aber mehr noch uns, Auskünfte über die Situation gibt, und mittels welcher sie sich des jungen Paares zu entledigen weiß. Sie gratuliert, aber sie ist nicht auf der Hochzeitsreise. „Der junge Herr, der eben fortging, laboriert auch an einem merkwürdigen Hirngespinst, mir scheint, er glaubt, daß ihm eine Fliege im Kopfe summt; nun, irgend eine Kerbtierart hat wohl Jeder drin. Pflichtmäßig verstehe ich mich etwas auf Entomologie und kann deshalb bei solchen Zuständen ein bißchen von Nutzen sein. Mein Vater und ich wohnen im Sole, er bekam auch einen plötzlichen Anfall und dazu den guten Einfall, mich mit hieher zu nehmen, wenn ich mich auf meine eigene Hand in Pompeji unterhalten und an ihn keinerlei Anforderungen stellen wollte. Ich sagte mir, irgenid etwas Interessantes würde ich wohl schon allein hier ausgra- ben. Freilich, auf den Fund, den ich gemacht, — ich meine das Glück, dich zu treffen, Gisa, hatte ich mit keinem Gedanken ge- rechnet." (G. p. 124.) Aber nun muß sie eilig fort, ihrem Vater am Sonnentisch Gesellschaft leisten. Und so entfernt sie sich, nach- dem sie sich uns als die Tochter des Zoologen und Eidechsen- fängers vorgestellt und in allerlei doppelsinnigen Reden sich zur Absicht der Therapie und zu anderen geheimen Absichten bekannt hat. Die Richtung, die sie einschlug, war aber nicht die des Gasthofes zur Sonne, in dem ihr Vater sie erwartete, sondern auch ihr wollte scheinen, als ob in der Umgegend der Villa des Diomedes eine Schattengestalt ihren Tumulus auf- suche und unter einem der Gräberdenkmäler verschwinde, und darum richtete sie ihre Schritte mit dem jedesmal beinahe senk- recht aufgestellten Fuß nach der Gräberstraße. Dorthin hatte


«2 DER WAHN UND DIE TRÄUME

sich in seiner Beschämung und Verwirrung Hanold geflüchtet und wanderte im Portikus des Gartenraumes unablässig auf und ab, beschäftigt, den Rest seines Problems durch Denk- anstrengung zu erledigen. Eines war ihm unanfechtbar klar geworden, daß er völlig ohne Sinn und Verstand gewesen zu glauben, daß er mit einer mehr oder weniger leiblich wiedel* lebendig gewordenen jungen Pompejanerin verkehrt habe, und diese deutliche Einsicht seiner Verrücktheit bildete unstreitig einen wesentlichen Fortschritt auf dem Rückweg zur gesunden Vernunft. Aber anderseits war diese Lebende, mit der auch Andere wie mit einer ihnen gleichartigen Leibhaftigkeit ver- kehrten, die Gradiva, und sie wußte seinen Namen, und dieses Rätsel zu lösen, war seine kaum erwachte Vernunft nicht stark genug. Auch war er im Gefühl kaum ruhig genug, um sich solcher schwierigen Aufgabe gewachsen zu zeigen, denn am liebsten wäre er vor zweitausend Jahren in der Villa des Diomedes mitverschüttet worden, um nur sicher zu sein, der Zoe-Gradiva nicht wieder zu begegnen.

Eine heftige Sehnsucht, sie wiederzusehen, stritt indessen ge- gen den Rest von Neigung zur Flucht, der sich in ihm er- halten hatte.

Um eine der vier Ecken des Pfeilerganges biegend, prallte er plötzlich zurück. Auf einem abgebrochenen Mauerstücke saß da eines der Mädchen, die hier in der Villa des Diomedes ihren Tod gefunden hatten. Aber das war ein bald abgewie- sener letzter Versuch, in das Reich des Wahnsinns zu flüch- ten; nein, die Gradiva war es, die offenbar gekommen war, ihm das letzte Stück ihrer Behandlung zu schenken. Sie deutete seine erste instinktive Bewegung ganz richtig als einen Ver- such, den Raum zu vetlassen, und bewies ihm, daß er nicht entrinnen könne, denn draußen hatte ein fürchterlicher Wasser- sturz zu rauschen begonnen. Die Unbarmherzige begann das Examen mit der Frage, was er mit der Fliege auf ihrer Hand gewollt. Er fand nicht den Mut, sich eines bestimmten Pronomens zu bedienen, wohl aber den wertvolleren, die ent- scheidende Frage zu stellen :

„Ich war — wie jemand sagte — etwas verwirrt im Kopf und bitte um Verzeihung, daß ich die Hand derartig — wie


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ich so sinnlos sein konnte, ist mir nicht begreiflich — aber ich bin auch nicht im stände, zu begreifen, wie ihre Besitzerin mir meine — meine Unvernunft mit meinem Namen vorhalten konnte." (G. p. 134.)

„So weit ist dein Begreifen also noch nicht vorgeschritten, Norbert Hanold. Wunder nehmen kann's mich allerdings nicht, da du mich lange daran gewöhnt hast. Um die Er- fahrung wieder zu machen, hätte ich nicht nach Pompeji zu kommen gebraucht, und du hättest sie mir um gut hundert Meilen näher bestätigen können."

„Um hundert Meilen näher; deiner Wohnung schräg ge- genüber, in dem Eckhaus; an meinem Fenster steht ein Käfig mit einem Kanarienvogel," eröffnet sie jetzt dem noch immer Verständnislosen.

Dies letzte Wort berührt den Hörer wie eine Erinnerung aus einer weiten Feme. Das ist doch derselbe Vogel, dessen Gesang ihm den Entschluß zur Reise nach Italien eingegeben.

„In dem Hause wohnt mein Vater, der Professor der Zoologie Richard Bertgang."

Als seine Nachbarin kannte sie also seine Person und seinen Namen. Uns droht es wie eine Enttäuschung durch eine seichte Lösung, die unserer Erwartungen nicht würdig ist.

Norbert Hanold zeigt noch keine wiedergewonnene Selb- ständigkeit des Denkens, wenn er wiederholt: „Dann sind Sie — sind Sie Fräulein Zoe Bertgang? Die sah aber doch ganz anders aus . . . ."

Die Antwort des Fräuleins Bertgang zeigt dann, daß doch noch andere Beziehungen als die der Nachbarschaft zwi- schen den beiden bestanden hatten. Sie weiß für das trauliche „du" einzutreten, das er dem Mittagsgespenst natürlich ge- boten, vor der Lebenden wieder zurückgezogen hatte, auf das sie aber alte Rechte geltend macht. „Wenn du die Anrede passender zwischen uns findest, kann ich sie ja auch anwen- den, mir la^ nur die andere natürlicher auf der Zunge. Ich weiß nicht mehr, ob ich früher, als wir täglich freundschaft- lich miteinander herumliefen, gelegentlich uns zur Abwechslung auch knufften und pufften, anders ausgesehen habe. Aber wenn Sie in den letzten Jahren einmal mit einem Blick auf mich


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Acht gegeben hätten, wäre Ihren Augen vielleicht aufgegangen, daß ich schon seit längerer Zeit so aussehe/'

Eine Kinderfreundschaft hatte also zwischen den beiden bestanden, vielleicht eine Kinderliebe, aus der das „Du" seine Berechtigung ableitete. Ist diese Lösung nicht vielleicht ebenso seicht wie die erst vermutete? Es trägt aber doch wesentlich zur Vertiefung bei, daß uns einfällt, dies Kinderverhältnis er- kläre in unvermuteter Weise so manche Einzelheit von dem, was während ihres jetzigen Verkehrs zwischen den Beiden vor- gefallen. Jener Schlag auf die Hand der Zoe-Gradiva, den sich Norbert Hanold so vortrefflich mit dem Bedürfnis mo- tiviert, durch eine experimentelle Entscheidung die Frage nach der Leiblichkeit der Erscheinung zu lösen, sieht er nicht an- derseits einem Wiederaufleben des Impulses zum „Knuffen und Puffen" merkwürdig ähnlich, dessen Herrschaft in der Kind- heit uns die Worte Zoes bezeugt haben? Und wenn die Gra- diva an den Archäologen die Frage gerichtet, ob ihm nicht vorkomme, daß sie schon einmal vor zweitausend Jahren so die Mahlzeit miteinander geteilt hätten, wird diese unverständ- liche Frage nicht plötzlich sinnvoll, wenn wir anstatt jener geschichtlichen Vergangenheit die persönliche einsetzen, die Kind er zeit wiederum, deren Erinnerungen bei dem Mädchen lebhaft erhalten, bei dem jungen Manne aber vergessen zu sein scheinen? Dämmert uns nicht plötzlich die Einsicht, daß die Phantasien des jungen Archäologen über seine Gradiva ein Nachklang dieser vergessenen Kindheitserinnerungen sein könn-. ten? Dann wären sie also keine willkürlichen Produktionen seiner Phantasie, sondern bestimmt, ohne daß er darum wüßte, durch das von ihm vergessene, aber noch wirksam in ihm vorhandene Material von Kindheitseindrücken. Wir müßten diese Abkunft der Phantasien im einzelnen nachweisen können, wenn auch nur durch Vermutungen. Wenn z. B. die Gradiva durchaus griechischer Abkunft sein muß, die Tochter eines angesehenen Mannes, vielleicht eines Priesters der Ceres, so stimmte das nicht übel zu einer Nachwirkung der Kenntnis ihres griechischen Namens Zoe und ihrer Zugehörigkeit zur Familie eines Professors der Zoologie. Sind aber die Phanta- sien Hanolds umgewandelte Erinnerungen, so dürfen wir er-


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warten, in den Mitteilungen der Zo'e Bertgang den Hin- weis auf die Quellen dieser Phantasien zu finden. Horchen wir auf; sie erzählte uns von einer intimen Freundschaft der Kinderjahre, wir werden nun erfahren, welche weitere Ent- wicklung diese Kinderbeziehung bei den Beiden genommen hat. „Damals, so bis um die Zeit, in der man uns, ich weiß nicht weshalb, Backfische tituliert, hatte ich mir eigentlich eine merkwürdige Anhänglichkeit an Sie angewöhnt und glaubte, ich könnte nie einen mir angenehmeren Freund auf der Welt finden. Mutter und Schwester oder Bruder hatte ich ja nicht, meinem Vater war eine Blindschleiche in Spiritus bedeutend interessanter als ich, und etwas muß man, wozu ich ^auch ein Mädchen rechne, wohl haben, womit man seine Gedanken und was sonst mit ihnen zusammenhängt, beschäftigen kann. Das waren also Sie damals ; doch als die Altertumswissenschaft über Sie gekommen war, machte ich die Entdeckung, daß aus dir — entschuldigen Sie, aber Ihre schickliche Neuerung klingt mir doch zu abgeschmackt und paßt auch nicht zu '4em, was ich ausdrücken will — ich wollte sagen, da stellte sich heraus, daß aus dir ein unausstehlicher Mensch geworden war, der, wenigstens für mich, keine Augen mehr im Kopf, keine iZunge mehr im Mund und keine Erinnerung mehr da hatte, ^wo sie mir an unsere Kinderfreundschaft sitzen geblieben war. Dar- um sah ich wohl anders aus als früher, denn wenn ich ab und zu in einer Gesellschaft mit dir zusammenkam, noch im letz- ten "Winter einmal, sahst du mich nicht, tind noch weniger bekam ich deine Stimme zu hören, worin übrigens keine Aus- zeichnung für mich lag, weil du's mit allen Andern ebenso machtest. Ich war Luft für dich, tind du warst, mit deinem blonden Haarschopf, an dem ich dich früher oft gezaust, so langweilig, vertrocknet und mundfaul wie ein ausgestopfter Kakadu und dabei so großartig wie ein — Archäopteryx heißt das ausgegrabene vorsintflutliche Vogelungetüm ja wohl. Nur daß dein Kopf eine ebenfalls so großartige Phantasie beher- bergte, hier in Pompeji mich auch für etwas Ausgegrabenes und wieder lebendig Gewordenes anzusehen, — das hatte ich nicht bei dir vermutet, und als du auf einmal ganz uner- wartet vor mir standest, kostete es mich zuerst ziemliche Mühe,


M BEB WAHN UND DIE TBAUME.

dahinter zu kommen, was für ein unglaubliches EUmgespinst deine Einbildung sich zurechtgearbeitet hatte. Dann machte mir's Spaß und gefiel mir auch trotz seiner Tollhäusigkeit nicht so übel. Denn, wie gesagt, das hatte ich bei dir nicht vermutet."

So sagt sie uns also deutlich genug, was aus der Kinder- freundschaft mit den Jahren bei ihnen Beiden geworden war. Bei ihr steigerte sich dieselbe zu einer herzlichen Verliebtheit, denn etwas muß man ja haben, woran man als Mädchen sein Herz hängt. Fräulein Zoe, die Verkörperung der Klugheit und Klarheit, macht uns auch ihr Seelenleben ganz durchsichtig. .Wenn es schon allgemeine Begel für das normal geartete Mäd- chen ist, daß sie ihre Neigung zunächst dem Vater zuwende, so war sie ganz besonders dazu bereit, die keine andere Per- son als den Vater in ihrer Familie fand. Dieser Vater aber hatte für sie nichts übrig, die Objekte seiner Wissenschaft hatten all sein Interesse mit Beschlag belegt. So mußte sie nach einer anderen Person Umschau halten imd hing sich mit besonderer Innigkeit an ihren Jugendgespielen. Als auch dieser keine Augen mehr für sie hatte, störte es ihre Liebe nicht, steigerte sie vielmehr, denn er war ihrem Vater gleich gewor- den, wie dieser von der Wissenschaft absorbiert und durch sie vom Leben und von Zoe femgehalten. So war es ihr gestattet, in der Untreue noch treu zu sein, im Geliebten den Vater wiederzufinden, mit dem gleichen Gefühl die Beiden zu um- fassen oder, wie wir sagen können, die Beiden in ihrem Fühlen zu identifizieren. Woher nehmen wir die Berechtigung zu dieser kleinen psychologischen Analyse, die leicht als selbst- herrlich erscheinen könnte? In einem einzigen, aber höchst charakteristischen Detail hat sie der Dichter uns gegeben. Wenn Zoe die für sie so betrübende Verwandlung ihres Jugendge- spielen schildert, so beschimpft sie ihn durch einen Vergleich mit dem Archäopteryx, jenem Vogelungetüm, das der Archäo- logie der Zoologie angehört. So hat sie für die Indentifizierung der beiden Personen einen einzigen konkreten Ausdruck ge- funden; ihr Groll trifft den Greliebten wie den Vater mit demselben Worte. Der Archäopteryx ist sozusagen die Kom- promiß- oder Mittelvorstellung, in welcher der Gedanke an die


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Torheit ihres Geliebten mit dem an die analoge ihres Vaters zusammenkommt.

Anders hatte es sich bei dem jungen Manne gewendet. Öie Altertumswissenschaft kam über ihn und ließ ihm nur Inter- esse für Weiber aus Stein und Bronze übrig. Die Kinder- freundschaft ging unter, anstatt sich zu einer Leidenschaft zu verstärken, und die Erinnerungen an sie gerieten in so tiefe Vergessenheit, daß er seine Jugendgenossin nicht erkannte und nicht beachtete, wenn er sie in der Gesellschaft traf. Zwar, wenn wir das weitere überblicken, dürfen wir in Zweifel ziehen, ob „Vergessenheit" die richtige psychologische Bezeichnung für das Schicksal dieser Erinnerungen bei unserem Archäologen ist. Es gibt eine Art von Vergessen, welche sich durch die Schwie- rigkeit auszeichnet, mit welcher die Erinnerung auch durch starke äußere Anrufungen erweckt wird, als ob ein innerer Widerstand sich gegen deren Wiederbelebung sträubte. Solches Vergessen hat den Namen „Verdrängung" in der Psychopatho- logie erhalten; der Fall, den unser Dichter uns vorgeführt, scheint ein solches Beispiel von Verdrängung zu sein. Nun wissen wir ganz allgemein nicht, ob das Vergessen eines Ein- druckes mit dem Untergang von dessen Erinnerungsspur im Seelenleben verbunden ist; von der „Verdrängung" können wir aber mit Bestimmtheit behaupten, daß sie nicht mit dem Unter- gang, dem Auslöschen der Erinnerung zusammenfällt. Das Ver- drängte kann zwar in der Regel sich nicht ohne weiteres als Erinnerung durchsetzen, aber es bleibt leistungs- und wirkungs- fähig, es läßt eines Tages unter dem Einfluß einer i^äußeren" Einwirkung psychische Abfolgen entstehen, die man als Ver- wandlungsprodukte und Abkömmlinge der vergessenen Erinne- rung ftuffassen kann, imd die unverständlich bleiben, wenn man sie nicht so auffaßt. In den Phantasien Norbert Ha- nolds über die Gradiva glaubten wir bereits die Abkömmlinge seiner verdrängten Erinnerungen an seine Kinderfreundschaft mit der Zoe Bertgang zu erkennen. Mit besonderer Gesetz- mäßigkeit darf man eine derartige Wiederkehr des Verdrängten erwarten, wenn an den verdrängten Eindrücken das erotische Fühlen eines Menschen haftet, wenn sein Liebesleben von der Verdrängung betroffen worden ist. Dann behält der alte latei-


28 DEB WAHN UND DIE TRÄUME

nische Spruch recht, der vielleicht ursprünglich auf Austrei- bung durch äußere Einflüsse, nicht auf innere Konflikte ge- münzt ist: Naturam furca expellas, semper redibit. Aber er sagt nicht alles, kündigt nur die Tatsache der "Wiederkehr des Stückes verdrängter Natur an, und beschreibt nicht die höchst merkwürdige Art dieser Wiederkehr, die sich wie durch eine;ii tückischen Verrat vollzieht. Grerade dasjenige, was zum Mittel der Verdrängung gewählt worden ist — wie die „furca" des Spruches — , wird der Träger des Wiederkehrenden; in imd hinter dem Verdrängenden macht sich endlich siegreich das Verdrängte geltend. Eine bekannte Radierung von Felicien Rops illustriert diese wenig beachtete und der Würdigung so sehr bedürftige Tatsache eindrucksvoller, als viele Erläuterungen es vermöchten, und zwar an dem vorbildlichen Falle der Verdrängung im Leben der Heiligen und Büßer. Ein asketischer Mönch hat sich — gewiß vor den Versuchungen der Welt — zum Bild des gekreuzigten Erlösers geflüchtet. Da sinkt dieses Kreuz schattenhaft nieder und strahlend erhebt sich an seiner Stelle, zu seinem Ersätze, das Bild eines üppigen nackten Weibes in der gleichen Situation der Kreuzigung. Andere Maler von geringerem psychologischen Scharfblick haben in solchen Darstellungen der Versuchung die Sünde frech und triumphierend an irgend eine Stelle neben dem Erlöser am BIreuze gewiesen. Rops allein hat sie den Platz des Erlösers selbst am Kreuze einnehmen lassen ; er scheint gewußt zu haben, daß das Verdrängte bei seiner Wiederkehr aus dem Verdrängenden selbst hervortritt.

Es ist des Verweilens wert, sich in Krankheitsfällen zu überzeugen, wie feinfühlig im Zustande der Verdrängung das Seelenleben eines Menschen für die Annäherung des Verdräng- ten wird, imd wie leise und geringfügige Ähnlichkeiten ge- nügen, damit dasselbe hinter dem Verdrängenden und durch dieses zur Wirkung gelange. Ich hatte einmal Anlaß, mich ärztlich um einen jungen Mann, fast noch Knaben, zu küm- mern, der nach der ersten imerwünschten Kenntnisnahme von den sexuellen Vorgängen die Flucht vor allen in ihm auf- steigenden Gelüsten ergriffen hatte imd sich verschiedener Mittel der Verdrängung dazu bediente, seinen Lerneifer stei-


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gerte, die kindliche Anhänglichkeit an die Mutter übertrieb und im ganzen ein kindisches Wesen annahm. Ich will hier nicht ausführen, wie gerade im Verhältnis zur Mutter die verdrängte Sexualität wieder durchdrang, sondern den selte- neren und fremdartigeren Fall beschreiben, wie ein anderes seiner Bollwerke bei einem kaum als zureichend zu erkennen- den Anlasse zusammenbrach. Als Ablenkimg vom Sexuellen genießt die Mathematik den größten Kuf ; schon J. J. Rous- seau hatte sich von einer Dame, die mit ihm unzufrieden war, raten lassen müssen: Lascia le donne e studia la mate- matica. So warf sich auch unser Flüchtling mit besonderem Eifer auf die in der Schule gelehrte Mathematik und Geo- metrie, bis seine Fassungskraft eines Tages plötzlich vor eini- gen scheinbar harmlosen Aufgaben erlahmte. Von zweien dieser Aufgaben ließ sich noch der Wortlaut feststellen: Zwei Kör- per stoßen aufeinander, der eine mit der Geschwindigkeit . . . u. s. w. — Und : Einem Zylinder vom Durchmesser der «Grund- fläche m ist ein Kegel einzuschreiben u. s. w. Bei diesen für einen anderen gewiß nicht auffälligen Anspielungen an das sexuelle Geschehen fand er sich auch von der Mathematik verraten und ergriff auch vor ihr die Flucht.

Wenn Norbert Hanold eine aus dem Leben geholte Persönlichkeit wäre, die so die Liebe und die Erinnenmg an seine Kinderfreundschaft durch die Archäologie vertrieben hätte, so wäre es nur gesetzmäßig und korrekt, daß gerade ein antikes Eelief die vergessene Erinnerung an die mit kind- lichen Gefühlen Geliebte in ihm erweckt; es wäre sein wohl- verdientes Schicksal, daß er sich in das Steinbild der Gradiva verliebt, hinter welchem vermöge einer nicht aufgeklärten Ähn- lichkeit die lebende und von ihm vernachlässigte Zoe zur Wir- kung kommt.

Fräulein Zoe scheint selbst unsere Auffassung von dem Wahn des jungen Archäologen zu teilen, denn das Wohlge- fallen, dem sie am Ende ihrer „rückhaltlosen, ausführlichen und lehrreichen Strafrede" Ausdruck gegeben, läßt sich kaum anders als durch die Bereitwilligkeit begründen, sein Literesse für die Gradiva von allem Anfang an auf ihre Person zu beziehen. Dieses war es eben, was sie ihm nicht zugetraut


80 DEB WAHN UND DIE TBÄÜME

hatte, und was sie trotz aller .Wahnverkleidung doch als sol- ches erkannte. An ihm aber hatte nun die psychische Be- handlung von ihrer Seite ihre wohltätige .Wirkung vollbracht; er fühlte sich frei, da nun der Wahn durch dasjenige ersetzt war, wovon er doch nur eine entstellte und ungenügende Ab- bildung sein konnte. Er zögerte jetzt auch nicht, sich zu er-,. Innern und sie als seine gute, fröhliche, klugsinnige Kameradin zu erkennen, die sich im Grunde gar nicht verändert habe. Aber etwas anderes fand er höchst sonderbar —

„Daß jemand erst sterben muß, um lebendig zu werden", meinte das Mädchen. „Aber für die Archäologen ist das wohl notwendig." (G. p. 141.) Sie hatte ihm offenbar den Umweg noch nicht verziehen, den er von der Kinderfreundschaft bis zu dem neu sich knüpfenden Verhältnis über die Altertumswissenschaft eingeschlagen hatte.

„Nein, ich meine dein Name . . . Weil Bertgang mit Gradiva gleichbedeutend ist und ,die im Schreiten Glänzende' bezeichnet." (G. p. 142.)

Darauf waren nun auch wir nicht vorbereitet. Unser Held beginnt sich aus seiner Demütigung zu erheben und eine aktive Eolle zu spielen. Er ist offenbar von seinem Wahn völlig geheilt, über ihn erhoben, und beweist dies, indem er die letzten Fäden des Wahngespinstes selbständig zerreißt. Ge- nau so benehmen sich auch die Kranken, denen man den Zwang ihrer wahnhaften Gedanken durch Aufdeckung des dahinter- steckenden Verdrängten gelockert hat. Haben sie begriffen, so bringen sie für die letzten und bedeutsamsten Eätsel ihres sonderbaren Zustandes selbst die Lösungen in plötzlich auf- tauchenden Einfällen. Wir hatten ja bereits vermutet, daß die griechische Abkunft der fabelhaften Gradiva eine dunkle Nachwirkung des griechischen Namens Zoe sei, aber an den Namen „Gradiva" selbst hatten wir uns nicht herangewagt, ihn hatten wir als freie Schöpfung der Phantasie Norbert Hanolds gelten lassen. Und siehe da, gerade dieser Name erweist sich nun als Abkomme, ja eigentlich als Übersetzung des verdrängten Familiennamens der angeblieh vergessenen Kin- dergeliebten !


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Die Herleitung und die Auflösung des "Wahnes sind nun vollendet. .Was noch beim Dichter folgt, darf wohl dem har- monischen Abschluß der Erzählimg dienen. Es kann uns im Hinblick auf Zukünftiges nur wohltuend berühren, wenn die Rehabilitierung des Mannes, der früher eine so klägliche Rolle als Heilungsbedürftiger spielen mußte, weiterschreitet und es ihm nun gelingt, etwas von den Affekten, die er bisher er- duldet, bei ihr zu erwecken. So trifft es sich, daß er sie eifersüchtig macht durch die Erwähnung der sympathischen jungen Dame, die vorhin ihr Beisammensein im Hause des Meleager gestört, und durch das Geständnis, daß diese die erste gewesen, die ihm vortrefflich gefallen hat. Wenn Zoe dann einen kühlen Abschied mit der Bemerkung nehmen will: jetzt sei ja alles wieder zur Vernunft gekommen, sie selbst nicht am wenigsten; er könne Gisa Hartleben, oder wie sie jetzt heiße, wieder aufsuchen, um ihr bei dem Zweck ihres Aufenthaltes in Pompeji wissenschaftlich behilflich zu sein; sie aber müsse jetzt in den Albergo del Sole, wo der Vater mit dem Mittagessen auf sie wartet; vielleicht sähen sie sich beide noch einmal in einer tJesellschaft in Deutschland oder auf dem Monde: so mag er wieder die lästige Fliege zum Vorwand nehmen, um sich zuerst ihrer Wange und dann ihrer Lippen zu bemächtigen und die Aggression, die nun einmal Pflicht des Mannes im Liebesspiel ist, ins Werk zu setzen. Ein einziges Mal noch scheint ein Schatten auf ihr Glück zu fallen, als Zoe mahnt, jetzt müsse sie aber wirklich zu ihrem Vater, der sonst im Sole verhungert. „Dein Vater — was wird der — ?" (G. p. 147.) Aber das kluge Mädchen weiß die Sorge raset zu beschwichtigen: „Wahrscheinlich wird er nichts, ich bin kein unentbehrliches Stück in seiner zoologischen Sammlung; war' ich das, hätte sich mein Herz vielleicht nicht so unklug an dich gehängt." Sollte der Vater aber ausnahmsweise an- derer Meinung sein wollen als sie, so gäbe es ein sicherem Mittel. Hanold brauchte nur nach Capri hinüberzufahren, dort eine Lacerta faraglionensis zu fangen, wofür er die Tech-^ nik an ihrem kleinen Finger einüben könne, das Tier dann hier freizulassen, vor den Augen des Zoologen wieder einzu- fangen und ihm die Wahl zu lassen zwischen der Faraglio*


3« DER WAHN UND DIE TRÄUME

ncnsis auf dem Festlande imd der Tochter. Ein Vorschlag, in dem der Spott, wie man leicht merkt, mit Bitterkeit ver- mengt ist, eine Mahnung gleichsam an den Bräutigam, sich nicht allzu getreu an das Vorbild zu halten, nach dem ihn die Geliebte ausgewählt hat. Norbert Hanold beruhigt uns auch hierüber, indem er die große Umwandlung, die mit ihm vorgefallen ist, in allerlei scheinbar kleinen Anzeichen zum Ausdruck bringt. Er spricht den Vorsatz aus, die Hochzeits- reise mit seiner Zoe nach Italien und nach Pompeji zu ma- chen, als hätte er sich niemals über die Hochzeitsreisenden August und Grete entrüstet. Es ist ihm ganz aus dem Ge- dächtnis geschwunden, was er gegen diese glücklichen Paare ge- fühlt, die sich so überflüssigerweise mehr als hundert Meilen von ihrer deutschen Heimat entfernt haben. Gewiß hat der Dichter recht, wenn er solche Gedächtnisschwächung als das wertvollste Zeichen einer Sinnesänderung aufführt. Zoe erwidert auf den kundgegebenen Reisezielwunsch ihres „gewissermaßen gleichfalls aus der Verschüttung wieder ausge- grabenen Kindheitsfreundes" (G. p. 150), sie fühle sich zu solcher geographischen Entscheidung doch noch nicht völlig lebendig genug.

Die schöne Wirklichkeit hat nun den Wahn besiegt, doch harrt des letzteren, ehe die Beiden Pompeji verlassen, noch ■eine Ehrung. An dem Herkulestor angekommen, wo am An- fang der Strada consolare alte Trittsteine die Straße über- kreuzen, hält Norbert Hanold an und bittet das Mädchen voranzugehen. Sie versteht ihn, „und mit der Linken das Kleid ein wenig raffend, schreitet die Gradiva rediviva Zoe Bertgang von ihm mit traumhaft dreinblickenden Augen umfaßt, in ihrer ruhig-behenden Gangart durch den Sonnenglanz über die Trittsteine zur anderen Straßenseite hin- über". Mit dem Triumph der Erotik kommt jetzt zur An- erkennung, was auch am Wahne schön und wertvoll war.

Mit dem letzten Gleichnis von dem „aus der Verschüttung ausgegrabenen Kindheitsfreunde" hat tins aber der Dichter den Schlüssel zur Symbolik in die Hand gegeben, dessen sich der Wahn des Helden bei der Verkleidung der verdrängten Er- innerung bediente. Es gibt wirklich keine bessere Analogie für


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die Verdrängung, die etwas Seelisches zugleich unzugänglich macht und konserviert, als die Verschüttung, wie sie Pompeji zum Schicksal geworden ist, und aus der die Stadt durch die Arbeit des Spatens wieder erstehen konnte. Darum mußte der junge Archäologe das Urbild des Beliefs, welches ihn an seine vergessene Jugendgeliebte mahnte, in der Phantasie nach Pompeji versetzen. Der Dichter aber hatte ein gutes Hecht, bei der wertvollen Ähnlichkeit zu verweilen, die sein feiner Sinn zwischen einem Stück des seelischen Geschehens beim Ein- zelnen und einem vereinzelten historischen Vorgang in der Ge- schichte der Menschheit aufgespürt.

n.

Es war doch eigentlich nur unsere Absicht, die zwei oder drei Träume, die sich in der Erzählung „Gradiva" eingestreut finden, mit Hilfe gewisser analytischer Methoden zu unter- suchen; wie kam es denn, daß wir uns zur Zergliederimg der ganzen Geschichte imd zur Prüfung der seelischen Vorgänge bei den beiden Hauptpersonen fortreißen ließen? Nim, das war kein überflüssiges Stück Arbeit, sondern eine notwendige Vor- arbeit. Auch wenn wir die wirklichen Träume einer realen Person verstehen wollen, müssen wir ims intensiv um den Charakter imd die Schicksale dieser Person kümmern, nicht nur ihre Erlebnisse kurz vor dem Traume, sondern auch solche in entlegener Vergangenheit in Erfahrung bringen. Ich meine sogar, wir sind noch immer nicht frei, uns unserer eigentlichen Aufgabe zuzuwenden, müssen noch bei der Dichtung selbst ver- weilen und weitere Vorarbeiten erledigen.

Unsere Leser werden gewiß mit Befremden bemerkt ha- ben, daß wir Norbert Hanold imd Zoe Bertgang in allen ihren seelischen Äußerungen imd Tätigkeiten bisher behandelt haben, als wären sie wirkliche Individuen und nicht Geschöpfe eines Dichters, als wäre der Sinn des Dichters ein absolut durchlässiges, nicht ein brechendes oder trübendes Medium. Und um so befremdender muß imser Vorgehen erscheinen, als der Dichter auf die "Wirklichkeitsschilderung ausdrücklich ver- zichtet, indem er seine Erzählung ein „Phantasiestück" be- nennt. Wir finden aber alle seine Schilderimgen der "Wirk-

Frend, Dtr Wfthn und die Trtame. 3


34 DER WAHN UND DIE TRÄUME

lichkeit so getreulich nachgebildet, daß wir keinen Widerspruch äußern würden, wenn die „Gradiva" nicht ein Phantasiestück, sondern eine psychiatrische Studie hieße. Nur in zwei Punkten Hat sich der Dichter der ihm zustehenden Freiheit bedient, um Voraussetzungen zu schaffen, die nicht im Boden der realen Gesetzmäßigkeit zu wurzeln scheinen. Das erstemal, indem er den jungen Archäologen ein unzweifelhaft antikes Reliefbildnis finden läßt, welches nicht nur in der Besonderheit der Fuß- stellung beim Schreiten, sondern in allen Details der Gesichts- bildung und Körperhaltung eine so viel später lebende Person nachahmt, so daß er die leibliche Erscheinung dieser Person für das lebend gewordene Steinbild halten kann. Das zweite- mal, indem er ihn die Lebende gerade in Pompeji treffen läßt, wohin nur seine Phantasie die Verstorbene versetzte, während er sich eben durch die Reise nach Pompeji von der Lebenden, die er auf der Straße seines Wohnortes bemerkt hatte, ent- fernte. Allein diese zweite Verfügung des Dichters ist keine gewaltsame Abweichung von der Lebensmöglichkeit; sie nimmt eben nur den Zufall zur Hilfe, der unbestritten bei so vielen menschlichen Schicksalen mitspielt, und verleiht ihm überdies einen guten Sinn, da dieser Zufall das Verhängnis widerspie- gelt, welches bestimmt hat, daß man gerade durch das Mittel der Flucht sich dem ausliefert, vor dem man flieht. Phan- tastischer und völlig der Willkür des Dichters entsprungen er- scheint die erste Voraussetzung, welche alle weiteren Bege- benheiten trägt, die so weitgehende Ähnlichkeit des Stein- bildes mit dem lebenden Mädchen, wo die Nüchternheit die Übereinstimmung auf den einen Zug der Fußhaltung beim Schreiten einschränken möchte. Man wäre versucht, hier zur Anknüpfung an die Realität die eigene Phantasie spielen zu lassen. Der Name Bertgang könnte darauf deuten, daß sich die Frauen dieser Familie schon in alten Zeiten durch solche Eigentümlichkeit des schönen Ganges ausgezeichnet haben, und durch Geschlechtsabfolge hingen die germanischen Bertgang mit jenen Römern zusammen, von deren Stamm eine Frau den an- tiken Künstler veranlaßt hatte, die Eigentümlichkeit ihres Gan- ges im Steinbild festzuhalten. Da aber die einzelnen Variationen der menschlichen Gestaltung nicht imabhängig von einander


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sind, und tatsächlich auch in unserer Mitte immer wieder die antiken Typen auftauchen, die wir in den Sammlungen antref- fen, so wäre es nicht ganz unmöglich, daß eine moderne Bert- gang diß Gestalt ihrer antiken Ahnfrau auch in allen an- diBren Zügen ihrer körperlichen Bildung wiederholte. Klüger als solche Spekulation dürfte wohl sein, sich bei dem Dichter selbst nach den Quellen zu erkundigen, aus denen ihm dieses Stück seiner Schöpfung erflossen ist; es ergäbe sich uns dann eine gute Aussicht, wiederum ein Stück vermeintlicher "Willkür in Gesetzmäßigkeit aufzulösen. Da uns aber der Zugang zu den Quellen im Seelenleben des Dichters nicht frei steht, so lassen wir ihm das Becht ungeschmälert, eine durchaus lebens- wahre Entwicklung auf eine unwahrscheinliche Voraussetzung aufzubauen, ein Becht, das z. B. auch Shakespeare im „King Lear" in Anspruch genommen hat.

Sonst aber, das wollen wir wiederholen, hat uns der Dichter eine völlig korrekte psychiatrische Studie geliefert, an welcher wir unser Verständnis des Seelenlebens messen dürfen, eine Kranken- und Heilungsgeschichte, wie zur Einschärfung gewisser fundamentaler Lehren der ärztlichen Seelenkunde be- stimmt. Sonderbar genug, daß der Dichter dies getan haben sollte! Wie nun, wenn er auf Befragen diese Absicht ganz und gar in Abrede stellte? Es ist so leicht anzugleichen und unterzulegen; sind es nicht vielmehr wir, die in die schöne poetische Erzählimg einen Sinn hineingeheimnissen, der dem Dichter sehr ferne liegt? Möglich; wir wollen später noch darauf zurückkommen. Vorläufig aber haben wir versucht, uns vor solch tendenziöser Ausdeutung selbst zu bewahren, indem wir die Erzählung fast durchwegs aus den eigenen Worten des Dichter wiedergaben, Text wie Kommentar von ihm selbst be- sorgen ließen. Wer unsere Beproduktion mit dem Wortlaut der „Gradiva" vergleichen will, wird uns dies zugestehen müssen.

Vielleicht erweisen wir unserem Dichter auch einen schlech- ten Dienst im Urteil der allermeisten, wenn wir sein Werk für eine psychiatrische Studie erklären. Der Dichter soll der Berührung mit der Psychiatrie aus dem Wege gehen, hören wir sagen, und die Schilderung krankhafter Seelenzustände den Äizten überlassen. In Wahrheit hat kein richtiger Dichter je

3*


86 DER WAHN UND DIE TRÄUME

dieses Gkbot geachtet. Die Schilderung des menschlichen Seelen- lebens ist ja seine eigentlichste Domäne; er war jederzeit der Vorläufer der Wissenschaft und so auch der wissenschaftlichen Psychologie. Die Grenze aber zwischen den normal und krank- haft benannten Seelenzuständen ist zum Teil eine konventio- nelle, zum anderen eine so fließende, daß wahrscheinlich jeder von uns sie im Laufe eines Tages mehrmals überschreitet. Anderseits täte die Psychiatrie unrecht, wenn sie sich dauernd auf das Studium jener schweren und düsteren Erkrankungen einschränken wollte, die durch grobe Beschädigungen des feinen Seelenapparats entstehen. Die leiseren imd ausgleichs- fähigen Abweichungen vom Gestinden, die wir heute nicht weiter als bis zu Störungen im psychischen BIräftespiel zurück- verfolgen können, fallen nicht weniger unter ihr Interesse; ja erst mittels dieser kann sie die Gesundheit wie die Erschei- nungen der schweren Krankheit verstehen. So kann der Dichter dem Psychiater, der Psychiater dem Dichter nicht ausweichen, und die poetische Behandlung eines psychiatrischen Themas darf ohne Einbuße an Schönheit korrekt ausfallen.

Korrekt ist nun wirklich diese dichterische Darstellung einer Krankheits- und Behandlungsgeschichte, die wir nach Abschluß der Erzählimg und Sättigung der eigenen Spannung besser übersehen können und nun mit den technischen Aus- drücken unserer Wissenschaft reproduzieren wollen, wobei uns die Nötigung zur Wiederholung von bereits Gesagtem nicht stören soll.

Der Zustand Norbert Hanolds wird vom Dichter oft genug ei^ „Wahn" genannt, und auch wir haben keinen Grund, diese Bezeichnimg zu verwerfen. Zwei Hauptcharaktere können wir vom „Wahn" angeben, durch welche er zwar nicht er- schöpfend beschrieben, aber doch von anderen Störimgen kennt- lich gesondert ist. Er gehört erstens zu jener Gruppe von Krankheitszuständen, denen eine unmittelbare Einwirkimg aufs Körperliche nicht zukommt, sondern die sich nur durch see- lische Anzeichen ausdrücken, und er ist zweitens durch die Tatsache gekennzeichnet, daß bei ihm „Phantasien" zur Ober- herrschaft gelangt sind, d. h. Glauben gefimden und Einfluß auf das Handeln genommen haben. Erinnern wir uns der Beise


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nach Pompeji, um in der Asche nach den besonders gestalteten Fnßabdrücken der Gradiva zu suchen, so haben wir in ihr ein prächtiges Beispiel einer Handlung unter der Herrschaft des Wahnes. Der Psychiater würde den Wahn Norbert Hanolds vielleicht der großen Gruppe Paranoia zurechnen und etwa als eine „fetischistische Erotomanie" bezeichnen, weil ihm die Ver- liebtheit in das Steinbild das Auffälligste wäre, und weil seiner alles vergröbernden Auffassung das Interesse des jungen Ar- chäologen für die Füße und Fußstellungen weiblicher Personen als ,^Fetischismus" verdächtig erscheinen muß. Indes haben alle solche Benennungen und Einteilungen der verschiedenen Arten von Wahn nach ihrem Inhalt etwas Mißliches und Unfrucht- bares an sich.*)

Der gestrenge Psychiater würde femer unseren Helden als Person, die fähig ist, auf Grund so sonderbarer Vorliebe einen Wahn zu entwickeln, sofort zum Degenere stempeln und nach der Heredität forschen, die ihn unerbittlich in solches Schick- sal getrieben hat. Hierin folgt ihm aber der Dichter nicht; mit gutem Grunde. Er will uns ja den Helden näher bringen, uns die ,^Einfühlung" erleichtem; mit der Diagnose ,^Degenere", mag sie nun wissenschaftlich zu rechtfertigen sein oder nicht, ist uns der junge Archäologe sofort ferne gerückt; denn wir Leser sind ja die Normalmenschen und das Maß der Mensch- heit. Auch die hereditären und konstitutionellen Vorbedingun- gen des Zustandes kümmern den Dichter wenig; dafür vertieft er sich in die persönliche seelische Verfassung, die einem sol- chen Wahn den Ursprung geben kann.

Norbert Hanold verhält sich in einem wichtigen Punkte ganz anders als ein gewöhnliches Menschenkind. Er hat kein Interesse für das lebende Weib; die Wissenschaft, der er dient, hat ihm dieses Interesse genommen und es auf die Weiber von Stein oder Bronze verschoben. Man halte dies nicht für eine gleichgültige Eigentümlichkeit; sie ist vielmehr die Grund- voraussetzung der erzählten Begebenheit, denn eines Tages er- eignet es sich, daß ein einzelnes solches Steinbild alles Inter-


  • ) Der FaU N. H. mfkAte in WirkUcbkeit alt hyrteriMher, nicht als paia-

noiieliflr Wahn bezeichnet werden. Die Kennzeichen der Paranoia werden hier TermiSt


DER WAHN UND DIE TRÄUHE


für sich beansprucht, das sonst nur dem lebenden Weib gebührt, und damit ist der Wahn gegeben. Vor unseren Augen entrollt sich dann, wie dieser Wahn durch eine glückliche Fügung geheilt, das Interesse vom Stein wieder auf eine Le- bende zurückgeschoben wird. Durch welche Einwirkungen unser Held in den Zustand der Abwendung vom Weibe geraten ist, laßt uns der Dichter nicht verfolgen; er gibt uns nur an, solches Verhalten sei nicht durch seine Anlage erklart, die vielmehr ein Stück phantastisches — wir dürfen ergänzen : ero- tisches — Bedürfnis mit einschließt. Auch ersehen wir von später her, daß er in seiner Kindheit nicht von anderen Kin- dern abwich; er hielt damals eine Kinderfreundschaft mit einem kleinen Mädchen, war unzertrennlich von ihr, teilte mit ihr seine kleinen Mahlzeiten, puffte sie auch und ließ sich von ihr zausen. In solcher Anhänglichkeit, solcher Vereinigung von Zärtlichkeit und Aggression äußert sich die unfertige Erotik des Kinderlebens, die ihre Wirkungen erst nachträglich, aber dann unwiderstehlich äußert, und die während der Kinder- zeit selbst nur der Arzt und der Dichter als Erotik zu er- kennen pflegen. Unser Dichter gibt uns deutlich zu verstehen, daß auch er es nicht anders meint, denn er läßt bei seinem Helden bei geeignetem Anlaß plötzlich ein lebhaftes Interesse für Gang imd Fußhaltimg der Frauen erwachen, das ihn bei der Wissenschaft wie bei den Frauen seines Wohnortes in den Verruf eines Fußfetischisten bringen muß, das sich uns aber notwendig aus der Erinnerung an diese Kindergespielin ab- leitet. Dieses Mädchen zeigte gewiß schon als Kind die Eigen- heit des schönen Ganges mit fast senkrecht aufgestellter Fuß- spitze beim Schreiten, und durch die Darstellung eben dieses Ganges gewinnt später ein antikes Steinrelief für Norbert Hanold jene große Bedeutung. Fügen wir übrigens gleich hinzu, daß der Dichter sich bei der Ableitung der merkwür- digen Erscheinung des Fetischismus sich in voller Überein- stimmung mit der Wissenschaft befindet. Seit A. Binet versuchen wir wirklich, den Fetischismus auf erotische Eind- heitseindrücke zurückzuführen.

Der Zustand der dauernden Abwendimg vom Weibe er- gibt die persönliche Eignung, wie wir zu sagen pflegen: die


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Disposition für die Bildung eines Wahnes. Die Entwicklung der Seelenstömng setzt mit dem Momente ein, da ein zufälli- ger Eindruck die vergessenen und wenigstens spurweise ero- tisch betonten Kindererlebnisse aufweckt. Aufweckt ist aber gewiß nicht die richtige Bezeichnung, wenn wir, was weiter erfolgt, in Betracht ziehen. Wir müssen die korrekte Darstel- limg des Dichters in kunstgerechter psychologischer Ausdrucks- weise wiedergeben. Norbert Hanold erinnert sich nicht beim Anblick des Beliefs, daß er solche Fußstellung schon bei seiner Jugendfreundin gesehen hat; er erinnert sich überhaupt nicht, und doch rührt alle Wirkung des Beliefs von solcher Anknüpfung an den Eindruck in der Kindheit her. Der Kindheitseindruck wird also rege, wird aktiv gemacht, so daß er Wirkungen zu äußern beginnt, er kommt aber nicht zum Bewußtsein, er bleibt „unbewußt", wie wir mit einem in der Psychopatho- logie unvermeidlich gewordenen Terminus heute zu sagen pfle- gen. Dieses Unbewußte möchten wir allen Streitigkeiten der Philosophen und Naturphilosophen, die oft nur etymologische Bedeutung haben, entzogen sehen. Für psychische Vorgänge, die sich aktiv benehmen und dabei doch nicht zum Bewußtsein der betreffenden Person gelangen, haben wir vorläufig keinen besseren Namen, und nichts anderes meinen wir mit unserem „Unbewußtsein". Wenn manche Denker uns die Existenz eines solchen Unbewußten als widersinnig bestreiten wollen, so glau* ben wir, sie hätten sich niemals mit den entsprechenden seeli- schen Phänomenen beschäftigt, stünden im Banne der regel* mäßigen Erfahrung, daß alles Seelische, was aktiv und inten- siv wird, damit gleichzeitig auch bewußt wird, und hätten eben noch zu lernen, was unser Dichter sehr wohl weiß, /laß es allerdings seelische Vorgänge gibt, die, trotzdem sie inten- siv sind und energische Wirkungen äußern, dennoch dem Be- wußtsein ferne bleiben.

Wir haben vorhin einmal ausgesprochen, die Erinnerungen an den Kinderverkehr mit Zoe befinden sich bei Norbert Ha- nold im Zustande der „Verdrängung"; nun haben wir sie „unbewußte" Erinnerungen geheißen. Da müssen wir wohl dem Verhältnis der beiden Kunstworte, die ja im Sinne zu- sammenzufallen scheinen, einige Aufmerksamkeit zuwenden. Es


40 DER WAHN UND DIE TRÄUME

ißt nicht schwer, darüber Aufklärung zu geben. „Unbewußt" ißt der weitere Begriff, „verdrängt" der engere. Alles was verdrängt ist, ist unbewußt; aber nicht von allem Unbewußten können wir behaupten, daß es verdrängt sei. Hätte Hanold beim Anblick des Eeliefs sich der Gangart seiner Zoe erinnert, so wäre eine früher unbewußte Erinnerung bei ihm gleichzeitig aktiv und bewußt geworden und hätte so gezeigt, daß sie früher nicht verdrängt war- „Unbewußt" ist ein rein deskrip- tiver, in mancher Hinsicht unbestimmter, ein sozusagen sta- tischer Terminus, „verdrängt" ist ein dynamischer Ausdruck, der auf das seelische Kräftespiel Bücksicht nimmt und be- sagt, es sei ein Bestreben vorhanden, alle psychischen Wir- kungen, darunter auch die des Bewußtwerdens, zu äußern, aber auch eine Gregenkraft, ein Widerstand, der einen Teil dieser psychischen "Wirkungen, darunter wieder das Bewußtwerden, zu verhindern vermöge. Kennzeichen des Verdrängten bleibt eben, daß es sich trotz seiner Intensität nicht zum Bewußtsein zu bringen vermag. In dem Falle Hanolds handelt es sich also von dem Auftauchen des Eeliefs an um ein verdrängtes Un- bewußtes, kurzweg um ein Verdrängtes.

Verdrängt sind bei Norbert Hanold die Erinnerungen an seinen IQnderverkehr mit dem schön schreitenden Mädchen, aber dies ist noch nicht die richtige Betrachtung der psycho- logischen Sachlage. Wir bleiben an der Oberfläche, so lange wir nur von Erinnerungen und Vorstellungen handeln. Das einzig Wertbare im Seelenleben sind vielmehr die Gefühle; alle Seelenkräfte sind nur durch ihre Eignung, Gefühle zu erwecken, bedeutsam. Vorstellungen werden nur verdrängt, weil sie an Gefühlsentbindungen geknüpft sind, die nicht zu stände kom- men sollen; es wäre richtiger zu sagen, die Verdrängung be- treffe die Gefühle, nur sind uns diese nicht anders als in ihrer Bindung an Vorstellungen faßbar. Verdrängt sind bei Norbert Hanold also die erotischen Gefühle, und da seine Erotik kein anderes Objekt kennt oder gekannt hat, als in seiner Kindheit die Zoe Bertgang, so sind die Erinnerungen an diese vergessen. Das antike Eeliefbild weckt die schlum- mernde Erotik in ihm auf und macht die Kindheitserinnenm- gen aktiv. Wegen eines in ihm bestehenden Widerstandes ge-


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gen die Erotik können, diese Erinnerungen nur als anbewußte wirksam werden. .Was sich nun weiter in ihm abspielt, ist ein Kampf zwischen der Macht der Erotik und den sie ver- drängenden Ejräften; was sich von diesem Kampf äußert, ist ein ."Wahn. ^

Unser Dichter hat zu motivieren unterlassen, woher die Verdrängung des Liebeslebens bei seinem Helden rührt; die Beschäftigung mit der Wissenschaft ist ja nur das Mittel, dessen sich die Verdrängung bedient; der Arzt müßte hier tiefer gründen, vielleicht ohne in seinem Falle auf den Orund zu geraten. Wohl aber hat der Dichter, wie wir mit Bewun- derung hervorgehoben haben, uns darzustellen nicht versäumt, wie die Erweckung der verdrängten Erotik gerade aus dem Kreise der zur Verdrängung dienenden Mittel erfolgt. Es ist mit Eecht eine Antike, das Steinbild eines Weibes, durch wel- ches imser Archäologe aus seiner Abwendung von der Liebe gerissen und gemahnt wird, dem Leben die Schuld abzutragen, mit der wir von unserer Geburt an belastet sind.

Die ersten Äußerungen des nun in Hanold durch das Beliefbild angeregten Prozesses sind Phantasien, welche mit der so dargestellten Person spielen. Als etwas „Heutiges'^ im besten Sinne erscheint ihm das Modell, als hätte der Künst- ler die auf der Straße Schreitende „nach dem Leben" fest- gehalten. Den Namen „Gradiva" verleiht er dem antiken Mädchen, den er nach dem Beiwort des zum Kampfe ausschrei- tenden Kriegsgottes, des Mars Gradivus, gebildet; mit immer mehr Bestimmungen stattet er ihre Persönlichkeit aus. Sie mag die Tochter eines angesehenen Mannes sein, vielleicht eines Pa- triziers, der mit dem Tempeldienst einer Gottheit in Ver- bindung stand, griechische Herkunft glaubt er ihren Zü- gen abzusehen, und endlich drängt es ihn, sie ferne vom Gte- triebe einer Großstadt in das stillere Pompeji zu versetzen, wo er sie über die Lavatrittsteine schreiten läßt, die den Übergang von einer Seite der Straße zur anderen ermöglichen. Willkürlich genug erscheinen diese Leistungen der Phantasie und doch wieder harmlos unverdächtig. Ja noch dann, als sich aus ihnen zum erstenmal ein Antrieb zum Handeln ergibt, als der Archäologe von dem Problem bedrückt, ob solche Fußstellung


4« DER WAHN UND DIE TRÄUME

auch der Wirklichkeit entspreche, Beobachtungen nach dem Leben anzustellen beginnt, um den zeitgenössischen Frauen und Mädchen auf die Füße zu sehen, deckt sich dieses Tun durch ihm bewußte wissenschaftliche Motive, als wäre alles Interesse für das Steinbild der Gradiva aus dem Boden seiner fachlichen Beschäftigung mit der Archäologie entsprossen. Die Frauen und Mädchen auf der Straße, die er zu Objekten seiner Unter- suchung nimmt, müssen freilich eine andere, grob erotische Auffassung seines Treibens wählen, und wir müssen ihnen recht geben. Für uns leidet es keinen Zweifel, daß Hanold die Mo- tive seiner Forschung so wenig kennt wie die Herkunft seiner Phantasien über die Gradiva. Diese letzteren sind, wie wir später erfahren, Anklänge an seine Erinnerungen an die Ju- gendgeliebte, Abkömmlinge dieser Erinnerungen, Umwandlun- gen und Entstellungen derselben, nachdem es ihnen nicht ge^ lungen ist, sich in unveränderter Form zum Bewußtsein zu bringen. Das vorgeblich ästhetische Urteil, das Steinbild stelle etwas „Heutiges" dar, ersetzt das Wissen, daß solcher Gang einem ihm bekannten, in der Gegenwart über die Straße schreitenden Mädchen angehöre; hinter dem Eindruck „nach dem Leben" und der Phantasie ihres Griechentums verbirgt sich die Erinnerung an ihren Namen Zoe, der auf Griechisch Leben bedeutet; Gradiva ist, wie uns der am Ende vom Wahn Ge- heilte aufklärt, eine gute Übersetzung ihres Familiennamens Bertgang, welcher so viel bedeutet wie „im Schreiten glän- zend oder prächtig" ; die Bestimmungen über ihren Vater stam- men von der Kenntnis, daß Zoe Bertgang die Tochter eines angesehenen Lehrers der Universität sei, die sich wohl als Tempeldienst in die Antike übersetzen läßt. Nach Pompeji end- lich versetzt sie seine Phantasie, nicht „weil ihre ruhige, stille Art es zu fordern schien", sondern weil sich in seiner Wissen- schaft keine andere imd keine bessere Analogie mit dem merk- würdigen Zustand finden läßt, in dem er durch eine dunkle Kundschaft seine Erinnerungen an seine Kinderfreundschaft ver- spürt. Hat er einmal, was ihm so nahe liegt, die eigene Kind- heit mit der klassischen Vergangenheit zur Deckung gebracht, so ergibt die Verschüttung Pompejis, dies Verschwinden mit Erhaltung des Vergangenen, eine treffliche Ähnlichkeit mit der


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Verdrängung, von der er durch sozusagen „endopsychische" Wahrnehmung Kenntnis hat. Es arbeitet dabei in ihm die^ selbe Symbolik, die zum Schlüsse der Erzählung der Dichter das Mädchen bewußterweise gebrauchen läßt.

„Ich sagte mir, irgend etwas Interessantes würde ich wohl schon allein hier ausgraben. Freilich auf den Fund, den ich

gemacht, hatte ich mit keinem Gedanken gerechnet."

(G. p. 124.) — Zu Ende (G. p. 150) antwortet dann das Mädchen auf den Beisezielwunsch „ihres gewissermaßen gleichfalls aus der Verschüttung wieder ausgegrabenen Kindheitsfreundes".

So finden wir also schon bei den ersten Leistungen von Hanolds Wahnphantasien und Handlungen eine zweifache Determinierung, eine Ableitbarkeit aus zwei verschiedenen Quellen. Die eine Determinierung ist die, welche Hanold selbst erscheint, die andere die, welche sich uns bei der Nach- prüfung seiner seelischen Vorgänge enthüllt. Die eine ist, auf die Person Hanolds bezogen, die ihm bewußte, die andere, die ihm völlig unbewußte. Die eine stammt ganz aus dem Vor- stellungskreis der archäologischen Wissenschaft, die andere aber rührt von dem in ihm rege gewordenen verdrängten IQndheitserinnerungen und den an ihnen haftenden Gefühls- tricben her. Die eine ist wie oberflächlich imd verdeckt die andere, die sich gleichsam hinter ihr verbirgt. Man könnte sagen, die wissenschaftliche Motivierung diene der unbewußten erotischen zum Vorwand, imd die Wissenschaft habe sich ganz in den Dienst des Wahnes gestellt. Aber man darf auch nicht vergessen, daß die unbewußte Determinierung nichts anderes durchziusetzen vermag, als was gleichzeitig der bewußten wissen- schaftlichen genügt. Die Symptome des Wahnes — Phantasien wie Handlungen — sind eben Ergebnisse eines Kompromisses zwischen den beiden seelischen Strömungen, und bei einem Kom- promiß ist den Anforderungen eines jeden der beiden Teile Bechnung getragen worden; ein jeder Teil hat aber auch auf ein Stück dessen, was er durchsetzen wollte, verzichten müssen. Wo ein Kompromiß zu stände gekommen, da gab es einen Kampf, hier den von uns angenommenen Konflikt zwischen der unter- drückten Erotik und den sie in der Verdrängung erhaltenden Mächten. Bei der Bildung eines Wahnes geht dieser Kampf


44 DER WAHN UND DIE TRÄUME

eigentlich nie zu Ende. Ansturm und Widerstand erneuern sich nach jeder Kompromißbildung, die sozusagen niemals voll ge- nügt. Dies weiß auch unser Dichter und darum läßt er ein Gefühl der Unbefriedigung, eine eigentümliche Unruhe dieses Stadium der Störung bei seinem Helden beherrschen, als Vor- läufer und als Bürgschaft weiterer Entwicklungen.

Diese bedeutsamen Eigentümlichkeiten der zweifachen De- terminierung für Phantasien und Entschlüsse, der Bildung von bewußten Vorwänden für Handlungen, zu deren Motivierimg das Verdrängte den größeren Beitrag geliefert hat, werden ims im weiteren Fortschritt der Erzählung noch öfters, vielleicht noch deutlicher, entgegentreten. Und dies mit vollem Eechte, denn der Dichter hat hiemit den niemals fehlenden Haupt- charakter der krankhaften Seelenvorgänjge erfaßt und zur Dar- stellung gebracht.

Die Entwicklung des .Wahnes bei Norbert Hanold schreitet mit einem Traume weiter, der, durch kein neues Er- eignis veranlaßt, ganz aus seinem von einem Konflikt erfüllten Seelenleben zu rühren scheint. Doch halten wir ein, ehe wir daran gehen zu prüfen, ob der Dichter auch bei der Bildung seiner Träume unserer Erwartung eines tieferen Verständnisses entspricht. Fragen wir uns vorher, was die psychiatrische Wissenschaft zu seinen Voraussetzungen über die Entstehung eines Wahnes sagt, wie sie sich zur EoUe der Verdrängung und des Unbewußten, zum Konflikt und zur Kompromißbildung stellt. Im kurzen, ob die dichterische Darstellung der Genese eines Wahnes vor dem Bichtspruch der Wissenschaft bestehen kann. ^^

Und da müssen wir die vielleicht unerwartete Antwort geben, daß es sich in Wirklichkeit leider ganz umgekehrt ver* hält: die Wissenschaft besteht nicht vor der Leistung des Dichters. Zwischen den hereditär-konstitutionellen Vorbedin- gungen und den als fertig erscheinenden Schöpfungen des Wahnes läßt sie eine Lücke klaffen, die wir beim Dichter ausgefüllt finden. Sie ahnt noch nicht die Bedeutung der Verdrängung, erkennt nicht, daß sie zur Erklärung der Welt psychopatho- logischer Erscheinungen durchaus des Unbewußten bedarf, sie sucht den Grand des Wahnes nicht in einem psychischen Kon-


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flikt und erfaßt die Symptome desselben nicht als Kompro- mißbildung. So stünde denn der Dichter allein gegen die ge- samte "Wissenschaft? Nein, dies nicht, — wenn der Verfasser nämlich seine eigenen Arbeiten auch der Wissenschaft zu- rechnen darf. Denn er selbst vertritt seit einer Eeihe von Jahren — und bis in die letzte Zeit ziemlich vereinsamt*) — alle die Anschauungen, die er hier aus der „Gradiva" von W. Jensen herausgeholt imd in den Fachausdrücken darge- stellt hat. Er hat, am ausführlichsten für die als Hysterie und Zwangsvorstellen bekannten Zustände, als individuelle Be- dingung der psychischen Störung die Unterdrückung eines Stückes des Trieblebens und die Verdrängung der Vorstellun- gen, durch die der unterdrückte Trieb vertreten ist, aufgezeigt, und die gleiche Auffassung bald darauf für manche Formen des Wahnes wiederholt.**) Ob die für diese Verursachung in Betracht kommenden Triebe jedesmal Komponenten des Sexual- triebes sind oder auch andersartige sein können, das ist ein Pro- blem, welches nur gerade für die Analyse der „Gradiva" gleich- gültig bleiben darf, da es sich in dem vom Dichter gewählten Falle sicherlich um nichts als um die Unterdrückung des ero- tischen Empfindens handelt. Die Gesichtspunkte des psychi- schen Konflikts und der Symptombildung durch Kompromisse zwischen den beiden miteinander ringenden Seelenströmungen hat der Verfasser an wirklich beobachteten und ärztlich behan- delten Krankheitsfällen in ganz gleicher Weise zur Geltimg gebracht, wie er es an den Vom Dichter erfundenen Norbert Hanold tun konnte.***) Die Rückführung der nervösen, spe- ziell der hysterischen Krankheitsleistungen auf die Macht un- bewußter Gedanken hatte vor dem Verfasser schon P. Jan et, der Schüler des großen Charcot, und im Vereine mit dem Verfasser Josef Breuer in Wien untemommen.f)

Es war dem Verfasser, als er sich in den auf 1893 fol- genden Jahren in solche Forschungen über die Entstehung der

  • ) Siehe die wichtige Schrift Ton £. Bleuler, AffekÜTit&t, Suggestibilität,

Paranoia und die DiagnostiBchen ABSosiationsstudien yon C« G. Jung, beide ans Zürich, 1906.

    • ) Vgl. des Verfassers : Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre 1906.
      • ) ^e^' Bruchstück einer Hjeterie-Analyse 1906.

t) Tgl. Breuer u. Freud, Studien über Hysterie, 1895.


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Seelenstörungen vertiefte, wahrlich nicht eingefallen, Bekräf- tigung seiner Ergebnisse bei Dichtern zu suchen, und darum war seine Überraschung nicht gering, als er an der 1903 ver- öffentlichten „Gradiva" merkte, daß der Dichter seiner Schöp- fimg das nämliche zu Grunde lege, was er aus den Quellen ärztlicher Erfahrung als neu zu schöpfen vermeinte. Wie kam der Dichter nur zu dem gleichen Wissen wie der Arzt, oder wenigstens zum Benehmen, als ob er das gleiche wisse? —

Der Wahn Norbert Hanolds, sagten wir, erfahre eine weitere Entwicklung durch einen Traum, der sich ihm mitten in seinen Bemühungen ereignet, eine Gangart wie die der Gra- diva in den Straßen seines Heimatsortes nachzuweisen. Den In- halt dieses Traumes können wir leicht in Kürze darstellen. Der Träumer befindet sich in Pompeji an jenem Tage, welcher der unglücklichen Stadt den Untergang brachte, macht die Schreck- nisse mit, ohne selbst in Gefahr zu geraten, sieht dort plötz- lich die Gradiva schreiten und versteht mit einem Male als ganz natürlich, da sie ja eine Pompejanerin sei, lebe sie in ihrer Vaterstadt und, „ohne daß er's geahnt habe, gleichzeitig mit ihm". Er wird von Angst um sie ergriffen, ruft sie an, worauf sie ihm flüchtig ihr Gesicht zuwendet. Doch geht sie, ohne auf ihn zu achten, weiter, legt sich an den Stufen des Apollotempels nieder, und wird vom Aschenregen verschüttet, nachdem ihr Gesicht sich entfärbt, wie wenn es sich zu wei- ßem Marmor umwandelte, bis es völlig einem Steinbild gleicht. Beim Erwachen deutet er noch den Lärm der Großstadt, der an sein Bett dringt, in das .Hilfegeschrei der verzweifelten Be- wohner Pompejis und in das Gretöse des wild erregten Meeres um. Das Gefühl, daß das, was er geträumt, sich wirklich mit ihm zugetragen, will ihm noch längere Zeit nach dem Er- wachen nicht verlassen, und die Überzeugung, daß die Gra- diva in Pompeji gelebt und an jenem XJnglückstage gestorben sei, bleibt als neuer Ansatz an seinen Wahn von diesem Traum© übrig.

Weniger bequem wird es uns zu sagen, was der Dichter mit diesem Traum gewollt, und was ihn veranlaßt hat, die Ent- wicklung des Wahnes gerade an einen Traum zu knüpfen. Emsige Traumforscher haben zwar Beispiele genug gesammelt.


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wie Geistesstörung an Träume anknüpft und aus Träumen her- vorgeht,*) und auch in der Lebensgeschichte einzelner hervor- ragender Menschen sollen Impulse zu wichtigen Taten und Entschließungen durch Träume erzeugt worden sein. Aber unser Verständnis gewinnt gerade nicht viel durch diese Ana- logien; bleiben wir darum bei unserem Falle, bei dem vom Dichter fingierten Falle des Archäologen Norbert Hanold. An welchem Ende muß man einen solchen Traum wohl an- fassen, um ihn in den Zusammenhang einzuflechten, wenn er nicht ein unnötiger Zierat der Darstellung bleiben soll?

Ich kann mir etwa denken, daß ein Leser an dieser Stelle ausruft: Der Traum ist ja leicht zu erklären. Ein einfacher Angsttraum, veranlaßt durch den Lärm der Großstadt, der von dem mit seiner Pompejanerin beschäftigten Archäologen auf den Untergang Pompejis umgedeutet wird! Bei der allgemein herrschenden Geringschätzung für die Leistungen des Traumes pflegt man nämlich den Anspruch auf die Traumerklärung da- hin einzuschränken, daß man für ein Stück des geträumten Inhaltes einen äußeren Eeiz sucht, der sich etwa mit ihm deckt. Dieser äußere Anreiz zum Träumen wäre durch den Lärm gegeben, welcher den Schläfer weckt; das Interesse an diesem Traume wäre damit erledigt. Wenn wir nur einen Grund hätten anzunehmen, daß die Großstadt an diesem Mor- gen lärmender gewesen als sonst, wenn z. B. der Dichter nicht versäumt hätte, uns mitzuteilen, daß Hanold diese Nacht ge- gen seine Gewohnheit bei geöffnetem Fenster geschlafen. Schade, daß der Dichter sich diese Mühe nicht gegeben hat! Und wenn ein Angsttraum nur etwas so Einfaches wäre! Nein, so einfach erledigt sich dies Interesse nicht.

Die Anknüpfung an einen äußeren Sinnesreiz ist nichts "Wesentliches für die Traumbildung. Der Schläfer kann diesen Reiz aus der Außenwelt vernachlässigen, er kann sich durch ihn, ohne einen Traum zu bilden, wecken lassen, er kann ihn auch in seinen Traum verweben, wie es hier geschieht, wenn es ihm aus irgend welchen anderen Motiven so taugt, und es gibt reichlich Träume, für deren Inhalt sich eine solche Determinierung durch einen an die Sinne des Schlafenden ge-

'^) Santo de Sanctii, Die Träome, 1901.


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langenden Beiz nicht erweisen läßt. Nein, versuchen wir's auf einem anderen Wege.

Vielleicht knüpfen wir an den Bückstand an, den der Traum im wachen Leben Hanolds zurückläßt. Es war bisher eine Phantasie von ihm gewesen, daß die Gradiva eine Pom- pejanerin gewesen sei. Jetzt wird ihm diese Annahme zur Gewißheit, imd die zweite Gewißheit schließt sich daran, daß sie dort im Jahre 79 mit verschüttet worden sei.*) Wehmütige Empfindungen begleiten diesen Fortschritt der .Wahnbildung, wie ein Nachklang der Angst, die den Traum erfüllt hatte. Dieser neue Schmerz. um die Gradiva will uns nicht recht be- greiflich erscheinen; die Gradiva wäre doch heute auch seit vielen Jahrhunderten tot, selbst wenn sie im Jahre 79 ihr Leben vor dem Untergänge gerettet hätte, oder sollte man in solcher "Weise weder mit Norbert Hanold noch mit dem Dichter selbst rechten dürfen? Auch hier scheint kein Weg zur Aufklärung zu führen. Immerhin wollen wir uns anmer- ken, daß dem Zuwachs, den der Wahn aus diesem Traum be- zieht, eine stark schmerzliche Gefühlsbetonung anhaftet.

Sonst aber wird an unserer Batlosigkeit nichts gebessert. Dieser Traum erläutert sich nicht von selbst; wir müssen uns entschließen, Anleihen bei der „Traumdeutung" des Verfassers zu machen und einige der dort gegebenen Begeln zur Auflösung der Träume hier anzuwenden.

Da lautet eine dieser Begeln, daß ein Traum regelmäßig mit den Tätigkeiten am Tage vor dem Traum zusammenhängt. Der Dichter scheint andeuten zu wollen, daß er diese Begel be- folgt habe, indem er den Traum unmittelbar an die „pede- strischen Prüfimgen" Hanolds anknüpft. Nun bedeuten letz- tere nichts anderes als ein Suchen nach der Gradiva, die er an ihrem charakteristischen Gange erkennen will. Der Traum sollte also einen Hinweis darauf, wo die Gradiva zu finden sei, enthalten. Er enthält ihn wirklich, indem er sie in Pom- peji zeigt, aber das ist noch keine Neuigkeit für uns.

Eine andere Begel besagt: wenn nach einem Traum der Glaube an die Bealität der Traumbilder imgewöhnlich lange anhält, so daß man sich nicht aus dem Traume losreißen kann,

♦) Vgl. den Text der ^Gradiva« p. 15.


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SO ist dies nicht etwa eine ürteilstäuschung, hervorgerufen durch die Lebhaftigkeit der Traumbilder, sondern es ist ein psychischer Akt für sich, eine Versicherung, die sich auf den Trauminhalt bezieht, daß etwas darin wirklich so ist, wie man es geträumt hat, und man tut recht daran, dieser Versicherung Glauben zu schenken. Halten wir uns an diese beiden Begeln, so müssen wir schließen, der Traum gebe eine Auskunft über den Verbleib der gesuchten Gradiva, die sich mit der Wirk- lichkeit deckt. Wir kennen nun den Traum Hanolds; führt die Anwendung der beiden Regeln auf ihn zu irgend einem vernünftigen Sinne?

•Merkwürdigerweise ja. Dieser Sinn ist nur auf eine be- sondere Art verkleidet, so daß man ihn nicht sogleich erkennt. Hanold erfährt im Traume, daß die Gesuchte in einer Stadt und gleichzeitig mit ihm lebe.^ Das ist ja von der Zoe Bertgang richtig, nur daß diese Stadt im Traum nicht die deutsche Universitätsstadt, sondern Pompeji, die Zeit nicht die Gegenwart, sondern das Jahr 79 unserer Zeitrechnung ist. Es ist wie eine Entstellung durch Verschiebung, nicht die Gradiva ist in die Gegenwart, sondern der Träumer ist in die Vergangenheit versetzt; aber das Wesentliche und Neue, daß er mit der Ge- suchten Ort und Zeit teile, ist auch so gesagt. Woher wohl diese Verstellung und Verkleidung, die. uns sowie den Träumer selbst über den eigentlichen Sinn und Inhalt des Traumes täuschen muß? Nun wir haben bereits die Mittel in der Hand, um eine befriedigende Antwort auf diese Frage zu geben.

Erinnern wir uns an all das, was wir über die Natur und Abkunft der Phantasien, dieser Vorläufer des Wahnes, gehört haben. Daß sie Ersatz und Abkömmlinge von ver- drängten Erinnerungen sind, denen ein Widerstand nicht gestattet, sich unverändert zum Bewußtsein zu bringen, die sich aber das Bewußtwerden dadurch erkaufen, daß sie durch Veränderungen und Entstellungen der Zensur des Widerstandes Rechnung tragen. Nachdem dieses Kompromiß vollzogen ist, sind jene Erinnerungen nun zu diesen Phantasien geworden, die von der bewußten Person leicht mißverstanden, d. h. im Sinne der herrschenden psychischen Strömung verstanden wer- den können. Nun stelle man sich vor, die Traumbilder seien

Freud, Der Wahn und die Tiftume. 4


M> DEB WAHN UND DES TRIUHE

die tosnsagen physiologischen .Wahnschöpfungen des Menschen, die Kompromißergebnisse jenes Kampfes zwischen Verdrängtem und Herrschendem, den es wahrscheinlich bei jedem, anch tags- ^Mr völlig geistesgesnnden Menschen gibt. Dann versteht man, da0 man die Traumbilder als etwas Entstelltes zu betrachten hat, hinter dem etwas anderes, nicht Entstelltes, aber in ge- wissem Sinne Anstößiges zu suchen ist, wie die verdrängten Erinnerungen Hanolds hinter seinen Phantasien. Dem so er- kannten Gegensatz wird man etwa Ausdruck schaffen, indem man das, was der Träumer beim Erwachen erinnert, als mani- festen Trauminhalt unterscheidet von dem, was die Grundlage des Traumes vor der Zensurentstellung ausmachte, dtti latenten Traumgedanken. Einen Tramn deuten heißt dann so viel als den manifesten Trauminhalt in die latenten Traumgedanken übersetzen, die Entstellimg rückgängig machen, welche sich letztere von der Widerstandszensur gefallen lassen mußten. Wenden wir diese Erwägungen auf den uns beschäf- tigenden Traum an, so finden wir, die latenten Traumgedanken können nur gelautet haben: Das Mädchen, das jenen schönen Gang hat, nach dem du suchst, lebt wirklich in dieser Stadt mit dir. Aber in dieser Form konnte der Gedanke nicht be- wußt werden; es stand ihm ja im Wege, daß eine Phantasie als Ergebnis eines früheren Kompromisses festgestellt hatte, die Gradiva sei eine Pompejanerin, folglich blieb nichts übrig, wenn die wirkliehe Tatsache des Lebens am gleichen Orte und zur gleichen Zeit gewahrt werden sollte, als die Entstellimg vorzunehmen : du lebst ja in Pompeji zur Zeit der Gradiva, und dies ist dann die Idee, welche der manifeste Trauminhalt realisiert, als eine Gegenwart, die man durchlebt, darstellt.

Ein Traum ist nur selten die Darstellung, man könnte sagen : Inszenierung eines einzigen Gedankens, meist einer Beihe von solchen, eines Gedankengewebes. Aus dem Traume Ha- nolds läßt sich noch ein anderer Bestandteil des Inhaltes her- vorheben, dessen Entstellung leicht zu beseitigen ist, so daß man die durch ihn vertretene latente Idee erfährt. Es ist dies ein Stück des Traumes, auf welches man, auch noch die Ver- sicherung der Wirklichkeit ausdehnen kann, mit welcher der Traum abschloßt Im Traiun verwandelt sich nämlich die


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schreitende Gradiva in ein Steinbild. Das ist ja nichts an- deres als eine sinnreiche und poetische Darstellung des wirk- lichen Herganges. Hanold hatte in der Tat sein Interesse von der Lebenden auf das Steinbild übertragen ; die Geliebte hatte sich ihm in ein steinernes Belief verwandelt. Die laten- ten Tranmgedanken, die nnbewufit bleiben müssen, wollen dies Bild in die Lebende znrückverwandeln ; sie sagen ihm etwa im Zusammenhalt mit dem vorigen: Du interessierst dich doch nur für das Belief der Gradiva, weil es dich an die gegen- wärtige, hier lebende Zoe erinnert. Aber diese Einsicht würde, wenn sie bewußt werden könnte, das Ende des Wahnes be- deuten.

Obliegt uns etwa die Verpflichtung, jedes einzelne Stück des manifesten Trauminhaltes in solcher Weise durch imbe- wußte Gedanken zu ersetzen? Strenggenommen, ja; bei der Deutung eines wirklich geträumten Traumes würden wir uns dieser Pflicht nicht entziehen dürfen. Der Träumer müßte uns dann auch in ausgiebigster Weise Bede stehen. Es ist be- greiflich, daß wir solche Forderung bei dem Greschöpf des Diehters nicht durchführen können ; wir wollen aber doch nicht übersehen, daß wir den Hauptinhalt dieses Traumes noch ilicht der Deutungs- oder TJbersetzungsarbeit unterzogen haben.

Der Traum Hanolds ist ja ein Angsttraum. Sein Inhalt ist schreckhaft, Angst wird vom Träumer im Schlafe verspürt und schmerzliche Empfindungen bleiben nach ihm übrig. Das ist nun gar nicht bequem für unseren Erklärungsversuch; wir sind wiederum zu großen Anleihen bei der Lehre von der Traumdeutung genötigt. Diese mahnt uns dann, doch ja nicht in den Irrtum zu verfallen, die Angst, die man in einem Traum empfindet, voü dem Inhalt des Traumes abzuleiten, den Trauminhalt doch nicht so zu behandeln wie einen Vorstellungs- inhalt des wachen Lebens. Sie macht uns darauf aufmerksam, wie oft wir die gräßlichsten Dinge träumen, ohne daß eine Spur von Angst dabei empfunden wird. Vielmehr sei der wahre Sachverhalt ein ganz anderer, der nicht leicht zu erraten, aber sicher zu beweisen ist. Die Angst des Angsttraumes entspreche einem sexuellen Affekt, einer libidinösen Empfindung, wie überhaupt jede nervöse Angst, und sei durch den Prozeß der


iS I^ WAHS USD DIE TBÜLCMB

VerdsiUkgitMkg ans dar Libido h ei vut gegaagau^j Bei der Den- iung des TramneB mnaae man ako die Angst durch BBTuelle EmgÜkeit eaetzen. Die ao entatandaie Angst übe nim — nicht regelmäßig, zbar liä.i|fig — ^nen aoswäUenden KinflnB auf doi Tramniiihalt ans und hrmge VorsielliingaelaiMnite in den Traum, welche für die bewußte und mißvergtindliehe Anf - faarang des Traumes zum Angstaf f ekt paiwend erscheinen. Dies sei, wie gesagt, keinesw^^s regelmäßig der Fall, denn es gebe gmng Angsttramne, in denen der Inhalt gar nidit sdireckhaft ist, wo man sich also die verspürte Angst nidit bewoßterweise erklaren könne.

Ich weiß, daß diese AnOdärong der Angst im Traume sehr befremdlich klingt nnd nicht leicht Glauben findet; aber ich kann nur raten, sich mit ihr zu befreunden. Es wäre übrigirais recht merkwürdig, wenn der Traum Norbert Har nolds sich mit dieser Auffassung der Angst vereinen und aus ihr erklaren ließe. Wir würden dann sagen, beim Träu- mer rühre sich nachtlicberweise die Loebessehnsucht, mache einen kräftigen Vorstoß, um ihm die Erinnerung an die Ge- liebte bewußt zu machen und ihn so aus dem Wahn zu reißen, erfahre aber neuerliche Ablehnung und Verwandlung in Angst, die nun ihrerseits die schreckhaften Bilder aus der Schul- erinnerung des Träumers in den Trauminhalt bringe. Auf diese Weise werde der eigentliche unbewußte Inhalt des Traumes, die verliebte Sehnsucht nach der einst gekannten Zoe, in den manifesten Inhalt vom Untergang Pompejis und vom Verlust der Gradiva umgestaltet.

Ich meine, das klingt so weit ganz plausibel. Man könnte aber mit Becht die Fordenmg aufstellen, wenn erotische Wünsche den unentstellten Inhalt dieses Traumes bilden, so müsse man auch im umgeformten Traum wenigstens einen kenntlichen Best derselben irgendwo versteckt aufzeigen kön- nen. Nun, vielleicht gelingt selbst dies mit Hilfe eines Hin- weises aus der später folgenden Erzählung. Beim ersten Zu- sammentreffen mit der vermeintlichen Gradiva gedenkt Ha- nold dieses Traumes und richtet an die Erscheinung die Bitte,

  • ) Tgl. Sammlang kL Schriften rar Nearoflenlehre, V., und Trmamdeataiig'

p. 344.


IN W. JENSENS „GBADIVA" 63

sich wieder so hinzulegen, wie er es damals gesehen.*) Darauf- hin aber erhebt sich die junge Dame entrüstet und verläßt ihren sonderbaren Partner, aus dessen wahnbeherrschten Beden sie den unziemlichen erotischen Wunsch herausgehört hat. Ich glaube, wir dürfen uns die Deutung der Gradiva zu eigen machen; eine größere Bestimmtheit für die Darstellung des erotischen .Wunsches wird man auch von einem realen Traume nicht immer fordern dürfen.

Somit hatte die Anwendung einiger Begeln der Traum- deutung auf den ersten Traum Hanolds den Erfolg gehabt, uns diesen Traum in seinen Hauptzügen verständlich zu ma- chen und ihn in den Zusammenhang der Erzählung einzufügen. Er muß also wohl vom Dichter unter Beachtung dieser Begeln geschaffen worden sein? Man könnte nur noch eine Frage aufwerfen, warum der Dichter zur weiteren Entwicklung des •Wahnes überhaupt einen Traum einführe. Nun, ich meine, das ist recht sinnreich komponiert und hält wiederum der Wirk- lichkeit die Treue. Wir haben schon gehört, daß in realen Krankheitsfällen eine W^Jinbildung recht häufig an ein^ Traum anschließt, brauchen aber nach unseren Aufklärungen über das Wesen des Traumes kein neues Bätsei in diesem Sach- verhalt zu finden. Traum und Wahn stammen aus derselben Quelle, vom Verdrängten her; der Traum ist der sozusagen physiologische Wahn des normalen Menschen. Ehe das Ver- drängte stark genug geworden ist, um sich im Wachleben als Wahn durchzusetzen, kann es leicht seinen ersten Erfolg unter den günstigeren umständen des Schlafzustandes in Gestalt eines nachhaltig wirkenden Traumes errungen haben. Während des Schlafes tritt nämlich, mit der Herabsetzung der seelischen Tätigkeit überhaupt, auch ein Nachlaß in der Stärke des Wider- standes ein, den die herrschenden psychischen Mächte dem Ver- drängten entgegensetzen. Dieser Nachlaß ist es, der die Traum- bildung ermöglicht, und darum wird der Traum für uns der beste Zugang zur Kenntnis des unbewußten Seelischen. Nur,


  • ) O. p. 70: Nein, gesprochen nicht. Aber ich rief dir so, als da dich

anm Schlafen hinlegtest, nnd stand dann bei dir — dein Gesicht war so rahig- sdta wie TOD ICannor. Darf ich dich bitten — leg' es noch einmal wiedv so anf die Stofo sorilck.


DER WAHN UND DIB TRÄUME


daß für gewöhnlich mit der Herstellung der psychischen Be- setzungen des Wachens der Traum wieder verfliegt, der vom Unbewußten gewonnene Boden wieder geräumt wird.

m.

Im weiteren Verlaufe der Erzählung findet sich noch ein anderer Traum, der uns vielleicht noch mehr als der erste verlocken kann, seine Übersetzung und Einfügung iil den Zu- sammenhang des seelischen Greschehens beim Helden zu ver- suchen. Aber wir ersparen wenig, wenn wir hier die Darstellung des Dichters verlassen, um direkt zu diesem zweiten Traum zu eilen, denn wer den Traum eines anderen deuten will, der kann nicht umhin, sich möglichst ausführlich um alles zu be- kümmern, was der Träumer äußerlich und innerlich erlebt hat. Somit wäre es fast das beste, wenn wir beim Faden der Er- zählung verblieben und diese fortlaufend mit unseren Glossen versähen.

Die Wahnneubildung vom Tode derGradivä beim Untergang Pompejis im Jahre 79 ist nicht die einzige Nachwirkung des von uns analysierten ersten Traumes. Unmittelbar nachher ent- schließt sich Hanold zu einer Reise nach Italien, die ihn endlich nach Pompeji bringt. Vorher aber begibt sich noch etwas anderes mit ihm; aus dem Fenster lehnend, glaubt er auf der Straße eine Gestalt mit der Haltung und dem Gange seiner Gradiva zu bemerken, eilt ihr trotz seiner mangelhaften Bekleidung nach, erreicht sie aber nicht, sondern wird durch den Spott der Leute auf der Straße zurückgetrieben. Nachdem er wieder in sein Zimmer zurückgekehrt ist, ruft das Singen eines Kanarienvogels, dessen Käfig an einem Fenster des Hauses gegenüber hängt, eine Stimmung in ihm hervor, als ob auch er aus der Gefangenschaft in die Freiheit wollte, und die Frühjahrsreise ist ebenso schnell beschlossen wie ausgeführt.

Der Dichter hat diese Beise Hanolds in ganz besonder^ scharfes Licht gerückt tmd ihm selbst teilweise Klarheit über seine inneren Vorgänge gegönnt. Hanold hat sich selbstver- ständlich einen wissenschaftlichen Vprwand für sein Bc^isen angegeben, aber dieser; hält nicht vor. Er weiß doch eigent- lich, daß „ihm der Antrieb zur Beise aus einer unnennbaren


IN W. JENSENS „GRADIVA" S&

Empfindung entsprungen war. Eine eigentümliche Unruhe hd£t ihn mit allem, was er antrifft, imzufrieden sein und treibt ihn von Bom nach Neapel, von dort nach Pompeji, ohne daß er sich, auch nicht in dieser letzten Station, in seiner Stimmung zurechtfände. Er ärgert sich über die Torheit der Hochzeits- reisenden und ist empört über die Frechheit der Stubenfliegen, die Pompejis Gasthäuser bevölkern. Aber endlich täuscht er sich nicht darüber, „daß seine ünbefriedigung wohl nicht allein durch das um ihn herum Befindliche verursacht werde, son- dern etwas ihren Ursprung auch aus ihm selbst schöpfe". Er hält sich für überreizt, fühlt, „daß er mißmutig sei, weil ihm etwas fehle, ohne daß er sich aufhellen könne, was. Und diese Mißstimmung bringt er überallhin mit sich". In solcher Ver- fassung empört er sich sogar gegen seine Herrscherin, die Wissenschaft; wie er das erstemal in der Mittagssonnenglut durch Pompeji wandelt, „hatte seine ganze Wissenschaft ihn nicht allein verlassen, sondern ließ ihn auch ohne das geringste Begehren, sie wieder aufzufinden; er erinnerte sich ihrer nur wie aus einer weiten Feme, und in seiner Empfindung war sie eine alte, eingetrocknete, langweilige Tante gewesen, das ledernste und überflüssigste Geschöpf auf der Welt". (G. p. 56.)

In diesem unerquicklichen und verworrenen Gemütszustand löst sich ihm dann das eine der Bätsei, welche an dieser Beise hängen, in dem Moment, da er zuerst die Gradiva durch Pompeji sehreiten sieht. Es kommt ihm „zum erstenmal zum Bewußtwerden: Er sei, ohne selbst von dem Antrieb in seinem Innern zu wissen, deshalb nach Italien tmd ohne Aufenthalt von Bom und Neapel bis Pompeji weitergefahren, um danach zu suchen, ob er hier Spuren von ihr auffinden könne. Und zwar im wörtlichen Sinne, denn bei ihrer besonderen Gangart mußte sie in der Asche einen von allen übrigen sich unt^- scheidenden Abdruck der Zehen hinterlassen haben". (G.p.58.)

Da der Dichter so viel Sorgfalt auf die Darstellung ditaer Beise verwendet, muß es auch uns der Mühe wert sein, deren Veriiältnis zum Wahn Hanolds und deren Stellung im Zu- sammenhang der Begebenheiten zu erläutern. Die Beise ist ein Untemdimen aus Motiven, welche die Person zunächst nidit erkenat imd erst später sich eingesteht, Motiven, welche der


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Dichter direkt als „unbewußte" bezeichnet. Dies ist gewiß dem Leben abgelauscht; man braucht nicht im Wahn zu sein, um so zu handeln; vielmehr ist es ein alltägliches Vorkomm- nis, selbst bei Gresunden, daß sie sich über die Motive ihres Handelns täuschen und ihrer erst nachträglich bewußt werden, wenn nur ein Konflikt mehrerer Gefühlsströmungen ihnen die Bedingung für solche Verworrenheit herstellt. Die Eeise Ha- nolds war also von Anfang an daratif angelegt, dem Wahne zu dienen, und sollte ihn nach Pompeji bringen, um die Nach- forschung nach der Gradiva dort fortzusetzen. Wir erinnern, daß vor und unmittelbar nach dem Traum diese Nachforschung ihn erfüllte, und daß der Traum selbst nur eine von seinem Bewußtsein erstickte Antwort auf die Frage nach dem Auf- enthalt der Gradiva war. Irgend eine Macht, die wir nicht er- kennen, hemmt aber zunächst auch das Bewußtwerden des wahn- haften Vorsatzes, so daß zur bewußten Motivierung der Eeise nur unzulängliche, streckenweise zu erneuernde Vorwände erübri- gen. Ein anderes Rätsel gibt ims der Dichter auf, indem er den Traum, die Entdeckung der vermeintlichen Gradiva auf der Straße imd die Entschließung zur Eeise durch den Ein- fluß des singenden Kanarienvogels wie Zufälligkeiten ohne innere Beziehung aufeinander folgen läßt.

Mit Hilfe der Aufklärungen, die wir den späteren Eeden der Zoe Bertgang entnehmen, wird dieses dunkle Stück der Erzählung für unser Verständnis erhellt. Es war wirklich das Urbild der Gradiva, Fräulein Zoe selbst, das Hanold von seinem Fenster aus auf der Straße schreiten sah (G. p. 89) und das er bald eingeholt hätte. Die Mitteilung des Traumes: sie lebt ja am heutigen. Tage in der nämlichen Stadt wie du, hätte so durch einen glücklichen Zufall eine unwiderstehliche Bekräftigimg erfahren, vor welcher sein inneres Sträuben zu- sammengebrochen wäre. Der Kanarienvogel aber, dessen Ge- sang Hanold in die Feme trieb, gehörte Zoe, und sein Käfig stand an ihrem Fenster, dem Hause Hanolds schräg gegen- über. (G. p. 135.) Hanold, der nach der Anklage des Mädchens die Gabe der „negativen Halluzination" besaß, die Kirnst ver- stand, auch gegenwärtige Pers'5nen nicht zu sehen und nicht zu erkennen, muß von Anfang an die unbewußte Kenntnis


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dessen gehabt habeiij was wir erst spät erfahren. Die Zeichen der Nähe Zoes, ihr Erscheinen auf der Straße und der Ge- sang ihres Vogels so nahe seinem Penster, verstärken die Wir- kung des Traumes, und in dieser für seinen Widerstand gegen die Erotik so gefährlichen Situation — ergreift er die Flucht. Die Beise entspringt einem Aufraffen des Widerstandes nach jenem Vorstoß der Liebessehnsucht im Traum, einem Fluchtver- such von der leibhaftigen und gegenwärtigen Geliebten weg. Sie bedeutet praktisch einen Sieg der Verdrängung, die diesmal im Wahne die Oberhand behält, wie bei seinem früheren Tun, den „pedestrischen Untersuchungen" an Frauen und Mädchen, die Erotik siegreich gewesen war. Überall aber ist in . diesem Schwanken des Kampfes die Kompromißnatur der Entscheidun- gen gewahrt; die Beise nach Pompeji, die von der lebenden Zoe wegführen soll, führt wenigstens zu ihrem Ersatz, zur Gradiva. Die Beise, die den latenten Traumgedanken zum Trotze tmternommen wird, folgt doch der Weisung des mani- festen Trauminhaltes nach Pompeji. So triumphiert der Wahn von neuem, jedesmal wenn Erotik und Widerstand von neuem streiten.

Diese Auffassung der Beise Hanolds als Flucht vor der in ihm erwachenden Liebessehnsucht nach der so nahen Ge- liebten harmoniert allein mit den bei ihm geschilderten Ge- mütszuständen während seines Atifenthaltes in Italien. Die ihn beherrschende Ablehnung der Erotik drückt sich dort in seiner Verabscheuung der Hochzeitsreisenden aus. Ein kleiner Traum im Albergo in Bom, veranlaßt durch die Nachbarschaft eines deutschen Liebespaares, „August und Grete", deren Abend- gespräch er durch die dünne Zwischenwand belauschen muß, wirft wie nachträglich ein Licht auf die erotischen Tendenzen seines ersten großen Traumes. Der neue Traum versetzt ihn wieder nach Pompeji, wo eben wieder der Vesuv ausbricht, und knüpft so an den während der Beise fortwirkenden Traum an. Aber unter den gefährdeten Personen gewahrt er diesmal — nicht wie früher sich und die Gradiva — , sondern den Apoll von Belve- dere und die kapitolinische Venus, wohl als ironische Er- höhungen des Paares im Nachbarraum. Apoll hebt die Venus auf, trägt sie fort und legt sie auf einen Gegenstand im Dun-


DER WAHN UND DIE TRÄUME


kein hin, der ein Wagen oder Karren zu sein scheint, denn ein „knarrender Ton" schallt davon her. Der Traum bedarf sonst keiner besonderen Kunst zu seiner Deutung. (G. p. 31.)

Unser Dichter, dem wir langst zutrauen, daß er auch keinen einzelnen Zug müßig und absichtslos in seiner Schil- derung aufträgt, hat uns noch ein anderes Zeugnis für die Hanold auf der Reise beherrschende asexuelle Strömung ge- geben. Wahrend des stundenlangen ümherwandems in Pom- peji kommt es ihm „merkwürdigerweise nicht ein einziges Mal in Erinnerung, daß er vor einiger Zeit einmal geträumt habe, bei der Verschüttung Pompejis durch den Kraterausbruch im Jahre 79 zugegen gewesen zu sein^^ (O. p. 47.) Erst beim Anblick der Gradiva besinnt er sich plötzlich dieses Traumes, wie ihm auch gleichzeitig das wahnhafte Motiv seiner rätselhaften Reise bewußt wird. Was könnte nun dies Vergessen des Traumes, diese Verdrängungsschranke zwischen dem Traum und dem Seelenzustand auf der Reise anders bedeuten, als daß die Reise nicht auf direkte Anreg^ung des Traumes erfolgt ist, sondern in der Auflehnung gegen denselben, als Ausfluß einer seeli- schen Macht, die vom geheimen Sinne des Traumes nichts wissen will?

Anderseits aber wird Hanold dieses Sieges über seine Erotik nicht froh. Die unterdrückte seelische Regung bleibt stark genug, um sich durch Mißbehagen imd Hemmung an der unterdrückenden zu rächen. Seine Sehnsucht hat sieh in Unruhe und Unbefriedigung verwandelt, die ihm die Reise sinnlos erscheinen läßt; gehemmt ist die Einsicht in die Moti> vierung der Reise im Dienste des Wahnes, gestört sein Ver- hältnis zu seiner Wissenschaft, die an solchem Orte all aeÜL Interesse rege machen sollte. So zeigt uns der Dichter seinen Helden nach seiner Fludit vor der Liebe in einer Art von Krisis, in einem gänzlich verworrenen und zerfahrenen Zu- stand, in einer Zerrüttung, wie sie auf der Höhe der Krank- heitszustände vorzukommen pflegt, wenn keine der beid^i streitenden Mächte mehr um so viel stärker ist als die andere, daß die Differenz ein strammes, seelisches Regime begründen könnte. Hier greift dann der Dichter helfend und schlichtend ein, denn an dieser Stelle läßt er die Gradiva auftreten, welche


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die Heilung des Wahnes unternimmt. Mit seiner Macht, die Schicksale der von ihm geschaffenen Menschen zum Outen zu lenken, trotz all der Notwendigkeiten, denen er sie gehorchen läßt, versetzt er das Mädchen, vor dem Hanold nach Pom*- peji geflohen ist, ebendahin und korrigiert so die Torheit, die der Wahn den jungen Mann begehen ließ, sich von dem Wohn- ort der leibhaftigen Greliebten zur Todesstätte der sie in der Phantasie ersetzenden zu begeben.

Mit dem Erscheinen der Zoe Bertgang als Gradiva, wel- ches den Höhepunkt der Spannung in der Erzählung bezeichnet, tritt bald auch eine Wendung in unserem Interesse ein. Haben wir bisher die Entwicklung eines Wahnes miterlebt, so sollen wii* jetzt Zeugen seiner Heilung werden und dürfen ims fra- gen, ob der Dichter den Hergang dieser Heilung bloß fabu- liert oder im Anschluß an wirklich vorhandene Möglichkeiten gebildet hat. Nach Zoes eigenen Worten in der Unterhaltung mit der Freundin haben wir entschieden das Recht, ihr solche Heilungsabsicht zuzuschreiben. (G. p. 124.) Wie schickt sie sich aber dazu an? Nachdem sie die Entrüstung zurückgedrängt, welche die Zumutung, sich wieder wie „damals" zum Schlafen hinzulegen, bei ihr hervorgerufen, findet sie sich zur gleichen Mittagsstunde des nächsten Tages am nämlichen Orte ein und entlockt nun Hanold all das geheime Wissen, das ihr zum Verständnis seines Benehmens am Vortage gefehlt hat. Sie er- fährt von seinem Traum, vom Reliefbild der Gradiva und von der Eigentümlichkeit des Ganges, welche sie mit diesem Bilde teilt. Sie akzeptiert die Bolle des für eine kurze Stunde zum Leben erwachten Gespenstes, welche, wie sie merkt, sein Wahn ihr zugeteilt, und weist ihm leise in mehrdeutigen Worten eine neue Stellung an, indem sie die Gräberblume von ihm annimmt, die er ohne bewußte Absicht mitgebracht, und das Bedauern ausspricht, daß er ihr nicht Bösen gegeben hat. (G. p. 90.)

Unser Interesse für das Benehmen des überlegen klugen Mädchens, welches beschlossen hat, sich den Jugendgeliebten zum Manne zu gewinnen, nachdem sie hinter seinem Wahn seine Liebe als treibende Kraft erkannt, wird aber an dieser Stelle wahrscheinlich von dem Befremden zurückgedrängt, welches


60 DER WAHN UND DIE TBÄUME

dieser Wahn selbst bei uns erregen kann. Dessen letzte Aus- gestaltung, daß die im Jahre 79 verschüttete Gradiva nun als Mittagsgespenst für eine Stunde mit ihm Bede tauschen könne, nach deren Ablauf sie versinke oder ihre Gruft wieder aufsuche, dieses Hirngespinst, welches weder durch die Wahr- nehmung ihrer modernen Fußbekleidung noch durch ihre Un- kenntnis der alten Sprachen und ihre Beherrschung des damals nicht existierenden Deutschen beirrt wird, scheint wohl die Be- Zeichnung des Dichters „Ein pompe janisches Phantasiestück'^ zu rechtfertigen, aber jedes Messen an der klinischen Wirk- lichkeit auszuschließen. Und doch scheint mir bei näherer Er- wägung die UnWahrscheinlichkeit dieses Wahnes zum größeren Teile zu zergehen. Einen Teil der Verschuldung hat ja der Dichter auf sich genommen und in der Voraussetzung der Er- zählung, daß Zoe in allen Zügen das Ebenbild des Steinreliefs sei, mitgebracht. Man muß sich also hüten, die Unwahrschein- lichkeit von dieser Voraussetzung auf deren Konsequenz, daß Hanold das Mädchen für die belebte Gradiva hält, zu ver- schieben. Die wahnhafte Erklärung wird hier dadurch im Wert gehoben, daß auch der Dichter uns keine rationelle zur Verfügimg gestellt hat. In der Sonnenglut Kampaniens und in der verwirrenden Zauberkraft des Weines, der am Vesuv wächst, hat der Dichter ferner andere helfende und mildernde Umstände für die Ausschreitung des Helden herangezogen. Das wichtigste aller erklärenden und entschuldigenden Momente bleibt aber die Leichtigkeit, mit welcher unser Denkvermögen sich zur Annahme eines absurden Inhaltes entschließt, wenn stark affektbetonte Kegungen dabei ihre Befriedigung finden. Es ist erstaunlich und findet meist viel zu geringe Würdigung* wie leicht imd häufig selbst intellige^zstarke Personen unter solchen psychologischen Konstellationen die Reaktionen par- tiellen Schwachsinnes geben, und wer nicht allzu eingebildet ist, mag dies auch beliebig oft an sich selbst beobachten. Und nun erst dann, wenn ein Teil der in Betracht kommenden Denk- vorgänge an unbewußten oder verdrängten Motiven haftete Ich zitiere dabei gern die Worte eines Philosophen, der mir schreibt: „Ich habe auch angefangen, mir selbsterlebte Fälle von frappanten Irrtümern zu notieren, gedankenloser Handlun-


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gen, die man sich nachträglich motiviert (in sehr unvernünftiger Weise). Es ist erschreckend, aber typisch, wieviel Dummheit dabei zu Tage kommt.^^ und nun nehme man dazu, daß der Glaube an Geister und Gespenster und wiederkehrende Seelen, der so viel Anlehnungen in den ^ligionen findet, denen wir alle wenigstens als Kinder angehängt haben, keüieswegs bei allen Gebildeten untergegangen ist, daß so viele sonst Ver- nünftige die Beschäftigung mit dem Spiritismus mit der Ver- nunft vereinbar finden. Ja selbst der nüchtern und ungläubig Gewordene mag mit Beschämung wahrnehmen, wie leicht er sich für einen Moment zum Geisterglauben zurückwendet, wenn Ergriffenheit und Batlosigkeit bei ihm zusammentreffen. Ich weiß von einem Arzt, der einmal eine seiner Patientinnen an der Basedowschen Krankheit verloren hatte und einen leisen Verdacht nicht bannen konnte, daß er durch unvorsichtige Medikation vielleicht zum unglücklichen Ausgange beigetragen habe. Eines Tages, mehrere Jahre später, trat ein Mädchen in sein ärztliches Zimmer, in dem er, trotz alles Sträubens, die Verstorbene erkennen mußte. Er konnte keinen anderen Gedanken fassen als, es sei doch wahr, daß die Toten wieder- kommen können, und sein Schaudern wich erst der Scham, als die Besucherin sich als die Schwester jener an der gleichen Krankheit Verstorbenen vorstellte. Die Basedowsche Krankheit verleiht den von ihr Befallenen eine oft bemerkte, weitgehende Ähnlichkeit der Gesichtszüge, und in diesem Falle war die typische Ähnlichkeit über der schwesterlichen aufgetragen. Der Arzt aber, dem sich dies ereignet, war ich selbst, und darum bin gerade ich nicht geneigt, dem Norbert Hanold die klinische Möglichkeit seines kurzen Wahnes von der ins Leben zurückgekehrten Gradiva zu bestreiten. Daß in ernsten Fällen chronischer Wahnbildung (Paranoia) das Äußerste an geistreich alisgesponnenen und gut vertretenen Absurditäten geleistet wird, ist endlich jedem Psychiater wohlbekannt. —

Nach der ersten Begegnung mit der Gradiva hatte Nor- bert Hanold zuerst in dem einen und dann im anderen der ihm bekannten Speisehäuser Pompejis seinen Wein getrunken, während die anderen Besucher mit der Hauptmahlzeit beschäf- tigt waren. „Selbstverständlich war ihm mit keinem Gedanken


•8 DER WAHN UND DIE TBÄÜME

die widersinnige Annahme in den Sinn gekommenes er tue so, lun zu erfahren, in welchem Gasthof die Gradiva wohne und ihre Mahlzeiten einnehme, aber es ist schwer zu sagen, wel- chen anderen Sinn dies sein Tun sonst hätte haben können. Am Tage nach dem zweiten Beisammensein im Hause des Meleager erlebt er allerlei merkwürdige und scheinbar unzusammenhän- gende Dinge: er findet einen engen Spalt in der Mauer des Portikus, dort, wo die Gradiva verschwunden war, begegnet einem närrischen Eidechsenfänger, der ihn wie einen Bekannten anredet, entdeckt ein drittes, versteckt gelegenes Wirtshaus, den „Albergo del Sole", dessen Besitzer ihm eine grünpati- nierte Metallspange als Fundstück bei den Überresten eines pompe janischen Mädchens aufschwatzt, und wird endlich in seinem eigenen Gasthof auf ein neu angekommenes junges Menschenpaar aufmerksam, welches er als Geschwisterpaar dia- gnostiziert, und dem er seine Sympathie schenkt. Alle diese Eindrücke verweben sich dann zu einem „merkwürdig unsin- nigen" Traum, der folgenden Wortlaut hat:

„Irgendwo in der Sonne sitzt die Gradiva, macht aus einem Grashalm eine Schlinge, um eine Eidechse darin zu fan- gen, und sagt dazu: ,Bitte, halte dich ganz ruhig — die Kolle- gin hat recht, das Mittel ist wirklich gut, und sie hat es mit bestem Erfolge angewendet*."

Gegen diesen Traum wehrt er sich noch im Schlafe mit der Kritik, das sei in der Tat vollständige Verrücktheit, und wirft sich herum, um von ihm loszukommen. Dies gelingt ihm auch mit Beihilfe eines unsichtbaren Vogels, der einen kurzen, lachenden ßuf ausstößt und die Lacerte im Schnabel fortträgt.

Wollen wir den Versuch wagen, auch diesen Traum zu deuten, d. h. ihn durch die latenten Gedanken zu ersetzen, aus deren Entstellung er hervorgegangen sein muß? Er ist so unsinnig, wie man es nur von einem Traume erwarten kann, und diese Absurdität der Träume ist ja die Hauptstütze der Anschauung, welche dem Traum den Charakter eines voll- giltigen psychischen Aktes verweigert und ihn aus einer plan- losen Erregung der psychischen Elemente hervorgehen läßt.


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Wir können auf diesen Traum die Technik anwenden, welche als das reguläre Verfahren der Traumdeutung bezeich- net werden kann. Es besteht darin, sich um den scheinbaren Zusammenhang im manifesten Traum nicht zu bekümmern, sondern jedes Stück des Inhaltes für sich ins Auge zu fassen und in den Eindrücken, Erinnerungen und freien Einfällen des Trämners die Ableitung desselben zu suchen. Da wir aber Hanold nicht examinieren können, werden wir uns mit der Beziehung auf seine Eindrücke zufrieden geben müssen, und nur ganz schüchtern xmsere eigenen Einfälle an die Stelle der seinigen setzen dürfen.

, Jrgendwo in der Sonne sitzt die Gradiva, fängt Eidechsen und spricht dazu'^ — an welchen Eindruck des Tages klingt dieser Teil des Traumes an? Unzweifelhaft an die Begegnung mit dem älteren Herrn, dem Eidechsenfänger, der also im Traum durch die Gradiva ersetzt ist. Der saß oder lag an „einem heiBbesonnten" Abhang und sprach auch Hanold an. Auch die Beden der Gradiva im Traum sind nach der Bede jenes Mannes kopiert. Man vergleiche: „Das vom Kollegen Eimer angegebene Mittel ist wirklich gut, ich habe es schon mehrmals mit bestem Erfolg angewendet. Bitte, halten 8^ sich ganz ruhig — ." Ganz ähnlich spricht die Gradiva im Traum, nur daß der Kollege Eimer durch eine imbenannte Kollegin ersetzt ist; auch ist das „mehrmals^* aus der Bede des 2«oologen im Traume weggeblieben und die Bindung der Sätze etwas geändert worden. Es scheint also, daß dieses Er- lebnis des Tages durch einige Abänderungen imd Entstellimgen zum Traume umgewandelt worden ist. "Warum gerade dieses, und was bedeuten die Entstellungen, der Ersatz des alten Herrn durch die Gradiva und die Einführung der rätselhaften „Kollegin"?

Es gibt eine Begel der Traumdeutung, welche lautet: Eine im Traum gehörte Bede stammt immer von einer im Wachen gehörten oder selbst gehaltenen Bede ab. Nun, diese Begel scheint hier befolgt, die Bede der Gradiva ist nur eine Modifikation der bei Tag gehörten Bede des alten Zoologen. Sine andere Begel der Traumdeutung würde uns sagen, die Ersetzung einer Person durch eine andere oder die VermengUBg


64 DEB WAHN UND DIE TRÄUME

zweier Personen, indem etwa die eine in einer Situation ge- zeigt wird, welche die andere charakterisiert, bedeutet eine Gleichstellung der beiden Personen, eine Übereinstimmung zwi- schen denselben, Wagen wir es, auch diese Hegel duf unseren Traum anzuwenden, so ergäbe sich die Übersetzung: die Gra- diva fängt Eidechsen wie jener Alte, versteht sich auf den Eidechsenfang wie er. Verständlich ist dieses Ergebnis gerade noch nicht, aber wir haben ja noch ein anderes Eätsel vor uns. Auf welchen Eindruck des Tages sollen wir die „Kolle- gin" beziehen, die im Traum den berühmten Zoologen Eimer ersetzt? Wir haben da zum Glück nicht viel Auswahl, es kann nur ein anderes Mädchen als Kollegin gemeint sein, also jene sympathische junge Dame, in der Hanold eine in Ge- sellschaft ihres Bruders reisende Schwester erkannt hatte. „Sie trug eine rote Sorrentiner ßose am Kleid, deren Anblick an etwas im Gedächtnis des aus seiner Stubenecke Hinüber- schauenden rührte, ohne daß er sich darauf besinnen konnte, was es sei." Diese Bemerkung des Dichters gibt uns wohl das Brecht, sie für die „Kollegin" im Traume in Anspruch zu nehmen. Das, was Hanold nicht erinnern konnte, war gewiß nichts anderes als das Wort der vermeintlichen Gradiva, glück- licheren Mädchen bringe man im Frühling Bösen, als sie die weiße Gräberblume von ihm verlangte. In dieser Bede lag aber eine Werbung verborgen. Was mag das nun für ein Eidechsenfang sein, der dieser glücklicheren Kollegin so gut gelungen?

Am nächsten Tage überrascht Hanold das vermeintliche Geschwisterpaar in zärtlicher Umarmung und kann so seinen Irrtum vom Vortage berichtigen. Es ist wirklich ein Liebes- paar, und zwar auf der Hochzeitsreise begriffen, wie wir später erfahren, als die beiden das dritte Beisammensein Hanolds mit der Zoe so unvermutet stören. Wenn wir nun annehmen wollen, daß Hanold, der sie bewußt für Geschwister hält, in seinem Unbewußten sogleich ihre wirkliche Beziehung er- kannt hat, die sich tags darauf so unzweideutig verrät, so ergibt sich allerdings ein guter Sinn für die Bede der Gra- diva im Traume. Die rote Böse wird dann zum Symbol der Liebesbeziehung; Hanold versteht, daß die beiden das sind,


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WOZU er und die Gradiva erst werden sollen, der Eidechsen- fang bekommt die Bedeutung des Männerfanges, und die Bede der Gradiva heißt etwa: Laß mich nur machen, ich verstehe es ebenso gut, mir einen Mann zu gewinnen wie dieses andere Mädchen.

Warum mußte aber dieses Durchschauen der Absichten der Zoe durchaus in der Form der Bede des alten Zoologen im Traume erscheinen? .Warum die Geschicklichkeit Zoes im Männerfang durch die des alten Herrn im Eidechsenfang dar- gestellt werden? Nun, wir haben es leicht, diese Frage zu be- antworten; wir haben längst erraten, daß der Eidechsenfänger kein anderer ist als der Zoologieprofessor Bertgang, Zoes Vater, der ja auch Hanold kennen muß, so daß sich verstehen läßt, daß er Hanold wie einen Bekannten anredet* Nehmen wir von neuem an, daß Hanold im Unbewußten den Pro- fessor gleichfalls sofort erkannt habe, — „Ihm war's dunkel, das Gesicht des Lacerten Jägers sei schon einmal, wahrscheinlich in einem der beiden Gasthöfe, an seinen Augen vorübergegan- gen — ", so erklärt sich die sonderbare Einkleidung des der Zoe beigelegten Vorsatzes. Sie ist die Tochter des Eidechsen- fängers, sie hat diese Geschicklichkeit von ihm.

Die Ersetzung des Eidechsenfängers durch die Gradiva im Trauminhalt ist also die Darstellung für die im Unbewußten erkannte Beziehung der beiden Personen; die Einführung der „Kollegin" an Stelle des Kollegen Eimer gestattet es dem Traum, das Verständnis ihrer .Werbung um den Mann zum Ausdruck zu bringen. Der Traum hat bisher zwei der Er- lebnisse des Tages zu einer Situation zusammengeschweißt, „verdichtet", wie wir sagen, um zwei Einsichten, die nicht bewußt werden durften, einen allerdings sehr unkenntlichen Ausdruck zu verschaffen. Wir können aber weiter gehen, die Sonderbarkeit des Traumes noch mehr verringern und den Ein- fluß auch der anderen Tageserlebnisse auf die Gestaltung des manifesten Traumes nachweisen.

Wir könnten uns unbefriedigt durch die bisherige Auskunft erklären, weshalb gerade die Szene des Eidechsenfanges zum Kern des Traumes gemacht worden ist, und vermuten, daß noch andere Elemente in den Traumgedanken für die Aus- Fr end, D«r W»hn und di« Trftame. 5


66 DEB WAHN UND DIE TRÄUME

zeiclmung der „Eidechse" im manifesten Traum mit ihrem Einfluß eingetreten sind. Es könnte wirklich leicht so sein. Erinnern wir uns, daß Hanold einen Spalt in der Mauer entdeckt hatte, an der Stelle, wo ihm die Gradiva zu ver- schwinden schien, der „immerhin breit genug war, um eine Oestalt von ungewöhnlicher Schlankheit" durchschlüpfen zu lassen. Durch diese Wahrnehmung wurde er bei Tag zu einer Abänderung in seinem Wahn veranlaßt, die Gradiva versinke nicht im Boden, wenn sie seinen Blicken entschwinde, sondern begebe sich auf diesem Wege in ihre Gruft zurück. In seinem unbewußten Denken mochte er sich sagen, er habe jetzt die natürliche Erklärung für das überraschende Verschwinden des Mädchens gefunden. Muß aber nicht das sich durch enge Spalten Zwängen imd das Verschwinden in solchen Spalten an das Benehmen von Lacerten erinnern? Verhält sich die Gradiva dabei nicht selbst wie ein flinkes Eidechslein? Wir meinen also, diese Entdeckung des Spaltes in der Mauer habe mitbestimmend auf die Auswahl des Elementes „Eidechse" für den manifesten Trauminhalt gewirkt, die Eidechsensituation des Traumes ver~ trete ebensowohl diesen Eindruck des Tages wie die Begegnimg mit dem Zoologen, Zoes Vater.

Und wenn wir nun, kühn geworden, versuchen wollten, auch für das eine, noch nicht verwertete Erlebnis des Tages, die Ent- deckung des dritten Albergo „del Sole", eine Vertretung im Trauminhalt zu finden? Der Dichter hat diese Episode so ausführlich behandelt und so vielerlei an sie geknüpft, daß wir uns verwundem müßten, wenn sie allein keinen Beitrag zur Traumbildung abgegeben hätte. Hanold tritt in dieses Wirts- haus, welches ihm wegen seiner abgelegenen Lage und Entfernung vom Bahnhofe unbekannt geblieben war, um sich eine Flasche kohlensauren Wassers gegen seinen Blutandrang geben zu lassen. Der Wirt benützt diese Gelegenheit, um seine Anti- quitäten anzupreisen, und zeigt ihm eine Spange, die angeb- lich jenem pompejanischen Mädchen angehört hatte, das in der Nähe des Forums in inniger ümschlingung mit seinem Geliebten aufgefunden wurde. Hanold, der diese oft wiederholte Erzäh- lung bisher niemals geglaubt, wird jetzt durch eine ihm unbe- kannte Macht genötigt, an die Wahrheit dieser rührenden Ge-


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schichte imd an die Echtheit des Fundstückes zu glauben, er- wirbt die Fibula und verläßt mit seinem Erwerbt. „Daß jemand erst sterben muß, um lebendig zu werden. Aber für die Archäologen ist das wohl notwendig" (G. p. 141), sagt sie noch nachträglich nach der Lösung des .Wahnes, wie um den Schlüssel zu ihren zweideutigen Beden zu geben. Die schönste Anwendung ihrer Symbolik gelingt ihr aber in der Frage : (G. p. 118) „Mir ist's, als hätten wir schon vor zweitausend Jahren einmal so zusammen unser Brot ge- gessen. Kannst du dich nicht darauf besinnen?", in welcher Bede die Ersetzung der Kindheit durch die historische Vorzeit und das Bemühen, die Erinnerung an die erstere zu erwecken, ganz unverkennbar sind.

Woher nun diese auffällige Bevorzugung der zweideutigen Beden in der „Gradiva"? Sie erscheint uns nicht als Zufällig- keit, sondern als notwendige Abfolge aus den Voraussetzungen der Erzählung. Sie ist nichts anderes als das Seitenstück zur zweifachen Determinierung der Symptome, insofern die Beden selbst Symptome sind und wie diese aus Kompromissen zwi- schen Bewußtem und Unbewußtem hervorgehen. Nur daß man den Beden diesen doppelten Ursprung leichter anmerkt als etwa den Handlungen, und wenn es gelingt, was die Schmiegsamkeit des Materials der Bede oftmals ermöglicht, in der nämlichen Fügung von Worten jedem der beiden Bedeabsichten guten Ausdruck zu verschaffen, dann liegt das vor, was wir eine „Zweideutigkeit" heißen.

Während der psychotherapeutischen Behandlung eines Wahnes oder einer analogen Stönmg entwickelt man häufig solche zweideutige Beden beim Kranken, als neue Symptome von flüchtigstem Bestand, und kann auch selbst in die Lage kommen, sich ihrer zu bedienen, wobei man mit dem für das Bewußtsein des Kranken bestinunten Sinn nicht selten das Ver- ständnis für den im Unbewußten giltigen anregt. Ich weiß aus


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Erfahrung, daß diese Bolle der Zweideutigkeit bei den Un- eingeweihten den größten Anstoß zu erregen und die gröbsten Mißverständnisse zu verursachen pflegt, aber der Dichter hatte jedenfalls recht, auch diesen charakteristischen Zug der Vor- gänge bei der Traum- und Wahnbildung in seiner Schöpfung zur Darstellung zu bringen.

IV.

Mit dem Auftreten der Zoe als Arzt erwache bei uns,

  • sagten wir bereits, ein neues Interesse. Wir würden gespannt

sein zu erfahren, ob eine solche Heilung, wie sie von ihr an Hanold vollzogen wird, begreiflich oder überhaupt möglich ist, ob der Dichter die Bedingungen für das Schwinden eines Wahnes ebenso richtig erschaut hat wie die seiner Ent- stehung.

Ohne Zweifel wird uns hier eine Anschauung entgegen- treten, die dem vom Dichter geschilderten Falle solches prin- zipielle Interesse abspricht und kein der Aufklärung bedürf- tiges Problem anerkennt. Dem Hanold bleibe nichts anderes übrig, als seinen Wahn wieder aufzulösen, nachdem das Objekt desselben, die vermeintliche „Gradiva" selbst, ihn der Unrich- tigkeit all seiner Aufstellungen überführe und ihm die natür- lichsten Erklärungen für alles Kiätselhafte, z. B. woher sie seinen Namen wisse, gebe. Damit wäre die Angelegenheit logisch erledigt; da aber das Mädchen ihm in diesem Zusammenhange ihre Liebe gestanden, lasse der Dichter, gewiß zur Befriedigung seiner Leserinnen, die sonst nicht uninteressante Erzählung mit dem gewöhnlichen glücklichen Schluß, der Heirat, enden. Konsequenter und ebenso möglich wäre der andere Schluß gewesen, daß der junge Grelehrte nach der Aufklärung seines Irrtums mit höflichem Danke von der jungen Dame Abschied nehme und die Ablehnung ihrer Liebe damit motiviere, daß er zwar für antike Frauen aus Bronze oder Stein und deren Urbilder, wenn sie dem Verkehr erreichbar wären, ein inten- sives Interesse aufbringen könne, mit einem zeitgenössischen Mädchen aus Fleisch und Bein aber nichts anzufangen wisse. Das archäologische Phantasiestück sei eben vom Dichter recht willkürlich mit einer Liebesgeschichte zusammengekittet worden.


76 DER WAHN UND DIE TRÄUME

Indem wir diese Auffassung als unmöglich abweisen, wer- den wir erst aufmerksam gemacht, daß wir die an Hanold eintretende Veränderung nicht nur in den Verzicht auf den Wahn zu verlegen haben. Gleichzeitig, ja noch vor der Auf- lösung des letzteren, ist das Erwachen des Liebesbedürfnisses bei ihm unverkennbar, das dann wie selbstverständlich in die Werbung um das Mädchen ausläuft, welches ihn von seinem "Wahn befreit hat. Wir haben bereits hervorgehoben, unter welchen Vorwänden und Einkleidungen die Neugierde nach ihrer leiblichen Beschaffenheit, die Eifersucht und der brutale männliche Bemächtigungstrieb sich bei ihm mitten im Wahne äußern, seitdem die verdrängte Liebessehnsucht ihm den ersten Traum eingegeben hat. Nehmen wir als weiteres Zeugnis hinzu, daß am Abend nach der zweiten Unterredung mit der Gradiva ihm zuerst ein lebendes weibliches Wesen sympathisch er- scheint, obwohl er noch seinem früheren Abscheu vor Hoch- zeitsreisenden die Konzession macht, die Sympathische nicht als Neuvermählte zu erkennen. Am nächsten Vormittag aber macht ihn ein Zufall zum Zeugen des Austausches von Zärt- lichkeiten zwischen diesem Mädchen und seinem vermeintUchen Bruder, und da zieht er sich scheu zurück, als hätte er eine heilige Handlung gestört. Der Hohn auf „August und Grete" ist vergessen, der Respekt vor dem Liebesleben bei ihm her- gestellt.

So hat der Dichter die Lösung des Wahnes und das Her- vorbrechen des Liebesbedürfnisses innigst miteinander ver- knüpft, den Ausgang in eine Liebeswerbung als notwendig vor- bereitet. Er kennt das Wesen des Wahnes eben besser als seine Kritiker, er weiß, daß eine Komponente von verliebter Sehnsucht mit einer Komponente des Sträubens zur Entstehung des Wahnes zusammengetreten sind, und er läßt das Mädchen, welches die Heilung unternimmt, die ihr genehme Komponente im Wahne Hanolds herausfühlen. Nur diese Einsicht kann sie bestimmen, sich seiner Behandlung zu widmen, nur die Sicherheit, sich von ihm geliebt zu wissen, sie bewegen, ihm ihre Liebe zu gestehen. Die Behandlung besteht darin, ihm die verdrängten Erinnerungen, die er von innen her nicht freimachen kann, von außen her wiederzugeben; sie würde


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aber keine Wirkung äußern, wenn die Therapeutin dabei nicht auf die Gefühle Eücksicht nehmen, und die Übersetzung des Wahnes nicsht schließlich lauten würde : Sieh', das bedeutet doch alles nur, daß du mich liebst.

Das Verfahren, welches der Dichter seine Zoe zur Heilung des Wahnes bei ihrem Jugendfreunde einschlagen läßt, zeigt eine weitgehende Ähnlichkeit, nein, eine volle Übereinstinunung im Wesen, mit einer therapeutischen Methode, welche Dr. J. Breuer imd der Verfasser im Jahre 1895 in die Medizin ein- geführt haben, und deren Vervollkommnung sich der letztere seitdem gewidmet hat. Diese Behandlungsweise, von Breuer zuerst die „kathartische" genannt, vom Verfasser mit VorKebe als „analytische" bezeichnet, besteht darin, daß man bei den Kranken, die an analogen Störungen wie der Wahn Hanolds leiden, das Unbewußte, unter dessen Verdrängung sie erkrankt sind, gewissermaßen gewaltsam zum Bewußtsein bringt, ganz so wie es die Gradiva mit den verdrängten Erinnerungen an ihre Kinderbeziehungen tut. PreiKch, die Gradiva hat die Er- füllung dieser Aufgabe leichter als der Arzt, sie befindet sich dabei in einer nach mehreren Eichtungen ideal zu nennenden Position. Der Arzt, der seinen Kranken nicht von vornherein durchschaut und nicht als bewußte Erinnerung in sich trägt, was in jenem unbewußt arbeitet, muß eine komplizierte Tech- nik zu Hilfe nehmen, um diesen Nachteil auszugleichen. Er muß es lernen, aus den bewußten Einfällen und Mitteiltmgen des Kranken mit großer Sicherheit auf das Verdrängte in ihm zu schließen, das Unbewußte zu erraten, wo es sich hinter den bewußten Äußerungen und Handlungen des Kranken ver- rät. Er bringt dann Ähnliches zu stände, wie es Norbert Hanold am Ende der Erzählimg selbst versteht, indem er sich den Namen „Gradiva" in „Bertgang" rückübersetzt. Die Störung schwindet dann, während sie auf ihren Ursprung zu- rückgeführt wird; die Analyse bringt auch gleichzeitig die Heilung.

Die Ähnlichkeit zwischen dem Verfahren der Gradiva und der analytischen Methode der Psychotherapie, beschränkt sich aber nicht auf diese beiden Punkte, das Bewußtmachen des Ver- drängten und das Zusammenfallen von Aufklärung und Hei-


78 DEB WAHN UND DIE TBÄUME

liing. Sie erstreckt sich auch auf das, was sich als das We- sentliche der ganzen Veränderung herausstellt, auf die Er- weckung der Grefühle. Jede dem Wahne Hanolds analoge Störung, die wir in der Wissenschaft als Fsychoneurose zu bezeichnen gewohnt sind, hat die Verdrängung eines Stückes des Trieblebens, sagen wir getrost des Sexualtriebes, zur Vor- aussetzung, und bei Jedem Versuch, die unbewußte und ver- drängte Krankheitsursache ins Bewußtsein einzuführen, er- wacht notwendig die betreffende Triebkomponente zu erneutem Kampf mit den sie verdrängenden Mächten, um sich mit ihnen oft unter heftigen Eeaktionserscheinungen zum endlichen Aus- gang abzugleichen. In einem Liebesrezidiv vollzieht sich der Prozeß der Genesung, wenn wir alle die mannigfaltigen Kom- ponenten des Sexualtriebes als „Liebe" zusammenfassen, und dies Bezidiv ist unerläßlich, denn die Sjnnptome, wegen deren die Behandlung untemonunen wurde, sind nichts anderes als Niederschläge früherer Verdrängungs- oder Wiederkehrkämpfe imd können nur von einer neuen Hochflut der nämlichen Leiden- schaften gelöst und weggeschwemmt werden. Jede psycho- analytische Behandlung ist ein Versuch, verdrängte Liebe zu befreien, die in einem Symptom einen kümmerlichen Kompro- mißausweg gefunden hatte. Ja, die Übereinstimmung mit dem vom Dichter geschilderten Heilungsvorgang in der „Gradiva" erreicht ihre Höhe, wenn wir hinzufügen, daß auch in der ana- lytischen Psychotherapie die wiedergeweckte Leidenschaft, sei sie Liebe oder Haß, jedesmal die Person des Arztes zu ihrem Objekte wählt.

Dann setzen freilich die Unterschiede ein, welche den Fall der Gradiva zum Idealfall machen, den die ärztliche Technik nicht erreichen kann. Die Gradiva kann die aus dem Unbe- wußten zum Bewußtsein durchdringende Liebe erwidern, der Arzt kann es nicht; die Gradiva ist selbst das Objekt der früheren, verdrängten Liebe gewesen, ihre Person bietet der be- freiten Liebesstrebung sofort ein begehrenswertes Ziel. Der Arzt ist ein Fremder gewesen und muß trachten, nach der Heilung wieder ein Fremder zu werden; er weiß den Geheilten oft nicht zu raten, wie sie ihre wiedergewonnene Liebesfähig- keit im Leben verwenden können. Mit welchen Auskunfts-


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mitteln und Siirrogaten sich dann der Arzt behilft, um sich dem Vorbild einer Liebesheiltmg, das uns der Dichter ge- zeichnet, mit mehr oder weniger Erfolg zu nähern, das an- zudeuten, würde uns viel zu weit weg von der uns vorliegen- den Aufgabe führen. —

Nun aber die letzte Frage, deren Beantwortung wir be- reits einigemal aus dem Wege gegangen sind. Unsere An- schauungen über die Verdrängung, die Entstehung eines Wahnes und verwandter Störungen, die Bildung und Auflösung von Träumen, die Bolle des Liebeslebens und die Art der Heilung bei solchen Störungen sind ja keineswegs Gemeingut der Wissen- schaft, geschweige denn bequemer Besitz der Gebildeten zu ^nennen. Ist die Einsicht, welche den Dichter befähigt, sein „Phantasiestück" so zu schaffen, daß wir es wie eine reale Ejrankengeschichte zergliedern können, von der Art einer Kennt- nis, so wären wir begierig, die Quellen dieser Kenntnis kennen zu lernen. Einer aus dem Kreise, der, wie eingangs ausge- führt, an den Träumen in der „Gradiva" und deren möglichen Deutung Interesse nahm, wandte sich an den Dichter mit der direkten Anfrage, ob ihm von den so ähnlichen Theorien in der Wissenschaft etwas bekannt worden sei. Der Dichter ant- wortete, wie vorauszusehen war, verneinend und sogar etwas unwirsch. Seine Phantasie habe ihm die „Gradiva" eingegeben, an der er seine Freude gehabt habe; wem sie nicht gefalle, der möge sie eben stehen lassen. Er ahnte nicht, wie sehr sie den Lesern gefallen hatte.

Es ist sehr leicht möglich, daß die Ablehnung des Dich- ters nicht dabei Halt macht. Vielleicht stellt er überhaupt die Kenntnis der Begeln in Abrede, deren Befolgung wir bei ihm nachgewiesen haben, und verleugnet alle die Absichten, die wir in seiner Schöpfung erkannt haben. Ich halte dies nicht für unwahrscheinlich; dann aber sind nur zwei Fälle möglich. Entweder wir haben ein rechtes Zerrbild der Inter- pretation geliefert, indem wir in ein harmloses Kunstwerk Ten- denzen verlegt haben, von denen dessen Schöpfer keine Ahnung hatte, und haben damit wieder einmal bewiesen, wie leicht es ist, das zu finden, was man sucht, und wovon man selbst erfüllt ist, eine Möglichkeit, für die in der Literaturgeschichte


80 DER WAHN UND DIE TRÄUME

die seltsamsten Beispiele verzeichnet sind» Mag nun jeder Leser selbst mit sich einig werden, ob er sich dieser Aufklärung anzuschließen vermag; wir halten natürlich an der anderen, noch erübrigenden Auffassung fest. Wir meinen, daß der Dichter von solchen Regeln und Absichten nichts zu wissen brauche, so daß er sie in gutem Glauben verleugnen könne, und daß wir doch in seiner Dichtung nichts gefunden haben, was nicht in ihr enthalten ist. "Wir schöpfen wahrscheinlich auQ der gleichen Quelle, bearbeiten das nämliche Objekt, ein jeder von uns mit einer anderen Methode, und die Überein- stimmung im Ergebnis scheint dafür zu bürgen, daß beide richtig gearbeitet haben. Unser Verfahren besteht in der be- wußten Beobachtung der abnormen seelischen Vorgänge bei Anderen, um deren Gesetze erraten und aussprechen zu können. Der Dichter geht wohl anders vor; er richtet seine Aufmerksamkeit auf das Unbewußte in seiner eigenen Seele, lauscht den Entwicklungsmöglichkeiten desselben und gestattet ihnen den künstlerischen Ausdruck, anstatt sie mit bewußter Kritik zu unterdrücken. So erfährt er aus sich, was wir bei Anderen erlernen, welchen Gesetzen die Betätigung dieses Un- bewußten folgen muß, aber er braucht diese Gesetze nicht aus- zusprechen, nicht einmal sie klar zu erkennen, sie sind infolge der Duldung seiner Intelligenz in seinen Schöpfungen verkörpert ent- halten. Wir entwickeln diese Gesetze durch Analyse aus sei- nen Dichtungen, wie wir sie aus den Fällen realer Erkrankung herausfinden, aber der Schluß scheint unabweisbar, entweder haben beide, der Dichter wie der Arzt, das Unbewußte in glei- cher Weise mißverstanden, oder wir haben es beide richtig verstanden. Dieser Schluß ist uns sehr wertvoll; um seinet- wegen war es uns der Mühe wert, die Darstellimg der Wahn- bildung und Wahnheilung sowie die Träume in Jensens „Gradiva" mit den Methoden der ärztlichen Psychoanalyse zu untersuchen. —

Wir wären am Ende angelangt. Ein aufmerksamer Leser könnte ims noch mahnen, wir hätten eingangs hingeworfen, Träume seien als erfüllt dargestellte Wünsche, und wären dann den Beweis dafür schuldig geblieben. Nun, wir erwidern, un- sere Ausführungen könnten wohl zeigen, wie ungerechtfertigt.


IN W. JENSENS „GRADIVA- 81

es wäre, die Aufklärungen, die wir über den Traum zu geben biaben, mit der einen Formel, der Traum sei eine Wunscherfül- lung, decken zu wollen. Aber die Behauptung besteht und ist auch für die Träume in der Oradiva leicht zu erweisen. Die latenten Traumgedanken — wir wissen jetzt, was darunter ge- meint ist — können von der mannigfaltigsten Art sein; in der Gradiva sind es „Tagesreste", Oedanken, die ungehört und un- erledigt vom seelischen Treiben des "Wachens übrig gelassen sind. Damit aber aus ihnen ein Traum entstehe, wird die Mitwirkung eines — meist unbewußten — Wunsches erfordert; dieser stellt die Triebkraft für die Traumbildung her, die Tagesreste ge- ben das Material dazu. Im ersten Traume Norbert Hanolds konkurrieren zwei Wünsche miteinander, um den Traum zu schaffen, der eine selbst ein bewußtseinsfähiger, der andere freilich dem Unbewußten angehörig imd aus der Verdrängung wirksam. Der erste wäre der bei jedem Archäologen begreif- liche Wimsch, Augenzeuge jener Katastrophe des Jahres 79 gewesen zu sein. Welches Opfer wäre einem Altertumsforscher wohl zu groß, wenn dieser Wunsch noch anders als auf dem Wege des Traumes zu verwirklichen wäre! Der andere Wunsch imd Traumbildner ist erotischer Natur; dabei zu sein, wenn die Geliebte sich zum Schlafen hinlegt, könnte man ihn in grober oder auch unvollkommener Fassung aussprechen. Er ist es, dessen Ablehnung den Traum zum Angsttraum werden läßt. Minder augenfällig sind vielleicht die treibenden Wünsche des zweiten Traumes, aber wenn wir uns an dessen Übersetzung er- innern, werden wir nicht zögern, sie gleichfalls als erotische anzusprechen. Der Wunsch, von der Geliebten gefangen genom- men zu werden, sich ihr zu fügen und zu unterwerfen, wie er hinter der Situation des Eidechsenfanges konstruiert werden darf, hat eigentlich passiven, masochistischen Charakter. Am nächsten Tage schlägt der Träumer die Geliebte, wie unter der Herrschaft der gegensätzlichen erotischen Strömung. Aber wir müssen hier innehalten, sonst vergessen wir vielleicht wirk- lich, daß" Hanold und die Gradiva nur Geschöpfe des Dich- ters ßind.


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Die „Schriften zur angewandten Seelenkunde^ deren erstes Heft hiemit vor die öffentliclikeit tritt, wenden sich an jenen weiteren Kreis von Gebildeten, die, ohne gerade Philosophen oder Mediziner zu sein, doch die Wissenschaft vom Seelischen des Menschen nach ihrer Bedeutung für das Verständnis und die Vertiefung unseres Lebens zu würdigen wissen. Die Abhand- lungen werden in zwangloser Folge erscheinen und jedesmal eine einzige Arbeit bringen, welche die Anwendung psychologischer Erkenntnisse auf Themata dier Kunst und Literatur, Kultur- und Religionsgeschichte und analoger Gebiete unternimmt. Diese Arbeiten werden bald den Charakter einer exakten Unter- suchung, bald den einer spekulativen Bemühung an sich tra- gen, das eine Mal ein größeres Problem zu umfassen, das andere Mal ein beschränkteres zu durchdringen versuchen; in allen Fällen aber werden sie von der Natur originajer Leistungen sein und es vermeiden, bloßen Referaten oder Kompilationen zu gleichen.

^Der Herausgeber fühlt sich verpflichtet, für die Origina- lität und die allgemeine .Würdigkeit der in dieser Sammlung erscheinenden Aufsätze einzustehen. Im übrigen will er weder die Unabhängigkeit seiner Beiträger antasten, noch für die Äußerungen derselben verantwortlich gemacht werden. Daß die ersten Nummern der Sammlung besondere Rücksicht auf die von ihm selbst in der Wissenschaft vertretenen Lehren neh- men, soll für die Auffassung des Unternehmens nicht bestim- mend werden. Die Sammlung steht vielmehr den Vertretern abweichender Meinungen offen und hofft, der Mannigfaltigkeit von Gesichtspunkten und Prinzipien in der heutigen Wissen- schaft Ausdruck geben zu können.


Der Verlag.


Der Heransgeber.




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