Das Weib bei den Naturvölkern  

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Train wreck at Montparnasse (October 22, 1895) by Studio Lévy and Sons.
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Train wreck at Montparnasse (October 22, 1895) by Studio Lévy and Sons.

Das Weib bei den Naturvölkern[1] (c. 1920) is a book by German anthropologist Ferdinand Freiherr von Reitzenstein. The photos were pirated in The Secret Museum of Anthropology by Esar Levine.

See also

Full text[2]

Full text of "Das weib bei den naturvolkern : eine kulturgeschichte der primitiven frau" See other formats DAfWlIB


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West Virginia University Libraries


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DAS WEIB

BEI DEN

NATURVÖLKERN


Digitized by the Internet Archive

in 2010 with funding from

Lyrasis Members and Sloan Foundation


http://www.archive.org/details/dasweibbeidennatOOreit



Rhodija-Mädchen (Ceylon)


DAS WEIB

BEI DEN

NATURVÖLKERN

Eine Kulturgeschichte der primitiven Frau


von


Ferdinand Freiherr von Reitzenstein

ebem. Vorstand der anthropologischen Abteilung

des Instituts für Sexualwissenschaft, Berlin, und

ehem. Abt.-Vorst. der ethnologischen Abteilung

des Hygiene-Museums, Dresden


Mit über 200 Abbildungen nach Originalphotographien und vielen Textzeichnungen

Neu durchgesehene und erweiterte Auflage


Nh


Verlag Neufeld & Henius • Berlin




Nachdruck auch auszugsweise verboten


Buchdruck: Hansa-Buchdruckerei Bormann & Co., Leipzig Druck der Tafeln: Gebr. Feyl, Berlin Einband: Biblos G. m b. H.. Berlin


INHALTSÜBERSICHT


Vorwort n

Einleitung 15

Kapitel I : Das Weib bei den Naturvölkern

1. ABSCHNITT:

Das Weib in anthropologischer Hinsicht .... 28

a) Geschlechtsmerkmale

b) Anthropologie und Ethnologie der Geschlechts- merkmale

c) Schönheit des Weibes

2. ABSCHNITT:

Das Weib in physiologischer Hinsicht .... 60

a) Entwicklung bis Reife

b) Geschlechtsreife

c) Klimakterium

3 ABSCHNITT:

Körperkultur HO

a) Körperplastik

b) Schmuck und Kleidung


Kapitel II: Stellung des Weibes zu Mann, Kind und Öffentlichkeit

1. ABSCHNITT:

Allgemeine Stellung 155

2. ABSCHNITT:

Geschlechtsverkehr und Ehe 176

a) Das Weib und das Geschlechtsleben

b) Das Weib als Mutter

c) Das Weib im anormalen Verkehr

d) Die Ehe

e) Freier Verkehr

Kapitel III : Das häusliche Leben des Weibes

1 ABSCHNITT:

Mann und Weib 287

2. ABSCHNITT:

Weibliche Tätigkeiten 292

3. ABSCHNITT:

Verhältnis zum Mann 309

Kapitel IV: Geistiges Kulturleben des Weibes

1. ABSCHNITT:

Weib und Aberglaube 312

2. ABSCHNITT:

Weib und Religion 319


3. ABSCHNITT:

Weib und Kunst 321

4. ABSCHNITT:

Weib und Sitte 331

Kapitel V: Stellung des Weibes in Kunst und Dichtung

1. ABSCHNITT:

Die älteste menschliche Kunst 347

2. ABSCHNITT:

Darstellung des Weibes in der Kunst der heutigen 'Naturvölker 356

3. ABSCHNITT:

Darstellung des Weibes in der Literatur

der heutigen Naturvölker 358

Sach- und Namenregister 380


VORWORT


Die Wissenschaft vom Menschen ist wohl — merkwürdigster Weise — eine der jüngsten von allen. Für viele, selbst Hochgebildete, erscheint sie noch immer als ein Zweig der Medizin; ja für manche sogar als ein wenig bearbeitungswertes Gebiet des medizinischen Arbeitsfeldes überhaupt. Das ist derselbe Denkfehler, wie wenn jemand sagen wollte, die Zoologie sei überflüssig, da ja die Tierheil- kunde da sei. Daß heute noch nicht jede Universität mindestens einen Lehrstuhl für die Wissenschaft vom Menschen — die Anthropologie im weitesten Sinne — hat, liegt wohl letzten Endes noch immer in dem Emanzipationskampf der Naturwissenschaften gegen die Bevormundung durch die Theologie. Die Wissen- schaft vom Menschen war immer die verhaßteste Stieftochter der Theologie gewesen, und so erklärt es sich, daß es ihr bisher am allerwenigsten glückte, öffentlich im Kreise ihrer Schwesterwissenschaften zu erscheinen, daß sie über die wenigsten, zu ihrer Bedeutung in absolut gar keinem Verhältnis stehenden Lehrstühle an unseren Hochschulen verfügt. Auch die Revolution hat hier, wie überhaupt auf wissenschaftlichem Gebiete, gar keine Besserung geschaffen. So bleibt denn zunächst der Anthropologie nichts anderes übrig, als vorläufig, bis einmal eine geistige Klärung unseres Volkes eintritt, durch zahlreiche Publika- tionen die Wichtigkeit ihres Arbeitsfeldes zu erweisen. Freilich bedarf sie dazu erst der Abkehr von der messend-statistischen Methode und des Anschlusses an eine morphologisch arbeitende Methode, d. h. eine Methode, die der Tätigkeit der heutigen Zoologie entspricht. Auch diese wäre bei Anwendung einer messend- statistischen Methode auf ein totes Geleise geraten. Von diesem im Bereiche der


Das Weib bei den Naturvölkern 1 11


Das Weib bei den Naturvölkern


Naturwissenschaften liegenden Teil kann dann die Brücke geschlagen werden zur kulturell-völkerkundlichen Betrachtung der Menschheit. Eine ganze Reihe anderer neuerer Wissenschaften, die sich selbständig gemacht haben, strecken dabei der Anthropologie bereits die helfenden Hände entgegen. Dazu gehört die der modernsten Zeit angehörige Sexualwissenschaft, die von biologischen und physio- logischen Momenten ausgehend, den Werdegang des Menschen in seiner ge- schlechtsspezifischen Eigenart festzustellen sucht, also im Mittelpunkt echt anthro- pologischen Denkens steht. Schon längst vor ihrem offiziellen Auftreten hat eine Reihe von Forschern ihre Wege betreten und war so bahnbrechend geworden. Insbesondere war es der Leipziger Arzt Ploß, der durch seine Monographie über das Weib ein Fundamentalwerk schuf, das einen großen Teil der Anthropologie, soweit er sich an das Weib knüpfte, bearbeitete. In gleicher Weise legte er den Grund zur Betrachtung des Kindes. Es ist wohl kein Zufall, daß dieser Ring, das Arbeitsfeld der Anthropologie vom sexualwissenschaftlichen Standpunkte in seine drei Gruppen aufzulösen, noch nicht durch eine Monographie über den Mann geschlossen wurde. Bedeutet das Weib immer nur einen interessanten Aus- schnitt aus der Kulturgeschichte, so wäre eine Monographie des Mannes nahezu die Kulturgeschichte selbst, denn nur in den ersten Phasen kultureller Entwick- lung läuft männliche und weibliche Kultur mehr oder minder gleichartig neben- einander. Schon sehr frühzeitig hingegen überwiegt die Bedeutung des männlichen Momentes, nicht aber, wie die moderne Frauenbewegung so gerne darzutun wünscht, als Folge einer „brutalen Unterdrückung", sondern als eine Entwick- lung, die auf rein physiologischen und psychologischen Momenten aufbaut und diesen Weg nehmen mußte, wenn das Weib nicht seinen natürlichen Zweck, den der Mutter, aufgeben wollte. Bei einem gesunden Volke wird immer eine scharfe Mauer zwischen den beiden Kulturwelten stehen; je geringer diese ist, desto stärker sind auch Degenerationserscheinungen an beiden Geschlechtern zu be- merken. Die einzig berechtigte Frauenbewegung ist immer die, die das Weib zu seiner originalen Kulturwelt, dem Kulturkreis der Mutter, erzieht, ohne daß damit gesagt werden soll, daß das „Mutterwerden" krankhaft gesteigert werden darf. Denn eines ist sicher, so sehr blinde und fanatische Kreise die Beschränkung der Kinderzahl heute noch bekämpfen: die Zukunft muß ihr gehören. Und von dieser Zukunft trennen nur noch wenige Jahrzehnte.


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Das Weib bei den Naturvölkern


Gebärerin der Kinder sowie Verwalterin und Verbesserin des Besitzstandes, das sind so recht die eigentlich weiblichen Seiten der kulturellen Tätigkeit. Wo es von dieser Bahn abweicht, wo es den Mann nachäfft, da sinkt es von seiner Würde und seiner Bedeutung herab und erfüllt seine Mission nicht mehr. Unsere Arbeit zerlegt sich also von selbst in zwei Teile: in die Betrachtung des Weibes als Mutter und als Hausfrau. Die Erkenntnis dieser kommenden Notwendigkeiten zieht an sich die Grenzen für eine Anthropologie, die nach Geschlechtern getrennt ist, sie wird über kurz oder lang auch von selbst den Boden ebnen, aus dem eine brauchbare Monographie des Mannes erwächst, die gerade umgekehrt zur Mono- graphie des Weibes in ihrem ersten Teile monotoner, in ihrem zweiten dagegen um so belebter sein wird. Den Wert dieser Betrachtungen vom sexualwissen- schaftlichen Standpunkt aus hat die moderne Sexualwissenschaft bereits erkannt. Einer ihrer bedeutendsten Vertreter, Iwan Bloch, hat immer und immer wieder darauf hingewiesen, daß die Sexualwissenschaft auf Anthropologie und Ethno- logie aufbauen muß; möge dieses Werk dazu beitragen, daß diese Erkenntnis sich auch auf der anderen Seite, auf der Seite der Anthropologen und Ethnologen Bahn bricht und daß vor allem die große Allgemeinheit unseres Volkes lernt, daß der Mensch nur aus sich zu betrachten ist und daß die „Wissenschaft vom Menschen" zugleich die der Menschen würdigste Wissenschaft ist. Dies gilt be- sonders vom Weibe. Um seine mütterliche Funktion richtig zu fassen, ist die Kenntnis des sexuellen Lebens unbedingt erforderlich, und dazu ist seinerseits eine genaue Betrachtung seiner anatomischen und physiologischen Eigenschaften nötig. Aus seiner Würde als Mutter resultiert aber das Weib als Hausfrau von selbst. So gewinnt für den unbefangenen Betrachter die sexuelle Seite des Weibes eine besondere Wichtigkeit, und es darf also hier der Ausspruch:

„Diese Naturkinder huldigen noch dem vernünftigen Grundsatz: .Naturalia

non sunt turpia' " (Koch-Grünberg) nicht vergessen werden.

Herzlicher Dank sei hier auch allen jenen Instituten ausgesprochen, die in liebens- würdigster Weise das Bildmaterial des Werkes unterstützten; so besonders den Museen für Völkerkunde Berlin und Dresden, dann unserem nun leider als Opfer des Weltkrieges verstorbenen Dr. Neubaus, als früherem Verwalter der Bilder-


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Das Weib bei den Naturvölkern


Sammlung der Anthropologischen Gesellschaft zu Berlin, dem Berliner Kunst- gewerbemuseum usw., speziell aber Herrn Dr. Walter Krickeberg, der mehrmals die Liebenswürdigkeit hatte, für mich Bildermaterial im Berliner Museum für Völkerkunde nachzuprüfen.


Ferdinand

Freiherr von Reitzenstein.


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EINLEITUNG


Die Beziehungen des Mannes zum Weibe sind nicht nur aus rein natürlichen Gründen die ältesten, die wir kennen, sie sind es auch aus archäologischen. Weib und Jagd füllten offenbar den Ideenkreis des primitivsten Menschen, und meist dem Weibe zuliebe legte er den ersten Schmuck an, bestehend in kleinen Muscheln, Schneckenhäusern, Tierzähnen und wahrscheinlich auch bunten Federchen und Fellstückchen. Muscheln, Schnecken und Tierzähne hat uns die Erde da und dort treu bewahrt und uns unzweifelhaft überliefert, daß es Schmuckgegenstände gewesen sind; Fellstückchen und Federchen sind längst dem Zahne der Jahrtausende erlegen, aber wir dürfen sie getrost zum allerältesten Werbegerät des Menschen zählen. Er hat sich mit fremden Federn geschmückt, weil ihm die Natur ein bestimmtes Hochzeitskleid versagt hat, das sie oft mit vollen Händen so vielen Tieren zugeteilt hat. Wer denkt nicht an die Amsel, die im Frühjahr, stolz auf ihren strahlend gelben Schnabel und ihr glänzend schwarzes Hochzeitskleid, die süßesten Melodien flötet? Sie ist bescheiden be- dacht worden. Wie prunkvoll entfaltet dagegen der stolze Pfau sein flimmern- des Rad, der Paradiesvogel seine bauschige Federbrust, der Tragopan seinen blau und roten Kehlsack, der ihn fast als Vogel unkenntlich macht. All das sind ständige oder zeitweise Werbemittel. Selbst der stumme Fisch, die flinke Eidechse und der träge Molch, sie alle ziehen ein hochzeitlich Kleid an, um dem Weibchen zu gefallen und es aufmerksam zu machen; das glänzendste Hochzeitsgewand hat aber sicherlich das Glühwürmchen. Und zu dieser Farben- und Formen- pracht kommen noch Töne, Geräusche und Gerüche, die ihre Wirkung auf das meist recht bescheiden ausgestattete Weibchen nicht verfehlen. Von all dieser


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Das Weib bei den Naturvölkern


Pracht hat der Mensch von Natur aus nichts mitbekommen; aber doch hat Mutter Natur ein weitaus stärkeres Mittel in ihn gelegt: das Verlangen nach Schmuck, und die Sonderentwicklung des Menschen gibt ihm die Möglichkeit, dieses Verlangen zu erfüllen. Je höher der Mensch steht, desto feiner werden die Anziehungsmittel sein; eines aber bleibt stets: das Benutzen des Schmuckes. Schon der Naturmensch widmet seiner Herstellung einen beträchtlichen Teil seiner Zeit, und beim Kulturmenschen geben sich eigene Industriezweige damit ab. So darf man wohl zu allen Zeiten von einem mehr oder weniger feinen Kulte des Weibes sprechen, einem Kult, der gleichsam den ganzen Werdegang der Menschheit gedrückt und zugleich gehoben hat, der zwischen derber momen- taner Forderung einerseits und vornehmem Verlangen nach dauerndem Besitz andererseits hin und her schwingt. So erscheint es denn sehr berechtigt, dem Weibe eine Monographie zu widmen, und das um so mehr, als das Weib einen wenn auch kleinen, so doch speziellen Kulturkreis um sich gebildet hat. Würde eine Monographie des Mannes und seiner Tätigkeit sich im wesentlichen mit einer Kulturgeschichte überhaupt decken, so stellt die dem Weibe spezifische Kultur einen eigenen, wenn auch kleinsten Ast dieser Entwicklung dar. Naturgemäß nehmen jene Gebiete, die sich auf Liebe, Geschlecinsverkehr , Geburt und Mutter- schaft des Weibes beziehen, die meisten Zweige dieses Astes in Anspruch. Wo sich das Weib davon zu emanzipieren sucht und dem Manne nachahmt, hört seine eigentümliche Kulturwelt auf und sein Lebensbild wird zur Karikatur. Schon die ältesten Zeiten haben solche Karikaturen gezeichnet, allerdings hier gar oft, weil die Verhältnisse dazu drängten. Damit ist eigentlich das, was wir hier behandeln wollen, deutlich umschrieben.

In folgenden Zeilen soll also das Weib bei den Naturvölkern seine Behandlung finden. Das Wort Naturvölker bedarf einer Erklärung. Im vollen Sinne des Wortes genommen, gibt es keine Naturvölker mehr. Alle heutigen Stämme haben wenigstens etwas Kultur erworben und fast alle stehen in einer gewissen Wechsel- beziehung zu den benachbarten Kulturvölkern. Wenn man also von Natur- völkern spricht, so versteht man darunter Stämme, die auf einer gewissen primitiven Kulturstufe stehengeblieben sind oder sie doch nur sehr langsam weiter entwickeln. Eine absolute Grenze ist also nicht zu ziehen. Mit Erfolg hat man daher jene Völker, die gewisse Gebiete des täglichen Lebens auf die Höhe


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Das Weib bei den Naturvölkern


von Kulturvölkern gebracht, während sie andere Zweige nicht gefördert haben, als Halbkulturvölker bezeichnet. Dazu gehören besonders die Nomadenvölker Zentralasiens, die man eben wegen Mangels der Seßhaftigkeit nicht zu den eigentlichen Kulturvölkern rechnen kann. Ähnlich verhält es sich mit Indonesien; hier haben wir im allgemeinen eine ziemlich entwickelte Halbkultur, unter der nur einzelne Stämme zurückgeblieben sind. Noch schwieriger ist die Scheidung in Indien. Man darf sagen, daß sie hier überhaupt nicht zu vollziehen ist, um so mehr, als einige südindische Stämme unbedingt zur Stufe der Halbkultur- völker zu rechnen sind, in einer Betrachtung der Naturvölker aber deshalb nicht umgangen werden können, weil sie eine Reihe ganz primitiver Sitten und Ge- bräuche erhalten haben. Man wird solche Stämme also jeweilig bei Natur- und Halbkulturvölkern zu behandeln haben, ohne ihnen einen bestimmten Platz anweisen zu können. Selbstverständlich erscheint es nötig, da und dort auch Momente aus dem Leben von Kulturvölkern heranzuziehen, die in primitiven Anschauungen wurzeln und wie mächtige Bindeglieder die Kultur- und Natur- stufe der Menschheit verbinden. Wie gar oft denkt unser Volk um kein Haar anders als ein Naturstamm, und was wir manclomal für ein Zeichen der Schick- lichkeit halten und es zum guten Ton rechnen, ist nichts anderes als ein Rest tiefsten Aberglaubens einer grauen Vorzeit. Auch viele unserer Gebräuche, unserer Feste wurzeln in jener Zeit, in der unsere Vorfahren noch auf der Stufe eines Naturvolkes standen. Selbst innerhalb der Kulturvölker muß ein Unter- schied gemacht werden zwischen den rein nationalen Kulturen und der inter- nationalen europäischen Hochkultur, die sich im 19. Jahrhundert leider auch über die übrige Welt zu verbreiten anfing. Diese gemeineuropäische Kultur liegt aber über den einzelnen Völkern doch nur wie eine ganz dünne Schicht und kann leicht abgehoben werden. Sie trägt im wesentlichen christliches Gepräge und wird von einer einseitigen Technik getragen. So wirkt die europäische Hochkultur überall dort auflösend, wo nationale Kulturen bestehen. Naturvölkern gegen- über wird es ihr auch nie gelingen, wirkliche Kultur zu verbreiten. Diese werden vielmehr stets zu welken beginnen, wo sie auch nur der Hauch dieser einseitigen Kulturwelt trifft. In wenigen Jahrzehnten hat sie es vermocht, ganze große Völker zum vollständigen Untergang zu bringen, weil sie eben im wesentlichen nur äußere Werte zu spenden hat und bei ihrer Unduldsamkeit zu viel und zu


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Das Weib bei den Naturvölkern


rasch nimmt, ohne zu geben. Greifen wir ein recht naheliegendes Beispiel heraus, den deutschen Osten. Deutschland wirkt kolonisierend, solange es eine wirkliche, echte, große Kultur verbreitete. Heute liegt die Kolonisationsarbeit einzig und allein in den Händen von offiziellen Vertretern der europäischen Hochkultur mit deutschem Anstrich, und diese richtet gegen das Polentum, das immerhin eine wahre nationale Kultur bewahrt hat, nichts aus, obwohl diese keine besonders hohe ist. Dasselbe gilt für die deutsch-italienische Grenze. Um wieviel stärker aber ist diese zersetzende Wirkung Naturvölkern gegenüber. Auch das muß für unsere Scheidung in Betracht gezogen werden. Hatte z. B. ein Naturvolk irgend- eine Technik, sei es etwa heimische Weberei, gut entwickelt, dann kommt die billige, kunstlose europäische Fabrikware, die natürlich die heimischen Erzeug- nisse zurückdrängt und die heimische Industrie vernichtet, so daß ihre bisherigen Verfertiger sie verlernen. Geht dann etwa die europäische Besiedlung zurück, dann ist das Naturvolk eben um so und so viele kulturelle Werte ärmer, ohne Ersatz dafür erhalten zu haben. Zumeist sind die Verbreiter der europäischen Scheinkultur dann auch noch ganz ungebildete Handelsleute, denen es nur darum zu tun ist, ihren Geldbeutel zu füllen, und gegen die leider die Regierungen nicht vorgehen wollen. So schließt Koch-Grünberg sein prächtiges Werk „Zwei Jahre unter den Indianern" mit folgenden Worten: „Kaum fünf Jahre sind ver- gangen, seit ich am Caiary-Uaupes weilte. Wer heute dorthin kommt, wird mein Idyll nicht mehr finden. — Der Pesthauch einer Pseudozivilisation geht über die rechtlosen braunen Leute hin. Wie alles vernichtende Heuschrecken- schwärme dringen die entmenschten Scharen der Kautschuksammler immer weiter vor. Schon haben sich die Columbianer an der Mündung des Cuduiary fest- gesetzt und führen meine Freunde weit weg in die todbringenden Kautschuk- wälder. Rohe Gewalttaten, Mißhandlungen, Totschlag sind an der Tagesord- nung. Am unteren Caiary machen es die Brasilianer nicht besser. Die Dorf- plätze veröden, die Häuser fallen in Asche, und von den Pflanzungen, die der pflegenden Hände entbehren, nimmt der Urwald wieder Besitz. So wird eine kraftvolle Rasse, ein Volk mit prächtigen Anlagen des Geistes und Gemütes vernichtet. Ein entwicklungsfähiges Menschenmaterial wird durch die Brutali- täten dieser modernen Kulturbarbaren zugrunde gerichtet." Man sage nicht, das sei Abschaum aus Europa, denn dazu hat Europa kein Recht, solange es nicht


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Abb. 1. Weibliche Geschlechtsorgane.


Nach Corning.






Abb. 2. Eierstock eines 19 jährigen Mädchens, das acht Tage nach der Menstruation starb. In der Abb. 3.

Mitte dutchschnitten ein corpus luteum sichtbar, Schnitt durch den Eierstock eines jungen

darum mehrere Graafsche Follikel. Weibes, in voller geschlechtlicher Reife.


Nach Kollmann.


Nach Kollmann.


19







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Abb. 4. Reifender Follikel aus dem Ovarium einer 20 jährigen Frau.

Nach Dr. Lindemann.



Abb. 5. Graafscher Follikel mit seinen drei Schichten (von außen): tunica externa, tunica interna und membranagranulosa, an der das Ei sitzt.

Nach Dr. Lindemann.



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Abb. 6. Granulosa-Luteinzellen.

a) (rechts unten): Theca interna mit ihren in die Luteinmembra eindringenden Gewebssprossen.

b) (links oben): ein keilartiger Blutfibrinrest vom Zentrum des Corp. lut. Auch von hier sieht man Bindegewebe in die Luteinmembra ein- dringen, welches sich mit demjenigen der Theca interna vereinigt.

c) Luteinmembra mit ihren charakteristischen Zellen (Granulosa-Luteinzellen).

Nach Dr. Lindemann.


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Abb. 7. Lage eines Kindes im Mutterleib, kurz vor der Geburt. Unten Becken, darin Kopf des Kindes, links neben der Wirbelsäule der Mutter die Wirbelsäule des Kindes.

Röntgenbild nach Warnekros Atlas.


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Abb. 8. Kind während der Geburt.

Der Kopf ist bereits aus der Scheide ausgetreten. Die Wirbelsäule des Kindes liegt über der Wirbelsäule der Mutter.

Röntgenbild nach Warnekros Atlas.


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Abb. 9. Campo-Indianerin. Chanchamayo, Peru.

Museum f. Völkerkunde. Dresden.


Abb. 10. Faismädchen.


Nach Kultz.



Abb. 11. Lappenmädchen.

Phot. C. Günther. Berlin.


Abb. 12. Nordost- Afrikanerin.

23



Nach Parkinson.


Abb. 13. Mädchen aus Nord-Neumecklenburg.




Abb. 14. Hottentottin.

Anthrop. Ges., Berlin.

24


Abb. 15. Abb. 16.

Chamacocco-Lelechawa, Chamacocco-Indianer-

2 5 — 30 Jahre. mädchen. Aonei, 18 Jahre.



Abb. 17. Hereromädchen zur Zeit der Reife.


Originalaufnahme von Speer in Auss.


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Das Weib bei den Naturvölkern


ernstlich dagegen einschreitet. Es sind die Pioniere der offiziellen bei uns zur Zeit gültigen Hochkultur, bei der dem wahren Volkselemente und den Naturvölkern gegenüber nur der geschäftliche und politische Momentanerfolg maßgebend ist. Noch schlimmer ist dies Verhältnis in religiöser und sozialer Hinsicht. Hier drängt man den Naturvölkern das Christentum, europäische Sitten und Ge- pflogenheiten, europäisches Recht und ähnliches auf, ohne im geringsten danach zu fragen, ob diese Dinge auch für die bedauernswerten Betroffenen passen. Man fordert Monogamie, ohne daß der Lauf der Jahrhunderte erst ein richtiges Liebesleben und eine freie Geistesbildung gezeitigt hätten, die allein Träger der Monogamie sein können. Um aber ja die unchristliche Polygamie zu verdrängen, duldet man lieber den Einzug der Prostitution bei den Naturvölkern, jener Schöpfung der europäischen Gesetzgebung. In ihrem Gefolge ziehen dann die verheerenden Geschlechtskrankheiten ein, denen die Naturvölker erschreckend rasch erliegen. Man zwingt ihnen Kleidung auf, weil das Christentum den nackten Körper unanständig findet, ohne zu bedenken, daß der ganze Organis- mus dieser Stämme nicht darauf berechnet ist. Erkältungen und Lungenerkran- kungen sind die Folgen davon. Es ist ebenso verkehrt, als wenn man von uns Europäern verlangen wollte, plötzlich im Winter nackt zu laufen. Dem euro- päischen Handel und der Industrie zuliebe bringt man ihnen Alkohol, der in den Tropen furchtbar wirkt, um so mehr, als diese Völker nicht in langsamer Entwicklung daran gewöhnt wurden. Man nimmt ihnen ihre häusliche Tätigkeit, die sie beschäftigte, und gibt ihnen europäische Schunderzeugnisse und Waffen, und wenn sie dann nichts mehr zu tun haben und zu verkommenen Menschen werden, heißt man sie träge und faul und will sie mit Knute und Stock zu europäischer Beschäftigung zwingen, ohne daran zu denken, daß diese ein jahr- hundertelanges Einleben voraussetzt. So darf man heute schon sagen, daß die Zeit gar nicht mehr allzu fern ist, wo die sogenannten Naturvölker alle Europas übertünchter Scheinkultur zum Opfer gefallen oder zu Wegelagerern und Diebs- gesindel geworden sind. Schon deshalb haben wir alle Darstellungen, die sich mit Naturvölkern beschäftigen, zu begrüßen. Von diesem Standpunkte aus mögen die folgenden Zeilen betrachtet werden.


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KAPITEL I

Das Weib bei den Naturvölkern

1. ABSCHNITT

Das Weib in anthropologischer Hinsicht

Wollen wir die allgemeine Erscheinung des Weibes bei den Naturvölkern würdigen, so müssen wir vor allem darauf Rücksicht nehmen, daß sich bei Naturvölkern das Leben nicht so glatt vollzieht wie bei uns Kulturmenschen. Gar viele Stämme sind in unwirtliche Gegenden gedrängt, in denen die Er- nährungsmittel an sich unzulängliche sind, so daß die körperliche Erscheinung sich nicht frei entfalten kann. Wieder andere Stämme leben in Bezirken, die zeit- weise Überschuß an Nahrung gewähren, zeitweise aber auch ebensoviel davon entbehren lassen. Hier bedingt die Unregelmäßigkeit der Ernährung ebenfalls eine minderwertige Entwicklung. Ferner ist zu bedenken, daß gar häufig die soziale Stellung des Weibes eine recht tiefe ist, daß ihm schwere, oft allzu schwere Arbeit aufgebürdet wird, die den Körper rasch dahinwelken läßt. Dieser schnelle Verfall wird durch die Mutterpflichten noch beschleunigt, denn bei Naturvölkern währen die Verpflichtungen der Mutter gegen die Kinder länger (Säugezeit oft 4 bis y, ja bis zu 15 Jahren). So geschieht es, daß wir gar oft über sehr schöne Körperbildungen, besonders von jungen Mädchen, bei Naturvölkern erfreut sind, während wir bei den gleichen Stämmen wieder Frauen treffen, die wir als sehr häßlich bezeichnen. Freilich kommt dazu, daß wir uns gar zu oft von unserem europäiscloen Schönheitsideal leiten lassen und so der Allgemein- beurteilung unseren Schönheitsbegriff unterschieben. Zweifelsohne sind aber Typen, die eine Formenwelt zeigen, die sonst dem Alter angehört, oder solche, die hochgradig der männlichen Erscheinung sich nähern, für den äußeren Ein- druck des Weibes unschön und uncharakteristisch. Es ist daher zunächst von Interesse, jene die beiden Geschlechter unterscheidenden Merkmale ins Auge zu


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Das Weib bei den Naturvölkern


fassen. Man unterschied dabei bisher die primären Geschlechtsmerkmale, d. h. jene, die sich an die Geschlechtsteile, und die sekundären oder solche, die an die übrigen Körperteile oder Extremitäten anknüpfen. Bei den primären Geschlechts- merkmalen ist der Unterschied vom Manne klar; wir interessieren uns daher hier nur soweit dafür, daß sie für Rassen und Altersstufen usw. charakteristisch sind, möchten aber die Einteilung unsern modernen Auffassungen anpassen und zer- legen dementsprechend die Geschlechtsmerkmale des Menschen in fünf Gruppen: /. Die grundlegenden Geschlechtsmerkmale, die ihren Namen daher haben, daß sie bestimmend für das Geschlecht des betreffenden Menschen sind, denn sie produzieren Samen und Ei. Männlich ist, was Samenfädchen abgibt, weiblich, was Eichen ablöst. Hoden und Eierstöcke sind also grundlegende Geschlechts- merkmale. An diese Organe schließen sich dann z. die wesentlichen Geschlechts- merkmale an. Sie sind für die normale Entwicklung des betreffenden Geschlech- tes notwendig, denn sie umfassen die Leitungsorgane für die Geschlechtsprodukte (Eileiter, Samenleiter), dann eine Reihe wichtiger Geschlechtsdrüsen, die man auch akzessorische Drüsen (von lat. accedere: hinzutreten) nennt. Es sind dies die Neben- und Beihoden, die Neben- und Beieierstöcke, die Bulbourethraldrüsen, die Samenbläschen, die Prostata, die Littreschen und Skeneschen Drüsen. Weiter- hin die Beiwohnungs- oder Kopulationsorgane (von lat. copulatio: Befruchtung), also das männliche Glied und der weibliche Scheidenvorhof mit der Scheide (Vagina). Zu ihnen tritt noch als Fruchtträger die Gebärmutter oder Uterus; beim Manne gibt es noch ein verkümmertes Organ, das Webersche Organ oder den Sinus prostaticus, welcher der weiblichen Scheide entspricht. Vgl. hier Abb. i. Die nächste Gruppe sind j. die begleitenden Geschlechtsmerkmale. Sie sind für die Zeugung und das Werden der Frucht nicht direkt notwendig, aber sie sind charakteristisch für die normale Ausbildung der beiden Geschlechter. Man hat sie früher auch sekundäre Geschlechtsmerkmale genannt. Diese Merkmale, die so recht die Verschiedenheit von Mann und Weib bestimmen, sind ungemein zahlreich. Wir können nur die wichtigsten herausgreifen. Die Körpergröße des Weibes ist allgemein geringer als die des Mannes; ein weibliches Wesen ist durch- schnittlich 10 cm kleiner. Dementsprechend sind die Extremitäten beim Manne größer und die Beinstellung des Weibes neigt mehr zu O-Beinen. Auch die Knochen sind beim Weibe zarter gebaut als beim Manne. Der Schädel des


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Das Weib bei den Naturvölkern


Mannes ist absolut größer als der des Weibes. Der durchschnittliche Rauminhalt des männlichen Schädels beträgt 1500 ccm, der des Weibes nur 1300 ccm. Da- gegen ist das weibliche Becken weiter und ausladender angelegt. Sehr wichtig sind die Unterschiede am Kehlkopf. Er bleibt beim Weibe auf einer kindlichen Stufe stehen, während beim Manne zur Zeit der Geschlechtsreife die Stimmritze auf das Doppelte wächst und so der sogenannte Adamsapfel entsteht. Da damit auch die Stimmbänder wachsen, tritt die sogenannte Mutation der Stimme ein, so daß die weibliche Stimme eine Oktave höher bleibt als die des Mannes. Die Muskulatur des Weibes ist schwächer, und bei gleichem Körpergewicht besitzt das Weib etwa 10 kg weniger Muskelmasse als der Mann. Umgekehrt lagert sich beim Weibe mehr Fett ab. Die Hinterbacken, Oberschenkel, Brustdrüsen und der Venusberg werden so rundlicher geformt als beim Manne. Auch die Nerven- masse des Weibes ist größer als die des Mannes. Besonders besitzt das Weib mehr Hautnerven, hat also einen feineren Tast- und Drucksinn. Die Schmerzempfind- lichkeit ist dagegen beim Manne größer. Die Haut des Weibes ist glatter und gespannter, zarter und durchscheinender, während die des Mannes pigmentreicher ist, d. h. mehr Hautfarbstoffe besitzt. Sehr wesentlich ist, daß der Hautgeruch des Weibes von ganz anderer Art ist wie der des Mannes, worauf wir später zurückkommen. Sehr charakteristisch für beide Geschlechter ist aber die Be- haarung. Das weibliche Einzelhaar ist weidier und dünner, das Kopfhaar länger als das des Mannes. Besonders interessant ist aber, daß das neugeborene Mädchen eine Wollbehaarung (Lanugo, von lat. lana: Wolle) zeigt, die dem neugeborenen Knaben fehlt. Dieser besitzt dagegen eine kürzere oder längere Behaarung, die später verschwindet und zur Zeit der Pubertät (Geschlechtsreife) wieder auftritt. Mit dieser beginnt das Terminalhaarkleid (von lat. terminus: Grenze = am Ende auftretend, also Altershaarkleid) oder Fellhaarkleid zu wachsen, und damit zugleich die Geschlechtsunterschiede. Die Fellhaare sprießen beim Mädchen zuerst am Venusberg, später in den Achselhöhlen, beim Knaben über den Geschlechts- teilen, dann aber gleichzeitig in den Achselhöhlen, an der Oberlippe, an Kinn, Wange, Brust, Unterleib, manchmal auch am Rücken. Im fortgeschrittenen Alter tritt schließlich auch an den übrigen Körperstellen mehr oder weniger Behaarung auf, niemals aber an Hand- und Fußflächen. Das Kopfhaar ist beim Manne von kürzerer Lebensdauer als beim Weibe, wo man von einem Dauerwachstum


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Das Weib bei den Naturvölkern


sprechen kann. So kann man sagen, daß der Mann das Wollhaarkleid beseitigt und das Fellhaarkleid fördert, während das Weib das "Wollhaarkleid teilweise behält. In der Behaarung der Geschlechtsgegend ist aber auch ein charakte- ristischer Unterschied zu verzeichnen. Beim Weibe erscheint sie als ein Dreieck, dessen obere Seite geradlinig oder sogar nach unten gebogen abschneidet, während beim Manne die Biegung nach oben ausladet, ja die Haare sogar manchmal in Form einer Spitze gegen den Nabel verlaufen. Der Damm (Gegend zwischen Geschlechtsteilen und After) ist beim Manne behaart, beim Weibe nicht. Weiter- hin ist die weibliche Blase größer; das Weib kann daher den Urin länger halten als der Mann. Die Brustdrüsen formen sich beim Weibe rundlich hervorstehend durch Einpolsterung von Fett. Mit der Schwangerschaft entwickeln sich darin die Drüsenschläuche. Die Schilddrüse des Weibes ist kräftiger entwickelt und von größerer Bedeutung als beim Manne, dafür auch öfter Erkrankungen unter- worfen. Mit der Schwangerschaft vergrößert sich beim Weibe auch der Hirn- anhang bedeutend über den des Mannes. Sehr verschieden ist die Atmung beider Geschlechter. Das Weib atmet mehr mit der Brustmuskulatur (kostal), der Mann mehr mit den Bauchmuskeln (abdominal). Die Atemzüge des Weibes sind außer- dem häufiger als die des Mannes. Die Zahl der roten Blutkörperchen des Weibes ist geringer und ebenso der Hämoglobingehalt. Auch der Blutdruck ist beim Weibe geringer; man zählt beim Manne durchschnittlich 72 Pulsschläge, beim Weibe 80 in der Minute. Das Frauenherz wiegt außerdem weniger als das des Mannes. Der Geruchsinn des Mannes ist besser entwickelt, während umgekehrt dasselbe vom Geschmackssinn beim Weibe gilt. Auch die seelischen Unterschiede sind bedeutend, vor allem rufen äußere Eindrücke beim Weibe leichter stärkere Gemütsbewegungen hervor als beim Manne.

Es entsteht nun die Frage: Was ist die Ursache dieser Verschiedenheiten? Dies erfahren wir durch die Betrachtung von: 4. Die beeinflussenden Geschlechts- merkmale (die Drüsen der inneren Sekretion). Froschmännchen bekommen be- kanntlich an den Daumen ihrer Vorderfüße, wenn sie brünstig werden, Schwie- len, die sie zum Umklammern der Weibchen bei der Begattung benötigen. Nuß- baum kastrierte nun Froschmännchen, und die Daumenschwielen blieben aus. Er spritzte nun diesen kastrierten Froschmännchen Hodenbrei von anderen Froschmännchen ein, und sofort bildeten sie wieder Daumenschwielen; also geht


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von den Hoden etwas aus, das die Bildung der Schwielen verursacht. Hier knüpfte nun Steinach an. Er spritzte kastrierten Froschmännchen, die weder Schwielen noch Umklammerungstrieb besaßen, Hodenbrei von brünstigen Frosch- männchen ein; bald darauf trat beides ein. Der Umklammerungsreflex mußte aber selbstverständlich durch das Nervensystem hervorgerufen werden; es be- durfte also des Nachweises, wodurch dieses zur Auslösung des Reflexes veranlaßt wurde. Steinach nahm an, daß das Gehirn beeinflußt sei und spritzte daher kastrierten Froschmännchen einen Brei aus dem Gehirn und dem Rückenmark von brünstigen Fröschen ein. Folgerichtig wurde der Umklammerungsreflex aus- gelöst. Dies geschah aber nicht, wenn er Hirnbrei von nicht brünstigen Fröschen wählte. Dadurch war bewiesen, daß durch einen bestimmten Stoff, der den Hoden entstammte, das Gehirn in seiner Wirkung verändert, daß es im ge- schlechtlichen Sinne beeinflußt wird. Diesen rein chemischen Vorgang nennt Steinach die „chemische Erotisierung". Nun kastrierte Steinach sehr junge (etwa 3 bis 6 Wochen alte) Rattenmännchen. Es zeigte sich, daß alle jene Merkmale, die mit dem Wesen eines männlichen Tieres zusammenhängen, unentwickelt blieben; sie blieben auf „kindlicher" Stufe stehen. Nähte er nun solch kastrierten Rattenmännchen an irgendeiner Körperstelle Hoden ein, so erfolgte die Entwick- lung ganz normal; aber nur dann, wenn diese Hoden angewachsen waren. Untersuchte man jetzt solche angewachsenen Hoden, so fand sich, daß die Samen- kanälchen verkümmert, die Zwischenzellen aber stark ausgebildet waren. Damit war erwiesen, daß in allererster Linie diese Zwischenzellen den Stoff absondern, durch den sowohl die Ausbildung der begleitenden Geschlechtsmerkmale als auch die chemische Erotisierung erfolgte. Da von dieser Absonderung vor allem auch die Pubertät oder Geschlechtsreife abhängt, so bezeichnete Steinach diese Zwischenzellen auch als „Pubertätsdrüse". Ganz ähnlich — allerdings viel kom- plizierter — konnte der Vorgang im weiblichen Sinne bei den Eierstöcken nach- gewiesen werden. Nun war die Frage wichtig, ob es gleich sei, wenn man Hoden oder Eierstöcke einnäht. Da zeigte sich nun interessanterweise, daß durch Ein- nähen von Eierstöcken bei kastrierten Männchen dessen männliche Geschlechts- teile nicht entwickelt werden, und daß das Umgekehrte beim Weibe der Fall ist. Also enthalten Hoden und Eierstöcke vielleicht verschiedene Stoffe oder eventuell verschiedene Dosierungen; jedenfalls regen die Hoden die Entwicklung


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ßthilddrüs


TAytnur

BrustUrus.


t /ebennlere -Niere


9 Bierstock\ 9 <j*b<jrmt<\


  • Prostat


t Hoden •



Barthol. Drüs . $


Zeichn. I. Lage der Drüsen mit innerer Sekretion.


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der männlichen Eigenschaften, die Eierstöcke die der weiblichen Eigenschaften an und beide wirken im entgegengesetzten Geschlecht hemmend. Bei Männchen mit eingenähten Eierstöcken entwickelten sich außerdem die begleitenden Ge- schlechtsmerkmale mehr weiblich, bei Weibchen mit eingenähten Hoden dagegen mehr männlich. Ja, die Männchen, denen Eierstöcke eingenäht waren, entwickel- ten genau dieselbe Brustdrüse wie normale Weibchen und stillten die Jungen besser als diese. Solche abgesonderte Stoffe nennt man Sekrete der inneren Sekre- tion oder Reizstoffe (Hormone).

Der Mensch besitzt aber noch mehrere solcher Drüsen, die wir noch kurz be- trachten wollen. Zunächst unterscheidet man Drüsen mit einem Ausgangskanal nach außen; sie geben ihre Sekrete nach außen ab, so die Speicheldrüse, die Galle, die Schweißdrüsen. Es gibt aber auch Drüsen, die diesen Ausführungsgang nicht besitzen; sie geben ihre Sekrete nach innen, also direkt ins Blut ab. Man nennt sie daher Blutdrüsen oder Drüsen der inneren Sekretion (Zeichn. I). Hoden und Eierstöcke tun beides. Durch Samen- und Eileiter geben sie ihre äußeren Sekrete nach außen ab, ihre inneren Sekrete aber gehen direkt in den Blutumlauf. Alle diese Drüsen sind für den menschlichen Organismus von höchster Wichtigkeit, denn sie regeln alle Vorgänge mehr oder minder, beeinflussen unser Wachstum, den Blutumlauf, die Ausbildung der verschiedensten Körpermerkmale, unser geistiges Leben, unseren Gemütszustand. Ob wir heiter oder traurig gestimmt sind, ob wir in Wut geraten, ob wir Liebe oder Abneigung empfinden, ob unser Geschlechtsleben normal oder anormal verläuft, ist von diesen Drüsen abhängig. Uns interessiert nun zunächst, daß ein Teil dieser Drüsen der Entwicklung des Geschlechtslebens entgegenwirkt, der andere Teil dieses aber fördert. Da steht an erster Stelle die Thymus- oder Brieseldrüse. Sie liegt auf der Brust unter dem Brustbein, ist bei den Kindern stark entwickelt und bildet sich vom 10. Lebens- jahr ab zurück. Sie hemmt die Entwicklung der Geschlechtsorgane und beherrscht so die Zeit des Keimschlafes des Kindes, d. h. jene Periode, die bereits in den ersten Monaten des Embryo (der Frucht im Mutterleibe) beginnt und bis zum Beginn der Geschlechtsreife andauert. In ähnlichem Sinne wirken neben ihr zu- nächst zwei Drüsen an der Unterseite des Gehirnes, die Hypophyse (von griech. hypo: unten und physis: Wachstum) und die ihr benachbarte Epiphyse. Die Hypophyse oder der Hirnanhang besteht aus einem hinteren und einem vorderen


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Abb. 21. Kreuzbeinraute bei einer Mulattin.


Phot. C. Günther, Berlin.


Abb. 20. Lendengrübchen bei einem Mädchen aus Java.

Anchrop. Ges., Berlin.


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Abb. 22. Zulukafferweib.


Nach Friedenthal.


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Abb. 2 3. Chippeway-Indianerin mit Kind.

Nach M'Kenncy.




Abb. 24. Lunda-Mädchen (Angola).


ÜIfcihi '



Abb. 25. Hottentottin Abb. 2 6. Hottentottin von Abb. 27. Weiber aus Ostperu,

mit Steatopygie. Berseba mit Steatopygie. phot Ktöhle -


1.48 m groß. ca. 40 Jahre alt.


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Abb. 28. Wozulen-Mädchen



Abb. 29- 3 3 jährige Kirgisin.

Siratz. Rasscnschunheit.


Abb. 30. Ainu-Mädchen.


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Lappen. Der hintere Lappen enthält Pituitrin, das Geburtswehen verursacht, während das Sekret des vorderen Lappens besonders Einfluß auf das Wachstum hat. Es verhindert nämlich die Verkalkung der Knochen, so daß das Körper- wachstum unter seiner Wirkung andauert, bis es von der Gegenwirkung der Geschlechtsdrüsen gehemmt wird. Zu geringe Funktion ruft den bekannten Zwergenwuchs, Vergrößerung aber Riesenwuchs hervor. Bei Geschwülsten der Hypophyse beobachtet man Verkümmerung der Geschlechtsteile, Stehenbleiben auf kindlicher Stufe und Fettsucht, bei Herausnahme hört die Bildung von lipoider Substanz und die Follikelreife in den Eierstöcken auf (siehe später). Die Epiphyse oder Zirbeldrüse bildet sich ebenfalls schon im Kindesalter teilweise zurück, ohne aber ihren Einfluß zu verlieren. Auch sie wirkt hemmend auf die geschlechtliche Entwicklung. Von besonderer Bedeutung scheint die Schilddrüse oder die Thyreoidea (von griech. thyreos: viereckiger Schild). Sie ist seitlich vom Kehlkopf am Halse leicht zu fühlen. Ihre Vergrößerung ist der Kropf. Störun- gen führen zu geistiger Minderwertigkeit oder Verblödung (dem sogenannten Kretinismus, der wieder mit Stehenbleiben des Wachstums, Verkümmerung der Geschlechtsteile und manchmal mit Kropf Hand in Hand geht). Von besonderem Interesse ist, daß sich die Schilddrüse bei Frauen während der Schwangerschaft (wirkliche Hypertrophie) und während der Menstruation (Hyperämie) ver- größert. An der Schilddrüse selbst befinden sich die Nebenschilddrüsen (Parathy- reoidea; von griech. para: an den Seiten). Ihre Wegnahme zieht den Tod nach sich, denn sie zerstören gefährliche Giftstoffe, die sich im Körper bilden. Alle diese Drüsen wirken mehr oder weniger der Entwicklung der Geschlechtsorgane und teilweise der Geschlechtsmerkmale entgegen. Mehr in deren Sinne wirken dagegen die Nebennieren (glandulae suprarenales). Sie bestehen aus zwei Schich- ten, einer Rinden- und einer Markschicht. Beide sondern ein Sekret ab, und diese Sekrete stehen sich in ihrer Wirkung entgegen. Die Rindensubstanz wirkt arte- rienerweiternd und setzt so den Blutdruck herab, während die Marksubstanz Adrenalin (oder Suprarenin) absondert, das die Arterien verengt und den Blut- druck steigert. So regelt die Nebenniere wie eine feine Waage den Blutkreislauf. Die Rindensubstanz scheint aber auch durch Vernichtung von Ermüdung schaf- fenden Giftstoffen sehr wichtig zu sein, denn die Zerstörung der Rindensubstanz hat den Tod zur Folge. Spritzt man Adrenalin Tieren ein, so treten Wut-


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erscheinungen auf und die Rückenhaare sträuben sich. Die Nebenniere hat auch Einfluß auf Bartbildung der Frauen, auf Frühreife, auf Hermaphroditismus, Pigmente usw. Ihre Sekrete scheinen es auch zu sein, welche die Thymusdrüse zerstören und so langsam die Periode des Keimschlafes des Kindes, in der die geschlechtliche Entwicklung ruht, beenden. Damit beginnt die Zeit der Ge- schlechtsreife oder die Pubertät (14. bis 20. Lebensjahr), die mit dem 20. Lebens- jahr, in dem ungefähr das Wachstum beendet ist, in die Periode der Geschlechts- tätigkeit übergeht. Von der Pubertät ab treten die Geschlechtsdrüsen oder Gonaden in den Vordergrund, wie wir oben bereits sahen. Während nun beim Manne die Hoden in ihrer Tätigkeit ziemlich klar sind, ist dies bei den Eier- stöcken des Weibes weniger der Fall; um aber die innere Sekretion der Eierstöcke zu verstehen, bedarf es näherer Ausführungen. Der Eierstock besteht aus dem Bindegewebe, das ihn als Hülle umgibt, der Drüsensubstanz (Rindenschicht) und der Marksubstanz, d. h. dem innersten, von Gefäßen durchzogenen Teil (Abb. 2, 3). In dieser Rindensubstanz vollzieht sich nun ein ganz besonders wichtiger Vorgang, die Bildung der weiblichen Geschlechtszellen (Follikeln) in drei Stufen, dem Primordialfollikel, dem reifenden Follikel und dem Graafschen Follikel. Der Primordialfollikel stellt das ursprüngliche Ei, umgeben von kubischen Zellen, aus denen später Follikelepithelien entstehen, dar. Im Zustand der Reife vermehren sich diese und umwuchern die Eizelle, die so zu einem Bläschen wird, das sich mit Flüssigkeit (Liquor folliculi) füllt und nun Graafscher Follikel ge- nannt wird (Abb. 4 und 5). Es wird umgeben von einer Schicht, die aus Binde- gewebe mit reichlich Blutgefäßen (Theca externa) und einer zweiten Schicht von sehr lockerem Gewebebestand (Theca interna) besteht. Diese enthält dagegen kleine lipoidhaltige Körnchen, das Lutein, einen gelblichen Farbstoff, weshalb man von Thecaluteinzellen spricht (Abb. 6), und grenzt nach innen an eine dünne Membran, die Basalmembran, die in die Membrana granulosa übergeht, aus der auch der Cumulus oophorus, in dem das Ei eingebettet ist, besteht. Nadi Eintritt der Reife platzt nun regulär während der Zeit der geschlechdichen Funktion des Weibes allmonatlich ein solcher Follikel und stößt ein Ei aus. Der Vorgang heißt Ovulation. Mit diesem Geschehen geht aber ein wichtiger — vielleicht der wichtigste — physiologische Vorgang im weiblichen Geschlechts- leben, die Menstruation, Hand in Hand. Ist die Ovulation erfolgt, dann füllt


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sich der geplatzte Follikel mit gelblichen Zellen, über deren Herkunft noch Unklarheit herrscht. Er wird deshalb gelber Körper (corpus luteum) genannt. Wird nun das Ei nicht befruchtet, dann bildet er sich sehr rasch zurück, um einem neuen Platz zu machen; wird es dagegen befruchtet, dann hält er mindestens während eines Teiles der Schwangerschaft an und heißt corpus luteum gravidatis; er zerstört dann jedesmal die sich allmonatlich bildenden Follikeln, aus deren Gewebe — das viele Thecaluteinzellen enthält — wie es scheint, neue Zwischenzellen im Eierstock gebildet werden. Demnach ist beim Weibe die innere Sekretion des Eierstockes an drei Gewebeteile geknüpft: an die Follikeln, an das corpus luteum und an die noch nicht allgemein anerkann- ten Zwischenzellen; man nimmt an, daß die Sekretion der Follikeln die schwächste, die des corpus luteum aber die stärkste ist, besonders die des corpus luteum gravidatis. Durch das corpus luteum wird also ein Einfluß auf die Menstruation ausgeübt, jedes vorhergehende wird durch das nachfolgende zer- stört, so daß so lange eine Menstruation eintritt, als eben kein Eichen befruchtet wird. Ist dies der Fall, dann entsteht ein corpus luteum gravidatis, das die Reifung weiterer Follikeln verhindert. Ihr Gewebe bildet dann neue Zwischen- zellen, und die Menstruation bleibt aus. Die Menstruation selbst verläuft also parallel zur Ovulation, denn sie bleibt aus, wenn man das frische corpus luteum ausbrennt. Die Menstruation zerfällt nun in vier Abschnitte; je nachdem die Gebärmutterschleimhaut mit Blut gefüllt ist. Zunächst beobachten wir eine Ruhezeit, die bis 14 Tage dauert. In ihr ist die Gebärmutterschleimhaut normal und durchfeuchtet sich erst gegen Schluß dieser Zeit. Dann schwillt sie sehr stark durch Überfüllung mit Blut an (Vorläuferzeit). Sie ist jetzt vorbereitet für die Aufnahme eines befruchteten Eies. Bleibt die Befruchtung aus, dann war die Vorbereitung umsonst, die feinen Blutgefäße platzen und geben das Blut nach außen ab. Man kann also die Menstruation als die Geburt eines unbefruchteten Eies bezeichnen. Es folgt dann die Nachmenstruationszeit, in der die Gebärmutterschleimhaut wieder in ihren alten Zustand zurückkehrt. Man glaubt, daß in dieser Zeit oder am Anfang der Ruhezeit das Platzen eines neuen Follikels erfolgt und so der Kreislauf wieder beginnt. Das corpus luteum gravidatis bereitet aber auch die Brustdrüsen auf ihre neue Funktion vor, in- dem es ihr Wachstum veranlaßt. In der zweiten Hälfte der Schwangerschaft


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vernarbt das corpus luteum und es scheint, daß jetzt die Zwischenzellen (die weibliche Pubertätsdrüse) die sekretierende Funktion übernehmen, bis wieder ein neues corpus luteum gebildet ist. Hört nun mit dem Erlöschen der Follikel- reifung beim Weibe die Menstruation auf, dann tritt das Klimakterium (von griech. klimakter: Leiter, also Zeit, in der es anfängt, abwärts zu gehen), die Wechseljahre ein. Die damit Hand in Hand gehenden Störungen der inneren Sekretion bringen die sogenannten Ausfallserscheinungen hervor, die sich in Herzklopfen, Blutandrang zum Kopf, Angstgefühl, Schwindel, Schlaf- und son- stigen Störungen äußern und auf eine erhöhte Tätigkeit der Nebennieren zu- rückzuführen sind. Aber auch Mutterkuchen (Placenta) und der Fötus (das sidi entwickelnde Kind) (Abb. 7 und 8) selbst üben eine innere Sekretion aus, die vor allem auf das Wachstum der Milchdrüsen einwirkt. Mit der Geburt hört natürlich diese Sekretion auf und die Milchabsonderung beginnt. Es wird auch behauptet, daß die wachsenden Brustdrüsen ein Sekret abgeben, das auf die Gebärmutter zusammenziehend wirkt, demnach die Wehen unterstützt. Wir haben es also beim Weibe mit sehr komplizierten Vorgängen zu tun, die noch viel der Klärung bedürfen.

Betrachten wir nun noch einige Momente, die für die Anthropologie und Eth- nologie der Geschlechtsteile von Interesse sind. Leider sind die Forschungen hier noch sehr wenig weit gediehen, denn man darf annehmen, daß gerade die weiblichen Geschlechtsteile für die Rassenbestimmung sehr wichtig werden. Aus der Beschaffenheit des Mons veneris (Geschlechtshügels) kann zweifelsohne auf die Stellung des Beckens geschlossen werden. Man hat zunächst zwischen stark und schwach gewölbtem Mons veneris zu unterscheiden. Im ersten Fall ist das Becken wenig, im zweiten stark geneigt. Negerinnen und Feuerländerinnen haben ihn sehr schwach gewölbt, während die Polynesierinnen (Samoanerinnen) und überhaupt die Malaiinnen sehr stark gewölbten Mons veneris besitzen. Die mehr oder minder starke Ablagerung von Fett spricht dabei sehr mit. Auch der Haarwuchs ist für die Rassenunterscheidung wichtig. Er folgt dabei im wesentlichen der Körperbehaarung überhaupt. Feuerländerinnen, Südamerika- nerinnen, Frauen der Buschmänner und Hottentotten haben schwache Behaarung, während die Dayakweiber, die Melanesierinnen, Polynesierinnen, vor allem aber die Ainufrauen sehr starke Behaarung aufweisen. Sehr kräftig und noch dazu


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rotgefärbt sind die Haare bei den Weibern des Bismarckarchipels. Ebenso be- dingt die Stellung des Beckens die Lage der Gebärmutter und damit der äußeren Geschlechtsteile. Bei Naturvölkern sind wir sehr wenig darüber unterrichtet; in Europa liegen im allgemeinen die äußeren Geschlechtsteile bei den Nord- länderinnen tiefer als bei den Südländerinnen. Von den Feuerländerinnen, Togonegerinnen und anderen Völkern wird uns berichtet, daß die Genitalien überhaupt weniger gut ausgebildet sind. Die Hottentottenfrauen hingegen bilden das Extrem nach der anderen Seite. Hier sind die kleinen Geschlechtslippen läppchenartig vergrößert, und selbst der Kitzler ist von auffallender Länge. Man hat diese Abnormität, die übrigens auch sonst — selbst in Europa — vorkommt, Hottentottenschürze (siehe später) genannt. Vielleicht ist sie Rassenmerkmal und in Europa Nachklang einer in der späteren Bevölkerung aufgegangenen Urrasse. Daß ein solches Merkmal bei den Hottentotten ein Charakteristikum des Schönheitsideals ist und so künstlich gefördert wird (durch Ziehen, was schon die kleinen Mädchen tun), ist klar. Auch in Dahomey (West- afrika) werden Mädchen mit verlängerten Geschlechtslippen bevorzugt, während sich die Weiber von Betschuanaland (Südafrika), dann die Mandingofrauen, die Abessinierinnen usw. durch große Kitzler auszeichnen. Die Verlängerung der kleinen Lippen kommt außerdem in Neubritannien, bei den Kamtschadalinnen, beim koreanisch-mandschurischen Typus der Japanerinnen vor. Was nun die Geschlechtsteile selbst anbelangt, so sind sie bei Feuerländerinnen und Wolof- finnen (Afrika) schwach entwickelt, es mangelt das Fettpolster der Labia majora, und die Klitoris ist klein geblieben. Interessant ist, daß der langschäde- ligen Bevölkerung der Inseln Leti Maa und Lakor Frauen mit länglichrunder Geschlechtsspalte, der breitschädeligen solche mit rudimentären Nymphen an- gehören. Von den Kamtschadalinnen erfahren wir, daß sie besonders große weite Geschlechtsöffnung haben. Sie tragen darin Kränzchen aus Birkenrinde, ähnlich wie die Ostjakinnen einen Büschel Seidenbast; damit dieser nicht her- ausfällt, benutzen sie einen Gürtel, von dem eine Binde zwischen den Beinen durchgeht, was für die Menstruation von großer Bedeutung ist.

Den Übergang zu den begleitenden Merkmalen bildet die Brust, die vom gene- tischen Standpunkte aus überhaupt bereits zu diesen zu rechnen ist. Man darf wohl Bartels zustimmen, daß die Brust für die Rassenunterscheidung ziemlich


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wichtig werden wird, wenn einmal wirklich genaue Beobachtungen vorliegen; das Material ist an sich recht gut in dem oben erwähnten Werk von Ploß- Bartels (Band I) zusammengetragen. Im Grunde genommen kann man sagen, daß die Brüste der Asiatinnen (besonders im Norden) und der Europäerinnen (Abb. ii, Lappin), in gewissem Grade auch der Ozeanierinnen (Abb. 13) halb- kugelförmig, während die der Zentralafrikanerinnen (Abb. 12) und Amerikane- rinnen (Abb. 9) mehr konisch und in die Länge gezogen sind. So haben die der ersten Gruppe mehr die Möglichkeit in sich, dauernder zu sein als die der zweiten Gruppe. Selbstverständlich darf die Beobachtung nur bei Weibern ge- macht werden, die noch nicht geboren haben, da durch die Schwangerschaft die Form der Brust sich ändert und die Hängebrust aufzutreten beginnt. Trotz- dem kann man bei Afrikanerinnen beobachten, daß diese Formveränderung schon häufig vor dieser Zeit eintritt. Auch der Warzenhof ergibt dieselbe Grup- pierung; während er in Nordasien und Europa (vgl. Abb. 11) scheibenförmig den Brusthügeln aufsitzt, erscheint er bei Afrikanerinnen, denen hier allerdings teilweise auch die Ozeanierinnen (Abb. 10, 13) folgen, mehr erhaben halbkugel- förmig. Dies bestätigen die zahlreichen Einzelnotizen. So berichtet Steller über die Itälmenerinnen (auf Kamtschatka): „Die Weibspersonen haben kleine runde Brüste, die bey vierzigjährigen Frauenzimmern noch ziemlich hart sind und nicht bald hängend werden." Für die Wedda in Ceylon heben die Vettern Sa- rasin hervor, daß bei jungen Mädchen die Brüste leicht kegelförmig sind, wäh- rend sie später zu starken Beuteln werden. Jederzeit ist aber die Warze groß und zylindrisch. Interessant sind die Ausführungen von Jacobs über die Weiber von Atjeh auf Sumatra. Hier unterscheiden auch die Eingeborenen eine kugel- runde und eine spitzige Form der Mädchenbrust und nennen die erstere Form tek broek = halbe Klappertopf-(Kokosnußschalen-)Brust, die zweite tek djantoeng = Pisangblütenherzbrust. Für viele Ozeanierinnen ist charakteristisch, daß der Warzenhof halbkugelig auf der Brust aufsitzt und so wie abgeschnürt aussieht. Miklucho-Maclay beobachtete dies sowohl bei den Papuas von Neu- Guinea als bei Polynesierinnen. Die Brüste der Melanesierinnen bezeichnet Fintsch als gut geformt (Abb. 13), in der Jugend mit Neigung zur Fülle; aber schon nach dem ersten Kindbett, oft auch schon vorher, werden sie hängend (Abb. 46). Bei den Polynesierinnen dagegen ist eine Entwicklung


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zur spitzen Form fast unverkennbar (Abb, 43), wozu die oben erwähnte Ab- schnürung wesentlich beiträgt. Von der Brust einer etwa 16 — 1 8 jährigen Austra- lierin sagt Virchow: „Die Büste der Tagarah ist von großer Schönheit, ihre Brüste sind von streng jungfräulicher Beschaffenheit; die vollen Brüste halb- kugelig, oben etwas flacher, unten stärker gewölbt, ein großer, im ganzen etwas vortretender Warzenhof mit flacher, rundlicher Warze." Über die Negermäd- chen sagt Hartmann: „Viele Negermädchen haben in der Jugend eine anmutige, weich und grazil geformte Büste. Die Brustdrüsen sind dann halbkugelig her- vorstehend, prall, unten gewölbter, oben flacher (Abb. 17). Der Warzenhof ist, wie bei manchen unserer jungen Mädchen, ebenfalls gewölbt und von einer kurzen Warze überragt. Häufiger aber zieht sich bei selbst jungen nigritischen Frauenzimmern die Brust mehr oder minder spitzkugelig nach außen. Kegel- förmig entwickelt sich dann auch der Warzenhof, weniger die Warze. Das ge- währt einen unschönen Anblick (Abb. 12). Noch mehr verliert sich das Ästhe- tische der weiblichen nigritischen Torsobildung, wenn solche spitzkugelförmigen Brüste früh welken und siech herabhängen. Nach Geburten können daraus schlappe, schmale, spitzige Hautfalten werden. Bei noch anderen Nigritierinnen zeigt sich ein in der Jugendblüte breiter, hoher, voller, manchmal übervoller Busen. Aber auch der welkt früh dahin und erhalten sich an seiner Statt nur breitere, ebenfalls flache, leeren Tabaksbeuteln gleichende Reste." Südafrika zeichnet sich durch große Brüste aus, die bei den Hottentottinnen und Busch- weibern meist hängend und sehr unschön sind (Abb. 14). Hübscher sind da- gegen die Brustbildungen der Kaffernmädchen. Bald erreichen sie allerdings zumeist große Fülle und werden hängend (Abb. 22, 50). In Amerika gilt ähnliches. Die Frauen der Feuerländer haben üppige Brüste, die hübsch sind, obwohl sie Neigung zum Hängen zeigen (Abb. 59). Bei den südamerika- nischen Indianerinnen finden wir dagegen in der Jugendzeit sehr hübsche For- men (Abb. 16), im Alter werden sie allerdings auch hier spitz und hängend (Abb. ij). Der Warzenhof ist zumeist groß. Die nordamerikanischen Weiber zeigen weniger starke, die Eskimofrauen dagegen sehr stark entwickelte Brüste. Damit kommen wir zu den eigentlichen begleitenden Geschlechtsmerkmalen. Da ist zunächst der Gesamtkörper, der unser Interesse beansprucht. Wohl bei allen Völkern der Erde ist der Rumpf des Weibes länger als der des Mannes, Arme


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und Beine aber kürzer. Das Volumen des Brustkastens ist im allgemeinen beim Weibe geringer, weshalb die Menge der Ein- und Ausatmung ebenfalls kleiner ist. An der Brustlänge fehlt dem Weibe etwa eine Rippenbreite, daher ist die Luftröhre kürzer, was zu höherer Stimmlage beiträgt. Die Kiefergelenke sind beim Weibe schwächer, das Gesiebt ist kleiner, ebenso bei allen Völkern der Hinterschädel des Weibes. Schädelgewicht und Schädelinhalt, dann Horizontal- umfang und Schädeldurchmesser sowie Gehirn sind ebenfalls kleiner. Die Haut ist zarter und zumeist heller als die des Mannes, das Haar länger, die Körper- behaarung dagegen geringer. Die Muskulatur ist nicht so stark entwickelt, nur die Zunge des Weibes ist originellerweise schwerer als die des Mannes; dagegen ist die Fettbildung, besonders des Unterhautfettes, größer. Der Puls schlägt schneller (10 bis 14 Schläge pro Minute mehr), womit auch die größere Reiz- barkeit des Weibes zusammenhängt. Schon aus all den vorausgehenden Be- trachtungen zeigte sich, daß bei tiefer stehenden Völkern die Unterschiede zwi- schen Mann und Weib geringer sind als bei höherstehenden, daß also die Kultur auch eine stärkere Differenzierung der Geschlechter bedingt. Wenn also ein Zweig der modernen Frauenbewegung nach geringer Differenzierung strebt, so erhebt er eine tiefere Kulturstufe zu seinem Ideal. Henning betont das gleichfalls, wenn er sagt: „Je roher ein Volk, um so verwischter stellen sich die geschlechtlichen Unterschiede am knöchernen (weiblichen) Becken dar. Die Darm- beinschaufeln rücken tierähnlich mehr nach hinten oben; dies ist bedingt durch die den Frauen und Mädchen aufgebürdete schwere Männerarbeit, wodurch das Becken zugleich eckiger, den Muskelursprüngen und -ansätzen entgegenkommen- der wird." Dies führt uns aus das wichtigste sekundäre Geschlechtsmerkmal, das Becken. Es ist beim Weibe breiter als beim Manne. Dadurch wird eine größere Konvergenz der Oberschenkelknochen herbeigeführt, ein Unterschied, der sich schon lange vor der Geburt ausbildet. Waldeyer sagt: „Das Becken des Weibes ist niedriger und geräumiger, seine Darmbeinschaufeln liegen flacher, der Schambeinwinkel ist erheblich größer, mehr einem Bogen als einem Winkel gleich." Beim normalen Weibe übertrifft der Beckendurchmesser die Schulter- breite, und je mehr das der Fall ist, desto größer wird die Konvergenz der Oberschenkel. Daraus entspringt wieder jene Neigung zur X-Beinigkeit, die wir bei den Weibern mancher Völker beobachten, so bei den Samoanerinnen und


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Gilbertinsulanerinnen. Sehr wichtig für die Anthropologie wird die Neigung des Beckens werden. Form und Stellung des Beckens bedingt zwei äußerliche Erscheinungen: die Lendengrübcben und die Kreuzraute. Die Lendengrübchen (Abb. 20) finden sich beim Weibe stets, beim Manne nur in rund 20%. Es sind zwei Vertiefungen oberhalb der Hinterbacken, die durch ein kleines, an dieser Stelle von Muskeln freies Knochenstück verursacht werden. Durch dieses Knochenfeld wird zugleich ein mit der Spitze nach abwärts stehendes Dreieck gebildet: das Kreuzbeindreieck, dessen andere Ecken die Lendengrübchen sind. Manchmal findet sich über ihm ein weiteres Grübchen, das dann mit den End- punkten des Dreiecks eine Raute, die Kreuzraute (Abb. 21), bildet. Auch sie kommt fast nur bei Weibern vor. Auf die Gestaltung des Beckens wirkt zwei- felsohne die Tätigkeit und Lebensweise des Weibes ein, besonders die Art, wie es die Kinder trägt. Viele Naturvölker pflegen diese bis in fortgeschrittenes Alter während der Arbeit auf dem Rücken zu tragen (Abb. 23), so daß ein starker, fortwährender Druck auf die Lendensäule ausgeübt wird, aus dem eine größere Neigung des Beckens resultiert. Die Form des Beckens hat aber sicher- lich großen Einfluß auf die Schädelbildung des Kindes, und schon Weber hat dementsprechend die Beckenformen bestimmten Rassengruppen zugewiesen, so die ovale den Kaukasierinnen, die vierseitige den Mongolinnen, die runde den Amerikanerinnen, die keilförmige den Negerinnen. Neuerdings hat Martin diese Unterscheidung vereinfacht; er weist Becken mit rundem Eingang den Ur- bewohnern Amerikas, Australiens, Südasiens und Ozeaniens, Becken mit quer- ovalem Eingang den Afrikanerinnen und Europäerinnen zu. Für die äußere Erscheinung der Beckengegend ist die Entwicklung des Fettpolsters, besonders an den Hinterbacken, von größter Wichtigkeit. Ihre extremen Grade bezeichnet man mit Steatopygie. Sie findet sich in Afrika und wohl auch im prähistorischen Europa (Abb. 19), am ausgeprägtesten bei den Buschweibern, Korannafrauen und Hottentottinnen (Abb. 25 und 26), während umgekehrt die Weiber der Loangoküste oder Angola (Abb. 24) wieder gar keine Fettentwicklung zeigen und außerdem sehr schmal gebaute Becken besitzen, so daß, wie Falkenstein berichtet, beide Geschlechter von hinten gar nicht zu unterscheiden sind. Daß natürlich alle diese Merkmale nicht nur die Schönheit selbst, sondern auch die Auffassung von dem, was schön ist, wesentlich beeinflussen, ist klar. Es


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ist ja überhaupt sehr schwer, zu sagen, dieses oder jenes weibliche Wesen ist schön, sehr schön. Man wird immer Widerspruch begegnen. Und was unter uns Menschen, die wir doch unter nahezu gleichen Verhältnissen aufwachsen, gilt, das gilt natürlich um so mehr zwischen uns und den Naturvölkern. Unsere Schönheitsbegriffe decken sich zumeist nicht. Wir haben also stets zu unter- scheiden zwischen einer Erscheinung, die unter ihren Stammesgenossen für hübsch gilt, und einer solchen, die wir für hübsch finden. Da unsere Auffassung natürlich auch nur Ansichtssache ist, so kann man über ihre Berechtigung oft streiten. Eine Norm darf man aber auf alle Fälle aufstellen: Unschön sind Weiber, deren Erscheinung männliche Züge trägt, deshalb, weil darin eine Ver- neinung des weiblichen Wesens liegt. Bei Naturvölkern besteht nun allerdings dazu häufig eine gewisse Neigung, zumal bei den Indianern Nord- und Süd- amerikas (Abb. 27). Dieser Eindruck wird dann noch erhöht durch die sehr ähnliche einfache Tracht beider Geschlechter und den Mangel des Bestrebens, die sekundären Geschlechtsmerkmale zu betonen, wofür unsere europäischen Frauen und Mädchen so viel Geschick besitzen. Woher kommen diese männ- lichen Erscheinungen? Zweifelsohne liegt die Disposition bereits in den Merk- malen der Rasse, d. h. im Wesen der Inneren Sekretion. Wir sahen oben, daß es von ihrer Tätigkeit abhängt, ob der werdende Mensch sich zu jener Form bildet, die wir männlich, oder zu jener, die wir weiblich nennen. Ein stärkeres Vorhandensein männlich beeinflussender Sekrete wird also auch im weiblichen Körper männliche Formmomente anlegen. Daß sie sich aber weiterentwickeln, liegt in den Arbeitsverhältnissen. Die Weiber bei den Naturvölkern verrichten oft männliche Berufe und werden zu einer stumpfsinnigen, ununterbrochenen schweren Arbeit verurteilt. Infolgedessen gilt auch das Weib am meisten, das verspricht, das beste Arbeitstier zu sein; dies ist für die Ehe und damit für die Fortpflanzung maßgebend. So findet keine Zuchtwahl zugunsten der Schön- heit statt, ein Standpunkt, dem Europa allerdings mit seinen Geldheiraten auch recht nahe kommt. So kommt es denn, daß auch bei Naturvölkern in den ver- mögenderen Schichten sich mehr hübschere Erscheinungen finden denn in den ärmeren. Dies führt uns von selbst zu einem weiteren Element, dessen wir schon oben gedachten, nämlich zur Ernährungsfrage. Stämme, die durch die Lage ihres Gebietes gezwungen sind, jedes Jahr eine Zeitlang hungern zu müssen,


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werden sich auch körperlich nicht günstig entwickeln. So zitiert Ploß-Bartels eine sehr bezeichnende Notiz von Du Chaillu über die Seelappen Skandinaviens; er sagt: „Auch die Frauen sind treffliche Seefahrer, und die lappischen Boots- eigentümer lassen die Bedienung der Fahrzeuge und Netze oftmals ausschließ- lich nur von ihren Frauen, Töchtern, Schwestern oder auch wohl von den eigens zu diesem Zwecke gedungenen Weibern besorgen. . . . Die Züge der Frauen werden, eine natürliche Folge ihres beständigen Verweilens im Freien und ihrer harten Lebensweise, mit den Jahren sehr grob, und man kann sie oft ebenso- wenig von den Männern unterscheiden, wie man bei Kindern Mädchen von Knaben zu erkennen vermag." Die Erfahrung lehrt, daß sehr häufig Kinder, deren Eltern verschiedenen Rassen angehören, besonders hübsch werden (Abb. 32). Nun ist es anthropologisch von höchster Bedeutung, daß diese Misch- typen, besonders solche zwischen Europäern und Naturvölkern, häufig auch von diesen als die schöneren anerkannt und mehr begehrt werden. Nordenskjöld betont dies z. B. von den Eskimos, von denen er berichtet, daß sie beginnen, sich für minder schön zu halten als ihre Mischlinge mit Europäern, und Kropf erzählt ähnliches von den Xosa-Kaffern, denen besonders die hellere Farbe zusagt. Bedenkt man nun, daß z. B. auf den Karolinen die Erfahrung lehrt, daß bereits eine zweimalige Blutmischung mit Weißen (also 3 / 4 -weiß) von Europäern nicht mehr zu unterscheiden ist, so kann man daraus Schlüsse ziehen, wie sehr das Schönheitsgefühl in der Lage ist, die Rasse zu beeinflussen und oft schon nach kurzer Zeit umzugestalten. Ploß-Bartels hat eine ganze Reihe von Notizen zusammengestellt, die sich mit der Schilderung der weiblichen Schönheiten bei den einzelnen Stämmen der Erde befassen. Betrachten wir zunächst Asien. Die Bevölkerung des hohen Nordens weist keine schönen Weiber auf (Abb. 28). Wenn man will, mag man die eine oder andere in früher Jugend hübsch finden, aber das Wenige, was an ihnen zu loben wäre, wird für unsern Geschmack durch den Schmutz, mit dem sie behaftet sind, und den widerlichen Trangeruch stark beeinträchtigt. Meistens unterscheiden sie sich von den Männern lediglich durch die Geschlechtsteile, und zu diesem männlichen Äußeren sind sie noch recht klein. Weiter nach Zentralasien zu treffen wir auf Turkvölker. Man kann sie ihrer Mehrzahl nach nicht mehr zu den Naturvölkern rechnen, und wir wollen sie deshalb nur streifen. Hier macht


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es deutlich den Eindruck, als ob die Schönheit der Frauen mit der Kultur wachsen würde; aber trotzdem kann von einem erfreulichen Aussehen auch hier nicht gesprochen werden, wenigstens nicht vom Durchschnitt der Frauen. Die Männer sind meist hübscher. Unsere Abb. 29 zeigt eine Kirgisin. Ganz eigenartig aber ist ein Völkersplitter im nordöstlichen Asien, die Ainti. Sie dürften ehedem ein viel größeres Gebiet innegehabt haben als heute, wo sie das nördlichste Japan bewohnen. Das nicht gerade unschöne Gesicht wird durch die schnurrbartähnliche Tatauierung der Oberlippe stark männlich beeinflußt (Abb. 30). Besser wird es, wenn wir zu den Naturvölkern des südlichen Asiens kommen. Da begegnen wir zunächst unter den primitiven Stämmen Indiens sehr ansprechenden, oft sogar sehr hübschen Frauen. Schon unter den äußerst tief stehenden Wedda von Ceylon gibt es nicht unschöne Gesichtsbildungen, freilich nur in der Jugend; später verursacht die schwere Arbeit ein frühzeitiges Altern. Wirkliche, wenn auch eigenartige Schönheiten finden sich mehr unter den Todas, einer Urbevölkerung Indiens. Das weiche Lockenhaar umrahmt ein schön geschnittenes ovales Gesicht mit großem Auge von fast träumerischem Blick (Abb. 31). Auch Jagor bezeichnet diese südindischen Frauen als ungemein zierlich, zart, reinlich, elegant, anmutig und verführerisch. Daß Blutmischungen diese Schönheit gehoben haben, das zeigen uns die Singhalesen, die ein Misch- volk alter Bevölkerung Ceylons mit Ariern darstellen. Unsere Abb. 35 zeigt ein junges Mädchen, einen Mischling aus singhalesischem und Weddablut. Abb. 34 zeigt ebenfalls einen sehr schönen Körper. Ganz ähnlich liegt die Sache in Hinterindien. Hier haben wir mindestens eine ebenso reiche Völkerschich- tung als in Vorderindien; auch hier eine negroide Urbevölkerung, über die sich eine Reihe fremder, teilweise Gebirgsvölker schichten. Hier kann darauf nicht eingegangen werden. Die Senoi- und Sakaimädchen der Halbinsel Malakka haben meist nicht unschöne Augen und ein ganz erträgliches Gesicht; der Körper läßt allerdings viel zu wünschen übrig. Diese primitiven südasiatischen Stämme finden wir aber auch noch sonst auf der Halbinsel Malakka, wir sehen sie auf den Andamanen (Minkopis) (Abb. 36), auf den Philippinen (Abb. 76 und 82), auf dem Indonesischen Archipel usw. All das gilt natürlich auch hier nur vom Weibe in seiner Blütezeit, die sehr früh eintritt und nur kurz währt. Im Alter werden sie auch hier oft abstoßend häßlich. Weniger schön


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sind oft die indonesischen Frauen, von denen wir als Beispiel Dajakfrauen von Borneo geben (Abb. 127), sowie die Bewohner der Molukken. Doch kommen auch hübschere Weiber vor, wie dies eine Karo-Battakfrau mit ihren Kindern (Sumatra) zeigt (Abb. 37). Zu verhältnismäßig großer Schönheit gelangen da- gegen jene Leute, die ein Mischprodukt zwischen diesen alten Schichten Indo- nesiens und dem malaiischen Blute darstellen. Besonders die Javanerinnen sind auch nach unserem Geschmack schön zu nennen. Unsere Abb. 38 zeigt javanische Mädchen, Kakao sortierend.

Besonders rasch vollzieht sich der Prozeß des Alterns der Frauen bei den Ozeanierinnen, was Hand in Hand mit einer großen Neigung zur Fettbildung geht, die am meisten bei den Kanakinnen von Hawai auffällt, die aber in ihrer Jugend sehr schön genannt werden dürfen (Abb. 39). Zweifelsohne bedeutete auch in Ozeanien die so wichtige Rassenmischung einen Fortschritt in der körperlichen Entwicklung. Hier sind es die Polynesier, die sich in der Haupt- sache mit melanesischen Elementen mischten. Zwar sind sich die Reisenden oft gar nicht einig in der Beurteilung. So werden von manchen die Samoanerinnen als die schönsten Frauen unter den Naturvölkern gepriesen, während andere allerlei zu bemängeln suchen. Dies liegt aber daran, weil diese Forscher, so z. B. Zöller, unser europäisches Schönheitsideal als Maßstab wählen; wir dürfen uns im Gegenteil der ersteren Auffassung ruhig anschließen. Besonders schön ist häufig die Brust ausgebildet, die in ebenso schöne Hüften übergeht. Es fehlt leider noch sehr an guten Bildern, und unsere Abbildungen werden ihnen nur zum Teil gerecht (vgl. Abb. 41, 42, 43, 44, 78). Ganz ähnlich ist das Verhältnis bei den Fidschiinsulanerinnen, bei denen der melanesische Einschlag bereits sehr stark ist. Unsere Abb. 45 führt uns ein recht hübsches Mädchen vor. Ähnlich bei den Frauen von Tonga (Abb. 48). Die T ahitierinnen sind bedeutend heller von Farbe als ihre Männer, oft sogar um so viel, daß man eine Rötung der Wangen beobachtet. Forster lobt ihre großen, heiteren Strahlen- augen und ihr unbeschreiblich holdes Lächeln. Von den Marquesanerinnen sagt Krusenstern, daß ihr Wuchs klein, der Unterleib dick, aber das Gesicht schön rundlich mit großen, funkelnden Augen, schönen Zähnen und von blühender Farbe sei. Den Gesamteindruck des Lieblichen erhöht noch der reichliche Blumen- schmuck, mit dem sich die Schönen vom Stillen Ozean ständig zu zieren ver-


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stehen (Abb. 121). Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse in Mikronesien, jener ehedem zum größten Teil deutschen Inselflur östlich von den Philippinen. Das in unserem Bilde 10 wiedergegebene Faismädchen zeigt zwar ein etwas derbes Gesicht, dafür aber eine ganz schön entwickelte Brust. Als häßlich werden fast durchgehend die Melanesierinnen geschildert; dennoch sind die Mädchen und Frauen in früher Jugend, abgesehen von der dadurch bedingten Eckigkeit, nicht gerade abstoßend (Abb. 46). Eine eigene Stellung nehmen die Maori, die alte Bevölkerung von Neuseeland, ein. In jungen Jahren haben die Mädchen etwas sehr Schönes an sich (Abb. 40), aber die Härte der Züge, die bereits unverkenn- bar ist, steigert sich im Alter ins Unerträgliche. Die Frauengesichter gleichen derben Männergesichtern, und die Tatauierung vermag diesen Eindruck nur zu erhöhen. Das richtige Arbeitstier ist die Australierin, und so kommt es auch, daß das Wenige, was uns an ihren jungen Stammesgenossinnen (Abb. 49) etwa gefällt, sehr rasch dahinwelkt. In hohem Alter werden die Frauen geradezu abschreckend häßlich. Dies muß für die heute ausgestorbenen Tasmanierinnen in noch höherem Grade gegolten haben (Abb. 47). Ihre Blütezeit fällt sehr früh, im allgemeinen schon in das 10. bis 14. Jahr, und es kommt dazu, daß sie in ihren Bewegungen eine gewisse Anmut zeigen. Virchow sagt: „Die Frauen haben eine so graziöse Art, den Kopf zu tragen, Rumpf und Glieder zu stellen und zu bewegen, als ob sie durch die Schule der besten europäischen Gesellschaft gegangen wären."

Sehr verschiedenartig liegen die Verhältnisse in Afrika, und man darf im wesentlichen sagen, daß auch hier maßgebend ist, ob und inwieweit das Weib zum Lasttier geworden ist. Während nämlich bei den nordöstlichen Stämmen (Galla, Somali usw.) hübsche Frauen nicht gerade selten sind, nimmt diese Mög- lichkeit nach dem zentralen Gebiete zu ab. Zu den hübschesten Afrikanerinnen gehören aber zweifelsohne die Kaffernweiber (Abb. jo und 67), denen die Ba- suto (Abb. 58) nahestehen. Hier haben wir es gar oft mit wirklich schönen, wenn auch etwas derben Gestalten zu tun. Wiese sagt, daß sie oft entzückend schön und wohl fähig seien, ihrem Gatten enthusiastische Liebe einzuflößen. Den Kaffern benachbart sitzen eine Reihe von Stämmen, die uns besonders deshalb sehr interessant erscheinen, weil man sie stets als Rest einer Urbevölke- rung Afrikas betrachtete. Es kann aber wohl kein Zweifel sein, daß auch in


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Das Weib bei den Naturvölkern


Europa noch in der Magdalenienzeit eine ähnliche Bevölkerungsschicht lebte. Ohne Zweifel gehören sie den Zwergrassen an. Ihre am reinsten erhaltenen Vertreter (im weitesten Sinne) sind die Buschmänner, während die Hottentotten durch Beimischung anderer Elemente sich körperlich und kulturell stark von ihnen entfernt haben. Männer wie Frauen sind nicht schön zu nennen und werden im Alter außerordentlich häßlich. Unsere Abbildungen zeigen eine Hottentottin in jüngeren (Abb. $5, 56), eine solche in älteren Jahren mit starker Hängebrust (Abb. 25) und ein Buschweib (Abb. 141). Alle neigen mehr oder weniger zur Steatopygie. Ihnen nahestehend sind die Damara, deren „Schön- heiten" unserm Urteil nicht widersprechen. Benachbart sind die Ovambo. Auch hier sind die Frauen nur in der Jugend einigermaßen hübsch. Unsere Abb. 52 zeigt das deutlich. Freilich treten hier schon jene mageren, fast wadenlosen Beine auf, die den weiblichen Körper so sehr entstellen, weil sie ihn eines seiner wesentlichsten Charakteristika berauben. Den Höhepunkt stellen die Frauen von Westafrika (Angola und Loanga) dar, die oft von erschreckend häß- licher Figur sind. Unsere Abb. 24 zeigt zwei Lundamädchen aus Angola. Im Zentrum von Afrika mischt sich dieser für einen Teil der Bantuneger in gewissem Sinne charakteristische Typus mit einer derben Körperform (Abb. 119). Die oft mehr männliche Erscheinung wird durch die Tatauierung des Gesichts noch mehr ungünstig beeinflußt. Erfreulidier dürfen wir unser Ur- teil bei den Sudannegern gestalten. Hier haben wir z. T. sogar wieder hübsche Gestalten, wie das Mädchen vom Senegal (Abb. 53) zeigt. Freilich sind im Sudan auch die Mischtypen sehr deutlich und als solche manchmal leicht erkenn- bar. Nase und Mund sind meist bezeichnend negroid, die Augen aber ver- raten einen starken Einschlag mittelländischer Elemente. Die Mädchen aus dem französischen Sudangebiet sind auch für unsere Begriffe nicht gerade un- schön, die Mädchen aus Togo ebenfalls nicht, und bei den Aschantifrauen (Abb. 54) kommt gar manches, was uns nicht zusagt, auf Rechnung des bereits vorgeschrittenen Alters. Der Norden Afrikas, als bereits dem arabischen Kul- turkreis angehörig, scheidet aus unserer Betrachtung aus, wir geben lediglich das Bild einer Abessinierin im Matronenalter (Abb. 57), das recht deutlich zeigt, wie häßlich diese Frauenwelt werden kann. Damit soll freilich nicht gesagt werden, daß es für dieses Alter in Europa anders wäre. Ganz ähnliche Typen


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Das Weib bei den Naturvölkern


finden wir auch in Südafrika (Abb. 65). Für Ostafrika besitzen wir die präch- tigen Aufnahmen von Oberleutnant Weiß, deren er einen großen Teil in seinem vorzüglichen Werke „Die Völkerstämme im Norden Deutsch-Ostafrikas" gibt. Abb. 61 zeigt ein Wahimamädchen in frühester Jugend, die einen auch für un- sere Begriffe sehr schönen Körper bietet. Nordostafrika zeigt vielfach un- schöne Körper. Es macht sich schon leise jener Mangel weiblicher Charakte- ristika in vielen Beziehungen bemerkbar; die Brust ist flach, oft sehr hoch- sitzend, und die Beine zeigen schon jene Momente, deren Höhepunkt wir bei Westafrika erwähnten. Von ganz besonderem Interesse sind die nach Inner- afrika zu ab und zu siedelnden Zwergvölker (Abb. 61).

Noch schlechter als in Afrika ist es mit der Schönheit der Frauen Amerikas bestellt. Hier tritt, abgesehen von einzelnen Stämmen, nur hin und wieder ein Weib auf, das wir als hübsch bezeichnen können, wenigstens in jungen Jahren. Dies gilt besonders für das zentrale Südamerika. Hier zeigen unsere Bilder 16 und 66 und besonders 1 10 ganz leidliche Erscheinungen, und von einer unter besonderen Schwierigkeiten gemachten Aufnahme Dr. v.Weickhmanns darf man sogar sagen, daß sie, abgesehen von den Beinen, ein immerhin hübsches Mädchen darstellt. In älteren Jahren wird die südamerikanische Indianerin dann aber besonders häßlich, wie unsere Abb. 6 3 und 64 zeigen, die eine schwangere Chacoindianerin darstellen. Wenden wir uns südwärts, so treffen wir zunächst auf Patagonier und Araukaner, deren Frauen einen ganz besonders männlichen Eindruck machen und so allgemeinen Schönheitsbegriffen ebenfalls sehr widersprechen. Dies gilt selbst für die Jugend- zeit der Weiber (Abb. 69). Die Feuerländerinnen, die im späten Alter geradezu furchtbar häßlich werden, sind in der Jugend, wenigstens was den Körperbau anlangt, nicht unschön, und unsere Abb. 59 führt uns zwei zwar derbe, aber hübsch gebaute Körper vor. Der Norden und Westen Südamerikas ist mit Aus- nahme der Caraibinnen Guyanas keinesfalls erfreulich. Die Stämme des Ori- noko- und Rio-Negro-Gebiets, die neuerdings Dr. Koch-Grünberg besucht hat, haben recht unschöne Frauen, ebensowenig können wir die Indianerinnen der Republiken des südamerikanischen Westens schön finden (Abb. 9). Im Alter werden sie sogar entsetzlich abstoßend, wie Abb. 27 zeigt. In Mittelamerika begegnen wir wieder besser gebauten Körpern. Erwähnt muß allerdings werden, daß die Mischlinge von Eingeborenen und Weißen sowohl im peruanischen als


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Abb. 3 3. Reife und Menstruation.


1. Bemalte Holzwand der Nutka-Indianer I Nordwestamerika), hinter der das geschlechtsreife Mäd- chen verborgen wird, mit den Bildern von Donnervogel und Wal. 2. Kopfkratzer aus Holz und Knochen der Hoskurath-Mädchen (Nordwi-stamerika). Wird beim Reifefest benutzt, da sie die Haare nicht berühren dürfen. 3. Zaubermuster von einem Karger für die Abwaschungen nach der Menstruation der Unverheirareten (Orang Sennoi. Malakka). 4. Bemalung der Mädchen bei den ersten Reifezeremonien (Pitta-Pitta. Boulia-Distrikt, Australien). 5. Federbemalung der Mädchen bei den Reifezeremonien der Yaromga (Upper.Georgian-Distnkt, Australien). 6. Ende eines Stabes aus sehr hartem Holz zum Zerreißen des Hymen.


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Abb. 34. Singhalesin.

Nach Stratz



Abb. 3 5. Weddamischling.


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Abb. 36. Weiber von den Andamanen.


Anthrop. Ges., Berlin.


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Das Weib bei den Naturvölkern


zentralamerikanischen Gebiete (Abb. 73) oft sehr schön werden und mit dem hübschen, manchmal auffallenden Äußeren ein sehr lebhaftes Temperament ver- binden. Die Frauen der Eingeborenen Nordamerikas sind nicht besser, z. T. noch abstoßender als die Südamerikanerinnen. Wie furchtbar erscheinen z. B. alte Haidaweiber (Abb. 70)! Erfreulicher kann man die Hopimädchen (Abb. 71) nennen, aber man muß bedenken, daß sie genau wie die Prärieindianer eine starke Neigung zu männlichen Charakteristiken haben, die durch die Kleidung noch besonders betont werden. Auch unter den Prärieindianern stehen den sehr schönen Männern keine schönen Frauen gegenüber. Am meisten sind an ihnen ihre zierlichen Hände zu loben. Was wir von den Feuerländern gesagt haben, darf man z. T. auch von dem Eskimos sagen. Freilich ist gerade dort, wo wir hübschen Erscheinungen begegnen, auch die Mischung mit europäischen Elemen- ten am stärksten. Nordenskjöld weiß uns viel Schönes von diesem leider so unverdient verkannten Volke zu erzählen. Er sagt: „Eine festlich gekleidete grönländische Schöne, mit ihrer braunen, gesunden Gesichtsfarbe und ihren glatten, vollen Wangen, sieht in dem aus ausgewählten Seehundsfellen gefertig- ten, dicht ansitzenden Anzüge und den kleinen, eleganten, mit hohen Stulpen versehenen Stiefeln und den bunten Perlenbändern um Hals und Haar nicht übel aus. Ihr Äußeres gewinnt noch durch eine stetige Heiterkeit und ein Be- nehmen, in dem sich eine größere Portion Koketterie geltend macht, als man bei einer Schönheit der mit Unrecht verschrienen Eskimo-Rasse erwarten möchte. Ein entschlossener Seehundjäger führt das hübsche Mädchen mit milder Gewalt nach seinem Zelte. Mit Gewalt wollen sie genommen sein, und deshalb werden sie auch mit Gewalt genommen. Sie wird seine Frau, bringt Kinder zur Welt und vernachlässigt ihr Äußeres. Die vorher so gerade Haltung des Körpers wird gebeugt infolge der Gewohnheit, ein Kind auf dem Rücken zu tragen; die Rundung des Körpers verschwindet, derselbe wird welk und der Gang wackelig, das Haar fällt an den Schläfen aus, die Zähne werden durch das Kauen der Häute beim Gerben bis auf die Wurzel abgenutzt und die Sauberhaltung und Wartung des Körpers und der Kleidung versäumt. Die in ihrer Jugend recht behaglichen Eskimo-Mädchen werden daher nach ihrer Verheiratung abscheu- lich häßlich und schmutzig." (Vgl. Abb. 74). Diese vorzügliche Schilderung

Da» Weib bei den NaturTölkern 3 59


Das Weib bei den Naturvölkern


des Werdegangs einer Eskimoschönen ist eigentlich mehr oder minder für alle Naturvölker gültig, die das Weib zum bloßen Last- und Arbeitstier werden ließen, während beim Mann die Beschäftigung mit Jagd und Fischfang den Körper stählt und ihm zu schön entwickelten Formen verhilft.

2. ABSCHNITT

Das Weib in physiologischer Hinsicht

Über die Kinderjahre des Weibes haben wir in diesem Buche wenig zu berichten. Sie verlaufen wie die anderer Kinder in Spiel und Vorübung auf die künftige Tätigkeit. Im allgemeinen unterscheiden sich aber die Naturvölker darin von uns, daß die geschlechtliche Sphäre aus dem Gesichtskreise des Kindes nicht fern- gehalten wird, und daß bei sehr vielen Völkern das Kind nicht in eine be- stimmte Zucht genommen wird, sondern sich in seiner Entwicklung mehr selbst überlassen bleibt. Die Mädchen werden dann allerdings sehr frühzeitig zur Arbeit angehalten. Eine gewisse Unterbrechung erleidet dies gleichmäßige Da- sein durch die Vornahme der ersten Manipulationen der Körperplastik, auf die wir im nächsten Abschnitt zu sprechen kommen. Die allmähliche Ausbildung der geschlechtlichen Merkmale gibt den Naturvölkern viel zu denken. Auch auf das Wachstum des Kindes selbst können wir hier nicht eingehen, da es für alle Menschen gleichartig sich vollzieht; auch bei Naturvölkern kann man in der ersten Kinderzeit von einer geschlechtlichen Neutralität sprechen; auch bei ihnen tritt etwa in der Zeit des ersten Zahnwechsels die getrennte Entwicklung in Augenschein, der hier wie bei uns eine Periode der ersten Streckung, d. h. ein plötzliches Längenwachstum vorausgeht. In der Zeit der beginnenden Diffe- renzierung wird dann dieses Wachstum wieder geringer zugunsten einer neuen körperlichen Fülle, die sich bei Mädchen besonders auf das Hinterteil und die Oberschenkel erstreckt. Dann folgt wieder eine Zeit der Abmagerung, mit der ein neues Wachstum Hand in Hand geht, eine Periode, die man die Zeit der zweiten Streckung nennt. Sie unterscheidet sich darin aber von der ersten Streckung, daß in ihr die geschlechtliche Differenzierung immerhin ihren Fort- gang nimmt. Diese Periode schließt dann mit dem sogenannten Backfischalter ab, das hauptsächlich durch die endgültige Ausbildung der geschlechtlichen


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Das Weib bei den Naturvölkern


Merkmale gekennzeichnet wird. Die geschlechtliche Reife übt jetzt besonders auf das Mädchen einen vollständigen Umschwung in jeder Hinsicht aus. Am augenfälligsten ist die Ausbildung der Brüste. (Vgl. Zeichn. II.) Zuerst (vgl. Abb. 75 und 136) unterscheidet sich die Brust des Mädchens in nichts von der des Knaben. Der Warzenhof liegt mit Brustkorb scheibenförmig auf, und aus ihm heraus erhebt sich die Brustwarze (Stadium der puerilen oder neutralen


Entwicklung und Grundformen der weiblichen Brust


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a) Puerile (neutrale) Brust; b) Knospe; c) Knospenbrust; d) reife Brust;

e) schalenförmige, f) halbbuglige, g) bonische, h) sitronenförmige (eu-

terförmige) Brust; i) Hängebrust; b) verwelbte Brust

Zeichnung II


Brust). Dann beginnt der Warzenhof beim Mädchen zu schwellen und sich halbkugelförmig zu erheben unter gleichzeitiger Entwicklung der Milchdrüse (Stadium der Knospe) (Abb. 76). Schließlich tritt ein noch stärkeres Wachstum des Unterhautfettgewebes ein, das die Knospe hebt, und zugleich wachsen die Drüsenausläufer in die Tiefe. So bilden sich die Brusthügel heraus (Stadium der Knospenbrust) (Abb. 13 und 72). Sehr viele Naturvölker bleiben auf diesem Standpunkt stehen, besonders viele ozeanische und afrikanische Stämme


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Das Weib bei den Naturvölkern


(Abb. 83). Bei anderen Völkern tritt aber eine Weiterbildung dadurch ein, daß der Warzenhof in die Entwicklung einbezogen wird und sich wieder in irgendeiner Form mit dem Brusthügel verbindet (Stadium der reifen Brust). So unterscheidet man denn, wie schon oben erwähnt, schalenförmige (Abb. 29, 78, 79), halbkugelförmige (Abb. 77), halbzitronenförmige (Abb. 22, 61), konische oder piriforme (Abb. ij, 46, 82) Brüste. Auch die Ausbildung der Geschlechtsteile vollzieht sich jetzt. Die Lippen nehmen an Länge und Dicke zu, und am Mons veneris beginnt das Fettpolster immer stärker zu werden, wodurch er sich mehr und mehr wölbt. In seiner Mittellinie tritt die erste Behaarung auf — mit Ausnahme der der Achselhöhlen die einzige, die am Weibe vorkommt. Der Haarwuchs verbreitert sich dann etwa um Fingerbreite nach jeder Seite hin über den Mons veneris, während er sich erst nach voll- ständig erreichter Pubertät über die ganzen äußeren Geschlechtsteile erstreckt. Ein Teil der Naturvölker nimmt allerdings, wie wir oben bereits erwähnt haben, diese Entwicklung nicht, da bei vielen die Genitalbehaarung so viel wie fehlt. Auch die Schweißabsonderung wird stärker, besonders die der Achsel- höhlen, und es ist bekannt, daß diese Gerüche bei der geschlechtlichen An- ziehung stark mitwirken (sexuelle Osphresiologie, auf die wir später kommen). Über die Reihenfolge der einzelnen Entwicklungsstadien untereinander sind wir leider noch zu wenig unterrichtet; bei Naturvölkern so viel wie gar nicht, und selbst in unserer Umgebung sehr dürftig.

Damit sind wir bei der Geschlechtsreife angelangt, die sich durch die erste Menstruation äußert. Sie ist einer der wichtigsten Abschnitte im Leben des Weibes. Die Blutung erscheint Naturvölkern wohl ursprünglich als unnatür- lich. So sagt Karl v. d. Steinen von den Bakairi: „Plötzlich treten Blutungen auf; hier ist eine Erkrankung gegeben. Daß der Indianer ursprünglich so dachte, wird klar bewiesen durch die bei den meisten Stämmen übliche, höchst überflüssige medizinische Behandlung des menstruierenden Mädchens mit Iso- lierung, Ausräucherung, Diät, Inzision und den übrigen Hilfsmitteln wider die unbekannten Feinde. Man entfernte säuberlich das Schamhaar und legte einen Verband an oder eine Pelotte, das Uluri. . . . Man sieht, es war nicht die Reinlichkeit, die das Verfahren eingab, sondern das ärztliche Bemühen, dem Blutverlust entgegenzuarbeiten." Dabei ist aber für die Naturvölker der erste


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Das Weib bei den Naturvölkern


Blutausfluß das absolute Kennzeichen der Pubertät. Dieser Eintritt ist jedoch nicht überall gleichzeitig; kalte und warme Gegenden machen sich dabei sehr bemerkbar. Doch ist es noch eine offene Streitfrage, ob die Rassenunterschiede nicht noch mehr dabei mitsprechen, da gerade hier Untersuchungen über die Einflüsse der inneren Sekretion noch fast gänzlich fehlen. Auch die Beschäf- tigungsart geht nicht spurlos daran vorüber. Leider sind die Beobachtungen sehr schlecht und vielfach widersprechend, so daß folgende Zahlen nicht absolut gesichert sind. Die Menstruation tritt ein bei:

Lappinnen, Samojedinnen

Jakutinnen, Kamtschadalinnen

Singhaiesinnen

Südindischen Stämmen ....

Indonesierinnen

Tanembarmädchen

Andamanenmädchen ....

Negritos (Philippinen) ....

Australierinnen

Neu-Kaledonierinnen ....

Fidschiinsulanerinnen ....

Maorimädchen

Neue Hebriden

Samoanerinnen

Senegalnegerinnen

Suahelimädchen

Wanjamwesi

Somali

Mädchen aus dem Fezzan . .

Araukanerinnen

Amazonenstrom-Stämmen . .

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Das Weib bei den Naturvölkern


Schoschonenmädchen Apatschenmädchen Omahamäddien . . Eskimomädchen . . Feuerländerinnen


mit 13 Jahren,

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Da Naturvölker mit dem geschlechtlichen Verkehr häufig sehr frühzeitig be- ginnen, gewöhnlich stets vor dem Eintritt der Menstruation, so kommen die Wirkungen dieses Verkehrs auch für die frühere Reife in Betracht, die wieder ihrerseits für die Zeit der ersten Menstruation ausschlaggebend ist. Man hat mehrfach die Ansicht aufgestellt, daß die Menstruation beim Menschen ur- sprünglich, ähnlich wie bei Tieren, sich nur zweimal im Jahre vollzog und dementsprechend auch beim Menschen Zeiten vorhanden gewesen wären, die den Brunstzeiten der Tiere entsprächen. Absolut nachweisbar ist dies vor- läufig nicht, wenn auch einzelne Fälle darauf hinzudeuten scheinen. So hat man bei zwei Feuerländerinnen, die Europa bereisten, halbjährliche Menstru- ation beobachtet, und die Obduktion der Leichen ergab, daß auch keine reifen Eier in diesen Perioden vorhanden waren. Hat also hier nicht etwa der Klimawechsel eine unregelmäßige Ovulation hervorgerufen, dann wäre der Fall nach der oben angedeuteten Seite hin sicherlich einer Untersuchung wert. Über die Dauer der Menstruation bei Naturvölkern sind wir auch recht wenig unterrichtet; Ploß-Bartels stellt einige wenige Angaben zusammen, aus denen wir folgende Notizen für Naturvölker entnehmen:

3 Tage, Apatschenfrauen . .


5—6 Tage,


4 4—5 3—4 2—5 3—4


Chilenische und kali- fornische Indianerinnen

Negerinnen der Old Calabarküste . . . .


3—« 


3—4


Nayerfrauen (Indien)

Dayakinnen . .

Atjehfrauen . .

Omahaindianerinnen

Yankton Sioux . .

Sac und Fox . .

Wir sehen daraus, daß auch hier die Naturvölker im wesentlichen das gleiche Mittel : 4 Tage, aufweisen. Gegen Ausbleiben oder zu starke Menstruation werden überall Mittel gebraucht. Mehr oder minder sind diese Mittel, ent- sprechend der ganzen Medizin der Naturvölker, magischer Art. So hat das Weib bei den Suaheli ständig eine Holzpuppe in der Hand oder auf dem


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Rücken zu tragen, bis die Menstruation auftritt. Wichtiger ist für unsere Dar- stellung aber die Grundidee, die wir über die ganze Welt verbreitet finden, daß die Frau, die sich in dieser Zeit befindet, unrein, und daß das Blut ent- weder giftig oder doch höchst schädlich ist, eine Ansicht, die selbst unter uns Europäern noch lange nicht verschwunden ist, allerdings auch noch ganz wenig untersucht ist. (Siehe Näheres in den von mir bearbeiteten Abschnitten „Aber- glauben" und „Feste und Riten" in M. Marcuse: Handwörterbuch der Sexual- wissenschaft, Bonn 1923, in folgendem mit Hdwtb. bezeichnet.) So sagt Pli- nius: „Aber nicht leicht wird man etwas finden, was wunderbarere Wirkungen hervorruft als der Blutfluß der Weiber. Kommen sie in diesem Zustand in die Nähe von Most, so wird er sauer, die Feldfrüchte werden durch ihre Be- rührung unfruchtbar, Propfreiser sterben ab, die Keime in den Gärten ver- dorren und die Früchte der Bäume, unter denen sie gesessen haben, fallen ab. Der Glanz der Spiegel wird durch ihren bloßen Anblick matt, die Schneide eiserner Geräte wird stumpf, das Elfenbein verliert seinen Glanz, ja sogar Erz und Eisen rosten und bekommen einen üblen Geruch; Hunde, die davon lecken, werden wütend, und ihr Biß wird dadurch zum unheilbaren Gifte. Selbst das sonst so zähe und klebrige Harz, welches zu einer gewissen Zeit auf dem Asphaltsee in Judäa herumschwimmt, das sich nicht ablösen läßt und an alles, was damit in Berührung kommt, sich fest anhängt, haftet nicht an einem Faden, der mit diesem Gifte benetzt ist. Sogar die Ameise, dieses so kleine Tier, soll eine Empfindung davon haben; denn sie wirft die zusammengetragenen Körner, welche davon berührt sind, weg und sucht sie niemals wieder auf." Noch der Leibarzt des Großen Kurfürsten, B. T. v. Güldenklee, schreibt in seinem 1704 erschienenen „Zeughaus der Gesundheit": „Dieses (das Menstruationsblut), so es in den Leib genommen wird, machet den Menschen vergessen, stumpfsinnig, melancholisch, unterweilen gar rasend und unsinnig oder aussätzig." Sehr häufig erstreckt sich der Glaube an schädlichen Einfluß auf die Tätigkeit des Mannes; so vermeinen die Bering-Eskimostämme, daß die zum erstenmal Menstruierende eine besondere Atmosphäre um sich verbreite, die so gefährlich sei, daß ein junger Mann, der in ihr Bereich kommt, keine Jagderfolge mehr erzielen wird, weil ihn fortan jedes Tier bemerken wird. Im Gebiete der Omahaindianer glaubt man, daß die Menstruation besonders den


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Kindern gefährlich sei. Wenn nämlich ein Kind mit einem menstruierenden Weibe ißt, bekommt es eine fressende Brustkrankheit und seine Lippen verdorren im Umkreis von zwei Zoll; das Blut wird schwarz und das Kind muß erbrechen. Die Urheberschaft der Menstruation schreiben daher die Naturvölker meist bösen Dämonen zu, die in Beziehung zum Blute stehen. Sehr häufig ist es der Mond — denn überall auf der Erde wird der Verlauf der Menstrualperioden mit dem Mondumlauf, die beide 28 Tage dauern, in Verbindung gebracht. Anstatt anderer Erzählungen sei daher nur eine von Seligmann aus Britisch- Neuguinea berichtete Erzählung wiedergegeben: „In alten Zeiten lebte der Mond auf Erden als ein Jüngling von winziger Größe und am ganzen Körper mit hellfarbigen Haaren bedeckt. Er pflegte den Frauen und Mädchen nach dem Garten zu folgen. Lange Zeit nahm keine von ihm Notiz, bis er eines Tages zu schreien anfing, worauf eine verheiratete Frau ihn aufnahm und in ihren geflochtenen Korb setzte, der an einem Aste hing. Nach einer anderen Angabe war er selber hier hineingeklettert und hatte erst von hier aus zu schreien an- gefangen. Da sagte ihm die Frau, er solle still sein, sie wolle für ihn Nahrung holen und sie kochen. Während sie für diesen Zweck eine Yams- Wurzel aus- grub, schlüpfte der Kleine aus dem Korb, brach ein Stück Zuckerrohr ab und aß es. Darauf kohabitierte er mit der Frau mit dem Erfolge, daß sie schwanger wurde. Ihr Ehemann beschuldigte sie des Ehebruchs mit dem Jungen; sie leug- nete zwar, aber er hatte doch Verdacht und lauerte ihr auf, und in kurzer Zeit fand sich das Paar zusammen, worauf der Bursche in seinen Korb zurück- kletterte, der jetzt in dem Gartenhause hing, und hier wieder zu schreien begann. Die Frau sagte, er solle still sein, sie wolle ihm zu essen geben und dann ins Dorf zurückkehren. Der Gatte aber zündete vor und hinter dem Hause ein Feuer an, so daß der Bursche nicht entrinnen konnte und getötet wurde. Sein Blut spritzte zum Himmel auf und wurde hier zum Mond. Letzterer ver- kündigte, daß zur Vergeltung alle Mädchen und jungen Frauen bluten sollten, wenn er erscheint, aber daß alte Weiber und Schwangere hiervon ausgenommen sind, letztere, seitdem er für diesen ihren Zustand verantwortlich sei." Daß zu diesem Glauben der Schädlichkeit praktische Motive führten, ist klar; es kann aber hier nicht näher untersucht werden. Selbstverständlich ist aber andererseits, daß man sich vor den Weibern während dieser Zeit abschließt. Meist wird die


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Frau abgesondert oder doch wenigstens durch ein Zeichen als unrein kenntlich gemacht. So tragen die Woloff-Frauen ein buntfarbiges Tuch, das dreieckig zusammengelegt ist, über die Brust zusammengeknüpft um den Oberkörper, während die Queensland-Australierin von ihrer dritten Menstruation ab einen Korb mit leeren Muscheln auf dem Rücken trägt, der verhindern soll, daß sie sich zwecks geschlechtlicher Beiwohnung auf den Rücken legen kann. Am häu- figsten begegnen wir aber der Absperrung in einen getrennten Raum oder in ein eigens für diesen Zweck bestimmtes Haus; oder gar, wie beispielsweise auf der Insel Serang, in den Wald. Die einfache Absonderung finden wir meist auf den Südseeinseln, bei den Omahaindianern, wo sich die Frau während dieser Zeit ein eigenes Feuer anzündet; gewöhnlich müssen die Weiber dabei auch ihre besonderen Geschirre und Geräte benutzen, meist auch eine Art Diät einhalten. Der Gebrauch eigener Hütten, Menstruationshütten genannt, ist aber eigentlich noch verbreiteter. Diese Hütten sind oft in einiger Entfernung vom Dorfe ge- baut; so in Australien in vielen Gegenden, bei Indianerstämmen Nord- und Südamerikas und besonders in Afrika. An der Elfenbeinküste hat jedes Dorf seine abgesonderte Hütte, die Burnamon heißt, in die sich die Weiber zurück- ziehen und hierher ihre Nahrung gebracht erhalten. Bei den Hottentotten sowohl als bei den Kaffern baut sich das Weib diese Hütte sogar jedesmal selbst. In solchen Hütten können an verschiedenen Stellen der Erde auch meh- rere unreine Frauen hausen, die sich manchmal nach außen hin auch durch Bemalung kennzeichnen, eine Sitte, die aber wohl ursprünglich einen tieferen Grund hatte; so malen sich die Hottentottenweiber ein brillenförmiges Zeichen ins Gesicht, während sich verschiedene andere Völker, so die Negerinnen der Loangoküste rot, die nordostasiatischen Itynay schwarz färben. Von den Siusi im nordwestlidien Südamerika berichtet Koch-Grünberg: „Bei der ersten Men- struation wird dem Mädchen von der Mutter das Haupthaar kurz geschnitten und der Rücken mit Genipapofarbe überstrichen. Die Jungfrau sitzt während der Prozedur inmitten des Hauses, im Kreise der »Freundschaft*. Jeder von den Freunden nimmt sich einige Büschel Haare, die er sorgfältig verwahrt. Darauf findet ein großes Kaschirifest statt. Bis zur zweiten Menstruation darf das Mädchen nur Beiju, Pfeffer und kleine Fische essen. Alle größeren Fische und warmblütigen Tiere sind ihr verboten. Beim Eintritt der zweiten Menstruation


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singt der Vater früh vor Sonnenaufgang einen ähnlichen langen Gesang mit Aufzählung aller Tiernamen, wie es bei der Totenfeier gebräuchlich ist. Dann wird der Jungfrau ein großer Topf voll Fische und Fleisch von allen möglichen Jagdtieren vorgesetzt, und das Fasten ist beendet. Zur Feier des Tages wird sie mit Carayuru-Farbe schön bemalt. Kaschiri mit Tanz darf natürlich auch bei dieser Gelegenheit nicht fehlen." Die Rückkehr zur Allgemeinheit erfolgt gewöhnlich nach 3 bis 7 Tagen und macht verschiedene Reinigungszeremonien nötig. Dazu gehören von allem Waschungen, die manchmal, so bei den Konde (Ostafrika), durch die Tätigkeit einer Medizinfrau unterstützt werden. Am besten sind wir über diese Waschungen durch Vaughan Stevens bei den wilden Stämmen von Malakka unterrichtet. Das Waschwasser ist in eigens diesem Zwecke dienenden großen Bambusröhren, die bei den Orang Hutan den Namen Chit-nort, bei den Orang Sinnoi und bei den Orang Kenaboi aber Karpet führen, enthalten (Abb. 33, Fig. 3). Die Röhren sind außen mit Zaubermustern bemalt, was die Hebamme besorgt. Es wird erzählt, daß das Muster eine Pflanze darstelle, die die Stämme in ihrer eigentlichen Heimat, wo sie gewachsen sei, dem Wasser tatsächlich beigemischt hätten. Die Muster sind bei Mäddien und verheirateten Frauen verschieden und haben den Zweck, „das Blut zu zer- stören". Wird das unterlassen, so entstehen daraus die Hantu Darah, Dämonen, die in den Leib des Weibes kriechen und den Blutfluß vernichten. Dieses ist dann nicht mehr in der Lage, gesunde Kinder zu gebären. Wir kommen später bei der Defloration auf die Wichtigkeit dieser Ansicht zurück. Außer durch Waschung wird die Reinigung aber auch durch Schreiten über Feuer oder durch Beräuchern bezweckt (s. Näheres Hdwtb. „Aberglaube" und „Feste und Riten"). Die Samojedin schreitet über ein Feuer hinweg und räuchert sich an Dämpfen von Renntierhaaren oder Bibergeil. Die Samoliweiber benutzen eine besondere Art von Myrrhe, die sogenannte „weibliche Myrrhe", von der sie Stückchen auf Tontöpfe werfen, die mit glühenden Kohlen gefüllt sind. Darauf setzt sich die Frau, hüllt sich fest in ein Tuch und läßt die Genitalgegend beräuchern. Von den Mundruku (Südamerika) berichten Spix und Martius (1820), daß sie ihre Mädchen, wenn sie eben Jungfrauen werden, einem anhaltenden Fasten und dem Rauche im Giebel der Hütte aussetzen. Zweifelsohne wird auf diese Weise als Nebenwirkung der starke Menstrualgeruch vertrieben, der wieder mit der


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Furcht, Ekel zu erregen, zusammenhängt, auf die wir beim Schamgefühl kom- men werden; der Hauptsache nach aber dient der Rauch, das Feuer usw. der Vertreibung von Dämonen, die sonst in den Körper eingehen. Die größte völkerkundliche Wichtigkeit hat aber die erste Menstruation, weil im Zusammenhang mit ihr eine ganze Reihe von Gebräuchen, insonderheit die Reifezeremonien, stehen, die etwa unserer Konfirmation entsprechen, von der man sicherlich behaupten kann, daß sie auf Reifezeremonien zurückgeht, die das Christentum nicht verdrängen konnte. Es mögen zunächst bei der großen Wich- tigkeit der Sadie einige vollständige Beschreibungen Platz finden und dann die einzelnen Gebräuche einer näheren Betrachtung unterzogen werden. So be- richtet Dobrizhofer in seiner wertvollen Geschichte der Abiponen (Südamerika): „Nicht zufrieden mit den Malen, welche beide Geschlechter bei den Abiponen gemein haben, lassen sich ihre Töchter noch allerlei Charaktere in ihr Angesicht, ihre Brust und Arme einstechen, so daß sie wie türkische Tapeten aussehen. Je vornehmer und ansehnlicher ein Mädchen bei seinem Volke ist, desto mehr muß es sich zerstechen lassen. Diese Zieraten kosten ihm nicht wenig Blut, aber noch weit mehr Seufzer. Hier ist die ganze Trauerszene: Sobald die Natur durch irgendein Zeichen die Mannbarkeit des Mädchens außer Zweifel ge- setzt hat, sobald wird es nach hergebraditer Gewohnheit bezeichnet. Eine alte Indianerin setzt sich nämlich auf die Erde und nimmt den Kopf der zu Be- zeichnenden in ihren Schoß. Ihre Art zu malen ist sonderbar. Dörner sind ihre Pinsel und die mit dem Blut vermischte Asche ihre Farbe. Sie zerfleischt ihr Mädchen, um es dem Landesgebrauch gemäß zu schmücken. Tief sticht die grausame Künstlerin ihre Dorne in das Fleisch der Unglücklichen und zieht damit Figuren und Linien, so daß ihr Gesicht im Blute schwimmt. Preßt ihr der Schmerz einen Seufzer aus, oder zuckt sie mit ihrem Gesichte, so wird sie mit Beschimpfungen und Spöttereien überhäuft. ,Pfui der feigen Empfindlichkeit!' wird die Alte griesgramen. ,Du bist der Auswurf und die Schande unserer Nation. Wie, das Kitzeln mit dem Dorne findest du so un- ausstehlich? Hast du schon vergessen, daß du von Männern abstammst, die sich nach Wunden sehnen und selbe für Gewinn achten? Schäme dich, du weichliche Memme! Du bist wie Baumwolle. Ganz gewiß bekommst du keinen Mann! Wer von unserer Heldennation soll eine so unverschämt Furchtsame seiner


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Liebe würdigen? Wirst du dich aber still halten, so sollst du so schön werden wie die Schönheit selbst.' — Diese Vorwürfe wirken so sehr auf das Mädchen, daß es, um nicht das Märchen und der Spott ihrer Gespielinnen zu werden, keinen Laut mehr von sich hören läßt, die heftigsten Schmerzen verbeißt und sich mit heiterer Stirne der grausamen Operation unterwirft, welche die Vettel mit ihren Dornen einige Tage nacheinander fortsetzt: denn wenn sie mit der einen Hälfte des Gesichtes fertig ist, so wird das Mädchen nach Hause geschickt und die Bezeichnung der andern Hälfte, der Brust und der Arme erst die fol- genden Tage vorgenommen. Während dieser ganzen Zeit wird die Patientin in der Hütte ihres Vaters eingeschlossen und mit Ochsenhäuten umgeben, daß ihr die kalte Luft nicht schade. Fleisch, Fische und gewisse andere Speisen läßt man ihr nicht zu. Alles, was sie essen darf, sind kleine Äpfelchen, die man Kakie, Roayami oder Nauaprahete nennt und an einigen Dornenhecken findet. Wiewohl diese Frucht sonst sehr fieberhaft ist, so trägt sie dennoch zur Er- frischung des Blutes nicht wenig bei. Weil nun die Mädchen so viele Tage fasten müssen und täglich viel Blut verlieren, so werden sie außerordentlich blaß. Das Kinn wird nicht mit Punkten, wie die anderen Teile, sondern mit geraden Linien, welche die Alte mit ihrem Dorn auf einen Zug aufreißt, ge- zeichnet. Diese Linien sind so gezogen, daß man Noten darauf schreiben könnte. Alle Dorne scheinen etwas Vergiftetes zu enthalten; daher sdiwellen der jungen Indianerin, die damit gestochen wird, Augen, Wangen und Lippen schrecklich auf. Die an die wunde Haut angeriebene Asche gibt auch derselben eine so traurig düstere Schwärze, daß sie, wenn sie aus ihrer Folterstube tritt, einer Furie vollkommen gleicht. Ihr Anblick bewegt selbst ihren milden Vater zum Mitleid. Aber darum denkt doch niemand daran, diesen unmenschlichen Ge- brauch abzuschaffen: denn die Indianer glauben, daß ihre Töchter durch diese martervolle Zeichnung geschmückt und zur Ertragung der Geburtsschmerzen abgehärtet und vorbereitet werden. So sehr ich die Unempfindlichkeit der Alten, mit der sie ihre Mädchen peinigen, verabscheue, so sehr bewundere ich ihre Geschicklichkeit in Auftragung der Figuren, wobei sie nicht nur in den Punkten viele Mannigfaltigkeit anbringen, sondern auch auf beiden Backen ein genaues Ebenmaß der Linien und eine vollkommene Gleichheit der Züge beobachten, ohne daß sie sich hierzu eines anderen Werkzeuges als der Dorne von ver-


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scbiedener Größe bedienten. So viele Abiponerinnen, so viele verschiedene Ge- sichtszeichnungen. Die am meisten gezeichnet und gestochen ist, ist die Vor- nehmste und aus dem ansehnlichsten Geschlechte. Hingegen gehört die un- streitig zu den Gemeinen oder Gefangenen, welche nur mit drei oder vier schwarzen kleinen Linien bemerkt ist." Auch die Mädchen von Formosa werden nach Fischer bei den nördlichen Stämmen tatauiert, wenn sie in das heirats- fähige Alter treten. Weiteres interessante Material gewinnen wir aus einem Berichte Büttikofers über die Negerinnen von Liberia. Er erzählt: „Eine mit der Ehe in engem Zusammenhang stehende Institution ist der sogenannte Zauberwald (engl. Greegree-bush), der als ein auf das Eheleben vorbereitendes Pensionat betrachtet werden muß. Es gibt für Knaben und Mädchen je einen besonderen Zauberwald. Beinahe jede größere Stadt (Dorf) besitzt je einen solchen, sowohl für Knaben als für Mädchen, doch sind beide Institute weit voneinander abgelegen und stehen in keinerlei Beziehung zueinander. Ich habe die Greegree-bush-Institution bei den Vey, Kosso, Godah, Pessy Queah und den westlichen Bassa angetroffen, habe aber keine Sicherheit, ob dieselbe auch unter den östlichen Stämmen besteht. Wie gesagt, besteht ein ähnlicher Greegree-bush auch für die Mädchen. Derselbe wird bei den Vey ,sandy' genannt. Auch dieser Zauberwald ist eine Art von Pensionat, das auf einem dazu angewiesenen Platz im Walde, nahe bei der Stadt, errichtet ist. Die Erzieherinnen, bei den Libe- rianern greegree-women, devil-women genannt, sind alte Frauen, deren Ober- haupt gewöhnlich die älteste Frau des Häuptlings ist. Diese Frauen kennt man stets an kleinen, tatauierten Kreuzchen hinten auf jeder Wade. In den Sandy treten die Mädchen im zehnten Jahre, manchmal schon früher, ein und bleiben dort bis zu ihrer Heiratsfähigkeit, oft auch noch länger. Wie an die Soh-bah für die Knaben, so bezahlen die Eltern für ihre Mädchen eine gewisse Leistung in Naturalien an die Dämonsfrauen, um es ihren Kindern an nichts fehlen zu lassen. Auch die Mädchen gehen im Zauberwalde nackt und haben beim Ein- tritt, wie die Knaben, die V erbandstatauierung anzunehmen und sich einer Beschneidung zu unterziehen, die in der Entfernung der Spitze der Klitoris auf operativem Wege besteht. Diese letztere wird darauf in ein Läppchen gebunden, getrocknet und dem Mädchen als Zeichen der Jungfräulichkeit (?) um den Hals gehängt. Die Zeichen, welche Knaben und Mädchen im Zauberwalde erhalten,


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sind meist auf dem Rücken oder den Lenden angebracht und werden durdi Reihen von knötchenartig erhabenen Hautnarben gebildet, die einigermaßen an Perlschnüre erinnern . . . während sich die Zeichnung bei den Vey-Frauen auf einen vertikalen Streifen auf den Lenden beschränkt. Das Betreten des Zauber- waldes der Frauen ist Männern und uneingeweihten weiblichen Personen streng untersagt. Wie der Belly (Knabenzauberwald), so ist auch der Sandy unter die Obhut der N'janas oder der Geister der Verstorbenen gestellt, und wer es wagt, denselben zu betreten, wird, wie man glaubt, durch die wachsamen N'janas sofort angegriffen und getötet. Ältere Frauen dürfen, wenn sie die Abzeichen des greegree-bush tragen, ungehindert ihre Angehörigen besuchen, doch sind sie verpflichtet, beim Eintritt ihre Kleider abzulegen und zurückzulassen. Auch dürfen die Mädchen gelegentlich ihre Verwandten zu Hause besuchen, doch beschmieren sie sich vor dem Austritt mit weißem Ton, so daß sie wie die Clowns in einem Zirkus aussehen; auch dürfen sie, ebensowenig wie die Knaben, keine baumwollenen Zeuge tragen, sondern kleiden sich beim Ausgehen mit einem Schürzchen von Baststoffen oder Blattfasern der Wein- palme. In diesem Zauberwald lernen die Mädchen unter der Aufsicht ihrer Erzieherinnen Gesang, Spiel und Tanz sowie zahlreiche Gedichte, von denen einige, wie schon Dapper sich ausdrückt, ,manches enthalten, das nicht mit Ehren (.'!) gesungen werden darf. Zudem lernen die Mädchen kochen, allerlei häusliche Arbeiten verrichten, Netze stricken und dem Fischfang obliegen. Die Zauberwaldmädchen werden von den Liberianern greegree-bush-girl, bei den Vey sandyding (Zauberwaldkind), meist aber Bony (Jungfrau) im Sinne von Virgo genannt. Auch der sandy hat sein besonderes jährliches Antrittsfest. Dabei werden die austretenden Mädchen, nadidem der ganze Körper reichlich eingeölt, durch ihre Angehörigen mit oft sehr kostbarem Schmuck, wie silberne Halsketten, Armbänder, Beinringe und Schellen, behangen, welch letztere um die Füße getragen werden, um beim Tanzen möglichst viel Lärm zu machen. An diesem Feste tragen die Soh und Soh-bah hölzerne Masken. Diese sind mehr oder weniger kunstreich aus einem Stück Wollbaumholz geschnitzte Mas- ken, von unten genügend ausgehölt, um den ganzen Kopf hineinzustecken. Ein solcher Dämonskopf wird der Person, für die er bestimmt ist, auf Maß gemacht und so tief ausgehöhlt, daß sie, wenn sie denselben auf den Kopf stülpt,


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durch die vorn an der Stelle der Augen angebrachten kleinen Öffnungen bequem sehen kann. Die Masken der Soh-bah stellen Mannsgesichter, die der Soh Frauengesichter vor, bei welchen die eigentümlichen Haarfrisuren mit vieler Sorgfalt nachgeahmt sind. (Soh = Walddämon, bah = groß; Soh-bah also Großdämon, zum Unterschied von Soh, wie die weiblichen Dämonen genannt werden.) Diese schwarz bebeizten Masken sind meist einfarbig, manchmal aber auch auf eine phantastische Weise mit grellen Farben, besonders mit Weiß und Rot, bemalt. Der untere Rand der Maske hat eine starke Einkerbung, um welche ein Blättermantel befestigt werden kann. Von dem in Nieder-Guinea sehr beliebten Federschmuck findet sich in demselben keine Spur. Die weiblichen Dämonen pflegen unter ihrem Blättermantel oft europäische Mannskleider, Strümpfe, Schuhe oder Pantoffel zu tragen. Sie werden, sobald sie sich in der Öffentlichkeit zeigen, von einigen Frauen begleitet, welche Matten bei sich tragen, um bei einem etwaigen Toilettenunglück die Soh vor neugierigen Blicken zu schützen." Ähnliche Veranstaltungen oder dementsprechende Feste finden wir allenthalben. Fast überall sind die Mädchen und die Teilnehmer nackt, und es herrscht große geschlechtliche Freiheit, so besonders bei den Xosa-Kaffern, wo alle Tänze nackt getanzt werden und den jungen Leuten der Verkehr mit jungen Mädchen und Witwen freisteht. Schon aus diesen zusammenhängenden Darstellungen können wir ohne weiteres die Hauptmomente der Reifezeremonien erkennen: die Annahme von Abzeichen, die Reinigung, den Unterricht mit Prüfung, die Tötung und Wiedergeburt und die Befruchtungsriten im Anschluß an den Verkehr mit den Ahnen. Betrachten wir die einzelnen Stufen genauer. Zunächst fallen uns Tatauierungen, Schmucknarben, Schmuckdurchbohrungen und Zahnbehandlung auf; wir werden sie im nächsten Abschnitt gesondert be- sprechen, da sie nicht immer an die Reifezeit allein gebunden sind. Sehr inter- essant ist aber, daß bei verschiedenen Völkern, so bei den caraibischen Mädchen in Britisch-Guyana, ein Abbrennen der Kopfhaare erfolgt, während man auf Samoa das Haar abschneidet, bei Betschuanenstämmen es aber bis auf einen kleinen Schopf abrasiert. Diese Haarzeremonien wiederholen sich nämlich bei vielen Völkern als Hochzeitsriten; wir werden also mehrmals Gelegenheit haben, darauf zurückzukommen. Weit wichtiger sind aber jene Riten, die sich auf die Sexualorgane beziehen. Zunächst die Erweiterung der Vagina. Wir erfahren


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von den Mädchen aus Azimba-Land in Zentralafrika, daß ihnen ein Hörn oder ein Hornkolben in die Vagina getrieben und dort durch eine Bandage aus Rindenstoff festgehalten wird. Auf den Sawu-Inseln (Indonesien) wird ein gerolltes Koliblatt eingeschoben; bei den Alfuren dienen Tampons aus Baumbast dazu. Ob der einzige Grund dieser Manipulation der der bloßen Erweiterung der Vagina ist, ist sehr zweifelhaft, zumal die Mädchen vor der Reifezeit sehr häufig Verkehr haben. Vielleicht spielen dabei außer der künstlichen Defloration — soweit diese in Betracht kommt — Befruchtungsriten eine Rolle. Die künst- liche Defloration ist jedenfalls von größter Wichtigkeit. Wir haben oben von der Gefährlichkeit des Menstruationsblutes gesprochen; auch das Deflorations- blut gilt in gleicher Weise als schädlich. Um seine Gefahren abzuwenden, ins- besondere um den Einfluß der dadurch entstehenden bösen Geister, die Emp- fängnis und Menstruation des Weibes hindern, zu brechen, wird die Defloration vielfach entweder in frühester Jugend, zur Zeit der Reife oder vor der Ehe- schließung vollzogen und dazu entweder künstliche Mittel verwendet, oder ein Priester, auch ein Häuptling hat die Pflicht dazu, wenn nicht endlich ein Fremder gebeten wird, dieses Amt zu übernehmen. Das bekannte jus primae noctis wurzelt sehr in dieser Idee. So wird von den Itälmenen in Kamtschatka berichtet, daß sie es für eine Schmach halten, würde ein Mädchen als Jungfrau in die Ehe treten. Deshalb erweitern die Mütter in frühester Jugend mit den Fingern die Scham, zerreißen die Obstacula und die Jungfrauschaft und lernen ihnen das Handwerk von Jugend auf, wie Steller sich ausdrückt. Ähnliche Berichte haben wir von südamerikanischen Indianern (Machacuras, Paraguay). Die künstliche Defloration wird mit allerlei Geräten vollzogen; so verwenden die Nordaustralier, wie uns Miklucho-Maclay berichtet, ein Stöckelchen, die Be- wohner von Neusüdwales einen Feuerstemsphtter (bogenan) usw. In Indien kommt es vielerorten vor, daß der Penis eines Götterbildes zur Defloration benutzt wird, eine Sitte, die ihre Nachklänge noch im alten Rom hat, besonders als Hochzeitszeremonie, wo sich die Braut auf den Phallus einer Statue der Gottheit der männlichen Befruchtung, Mutunus, die mit der Gottheit der weib- lichen Empfängnis zusammen gewöhnlich als Mutunus-Tutunus bezeichnet wird, setzen mußte. In Verbindung damit stand bei der römischen Eheschließung genau wie bei manchen Reifezeremonien der Naturvölker das Peitschen der


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Abb. 37. Karo-Battakfrau mit Kind.


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Abb. 38. Javanerinnen, Kakao sortierend.


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Abb. 39. Mädchen von Hawai.

Museum f. Völkerkunde, Dresden.


Abb. 40. Maori-Halbblut.


Nach Marquart.



Abb. 41. Samoanischc Mädchen.


Phot. Andrew.


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Abb. 42. Samoanisches Mädchen.


Nach Kramer.


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Frauen mit Riemen aus Bocksfell. Die Frauen liefen dabei nackt (wie bei den Reifezeremonien) und wurden von Priestern, die Luperci hießen, gepeitscht. Man erwartete dadurch Übertragung von Fruchtbarkeit. Im Peitschen liegt an sich auch ein physiologisches Erotikum, das durch eine vasomotorische Reizung Blut in die Gegend der Geschlechtsteile zieht (vgl. Abb. 80). In diesem Bilde ist der alte Gebrauch auf faunische Gestalten übertragen, während ursprünglich wohl nur der Zauberer unter faunischer Maske erschien. Er ist auf alle Fälle sehr alt. Wird die Defloration durch einen Priester oder den Häuptling voll- zogen, so glaubt man, daß dieser in der Lage sei, den drohenden Schäden zu begegnen. Bei einer Reihe von Stämmen ist der alte Zauberpriester verblaßt zu einer Privatperson, der diese Handlungen übertragen werden. Die Priester wurden insonderheit an der Malabarküste gebeten; der Häuptling (resp. König) nimmt die Zeremonie bei den Ballanten (Senegalgebiet), bei den alten Caraiben Südamerikas, bei den alten Bewohnern von Teneriffa usw. vor. Bei den Nairi von Malabar wird ein Stammesangehöriger gebeten, dem mannbaren Mädchen vier Nächte lang beizuwohnen; er erhält dafür Geschenke und hängt dem Mädchen als Zeichen der Geschlechtsreife ein Tali um den Hals. Manchmal wird dies schon vor der Mannbarkeit an 3 — 11 jährigen Mädchen vollzogen. An der Loangoküste wird ein Sklave dazu gedungen. Von besonderem Interesse ist aber, daß bei den wilden Stämmen der Halbinsel Malakka (Orang Sakai), dann bei den Batak von Sumatra, den Alfuren von Celebes usw. der Vater seiner Tochter als erster beiwohnt. Auf diese Sitte kommen wir noch zurück. Recht häufig aber wird das Mädchen Fremden überlassen. So erzählt Cebral (Anf. des 16. Jahrh.), daß in Calicut die jungen Mädchen nackt gingen, reichlich mit Schmuck behangen, und ihre Haare gefärbt hätten. Sie wären sehr sinnlich und bäten die Männer, ihnen die Jungfrauschaft zu nehmen, da sie in jungfräu- lichem Zustand keinen Gatten fänden. Ähnlich war es ijoj in Tenasserim von Ludw. v. Barthema beobachtet worden, dann von Mandelslo bei den Einge- borenen von Malakka. Die Sitte muß sehr weit verbreitet gewesen sein, denn, wie wir sehen werden, begegnen wir einer Verachtung der Jungfrauschaft allent- halben bei Naturvölkern. Wie sehr dies den geschlechtsreifen Mädchen zum Bewußtsein gebracht wird, geht aus einer Notiz von R. Schmidt hervor, der das Cepas-kain-kadu-Fest der Alfuren von Ceram wie folgt schildert: „Nach

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dem Essen wird mit großer Feierlichkeit ein irdener Topf herbeigebracht, der von oben von einem Pisang- oder Bananenblatte verdeckt ist; in der Mitte befindet sich ein Löchelchen. Das Mädchen muß nun die Augen schließen und versuchen, mit ihrem Finger das Loch zu treffen, was ihr die Anwesenden möglichst schwer zu machen suchen, indem sie den Topf hin und her bewegen. Glückt ihr nach vielen vergeblichen Versuchen endlich das Kunststück, dann gibt es ein lautes Gejauchze von allen Seiten. Natürlich deutet dieser Brauch auf den Koitus und das Zerreißen des Hymen und hat den Zweck, das Mädchen sehen zu lassen, daß für sie Jungfräulichkeit nichts zu bedeuten hat. Von diesem Augenblick an ist sie denn auch frei und kann nach Lust und Laune handeln." Mit diesem Feste ist aber ein weiterer wichtiger Brauch verbunden, das Ablegen des Menstruationskleides, eine Sitte, die wieder parallel läuft mit dem Ablegen der Brautnacht- respektive Deflorationskleidung. An seine Stelle tritt eine neue Kleidung, die allerdings oft sehr primitiv ist, ja manchmal nur in einer be- sonderen Art der Bemalung und Anlegen von Schmuck besteht. Die Australie- rinnen werden gewöhnlich vor der ersten Menstruation verheiratet. Tritt diese aber ein, dann werden sie fünf Tage lang abgesperrt und danach von der Mutter wieder dem Gatten zugeführt. Dabei haben sie einen Leibgürtel, eine Halskette aus Perlmuscheln, ein Kopfband, manchmal auch eine Perlmuschel-Brustplatte erhalten. Schnüre mit eingedrehten Federn vom grünen Bergpapagei sind ihnen um Arme, Handgelenke und Schultern gewunden. Außerdem sind sie mit roten, weißen und gelben Tupfen bemalt. Besonders charakteristisch ist das Anlegen der Bauchschnur bei südamerikanischen Völkern und ähnlicher primitiver Klei- dungsstücke, die wir im folgenden Abschnitt besprechen werden. Recht eigen- artig ist die Reifetracht der nordwestamerikanischen Nutkaindianerinnen; sie erhalten eine Zedernbastdecke als Kleidung und einen beutelartigen Schmuck aus Zedernbast, der heute mit Perlen verziert wird, ins Haar. Bei anderen Völkern macht sich das Bestreben geltend, die Hüftsdinüre oder flachen Gürtel- chen (Abb. 53) durch eine größere Verhüllung zu ersetzen, so bei den Kaffern (Abb. 50). Zweifelsohne spielt hier die Furcht vor dem bösen Blick eine große Rolle. Ähnlich wird bei den Jap-Insulanerinnen das kleine Grasröckchen durch einen größeren Bastrock ersetzt. Sehr eigenartig sind aber die noch immer nicht völlig erklärten Gebräuche der Infibulation und der Beschneidung. Eine sehr


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typische Beschreibung der Beschneidung hat uns Dapper gegeben, die noch den Vorzug hat, aus älterer Zeit zu stammen. Sein Bericht bezieht sich auf die Veyneger von Liberia: „Wie nun diese Mannsbilder das Zeichen Belly (d.h. die Narbenzeichen des Zauberwaldes, siehe oben) haben, so haben fast eben auf dieselbe Weise die Frauen ein Zeichen des Bundes, welches sie Nesogge nennen. Dieses hat seinen Uhrsprung in Gale genommen und ist itzund auch in Folgia und Quoja gebräuchlich. Man bringet 10 oder 12, auch wohl mehrjährige Töch- ter, als auch Frauen an einen sonderlichen abgeschiedenen Ort in einem Busch (= Wald) nicht weit vom Dorfe; da die Männer ihnen erst Wohnhütten ge- macht und darnach eine Frau aus Gola kommen lassen, welche sie Soghwilly nennen, weil sie die Oberste ist dieses Werkes, nähmlich im tödten der Garnur oder Vala Sandyla, wie sie es heißen. Die Soghwilly, welche als eine Priesterin ist, giebet der Versammlung Hühner zu essen; welche sie Hühner des Bundes, Sandy-Laten, nennen, weil sie dadurch verbunden werden alda zu bleiben. Dar- nach schäbret man ihnen das Haar mit einem Schährmesser ab, und bringt sie des andern Tages an einen Fluß im Busche; da zur stunde die gemalte Priesterin die Beschneidung verrichtet: nehmlich eine muß die andere festhalten, und die Priesterin ziehet oder schindet den Kützel der wohllust (= Kitzler) aus der Schaam; welches überaus blühtet und sehr schmertzet. Nach der beschneidung heilt die Priesterin die Wunden mit grünen Kreutern; welches zuweilen kaum in 10 oder 12 Tagen geschiehet. Gleichwohl bleiben sie alda drey oder vier Mohnden bey einander, und lernen unterdessen Tänze und Lieder von ihrem Sandy: welche so mancherley und so übel zu begreiffen seynd. Und in solchen Liedern ist sehr wenig, welches sie mit Ehren singen mögen; ob sie schon sonsten in ihren täglichen reden züchtig, ehrbar und schaamhaft seynd. So lange sie alda bey einander seynd, gehen sie gantz nacket: dan alle ihre Kleider wer- den ihnen, bey ihrer ankunft, von der Priesterin genommen, und sie bekommen dieselben niemahls wieder. Die alten Beschnittenen dürfen zwar bey ihnen aus- und eingehen, so oft sie wollen: aber sie müssen ihre Kleider draußen auf dem Wege liegen lassen, und ohne Kleider zu ihnen kommen. Wen die Zeit herbey komt, daß sie wieder heraus sollen geführet werden, so machen sie ihnen ein Kleid aus Baste von den Bäumen, welches sie roht und gelbe färben; und ihre Freunde bringen ihnen vielerley Zierraht, als Armringe, Korallen, Schällen,


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welche sie um ihre Beine hängen.wan sie tantzen, und dergleichen mehr, damit sie sich im Ausgehen schmücken." Ploß Bartels haben einige Angaben über das Alter der Mädchen, in dem die Beschneidung vorgenommen wird, gesammelt; daraus geht hervor, daß diese Beschneidung entweder im zarten Jugendalter oder zur Zeit der Reife geschieht. Auch über die Art der Ausführung sind wir gut unterrichtet. Bei verschiedenen Völkern wird zuerst versucht, das Mädchen möglichst unempfindlich zu machen; dies geschieht bei den Masai durch vorherige Überschläge mit kaltem Wasser, bei peruanischen Indianerstämmen durch starke Berauschung des Mädchens mittels Tschitscha (einem aus Maniokwurzeln bereite- ten Getränke). Die Operation erstreckt sich auf verschiedene Teile; zumeist wird die Klitoris abgetragen, manchmal auch die kleinen Geschleclitslippen oder beides. Die Ablösung eines Teiles oder der ganzen Klitoris beschreibt uns Merker für die Masai: „Die Operation ist ein einfaches Abschneiden der Klitoris und wird mit einem geschärften Stückchen Eisenblech, wie man es zum Rasieren des Kopfes verwendet, ausgeführt. Darauf wird die kleine Wunde mit Milch gewaschen, die zusammen mit dem vergossenen Blut in den Erdboden einsickert. Ein blut- stillendes Mittel wird nicht angewendet. Bis zur vollständigen Heilung bleibt das Mädchen in der Hütte der Mutter." Etwas fortgeschrittener ist die Technik bei der Bevölkerung des Niger-Delta. Cardi berichtet darüber: „Die Art, wie die Operation ausgeführt wird, schwankt bei den verschiedenen Stämmen: im Old-Calabar-Distrikt geschieht das auf folgende Weise. Derjenige Teil von der Spitze einer Kokosnußschale, welcher die Augen hat, wird sorgfältig abgeschnit- ten und wird sehr glatt und dünn geschabt. Dann wird das Auge, welches die Milch ausfließen läßt, sorgfältig ausgebohrt und die Ränder ganz glatt geschabt. Darauf wird die Glans der Klitoris durch dieses Loch gezogen und mit einem Rasiermesser oder in manchen Fällen auch mit einem als Rasiermesser dienenden Stück Flaschenglas abgeschnitten. In ähnlicher Weise wird auf Celebes ein kleines Stückchen der Klitoris abgelöst, dann aber die Wunde sorgfältig behandelt." Die Ablösung größerer Partien beschreiben Ploß-Bartels bei den Woloffen: „Das junge Mädchen setzt sich auf einen nicht weit von der Wand abstehenden Klotz, spreizt die Beine und lehnt hinten über, so daß die Wand ihren Körper stützt. Die Operateurin faßt die kleinen Schamlippen mit der linken Hand und schnei- det sie mit kräftigem Zuge mit einem alten Messer ab, das mehr an eine Säge


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erinnert. Ein aufgelegtes Pflaster stillt die Blutung. Eine Woche bleiben die Operierten zu Hause; dann sieht man sie noch 3 bis 4 Wochen hindurch täglich mit Stöcken in der Hand zum Flusse gehen und dort ihre vorgeschriebenen Wasclmngen machen. Zuletzt wird der Verband abgenommen." Fragen wir uns nach dem Zweck dieser Operation, so kommt zunächst die Beobachtung in Be- tracht, daß in afrikanischen Gegenden Klitoris und Lippen oftmals zu einer die Beiwohnung hindernden Größe auswachsen, so daß ihre Entfernung naheliegen muß. Doch dürfte das bei weitem nid« genügen, um diese Erscheinung zu er- klären. Fast überall geben die Völker selbst an, daß man glaube, die Ehen würden durch diese Operation fruchtbarer, oder die Kinder seien erst nach dieser Operation stammesecht. Krauß bringt sogar von den Suaheli bei, daß man bei Frauen, denen alle Kinder sterben, die Klitoris oder Teile davon mit dem Rasiermesser abträgt, und daß dann alle folgenden Kinder am Leben bleiben. Es handelte sich also ursprünglich um eine Art Zauber, bei dem das abgeschnittene Stückchen eine Rolle spielte, etwa um die die Fruchtbarkeit hindernden Dämonen zu bannen. In manchen Fällen trägt das Mädchen das Segment eine Zeitlang bei sich. Damit würde man die Behandlungsweise ähnlich zu fassen haben, wie den Zauber mit der Nabelschnur, den wir später berühren, oder das Abschneiden von Fingergliedern (s. Hdwtb. „Aberglaube", „Couvade", „Feste und Riten", „Lie- besleben", wo ich genau darauf einging, besonders im Abschnitt „Reifezeremo- nien"). Auf ein weiteres Moment kommen wir weiter unten. Jedenfalls ist es durchaus nicht notwendig, daß die Beschneidung der Frauen und die der Männer den gleichen Ursprung haben müssen. Die Geschlechtsteile spielen im Ideenkreis der Naturvölker eine so große Rolle, daß eine Reihe von ähnlichen Gebräuchen ganz verschiedenen Ursprung haben kann. Die Beschneidung als Einleitung zum Geschleditsverkehr zeigt uns deutlich die von Spencer und Gillen berichtete Auf- fassung bei zentralaustralischen Stämmen. Bei den nördlichen Aranda und II- pirra bespricht sich der dem etwa 14 bis 15 jährigen Mädchen zugewiesene Mann mit den Söhnen der Schwester seines Vaters (unkulla). Sie und die gesetzmäßigen Gatten des Mädchens (unawa) sowie der Bruder der Großmutter mütterlicher- seits (ipmunna) schleppen das Mädchen hinaus in den Wald. Der Ipmunna führt hier die Beschneidung mit einem Steinmesser aus und berührt dabei die Ge- schlechtslippen des Mädchens mit einer Churringa. Nach der Beschneidung ver-


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binden sich diese sämtlichen Männer mit dem Mädchen, das vom Ipmunna mit Pelzstreifen usw. geschmückt nun ihrem eigentlichen Ehemann zugeführt wird, der sie aber an die genannten Männer wieder verleihen kann. Ein Beschneidungs- messer stellt Abb. 94 dar, die Mitglieder des Bundubundes dagegen Abb. 81. In Sierra Leone sind die beiden wichtigsten Geheimbünde (der Mendi) der Poro- bund für Männer und Knaben und der Bundubund für Frauen und Mädchen. Ein großer Teil aller Weiber tritt in ihn ein gewöhnlich mit 8 bis 10 Jahren. Es spielen sich nun im Bundubusch Zeremonien ab, die ganz den oben geschilder- ten gleichen; so werden die Mädchen mit Ton beschmiert, beschnitten und ta- tauiert. Abb. 86 zeigt die Masken der Medizinweiber des Bundubundes. Hand in Hand mit den Reifezeremonien geht aber auch eine Art von Belehrung, der sich eine Reifeprüfung anschließt. Dies besteht sowohl in der Erprobung ge- wisser Fähigkeiten als im Ertragen von Schmerz und Qualen. In irgendeiner Form scheint dieser letzte Punkt fast immer mit den Reifezeremonien verbunden zu sein. Wir haben bereits oben gesehen, daß die Mädchen im Zauberwalde einen gewissen Unterricht genossen. Bei den Basuto lernen sie beispielsweise Feuer an- blasen, in der Kälte des frühen Morgens baden usw. Es wird ihnen gesagt, daß ein Weib nicht lügen darf, und ähnliches. Bei den Konde in Ostafrika werden sie über sexuelle Dinge unterrichtet und mit den Pflichten der Gattin bekannt gemacht. Bei den Suaheli wird ihnen beim Tanzen das „tikitiza" gezeigt, die mahlenden Körperbewegungen beim Koitus, die sie nachmachen müssen, da ihre Kenntnis unbedingt erforderlich erachtet wird. Unter anderem müssen die Mäd- chen schließlich auch Proben von Kunstfertigkeiten ablegen, so bei den Basuto einen ins Wasser geworfenen Ring durch Taudien heraufholen, bei den Suaheli einen Gegenstand, der hinter ihnen liegt, mit den Lippen durch Hintüberbeugen aufheben und den Sinn von Liedern mit sexuellen Anspielungen deuten. Wenn dies nicht gelingt, erhalten sie Schläge. Die beste Übersicht gibt ein Auszug, den Ploß-Bartels aus Zache über die Suaheli machen: „Bei dem Unterricht beteiligen sich eine große Zahl von Weibern, welche der jungen Elevin so lange den Bauch- tanz vortanzen, bis sie nach einer Reihe von vergeblichen Versuchen ihn endlich selber zur Zufriedenheit ihrer Lehrerinnen auszuführen imstande ist." Von diesem erotischen Tanzunterricht macht Zache folgende Schilderung: „In eng- aufgeschlossener Reihe bewegen sich die Tänzerinnen gemessen im Kreise um


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die in der Mitte hockende Mwari herum. Langsam schiebt eine jede die Füße weiter, ab und zu dreht sie sich um sich selbst. Die Arme hängen am Körper herunter, das Auge ist niedergeschlagen oder schweift träumerisch umher. Wäh- renddessen macht das Gesäß eine, ich möchte sagen, mahlende Bewegung von der rechten Hüfte herab zur linken Gesäßhälfte, dabei lassen sich einzelne in die Knie herab, besonders tief die Manyema- Weiber. Bewundernswert ist dabei die fabelhafte Gelenkigkeit, ,die Hüfte spielen zu lassen'. Die den Tanz be- gleitenden Gesänge beziehen sich sämtlich auf den Geschlechtsverkehr, unter- richten das Mädchen gleichzeitig aber auch in den Geheimbezeichnungen." Zache führt mehrere solcher Lieder an, von denen zwei hier folgen mögen. Das eine lautet:

„Laß dich, wenn auch bebend, beschlafen, Damit du zu den Wissenden gehörest." Das andere wird gleichsam dem jungen Mädchen in den Mund gelegt: „Am Tage, wo meine Vulva erweitert wird, Da ist nicht bei mir die Mutter, Da ist nicht bei mir das Schwesterchen, Am Tage, wo meine Vulva erweitert wird! O Mutter! Die alte Geschichte! Die Kette (langer Penis), die alte Geschichte!" „Die Schülerin hat dann, abgesehen von dem Examen im Tanzen, auch noch andere Proben abzulegen. So muß sie z. B. an das Feuer tanzen, in dessen Mitte eine bis an den Rand mit Wasser gefüllte Tasse gestellt ist; dieselbe soll sie dann kniend, langsam, ohne etwas zu verschütten, herausholen. Eine andere Probe ist folgende: Ein von der Mutter gestiftetes kleines Geschenk, eine Perlenschnur oder ein silbernes Kettchen, wird über dem Kopfe des auf dem Rücken liegenden, am Boden ausgestreckten Mädchens hingelegt. Sie muß nun die Wirbelsäule so weit krümmen, daß sie den Gegenstand mit den Lippen fassen kann. Da die Eltern des Backfisches während der drei Monate für die ganze Gesellschaft den Unter- halt zu bestreiten haben, können nur reiche Leute ihren Töchterchen den Luxus eines vollständigen Kursus gestatten; ein solches Goldfischchen heißt Kiranja (Vor- tänzerin). Ärmere gestatten sich nur die siebentägige Feier, nehmen dann aber gerne, sechs bis zehn an der Zahl, als Wari Kumbi, an der Weihe einer Kiranja


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teil. Zugelassen werden ferner vielfach Wari kilili, längst mannbare Mädchen, bei denen seinerzeit aus irgendeinem Grunde die Weihe nicht stattfinden konnte, z. B. Wanjamwesi-Mädchen, welche erst in späterem Alter an die Küste ge- kommen sind und sich entschlossen haben, dort zu bleiben. Diese beeilen sich dann, islamische Suaheli-Sitten anzunehmen, insbesondere bedürfen sie, um bei der männlichen Küstenbevölkerung Glück zu machen, unbedingt der geschätzten Kunst des Ku-tikitiza, d. h. der Beherrschung der von den Suaheliweibern zu einem vollständigen Kunstsystem entwickelten Hüftbewegungen beim Koitus. Dann erst sind sie aus "Wilden (washenzi) Damen (bibi) geworden." Sehen wir nun von allen diesen rein praktischen Momenten ab, so erkennen wir bereits aus den erwähnten Tatsachen, daß das Wesen der Reifezeremonien die Abwehr böser Dämonen (durch die Reinigungsriten) und die Wiedergeburt „eines neuen Menschen", wie wir später genauer sehen werden, einerseits und ein Befruchtungszauber andererseits ist. Die Abwehr der bösen Geister wird beson- ders durch zwei Mittel bezweckt, das gründliche Abwaschen der Blutung, aus der sie entstehen können, und durch Nacktgehen. Dieses hat bekanntlich bei allen Völkern der Erde diesen Zweck; ebenso wie die Entblößung der Geschlechtsteile. Noch bei den Hexenprozessen wurden bekanntlich die Angeklagten entkleidet und öfter bei Frauen die Genitalhaare abgebrannt, damit sie „dort keinen Zau- ber für Standhaftigkeit verbergen könnten". Von den Wabondei in Ostafrika erzählt Baumann: „Die Mädchen begeben sich splitternackt mit einer ,weisen Frau' in den Wald, wo sie 6 bis 8 Tage verweilen. Doch können sie während dieser Zeit manchmal nackt in das Dorf zurückkehren, um etwaige Verrichtungen zu besorgen. Der Schlußtanz, der alles junge Volk der Umgebung vereint, findet im Dorfe statt. Dabei sitzen die Mädchen nackt in der Dorfschenke auf den aus- gestreckten Beinen ihrer Mutter, werden am Körper und im Gesichte mit weißen Zeichnungen bemalt und müssen später laufend glühende Kohlen in der Hand durchs Dorf tragen. Die Bemalung mit weißer Farbe deutet bereits auf das folgende Moment, das Sterben des alten Menschen, denn Weiß ist die Farbe des Todes. Dies dauert i bis 2 Tage, während welcher alles, was Beine hat, tanzt und sich am Palmweingenuß ergötzt." Damit andere nicht geschädigt werden, wird das Mädchen abgesperrt. Während der Absperrung sind die Kandidaten im Totenreich. Sie werden gleichsam wiedergeboren und erhalten neue Namen,


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Abb. 4 3. Samoanisches Mädchen.


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Abb. 44. Junge Samoanerin.


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Abb. 46. Frau vonden Admiralitäts inseln, ca. 20 Jahre alt.

Museum f. Völkerkunde, Dresden.



Abb. 45. Fidschi-Insulanerin.

Nach Friedenthal.


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Phot. W. A. Mansell & Co.


Abb. 48. Tongamädchen.


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Abb. 49- Mädchen von Neu-Südwales.


Anthrop. Ges., Berlin.


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Abb. 50. M'Kosa Kafferin.


Nach Friedenthal.


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Abb. 51. Mutter und Kind (Nordafrikal


Phot. Dobbertin.


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womit zugleich das Opfer der Beschneidung und andere Blutopfer usw. verbun- den sind. Diese Abschließung leitet uns aber von selbst zu den Befruchtungsriten; denn man übt in der Reifezeit allerlei Zauber aus, gar häufig denselben, den man zur Erhöhung der Fruchtbarkeit der Felder vollzieht. In der frühesten Zeit hatte der Mensch keine Ahnung davon, daß die Beiwohnung des Mannes die unbedingte Ursache der Schwangerschaft sei. Er glaubte vielmehr, daß beide nichts miteinander zu tun hätten; der Beischlaf wurde lediglich als angenehme Beschäftigung aufgefaßt und über die Herkunft der Kinder dachte man, daß sie als fertige Wesen von außerhalb in die Mutter gelegt würden. Der Naturmensch konnte den wahren Zusammenhang auch gar nicht erkennen, denn er denkt nur auf ganz kurze Zeiträume. So war es für ihn kaum möglich, darauf zu schließen, wenn er ein schwangeres Weib sah, daß eine Kohabitation, die vom Tage des deutlich Sichtbarwerdens der Schwangerschaft etwa 5 Monate zurücklag, die Ur- sache dieser Veränderung bilde, da kein ununterbrochener Vorgang die Hand- lung der Beiwohnung mit dem Tage der Erkenntnis der Schwangerschaft ver- bindet. Dem primitiven Menschen fehlte eben auch jede Probe. Wir können heute leicht sagen, ein Mädchen, das nicht mit Männern zu tun hatte, kann nicht schwanger werden, und schließen als ganz selbstverständlich daraus, daß das Kind das Produkt der Vereinigung beider Geschlechter ist. Für Naturvölker gibt es nun aber keine Jungfrauschaft; in den meisten Fällen erwartet man dringend den Tag, an dem man ein Mädchen für den geschlechtlichen Verkehr bekommen oder eine Tochter um teueren Kaufpreis weggeben kann. Aber sogar vor dieser Zeit der Heirat findet bereits geschlechtlicher Verkehr statt. Die Kinder haben darin schon freie Hand und beginnen mit Spielereien, die sehr bald in eine wirkliche Nachahmung des Koitus übergehen. Dies gilt sogar für Völker, bei denen mit Rücksicht auf Ahnenkult und Stammesechtheit eigentlich Keuschheit gefordert wird (hier werden dann eben die Kinder getötet). Dagegen haben Naturvölker eher Proben für das Gegenteil. So werden, wie schon oben gezeigt wurde, sehr häufig Ehen vor der Geschlechtsreife gesdilossen; man übt Beischlaf aus, be- kommt aber keine Kinder; ebensowenig bei den geschlechtlichen Spielereien der Jugend. Noch wichtiger aber ist, daß gerade bei dem häufigen Geschlechtsverkehr die weitaus größere Zahl von Beiwohnungen eine Schwängerung nicht im Gefolge hat. Man hat also zunächst gar keinen Anhaltspunkt für den Zusammenhang,


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wohl aber für das Gegenteil. An diese älteste Periode menschlicher Forschung über das Geheimnis der Zeugung reiht sich eine zweite an, bei der der Mensch dachte, daß die Beiwohnung des Mannes eine Vorbereitung für die Aufnahme des Kinderkeimes sei und das Sperma dem Keime als erste Nahrung diene. Daran schloß sich eine dritte Periode der Erkenntnis, die bis in unsere Tage hineinreicht. Hier wird die Beiwohnung zwar als unumgänglich notwendig für die Befruchtung erkannt, das Kind aber trotzdem aus der Natur gebradit, meist durch elbische Mittler (Storch, Kranich, Ibis, Löffelreiher, Känguruh usw.). Die letzte Phase dieser Periode beherrscht noch unser religiöses Denken von heute, bei der der ursprünglich materielle Kinderkeim zu einem spirituellen Wesen, der Kinderseele, geworden ist, die aus den Händen der Gottheit kommt und dem materiellen Wesen gleichsam eingeblasen wird. Diese Entwicklungsweise ent- spricht vollständig der sonstigen Denkentwicklung des Menschen, die überall vom rein Materiellen zum Spirituellen fortschreitet. Zweifelsohne kam der Mensch durch die Gewinnung von Haustieren und ihre Beobachtung erst zu der Erkenntnis, daß der Beischlaf die Ursache der Befruchtung sei. Hier ist einerseits die Trächtigkeitsperiode viel kürzer, die beiden Endpunkte liegen also näher bei- sammen, und andererseits konnte durch unabsichtliche Absperrung eines Weib- chens sehr leicht die Beobachtung gemacht werden, daß ohne Belegen eine Schwangerschaft nicht eintritt. Betrachten wir noch kurz an einem Beispiel, wie der primitive Mensch sich den Befruchtungsvorgang vorstellte. Eine Reihe tüch- tiger Beobachter, so Roth, Spencer-Gillen, Wettengel und Strehlow haben dies- bezügliche Feststellungen betreffs einiger australischer Stämme gemacht, die der ursprünglichen Denkungsweise noch nahestehen. Hier glaubt man, daß ein Pflan- zengeist ins Weib fährt und sich zum Kinde bildet; dieser Pflanzengeist kommt aus einem großen Walde oder der Wassertiefe und wird materiell gedacht. Der Naturmensch betrachtet sich selbst sowie die Tier- und Pflanzenwelt als gleich- stehend und glaubt, daß sie alle aus denselben Keimen hervorgehen. Men- schen können zu Tieren und Pflanzen werden und umgekehrt. In den Bäu- men glaubt man so die Seelen der Ahnen hausen zu sehen, ebenso in gewissen Steinen (Abb. 89) oder im Wasser. Von ihnen können sich dann emanationsartig die Kinderkeime ablösen, die entweder durch Zauber- oder durch eigene Macht- mittel in das Weib eingehen. Bei den australischen Stämmen glaubte man, daß


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diese Keime etwa die Größe eines Sandkorns hätten, durch den Nabel in die Mutter eingingen und im Uterus zum Kinde auswachsen. Trotzdem seien diese Keime von Anfang an völlig ausgebildete Knaben und Mädchen von rötlicher Hautfarbe und mit Leib und Seele begabt. Verletzt ein Weib solche Bäume oder ißt es von ihren Früchten, so wird es davon schwanger. Durch allerlei Zauber- geräte, besonders durch das Schwirrholz, durch Stäbe, Puppen und ähnliches wird bei verschiedenen Völkern der Erde dieser Vorgang unterstützt. Besonders geschieht das aber bei den Reifezeremonien. Dies ist auch der Grund, weshalb Naturvölker sehr oft jene Kinder töten, die ein Mädchen vor Erledigung der Reifezeremonien geboren hat. Man betrachtet sie nicht als Angehörige des Stam- mes, da sie nicht von dessen Ahnen herrühren, denn durch die Reifezeremonien wird erst die Befruchtung des Weibes durch die Stammesahnen eingeleitet. Missionar Tönijes bestätigte mir, daß z. B. die Ovambo jedes Kind, das vor den Reifezeremonien geboren wird, töten, und von anderen Völkern haben wir die gleiche Nachricht 1 ). Wenn also die Mädchen bei den Reifezeremonien in einen abgeschlossenen Wald oder zum Tanz unter einen Baum geführt werden, so hat das nur den Zweck, sie zu jenen Stammesvorfahren zu bringen, von denen man wünscht, daß sie in der Folgezeit befruchtet werden. Sehr deutlich geht das aus einer brieflichen Notiz von Vortisch an Bartels hervor: „Die zu Bräuten er- sehenen Jungfrauen (der Kroboneger [Goldküste]) wurden auf den Kroboberg geschickt, der sich wie ein kleiner Vulkan aus der Ebene erhebt und mit einer Felsenfluh gekrönt ist. Dort oben lag einst die Stadt, in der die Kroboer ihre Toten im Boden ihrer Familienhäuser begraben. Dort fanden große Fetischfeiern mit Menschenopfern statt, und dort wurden Jungfrauen in die Geheimnisse der Ehe eingeweiht. In dieser Zeit durften die Mädchen außer einem zylinderartigen Hut kein Kleidungsstück tragen, auch nicht, wenn sie zu Besuch in ihr Dorf kamen. Stellte es sich heraus, daß ein Mädchen während dieser Zeit sich mit einem Manne vergangen hatte, so wurde sie von der Felsenfluh in die Tiefe gestürzt. Jetzt ist das Betreten jener Stätte den Negern verboten, und die Gebräuche, die Mannbarkeit zu erlangen, haben etwas andere, mildere Gestalt angenommen."


  • ) Weiter ausgeführt habe ich diese Beobachtung, die unabhängig, aber gleichzeitig mit mir

Hartland auch machte, in dem Aufsatze: „Kausalzusammenhang zwischen Geschlechts- verkehr und Empfängnis" in der „Zeitschrift für Ethnologie", Berlin iooq, Heft 5.


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Das wichtigste bei allen Handlungen mit den Geistern ist ihre Herbeiholung. Die Dämonen bewohnen nun allerlei auffällige Dinge, seien es natürliche Gegen- stände oder Schöpfungen von Menschenhand, die man Fetische nennt. Der ganze Verkehr zwischen ihnen und dem primitiven Menschen beschränkt sich nun aber auf zwei Momente: das Herbeiziehen dieser Dämonen und das Ausüben eines Druckes, der sie vom Bösen abhält und zum Guten zwingt. Diese beiden Mo- mente kann entweder der Mensch selbst vollziehen, oder es besorgt sie eine andere (ältere) Person oder ein berufsmäßiger Zauberer. Das Hingehen erfolgt sowohl im Traume als in der Ekstase. Beide werden entweder künstlich herbei- geführt oder abgewartet. Es ist bekannt, daß der Hungernde ebenso wie der Verletzte allerlei phantastische Vorstellungen hat, und Naturvölker glauben, daß er während dieser Zeit im Geisterreidoe weilt. So blieben für alle Zeiten Beten und Fasten im Zusammenhang. Durch Gifte oder Alkoholika werden ähn- liche Zustände geschaffen, ebenso durch starke Blutentziehung. Darin ist nun der eine Teil der Reifezeremonien begründet; man bringt den Kandidaten in eksta- tischen Zustand, währenddessen man annimmt, daß er im Geisterreiche weile, und faßt seine Wiederbelebung als „Wiedergeburt" auf, eine Idee, die wir über die ganze Welt finden und die auch das Christentum erhalten hat (Untertauchen im Wasser). Äußerlich wird diese Wiedergeburt dadurch charakterisiert, daß dabei vielfach Zeremonien verrichtet werden, die sonst als Totenriten erscheinen. Sie gelten dem Absterben des alten Menschen (Hdwtb. „Feste und Riten"). So berichtet Koch-Grünberg von den Siusi in Nordwestbrasilien, daß „beim Eintritt der zweiten Menstruation der Vater früh vor Sonnenaufgang einen ähnlichen Gesang singt, mit Aufzählung aller Tiernamen, wie es bei der Totenfeier ge- bräuchlich ist". Ähnlich ist die Herbeizwingung des Dämons begründet. Sie ge- schieht in erster Linie durch Opfer. Die Grundidee ist die, daß Seelen und Götter ernährt werden müssen, und daß man sie am leichtesten herbeiholt, wenn man ihnen Nahrung bietet; diese ist in erster Linie das Blut der Opfertiere oder, was noch wirksamer ist, das eigene Blut. Mit dieser Idee mag die Beschneidung in gewissem Zusammenhang stehen, da sie im Grunde genommen eine Blutent- ziehung darstellt, die an dem Geschlechtsteile geübt wird, weil man sie mit dem Wirken der Dämonen in Verbindung bringen will. Recht deutlich hat sich diese Anschauung in der Okipazeremonie der Mandanindianer erhalten. Hatte im


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Winter irgendwie Mangel geherrscht, so wurde an einem großen Platze ein Pfahl, der Sonnenpfahl, aufgestellt. Die Teilnehmer machten sich Einschnitte ins Fleisch, befestigten Pflöcke darin, die mit dem Pfahl verbunden wurden; dann tanzten sie so lange um ihn und betrachteten ihn unverwandt dabei, bis sie ohn- mächtig zusammenbrachen. Damit war der Zustand erreicht, in dem die Gott- heit mit ihnen in Verbindung trat. 1 )

So haben wir die Grundlage für das so schwierige Verständnis der Reifezeremo- nien geschaffen und verstehen einerseits, weshalb Naturvölker ihnen eine so große Bedeutung beilegen, andererseits, weshalb sie sich auch bei Kulturvölkern in ihren letzten Ausläufen nicht verdrängen ließen, denn schließlich ist die christ- liche Konfirmation nichts anderes als eine Ummodlung alter Reifezeremonien, deren anderer Teil in der Taufe steckt (vgl. auch meinen Artikel: „Feste und Riten", sowie „Aberglaube" in M. Marcuse, Handwörterbuch der Sexualwissen- schaft, Bonn 1923). Für die Blutentziehung haben wir bereits genügend Beispiele. Meist geht sie Hand in Hand mit dem Fasten. So berichtet Ploß-Bartels nadi Bates: „Bei den Uaupes wird mit dem Eintritt der Pubertät die Jungfrau auf kärgliche Kost beschränkt und in dem oberen Teil der Hütte zurückgehalten. Außerdem hat sie aber noch Peinigungen zu überstehen. Sie empfängt von jedem Familienmitgliede und Freunde mehrere Hiebe mit schmiegsamen Ranken über den ganzen nackten Leib. Hierbei sind Ohnmächten nicht selten, bisweilen erfolgt selbst der Tod. Diese Operation wird in sechsstündigen Zwischenpausen viermal wiederholt, während sich die Angehörigen dem reichlichen Genüsse von Speisen und Getränken überlassen; die zu Prüfende aber darf nur an den in die Schüsseln getauchten Züchtigungsinstrumenten lecken." Bei den kalifornischen Stämmen müssen sich die Mädchen der Fleischkost enthalten. Heute erklären verschiedene Völker das Fasten anders, als wir es oben betrachtet haben; so glauben die


  • ) Weitere Ausführungen darüber in meinen folgenden Arbeiten: Artikel: „Aberglaube,

Beschneidung, Feste und Riten" in M, Marcuse, „Handwörterbuch der Sexualwissenschaft" , Bonn 1923; dann Ploß-Bartels, „Das Weib", 11. Aufl., herausgegeben von Ferd. Frhr. v. Reitzenstein, Berlin 1923 ; „Der Kausalzusammenhang zwischen Geschlechtsverkehr und Empfängnis" in „Zeitschr. für Ethnologie, Berlin 1909, Heft 5; „Der Zauber als Grund- lage des Gebetes" in „Dokumente des Fortschrittes", Berlin, Aprilheft 1910; „Die ersten sexuellen Darstellungen der Menschheit" in „Geschlecht und Gesellschaft", herausgegeben von Ferd. Frhr. v. Reitzenstein, Dresden 1921, Heft X; „Ethnoanalyse" in „Jahreskurse für ärztliche Fortbildung", 1922, Septemberheft.


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Guayquirias am Orinoko, die das Menstruationsblut für besonders giftig halten, daß ihre Weiber fasten müssen, damit das Gift vollständig eintrockne. Dieser Grund mag mitwirken, ausschlaggebend war er aber keinesfalls. Auch dem Tanz kommt sicherlich eine doppelte Grundbedeutung zu. Einerseits verursacht er ekstatische Zustände, andererseits stellt er einen Fruchtbarkeitszauber dar, wie das besonders bei den Buschleuten deutlich ist. Dort liegt nach Passarge das Mädchen auf der Erde und die jüngeren verheirateten Frauen gehen im Gänse- marsch, zu dem Takt der Musik mit den Füßen aufstampfend und die nach ab- wärts ausgestreckten Arme gleichfalls rhythmisch nach unten stoßend, um das Mädchen herum, eine Kringelform beschreibend. Dabei haben sie das hintere Schurzfell hochgehoben. Mit dem entblößten Gesäß, das übrigens, wie bei den Hottentotten, in auffallender Fülle entwickelt ist, wackeln und kokettieren sie umher. Das geht so eine Weile; plötzlich naht sich ein Buschmann langsamen Schrittes, gleichfalls im Takt mit den Füßen stampfend und mit den angezogenen Unterarmen und geballten Fäusten ebenfalls den Takt schlagend. Auf dem Kopf hat er ein paar Hörner nebst einem Stück Fell befestigt. Vermutlich sollen eigent- lich Elandhörner genommen werden, unser Buschmann hatte sich aber ein paar geschnitzte, fingerlange, mit Holzkohle geschwärzte Holzhörner nebst einem Stück Ziegenfell vor die Stirn gebunden. Der gehörnte Buschmann ist der Bulle, die Weiber sind die Kühe, diese Beziehung ist unverkennbar. Der Bulle naht sich, läuft mehrmals um die Kühe herum, die ruhig weiterstampfen und koket- tieren. Plötzlich springt er in die Reihe hinter eine Frau und zieht mit. Die Be- wegung des Bullen und der Kühe ist dabei so drastisch, daß man ohne weiteres erkennt, es handle sich um eine Szene aus der Brunstzeit der imitierten Tiere. So geht der Zug eine Zeitlang auf und ab. Bald springt der Bulle hierhin, bald dorthin, schließlich löst sich die Reihe unter Lachen und Scherzen auf, die Kapelle verstummt, aber nach einiger Zeit beginnt das Spiel von neuem." — Die Befruchtungszeremonien selbst knüpfen, wie oben angedeutet wurde, entweder an Bäume und Pflanzenteile, oder an das Wasser oder endlich an Fetische an. Auch die Mittlertiere werden manchmal hereingezogen. Die Suaheliweiber tragen nach Veiten die Mädchen nachts auf dem Rücken zu einem Muyombobaum, unter dem dann der Tanz stattfindet. Bei den Ovambo werden die Mädchen ebenfalls zum Tanz um einen Baum geführt usw. In gleicher Weise wird der


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Wasserzauber gehandhabt. Boas erzählt uns von den Nutkaindianern in Nord- westamerika: „Dann ergreifen acht Mann je eine Schüssel, laufen zum Flusse, schöpfen frisches Wasser und kehren damit zu dem Hause zurück. Hierbei müssen sie sich im Kreise bewegen, wobei sie die linke Hand im Innern des Kreises haben müssen. Dann gießen sie das Wasser über die Füße des Mädchens und kehren darauf zum Flusse zurück, sich beständig im Kreise bewegend mit der linken Hand nach innen." Steine gelten als Fetisch; man glaubt, daß Dämo- nen in ihnen ihren Sitz nehmen. Bei den Suaheli gibt eine alte Frau, bei der das Mädchen bis zur Reifezeit weilt, diesem den sogenannten „Stein der Salbung", ein Stück glattgeschliffenen Korallenfels, der mit Gewürz eingerieben wird. Er darf niemals öffentlich gezeigt werden. (Vgl. dazu den heiligen Stein in der Kaaba zu Mekka [Arabien].) Bei südkalifornischen Stämmen endet die Reife- feier nach Rust damit, daß den Mädchen ein merkwürdiger halbmondförmiger Stein gezeigt wird, der in Beziehung zu den weiblichen Geschlechtsorganen stehen soll. Kröber erzählt von den Luisefio-Indianern (einem Zweig der Schoschone), daß den Mädchen zwei erwärmte flache Steine auf den Unterleib gelegt werden. Man mag dazu eine Stelle Sahaguns vergleichen, der sagt, die Mexikaner seien der Ansicht gewesen, daß durch Wärme sich die Kinder im Leibe ihrer Mutter erzeugten. Nichts als eine höher entwickelte Stufe ist es, wenn an Stelle des einfachen Steinfetischs eine Figur aus Ton oder eine Puppe oder ähnliches ver- wendet wird. Missionar Schlömann teilte Bartels mit, daß bei den Bawenda in Nord-Transvaal vor jedes Mädchen eine ganz kleine menschliche Tonfigur ge- stellt wird, die man Koma heißt. Nach Marensky bedeutet dies Wort bei den Konde-Stämmen am Nyassa-See die Gottheit. Solche Figürchen werden auch ge- braucht, wenn Weiber in der Ehe unfruchtbar sind (also im wesentlichen dieselbe Sache). Bei den Evhe-Stämmen heißen diese Figürchen Se. Missionar Spieß be- schreibt sie wie folgt. In einem Körbchen sitzt eine menschenähnliche Figur aus graugelbem Ton, in den in ziemlich regelmäßigen Abständen Kauris und die un- gefähr ebenso großen runden Samenkerne von Caesalpina Bonducella ein- gedrückt sind. Zwei Kauris bilden die Augen, auf dem Kopf sind einige Hühner- federn eingesetzt. Mehrere Baumwollenlappen stecken zwischen der Korbwand und dem unteren Teile der Figur (vgl. Abb. 99, Fig. 10). Bei vielen Völkern ist das Tier als Mittler noch deutlich erhalten; so tanzen in Nord-Transvaal die


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Mädchen um eine aus Lehm gebildete Schlange. Besonders von Interesse ist für diese Frage eine Notiz von Poljakow über die Oronken auf Sachalin, der er- zählt, daß sie sich ein eigenartiges Gebilde über das Bett hängen: „Es war eine Gruppe, die eine Frau und einen Seehund, mit einer gemeinschaftlichen Decke bedeckt, zusammen schlafend, repräsentierte." Der Seehund spielt überhaupt in religiöser Beziehung dort eine große Rolle. Tritt bei den Reifezeremonien ein Zauberer auf, so erscheint er gewöhnlich in einer Tiermaske. So erzählt Powers von den Hupa (Kalifornien), daß sich junge Burschen eine Maske aus Leder oder Schilf über den Kopf stülpen, die an den Seelöwen erinnert. Sie nehmen das Mädchen in die Mitte; rechts und links von ihnen stellen sich zwei alte Weiber. Noch deutlicher berichtet Boas von den nordwestamerikanischen Nutka- indianern. Währenddem Männer und Frauen um das in der Reife stehende Mäd- chen singen und tanzen, steht auf beiden Seiten des Mädchens ein Mann im An- zug des Donnervogels. „Dieser besteht aus einer großen Maske und aus einer vollständigen, mit Federn und zwei Flügeln versehenen Kleidung." Später wird eine mit Figuren des Donnervogels bemalte Holzwand vor das Mädchen gestellt und auf beiden Seiten werden Matten aufgehängt. In diesem so begrenzten Raum muß sich das Mädchen mehrere Tage verborgen halten. (Vgl. Abb. 33, Fig. 1.) Trotz dieser höchst umständlichen Zeremonien sind die Mädchen sehr stolz und fühlen sich zu diesen Zeiten recht wohl. So schilderte Hahn eine Nama- Hottentottin (bei Ploß-Bartels) : „Nach dieser Einkleidung sitzt sie drei Tage lang dem Eingang der Hütte gegenüber an der Seite, wo das Hausgerät sich befindet, in einem von fußhohen Stäben eingeschlossenen, 2 1 /» bis 3 Fuß im Durchmesser weiten Kreise mit untergeschlagenen Beinen, den Mund zum Zeichen ihres Hochgefühls und Stolzes fischmaulartig vorgestreckt und zuweilen mit dem Kopf herausfordernd nickend."

Die Wichtigkeit ist eben auch überaus groß, die gerade dieser Zeremonie bei- gelegt wird, denn die meisten Naturvölker nehmen sie als eine der wichtigsten Perioden, nach denen das Leben des Weibes gegliedert wird. So teilen die Masai (nach Merker) ein:

1. bis zur Beschneidung gilt das Weib als „Mädchen" (en dito);

z. während der Beschneidungszeit bis zum Heilen der Wunde wird es „es siboli" genannt;


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Abb. 57. Abessinierin im Matronenalter (sog. „Amme des Menelik").


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Anthropol. Ges., Berlin.


Abb. 6 1 . Zwergin vom Ituri.


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Das Weib bei den Naturvölkern


3. als beschnittenes Mädchen „junge Frau" oder e singiki;

4. nach dem Aufhören der Menses: 'n akitok;

5. nach dem Ergrauen der Haare „Greisin" oder Koko.

Ganz ähnlich ist die Einteilung nach Spencer und Gillen bei den Zentral- Australiern:

1. bis zum Eintritt der ersten Menstruation: Quiai (Mädchen);

2. von der ersten Menstruation bis zur Zeit, wo die Brüste hängend werden: Wunpa;

3. als ältere Frauen: Ar akut ja.

Noch eine vorläufig recht unklare Operation, deren Zweck nicht gut zu erkennen ist, muß hier erwähnt werden, da sie zur Zeit der Geschlechtsreife vorgenommen wird. Sie betrifft einige wenige Stämme Zentralaustraliens. Purcell berichtet darüber folgendes: „Ein junges Mädchen von 10 bis 12 Jahren wird ausgewählt; die alten Männer fertigen eine lange Rolle von Emu-Federn, um deren eines Ende eine Haarschnur gebunden wird, deren freies Ende zu dem Ende der Rolle geführt wird. Die Schnur wird dann in den Hals der Gebärmutter geschoben; hier wird sie einige Tage gelassen und dann zerren die alten Männer einen Teil der Gebärmutter, welche sie eröffnet haben, heraus. Nach drei Wochen führen sie ein kleines Steinmesser ein und inzidieren den Mutterhals horizontal und vertikal. Daunen von der Ente oder vom Adler werden hineingebracht, um die Gebärmutter offen zu halten. Dann sehen alte Weiber nach dem Mädchen und legen heiße Fettklumpen auf, um die Wunde einzuschmieren und rein- zuhalten. Wenn sie geheilt ist, so schneiden sie die Vagina gegen den After hin ein. Das geschieht, um die ,Mika' (den aufgeschlitzten Penis der Männer) zu- zulassen. 1 ) Wenn die Frau dieser Operation unterworfen ist, so wird sie Euril- thas genannt. Wenn nur die Vagina halb eingeschnitten ist, ohne Verstümme- lungen, so heißt die Frau Woridoh Windees."

Über das Klimakterium besitzen wir nur wenige Beobachtungen, eigentlich nicht viel mehr, als was Ploß-Bartels darüber zusammenstellen. Danach tritt diese Zeit des Aufhörens der Menstruation ein bei den:

Kirgisinnen mit 44 Jahren,


  • ) Mit der Mikaoperation hat diese Manipulation vielleicht nichts zu tun. Vgl. v. Reitzen-

stein: „Aberglaube" in M. Marcuse, Handwörterbuch der Sexualwissenschaft, Bonn 1923.


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Sac und Fox mit 48 Jahren,

Crow (Absäroka) und Assiniboin . „ 40 — 50


Uintah

Apatschen

Scheienne und Arapaho Sioux


40—50 42—J3 46—57 40—58


Die Begattungsfähigkeit hat damit aber ihr Ende durchaus nicht erreicht, sie kann bis gegen 70 Jahre dauern.

Wie in der Jugendzeit eine gewisse Neutralität zwischen dem männlichen und weiblichen Körper bestand, so auch im Greisenalter. Es ist charakteristisch für das Grundprinzip der Natur, daß das Weib seine Rasseneigentümlichkeiten nur in der Zeit seiner geschlechtlich wertvollen Lebensperiode trägt und nur während dieser Zeit mit dem ausgestattet ist, was wir weibliche Reize nennen. Das alte Weib dagegen verliert diesen Zauber und nimmt männliche Züge an. Das speziell weibliche Unterhautfettgewebe wird aufgezehrt, während die darüber- liegende Haut nur wenig zurückgeht. Die Folge davon sind die Runzeln. Ebenso verschwinden die Hinterbacken und der Mons veneris, während die Behaarung dieser Gegend eher größer wird und etwas später ergraut als die Kopfhaare. Die Brüste werden hängend oder verschwinden ganz. Dagegen besteht Neigung zur Bartbildung, und die Stimme wird tiefer (über den innersekretorischen An- teil siehe oben). Das Interesse der Naturvölker an den alten Weibern ist daher sehr gering, zumal sie auch für die Arbeit nicht mehr zu gebrauchen sind. Höch- stens der Aberglaube einerseits oder die Unterweisung der jungen Mädchen andererseits sichern ihnen nicht viel mehr als ein Gnadenbrot. Wird dagegen die Nahrung knapp, so gibt es viele Stämme, die sich der alten Weiber zuerst ent- ledigen. So berichtet Darwin von den Feuerländern: „Nach den übereinstimmen- den, aber völlig unabhängigen Zeugnissen des von Mr. Low mitgenommenen Knaben und Jemmy-Buttons (ebenfalls ein junger Feuerländer) ist es richtig, daß, wenn sie im Winter von Hunger geplagt werden, sie eher ihre alten Weiber töten und verzehren, ehe sie ihre Hunde schlachten. Als der Knabe von Mr. Low gefragt wurde, warum sie dies täten, antwortete er: ,Hunde fangen Ottern, alte Weiber nicht.' Dieser Knabe beschrieb die Art und Weise, in welcher sie durch


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Tatauierun«. 1. Tatauierinstrument von Neuseeland. (Nach loest.) 2. Tatauiermesser aus Adamaua. (Nadi Passarge.) 3. Tataulernadel der Bahuba (Kongostaat). (Nadi Schurr*.) 4. Frau von Djalut. (Nach Krämer.) 5. Fingertatauierung der Marschallinsel-Frauen. (Nach Krämer.) 6. Tatauierungsmuster (Grashalm, an dem Fliegen isiben). (Nach Krämer.) 7. a— k: Tatauierungsmuster: a) uadjir-Punhte und äo-Linien (danach die Tatauierung äo genannt), b) kleine Linien wölben, c) Kofferfisch, d) Delphin, e) Fisch, f) Fischzähne, g) gestielte Entenmuscheln, h) Edelsteine und Perlen. 8. Tatauierung des Mons veneris der Nuhuoro-Insulanerinnen zur Zeit der Geschlechtsreife. (Nach Kubarv.) 9. Rufjtatauierung der Zentral-Eshimo. (Nach Boas.) 10. Rufe- tatauierung der Zentral-Eshimo (Schenkel und Hände). (Nach Boas.)

Zeichnung III

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Halten über Rauch und daher durch Ersticken getötet werden; er machte ihr Geschrei zum Scherz nach und beschrieb die Teile ihres Körpers, welche als die besten zum Essen betrachtet werden. So schrecklich ein derartiger Tod durch die Hände ihrer Freunde und Verwandten sein muß, so ist es doch noch peinlicher, an die Furcht der alten Weiber zu denken, wenn der Hunger anfängt zu drücken. Es wurde uns gesagt, daß sie häufig in die Berge davonlaufen, daß sie aber von den Männern verfolgt und zu dem Schlachthaus an ihrem eigenen Herd zurück- gebracht werden."

3. ABSCHNITT

Körperkultur

a) Die Körperplastik.

Einzelne Gebiete der Körperplastik haben wir bei Gelegenheit der Schilderung der Reifezeremonien bereits behandelt, andere haben wir wenigstens gestreift; wir können uns hier also ziemlich kurz fassen. In sehr übersichtlicher Weise stellt Stoll die Arten der Körperverzierung zusammen; er teilt ein:

A. Verfahren, welche die äußeren Körpergewebe in Substanz beschlagen und deren Form dauernd oder zeitweilig verändern:

I. Verfahren, welche die allgemeine Hautdecke zum Gegenstand haben:

a) die Tatauierung:

i. die Tatauierung durch Akupunktur (echte Tatauierung), 2. die Tatauierung mittels Fadenzeug;

b) die Anlage von Zeichnungen mittels Keloid-Narben. II. Verfahren, welche bestimmte Epidermoidalgewebe betreffen:

a) die Behandlung der Haare durch Schnitt, Rasieren oder Sengen:

i. die Behandlung der Kopfhaare,

2. die Behandlung des Bartes,

3. die Behandlung der übrigen Körperhaare;

b) die Behandlung der Fingernägel;

c) die Behandlung der Zähne durch Zufeilen oder Ausschlagen.

B. Verfahren, die nur die natürliche Färbung der äußeren Körpergewebe


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dauernd oder zeitweilig ändern:

a) Färbung der allgemeinen Hautdecke durch Schminken oder Be- malen,

b) Färben der Haare,

c) Färben der Nägel,

d) Färben der Zähne.

Zu diesen von Stoll so treffend eingeteilten Verfahren der Körperverzierung tritt noch die eigentliche Körperplastik, bei der Körperteile einer Umformung unterzogen werden. Ich möchte sie dementsprechend gliedern:

a) Körperplastik, die auf das Knochengerüst einwirkt:

i. Kopfplastik und Schädeldeformation,

2. Fußverkrüppelung,

3. Amputation von Gliedern;

b) Körperplastik, die nur auf muskulöse Teile wirkt:

a) den ganzen Körper betreffend: Mästung,

ß) die Brust betreffend,

y) Geschlechtsteile betreffend,

<5) die Extremitäten betreffend.

Schon aus diesem Überblick sieht man, welch ungeheures Gebiet wir hier zu durchwandern haben. Zunächst die Tatauierung (vgl. Zeichn. III). Sie ist beiden Geschlechtern gemeinsam, obwohl die Tatauierung der Frauen von der der Männer grundverschieden ist. Der Zweck ist noch in keiner Weise genügend er- klärt, wir dürfen aber annehmen, daß sie mehrere Gründe hatte, jedenfalls aber nicht den, daß sie aus „Säamgefühl" gemacht werde. Im Gegenteil lenkt die besondere Betonung der Sexualsphären die Blicke in erster Linie auf diese. Sicherlich ist auch ein Zweck der Trieb zur Verschönerung. Dabei sprechen aber soziale Momente, Stammesabzeichen, totemistische Ideen und ähnliches mit. Die ursprünglichste Ursache ist wohl die Blutentziehung (Ritzen mit Dornen usw.) und deren dauerndes Sichtbarmachen durdi Farbstoffe oder Narben. Die form- vollendetste Tatauierung finden wir in Ozeanien (Abb. 88, 92) (daher auch der Name tatau = kunstgerecht) und im zentralen Südamerika. Besonders Neusee- land zeigt eine eigenartige Tatauierung des Gesichtes: bei den Männern ein Ge-


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Das Weib bei den Naturvölkern


wirr von Spiralen (Abb. 213), bei den Frauen (Abb. 40) dagegen nur eine Be- handlung der Lippen und der Mundwinkel nach dem Kinn zu (vgl. Abb. 213 rechts). Bei der Ausführung singen dann die Gespielinnen des Mädchens:

Leg' dich hin, meine Tochter, zu zeich- nen dich,

Zu tatauieren dein Kinn!

Daß nicht, wenn du kommst in ein fremdes Haus,


Sie da sagen: „Woher dieses häßliche Weib?"

Leg' dich hin, meine Tochter, zu zeich- nen dich,

Zu tatauieren dein Kinn!

Daß du fein anständig werdest,

Damit nicht, wenn du kommst zum Feste,

Sie da sagen: „Woher dies rotlippige Weib?"

Auf daß wir dich reizend machen, Komm und laß dich tatauieren, Damit nicht, wenn du kommst, wo die Sklaven sitzen,

Sie da sagen: „Woher das Weib mit

dem roten Kinn?" Wir zieren dich, wir tatauieren dich, Bei dem Geiste des Hine-te-iwa-iwa;

Soziale Unterschiede werden in der Südsee allenthalben damit verbunden; die Tatauierung ist ein Recht der Vornehmen. Bei anderen Stämmen gibt sie ledig- lich das Stammesabzeichen wieder, wie es Ehrenreich von den Karayä berichtet; sie beschränkt sich hier auf ein kleines blaues Ringchen. Die Haidaindiane- rinnen (Nordwestamerika) tragen Tatauierungen, an denen man ihren Rang und ihre Familie erkennt. Ganz eigenartig ist die Tatauierung auf den Pelau- Inseln. Nachdem bereits die Mädchen in der Kinderzeit eine Tatauierung er- halten haben, über die später eine andere gefertigt wird, wird zur Zeit der


Wir tatauieren dich, daß der Strand- geist

Möge gesendet werden von Rangi

Zu den Tiefen der See,

Zu der schäumenden Welle!

Deine Schönheit ist gepaart mit Lieb- reiz!

Deine Schönheit ist wie der Himmel,

Wie die Sterne Pahatiti, Ruatapu, Rongonui und Kahukura.

Du bist schöner

Als Uetonga und Tamerereti

Oder der heilige Schatten Reretoros!

Der Strandgeist wird gesendet werden von Rangi

Zu den Tiefen der See,

Zu der schäumenden Welle!

Laß die Schmeichler und die Kinder,

Laß dein Lebewohl bei ihnen,

Geh hin wie die scheidende Wolke

Über den Raukawa-Bergen,

Und laß sie weinen in Kummer!

Jedoch ich —

Ich bin Rangi und Papa —

Mein Werk ist vollendet!


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Das Weib bei den Naturvölkern


Geschlechtsreife die Genitalgegend geziert. Dann aber — berichtet Kubarry — sind die Frauen der Reichen mit dem vorgerückten Alter ihrer Stellung schuldig, die komplette Frauentatauierung zu erwerben, welcher volle Schmuck jedoch im Prinzip von der Erfüllung verschiedener sozialer Pflichten abhängt. Hat auf Veranlassung der Frau eine Festlichkeit stattgefunden, so hat sie das Recht, die Tatauierung von dem „telengekel" (der Genitaltatauierung) an in einem schmalen Streifen auf die beiden Seiten der Geschlechtsgegend bis in die Gegend des Afters auszudehnen. Hat aber ihr Ehegemahl ihretwegen einen „honget" oder „mur turukel" gegeben, dann erhält sie die telteket-Tatauierung. Bei dieser werden die noch bislang freien Stellen der Beine mit dem gewöhn- lichen Muster zugedeckt, so daß dieselben wie mit schwarzen Trikots bekleidet aussehen. Hier ist bereits die Tatauierung zur Zeit der Geschlechtsreife er- wähnt; wir haben oben schon ihre Ausführung besprochen. Sie ist die häufigste von allen. Die Herstellung ist eine verschiedene (vgl. Zeichn. III). In der eben erwähnten oben gegebenen Beschreibung dient ein einfacher Dorn zum Ein- stechen der Ornamente. Die noch blutenden Stellen werden dann mit Holz- kohlenpulver eingerieben, das mit einheilt und durch die Oberhaut dunkelblau durchschimmert. In der Südsee werden hakenförmige Instrumente verwendet (Zeichn. III, Fig. i, und Abb. 90), bei denen an einem hölzernen Stiel eine Klinge aus Muschelschale oder Knochen angebracht ist, deren Schneide feine Spitzen zeigt. Diese werden mit Farbstoff bestrichen, auf die Haut aufgesetzt und durch einen leichten Schlag eingetrieben (Abb. 91). Bei anderen Völkern benutzt man mehrere zusammengebundene Nadeln. Originell ist die Tatauierung der Ainufrauen, der Formosanerinnen, der Aleutenweiber usw., die sich eine Art Schnurrbart tatauieren (Abb. 30). Ähnliche Formen sind auch auf Formosa üb- lich (Abb. 113). Über die Aleuten schreibt Langsdorf (1807), daß die Tatau- ierung in früheren Zeiten besonders unter dem weiblichen Geschlechte sehr üblich war. Sie punktierten sich das Kinn, den Hals und die Arme, und rieben dann den mit Urin angerührten Kohlenstaub in die Punktierung ein. Jetzt sähe man dergleichen Verzierungen selten und meistens nur bei alten Weibern, da die Russen den jungen aleutischen Mädchen ihr Mißfallen gegen diesen Ge- brauch zu verstehen gegeben hätten, worauf diese auch gefällig genug gewesen wären, denselben zu unterlassen. Sehr auffallend seien aber häufig gewisse


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Extreme. Die Männer reißen sich nämlidi sorgfältig die Barthaare aus und die Weiber tatauieren sich einen Schnurrbart um das Kinn, so daß es in einiger Entfernung völlig den Eindruck machte, als hätten sie einen blauen Bart. Diese Art pflegt man echte Tatauierung zu nennen, im Gegensatz zu der Faden- oder Rußtatauierung, wie sie im nördlichen Asien und bei den Eskimos gebräuch- lich ist. Ein in Tran getränkter, mit Lampenruß geschwärzter Faden wird dabei mit einer Nadel durch die Haut gezogen; der Ruß bleibt im Stichkanal zurück und heilt als Punkt in die Haut ein. Hans Egede Bischof von Grön- land beschreibt diese Tatauierung bei den Grönländerinnen deutlich: „Es ist auch noch ein gewisser anderer Schmuck unter denen grönländischen Frauenspersonen gebräuchlich, da sie nämlich zwischen die Augen, am Halse, an denen Armen, Händen und sogar an denen Schenkeln schwarze Linien mit einer Nadel und einem geschwärzten Faden machen, die sie nachher ziehen: und ohnerachtet uns dergleichen Putz ziemlich mißfällig vorkömmt, so behauptet man doch in dem Lande, daß nichts zierlicher sei als dieses. Wenn eine Frauensperson kein auf diese Art eingefaßtes Gesicht hat, sagt man, daß ihr Kopf in einen Fischtran- topf werde verwandelt und unter die Lampe gesetzet werden, wenn sie in den Himmel, oder an den Auffenthalt derer Seelen gelangen werden." (Vgl. Zeichn. III, Fig. 9 und 10.)

Ähnlich der Tatauierung sind die Schmucknarben; auch sie werden mehrfach bei Gelegenheit der Reifezeremonie hervorgerufen. Das klassische Gebiet dafür ist Australien und Afrika (vgl. Abb. 9$). Eine andere Veranlassung zur Her- vorrufung solcher oft ganze Wülste darstellender Narben ist die Trauer. Dief- fenbach berichtet über die Frauen Neuseelands: „Die Frauen tragen außerdem (d. h. außer der Tatauierung) die Abzeichen ihrer .tangi' oder Totenklagen; dies sind Einschnitte, die an ihrem Leibe gemacht und mit ,narahu' gefärbt werden, und die oft regelmäßig über die Brust und die Extremitäten herab- laufen, zuweilen aber auch gar keine regelmäßige Anlage zeigen." Auch in Melanesien sind sie verbreitet (Abb. 46). Von indianischen Stämmen haben wir ganz ähnliche Schilderungen. Besonders reich ist Afrika daran; unsere Abb. 96 und 118 geben deutliche Beispiele. Hier erfahren wir, daß sie teilweise gemacht werden, um Unheil abzuwenden. Zu diesem Zwecke machen sie die Bantu der Landschaft Kavirondo in die Stirne (ähnlich wie es im Beningebiet [vgl.


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Abb. 93] Sitte war). Johnston, dem wir diese Notiz verdanken, fährt dann fort: „Ebenso machen die Frauen, um für sich und ihre Männer das Glück zu sichern, eine Anzahl kleiner Einschnitte, gewöhnlich in Form regelmäßiger Muster, in die Haut am Unterleib und reiben ein reizendes Mittel in die Wunden, so daß die Narben sich in großen Hautgeschwülsten erheben. Bevor ein verheiratater Kavirondo in den Krieg zieht oder eine gefahrdrohende Reise unternimmt, pflegt er auch wohl am Leibe seiner Frau ein paar Extraeinschnitte als .Glücksbringer' zu machen." Ich bin überzeugt, daß die Narbentatauierung die ursprüngliche Form war, um den Vollzug der großen Blutentziehung dauernd sichtbar zu machen, und daß man erst über diese derbere Art zur feineren Ta- tauierung gelangte, bei der nur Farbstoffe eingeheilt wurden. Sehr naheliegend mußte es natürlich von jeher für Naturvölker sein, die Haare in den Bereich ihrer Umformungen hereinzuziehen. Ganz abgesehen von der Haartracht, auf die wir in folgenden Zeilen kurz zu sprechen kommen werden, haben wir eine ganze Reihe von Haarvertilgungen oder Zustutzungen. Dies gilt sowohl für die Kopfhaare als die Behaarung des übrigen Körpers, bei der Naturvölker im allgemeinen das Bestreben haben, sie zu entfernen. Auch Färbe- mittel sprechen allenthalben mit. Einzelnes haben wir bei den Reifegebräuchen bereits erwähnt, andere Fälle treten im Anschluß an die Eheschließung auf. Eine gewisse Feierlichkeit ist die sogenannte erste Haarschur, die bei vielen Völ- kern festlich begangen wird. Bei den Inselcaraiben hieß sie nouboucaetium und hatte zweifelsohne rituellen Charakter. Bei manchen Völkern, so bei den Crow- in dianern, sind die Frauen gezwungen, ihr Haar kurz zu schneiden, während es die Männer möglichst lang tragen. Mit der Totentrauer ist bei vielen Völkern der Erde Haarschur verbunden. So wurde bei den Abiponen der Witwe das Haar vollständig abgeschnitten und über den Kahlkopf eine schwarze Kapuze gezogen, die sie erst ablegen durfte, wenn sie sich neuerdings verheiratete. Bei den Reifezeremonien werden den Caraibenmädchen in Britisch-Guyana nach Schomburgk die Kopfhaare abgebrannt. Die Genitalhaare werden bei vielen Völkern durch Epilation entfernt. So beobachtete v. d. Steinen bei den Indiane- rinnen des Schingugebietes (Brasilien), daß sie alle Genitalhaare vollständig entfernten; ebenso die Samoanerinnen. Die Mittel dazu sind verschiedene. Die Woloffinnen benutzen ein Stück Flaschenglas, mit dem sie sie abrasieren, die


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See-Dayakinnen von Borneo reißen sie mit einer Pinzette aus, die Suaheliweiber reiben das Harz des Mtondröbaumes ein und rupfen sie so aus; sie heißen diese Zeremonie „den Hof fegen". Mit Pinzetten werden auch in Nordostafrika die Augenwimpern ausgerissen (vgl. Abb. 97). Umgekehrt pflegen aber andere Stämme die Genitalhaare rot zu färben; dies beobachtete Bäßler bei den Frauen von Neupommern. Nicht zu vergessen ist auch, daß besonders die Körperhaare im Liebeszauber verschiedener Völker eine große Rolle spielen. Zweifelsohne ist unter den Motiven der Epilation auch der Zauber zu suchen; im allgemeinen aber dürfen wir doch annehmen, daß mindestens ein Nebenzweck dabei auch die Reinlichkeit ist.

Die Fingernägel werden bei verschiedenen Völkern als Zeichen der Vornehm- heit lang wachsen gelassen (Abb. 101); Kotzebue erzählt beispielsweise von der hawaiischen Königin Kahumanna, daß ihre Nägel drei Zoll lang waren. Eine besonders große Rolle spielen dagegen die Nägel als Zaubermittel, weshalb wir häufig der Anschauung begegnen, daß sie nach dem Abschneiden gründlich vernichtet werden müssen. Auch das Färben der Nägel ist sehr verbreitet. Schon bei den Reifezeremonien haben wir flüchtig der Zähne gedacht. So werden bei den Australiern sowohl den Knaben als den Mädchen zur Zeit der Reife zwei Zähne ausgeschlagen (Abb. 102). Ploß-Bartels beschrieb diese Zere- monie, die man im Seengebiet Tschirrintschirri nennt, wie folgt: „Zwei Stäbe von Holz, die keilförmig zugeschärft sind, werden zu beiden Seiten eines Zahnes eingetrieben; auf den Zahn legt man ein Stück Fell und setzt darauf ein scharfes, etwa 60 cm langes Holz; ein bis zwei Schläge mit einem schweren Stein auf dieses Holz genügen in den Regel, um den Zahn so zu lösen, daß er mit der Hand herausgenommen werden kann. In gleicher Weise wird der zweite Zahn entfernt und dann feuchter Ton auf die Wunde gedrückt, um die Blutung zu stillen." Der Zweck dieser sonderbaren Operation, die sehr weit auf der Erde verbreitet ist, ist nicht ganz klar. Sicher ist, daß damit ein Zauber ausgeübt werden soll, nicht ausgeschlossen wäre sogar, daß man dem Hauch einen freien Weg bahnen will (Hauchseele). Wo die Zähne nicht ganz ausgeschlagen werden, werden sie oft eigenartig zugefeilt. Brooke Low berichtet ähnliches von den Rejang Dajak: „Die oberen Schneidezähne werden bei beiden Geschlechtern oft in eine einzige scharfe Spitze zugefeilt; durch die Mitte eines jeden wird ein


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Loch gebohrt und diese mit Messing ausgefüllt. Der Schmelz wird mit einem rauhen Stein weggekratzt und die Zähne mit Blättern eingerieben, die sie schwarz färben. Die unteren Schneidezähne werden auf die Hälfte ihrer natür- lichen Höhe niedergefeilt und in derselben Weise geschwärzt; dagegen weder spitz zugefeilt noch mit Metall plombiert. ... Es ist Sitte, sich in der erwähn- ten Weise zu verstümmeln, sobald das Pubertätsalter erreicht ist. Junge Männer tun es, wenn sie anfangen, den Mädchen gefallen zu wollen. Sie verabscheuen weiße Zähne und halten sie für scheußlich." Neben der Spitzfeilung kommt auch Flachfeilung (z. B. bei den Makassaren) vor. Auch der Gebrauch des Schwärzens der Zähne ist weit verbreitet. Über die Art des Färbens erzählt Senfft von den Bewohnern von Jap: „Es wird eine in dem Dorfe Gatschalau, aber auch in den Tarosümpfen gefundene Erde (rungedu) mit dem Blättersaft von Kall (Terminalia catappa), Aberur (Sonneratia acida) und ngumat (?) gemischt, daraus werden sechs wurstähnliche Rollen geformt, diese werden nach und nach während der Nacht zwischen Lippen und Zähne geschoben, wo jede etwa zehn Minuten bleibt. Dies genügt, um die Zähne für Lebenszeit schwarz zu beizen. Am Morgen nach der Färbung kommt die Familie zur Besichtigung und bringt eine Perlschale als Geschenk." Es wäre nicht ausgeschlossen, daß das Schwarzfärben der Zähne — wenigstens soweit es als Reifezeremonie oder als Hochzeitsgebrauch auftritt — ähnlich wie das Schwarzfärben von Gesichts- teilen mit Fruchtbarkeitsriten in Verbindung zu bringen ist. Freilich wird in sehr vielen Fällen tatsächlich das Schönheitsempfinden die Ursache sein. Dies führt uns auf die Verwendung von Farben überhaupt, denn bei vielen Naturvölkern ist es beliebt, sowohl den ganzen Körper als seine Teile zu be- malen oder doch in bestimmter Weise zu färben. Es währte sehr lange, bis die Wissenschaft einigermaßen Einblick in die Gepflogenheit und ihre Motive erlangte, und noch heute ist wohl die Mehrzahl der Bemalungen in ihrem Wesen und ihrer Bedeutung unklar. Früher sah man darin eine bedeutungslose Spielerei — es gibt ja heute noch Ethnologen, die in ähnlichen Vorgängen bei Naturvölkern nur die Äußerung des Spieltriebes sehen, weil sie von einer An- sicht ausgehen, die in letzter Zeit in der Völkerkunde sich ganz unverdient breit machte, daß man Naturvölker und Kinder in spezieller Weise vergleichen könne; man hat so die Naturvölker zu spielenden Kindern gestempelt, ganz


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ähnlich wie man in der Wendezeit des 18. und 19. Jahrhunderts im Anschluß an die Rousseausche Philosophie in ihnen eine Art von Idealmenschen sah, eine Art von „besseren Menschen". In mancher Beziehung trifft das allerdings zu, manchmal ist der Naturmensch der ehrlichere und bessere Mensch, niemals aber werden seine Handlungen von der kindlichen Naivität getragen; er muß viel zu schwer um die Existenz ringen, leider viel zu sehr unter einem drückenden Aberglauben, der ihn allerorts in schrecklichen Phantastereien angrinst, als daß jene tändelnde Lebensauffassung bei ihm überall vorhanden wäre und alle seine Handlungen bestimmen würde. Ab und zu mag dort, wo irgendwie die Um- stände günstig sind, auch der Naturmensch dem Spiel trieb folgen; in den meisten Fällen haben aber seine Zeichnungen, seine Malereien usw. eine tiefere Be- deutung. Bei der Körperbemalung dürfen wir das wohl in allen Fällen an- nehmen, wenn es auch die früheren Zeiten nicht erkannt haben. Noch Kolumbus sagte von den 1492 von ihm entdeckten Bewohnern der Insel Guanahani: „Manche bemalen sich schwarz, während sie selbst von der Farbe der Canarier sind, nicht schwarz, noch weiß; manche bemalen sich weiß und manche rot und manche mit der Farbe, die ihnen gerade zur Hand ist; einige bemalen sich das Gesicht, andere den ganzen Leib, einige nur um die Augen, andere nur die Nase." Kolumbus hatte eben gar keine Ahnung, daß alle jene Bemalungen einen ganz bestimmten Sinn haben. Wir wissen von Bemalungen bei Gelegenheit der Reifezeremonien, bei der Eheschließung, bei den Totenriten; aber trotzdem sind unsere Kenntnisse im Detail sehr gering. So z. B. vgl. Abb. 33, Fig. 4, junges Mädchen aus dem Bouliadistrikt (SO-Australien) im Stadium des Ka-na-ri (Zeit der vollen geschlechtlichen Reife), und Fig. 5, junges Mädchen aus dem Upper-Georgia-Distrikt. Kurz vor dieser Zeit wird die Erweiterung der Ge- schlechtsteile durch Aufschlitzen eines Teiles des Perinäums vorgenommen. Eine Menge von Bemalungsarten der nordamerikanischen Indianer werden uns ge- schildert, aber nur wenige können wir erklären. Heute können die Stämme nur in den seltensten Fällen wertvolle Aufschlüsse geben. Was will es sagen, wenn uns berichtet wird, daß die Frauen der Kutschinindianer das Kinn mit einer Anzahl radial von der Unterlippe über das Kinn laufender, rot pigmentierter Narben verzieren und bei anderen Gelegenheiten das Gesicht schwarz malen, oder wenn uns Catlin erzählt, daß die Frauen der Krähen- und Schwarzfuß-


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Indianer die Haare über der Stirn scheitelten und den Scheitel mit Ocker rot färbten, daß sich nach Spix und Martius 1820 die Weiber der Mundruku ein schwarzes, halbmondförmiges Zeichen, dessen Hörner nach oben spitz zulaufen, ins Gesicht malten? Einen ganz bestimmten Zweck hatte das stets. Bei den Seri, einem äußerst primitiven Stamm an der sonorischen Küste und den Inseln des kalifornischen Golfes, ist die Bemalung nur bei den Frauen geübt. Als Farben dienen rot, weiß und blau. Die Mütter bemalen ihre Töchter bis gegen das 12. Jahr, wo sie es dann selbst können müssen. Die Beobachtungen von Mc. Gee haben uns gezeigt, daß diese Bemalung in enger Beziehung zur Stammesorga- nisation steht. Die Seri teilen sich in drei totemistische Gruppen, den Schild- kröten-, Pelikan- und Klapperschlangen-Clan, und durch die Bemalung unter- scheiden sich die Frauen als Zugehörige der einzelnen Gruppen. Dies wird um so wichtiger, weil wir wissen, daß bei den Seri die ganze Stammesorganisation mutterrechtlich ist, daß mithin die Frauen allein die Verwandtschaft bestimmen (Abb. 100). Sehr genau hat uns Merker die Bemalung der Massai geschildert: wir finden hier, daß nach der Beschneidung sowohl Knaben als Mädchen mit weißem Ton bestrichen werden, daß sich Krieger und junge Mädchen bei Fest- lichkeiten den ganzen Körper rot bemalen. Dabei haben die Frauen noch eine besonders interessante Art. Sie nehmen den mit Blut vermischten Saft einer Plumbayoart, der die Oberhaut stark ätzt, und malen damit zwei konzentrische Ringe auf beide Backen. Nach zwei Tagen läßt sich die Oberhaut abziehen und es bleibt eine weiße Narbe, die erst nach etwa 10 Tagen wieder dunkel durch Pigmentation wird. Weiterhin bemalen sich die Wöchnerinnen täglich ihre Stirne mit weißem Ton. Eine Beobachtung von Oskar Lenz (1877) bei den Oyowestämmen in Westafrika besagt deutlich, daß damit ein Abwehrzauber gegen Dämonen ausgeführt wird. „Eine allgemein verbreitete Sitte besteht darin, bei irgendwelchen ungewöhnlichen Ereignissen, bei Totenfeierlichkeiten, Tänzen, Kriegen usw. Gesicht und Arme mit weißer oder auch gelber und roter Farbe zu bemalen. Sie glauben sich dadurch vor dem Einfluß der Unholden geschützt." Bei einigen Völkern, besonders den Fan, nahm die Kolorierung die größten Dimensionen an, und Lenz habe da Frauen gesehen, die über und über ziegelrot gefärbt waren. Bei anderen wieder, wie bei den Okota, einem kleinen (auf den Inseln der Kataraktgegend des Oyowe wohnenden) Volk, galt die


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Bemalung des Gesichts, besonders der Stirn und der Wangen, mit roten, weißen und gelben Tupfen als beliebter Schmuck der jungen koketten Frauen und Mädchen. Bei den Australiern wird neben der Bemalung, die besonders in rot, gelb und weiß, seltener auch in blau und grün ausgeführt wird, noch Federflaum verwendet, der aufgeklebt wird. Einen besonders tiefen Einblick in die Frauen- bemalung geben uns, wie Spencer und Gillen berichten, die Zentralaustralier. Da man glaubt, daß kein Todesfall auf natürlichem Wege vor sich gehe, son- dern in jedem Falle durch Zauberei verursacht werde, ist es notwendig, den Zauberer zu ermitteln und gegebenenfalls zu töten. Werden zum Auffinden Frauen gewählt, die man dann Illapurinja nennt, so muß dies sehr geheim- gehalten werden. Die Frau zieht bei Nacht aus, nachdem sie ihr Mann mit Fett und rotem Ocker eingerieben und mit weißem Flaum beklebt hat, den er mittels seines eigenen Blutes zum Heften bringt. Ein weiterer Zweck ist auch die Kühlung der Haut. So wissen wir, daß sich die Andamanesen deshalb mit hellgrauem Ton bestreichen. Eine „sehr schöne" Bemalung zeigt die Kadiueo-In- dianerin (Abb. 105), Geräte zum Bemalen Abb. 104. Südamerikanische Indianer verwenden zum Aufdrucken von Farbornamenten einen Rollstempel (Abb. 103), andere Stämme benutzen überhaupt Stempel aus Holz, um Motive aufzudrucken. Des Haar-, Nagel- und Zahnfärbens haben wir bereits gedacht. Gehen wir zur Körperplastik über, so haben wir bei der Schädeldeformation nur kurz zu ver- weilen, da sie in keiner Weise speziell an die Frau gebunden, sondern dort, wo sie auftritt, meist beiden Geschlechtern gemeinsam ist. Bei einigen Stämmen, wie den Tschokta, werden nur die Schädel der Knaben deformiert. Hier wissen wir gar nicht über den ursprünglichen Grund dieser eigenartigen Sitte, die wir in Amerika, Ozeanien, Teilen von Indonesien und in Europa (besonders in Frankreich) beobachten. Wenn eine Reihe von Anthropologen, besonders Ranke, zeigten, daß die Deformation des Schädels durch jene Kindertragen bedingt sei, bei denen der Kopf des Kindes mittels eines Brettchens oder einer Binde (Abb. 106) an das eigentliche Traggestell angebunden ist, um beim Stehen nicht nach vorwärts zu sinken, so ist das zweifelsohne als nächste Ursache richtig. Ob aber die Furcht vor dem Vorsinken des Kopfes die ursprüngliche Ursache für die Herstellung solcher Kindertragen war, erscheint mir doch zweifelhaft. Auch hier wird es vielleicht einer Spezialuntersuchung gelingen, verschiedene


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Ursachen festzustellen, die gemeinsam mitgewirkt haben. Die Fußverkrüppelung, deren klassisches Land China ist, findet sich bei Naturvölkern recht selten. Wir begegnen dieser Unsitte aber bei einem ganz nördlichen Zweig der Athapasken, den Kutschinindianern; sie bandagieren die Füße ihrer Kinder, da man kleine Füße für schöner hält. Es ist nicht ausgeschlossen, daß wir es hier mit einer Übertragung aus China zu tun haben. Wichtiger wird für uns wieder die sonderbare Gepflogenheit, Körperteile zu amputieren. Dazu wird in erster Linie der kleine Finger ausgewählt (s. Hdwtb. „Feste und Riten"). Auf den Tongainseln beobachtete dies Forster bei beiden Geschlechtern, bei den Hotten- totten stellte Kolb fest, daß es nur bei Frauen geschah. Wir finden als Ursache meist die Trauer um einen Verstorbenen; bei den Kutschinindianern hofft man Schwerkranke zu heilen, wenn man ihrer Tochter oder Schwester den kleinen Finger an der rechten Hand amputiert. Besonders charakteristisch ist aber die Beobachtung Kolbs bei den Hottentotten. Er sagt: „Wenn eine Frau ihren ersten Mann verlohren, und sich wieder verheurathen will, oder aber Freyer bekommet: so ist ihr nicht erlaubet denselben zu nehmen, und Hochzeit mit ihm zu machen, es sey denn, daß sie sich vorhero das vorderste Glied an ihrem kleinen Finger der linken Hand abnehmen lasse. Wenn dieses geschiehet, so muß sie anders machen, und dabey schlachten, damit die andern Weiber einen Schmaus davon tragen und gleichsam sie wieder unter die junge Töchter zehlen, welche, wegen ihrer Jugend und Schönheit, noch wohl eines Mannes werth sey. Findet sich nun ein Frey er, oder hat sich vorhero schon einer angegeben: so mag sie kühnlich und unverwehret wieder heurathen, weil man an ihrer Hand schon erkennen kann, daß sie einen Mann bereits vor diesem gehabt habe. Solte aber auch dieser wieder sterben, und sie zur dritten Ehe schreiten wollen, so muß das vordere GÜed des folgenden Gold-Fingers mit eben den Umständen herunter, und weggeschnitten werden. Ja wenn es zur vierten Ehe kommen sollte, so muß wieder ein Glied von dem folgenden Finger herunter: und diese Ceremonie wird so steif und unverbrüchlich beobachtet, daß gantz keine Ex- ception darwieder einzubringen ist; massen es von allen, sie seyen hohen oder niedern Standes, Reiche oder Arme muß verrichtet, und derselben nachgelebet werden: und ist ihnen hierinnen keine Zeit vorgeschrieben, wenn sie es thun


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müssen; sondern man lasset sie hierinnen Selbsten nach eigen Gutdünken handeln und zu Wercke gehen."

Nicht minder grausam erscheint uns aber eine andere Art der künstlichen Körperverunstaltung, nämlich die Mästung der Frauen (Abb. 84). In Afrika, besonders in der Landschaft Karagwe am Westufer des Viktoriasees ist wohl ein Zentrum dieser sonderbaren Sitte. Früher mag sie auch anderweitig vor- gekommen sein. Emin Pascha beschreibt uns die näheren Zustände dieser nach unseren Begriffen höchst unschönen Sitte, die besonders an den afrikanischen Höfen sehr durchgreifend ist und so weit geht, daß die armen Wesen sich nicht mehr vom Platze bewegen können und ihnen das Fleisch zwischen den Gelenken herabhängt. Er sagt: „Im nahen Dorfe ist eine so dicke Frau, daß sie nur mit Unterstützung gehen kann. Die fetten Frauen scheinen bei dem Wahima eine Art Familienerbstück zu sein, auf welches man sich viel einbildet. Rumanika hatte welche und Kabrega zeigte mir 1877 vier, die buchstäblich wie Bierfässer aussahen. Außer ihnen wurden noch einige trainiert. Die armen Mädchen, von denen einige recht hübsch waren, bekamen nichts zu essen als süße Milch, von der sie jeden Tag ein bestimmtes Quantum zu verzehren hatten. Einmal in der Woche bekamen sie gesalzene Fleischbrühe und an diesem Tage etwas mehr Milch; Wasser niemals. Es kommen übrigens überall bei Negern von Natur aus unglaublich fette Frauen vor. Im Jahre 1880 erhielt ich vom Gouverneur von Chartum den Auftrag, die in Makraka — sechs Tage westlich von Lado — zurückgebliebene Frau eines Chartumers nach dem nächsten Dampfer dorthin zu senden. Da aber die Frau zum Gehen unfähig und zum Tragen selbst für vier Leute zu schwer war, so mußte ich auf den Transport verzichten und die Frau ist später gestorben." Auch der Wadenplastik ist hier zu gedenken. Ihr klassisches Land waren die westindischen Inseln mit ihrer Caraibenbevölkerung. Den Mädchen wurde bereits in früher Jugend eine Art Halbstrumpf über den Unterschenkel gezogen, der vom Knöchel bis zur Wade eine kräftige Kom- pression ausübte. Oberhalb der Wade lag zwischen ihr und dem Kniegelenk eine andere Binde, an deren oberem Rande ein runder, mehr als tellerbreiter Kragen aus Binsen oder Baumwolle und am unteren Rand ein ähnlicher, nur kleinerer Kragen angebracht war. So quoll die Wade dick zwischen den beiden Bandagierungen hervor und die Caraibinnen hielten dies für besonders schön;


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Abb. 62. Wahima-Mädchen (l2 jährig).

Nach Weiß.


Abb. 63-64. Schwangere südamerikanische Indianerin.

.Museum f. Völkerkunde.



Abb. 65. Kaffernweib.


Anthropol. Ges.. Berlin.


Abb. 66. Siusimädchen vom Rio Aiary (nordwestliches Brasilien).


Nach Koch-Grünberg.


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Anrhropol. Ges., Berlin.


Abb. 67. Kaffernmädchen.


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• i


Abb. 68. Zwei Tanzende.


Phot. O. Häckel, Berlin.


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Abb. 69- Patagonierin.


Sammlung Umlauft Hamburg.


Abb. 70. Alte Haidaindianerin.

Nach Friedenthal.



Abb. 71. Junges Hopimädchen.


Nach C. Pierre, Los Angeles.


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zugleich war es ein Zeichen freier Geburt, denn den Sklavinnen stand dieses Recht nicht zu (Abb. nr). Noch heute finden wir eine ähnliche Wadenplastik in Guyana. Verschiedentlich zeigt sich auch eine Art von Armplastik, wenn hier auch wohl unbeabsichtigt zu enge Binden und Ringe teilweise die Ursache sein mögen (Abb. no und 151). Zum Schlüsse muß noch der sehr wichtigen Brust- und Genitalbehandlung gedacht werden, und es ist originell genug, daß ein Teil der Völker das Wachstum der Brüste zu fördern sucht — sei es auf eine wirklich wertvolle oder auf eine wertlose mystische Art — , während andere bestrebt sind, ihr Wachstum hintanzuhalten, ja sie ganz oder zum Teil zu entfernen, wie das Sage und Geschichte von den Amazonen berichtet. Das Wachstum wird auf zwei Wegen bekämpft, indem man entweder die Brüste allein oder den ganzen Brustkorb komprimiert, eine Unsitte, die zurzeit auch Europa beherrscht, als einer der vielen Beweise, daß uns durchaus keine Kluft von den Natur- völkern trennt, sondern daß wir viele ihrer Unvernünftigkeiten mitmachen, zum Teil sogar auf den Höhepunkt treiben. Riedel berichtet über die Bewohnerinnen von Amboa: „Wenn die Brüste bei den Mädchen sich zu entwickeln anfangen, werden sie mit warmgemachten Bambuszylindern wiederholt gedrückt, um das Wachstum hintanzuhalten. Kleinen Brüsten geben die Frauen den Vorzug." Auch die Busenschnur afrikanischer Völker dient einem einseitigen Schönheits- begriff. Bowditch sagt von den Aschanti: „Die Busen der 13- und 14jährigen Mädchen sind wahre Modelle; aber die jungen Weiber zerstören absichtlich diese Schönheit, um ihnen eine Form zu geben, die sie für schöner halten, indem sie ein breites Band fest über die Brüste binden, bis diese endlich die runde Gestalt verlieren und kegelförmig werden." Viele Negermädchen wollen allerdings einen wirklich ästhetischen Zweck damit verbinden. Sie legen die Busenschnur straff über die obere Busenpartie um den Brustkorb, so daß dadurch die Haut ge- spannt und der Busen hochgezogen wird. In Uganda, wo man die hängende Brust vorzieht, wird das Band so gelegt, daß es die Brust herunterzieht. Das Busentuch resp. die Busenschnur kommt dann auch in Ozeanien, in Indonesien, in Südamerika usw. vor (Abb. 107, 151, 159). Die natürliche Folge ist aber meistens die, daß die straffe Bindung einen Schwund der oberen Weichteile hervorruft, so daß der untere Teil zu schwer und die Brust selbst hängend wird. Die absichtliche Wegnahme der Brustwarzen wird uns verschiedentlich berichtet,

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so von den Australiern. Man will den Mädchen auf diese Weise das Säugen unmöglich machen. Umgekehrt ist die Sache dagegen bei den Zentralaustraliern, von denen uns wieder Spencer und Gillen erzählen: „Um bei einem Mädchen das Wachstum der Brüste zu befördern, versammeln sich die Männer im Un- gunja oder Männerlager, wo sie alle miteinander lange Gesänge, deren Worte eine Ermahnung an die Brüste, zu wachsen, ausdrücken, sowie andere Lieder zu dem Zweck absingen, eine Portion Fett und roten Ocker, die von Männern, welche Gammona, d. h. Brüder der Mutter des Mädchens sind, mitgebracht worden sind, sowie auch Kopf- und Armbänder aus Fellschnüren durch Zauber zu weihen. Diese Männer gehören zu der anderen Stammhälfte und nicht zu derjenigen des Mädchens; wenn sie z. B. eine Panunga ist, so müssen sie Kumara sein. Bei Tagesanbruch geht einer von ihnen hinaus und ruft das Mädchen an einen dem Ungunja nahegelegenen Ort, wohin sie dann in Begleitung ihrer Mutter kommt. Hier wird ihr nun der ganze Körper von den Gammona- Männern mit dem Fett eingerieben, die ihr dann auch mit dem roten Ocker eine Reihe gerader Streifen über den Rücken herab und auch über die Mitte der Brust und des Bauches malen. Um jede Brustwarze wird ein weiter Kreis angelegt und unterhalb von jedem dieser Kreise gerade Linien gemalt. Lange Stränge von Beuteltierfell werden über jede Schulter und unter jeder Achselgrube durchgeführt; zahlreiche Halsringe werden ihr um den Hals gelegt, mehrere Kopfringe über die Stirn gebunden und eine Anzahl von Schwanzenden so daran befestigt, daß sie über Stirn und Ohren herabhängen. All diese Gegen- stände sind von den Gammona mittels Zaubergesängen geweiht worden. Wenn dies geschehen ist, wird das Mädchen von seiner Mutter in den ,bush' hinaus- geführt, und diese macht dort ein Lager in einiger Entfernung vom Hauptlager, und hier muß nun das Mädchen bleiben, bis die ilkinia oder Malereien auf seinem Körper verschwinden. Dann, aber nicht vorher, darf es ins Hauptlager zurückkehren. Das Mädchen trägt die geweihten Hals- und Kopfbänder, bis sie nach und nach abgenutzt werden und abfallen." Wir haben es hier deutlich mit einer Art von Zauber ähnlich dem Fruchtbarkeitszauber zu tun; nur wird hier offenbar bezweckt, die Brüste zu reichlicher Milchabsonderung zu bringen. Oben haben wir von der Beschneidung der Klitoris und der Geschlechtslippen bereits gesprochen. Es kommt aber auch das Gegenteil, nämlich die künstlidie


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Vergrößerung dieser Körperpartien vor. Zweifelsohne ist die Vergrößerung in ihrer eigentlichen Ursache häufig gar keine beabsichtigte. Onanie der jungen Mädchen spielt sicherlich dabei eine große Rolle. Freilich darf auch nicht ge- leugnet werden, daß viele Völker die Verlängerung lieben und sie für ein geschlechtsreifes Mädchen für erforderlich halten (s. Abb. 109). Von den Hotten- tottinnen haben wir oben bereits die natürliche Verlängerung der Geschlechts- lippen zur sogenannten Hottentottensdoiirze erwähnt; in Wahia am Nyassasee verlängern die Weiber den Kitzler künstlich bis auf Fingerlänge. Ähnliches zeigt auch eine Steinfigur aus dem Bismarckarchipel (Abb. 112). Auch in Amerika bei verschiedenen Indianerstämmen sowie in Ozeanien ist die künstliche Ver- längerung bezeugt. Von den Mädchen von Ponape, einer der Karolineninseln, berichtet beispielsweise Finsch: „Als besonderer Reiz eines Mädchens oder einer Frau gelten besonders verlängerte, herabhängende Labia interna. Zu diesem Berufe werden impotente Greise angestellt, welche durch Ziehen und Zupfen bei Mädchen, noch wenn dieselben kleine Kinder sind, diesen Schmuck künstlich hervorzubringen bemüht sind und damit zu gewissen Zeiten bis zur heran- nahenden Pubertät fortfahren. Zu gleicher Zeit ist es ebenso die Aufgabe dieser Impotenten, der Klitoris eine mehr als natürliche Entwicklung zu verleihen, weshalb dieser Teil nicht allein anhaltend gerieben, sowie mit der Zunge be- leckt, sondern auch durch den Stich einer großen Ameise gereizt wird, der einen kurzen prickelnden Reiz verursacht. Im Einklang hiermit stehen die Extravaganzen im Genuß des Geschlechtstriebes. Die Männer bedienen sich zur größeren Aufreizung der Frauen nicht allein der Zunge, sondern auch der Zähne, mit welcher sie die verlängerten Schamlippen fassen, um sie länger zu zerren." Im Jahre 1875 berichtet der Missionar A. Merensky über künst- liche Verlängerung der Labia minora bei den Basutos usw., was dadurch ge- schehe, daß die älteren Mädchen, sobald sie mit den jüngeren allein seien, an diesen Teilen zerren und sie später förmlich auf Hölzchen wickeln. Nehmen wir ruhig einen Teil dieses Berichtes auf Kosten der Phantasie des Herrn Mis- sionars, so dürfte doch sicher bleiben, das bei all den Stämmen, die solche ver- längerte Geschlechtslippen haben, künstliche Eingriffe eine Rolle spielen. Diese sind aber sicherlich nicht die Ursache überhaupt. Auch C. Vaillant berichtet von künstlicher Verlängerung und sagt, daß es die großen Lippen seien; die


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Verlängerung erfolge durch Zerren und Reiben und Einführung von Steinen. Der Sprachforscher Fr. Müller spricht von einer Verlängerung der „äußeren Schamlippen". War es an sich sehr unwahrscheinlich, daß es sich um eine Ver- längerung der großen Lippen handelt, so war es doch wertvoll, endlich fach- männische Feststellungen zu bekommen. Ploß gibt folgende Beschreibung: „Die großen (äußeren) Schamlippen stellten hier zwei ganz flache Wülste dar, die sich nach oben und unten hin so allmählich verloren, daß weder von einer rima pudendi noch von einer Kommissur die Rede ist. Die kleinen Schamlippen liegen daher frei (fötale Bildung). Vom flachen Venusberg (mons veneris) geht ein 26 mm langer Wulst ab, der Kitzler (Klitoris). Die von der Kitzlervorhaut (präputium clitoridis) ausgehenden kleinen Schamlippen haben eine Höhe von 3,85 cm und eine Länge von 6 cm. Beide Nymphen in der Mitte aneinander- gelegt, bilden einen nasenähnlichen Vorsprung."

b) Schmuck und Kleidung. Es tobt seit langer Zeit ein Streit über den Ursprung der Kleidung. Er wäre an sich so einfach zu erklären, wenn man nur wollte. Man will aber nicht sehen, denn man will vor allem das Schamgefühl als eine primäre Eigenschaft des Menschen retten, da die christliche Moral seiner als hauptsächlichster Grund- lage bedarf. Man hat diese Neurose dem Volke aufgedrängt und behauptet, es sei vorhanden gewesen, denn man bedarf die „gröbliche Verletzung des Schamgefühls", um diese Moral amtlich zu decken, die an sich nichts anderes ist als der Ausfluß einer ehedem gültigen und dazu egoistischen Sozialpolitik der christlichen Hierarchie. Und zu dieser Deckung soll die Kleidung dienen; sie soll entstanden sein, weil die Menschen sich „schämten". Das ist die landläufige Auffassung. Sie ist ein Märchen und wissenschaftlich nicht haltbar; ja sie ist sogar komisch, weil sie die Tatsachen auf den Kopf stellt. Die Kleidung ist nämlich nicht aus dem Schamgefühl entstanden, sondern umgekehrt dieses aus der Kleidung. Wie das geschah und wie sich das Schamgefühl überhaupt bildete, darauf kommen wir später. Hier wollen wir lediglich den Entwicklungsgang der Kleidung, und zwar der weiblichen, betrachten.

Schon im Tierreiche kommt es vor, daß die Männchen bestimmter Vögel vor dem Weibchen tanzen und dabei einen bunten Gegenstand, ein Federchen in


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den Schnabel nehmen. Wie oft sieht man, daß ein Hund, der jemand begrüßen will, den nächsten besten Gegenstand erfaßt und ihm im Maule entgegenträgt. Sie haben die Absicht, zu gefallen. Bereits am Eingang unserer Darstellung haben wir von dieser Bestrebung gesprochen; ihr entspringt, wie wir schon dort erwähnten, das Bedürfnis, sich zu schmücken. Der Mann hat vielleicht den ersten Schmuck angelegt und das Weib ist ihm darin gefolgt. Das war das einzige, was der Mensch am Körper trug, und wir haben noch heute viele Naturvölker, die es dabei Genüge sein lassen. So erzählt beispielsweise Spix und Martius (1820) von den Mundruku (Südamerika), daß sie im wilden Zustande un- bekleidet gewesen seien, nur die Männer hätten die Taconha-oba getragen. Die Weiber sahen sie selbst in der Mission ganz nackt, und es kostete Mühe, sie zu überreden, für die Kirche eine Schürze anzuziehen. (!) Dagegen seien diese Indianer nebst den Mauhes die größten Künstler in Federarbeiten. Ihre Zepter, Hüte, Mützen, ellenlange Girlanden und Quasten, die sie bei den Tänzen wie eine Mamille über die Schultern, und Schürzen von Straußen- und andern Federn, die sie um die Lenden tragen, wetteiferten mit den zierlichsten Arbeiten dieser Art in den Nonnenklöstern von Portugal, Bahia und Madeira. Was schmückt nun das Weib alles? Wir dürfen sagen, jeden Teil seines Körpers, an dem Schmuck zu haften vermag. Von jenem Schmucke, der in Körperplastik und Bemalung liegt, haben wir bereits gesprochen und an ihm bereits beobachten können, daß er nirgends bestrebt war, den Intentionen eines Schamgefühls zu folgen. Wir haben hier also nur noch jenen Schmuck zu betrachten, der durch Gegenstände, die am Körper angebracht werden, bewirkt wird. Dies kann nun entweder mit Hilfe von Durchbohrungen oder durch bloßes Anhängen geschehen. Dementsprechend läßt sich — abgesehen von der Körperplastik selbst, die wir im vorigen Kapitel behandelt haben — der Schmuck einteilen in:

I. Schmuck mit Körperplastik (Befestigung mittels Durchbohrungen):

1. Nasen,

2. Ohren,

3. Lippen und Wangen,

4. Haut,

5. Genitalien.


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II. Schmuck ohne Körperplastik (eigentlicher Schmuck):

a) Dekorationsschmuck (rein ästhetisch),

b) Gelegenheitsschmuck (bei Festen und Zeremonien),

c) Standesschmuck (zur Unterscheidung sozialer Stufen),

d) Zauberschmuck:

a) subjektiv (Amulette),

ß ) objektiv (bei Zauberhandlungen). Durchbohrungen sind bei uns selten; sie beschränken sich eigentlich nur auf das Ohrläppchen. Bei Naturvölkern sind sie häufiger. Sie haben denselben Zweck wie die oben behandelte Körperplastik selbst, deren Wirkung durch die Schmuck- stücke noch unterstützt werden soll, d. h. sie dienen der Blutentziehung, und das eingesetzte Schmuckstück ist ursprünglich nur das Denkzeichen an das Opfer. Man durchbohrt hier Ohrmuscheln, Nasenflügel, Nasenscheidewand, Lippen, Wangen und Geschlechtsteile und fügt ihnen oft sehr große, nach unseren Be- griffen erschreckende Gegenstände ein. Das Ohrläppchen muß hier am meisten aushalten. Reichard sagt von den Wanjamwesi: „Die Ohrläppchen werden in der Jugend oder, wenn es da versäumt wurde, beim Erwachsenen mit einer eisernen Nadel oder einem Dorn durchbohrt und zunächst ein Faden hindurchgezogen, welcher am dritten Tag durch einen feinen Strohhalm ersetzt wird. Diesem fügt man jeden zweiten oder dritten Tag bei regelmäßigem Verlaufe der Heilung einen weiteren Strohhalm hinzu, bis ein fingerdickes Bündel derselben nach erfolgter Heilung innerhalb vierzehn Tagen durch einen spundartigen Holzpflock ersetzt wird, welcher, um die entstandene Öffnung immer mehr zu erweitern, täglich durch eine Windung Bast- oder Baumwollstoffes verdickt wird. Will man die Öffnung noch mehr erweitern, so steckt man den sich verdickenden Hals eines Flaschenkürbis ein, denselben immer weiter eintreibend. Ein fest zusammen- gerollter, stark elastischer Palmblattstreifen wirkt dann oft noch federnd so lange, bis man bequem eine sehr große Taschenuhr in der Öffnung des miß- handelten Ohrläppchens unterbringen könnte. Der nach unseren Begriffen Ver- unzierte kann dann ganz bequem das Ohrläppchen über das Ohr ziehen." Unsere Bilder 108 und 113 (Fig. links) sind noch sehr milde Formen. Auch Abb. 37 und 6$ gehören hierher. Ferner Abb. 98, Fig. 1, 3, 10, 11, 13, 14, 16. Nächst Afrika ist Südamerika für die Ohrpflöcke charakteristisch; ein ganzes


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Volk hat danach seinen Namen bekommen: die Botokuden (von botoque = Zapfen). Bei den meisten Stämmen aber war dieser eigenartige Körper- schmuck männliches Vorrecht, bei den Botokuden dagegen trugen ihn beide Geschlechter; hier bildeten sie mit den Lippenpflöcken zusammen einen ganz furchtbaren Eindruck (vgl. Abb. 98, Fig. 6). Prinz Max von Wied, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts diese Gebiete bereiste, gibt uns eine Be- schreibung. Er sagt: „Der Wille des Vaters bestimmt die Zeit, wann die Ope- ration vorgenommen und das Kind die seltsame Zierde seines Stammes erhalten soll, welches gewöhnlich schon im 7. oder 8. Jahre, öfters auch noch früher geschieht. Man spannt zu dem Ende die Ohrzipfel und Unterlippe aus, stößt mit einem harten, zugespitzten Holze Löcher hindurch und steckt in die Öff- nungen erst kleine, dann von Zeit zu Zeit größere Hölzer, welche endlich Lippe und Ohrläppchen zu einer ungeheuren Weite ausdehnen . . . Obgleich diese Hölzer äußerst leicht sind, so ziehen sie bei älteren Leuten dennoch die Lippe nieder- wärts; bei jüngeren steht sie hingegen geradeaus oder etwas aufgerichtet. Es ist dies ein auffallender Beweis von der außerordentlichen Dehnbarkeit der Muskel- fiber; denn die Unterlippe erscheint nur als ein dünner um das Holz gelegter Ring und ebenso die Ohrläppchen, welche bis beinahe auf die Schultern herab- reichen. Sie können das Holz herausnehmen, so oft sie wollen, dann hängt der Lippenrand schlaff herab und die Unterzähne sind völlig entblößt. Mit den Jahren wird die Ausdehnung immer größer und oft so stark, daß die Ohr- läppchen oder die Lippe zerreißt, alsdann binden sie die Stücke mit einer Cipo wieder zusammen und stellen den Ring auf diese Art wieder her. Bei alten Leuten findet man meistens das eine oder selbst beide Ohren auf diese Art zerrissen. Da der Pflock in der Lippe beständig gegen die mittleren Vorder- zähne des Unterkiefers drückt und reibt, so fallen diese zeitig, ja schon im 20. bis 30. Jahre, aus, oder sind mißgestaltet und verschoben." Die Frauen tragen im allgemeinen kleinere Pflöcke. Der Lippenpflock tritt auch bei den Weibern der nordwestamerikanischen Indianerstämme auf, und zwar sind hier teilweise ausnahmsweise die Männer nicht damit „geschmückt" (vgl. Abb. 98, Fig. 7). Sehr interessant ist die Schilderung, die Landsdorff in seinem bereits 18 12 in Frankfurt erschienenen Werke gibt, weil in jener Zeit noch die alten Pflöcke in Gebrauch waren, die bald darauf durch silberne Stifte ersetzt wurden,


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weil die europäischen Matrosen sich vor den indianischen Mädchen ekelten; er schreibt: „Wenn das junge Mädchen das 13. oder 14. Jahr erreicht, oder sich die Periode ihrer weiblichen Bestimmung einstellt, so wird eine kleine Öffnung unmittelbar in der Mitte dicht unter die Unterlippe gemacht und anfänglich ein dicker Draht, dann ein hölzerner Doppelknopf oder ein kleiner, auf beiden Enden etwas verdickter Zylinder in dieselbe gebracht. Diese einmal gemachte Öffnung wird nun allmählich nach mehreren Monaten und Jahren immer größer geschlitzt und die untere Lippe durch ein in dieselbe gebrachtes ovales oder elliptisches Brettchen oder Schüsselchen immer weiter ausgedehnt, wodurch jede Frau das Aussehen gewinnt, als wenn ein großer, flacher, hölzerner Suppen- löffel in das Fleisch der Unterlippe eingewachsen wäre. Der äußere Rand dieses Tellerchens ist mit einer Rinne versehen, damit die beträchtlich ausgedehnte Unterlippe desto fester um dieselbe anliegt. Dieser uns Europäern abscheulich scheinende Lippenzierat, dieser ganz eigene Begriff von Schönheit, findet sich an der Küste des nordwestlichen Amerikas vom 50. bis 60. Grad nördlicher Breite. Alle Weiber, ohne Unterschied, haben einen solchen Löffel unter dem Munde, in dessen Umfang ein besonderes Vorrecht entweder des Alters oder des Standes zu bestehen scheint. Derselbe ist 2 bis 3 Zoll lang, etwa i'/a bis

2 Zoll breit und höchstens 1 Zoll dick; die Weiber der Oberhäupter aber haben ihn im allgemeinen um vieles länger und breiter. Ich habe selbst bei einer sehr vornehmen Dame ein solches Lippenoval gesehen, das völlig 5 Zoll lang und

3 Zoll breit war; und Herr Dr. Wolf II, der weit davon entfernt ist, auch nur im geringsten zu übertreiben, und der mit dem Schiff Juno' beinahe die ganze Küste von dem 50. bis 57. Grad N befahren hat, um Seeottern einzutauschen, versichert, er habe die bejahrte Frau eines Oberhauptes in Clatham-Street ge- sehen, deren Lippenlöffel so groß war, daß sie bei einer Bewegung der Unter- lippe beinahe das gesamte Gesicht damit bedecken konnte." In Afrika ist be- sonders das Gebiet unseres ehemaligen ostafrikanischen Kolonialbesitzes dafür sehr charakteristisch (vgl. Abb. 116 u. 117 und Abb. 98, Fig. 12). Wir sehen aus dieser Schilderung, daß soziale Verhältnisse deutlich mitsprechen, daß also nicht das Schönheitsgefühl allein maßgebend ist. Man darf für derartige Körper- verunstaltungen überhaupt annehmen, daß ihr Zweck urprünglich entweder ein religiöser oder ein sozialer war, und daß sich erst aus dem alltäglichen Gebrauch


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ein Schönheitsgefühl dafür herausentwickelte. Dies bezeugt uns Südindien, wo, im Anschluß an religiöse Zeremonien, Nasenflügel und Ohrläppchen geschlitzt werden, ohne daß man Schmuckgegenstände daran befestigt. Bezeichnend ist ferner, daß die Aleuten den Rand der Ohrmuschel mehrmals durchlochen und darein Schmuck setzen, wenn man bedenkt, daß im alten Mexiko dieser Rand ein besonders beliebter Platz für die rituelle Blutentziehung war, die mit spitzen Knochen ausgeführt wurde. Sie mag der Ursprung dieser Ohrdurchbohrung ge- wesen sein, und man fand es schön, diese Löcher als Zeichen eifrigen Gottes- dienstes durch eingesteckte Schmuckstücke besonders hervorzuheben. Ein Finger- zeig ist ferner eine südindische Sitte, über die uns Thurston berichtet. Dort gibt man Kindern irgendeinen beschimpfenden Namen, etwa wie „Düngerhaufen", weil man glaubt, sie so vor Zauber zu schützen, und kennzeichnet solche Kinder nach außen hin dadurch, daß man sie im durchbohrten rechten Nasenflügel und im rechten Ohr ein goldenes Schmuckstück tragen läßt. Auch bei den indischen Frauen nimmt immer der rechte Nasenflügel den Schmuck auf, während bei den Malaien die Ohrdurchbohrung den Frauen vorbehalten ist. Sehr treffend erinnert Stoll daran, daß nach indischer Ansicht die Ohren, die man als direkt mit dem Gehirn in Verbindung stehend denkt, den bösen Geistern als Pforte dienen; darum sei den in ihnen angebrachten Zieraten besonders auch der Charakter von Amuletten beizulegen. „Deshalb pflegen," fährt Stoll fort, „wie Crooke er- zählt, die Kanphatas von Cutch den Ohrknorpel zu spalten und in den Schlitz einen Pflock oder Stift aus dem Holze des Nimbaumes einzusetzen, der als heiliger Baum und als spezieller Aufenthalt der Krankheitsgeister gilt." Die Durchbohrung der Nasenscheidewand zeigen Abb. 114 und Abb. 98, Fig. 8, einen Nasenring Abb. 70. Die Durchbohrung der Genitalien behandeln wir später. Damit kommen wir zur Betrachtung des eigentlichen Schmuckes, d. h. Zier- stücke, die ohne irgendwelche Körperplastik direkt am Körper oder seinen Extremitäten befestigt werden. Seine Entstehung ist weit komplizierter, als man denken mag. Der Trieb, sich zu schmücken, deckt sich heute im wesentlichen mit dem Trieb, „schön" zu sein. Wir haben aber bereits mehrmals darauf hin- gewiesen, daß dieses „Schönsein" gar vielfach eine Art von Übereinkommen ist. Ein Gebrauch, der an sich gar nicht schön ist, aber aus wirklichen oder vermeint- lichen Gründen innegehalten wird, gilt als notwendig und wird schließlich


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„schön". Wir sehen dabei, daß das Verlangen, sich zu schmücken, vielfach auf einem Verlangen, das Stammesechte zu erfüllen, beruht. Sehr bezeichnend zieht daher Schurtz ein modernes Beispiel heran: „Der neuernannte Offizier, der zum erstenmal seine Uniform anlegt, oder der Student, der Band und Mütze stolz spazieren trägt, schöpfen beide ihr Hochgefühl nicht aus dem Bewußtsein per- sönlicher Tüchtigkeit, sondern vor allem aus dem der Zugehörigkeit zu einer angesehenen oder gefürchteten Gruppe. Die Zuschauer, auf die man dabei Ein- druck zu machen sucht, sind natürlich in erster Linie immer die Angehörigen des anderen Geschlechtes." So ist es berechtigt, wenn wir oben den Schmuck in Dekor ations-, Gelegenheits-, Standes- und Zauber schmuck teilten; aber selbst dabei ist der Dekorationsschmuck, der uns heute in rein ästhetischer "Wirkung entgegentritt, nicht immer und von Haus aus rein ästhetischen Momenten ent- sprungen. Wenn heute die meisten Männer der Amurvölker und neben ihnen sogar Chinesen und Mandschu schön gezierte Daumenringe lediglich als Schmuck tragen, so ist das noch lange nicht die Ursache. Wir erfahren vielmehr, daß diese Ringe einem rein praktischen Bedürfnis entsprungen sind: sie wurden ursprüng- lich zum Spannen des Bogens benutzt. Dies mußte in Nordostasien natürlich jeder Mann gründlich können, und so war es selbstverständlich und zugleich für die jungen Leute eine Ehre, den Ring zu tragen. Auf diese Weise ist man stolz auf ihn, er wurde zum Schmuck und gilt als schön: Solcher Fälle ließen sich hunderte anführen; sie würden uns alle zeigen, wie das ästhetische Empfin- den sich an jeden Objekten der täglichen Übung, die zu zeigen eine Ehre war, gebildet hat. Daß natürlich gerade solche Dinge sich die sozial höherstehenden Personen besonders beilegen, unter Umständen sogar ein Verbot den geringen Schichten gegenüber durchsetzen, ist klar. So entsteht eine gewisse Abstufung nach sozialem Rang. Aber auch der Reiche unterscheidet sich öfter vom Armen, und wäre es eventuell nur darin, daß er in der Lage ist, sich eine größere Anzahl von Schmuckstücken anzulegen. Bei den Wanyamwesi dürfen beispiels- weise nur die Vornehmen Löwen- und Pantherfelle tragen. Welche Opfer man diesem äußerlichen Reichtumsmesser bringt, zeigen Worte Morgans, in denen er erzählt, daß er eine Häuptlingsfrau der Wavunia sah, die einen 16 bis 20 Pfund schweren Messinghalsring trug und genötigt war, sich öfter einmal niederzulegen und auszuruhen, um nicht unter dem Gewicht des Schmuckes zusammenzubrechen.


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Die gesellschaftliche Stellung gründet sich aber glücklicherweise bei verschiedenen Völkern auch auf Taten. Auch diese Auffassung spiegelt sich im Schmuck wider. Die Dakotaindianer hatten beispielsweise ein ganzes System von Schmuckfedern geschaffen, aus denen man ohne weiteres ablesen konnte, welche Verdienste ihr Träger hatte. Unser Ordenssystem ist dem ähnlich, oder sollte es seiner Idee nach wenigstens sein. Wir sehen aber auch, daß der Mensch bei bestimmten Gelegenheiten eine bestimmte Art von Schmuck anlegt. So beobachtet man allent- halben bei Natur- und Kulturvölkern Hochzeitsschmuck, Trauerschmuck, Fest- schmuck und ähnliches. Diese Gattung, sich auszuzeichnen, entspringt wohl zu- meist religiösen Momenten; oft will man einen Zauber damit ausführen. Dies bringt uns von selbst auf die letzte Gattung unserer Einteilung: den Zauber- schmuck im engeren Sinne. Mehr oder weniger liegt er ja allen anderen Schmuck- arten ganz oder teilweise zugrunde, in vielen Fällen aber erscheint er deutlich als solcher. Dann können wir ihn in zwei große Gruppen gliedern, in solchen Zauberschmuck, den man trägt, um sich selbst zu schützen, also in Amulette, und in solchen, der bei einer Zauberhandlung unterstützen soll. Es würde den dieser Darstellung gebotenen Raum weit überschreiten, wollten wir nun alle diese Unterabteilungen des eigentlichen Schmuckes der Reihe nach durchsprechen, zumal wir dem Körperschmuck an sich, seiner Wichtigkeit entsprechend, einen großen Raum gegeben haben. Wir können uns hier also nur mit einzelnen Grundzügen befassen. Da ist zunächst wichtig, festzustellen, daß in den meisten Fällen schon die Materialien selbst, aus denen der Schmuck gefertigt zu werden pflegt, eine gewisse soziale oder religiöse Bedeutung haben. Das Gold geht allen voran, wohl schon deshalb, weil es seiner Weichheit halber Naturvölkern zu nicht viel anderem dienen kann, und ferner deshalb, weil es wohl das erste Metall war, das verarbeitet wurde, denn es findet sich am ehesten gediegen, oder besser gesagt erzfrei. Ganz ähnlich verhält es sich dann später mit anderen Metallen und mit edlen Steinen. Allen schrieb man mehr oder minder eine be- stimmte Zauberwirkung zu. Recht beliebt bei Naturvölkern sind dann aber Blumen, Muscheln, Schnecken und Federn und Perlen, sowie Zähne. Auch bei ihnen lassen sich eine ganze Kette mystischer Beziehungen nachweisen, so daß wir ohne weiteres erkennen können, daß schon an das Material, aus dem der Schmuck hergestellt wird, sich eine ganze Kette mystischer Vorstellungen knüpft,


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deren Wirkung in teilweise erhöhtem Grade sich um die Schmucksachen selbst webt.

Den Übergang zum eigentlichen Schmuck bildet die Haartracht; sie ist jederzeit veränderlich und unterliegt derselben Einteilung, die wir oben vom Schmucke gaben. Von Natur aus sind die verschiedenen Völker bereits verschieden bedacht worden. Die einen haben kurzes, krauses Haar (Abb. 13, 14, 47, 61), die anderen straffes, langes (Abb. 20, 23, 27), und die dritten welliges (Abb. 37, 39, 40, 41, 44). Darin liegt schon im wesentlichen die verschiedene Haarbehandlung be- gründet. Während Völker mit kurzem Haar das Bestreben haben, es durch Ein- reibung mit Lehm oder anderen derartigen Stoffen für eine besondere Art der Haarplastik geeignet zu machen, verschmähen dies zumeist Völker mit straffem, langem Haar und ebenso Völker mit lockigem (Abb. 123). Auch innerhalb der beiden Geschlechter ist meistens wie bei uns ein Unterschied, denn eine Gleich- heit der Haartracht ist auch bei Naturvölkern selten. Interessant ist aber, daß bei verschiedenen Völkern die Frauen das kurze Haar tragen und neben ihnen die Männer manchmal langes. Dies gilt besonders für die Crowindianer, wo die Frauen ihr Haar kurz schneiden müssen, während die Männer es so lang als möglich wachsen lassen, so daß es nach Catlin vorkommt, daß es auf dem Boden schleift. Bei anderen Indianerstämmen war es dagegen umgekehrt. Von den Bewohnern der Provinz Chicora sagt Herreras, daß bei ihnen im 16. Jahr- hundert die Männer die Haare bis zum Gürtel, die Frauen aber noch länger getragen hätten. 1 ) Ungemein verbreitet sind aber allerlei Formen von Haar- frisuren. Die einfachste ist das Herstellen eines kleinen Schopfes. Fritsch schildert diese Art bei den Zulukaffern: „Die Frisur der Frauen ist abweichend, indem die Mädchen das Haar ohne besondere Künstelei einfach kurz halten; bei den verheirateten Frauen aber rasiert man den Kopf bis auf den höchsten Teil des Scheitels, wo ein solides Haarbüschel stehenbleibt, welches durch Einreiben von Ockererde und Fett zu einer dichten roten Masse wird. Es bildet dieses Toupet einen gewöhnlich etwas mehr als faustgroßen Wulst oder Knopf, der wie eine


') Stoll vermutet, daß diese Provinz in Georgien zu suchen wäre; dann wären diese In- dianer der Maskoki-Gruppe zuzurechnen.


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Handhabe auf dem Scheitel sitzt und vielleicht oft genug als solche gebraucht wird, wenn der Eheherr seiner Frau eindringliche Ermahnungen ergibt." Noch origineller ist die Haartracht bei manchen Gentes der Omahaindianer. Hier werden den Mädchen vier Büschel frisiert, eines über der Stirne, eines am Hinter- kopf und je eines über jedem Ohr. Dieser Büschelfrisur steht die Ringelfrisur am nächsten. Als Beispiel nennen wir die Bewohner von Tanna (Neue Hebriden). Die Frauen tragen das Haar kurz und machen daraus eine Unmenge kleiner, aufrechtstehender, etwa i'/a Zoll langer Ringelchen. Besonders in Afrika stark verbreitet ist das Ordnen des Haares in eine Unzahl kleiner Flechten; wir sehen es bei den Somali, bei Sudanweibern, bei Kaffern, Ovambo (Abb. 52) usw. Aber es tritt auch sonst auf; so berichtet Pallas von den Kalmückinnen: Die Mädchen „läßt man, sobald sie etwas heranwachsen, alles Haar sorgfältig hegen, und im 12. oder 14 Jahre, da ein kalmückisches Frauenzimmer schon mannbar zu wer- den anfängt, flicht man den Dirnen das Hinterhaar vom Scheitel an in einen Hauptzopf (Täbi) und das Nebenhaar zu beyden Seiten in so viele kleine Flech- ten (Köckel) als man will oder kann; und diese hängen gemeiniglich hinten und auf die Schultern herunter, seltener werden sie um den Kopf geschlagen. Bey der Verehelichung eines Mädchens werden diese Flechten aufgelöst und aus allem Haar am Hinterkopf, gleich hinter den Ohren, zwey große und wohl noch mit eingemengtem fremden Haar vermehrte Zöpfe (Babagain Chojor Uessin) ge- flochten, welche nach vornen über beyde Schultern herabhängen müssen und in einer Scheide von schwarzer Kitaika oder Taffent verwahrt zu werden pflegen." Verschiedene Haarfrisuren zeigen die Abbildungen 120 124 u. 130. Zöpfe in allerlei Form zu tragen ist ebenfalls recht beliebt. Aus der Menge nur ein Bei- spiel, die Frauen der grönländischen Eskimos, nach Cranz: „Den Weibern aber wäre es eine Schande, die Haare abzuschneiden; das tun sie nur bei der tiefsten Trauer, oder wenn sie gar nicht heiraten wollen. Sie binden dieselben über dem Kopf zweimal zusammen, so daß über dem Scheitel ein langer, breiter, und über demselben noch ein kleiner Zopf steht, den sie mit einem schönen Bande abbinden, das auch wohl mit Glasperlen geziert ist." Dies leitet uns ohne weiteres auf jene Haarfrisuren über, deren Aufbau mehr oder weniger ab- hängig ist von den eingeflochtenen Schmucksachen. Trotz aller Einfachheit kann man hier bereits die Hottentottinnen anführen. Kolb berichtet uns, daß sie


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das Haar sehr kurz tragen, aber stark einfetten und kupferne Zieraten einflech- ten, wobei sie außerdem noch die Stirne mit Buchu, einem wohlriechenden Pul- ver, bestreuen. Am vornehmsten ist wohl der Haarschmuck der Polynesierinnen. Wie kaum andere Frauen der Erde verstehen sie den zauberhaften Reiz von Blumen mit ihrem an sich schönen Haar zu verbinden (Abb. 39, 41, 122). Bei anderen Völkern wird ein ganzer Haarturm errichtet, Haarschöpfe, die mit Bändern dicht umbunden sind, so daß sie schräg aufwärts stehen. Die kirgisi- schen Frauen tragen nach Lewschin die Haare geflochten in 2 bis 3 Zöpfe, „von denen zwei mit verschiedenen Bändern umwickelt über die Schultern herab- hängen, oder sie wickeln sie um die Mütze herum; der dritte Zopf hängt hinten über den Rücken bis auf die Fersen herab. Zuweilen binden sie an Stelle dieses letzten Zopfes etwas anderes an, das ihn vorstellen soll, und schmücken es mit Zieraten und kleinen Knoten aus Bändern usw. Die Mädchen teilen ihr Haar in viele kleine Zöpfe, an welche sie Silberplättchen oder Steine in Form von kleinen Schlangenköpfen anhaken, und am Ende der Zöpfe befestigen sie Pom- pons, Bänder u. dgl."

Das führt uns nun direkt zu den Schmuckstücken selbst zurück. Die oben an- gedeuteten Unterschiede werden durch allerlei Schmuckgegenstände erreicht, man darf sagen, daß kein Körperteil, der überhaupt geschaffen ist, ein Schmuckstück halten zu können, davon frei geblieben ist. Wir können so von Finger- und Zehenschmuck, von Unter- und Oberschenkelschmuck, vom Schmuck der Hüften, Taillen und Busen, von Unter- und Oberarmschmuck, vom Schmuck der Schul- tern, des Halses und des Kopfes ebenso sprechen wie von einem Schmuck der ganzen Gestalt. Um die Finger trägt man Ringe. Freilich darf man sagen, daß gerade diese Schmuckgattung bei Kulturvölkern häufiger ist als bei Natur- völkern, doch kommt sie vor — ein Beispiel haben wir bereits oben heran- gezogen. Der Schmuck der Zehen durch Ringe beschränkt sich beinahe auf In- dien, jenes Land, das nahezu für alle Gebiete der Völkerkunde ein Beispiel zu liefern imstande ist. Der Schmuck der Unter- und Oberschenkel besteht, der Zweckmäßigkeit entsprechend, hauptsächlich aus Ringen, die oft zu ganzen Systemen vereinigt sind. Sie kommen aus Metall, Leder, Fell, Rohr und ähn- lichen Stoffen vor. Besonders eigenartig sind jene spiralartig aus Draht usw. gefertigten stulpenartigen Arm- und Beinschmuckstücke, die wir bei indonesischen


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Völkern (besonders Dayakfrauen) (Abb. 127), dann bei Masai, im Kongo- gebiet (Abb. 119) finden. Ihnen gleicht im wesentlichen der Armschmuck. Auch hier leisten sich die Masai Ostafrikas wieder einen hohen Grad, der ohne weiteres die oben gegebene Einteilung des Schmuckes rechtfertigt und sich als eine Abart des Gelegenheitsschmuckes zeigt. Johnston berichtet: „Ledige Mädchen tragen wohl ein paar Armbänder, aber sobald ein junges Masaiweib im Begriffe steht zu heiraten, läßt sie sich dicken Eisendraht spiralig um ihre Beine wickeln. Auch trägt sie Spiralen desselben Drahtes um den Ober- und Vorderarm und wohl auch noch dazu ein oder zwei Armbänder aus Elfenbein." (Abb. 128 u. 129.) Mit Recht macht Stoll darauf aufmerksam, daß dieser Art von Schmuck in erster Linie auch eine Art von musikalischer Wirkung zuzumessen ist, denn man kann sich denken, daß die vielen Metallteile bei jeder Bewegung ganz bestimmte Klanglaute erzeugen. Daß man tatsächlich darauf etwas gibt, geht daraus her- vor, daß hin und wieder diese Wirkung durch besondere Schellen aus Metall verstärkt wird. Sehr wichtig wird aber der Schmuck der Hüften, dessen einfachste Form die sogenannte „Scham" schnür oder besser Hüftschnur ist, denn mit Scham hat sie nichts zu tun. Daß es falsch ist, behaup- ten zu wollen, sie wolle verdecken, und zwar aus „Schamgefühl", das wider- legen unsere Abbildungen ohne weiteres. Wenn man diese Schnüre in Beziehung zu den Geschlechtsteilen setzen will, so kann man höchstens einen Hinweis auf diese darin erblicken (Abb. 136). Im allgemeinen wird man aber getrost sagen dürfen, daß die Körpermitte eines menschlichen Wesens sicherlich eine Stelle ist, auf die der Blick fällt, und daß es so selbstverständlich ist, an einem der- artigen Orte Schmuck anzubringen, zumal er hier leicht zum Halten zu bringen ist. Diese Hüftschnüre sind nun ungemein stark verbreitet, und wenn wir heute viele Völker finden, die sie jetzt unter einer Art von Kleidung tragen, so kann man in allen Fällen behaupten, daß die Zeit nicht allzu fern ist, in der diese Völker nackt gingen, denn der Mensch verwendet keinen Schmuck an Stellen, die er verbirgt. Daß die Schnüre sich hielten, das zeigt einerseits die Stärke der überlieferten Sitte und andererseits, daß man diesen Schnüren eine wichtige Wirkung zumißt. Sie bestehen aus allen nur möglichen Stoffen, aus Perlschnüren und Leder naturgemäß am liebsten. An Stelle der Perlen dürften allerdings ursprünglich kleine Muscheln und Schneckengehäuse oder Muschelscheibchen und


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ähnliches verwendet worden sein. Manchmal werden auch wohlriechende Pflan- zen dazu verwendet (Abb. 132). Auf ihre Bedeutung für die Kleidung und ihre Entwicklung kommen wir zurück. Hier mag bloß noch erwähnt werden, daß sie sehr häufig als Träger anderer Schmuckstücke, die anhängselartig von ihnen herabhängen, benutzt werden, seien es Blätter oder Blumen, seien es größere Perlen, Muschelchen oder sonstige Gegenstände. Sehr häufig begegnen wir aber auch der Erscheinung, daß die Hüftschnur nur bei jungen Mädchen verwendet und entweder bei den Reifezeremonien oder der Eheschließung feierlich abgelegt wird. Bei anderen Stämmen, die etwas auf die Jungfräulichkeit geben, wird sie dann so zu einem Zeichen der Jungfräulichkeit, und ihre Wegnahme durch Männer bedeutet im Grunde Defloration. Wir haben die Hüftschnur als Träger kennengelernt; dies gilt noch mehr für den Gürtel, dessen Schwergewicht auf die Taille verlegt ist; es gilt aber auch von der Busenschnur, von der wir oben be- reits gesprochen und ihre Wechselbeziehung selbst zum Busen klargelegt haben. Nach K. v. d. Steinen besteht die Hüftschnur der Bakairi aus einem Baum- wollenfaden, an dem kleine Halmstücke oder durchbohrte Samenkerne oder winzige Stücke von Schneckenschalen aufgereiht sind. Je nach Möglichkeit wird die Hüftschnur denn auch vervielfacht und verbreitert, aber nicht etwa zu dem Zwecke, um dem Schamgefühl zu dienen, sondern rein um zu schmücken; dies zeigt so recht deutlich unser Bild eines Mädchens vom Senegal (Abb. 53). Ebenso ist es mit den angehängten Blättern und Blüten, die wohl auf Photo- graphien manchmal verdeckend wirken, nicht aber am lebenden, sich bewegen- den Körper. Beispiele dafür sind die Negerinnen der oberen Nilländer, deren Buchta eine große Reihe photographiert hat, oder etwa die Pontoc-Igoroten. Erst durch Anhängen einer größeren Menge schmückender Dinge kam unbeab- sichtigt eine Verhüllung zustande. Den Übergang dazu bilden jene eigenartigen Fransengürtel, wie wir sie im nördlichen Afrika finden und wie sie schon im alten Ägypten beliebt waren. Pallme beschreibt sie für die Mädchen von Kor- dofan, die ganz nackt gehen mit Ausnahme eines ledernen, öfters mit Achaten verzierten Gürtels, der Rabat heißt, und an dem Hunderte kleiner Riemchen herabhängen. Er ist ein Zeichen der ledigen Mädchen, denn bei der Eheschließung nimmt der Bräutigam „seine Auserwählte mit nach Hause, zerhackt den Rahat oder Jungfrauengürtel mit einem Messer in unzählige Stücke, bekleidet sodann


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selbe mit einer Melaje (heute großes Lendentuch) als Zeichen, daß sie nunmehr sein Weib ist". Auf ein aus Riedel stammendes besonderes interessantes Beispiel macht Stoll aufmerksam: „Einfacher und durchsichtiger gestaltet sich der mit dem Schamgefühl verknüpfte Symbolismus für die Frauen von Serang. Wenn nämlich eine Frau das Mißgeschick hat, mit einer Bande von Kopfjägern im Walde zusammenzutreffen, so beginnt sie ihren Schamgürtel von hinten her zu lösen und gibt durch diese Gebärde zu erkennen, daß sie bereit ist, sich um den Preis des Beischlafs loszukaufen und dadurch ihr Leben zu retten." Auch die in Indonesien usw. vorkommenden „Metallschürzen" müssen ursprünglich als Schmuck aufgefaßt werden, denn als „Bedeckung der Geschlechtsteile" können sie nicht aufgefaßt werden (Abb. 131). Nicht anders ist in seiner Grundbedeutung der Schulter- und Halsschmuck aufzufassen. Kein Naturvolk zeigt etwa das Be- streben, den Busen verhüllen zu wollen; wo dies vorkommt, haben wir es stets mit einer von außen her kommenden Beeinflussung zu tun. Der Hals- und Schulterschmuck ist entweder schnür-, reif- oder kettenförmig, mit oder ohne Anhängsel. Die Schnüre bestehen sowohl aus Stricken von Pflanzenfasern, aus Lederriemchen oder Bändchen oder aus Perlenschnüren, also genau aus demselben Material wie der Hüftschmuck. Zum Anreihen auf die Schnüre wird alles nur mögliche Erreichbare verwendet: Steine, Knochenkugeln und -scheibchen, Muschel- stückchen, Schneckenhäuser, bunte Pflanzenkerne usw. Von einer ganz eigentüm- lichen Art erzählt uns der alte Lindschotten, der Ende des 16. Jahrhunderts schrieb, von den Bewohnern von Mocambique. Er berichtet, daß man hier im Kampfe die Gepflogenheit habe, den Gegnern das männliche Glied abzuschnei- den, und fährt dann fort: „Dasselbige Glied lassen sie wol dürr werden, da- mit es sich halte vund nicht stinckendt werde. Wann es dann dürre ist, kommen sie für den König mit sonderer Reuerentz in Gegenwart der Fürnembsten vund Obersten in demselbigen Dorff, nemmen eines nach dem andern in den Mundt, speyen es widerumb auß auff den Boden für deß Königs Füsse, welches der König mit einer großen Danksagung auffnimpt. Vnd damit er jhnen jhre Mannheit vund Dapfferkeit widerumb mit einer besondern Verehrung vergelte, so lasset er alle dieselbigen außgespeyten Quoniam widerumb auffraffen von der Erden, gibet sie widerumb dem, der sie hat präsentiert, ihm für ein Präsentz vnd sonderlichen Ehrentittel, dessen er sich zu erheben hab vnd fürter für eine

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Ritterliche Person zu halten sey. Darauff nimbt er alle dieselbige Quoniam, welche jhm der König also hat verehret, reyhet sie zusammen an eine Schnur, machet darauß ein Pater noster, wann sie dann etwan Hochzeit oder sonsten ein Fest haben, so kommen die Bräute vnd Eheweiber desselbigen Ritters hinzu, haben diese Pater noster mit allen denselbigen Quoniam vmb den Halß hangen, welches bey jhnen so eine große Ehre ist, als bey vns das gülden Fließ, oder das Garthier auß Engelland, zu tragen. Wann nun gemeldtes Ritters Braut oder Eheweiber solche stattliche Pater noster anhaben, bedüncken sie sich so groß vnd hoch zu seyn, daß sie beynahe meynen, sie seyen Königinnen der gantzen Welt." (Abb. 137.) Auch hier haben wir wieder deutlich die Wechselbeziehungen zwischen Körperschmuck und Ehe einerseits und dem sozialen Moment anderer- seits. Mehr nach der Zauberseite hin gravitiert aber gewöhnlich das oder die Anhängsel, die an dem Halsschmuck befestigt werden. Dies geht recht deutlich aus den von den Maori Neuseelands getragenen Tikis hervor. Es sind das teil- weise recht kostbare, aus Nephrit (Jadeit) geschnitzte menschliche Figürchen von platter Gestalt mit sehr großem Kopf und riesigen Augen. Dieffenbach be- schreibt sie wie folgt: „Es hat einen enormen Kopf, sehr große Augen und mon- ströse, außer Proportion stehende Arme und Beine. Es wird keineswegs als eine Götterfigur betrachtet, obschon der Wert, den sie ihm beilegen, mit gewissen alten genealogischen Überlieferungen verknüpft zu sein scheint, da E'Tiki auch der Name eines ihrer großen Vorfahren ist. Im allgemeinen fand ich, daß sie diese Figuretten als Erbstücke in einer Familie betrachteten, aber wo kein solcher Wert in Frage kam, trennten sie sich leicht davon." (Abb. 40.) Wie wir schon bei Arm- und Beinschmuck der Ungeheuern Metallgebilde der Masai und verschiedener Indonesier gedenken mußten, so müssen wir es hier beim Hals- und Nackenschmuck erst recht tun. Schon Schweinfurth berichtete über die am oberen Nil hausenden Mittu, daß ihnen fingerdicke, plumpe Eisenringe größerer Zahl um den Hals geschmiedet wurden, die nicht mehr abnehmbar sind und nur nach der Verwesung wieder zu entfernen sind. Ähnlich bei Masai (Abb. 129), Wando- iobo (Abb. 128). Noch origineller ist der Bericht von Schmidt-Fischer über die Padaung: „Um den Hals tragen die Padaungweiber massive, etwa ein Drittel Zoll dicke Messingstangen, die je nach dem Alter fünf- bis fünfundzwanzigmal um denselben gewunden werden; sie finden ihre Fortsetzung auf Nacken und


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Schulter, einen Panzerkragen bildend, der hinten von einem breiten Messing- henkel zusammengehalten wird und den Eindruck eines Krughenkels hervorruft. Ebensolche Ringe tragen sie unterhalb des Knies, um Fesseln und Handgelenk. Ungefähr mit dem siebenten Jahr werden die Halsringe, Brust- und Nacken- ringe erst mit dem zwölften, unter großen Schmerzen angelegt, und zwar von Weibern aus dem Loilongstaat, die jährlich einmal die Padaungdistrikte bereisen." Das Schmuckbedürfnis des Menschen macht aber am Halse nicht halt, auch der Kopf wird — abgesehen von der bereits behandelten Ohr-, Lippen- und Nasen- schmückung — ins engste Bereich des Schmuckes gezogen. Man kann den Kopf- schmuck vielleicht wie folgt einteilen:

i. eingesteckter Schmuck, 4. überragender Schmuck,

2. ringförmiger Schmuck, 5. Perücken,

3. hutförmiger Schmuck. 6. verhüllender Schmuck.

Unsere am Anfang gegebene Einteilung des Schmuckes paßt auch hier, denn wir haben mit allen jenen Stufen zu tun; der Kopfschmuck kann rein ästhetischen Momenten dienen, er kann gelegentlich getragen werden, er kann von sozialer oder kultischer Bedeutung sein.

Der eingesteckte Schmuck kann entweder allein auftreten oder in Verbindung mit anderen Schmuckarten. Tritt er allein auf, so wird er entweder hinter die Ohren in das Haar gesteckt. In erster Linie gilt das von Kämmen, Blumen- und Blätter- Arrangements, Federn, Nadeln verschiedenster Art usw. Kämme finden wir be- sonders in Melanesien, dann auch in Afrika, wie die Sangomädchen (Abb. 119) zeigen. Der Blumenschmuck hingegen tritt bei den polynesischen Frauen wieder am meisten in den Vordergrund; Beispiele zeigen unsere Abb. 39, 122. Verhält- nismäßig am häufigsten ist der ringförmige Schmuck, bestehe er nun aus einem wirklichen Ringe oder einem Bande oder einem ringförmig um den Kopf ge- wundenen Tuche. Bei den Zulukaffern kommen diese Formen besonders schön vor. Die Mädchen kämmen die Haare zurück und legen am Kopfe ein rundes Band herum, oder sie tragen einen Ring, von dem auf die Stirne Metall- plättchen herabhängen. Ein schmales Band zeigt das Togomädchen. Australische Weiber haben Fellschnüre (Abb. 98, Fig. ij). Eine Stoffbinde trägt das Busch- weib (Abb. 141), doch wohl hier auf christliches Konto. Zu dem hutförmigen Schmuck mag man bei Frauen das völlig um den Kopf geschlungene Tuch


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rechnen, wie es die sitzenden Dayakfrauen unserer Abb. 138 zeigen. Haarnetze und Schleier gehören ebenfalls hierher. Zum überragenden Kopfschmuck muß man vor allem die schönen Hauben der Hereroweiber rechnen, die in drei gabel- förmige Spitzen auslaufen. Die noch nicht heiratsfähigen Mädchen dürfen sie nicht tragen. Ist die Frau Mutter, so erhält sie um die Haube ein breites Band von Eisenperlen, ist sie kinderlos, so tritt an seine Stelle ein solches aus Kauri- musdieln. Auch die Samoanerin Abb. 42 gehört hierher. Bei den Kirgisen tragen die Frauen einen hohen, abgestutzten und von einem Kopftuch um- schlungenen Kegel, die ledigen Mädchen aber einen Kegel, der sich hoch auf- türmt, spitz zuläuft, aber statt des Kopftuches eine Troddel an der Spitze hat. Diademartiger Schmuck tritt bei den Dayakfrauen, den Tinguinanen (Philip- pinnen) auf (Abb. 143). Einen zeremoniellen Kopfschmuck zeigt die Samoanerin (Abb, 147). Zu den verhüllenden Arten des Kopfputzes gehören die Masken, die aber für Frauen wegen der seltenen Frauengeheimbünde nicht oft vorkommen (Abb. 133). Die Kälte veranlaßt dagegen das Tragen von Kapuzen, die oft deko- rativ ausgestaltet sind; wir finden sie bei allen Nord-Völkern, so Eskimos, Aleuten, Kamtschadalen usw. (Abb. 134). Perücken sind ähnlich zu beurteilen wie Masken; sie sind im wesentlichen Festtracht, kommen aber in Melanesien und Afrika auch als ständige Tracht vor.

An den Schmuck schließt sich die Kleidung an, ja man darf sagen, daß sie der Hauptsache nach aus ihm hervorgegangen ist. Dementsprechend und folgend dem den Menschen innewohnenden Drange, alles mehr oder weniger zu ver- zieren, ist sie zugleich selbst Trägerin des Schmuckes.

Schwierig wird die Untersuchung dadurch, daß uns die Mission in ihrem Eifer gegen das Nackte die ursprüngliche Sachlage oft verdorben hat. Am meisten zu warnen ist aber davor, die Kleidungsverhältnisse der Naturvölker nach den in Europa vorgeführten Trupps zu beurteilen. Hier hat die Polizei, dem Drucke unserer Pseudomoral nachgebend, die Nacktheit verboten und den Auftretenden Phantasiekostüme aufgezwungen, die oft schlimmer sind als eine Maskerade. Wer denkt nicht an jenen Trupp von Zulus, von dem die sogenannte „Prin- zessin" sehr bekannt geworden ist. Sie mußte ein Fellkostüm von lächerlicher Ausstattung tragen; wir geben in Abb. 139 und 140 ihr Bild normal und in marktschreierisch-moralistischer Form. In der Urzeit ging der Mensch nackt, und


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wir haben noch viele Naturvölker, für die das gleiche gilt; freilich haben die Berührungen mit der christlichen Mission in den letzten Jahrhunderten sehr da- mit aufgeräumt. Während noch im 16. Jahrhundert Florida, Antillen, das ganze nördliche und nordwestliche Südamerika, die südlichen Teile Mittelamerikas, die ganze afrikanische Guinea-, Gold- und Sklavenküste bis gegen Timbuktu, die ganze Westküste, ganz Zentralafrika, Mocambique, Teile von Madagaskar, das südliche Indien, Teile von Indonesien, Melanesien, ganz Australien usw. nackt gingen, beschränkt sich heute das Gebiet auf das zentrale Südamerika, das zen- tralste Afrika, Teile von Melanesien und das zentrale Australien; während aber ebenfalls im 16. Jahrhundert selbst in Europa Nacktheit noch in keiner Weise als verletzend oder unanständig aufgefaßt wurde, ist sie heute dazu angetan, das „Schamgefühl gröblich zu verletzen", und ist so strafbar geworden. Dem sei, wie ihm wolle, was aber nicht angebt, ist, daß diese jüngste europäische Mode plötzlich als eine dem Menschen angeborene erklärt wird und ihr die Entstehung der Kleidung untergeschoben wird. Kleidung und Schamgefühl in betreff von Geschlechtsteilen und Nacktheit stehen allerdings in einem gewissen Verhältnis, aber gerade im umgekehrten, als die europäische Moral glauben machen möchte. Nicht die Kleidung entstand aus dieser Art von Schamgefühl, sondern umgekehrt, dieses Sclmmgefühl entstand aus der Übung, bekleidet zu gehen. Wir haben oben gesehen, daß primitive Völker gerade jene Körpergegend, der die Geschlechtsteile angehören, durch allerlei Schmuck verzieren und so direkt auf diese Teile hinweisen, ohne sie im geringsten zu verhüllen. Die Absicht zu gefallen und anzulocken ist also zunächst maßgebend für die primi- tiven Schmuckstücke. Dies zeigt unser Bild 136. In einem früheren Kapitel haben wir aber von dem Glauben der Naturvölker von der gefährlichen Wir- kung der Körperausflüsse, insonderheit des Menstruationsblutes, gesprochen und haben gezeigt, daß die Weiber sich absperren müssen, damit die Männer dadurch keinen Schaden leiden. Wir haben ferner gezeigt, daß sie großenteils gehalten waren, das Menstruationsblut aufzufangen und es sachgemäß zu vernichten oder vernichten zu lassen. Dies Bestreben führte dazu, die Geschlechtsteile mit einem Deckchen zu versehen, da sich beim Weibe sehr bald die Furcht, seiner Gefähr- lichkeit halber vom Manne verabscheut zu werden, ausbildete, was wieder mit der Zeit die Ekelneurose zeitigte. Diese Verdeckungen zeigen uns z. B. deutlich


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die beiden Feuerländerinnen (Abb. 59). Ein weiteres Grundbestandteil der Klei- dung, das dem gleichen und ähnlichen Momenten entspringt, ist die Binde, d. h. ein Verschluß, der zwischen den Beinen des "Weibes durchgeht und so abschließend wirkt. Ihm liegt teilweise das gleiche Bestreben zugrunde wie dem Schürzchen, teilweise aber auch die in tropischen Gegenden sehr berechtigte Angst vor lästigen Tieren, die mit Vorliebe in die Geschlechtsteile eindringen, so besonders ver- schiedene Zeckenarten (Abb. 151). Aus dieser Art der abschließenden Binde hat sich als typische Form das Uluri südamerikanischer Indianerstämme entwickelt, ein aus Bast geflochtenes Dreieckchen, das mit einer Schnur auf den weiblichen Genitalien befestigt wird (Abb. 144, 145). Daß es die Geschlechtsteile nicht ver- decken soll, geht schon allein daraus hervor, daß die Bakairiweiber es in Gegen- wart K. v. d. Steinens ohne jede Scheu sofort ablegten, als er viele derartige Uluris für seine Sammlung erwarb. Auch der Taillengürtel gehört zum Grund- bestand der menschlichen Kleidung (Abb. 148). Er soll, wie wir oben feststellten, ebenfalls nicht dem Schamgefühl dienen. Zunächst ein Schmuck, wurde er bald zu einer praktischen Vorrichtung, um Gegenstände daran zu tragen. Ebenso diente er dazu, den Unterleib zusammenzuschnüren, wenn bei einem Nahrungs- mittelmangel der Hunger starke Qualen verursachte, ein Mittel, das Naturvölker noch heute gerne verwenden. Einem anderen, ähnlichen Momente entspringt der korsettartige Schutz der Taille und der unteren Brust (Abb. 135). Südamerika- nische Völker tragen beispielsweise Bastbinden, die sehr stark angezogen werden, weil sie dann besser in der Lage sind, mit dem Blasrohr Pfeile zu schießen. Das letzte Grundmoment von größerer Bedeutung für die Kleidung ist dann endlich der Mantel, d. h. ein um die Schultern gehängtes Fell oder Gewebe. Ursprüng- lich wohl ebenfalls dem Schmuckbedürfnis entsprungen, brachte er seine Träger in kälteren Gebieten sehr bald auf die Idee, in ihm ein wärmeerhaltendes Mittel zu sehen, das zugleich dazu beiträgt, das Nabrungsbedürfnis, das in kalten Kli- matas bekanntlich größer ist, herabzusetzen. So wurde er zum hüllenden, wärmespendenden Kleidungsstück. Fassen wir zusammen, so haben wir also im Schulter- und Hüftschmuck, im deckenden Schürzchen, in der abschließenden Binde, im komprimierenden Gürtel und im hüllenden Mantel die Grundmomente der weiblichen Kleidung. Nirgends ist uns eine Spur davon begegnet, daß dabei Schamgefühl mitgewirkt hätte, obwohl sein Ursprung im deckenden


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Schürzchen bereits erkennbar ist. Wir sehen es zunächst als Blätterbüschel, dann als Fellschürzchen (Abb. 142). Man kann diese Stücke die primitive Klei- dung nennen. Durch Vereinigung des Schürzchens mit der Hüftschnur ent- wickelt sich dann die erste Stufe der menschlichen Kleidung, die Schürze und der einjache Rock. Die Schürze kann aus ganz verschiedenen Bestandteilen sein, aus Gras oder Bast, aus Stoff oder gestickt (Abb. 67) oder geflochten (Abb. 125) usw. Ganz ähnlich ist es mit dem einfachen Rock, der im wesent- lichen eine rund um den Körper reichende Schürze darstellt. Auch er kann aus Blättern oder Gras (Abb. 126) oder aus einem Gewebe (etwa Baststoff) sein. Der Rock vereinigt wie die Schürze also das schmückende Moment mit dem deckenden und schließt so die Geschlechtsteile von den Blicken der Außen- stehenden ab; es war also jetzt nicht mehr üblich, sie zu zeigen, und so empfand man wie immer auf der Welt das Ungewohnte als beschämend, man hielt es für unrecht, etwas zu tun, was der allgemeinen Übung widersprach. So heftete sich das Schamgefühl in erster Linie an die Geschlechtsteile und das Hinterteil, während man bei der Brust gar nicht daran dachte, sie in den Bereich dessen einzubeziehen, was man nicht zeigen dürfe. Aber alle diese Kleidungsstücke ruhen noch auf dem Hüftband. Diese Art bildet die erste Stufe der eigent- lichen menschlichen Kleidung; sie ist nahtlos und ihr Hauptzweck ist noch der reine Schmuck, in zweiter Linie das Verdecken der körperlichen Ausflüsse, das dann später auf die Organe, die dazu dienten, übertragen wurde. Mit dem Fortschreiten technischer Kenntnisse verfiel man auf die Idee, die Bekleidung an das Taillenband zu legen, und kam so bald zum zusammengesetzten, ge- nähten Rock. Man verband ihn nicht mehr mit der weniger tragfähigen Hüft- schnur, sondern mit dem Gürtel. Damit wurde der Schwerpunkt der mensch- lichen Kleidung auf die Taille übertragen, ein Moment, das für die Weiterent- wicklung ausschlaggebend sein mußte. Aus dem Mantel entwickelte sich aber durch stärkere Betonung der Schulter die Jacke, die auch zu den genähten Klei- dungsstücken gehört. Sie ist entsprechend ihrem Ausgangspunkt eine Schöpfung der kalten Regionen (Abb. 146, 149, 150). Das dritte neue Kleidungsstück aber ist die Hose, die in ihren Grundmomenten das Schürzchen mit der Binde ver- eint und ebenfalls an den Taillengürtel anschließt. Zweifelsohne ist sie auch aus


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dem Schürzchen dadurch entstanden, daß dieses zwischen den Beinen durch- gezogen wurde, um den Wert seines Zweckes zu erhöhen. Jacke, zusammen- gesetzter Rock und Hose bilden die zweite Stufe in der Entwicklung der weib- lichen Kleidung; sie sind genähte Erzeugnisse; der Hauptzweck ist jetzt das Ver- hüllen des Körpers, entsprechend der Ausbildung in nördlichen Gegenden; Schmücken ist weniger wichtig geworden, und auclo Bedecken ist noch von ge- ringer Bedeutung, denn die Nacktheit ist noch lange nicht anstößig. Aus diesen drei Kleidungsstücken gehen nun alle heute bekannten hervor. Und zwar hat die Kleidungsart der wärmeren Gegenden, die wir als mittelländische bezeichnen wollen, zweckentsprechend die Verbindung von Rock und Jacke, die der käl- teren Gegenden (arktische Kleidung) die Verbindung von Jacke und Hose be- vorzugt (auch die in der moslemischen Welt verbreitete Frauenhose ist arktischen Ursprungs). Man kann diese Gruppe als dritte (kombinierte) Stufe bezeichnen. Ihrem Zwecke nach ist sie (besonders die arktische) in erster Linie verhüllend, dann aber, rechnend mit dem jetzt gänzlich auf die Sexualsphäre, ja sogar dar- über hinaus übergegangenen Schamgefühl, deckend und erst in letzter Linie schmückend. Damit haben wir den Werdegang der weiblichen Kleidung ver- folgt (der der männlichen ist ähnlich) und haben als wichtiges Resultat ge- funden, daß das Schamgefühl durch die allmählich fortschreitende Körperver- hüllung von den Genitalausflüssen auf die Organe und von diesen auf den nackten Körper überhaupt überging. Für unser folgendes Kapitel wird das von großem Werte sein.


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KAPITEL II

Stellung des Weibes zu Mann, Kind und Öffentlichkeit


i. Allgemeine Stellung

Wir haben oben bereits gezeigt, daß dem primitiven Menschen die Kenntnis fehlte, daß zwischen Kohabitation und Konzeption ein Zusammenhang bestehe. Daraus folgt natürlich, daß er im Vater nicht den Erzeuger der Kinder erkannte und diese mithin auch nicht dessen Familie folgen konnten, sondern der Familie der Mutter angehörten, denn im Grunde genommen ist ja überall Mutterschaft Sache der Beobachtung, Vaterschaft Sache der Schlußfolgerung. Dieser Zustand ist sowohl für die älteste Zeit als auch für die späteren histo- rischen Zeiten von größter Wichtigkeit, und man hat ihn als „Mutterrecht" be- zeichnet. Wenn das Mutterrecht eine Zeitlang verschiedene Gegner fand, so liegt das daran, weil man sich gar oft über seine Grenzen und damit über den Begriff selbst im unklaren war. Es ist eben scharf zu unter sdieiden zwischen Mutterrecht und Gynäkokratie oder Frauenherrschaft, wiewohl zweifelsohne extremes Mutterrecht zu dieser führt und auch da und dort mit ihr verbunden ist. Für unsere Betrachtung wird daher zunächst wichtig der Zustand in aga- mischer (eheloser) Zeit, und dann in jener Zeit, in der die sozialen Beziehungen von Mann und Weib durch die Ehe geregelt werden. Wir werden nämlich im folgenden Abschnitt sehen, daß eine Form des Geschlechtsverkehrs jene war, bei der das Weib in ihrer Familie — respektive (bei Exogamie) in ihrem Stamme — verblieb und vom Mannne lediglich besucht wurde. Hier wohnte es dann entweder im Frauenhaus oder in einzelner Hütte. In diesem Falle wurden dann auch logischerweise die Kinder ihrem Stamme geboren. Diese agamische Form zeitigte denn auch eine eigentliche Eheform, bei der der Mann selbst in die Familie des Weibes überging unter gleichzeitigem Austritt aus seinem sozialen Verband. Man kann diese Verbindungen als mutterrechtliche Ehen bezeichnen.


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Sie ragen noch stark in Kulturperioden hinein; z. B. in jenem Falle, in dem das Weib Erbtochter ist in Ermangelung eines Sohnes; ja in einem Falle sogar in unsere Zeit. Bei uns wird nämlich richtigerweise das außereheliche Kind mutterrechtlich behandelt. Die hauptsächlichsten Charakteristika des Mutter- rechtes sind nun: Zugehörigkeit der Kinder zum Stamme der Mutter; bevorzugte Stellung des mütterlichen Oheims, Häuptlingsfolge nach der Familie der Mutter usw. Begreiflicherweise ist das Mutterrecht heute mehr eingeschränkt, als es früher war, doch kommen auch Stämme vor, die bereits vaterrechtlich geworden waren und doch wieder zum Mutterrecht zurückkehrten, wie die Kwakiutl in Nordwestamerika. Trotz alledem finden wir heute noch allenthalben seine Reste, so daß wir auf eine ursprüngliche Allgemeingültigkeit schließen dürfen, wenn es auch an manchen Orten sehr früh verschwunden sein mag, während es an anderen sich bedeutend ausgewachsen hat. Besonders deutlich verbreitet war es bei den Indianern Nordamerikas, seine Spuren finden wir in Süd- amerika, große Reste treten uns in Afrika, dann in Asien, besonders an der Westküste von Sumatra, auf den Marianen usw. entgegen. Bei den nordameri- kanischen Indianern können wir überhaupt fast alle Phasen vom extremen Mutterrecht bis zum extremen Vaterrecht verfolgen. Mutterrechtlich waren die Golfstämme, und zwar die Maskoki-Gruppe (besonders Tschokta, Tschikasa und Seminolen), dann die zur Irokesengruppe gehörenden Tscheroki; viele atlantische Stämme, so von der Algonkingruppe die Delewaren, Mahikan, Ab- naki, besonders deutlich aber Irokesen selbst und der Irokesenstamm der Hu- ronen. Bei den Prärieindianern ist die Mischung von Vater- und Mutterrecht noch stärker; deutliches Mutterrecht dagegen finden wir wieder bei den Hopi. So tritt bei den Abnaki der Gatte in die Gens des Weibes ein und ist gehalten, wenigstens ein Jahr für die Angehörigen seiner Frau zu sorgen. Bei den Me- nomini vererben sich Kinder und Besitztum auf die nächsten Verwandten der Frau. Dementsprechend finden wir bei den Indianern auch ein weibliches Levirat 1 ), denn bei den Bilochi pflegt der Mann gewöhnlich die Schwester seiner verstorbenen Frau zu heiraten. Ein Übergang zur Frauenherrschaft auf mutter-


  • ) Levirat, ein Institut, demzufolge der Bruder oder nächste Verwandte eines kinderlosen

Verstorbenen die Verpflichtung hat, dessen Witwe zu heiraten, um mit dieser einen Sohn zu erzeugen, der als Kind des Verstorbenen gilt.


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rechtlicher Grundlage machte sich bei den Huronen bemerkbar; hier hat sich der Freier an die Mutter des Mädchens zu wenden, die seine Werbung im Rate der Weiber unterstützt, wobei die Ehe ein Vertrag zwischen den Müttern des jungen Paares ist. Bei den südamerikanischen Aruakstämmen geht der Mann ebenfalls ins Dorf der Frau über, deren Stamm auch das Kind gehört. Bei den Khasi in Assam sind die Frauen sogar Besitzerinnen des Landes und ihre Ahnen genießen in erster Linie Verehrung, ebenso wie hier die Priester aus den Frauen genommen werden. Eine besondere Wichtigkeit kommt aber neben diesen mutterrechtlichen Beziehungen der sogenannten W eiber gesellschaft zu, die auch heute noch bei verschiedenen Stämmen neben der allerdings weit häufigeren Männergesellschaft besteht. Die Grundidee ist eine soziale Sympathie der un- vermählten Männer, derzufolge sich diese in Gesellschaften zusammenschließen mit eigenen Klubhäusern, in denen die junge Mannschaft schläft, sich unterhält und Kriege und Jagd vorbereitet usw. Die unverheirateten Frauen kommen nun entweder zu keiner Bildung einer engeren Genossenschaft, wobei es dann häufig vorkommt, daß sie zeitweise nach dem Männerhause zu freiem geschlecht- lichen Verkehr kommen, oder sie bilden ähnliche Vereinigungen. Aus der Männergesellschaft entwickeln sich durch Verknüpfung mit dem Ahnenkult dann Geheimbünde, und in gleicher Weise geschieht das bei der Weibergesellschaft, hier aber wohl hauptsächlich zu dem Zwecke, dem Drucke der Männergesell- schaft, die oft in ein permanentes Junggesellentum ausartet, entgegenzuwirken, manchmal aber doch auch, um bestimmte weibliche Kulte zu pflegen, die sich an Menstruationsaberglauben, an Fruchtbarkeitszeremonien und ähnliches an- schließen. Wir finden die Weibergesellschaft überall dort, wo wir auch Reste der alten Männergesellschaft finden, so besonders in Melanesien und West- afrika. Codrington sagt: „Obgleich die Frauen vom Suqeklub der Männer gänzlich ausgeschlossen sind, haben sie doch etwas dem Ähnliches unter sich, was unrichtigerweise denselben Namen führt. Sie erwerben die einzelnen Grade durch Geldzahlungen und Veranstaltungen von Festen und werden auf diese Weise tavine motar, Frauen von Auszeichnung." Die Gilbertinsulanerinnen haben eigene Versammlungshäuser, und im Gabungebiet sind aus der Weiber- gesellschaft deutliche Geheimbünde entwachsen. Die Ursache des Entstehens der Männer- und Weiberbünde liegen zweifelsohne darin, daß schon frühzeitig


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der agamische Zustand dadurch unterbrochen wurde, daß besonders mächtige Persönlichkeiten — und das sind ehedem wie heute die älteren Männer — jene Weiber kraft ihrer Machtmittel monopolisierten und so die Grundlage zur Ehe legten, während die ihnen gegenüberstehenden weniger mächtigen Leute sich zusammentun mußten und dabei den alten Zustand der Agamie erhielten. Die Männerbünde suchten dann den Frauen gegenüber ihre Autorität zu ver- stärken durch eine ganze Reihe von Geheimniskrämerei, verbunden mit Schreck- mitteln, die sich nach außen hin in Maskentänzen und allerlei Zaubergerät äußerten. Die Weiberbünde, oder oft auch die Weiber an sich, begegneten dem mit allerlei ähnlichen Dingen, unter denen die Weibersprache im Vordergrund steht. Es ist nämlich eine hochinteressante Tatsache, daß bei vielen Natur- völkern und in Spuren auch bei Kulturvölkern und bei uns die Weiber eine andere Sprache reden als die Männer, ja daß diese die Weibersprache gar nicht verstehen. Die Ursache ist eine mehrfache, und bei Behandlung den Konnubiums werden wir darauf zurückkommen. Hier interessiert uns aber jener Fall, bei dem die Weibersprache nur eine Nebenform oder eine Verunstaltung der Stammessprache darstellt. Dann ist sie nichts anderes als ein Symptom der Weibergesellschaft, die sich damit einen gewissen Rückhalt, ein gewisses, sie fest umschlingendes Band schaffen will und in vielen Fällen auch geschaffen hat, besonders wenn es ihr gelungen ist, die Sprache an Riten zu knüpfen, die mysti- scher Natur sind und die Männer abhalten; die Stammessprache hat sich so innerhalb der beiden Gesellschaften verschiedentlich entwickelt, und gar manch- mal ist das Bestreben in der Weibersprache bemerkbar, absichtlich Worte zu ändern. Das klassische Beispiel dafür liefert uns Ehrenreich in seinen Auf- zeichnungen über die Caraya-Indianer am Rio Araguaya in Brasilien: „Ihre be- merkenswerteste Eigentümlichkeit ist das Bestehen einer besonderen Männer- und Weibersprache, wie sich dies in ähnlicher Weise bei Guaicurus und Chi- quitanos findet. Indessen sind nur wenige Wörter gänzlich verschieden, bei den meisten ist die Form nur unwesentlich modifiziert. Wo z. B. in der Stammes- sprache zwei Vokale aufeinander folgen, steht zwischen beiden im Weiberdialekt ein k. So heißt Neger bei Männern ,biu', bei Weibern ,biku'; Mais bei Män- nern ,mahi\ bei Weibern ,maki\ Bisweilen hat das weibliche Wort nur eine Endsilbe mehr usw." In seinen „Materialien zur Sprachkunde Brasiliens" schreibt


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dann Ehrenreich zur gleichen Frage: „Die merkwürdigste Erscheinung im Caraya ist das Bestehen eines besonderen Dialekts für die Weiber, eine Tatsache, die von allen bisherigen Berichterstattern übersehen, von mir leider zu spät kon- statiert wurde, als daß Proben in ausreichender Menge gesammelt werden konnten. Nur wenige Worte scheinen in beiden Dialekten gänzlich verschieden zu sein, z. B.

Topf bei Männern wa-tihui, bei Weibern beä; Häuptling bei Männern isandenodo, bei Weibern hauato; Kokosnuß bei Männern no, bei Weibern heeru; Nase bei Männern wa-dearo, bei Weibern wa-däana; Jagen bei Männern iramaanrakre, bei Weibern ditiüänanderi. Doch ist hier natürlich die Möglichkeit vorhanden, daß diese Worte verschiedene Dinge bezeichnen. Für gewöhnlich sind die Unterschiede rein lautlich. Die Sprache der Weiber scheint ältere, volltönendere Formen bewahrt zu haben. So redet der Vater seine Tochter an mit dee, das Weib dieselbe mit deo. Am gewöhnlichsten ist die Eliminierung des in der Weibersprache häufigen k-Lautes im Männerdialekt. Wo bei dem Weib ein k im Inlaut zwischen zwei Vokalen steht, wird es im Männerdialekt ausgestoßen, wobei beide Vokale oft ver- schmelzen (z. B. bei Mädchen und Weibern yadokoma, bei Männern yaodoma usw.); k im Anlaut kann ebenfalls abgestoßen werden. Das Präfix bei Män- nern ari erscheint im Weiberdialekt als kari (weiblich kari-rokusikre, ich will essen, männlich: ari-rosikre). Hierauf beruht wohl auch der Wechsel der Formen in der zweiten Person der Possessivpräfixe."

Die Sonderentwicklung der Sprache der Weibergesellschaft wird noch unter- stützt durch den Zwang, daß bei manchen Stämmen die Weiber gewisse Worte nicht aussprechen dürfen, daß sie also dafür eigene Worte bilden müssen. So sagt Kranz von den Zulus: „Sie (die Frauen) haben immer nur Worte und Silben zu erfinden und je nach Umständen zu verändern. Würde also der Name ein Z enthalten, so würde das Wasser, gewöhnlich amanzi, umgeformt in amandabi, u. dgl. m. Diejenige Frau, welche dieser Sitte zuwiderhandeln sollte, würde durch einen Priester der Hexerei angeklagt und mit dem Tode bestraft werden." Ganz deutlich liegt uns die Weibersprache als das Idiom eines Ge- heimbundes vor bei den Suaheli, wo diese Sprache Neno da fumbo heißt und


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den jungen Mädchen in besonderem Unterrichte beigebracht wird. Zache sagt dazu: „Besonders die "Weiber bedienen sich bei ihren Mysterien solcher Symbole zur Bezeichnung obszöner (!) Dinge. Diese Worte sind teils allgemein gebräuch- liche Bezeichnungen harmloser Dinge, teils der alten Sprache oder anderen Bantu- dialekten entlehnt, mit Vorliebe dem Kiziguha; bei den Waziguha nämlich spielen geheimnisvolle Bräuche eine ungeheure Rolle, so daß man Uziguha ge- radezu als das klassische Land des Bantuaberglaubens, und zwar in seiner blutig- sten und grausamsten Form, bezeichnen kann." Auch bei den Malaien finden wir eine Weiberspradie, die die Männer kaum verstehen. Auf Borneo werden dabei die Silben der "Worte vertauscht oder jeder Silbe eine neue angehängt. Die jungen Mädchen geben sich ständig Mühe, neue Systeme auszudenken und diese nur einem engen Bekanntenkreis mitzuteilen. "Wir dürfen also in den echten "Weibersprachen ein Hauptsymptom der Weibergesellschaft erkennen, mit dem sie sich gegen die Übergriffe der Männer deckt.

Die extremste Form der "Weibergesellschaft kennen wir nur noch in Trümmern. Nach einigen griechischen — aber in ihrem Kern historischen — Sagen hat man diese interessante völkerkundliche Erscheinung mit „Amazonentum" bezeichnet. Dabei muß allerdings das echte vom falschen unterschieden werden, wenn auch zugegeben werden kann, daß dieses aus jenem sich entwickelt hat. Wir ver- stehen nämlich unter falschem Amazonentum die bewaffnete weibliche Leib- garde von Fürsten, wie wir sie in Indien, China und in Dahomey fanden. Außerdem muß man die Berichte vorsichtig nehmen, denn die Aufzeichner haben sich wohl gerade hier manchmal von den Erinnerungen an ihre Kenntnis der griechischen Sagen ablenken lassen; im Grunde genommen sind sie aber richtig beobachtet, wenn auch ins Märchenhafte verzerrt. So gibt uns Magrizi, der arabische Schriftsteller des Mittelalters, einen sehr interessanten Bericht, der angetan ist, uns die Loslösung der Weibergesellschaft von der Stammesgruppe selbst zu beleuchten. Er erzählt nämlich von den afrikanischen Bedscha, daß bei ihnen von den Weibern die Lanzen an einem Orte angefertigt wurden, wo kein Mann wohnen oder auch nur hinkommen durfte, außer dann, wenn er sich Lanzen kaufen wollte. Wurde nun eine der Frauen von einem Kinde, das sie von einem der Männer, die zum Kaufe kamen, empfangen hatte, ent- bunden, so tötete sie es sofort, wenn es ein Knabe, ließ es aber leben, wenn


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es weiblichen Geschlechtes war. Im wesentlichen haben wir in den „Amazonen" eine oft sogar in Waffen geübte Weibergenossenschaft zu erkennen, die meistens in ihrem Stamme lebt und wohl nur selten abseits angesiedelt war; ihre Ehe- form war jene rein mutterrechtliche, bei der der Mann nur kam, um das Weib zu besuchen. Fassen wir die griechischen Sagen in ihrem Kerne zusammen, so bleibt mindestens so viel übrig, daß in der Kaukasusgegend Stämme existierten, unter denen bewaffnete selbständige Weibergruppen waren, die keine Ehen eingingen, wohl aber in gelegentlichen Verkehr traten. Besonders wertvoll aber ist eine Stelle Diodors, wo er die afrikanischen Amazonen beschreibt: „In den westlichen Teilen Libyens, an der Grenze der Welt, soll ein Volk gelebt haben, das von Frauen regiert wurde; diese führten auch Krieg, verpflichteten sich auf eine bestimmte Zeit des Kriegsdienstes und hatten ebenso lange der Männer sich zu enthalten. Wenn die Jahre ihres Dienstes vorbei sind, so vereinigen sie sich mit den Männern, um ihr Geschlecht fortzupflanzen. Die öffentlichen Ämter und die Verwaltung des allgemeinen behalten sie jedoch ganz für sich, Die Männer leben dort, wie bei uns die Frauen, ein häusliches Leben, gehorchend den Aufträgen ihrer Gattinnen; an Krieg, Regierung und anderen Staats- geschäften haben sie jedoch keinen Anteil, wodurch sie gegen ihre Frauen über- mütig werden könnten. Gleich nach der Geburt werden die Kinder den Männern übergeben, und diese ernähren sie mit Milch und anderen gekochten Speisen nach Maßgabe des Alters der Kinder. Wird aber ein Mädchen geboren, so werden ihm die Brüste abgebrannt, damit sie zur Zeit der Reife sich nicht erheben, denn man hielt es für kein geringes Hindernis bei der Führung der Waffen, wenn die Brüste über den Leib hervorragten; wegen dieses Mangels werden sie auch von den Griechen Amazonen (Brustlose) genannt." Die Stelle ist natür- lich an Übertreibungen, besonders politischer und sozialer Natur, sehr reich, auch erscheint mir dies Ausbrennen der Brüste vielleicht doch auf einem Miß- verständnis zu beruhen, es mag vielmehr sein, daß wir es nur mit einer Unter- drückung der Brüste zu tun haben, wie wir dies in vielen Gegenden Europas noch heute finden, so in manchen Gegenden Spaniens, wo die Frauen mittels Bleiplatten das Wachstum verhindern und es selbst so weit bringen, daß anstatt Erhebungen sogar Vertiefungen auftreten. Von größter Bedeutung ist nun aber, daß wir überall dort, wo wir auch die Weibergesellschaft finden, Spuren einer


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ehemaligen Existenz von Amazonen antreffen. So auch in Südamerika; hier erregte ihre Entdeckung so großes Aufsehen, daß man nach ihnen seinen größten Strom Amazonenstrom nannte. Ein Kazike (Häuptling) hatte Orellana, dem spanischen Entdecker, 1539 mitgeteilt, daß an den Ufern dieses Stromes Weiber hausen, die im Kampfe mit Bogen und Pfeil geübt seien und vom männlichen Geschlecht abgesondert ihre Felder selbst bestellten. Alljährlich wurden sie von den Männern eines Nachbarstammes besucht; von der Nadikommenschaft ihres Verkehrs hätten sie nur die Mädchen selbst erzogen, während sie die Knaben den Vätern zurückgäben. Diese Amazonen hießen Conia-pu-yara, „große Weiber". Als die Expedition weiter vordrang, sah sie sich plötzlich von In- dianern angegriffen, unter denen 10 bis 12 Weiber als die besten und mutigsten Kämpfer bemerkbar waren. Sie schlugen sogar jene Indianer, die Miene machten zu fliehen, mit Keulen nieder. (Also auch hier kein eigener Staat, sondern Einzelpersonen.) Diese Weiber waren von großer Gestalt, nackt und hatten ein schönes Gesicht. Als ihrer sieben gefallen waren, ergriffen die Indianer die Flucht. Auch andere Spanier hörten von den Amazonen, und Rodriguez be- richtet uns sogar von einem einzigartigen Mondkult, dessen sie sich befleißigten, bei dem sie während der Nacht, wenn der Mond sich im See Yacyuarua spie- gelte, hinabtauchten und Amulette aus Nephrit hervorholten, mit denen sie dann jene Männer beschenkten, die mit ihnen verkehrt hatten. Rodriguez grub nun tatsächlich an den Ufern des Sees solche Figürchen aus und identifizierte die Amazonen mit Weibern der Uaupes am Yamunda. Koch-Grünberg gibt nun allerdings in seinem mustergültigen Reisewerke „Zwei Jahre unter den Indianern" an, daß Uaupes lediglich ein Schimpfwort sei, so daß daraus über ihre Lokalisation wenig zu entnehmen ist. Aber auch für die Kaukasus- amazonen haben wir Belege aus neuerer Zeit. So schreibt P. Archangelus Lam- berti, daß man unter gefallenen Angreifern auf Moskau viele Weibspersonen gefunden habe. Hervorragend wichtig für die Frage sind aber jene Berichte, die uns mittelalterliche Quellen über jene östlichen Amazonen geben, weil sie eine Lokalisation gestatten. Da kommt zunächst die Notiz des Ibrahim-Ibn- Ja'kub in Betracht, der als spanisch-arabischer Jude im 10. Jahrhundert Europa bereiste und uns eine ausgezeichnete Reisebeschreibung hinterlassen hat. Da heißt es: „Und im Westen von den Rus (ist) die Stadt der Weiber. Sie besitzen


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Abb. 86. Masken der Medizinweiber des Bundubundes.



Phot. Dr. Dalsheim.

Aus dem Film: ..Menschen im Busch".


Abb. 87. Ewe-Mädchen beim Wasserholen (Togo).


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Ländereien und Sklaven. Und sie werden von ihren Sklaven schwanger und wenn eine von ihnen einen Sohn gebiert, töten sie ihn. Sie reiten und ziehen in eigener Person in den Krieg und besitzen Mut und Tapferkeit. Es sagt Ibrahim der Sohn Ja'kubs des Israeliten: Die Nachricht über die Stadt ist wahr. Erzählt hat sie mir Huta, der König der Rum (= Otto der Große, der deutsche König)." Mit dieser Nachricht über die Lage der Weiberstadt stimmen unabhängig davon die isländischen Sagen (Koenugard), dann Adam von Bremen (terra feminarum), Alfred (Maegdhalano), dann al-Bajchaki, der seine „Weiberinsel" zwischen Thule und den nördlichen Teil des Landes Rus verlegt, sowie Edrisi, der sagt, daß man zu den zwei Inseln der heidnischen Amazanius im finstern Meer von der Stadt Kalmar aus gelangt, und schließ- lich Qazwini, der sie als große Stadt mit weitem Gebiet auf einer Insel im westlichen Meer bezeichnet, überein. Wir kommen damit aber ins Gebiet der Litauer, von denen wir noch aus späterer Zeit wissen, daß ihre Frauen kriege- risch ausgebildet waren. So unternahmen die litauischen Jatwingen mit ihren Frauen und Töchtern zu Pferde räuberische Einfälle in die Nachbarländer. Von größtem Interesse ist, daß auch die Chinesen dieses Gebiet der Amazonen westlich von ihrem Lande kannten. Für diese Gruppe wird nun wichtig, daß Bayern im kaukasischen Terekgebiete sehr bezeichnende Grabfunde machte. Zunächst war es ein Grab in Neu-Dschuta, das eine Frauenleiche in vollem Waffenschmuck und Pfeilspitzen, dann einen Schleuderstein aus Schiefer und ein Messer aus Eisen enthielt. Später kamen dazu noch eine Reihe von Funden, die auf ein kriegerisches Weibervolk deuten. Auch die Germanen hatten in ihren Idisi und die Skandinavier in ihren Valkyren eine Erinnerung an der- artige kriegerische Frauen. Ähnlich wie die Berserker mögen solche Frauen auch einzeln vorgekommen sein, wenn sie Erbtöchter waren und sich als solche dem freien Waffenhandwerk ergaben. Damit treffen wir auf eines der wichtigsten Momente für die Entstehung der Sage. In Deutschland erschienen solche Ge- stalten anscheinend unter dem Namen Idisi (vgl. Merseburger Zauberspruch: Eiris sazun idisi sazun hera duoder). Sie werden auch hier als kämpfende Weiber übernatürlicher Art geschildert, ähnlich wie die Amazonen. Aber schon Kauffmann weicht von diesem Begriff ab. Er sagt: „Von solchen irdischen Kämpferinnen haben wir zahlreiche historische Nachrichten. Das Volk ehrte


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sie. Das Beispiel der Veleda, von welcher Tacitus berichtet, ist hierfür nicht vereinzelt. Ähnlicher Art mag jene gewaltige Frauengestalt gewesen sein, die dem ersten Eroberer Germaniens, Drusus, an der Elbe erschienen ist und ihm das Wort ,Zurück' zugerufen haben soll." — Weiterhin aber erfahren wir, daß diese „Walküren" meist sterblich und als Töchter von Königen bezeichnet werden (Svava, Sigrun usw.). Paulus Diaconus berichtet von Kriegsjungfrauen im Innern von Deutschland; in der Bravallaschlacht kämpften mehrere Kriegs- jungfrauen auf beiden Seiten (Hetha, Wisna [die Slavenfürstin], Webjörg, Weythbiörg, Rusla). Man mag diese Schlacht für historisch halten oder nicht (sie würde etwa ins Jahr 776 n. Chr. fallen — Grund zu ihrer Ablehnung besteht eigentlich nicht), so geht doch aus dem Bericht Saxos hervor, daß man sich diese Schildmäddien als menschliche sterbliche Wesen vorstellte. Nun sehen wir in einem karbadinischen Märchen, daß ein söhneloser Adliger seinen Töch- tern der Reihe nach Männerkleider anlegen läßt und sie im Kampfe erprobt. Erst die dritte erscheint brauchbar. Weiter sehen wir aus einem Bericht Hahls über Neumecklenburg, daß dort ein reiches Weib das Recht hat, ein Männer- haus zu errichten, und als Mann geachtet wird. Wir erkennen nun in zwei Momenten den Kernpunkt unserer Sage: die Tochter eines söhnelosen Vaters kann als Sohn erzogen werden und wird an den verheiratet, der sie besiegt oder durch eine gefährliche Situation erkämpft. Die Werber müssen dann zu- meist eine Stammeseintrittszeremonie vollziehen, die sonst das Weib zu voll- ziehen hat. Wir sehen aber aus der Neumecklenburger Sitte, daß das Weib reich, also eine Erbtochter sein muß. Wie in so vielen Fällen führen uns auch hier die Südslawen, die besonders alte Sitten bewahrt haben, ein Stück weiter. Krauß hat das Verdienst, hierzu reichliches Material beigebracht zu haben. Wenn in einer Hausgenossenschaft eine Familie bis auf eine Tochter ausge- storben ist, wird diese Erbtochter (kroat. blagarica oder blagasica). Von dem Manne, der sie heiratet, sagt man genau wie bei gewöhnlichen Ehen vom Weibe: „udao se", er habe sich ausgeheiratet (während man sonst vom Manne sagt: „zeni se", er beweibt sich). Zugleich aber kann der Mann, der die Tochter einer ausgestorbenen Familie (bratstvo) heiratet, immer nur Angehöriger eines anderen bratstvo sein; er muß sich in die neue Familie einkaufen und erhält den Zu- namen des Weibes ebenso wie die beiderseitigen Kinder. Diese Stellung ist


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aber sehr verachtet, und gewöhnlich sind es ärmliche oder sonst nicht besonders hochstehende junge Männer, die sich dazu hergeben. Der eigene Stamm steht jedenfalls einer solchen Verbindung sehr unsympathisch gegenüber. Mit anderen Worten: Ein großer Teil des Kernes der „Amazonensagen" erklärt sich dadurch, daß das Weib bei söhnelosen Eltern die Erbin und Trägerin des Totenkultes wird, und daß nun infolgedessen der Mann in dessen Familie verheiratet wird, wobei er seine Rechte aufgeben muß. Sie wird scheinbar Mann, wird zum Waffenhandwerk erzogen, scheint aber nach der Geburt des Sohnes dann durch den Mann durch neue Zeremonien (Kampfzeremonien usw.) in die natürlichen Grenzen der Weiblichkeit zurückgebracht werden zu können. Ein ähnlicher Nachklang der alten Amazonen zieht sich aber wie ein roter Faden durch die Völkerkunde Afrikas; ich denke an die oben als unechte Amazonen bezeichneten Fälle. Es handelt sich hier um eine weibliche Leibgarde verschiedener Herrscher, wie sie uns auch von indischen und chinesischen Fürsten bezeugt wird. Einen Bericht darüber aus dem Jahre 1578 verdanken wir Eduard Lopez; er betrifft das Reich der Monomotapa in Zentralafrika. Hier sind waffentüchtige Frauen im Dienste des Herrschers, deren Gewandtheit im Bogenschießen sehr gefürchtet war. Sie bewohnen eine eigene Landschaft, die ihnen der Herrscher zu Lehen gibt, und werden von den Männern zeitweilig zwecks Beiwohnung besucht (Abb. 152). Ganz verblaßt sind dagegen bereits die Amazonen von Dahomey, die noch in jüngster Zeit eine große Rolle spielten. Sie waren uniformiert, gut bewaffnet und im Kampfe recht brauchbar. Sie unterscheiden sich aber von den eigentlichen Amazonen völlig darin, daß es ihnen nicht gestattet war, mit Männern zu verkehren, wenigstens solange sie die Waffen trugen. War diese Zeit abgelaufen, so konnten sie sich verheiraten. Aber wir haben auch wirkliche Gynäkokratien. So berichtet uns P. Jean des Saints, ein Dominikanermönch portugiesischer Herkunft, daß es im Königreich Damum (Afrika) Amazonen gebe, über die nur eine Königin herrsche. Diese Verhältnisse sind offenbar ganz richtig beobachtet, denn im zentralafrikanischen Lundareich stand neben dem König, der Muata Yamvo hieß, eine Neben- königin, die Lukokescha, die aber nicht die Gattin des Herrschers war, sondern eine Angehörige des königlichen Hauses. Sie hatte eigenen Hofstaat, besondere Einkünfte und, was das wichtigste ist, den entscheidenden Einfluß auf die Wahl


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des Königs. Dabei durfte sie sich verheiraten, und es ist bezeichnend, daß ihre Männer offiziell als „Weiber" bezeichnet wurden und ohne Einfluß waren. Ähnliche Verhältnisse, wenn auch nicht so ausgeprägt, bestanden im Marutse- reich, ebenfalls in Zentralafrika. Hier hatten die Könige auch Mitregentinnen, so der letzte Makololo Sekeleta seine Schwester Mamotschisane. Sehr charak- teristisch sind nach Kubary die Verhältnisse auf den Palau-Inseln. Dort haben die Frauen ihre eigene Regierung, denn der Adschbatul gilt nur als Häuptling der Männer; er muß aus dem Familiensitze Adschdit stammen, und das älteste Weib aus dieser Familie ist neben ihm die Königin der Frauen, neben der, wie beim Häuptling die Männer, eine Anzahl Frauenhäuptlinge in niedersteigender Reihenfolge stehen. Dies ist der Raupakaldit, die weibliche Regierung, der die Ordnung unter den Frauen aufrechterhält durch Gerichtssitzungen, in die sich die Männer nicht mischen dürfen, wie überhaupt die beiden Regierungen ganz unabhängig voneinander bestehen.

Damit haben wir nur einen kleinen Einblick in das Matriarchat und seine Aus- strahlungen gegeben; bei der Ehe werden wir es nochmals streifen. Im allge- meinen blieb das Mutterrecht selbst in seinen schwachen Resten nur selten er- halten, wie es ja, abgesehen von der Mutterfolge, nur eine lokale Erscheinung war. Vielleicht hat oft die jeweilige Gründung solcher Verhältnisse in der Person der Gründerin physiologisch- innersekretorische Gründe. Jedenfalls ist es eine krankhafte politische Entwicklung, wenn heute ein Teil der Frauenbewegung darauf eine neue Machtverteilung der Geschlechter aufbauen will, denn man darf nicht vergessen, daß es stets nur mit primitiver Kulturstufe verbunden war und bei Höherentwicklung der Kultur immer verschwand. Es herstellen zu wollen hieße, genau wie beim Kommunismus, zu jenen primitiven Stufen, denen beide angepaßt sind, zurückkehren. Denn überall wurde es dwch das Vater- recht verdrängt und dem Weibe dadurch teilweise allerdings manchmal eine un- würdige Stellung zugewiesen. Das Vaterrecht erhielt, abgesehen von den in erster Linie festliegenden physiologischen Gründen, außerdem eine seiner wich- tigsten Stützen im Aberglauben im Vereine mit der Männergesellschaft. Die größere Kampfesfähigkeit ließ den Mann in den Augen der Weiber viel ge- eigneter zur Bekämpfung der Dämonen erscheinen als es selbst war. So wahren die Männer meist allerlei Geheimnisse vor den Weibern, an die sie selbst nicht


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in vollem Umfange glauben. Einen hübschen Bericht dazu hat Koch-Grünberg von den Tukano: „Die Feste des Männerbundes finden stets zur Zeit der Reife einzelner Waldfrüchte statt und sind den Dämonen der Fruchtbarkeit geweiht. Die Tänze sind Zaubermittel, um diese Dämonen, die sich in den Instrumenten verkörpern, magisch zu beeinflussen und günstig zu stimmen. Deshalb unter- werfen sich auch die Eingeweihten den Kasteiungen und von Zeit zu Zeit schweren Geißelungen, besonders bei den Aruakstämmen am Icana und Aiary. Die Weiber dürfen die Instrumente nicht nur nicht sehen, sie dürfen nicht ein- mal von ihrer Existenz etwas wissen. Sie sollen nicht hinter das Geheimnis kommen. Sie sollen in dem Glauben erhalten werden, daß es wirkliche Dämonen sind, die den Männern erscheinen und diese unheimlichen Töne von sich geben. Mit dem Preisgeben des Geheimnisses fällt naturgemäß auch der geheimnisvolle Einfluß, den die Männer mit diesen Zeremonien auf die Weiber ausüben, und die Autorität der Männer gegenüber den Weibern wird dadurch überhaupt beeinträchtigt. Deshalb ist es den Teilnehmern streng verboten, den Weibern etwas davon zu verraten. Dazu kommt noch die Furcht vor der Rache der Dämonen, an deren Macht auch die Männer glauben. In Pinokoaliro hatte ich einige kleine Skizzen von Yurupary-Tänzern und -Instrumenten in mein Tage- buch gezeichnet. Ich machte zwar mit den Bildern bei den Männern großen Eindruck. Sie jubelten laut, wenn ich sie ihnen heimlich vorwies, baten mich aber jedesmal eindringlich, sie den Weibern nicht zu zeigen. Sie fürchteten für diese und für sich selbst. . . . Selbst mir gegenüber sagten die Indianer stets von den Instrumenten: ,Es sind Dämonen (Yurupary) mit verschiedenen Namen und verschiedenen Stimmen.' Am Umari-Igarape zeigten mehrere Indianer deutlich ihren Verdruß darüber, daß wir Weiße überhaupt an der Feier teil- nahmen, und Tuschau Jose ging in seiner Furcht von der photographischen Kamera sogar so weit, mir die Aufnahme der Tänze zu verbieten. Trotz aller dieser Vorsicht hatte ich öfters den Eindruck, daß die Weiber, besonders die älteren, den Zusammenhang wohl kannten oder wenigstens ahnten, sei es nun, daß sie die Tänze zufällig zu Gesicht bekommen hatten, oder daß sie mit echt weiblicher Schlauheit und Uberredungsgabe ihren schwachen Ehegatten das Geheimnis entlockt hatten. Auch in diesem Falle zwingt sie die Furcht vor der Rache der Dämonen, den Anblick der Instrumente zu meiden oder ihr Ge-


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heimnis vor anderen Frauen zu bewahren. In früherer Zeit mag wohl auf die Profanierung der Mysterien durch die Weiber unmittelbar Todesstrafe gefolgt sein. Was jetzt mit einer solchen Sünderin geschieht, konnte ich nicht genau in Erfahrung bringen. Man sagte mir: ,Der Dämon tötet sie.' Vielleicht wird sie mittels eines langsam tötenden Giftes, das der Indianer sicher kennt, aus der Welt geschafft."

Die schlimmsten Extreme der weiblichen Stellung haben aber zweifelsohne die großen Religionssysteme: Christentum, Zoroastrismus, Konfuzianismus, Buddhis- mus und sekundär auch Mohammedanismus geschaffen. Die tiefste Erniedrigung des Weibes hat wohl die christliche Kultur in ihren Keuschheitsgürteln ge- schaffen; bei Naturvölkern kommt, wie wir sehen werden, nur in gewissem Sinne ein Anklang vor, die Infibulation, die aber zweifelsohne erst im Gefolge des Mohammedanismus verbreitet wurde. Freilich ist die Stellung der Weiber besonders in Australien eine sehr schlechte; aber sie werden offen brutal be- handelt, nicht in den goldenen Käfig des Harems oder gar des Keuschheits- gürtels gesperrt. Wir dürfen eben nicht vergessen, daß man derartige Verhält- nisse relativ betrachten muß; die australische Kultur ist, wie wir das im Laufe dieser Darstellung bereits mehrmals beobachten konnten, überhaupt eine äußerst derbe; die Behandlung der Weiber kontrastiert also nicht so stark, wie etwa der Keuschheitsgürtel zu der an sich hohen Kulturwelt der Renaissance im Widerspruch steht. Hier sind es eben die Gegensätze von religiöser und frei- geistiger Kultur, die gerade im späteren Mittelalter ebenso aufeinanderplatzten wie heute. Daß auch bei Naturvölkern der Einfluß der Weiber nicht unbe- deutend sein kann, bestätigt uns Koch-Grünberg. Er sagt da von den Siusi: „Kurze Zeit danach packte ich meine Tauschwaren aus, und die Weiber gerieten in ein großes Entzücken. Bald darauf erschien ein junger Ehemann und bot mir sein sorgsam behütetes Blasrohr nebst Köcher und Gifttöpfchen für einige Meter Kattun zum Kauf an. Seine eitle Frau hatte ihm keine Ruhe gelassen." Und an anderer Stelle von den Tukano: „Überhaupt war der Einfluß der Frau recht bemerkbar. Ich wollte für die Weiterreise einige geräucherte Fische kaufen, da sagte der Besitzer, das habe seine Frau zu bestimmen, der die Fische ge- hörten." Besonders interessant ist aber eine Nachricht Buchners über die Dualla in Kamerun (1885). Er betont, daß die Stellung der Frau trotz des Gekauft-


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seins und trotzdem ihr die ganze Feld- und Hausarbeit zufällt, absolut nicht gedrückt genannt werden kann, da die Negerin sich nicht leicht zu einem willen- losen Werkzeug niederdrücken lasse, denn sie ist stets zur Opposition aufgelegt. Gerade an das alte Rom gemahnt es, wenn er dann weitererzählt, daß etwa Mitte der 6oer Jahre alle Duallaweiber ausgezogen wären und sich draußen im Freien ein eigenes Dorf gebaut hätten. Der Zweck dieser Trennung ist eigenartig und charakteristisch genug. Sie forderten nämlich von den Männern eine Vergrößerung ihres Hüfttuches, das ihnen bisher zu klein war. Sie er- reichten ihren Zweck auch vollständig. Dies ist zugleich interessant, weil wir sehen, wie die liebe Eitelkeit auch hier wieder Ursache der größeren Bedeckung des Körpers ist. Auch bei den Tinnchindianern finden wir neben großer Verachtung der Weiber Spuren einer gewissen Hochschätzung. Nach Richardson und Wentzel (1822) werden z.B. von den Kupferindianern die Weiber sehr gering geschätzt und als Eigentum behandelt, das der Stärkere jederzeit dem Schwächeren wegnehmen kann, sobald er mit ihm in Feindschaft steht. Anders bei den Hundsrippenindianern, die ihre Frauen sehr gutmütig behandeln, ihnen alle schwere Arbeit abnehmen, so daß diese sich hauptsächlich um ihren Putz kümmern, und die Männer sind sehr stolz darauf. In Südamerika oblag es den Weibern, die Gäste zu empfangen. Wir besitzen da den sehr alten Bericht des Johann v. Lery von 1559 über die Tupinamba. Kam ein Gast an, so mußte er sich auf eine baumwollene Hängematte setzen, während sich die Weiber um ihr her auf die Erde kauerten, die Augen mit den Händen bedeckten und seine Ankunft beweinten — als Zeichen der Freude. Sie riefen ihm zu: „Du hast so viele Mühe auf dich genommen, um zu uns zu kommen. Du bist ein guter, tapferer Mann" usw. Auch darin liegt ein Beweis, daß das Weib durchaus nicht überall untergeordnet ist. Bei der Arbeitsteilung werden wir nochmals darauf zurückkommen.

Die Polygamie kann an sich nicht als ein Zeichen des tiefstehenden Weibes aufgefaßt werden, da die Monogamie zwar das höchste, aber auch für unsere Tage ein nur selten und dann noch zumeist nur zeitweilig zu erreichendes Ideal ist. Gewiß ist die hübsche Australierin stets in der Gefahr, geraubt zu werden, der Stärkere hält sich immer für mehr berechtigt als der Schwächere, was an sich eine ganz gute, aber innerhalb der Kultur nicht zu billigende Zuchtwahl


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darstellt. Wenn die Frau bei Naturvölkern oft zum Arbeitstier geworden ist, so ist das ebenfalls zu beklagen, zu tadeln aber nur dann, wenn der Mann dabei faulenzt, denn fast stets ist der Kampf ums Dasein bei Naturvölkern eben überhaupt größer als bei uns. Traurig ist es auch, daß die Australierin vielfach geprügelt wird. Auch das kann nur dann ernsthaft bei einem Vergleich ins Feld geführt werden, wenn die Allgemeinheit dies billigt; bei uns billigt es die Allgemeinheit zum weitaus größten Teil nicht, und dennoch ist das Prügeln der Frau in den unteren Kreisen gang und gäbe und in den oberen nicht allzu selten. Schlimmer ist dagegen vom Standpunkt unserer Weltanschauung zu beurteilen, wenn die Ozeanier ihre Frauen mästen und aufessen. Allein dabei trägt allerhand Aberglauben einen großen Teil der Schuld. Ploß-Bartels zitiert dazu eine Mitteilung von Thurnwald: „Man wählt mit Vorliebe Weiber, die wenige oder keine Beschützer haben, von denen Blutrache droht. Vor allem hat man es auf die Witwen abgesehen, die in geschlechtlicher Beziehung als Gemeinbesitz aller Männer des Dorfes betrachtet werden. In unserem sehr genau erhobenen Einzelfall handelte es sich um ein Buka-Weib, das an einen Nissan-Mann verheiratet war. Der Mann war vor 10 Monaten gestorben. Das Weib war zunächst bei dem Häuptling des Dorfes ihres Mannes verblieben. Nach etwa 3 Monaten holte sie der Häuptling Salin aus Males zu sich. 5 Monate hielt sie sich bei Salin auf, führte dessen Wirtschaft und unterhielt mit ihm regelmäßig geschlechtlichen Verkehr. Da Salin dem Häuptling Somsom aus Bangalu bei Siar zu Lieferung von Menschenfleisch verpfliditet war, wurde schon 3 Monate vor Schlachtung des Weibes Karas abgemacht, daß Salin sie zur Schlachtung füttern sollte. Nun mietete Somsom, der das Fleisch bekommen sollte, den Schlächter in der Person des Häuptlings Mogan aus Torohabau. Er bezahlte ihm mit einem Schwein, 2 Bündeln Pfeilen (zu je 16 Stück), j Arm- ringen und einem Messer. An dem verabredeten Tage erschien nun Somsom mit seinen Leuten und Mogan mit den Seinigen auf Salins Platz. Jetzt sträubte sich zunächst Salin, die Karas herauszugeben. Sie scheint beim geschlechtlichen Verkehr die Lüste des alten Salin zu reizen verstanden zu haben, außerdem erwartete Salin von ihr nach 3 bis 4 Monaten ein Kind. Er wünschte deshalb, daß Somson sich noch gedulde. Dieser alte Menschenfresser wollte aber nichts davon wissen und verlangte sein Opfer. Der Überzahl vermochte Salin nicht


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standzuhalten, und so gab er schließlich doch die Karas heraus und half bei ihrer Schlachtung dadurch, daß er sie festhielt. Vorher war sie wie ein Schwein an Händen und Füßen gebunden und aus der Hütte Salins herausgetragen worden. Der erste Streich wurde von Mogan schräg über die Brust gegen die Bauchhöhle zu geführt, dann durchschnitt ihr einer von Somsoms Leuten, Sinai, mit einem Messer die Kehle, ein anderer, Nataweng, schoß ihr einen Pfeil in die Seite, und erst er machte ihrem Leben ein Ende. Das hatte sich am Nach- mittage zugetragen. Man schleppte nun die Leiche nach dem Strand, verlud sie in ein Kanu und ruderte nach Somsoms Dorf. Dort wurde sie bei Mond- schein in des Häuptlings Haus gebracht, und die ganze Familie schlief die Nacht über in demselben Räume. Am nächsten Morgen schaffte man die Leiche auf eine der üblichen Feuerstätten aus Korallenkalk und röstete sie dort an, wie man es mit den Schweinen tut. Hierauf erst schritt man dazu, die Leiche zu zerstückeln, zur ,Kilue', der Fleischverteilung. Der Häuptling Somsom behielt für seine Person die rechte Lende; seinen Leuten gab er den Kopf; ein Gemeinde- genosse, Welkerup, erhielt den linken Unterschenkel samt Fuß; Riritan den linken Arm, sein erwachsener Sohn Djomi kaufte für einen Armring von seinem Vater Somsom den rechten Unterschenkel und Fuß der Karas. Bartele aus Pipissu bekam die linke Lende und den Embryo; Kulu aus Pipissu den linken Oberschenkel; Hebi aus Kulo den rechten Oberschenkel; Monogalu aus Ter- maga den rechten Arm; Nedsin aus Walo die Brüste; Tewell aus Termutuan kaufte für zwei Bündel Pfeile den Bauch; Nassiad aus Taburussi erhielt den Rücken und Tokalian aus Siar die Geschlechtsteile. — Die Brüste und Lenden galten als Leckerbissen. Auch Männer werden gegessen; dies sind aber er- schlagene Feinde. Für jeden Mann muß ein Mann, für jedes Weib ein Weib als Gegengabe zum Verzehren geliefert werden; so war die Karas eine Gegen- gabe des Salin an Somsom für eine Frau Li, und Somsom mästete bereits eine Frau, die er dem Salin zum Verzehren geben wollte."

Hier schritt die deutsche Strafexpedition ein. Diese sicherlich schauderhafte Handlungsweise entschuldigt einigermaßen nur der Aberglaube, demzufolge man beim Aufessen eines Mannes glaubt, seine geistigen und kriegerischen Fähigkeiten zu erben, beim Weibe aber seine sexuelle Potenz zu stärken. Der deutliche Typus des geknechteten Weibes tritt uns bei den Samojeden entgegen.


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Hier ist das Weib an sich ein unreines Wesen, und sogar die Berührung seines Eigentums vermeidet man. So erzählt Pallas: „Überhaupt ist das arme Weibs- volk bei den Samojeden noch unglücklicher und schlechter gehalten als bei den Ostjaken. Unter dem steten Hin- und Herwandern dieses Volkes müssen die Weiber außer aller Hausarbeit, die ihnen obliegt, auch allein die Hütte auf- schlagen und abbrechen, von den Schütten ab- und aufpacken und sich bei dem allen noch ihren Männern höchst sklavisch zu Dienst stellen, welche sie dagegen, einige verliebte Abende ausgenommen, kaum eines Anblicks oder eines guten Wortes würdigen, und es sich an den Augen ablesen lassen, was sie verlangen. Dieses ist noch nicht genug; die Weiber werden von den ungesitteten Samojeden sogar als unreine Geschöpfe betrachtet. Wenn ein Weib ihre Hütte aufge- schlagen hat, so darf sie eher nicht hinein, bis sie zuerst sich, dann alles, worauf sie gesessen, den Schlitten nicht ausgenommen, und endlich jedes Stück, welches sie in die Hütte trägt, über einem kleinen Feuer mit Renntierhaar ausgeräuchert hat. Wenn sie die vorn auf den Schlitten gebundenen Kleider losbinden will, so darf sie es nicht von oben tun, sondern muß, unter den Schlittenstangen, woran das Renntier gespannt ist, durchkriechend, sich dabei bemühen. Ebenso darf auf der Reise kein Weib quer durch die Reihe hintereinander folgender Renntierschlitten gehen, sondern muß entweder den ganzen Zug umlaufen oder unter den Schlittenstangen durchkriechen. In der Hütte sogar wird der Tür gegenüber ein Stab aufgepflanzt, welchen das Weib nie überschreiten darf, sondern, wenn sie wegen Verrichtungen von der einen zur anderen Seite über- gehen will, so muß sie bei der Tür vorbei um das Feuer gehen. Denn die Samo- jeden glauben fest, wenn ein Weib die ganze Hütte umgeht, der Wolf gewiß in selbiger Nacht ein Renntier frißt. Und diesen Aberglauben haben die Ost- jaken, welche Renntiere halten, gleichfalls angenommen. Aus einem anderen Aberglauben darf auch kein Weib oder erwachsenes Mädchen etwas von einem Renntiere genießen. Sie dürfen auch nicht mit den Männern zusammen essen, sondern sie bekommen den Überrest."

2. Geschlechtsverkehr und Ehe.

Es würde über den Rahmen dieses Bändchens weit hinausgehen, wollte man hier dieses Kapitel auch nur einigermaßen erschöpfend behandeln; es läßt sich nur


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eine Skizze geben. Wollen wir den Anschauungen und den Sitten des Ge- schlechtslebens auch nur einigermaßen gerecht werden, so müssen wir bedenken, daß das Christentum gerade darin seinen Hauptwirkungskreis suchte und noch sucht, das Geschlechtsleben als etwas Unreines zu betrachten und danach zu handeln — so etwa wie die Samojeden das Weib selbst. Die Frage des Sexuellen ist wohl eine der unklarsten in der ganzen christlichen Lehre, weil hier die beiden Hauptwurzeln des Christentums einander widersprechen. Aus wirt- schaftlichen Momenten mit ihrem Kapitalismus entsprang am Ende des klas- sischen Kulturlebens eine soziale Lehre der Nächstenliebe und Gleichheit, die sich vom Boden der Natur nicht wesentlich entfernte und sich der Hauptsache nach gegen das Sexuelle indifferent verhielt. Es ist jene Lehre, die man im allgemeinen Jesus von Nazareth zuschreibt, mag er nun ihr Stifter sein oder nur der Deckname für eine damals im ganzen Orient verbreitete Lehre, die man nicht mit Unrecht den „antiken Sozialismus" nennen könnte. Diese Lehre war aber für eine Religion ungeeignet. Es fehlte ihr eine besondere Metaphysik und vor allem eine besondere Ethik. Nun galt für die Spätantike dasselbe Gesetz, was für alle Völker zu beobachten ist, die in ein anderes geographisches Milieu eingewandert sind: zuerst Steigerung innersekretorischer Vorgänge mit dadurch bedingter erhöhter chemischer Erotisierung, dann langsames Abklingen der Reizbarkeit. Sexuelle Vorgänge werden von lustbetonten zu indifferenten, schließlich sogar zu unlustbetonten. Aus einer gesunden Sexualität wird eine krankhafte und aus dieser ein Haß gegen das, was bisher lustbetont war, also eine Art Antifetischismus gegen Sexualvorgänge. Dieser Umschwung ist bereits bei Plato, noch mehr aber in der neugriechischen Philosophie, besonders den Neuplatonikern, bemerkbar. Ihre hochgradig krankhafte Ethik benutzten Schwarmgeister der damaligen Zeit, die sich an das Christentum als soziale Lehre angeschlossen hatten, und machten sie allmählich zur christlichen. Der Anti- fetischismus gegen das Sexuelle war so ein ursprünglich wesensfremder Bestand- teil der christlichen Lehre. Wir können diese zweite Wurzel als Paulinismus bezeichnen. Dadurch schlössen sich ähnliche Elemente an, die am eigenen Leibe dasselbe im kleinen durchgemacht hatten, wie die absterbenden Völker im großen, d. h. die ursprünglich ein erotisches Ausleben betätigten und dann der Askese zufielen, ein sich stets wiederholender Vorgang. Es sind die Kirchenväter


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mit ihrer Lehre von der Erbsünde. Haß, Fanatismus, Verfolgung, Wut gegen Kunst, Natur und Gesundheit gerät mit der gesunden alten Wurzel des Christen- tums in Streit und schafft so jenen Hiatus, der bis zum heutigen Tage geblieben ist und so weit geht, daß man auf diesen Gebieten im Christentum keine Spur von Nächstenhebe mehr bemerkt, sondern den ärgsten Fanatismus, der wohl je ein religiöses System auszeichnete. Als aus der christlichen Lehre die „Kirche" mit ihrer Hierarchie und ihren Machtgelüsten entstand, erwies es sich natürlich für diese als vorteilhaft, den Paulinismus und die Lehre der Kirchenväter be- sonders stark zu betonen. Die Kultur des Abendlandes starb ab und machte alle Folgen einer in innersekretorischen Vorgängen begründeten Degeneration mit. Wenn sich, wie wir an anderer Stelle zeigen werden, das Abendland von dieser Entartung auch wieder erholte, blieb doch die Lehre von der Erbsünde bestehen. (Vgl. Näheres in: Ferd. Frhr. v. Reitzenstein, „Entwicklungsgeschichte der Liebe", Stuttgart 1908, und „Ethnoanalyse" in Jahreskurse für ärztliche Fort- bildung, Septemberheft 1922, München.) Auf der asketischen Philosophie des Christentums beruht aber seit zwei Jahrtausenden unsere Gesetzgebung, und diese hat unsere Moral gezeitigt, die fast überall mit der Natürlichkeit und in sehr vielen Dingen mit der Vernunft überhaupt im Widerspruch steht. So darf der Standpunkt unserer Moral auch nicht die Warte sein, von der wir das ganz anders geartete, dabei aber oft weit bessere — weil natürlichere — Geschlechts- leben der Naturvölker beurteilen. Soweit die Askese der Natur widerspricht, ist sie krankhaft. Der Grundsatz für alle diejenigen, die an sexuelle und ähn- liche Fragen herantreten wollen, ist also der, daß alle unsere Moral etwas Gewordenes ist, und daß gerade sie am allerwenigsten die Norm für die Be- urteilung anderer werden darf, weil sie die extremste ist. Die wichtigste Frage, die aufgeworfen wird, ist nun zumeist die, ob Monogamie oder Polygamie (Polygynie) oder Agamie das Ursprüngliche ist, eine Frage, die sich im Grunde genommen mit einer Universalfrage überhaupt deckt, ob nämlidi die Progres- sionstheorie oder die Degenerationshypothese die richtige Methode zur Er- forschung der Erscheinungswelt darstellt. Darauf kann man zunächst antworten, daß für unseren speziellen Zweck die ganze Fragestellung unrichtig ist. Nicht welche Eheform der älteste Mensch hatte, haben wir zu fragen, sondern ob er überhaupt eine Eheform kannte, d. h. ob er von jeher den Geschlechtsverkehr in ein bestimmtes Gewand kleidete.


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Fragen wir uns nun, welchen Zweck die Ehe an sich für Naturvölker hat, so sehen wir, daß das Weib zur Arbeit verwendet wird, und daß man sich vor allem in den Besitz seiner Kinder setzen will. Das Weib als Arbeitstier zu ge- winnen, kann nicht allein Ursache zur Bildung der Ehe gewesen sein, das hätte man mit der Sklavin oder den Weibern der nächsten Umgebung auch gekonnt, ohne dazu jene dauernde, durch eine Unzahl schwieriger Gebräudie ermöglichte Verbindung eingehen zu müssen. Anders ist es dagegen mit den Kindern. Wir haben oben gesehen, daß dem primitiven Menschen der Zusammenhang der Kohabitation mit der Schwängerung unbekannt war. So sah er also zunächst in der Gewinnung des Weibes die einzige Möglichkeit, die von ihr geborenen Kinder zu bekommen. Kinder waren ihm aber notwendig, um seinen Besitz- stand zu behaupten und zu erweitern, worauf wir unten genauer kommen werden, und um die Ahnen mit Opfern zu versehen. Dieser Ahnenkult wuchs in seiner Bedeutung von dem Momente an, wo ihm der Zusammenhang von Beiwohnung und Befruchtung klar wurde. Der Begriff des Besitzes setzt aber voraus, daß der Wille des einzelnen durch den Willen der Allgemeinheit ersetzt wird, d. h. es kann von Besitz erst dann die Rede sein, wenn die Allgemeinheit dafür garantiert, daß der Bestand des Besitzes aufrechterhalten bleibt und er nicht mehr der Spielball des Stärkeren ist. Da auch das Weib zum Besitz ge- worden war, so unterliegt sein Binden durch die Ehe derselben Voraussetzung. Wir sehen also, daß eine Ehe erst dann möglich ist, wenn i. der Besitz entwickelt und garantiert,

2. der Ahnenkult ausgebildet,

3. der Zusammenhang zwischen Kohabitation und Konzeption bekannt ist. Das ist, mit anderen Worten ausgedrückt, ebensoviel als: Ehe setzt die Aus- bildung eines nicht unbedeutenden Rechtes und eine gewissen Religion voraus. Für die Wissenschaft gibt es also keine paradiesische Ehe für die ersten Men- schen; die Ehe dient vielmehr in erster Linie sozialen Forderungen und ist so ein vom Menschen geschaffenes soziales Institut, das mit dem von der Natur gegebenen Geschlechtsverhältnis gar nichts zu tun hat. Der Geschlechtsverkehr liegt in der Natur begründet, die Ehe ist geschaffen. Das einzige Band zwischen beiden ist das, daß der Geschlechtsverkehr in der Ehe eben auch vorhanden ist; daß er in ihr aber conditio sine qua non wurde, ist, abgesehen davon, daß


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unter gesunden Verhältnissen der Mann nicht dauernd mit einem Weibe zu- sammen leben würde, ohne mit ihm zu verkehren, darin begründet, daß er ja Kinder gerade von diesem Weibe, das, wie wir bei den Reifezeremonien sahen, bestimmte Riten durchlaufen hat, wollte. So hat denn ganz folgerichtig zu allen Zeiten der Geschlechtsverkehr auch neben der Ehe bestanden und wird es ewig tun, da es ja gar nicht der Zweck der Ehe ist, ihn völlig aufzusaugen. Wo dieses Bestreben erscheint, ist es der Ausfluß einer religiös-moralischen Theorie, die aber ewig Theorie bleiben wird und bleiben muß, wenn den Völkern eine gesunde Weiterentwicklung garantiert werden soll. Ob dieser voreheliche und außereheliche Geschlechtsverkehr oder die Vielehe mit Nebenfrauen als gut oder schlecht bezeichnet wird, ist Modesache und hängt von der jeweiligen Gesetzgebung ab. Nach der offiziellen Auffassung von heute sind sie schlecht, und so wurde unsere Moral und die von ihr geschaffene Gesetzgebung die Schöpferin der Prostitution, eine Tat, für die am meisten das Wort gilt: Das ist der Fluch der bösen Tat, daß sie, fortzeugend, Böses muß gebären. Wir kranken heute an der sexuellen Frage, weil wir sie mit der Prostitution zu lösen versuchen, die man mit Recht unter die strafbaren schädlichen Handlungen setzen sollte; der Geschlechtsverkehr selbst ist dagegen niemals schlecht, weder in der Ehe noch außer ihr. Heute bringen wir den Naturvölkern die Pro- stitution als Folge unserer Kultur und bringen so den Nagel zu ihrem Sarge mit, während die gleiche Kultur den Weg dazu ebnet.

So haben wir also zunächst das Geschlechtsleben als solches und dann das ihm angegliederte soziale Institut der Ehe zu betrachten.

a) Das Weib und das Geschlechtsleben.

Das Weib steht mitten im Geschlechtsleben und ist sein Ziel zugleich, das ist ein Grundzug, der die ganze Welt umfaßt. Der Zug vom Manne zum Weib und umgekehrt liegt in der Natur; er ist selbstverständlich und gesund auch in seiner rein geschlechtlichen Seite. Wo dies anders erscheint, hat man nur ein gaukelndes Mäntelchen darumgehängt. Unsere erste Betrachtung muß also der sexuellen Anziehung gelten. Betrachten wir den Geschlechtstrieb als solchen, so zerlegt er sich in zwei Komponenten. Man spricht mit Vorliebe vom „Fort- pflanzungstrieb". Diesen gibt es aber nicht, so wenig wie es einen „Ernährungs-


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trieb" gibt. Der menschliche Zellenstaat bedarf der Zufuhr von Aufbaustoffen. Mangelt diese, so tritt ein unlustbetonter Zustand, den wir Hunger, Durst, Erstickungsempfindung nennen, ein. Diesen Unlustzustand beseitigt der Mensch, und die Natur erreicht damit ihren Zweck: die Ernährung des Zellenstaates. Genau dasselbe gilt für das Geschlechtsleben. Nirgends ist ein Trieb zur Zeugung vorhanden. Die Anhäufung von Sexualhormonen erzeugt beim Men- schen ein Unlustgefühl, das er zu beseitigen sucht. Man nennt diesen Trieb den Geschlechtstrieb. Ist er normal eingestellt, richtet er sich auf das andere Ge- schlecht und drängt zur Vereinigung der Geschlechtsorgane, um die Entspannung herbeizuführen. Die Natur erreicht so die Möglichkeit, daß eine Befruchtung erfolgt. Man kann also höchstens beim normalen Triebleben von einem „Be- gattungstrieb", nicht aber von einem Fortpflanzungstrieb sprechen. Dement- sprechend ist das Kind auch nicht der Zweck des geschlechtlidien Verkehrs, sondern seine Folge, und die Frage, ob geschlechtlicher Verkehr nur dann zu- lässig sei, wenn ein Kind beabsichtigt wird, ist müßig. Sie ist die Folge einer asketischen Spekulation. Deshalb unterscheidet Moll sehr richtig zwei Kom- ponenten des Geschlechtstriebes. Der eine Vorgang spielt sidi nach ihm an den Genitalien ab und drängt zu einer Veränderung an ihnen; er findet beim Manne seine Entspannung in der Ejakulation, während beim Weibe vielleicht schon genügt, wenn die erregten Sdawellkörper der weiblichen Geschlechtsteile wieder abschwellen. Moll hat ihn mit Detumeszenztrieb bezeichnet. Der andere Vorgang ist ein Trieb, der es als lustbetont erscheinen läßt, sich einer andern Person im Momente der geschlechtlichen Erregung zu nähern, und zwar unter normalen Verhältnissen des anderen Geschlechtes, sie zu berühren, zu küssen und eventuell an ihr die Entspannung herbeizuführen. Die Berührung kann auch geistig sein. Moll bezeichnet ihn als Kontrektationstrieb. Es liegt in der Natur der Sache, daß der Kontrektationstrieb schon lange vor der geschlecht- lichen Reife eintreten kann, und so spielt er tatsächlich schon im Leben der Kinder eine große Rolle. Zweifelsohne ist er beim Weibe stärker entwickelt als der Detumeszenztrieb, und es gibt Forscher, die die Behauptung aufstellen, daß der Detumeszenztrieb beim Weibe erst geweckt werden müsse. Vielleicht ist es richtig, wenn man die Mutterliebe als eine Art von Kontrektationstrieb auffaßt. Die Stärke dieses Wollustgefühles wird aber keinesfalls durch die Ehe


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gehoben; im Gegenteil, hier fehlt gar oft die sexuelle Affinität, weil keine sexuelle Sympathie vorhanden ist. Wir sehen also auch aus physiologischen Gründen, daß der Grundzweck der Ehe nicht die Regelung des Geschlechts- verkehrs sein könnte. Aus der größeren Wichtigkeit des Detumeszenztriebes folgt aber, daß geschlechtlicher Verkehr nicht nur dann ethisch wertvoll ist, wenn der Zweck die Zeugung eines Kindes ist, sondern auch dann, wenn er lediglich die Folge eines inneren Wollens, mit anderen Worten die Folge der sexuellen Affinität ist. Religiöse und ähnliche Vorschriften drängen diese gar häufig zurück; ja die christliche Erziehung impft den Mädchen bereits in früher Jugend einen Ekel vor dem geschlechtlichen Verkehr ein, und die Folge ist das Überhandnehmen krankhafter oder widernatürlicher Zustände. Hier ver- mag nur eine gesunde Erotik sanierend einzugreifen, auf die der Mensch auch ein Anrecht besitzt. Bei Naturvölkern ist die Jugend an sich zumeist frei in ihren geschlechtlichen Beziehungen. So sagt beispielsweise Koch-Grünberg von den Kobeua: „Während das junge Mädchen die größte Freiheit genießt und ihre Unschuld nicht über alle Zweifel erhaben zu sein braucht, steht die Ehe durchschnittlich auf einer sittlich sehr hohen Stufe, und die Treue wird selten von einem der beiden Ehegatten verletzt." Oder er berichtet von den Tukano: „Die Makumädchen, die im Haushalt der Tukano dienten, galten als freie Weiber für die Jünglinge. Auch die jungen Ehemänner naschten bisweilen, wie man mir erzählte, von der verbotenen Frucht."

All diese Gesichtspunkte müssen wir im Auge behalten, wenn wir das Sexual- leben der Naturvölker beurteilen wollen. Der Detumeszenztrieb wird durch eine Reihe von absichtlichen und unabsichtlichen Dingen gehoben, die man als Reizmittel bezeichnen kann. Dazu gehören in erster Linie die Körperdüfte. An ihre Bedeutung knüpft sich heute eine ganze Wissenschaft, die sexuelle Osphresiologie. Es ist eine bekannte Tatsache, daß der Körpergeruch des Men- schen auf das andere Geschlecht erotische Wirkung ausübt. Gustav Jäger er- zählt, daß seine Braut Dinge, die er bei seinem Besuche hatte liegen lassen, also etwa Handschuhe, Krawatten oder ähnliches, gesammelt und gelegentlich daran gerochen habe, da ihr alles sehr angenehm geduftet hätte. Zweifelsohne ist der Körperduft — wenn auch oft ganz unbewußt — eine der wichtigsten Grundursachen der sexuellen Sympathie. Wie stark dieser Geruch einerseits


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3


3


C


3

CS

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Abb. 92. Tatauiertes Samoanisches Mädchen.


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Abb. 95. Australierin mit Schmucknarben.

Nach Spencer und Gillen.


Abb. 93. Schmucknarben, Mädchen von Benin.




Abb. 96. MaNyema-Weib mit Schmucknarben.


Abb. 94. Beschneidungs- instrumente bei den Wagaya.

Links : Messer zur Beschneidung der Knaben ; rechts: Messer zur Beschneidung der Mad- chen. (Exstirpation der Klitoris). Museum f. Völkerkunde, Leipzig.



Abb. 97. Pincette der

Bongoweiber zum Ausrupfen

der Augenwimpern.

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cl


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ist und wie wenig wir ihn andererseits merken, geht aus den Beobachtungen eines gelehrten Japaners, Dr. Buntabo Adadü, hervor, die Stoll zitiert: „Der Europäer geruch ist in Japan allgemein bekannt. Für die Japaner ist der Geruch der Europäer sehr auffallend, besonders der der Europäerinnen. Er ist stechend und ranzig, nach Individuum aber verschieden, bald süßlich, bald bitter. Oft ist der Geruch so stark, daß er das ganze Zimmer erfüllt. Der Geruch steht in engem Zusammenhang mit dem Alter. Kinder und Greise riechen nicht oder weniger als Leute im kräftigen Alter. Man könnte glauben, daß die Europäer von ihrem eigenen Geruch nichts wissen, oder ihn doch weniger empfinden als die Japaner. So viel ist aber gewiß, daß die Europäer nicht wissen, daß ihr Geruch ihnen eigentümlich ist, und ebenso gewiß, daß sie ihn nicht sonderlich beachten. Ja, es sollen im allgemeinen die Männer den Geruch der Frauen (und umgekehrt) mehr angenehm fühlen. Interessant ist es auch, daß betreffs europäischer Weiber für Japaner die Geruchsempfindung mit der Zeit sich ändert. Die meisten Japaner, die längere Zeit in Europa bleiben, finden den Geruch der Europäerinnen anfangs sehr widerlich, nach Monaten aber nicht mehr, endlich oft sogar mehr angenehm und wollüstige Vorstellungen hervor- rufend. — Zugleich ist ihnen der Geruch der Männer nicht mehr so auffallend.

— Der Geruch steht zweifellos mit der Geschlechtstätigkeit im Zusammenhang."

— Wir Europäer finden besonders an Negerinnen einen eigenartigen, an Bisam erinnernden Geruch, in geringem Grade auch an anderen Völkern, so daß man sich daran gewöhnt hat, von Rassengeruch zu sprechen. Besonders wichtig ist dafür eine Bemerkung, die Galopin (bei Stoll) macht: „Einer meiner Kollegen, Dr. X., ein französischer Arzt von weißer Abstammung auf Haiti, heiratete eine Negerin, deren Duft ihn, wie er sich ausdrückte, berauschte. ,Ich begreife nicht,' äußerte er sich zu mir, ,wie man eine fade und duftlose weiße Frau lieben kann.'"

Wir können hier natürlich nicht alle Reizmittel besprechen, was an anderer Stelle geschehen soll, wollen aber doch noch einzelne streifen. Wir haben oben, bei der Kleidung, bereits die reichliche Verwendung metallener Schmucksachen erwähnt. Auch ihnen scheint ein ähnlicher Zweck teilweise innezuwohnen. Es ist bekannt, daß schon im Tierreich allerlei Locktöne für die sexuelle Anziehung von weittragendster Bedeutung sind. Dahin gehören gewisse Stimmlaute, dann

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aber allerlei Reibegeräusche, deren bekanntestes das Zirpen der Grille ist. Von diesem Standpunkte aus kann man auch beim Menschen von einem „Klirr- sdomuck" sprechen. Das für die Sexualsphäre wichtigste Beispiel erzählt Lind- schotten von Pegu: „Viele in Pegu tragen vornen an jhrem Quoniam (d. h. Penis) eine Schellen, auch etlidie zwo zugleich, die da so groß als eine welsche Nuß, welche also zwischen Fell und Fleisch hangen. Dieser art Schellen kan man bey Doctore Paludano zu sehen bekommen, welche ich mit mir auß Indien bracht und jm verehrt hab; es geben diese Schellen einen sehr lieblichen klang." Weiter müssen wir hier kurz des Tanzes gedenken, den wir später an sich näher behandeln müssen. Auch er enthält eine Reihe von Zügen, die sich als sexuelle Reizmittel erweisen, und auch für ihn haben wir das Vorbild mit erotischem Grundwert schon in der Tierwelt, besonders bei den Vögeln. Wichtige Kapitel in einer derartigen Spezialdarstellung würde fernerhin die sexuelle Wirkung der einzelnen Körperteile, insbesondere des weiblichen Busens dar- stellen, neben ihm aber kommt vor allem die eigenartige Wirkung der Hautreize in Betracht.

Ferner werden eine Reihe von Gebräuchen von Wichtigkeit, die jetzt zwar ganz in mystisches Gewand gekleidet sind, deren ursprünglich teilweise realer Hintergrund aber nicht zu verkennen ist. Man hat sich gewöhnt, sie unter dem Namen „Liebeszauber" zusammenzufassen. Da begegnet uns zunächst eine ganz bestimmte Art von Tatauierung; so machen sich die burmanischen Mädchen runde Flecken in Dreieckgestalt zwischen die Augen. Die Wirkung ist un- gefähr die gleiche wie die unserer Schönheitspflästerchen. Der ausgiebigste Gebrauch beim Liebeszauber wird aber vom Körpergeruch gemacht, dann auch von der Übergabe von Genitalhaaren. Hagen erzählt z. B. von den Bewohnern von Bogadjim in Deutsch-Neu-Guinea: „Die offizielle Werbung geschieht durch die Mutter, und zwar auf folgende originelle Weise: Der von Amors Pfeil getroffene Jüngling dreht eine Zigarre, Tabakeinlage mit Hibiscus-Deckblatt. In die Einlage aber hat er ein Kopfhaar, ein Achselhaar und noch ein sonstiges Körperhaar von sich gewickelt. Diese Zigarre raucht er feierlich halb auf und übergibt den Stummel der Mutter mit der Bitte, ihn seiner Herzenserkorenen zu überbringen. Am nächsten Morgen wird die Antwort abgeholt. Hat das Mädchen den Stummel aufgeraucht, so gilt dies als Jawort, gibt sie ihn un-


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verletzt zurück, so bedeutet das ein Nein. Doch das letztere kommt, glaube ich, nur selten vor, denn ehe der Jüngling den Zigarrenstummel sendet, ist ge- wöhnlich schon alles besprochen und geebnet, sowohl zwischen den Liebenden als deren Eltern." Die Zigarre mit den eingewickelten Haaren soll offenbar als Liebeszauber wirken. Die Zigarrenstummelfrage ist ein feierlicher Akt, zu dem sich der Liebende während einiger Tage durch Fasten (nach denselben Regeln wie bei der Beschneidung) vorbereitet. Besonders originell — schon deshalb, weil hier die sexuelle Bedeutung des Locklautes hereingezogen ist — ist ein Liebeszauber, den Stephan von Neupommern berichtet. Ein Blatt des Sassabaumes (Callophyllum inophillium) wird der Länge nach über die Mittel- rippe gebogen und zwischen die Lippen gebracht. Bei heftigem Einatmen ent- steht ein gellender Ton, der das Weib anlockt. Folgt sie dem Rufe, und das scheint die Regel zu sein, dann wird der Zauber in den Sand getreten, damit sie es nicht sieht. Ähnlich wird ein Schnepper aus einer Galipnußschale mit schlitzartiger Öffnung verwendet, die einen eigenartigen Ton erzeugt. Ähnlich wie man Genitalhaare gibt, gibt man auch von seinem Blute; besonders dem Menstrualblut wird eine derartige Wirkung zugeschrieben. Ganz ähnlich wird Schweiß verwendet. Wie wir ferner oben bei den Fruchtbarkeitsriten fanden, daß sie häufig von einem Zauberer ausgeführt werden, so gilt das auch hier. Es gibt bei vielen Völkern eigene Persönlichkeiten, denen die spezielle Be- schäftigung mit Liebeszauber obliegt. Fläufig sind es auch weibliche Personen. Hoffmann berichtet uns z. B. über den Liebeszauber der Odschibwäindianer Nordamerikas. Dort gibt es bestimmte Geheimbünde, deren Mitglieder Mide heißen. Der Liebeszauber durch Pulver kann nur von Mides der höchsten (4.) Stufe ausgeführt werden. „Diese Liebeszauber steht in hohen Ehren und seine Zusammensetzung ist ein tiefes Geheimnis; nur gegen eine hohe Bezahlung wird er einem anderen überlassen. Er besteht aus folgenden Ingredenzien: Vermillion, gepulverte Schlangenwurzel (Polygala Senega L.), eine kleine Spur von dem Menstrualblute eines Mädchens, das zum erstenmal die Regel hat, und ein Stück Ginseng (eine auch sonst sehr bekannte, die Potenz anregende Wurzel), das von der Bifurkation der Wurzel abgeschnitten und gepulvert ist. Das wird gemischt und in einen kleinen Kattunbeutel getan. Daß es gerade aus der Bifurkation der Wurzel genommen werden muß, darin liegt wohl mit großer


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Wahrscheinlichkeit eine übernatürliche Beziehung zu den Genitalien der Men- schen, welche ja an dessen Bifurkation, d. h. an der Gabelung der Beine ihren Sitz haben. Die Herstellung dieses Liebespulvers ist aber nicht so ganz einfach; es gehört dazu ein Opfer, aus Tabak bestehend, an den Ki'tshi Man'ido, das mit einem Mide-Gesang und mit dem Schall der Zauberrassel begleitet sein muß. Wird es einem anderen abgelassen, so muß dieser es unter das Lager des zu Bezaubernden praktizieren." Zweifelsohne werden bei diesen Zaubermitteln, wenigstens soweit sie innerlich genommen werden, häufig Mittel verwendet, die aufreizend auf den Genitalapparat wirken (Kantharidenpräparate) und so das Verlangen nach geschlechtlichen Verkehr steigern, so daß der anwesende Teil, der den Zauber ausübte, leichteres Spiel hatte. Eine andere Form von Liebes- zauber zeigt unsere Abb. 153. In der ersten Figur dieser Abbildung hält sich der Zauberer für einen göttlichen Geist und singt: Mein Gemälde macht mich zu einem Gott. In der zweiten Figur betätigt er seine Zaubergewalt durch eine Trommel: Höre die Töne meiner Stimme, meines Gesangs; es ist meine Stimme. Die dritte Figur zeigt die Wirkung. Er sitzt in einer heimlichen Hütte, verbirgt sich und ist doch neben „ihr". In der vierten Figur hat er die Geliebte gewonnen: Ich kann sie verlegen machen, denn ich höre alles, was sie von mir sagt. In Figur j finden wir ihn auf einer Insel: Wäre sie auch auf einer fernen Insel, ich könnte machen, daß sie zu mir herüber schwämme. Figur 6 zeigt die Ge- liebte schlafend. Er rühmt sich seiner Zaubergewalt: Wenn sie auch noch so weit, selbst auf der anderen Seite der Erde entfernt wäre. Figur 7 stellt ein Herz dar: Ich spreche zu deinem Herzen. Man sieht also, überall ist man be- strebt, Liebe zu erzwingen, wo sie nicht vorhanden ist. Eine genauere Betrach- tung zeigt aber, daß es dabei eigentlich nur um das „Erhörtwerden", also um physische Liebe zu tun ist. Bei eigentlichen Naturvölkern haben wir es ja über- haupt fast nur mit physischer Liebe zu tun, von einem höheren Empfinden für das Weib wissen sie wenig; erst bei den höherstehenden Stämmen findet sich der Anfang dessen, was ich in der „Urgeschichte der Ehe" und der „Entwick- lungsgeschichte der Liebe" mit physischer Liebe bezeichnet habe. Dies gilt in erster Linie für Polynesier und nordamerikanische Indianer, beides Völker, die ehedem eine höhere Kultur hatten und durch eine Reihe von Umständen vieler äußerer Kulturgüter verlustig gingen. Auch Afrika hat da und dort unter seiner


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Das Weib bei den Naturvölkern


Poesie einiges, was man als Regung einer höheren Liebesempfindung bezeichnen darf. Wir kommen darauf zurück.

Über Stärke und Beginn des Geschlechtslebens wissen wir bei den meisten Naturvölkern sehr wenig. Jedenfalls ist es vor der Ehe fast überall freigegeben, wenn auch sehr häufig verboten ist, daß es Folgen haben darf. Dies hängt aber nicht etwa mit moralischen Ideen, sondern damit zusammen, daß man glaubt, solche Kinder seien nicht stammeszugehörig. Miklucho-Macley beobachtete bei- spielsweise in Melanesien, daß Kinder beiderlei Geschlechts im warmen Sand des Strandes den Koitus als Spiel nachahmten. Jedenfalls pflegt die Jugend schon in sehr frühen Jahren bei Mondenschein am Meeresstrand zu schwärmen, und dieser Stimmung entspricht beispielsweise folgendes Liedchen:

Der Mond ist da, auf zum Strand,

Auf zum Drücken der Brust;

Auch die Fische gehen spazieren,

Gehen spazieren.

Auf zum Strand,

Auf zum Drücken der Brust.

Auf den Salomonsinseln ist es eine besondere Ehre für ein Mädchen, mit mög- lichst vielen Männern vor der Ehe verkehrt zu haben. Die Eltern erklären daher ihre Töchter als öffentlich, und man hat einen eigenen Namen für sie, nämlich mangotta. Eine größere Reihe von Stämmen findet auch nichts daran, den Koitus öffentlich zu vollziehen, so die Bewohner der Philippinen, dann ver- schiedene polynesische Stämme — eine Sitte, die uns übrigens auch von den alten Etruskern berichtet wird. Trotz des Einspruchs von Jacobs muß auch der Stellung bei Ausübung des Koitus eine ethnographische Bedeutung zugeschrieben werden, da oft mystische Gründe und ähnliches dafür angegeben werden. Zweifelsohne muß es einen Zweck gehabt haben, wenn ein ganzes Volk eine be- stimmte als normal angesehene Stellung anerkennt. Infibulation, Operationen, Hottentottenschürzen und ähnliche Dinge tragen verschiedentlich die Schuld daran. So berichtet Steller von den Kamtschadalen (Itälmen): „Wer den Con- cubitum verrichtet, dergestalt, daß er oben auflieget, begeht eine große Sünde. Ein rechtgläubiger Itälmen muß es von der Seite verrichten. Aus Ursache, weil


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Das Weib bei den Naturvölkern


es die Fische auch also machen, davon sie ihre meiste Nahrung haben." Zweifels- ohne ist aber sehr viel Raffinement bei diesen abnormen Stellungen, besonders wenn sie nicht allgemein als Volksgut auftreten; ethnographischen Wert hat es aber, wenn wir hören, daß die Australier die hodtende Stellung weitaus bevor- zugen, daß die Seitenlage auch bei anderen, an die Kamtschadalen angrenzenden Völkerschaften, so den Tschuktschen usw., gebräuchlich ist, usw. Es ist sicher, daß die Lage des Vaginale in ganges dabei auch eine Rolle spielt. Welche Stellung wir als ursprünglich normale beim Menschen bezeichnen sollen, ist direkt nicht nachweisbar; wir müssen also — wie das seit Jahrzehnten mit Recht geschieht — die Form als ursprünglich bezeichnen, die der Normalstellung beim Tiere am nächsten kommt, wo wir sicherlich am wenigsten von „Raffinement" sprechen können, also den coitus a posteriori (von hinten). Dies scheint eine Darstellung aus der im Beunetale bei Les Eyzies in der Dordogne in Frankreich liegenden Höhle von Combarelles zu bestätigen, die etwa dem Spätsolutreen angehört (Zeichn. IV). Noch etwas älter dürfte vielleicht das sicher ebenfalls eine Begattung darstellende Relief von Laussei (auch im Tale der Beune in der Dordogne ge- legen) sein, das sich dort im Abri Cap Blanc nebst anderen Felsskulpturen fand und in der Solutreenschicht lag, wohl aber, wie Wiegers sicher richtig vermutet, dem oberen Aurignacien angehört, da es wohl erst später von der Felswand abgestürzt ist. Während nun Schiefferdecker glaubt, daß die Frau in der Geschlechtsgegend des Mannes auf seinem Körper hockt (also Hockerstellung beim Koitus), möchte ich annehmen, das Weib liegt auf dem Rücken und der Mann kniet vor ihm und zieht die Beine des Weibes an sich. Diese Art des Koitus ist die in Australien übliche. (Vgl. Näheres darüber mit Illustrationen in: v. Reitzenstein, „Die ältesten sexuellen Darstellungen der Menschheit" in „Geschlecht und Gesellschaft", X. Jahrg., Heft 10, S. 364 ff.) Die Anteilnahme des Weibes am Werdegang des neuen Organismus ist zweifels- ohne die weitaus größere. Der Mann ist eigentlich daran nur durch die kurze Zeit des Beischlafes beteiligt; das Weib entwickelt im Leibe das Ei und bildet es nach der Befruchtung in monatelangem Werden zur vollen Frucht aus und ernährt diese nach ihrer Geburt noch mit seiner Milch. Über die Empfängnis selbst sind sich die Naturvölker sehr im unklaren. Oben haben wir bereits aus- geführt, daß ihnen ursprünglich der Kausalzusammenhang von Kohabitation


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Das Weib bei den Naturvölkern


und Konzeption unbekannt war. Wir haben dort Beispiele dafür angeführt. Hier möchten wir lediglich noch eines interessanten Falles gedenken, den Selig- mann beibringt. Nach ihm glauben die Sinaugolo in Britisch-Neu-Guinea, daß die Empfängnis mit den Brüsten stattfindet, an denen sie auch die erfolgte Schwängerung erkennen. Erst später falle dann das Kind in den Unterleib herab. Ähnlich sind die Fidschiinsulaner der Ansicht, daß ein einzelner Koitus zur Befruchtung nicht ausreiche. Eine ganze Reihe von Beobachtungen, wie man nun das Wohlgefallen am Koitus erhöhen könne, hegt vor. Man kann vier Gruppen unterscheiden:

i. Mittel zur Vergrößerung des Penis,

2. Mittel, die in den Penis eingeheilt werden,

3. Mittel, die am Penis befestigt sind,

4. Mittel, durch die die Vagina verkleinert wird.

Der Zweck all dieser Manipulationen ist also der, die Reibung zu vergrößern. Uns interessieren bei Naturvölkern hauptsächlich die unter 2. und 3. aufgeführ- ten Gruppen. Es ist natürlich klar, daß die in den Penis eingeheilten Gegen- stände ursprünglich nicht den Zweck einer Reizsteigerung hatten, so wenig wie die Narbentatauierung und die Tatauierung überhaupt den eines Schmuckes. Alle sind sie Blutopfer, also dasselbe wie die Ohr-, Nasen- und Lippendurch- bohrung. Diese Blutopfer schließen sich stets an bestimmte Feste usw. an. (Vgl. meine Artikel: „Aberglauben", „Feste und Riten" und „Liebesleben" in: M. Marcuse, Handwörterbuch der Sexualwissenschaft, Bonn 1923). Der Mensch will damit den Schutz der Ahnengeister oder eine Abwehr feindlicher Geister erreichen und sucht nun das vollzogene Blutopfer dauernd deutlich darzustellen, indem er an die Stelle etwas einheilt. Dies ist hauptsächlich beim Einheilen von Steinchen und ähnlichem der Fall, denn Naturvölker glauben dadurch auch sonst besonderer Kräfte teilhaftig zu werden und sind andererseits der Meinung, daß bei Erkrankungen der Medizinmann einen solchen Stein usw. aus dem Körper herausholen muß, mit dem auch der Krankheitsstoff weggeht. Es liegt nahe, speziell in den in den Penis eingeheilten Steinchen einen Zauber zur Er- höhung der Potenz zu sehen. Als man diesen Zweck vergessen hatte und die Weiber an die Sitte gewöhnt waren, die natürlich schließlich als sekundäre Folge einen sexuellen Reiz mit sich brachte, vollzog man sie speziell zu diesem Zweck


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Das Weib bei den Naturvölkern


auch weiterhin. Das Einheilen von Gegenständen erfolgt dadurch, daß, etwa wie bei den Battak von Sumatra, in den Penis Einschnitte gemacht und darein kleine Steinchen oder Goldplättchen eingeheilt werden. Staudinger schildert das wie folgt: „Nach Aussage glaubwürdiger Battaker werden bei der betreffen- den Operation Einschnitte in die Oberhaut des Penis gemacht und die Steine unter die Haut geschoben. Einzelne Individuen haben eine Anzahl Steine in spiralförmiger Anordnung in ihrem Gliede. Die Operation wird der besseren Heilung wegen in fließendem Wasser vorgenommen. Das am meisten begehrte Material zu diesen Steinen soll eine Muschel in oder am Tobasee sein. Reiche Leute nehmen auch Gold- oder Silberklümpchen." Weit häufiger sind noch die Mittel, die am Penis befestigt und dort entweder ständig getragen werden oder beim jedesmaligen Gebrauch eingesetzt werden. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich auf Indonesien und Patagonien und strahlt allerdings bis nach China aus. Europa hat die Sitte erst in neuerer Zeit erhalten. Die Dajak z. B. durchbohren sich die Eichel des Gliedes und verhindern das Zuheilen der Öffnung dadurch, daß sie eine geölte Taubenfeder darin tragen. Vor der Beiwohnung wird dann aber ein Apparat in der Öffnung angebracht, der durch eine starke Reibung das Wollustgefühl des Weibes erhöht. Die einfachen Apparate bestehen aus Metall- oder Beinstäbchen, während die komplizierten Metallstäbchen darstellen, die an den beiden Enden kleine Bürstchen aus Borsten oder Perlenkettchen tragen. Solche Apparate heißen Ampallang (Abb. 99, Fig. 3), und die Frauen erzwingen ihre Anwendung dadurch, daß sie alle Männer, die den Apparat nicht führen, zurückweisen. Ähnliche Zwecke scheint die Scioelle verfolgt zu haben, über die uns Lindschotten von Pegu erzählte, wenn sie nicht etwa an einem Infibulationsring angebracht war, um den Betreffenden überhaupt am Geschlechtsverkehr zu hindern, was allerdings auch sekundär wäre. Auf Celebes wird die Eichel mit dem durch starke Wimpern ausgestatteten Augenlidrand eines Ziegenbockes umwickelt oder in China durch die abgeschlissene Fieder einer Vogelfeder. Zu dieser Art von Reizmitteln gehört der Guesquel der Pata- gonier (Abb. 99, Fig. 2). Es ist ein Kamm aus den Mähnenhaaren eines Maul- tieres, die sehr sorgfältig an einer feinen Schnur befestigt sind. Dieses Gebilde wird um die Eichel gewickelt. Claraz berichtete Stoll, daß die patagonischen Indianerinnen anfänglich den Guesquel nicht leiden wollten, weil er ihnen viel


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Schmerz verursacht. Später haben sie ihn aber gerne; also eine Bestätigung für die oben ausgesprochene Ansicht. Die Wirkung ist so stark, daß die Frauen knirschen und schäumen und in einen so hochgradigen Orgasmus geraten, daß sie ganz betäubt und erschöpft liegenbleiben. Es scheint, daß der Guesquel sich aber prinzipiell von den indonesischen Instrumenten unterscheidet, da er den Intentionen des Mannes dient. Die Patagonier ziehen nämlich die Beiwohnung bei europäischen Frauen vor, weil diese sich mehr aktiv bewegen, weshalb sie sie corcoveadores (= Frauen, die sich krümmen) nennen. Der Guesquel soll nun bei den einheimischen Frauen eine ähnliche Wirkung hervorrufen. Gut gearbeitete derartige Apparate sind sehr teuer und werden mit i bis 2 Pferden bezahlt. Diese Bewegung der Frauen führt uns auf ein weiteres Reizmittel, das



Zeidin. IV. Szene aus der Höhle von Combarelles

dem Manne zulieb geschieht, nämlich auf die schon oben erwähnten Rumpf- bewegungen, wie sie bei den Afrikanerinnen der Sansibarküste üblich sind. Jedes Mädchen, das zur „Gesellschaft" zählen will, muß sie unbedingt können, wenn es Glück bei Männern haben will.

Über den Wert der Fruchtbarkeit sind die Anschauungen der Naturvölker sehr geteilt. Während der größere Teil sich gerne Nachkommenschaft wünscht —


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Das Weib bei den Naturvölkern


wobei sehr häufig das Mädchen nicht begehrenswert erscheint — , verschmäht ein anderer Teil reicheren Kindersegen. Verschiedene Stämme sind auch von Natur aus wenig fruchtbar. Dies hat in verschiedenen Dingen seinen Grund. Eine besondere Rolle spielt dabei das Moment, daß es meist nicht üblich ist oder gar als schädlich betrachtet wird, während der Schwangerschaft oder der Säuge- zeit, die oft bis zu fünf Jahren und darüber währt, mit einem Weibe zu ver- kehren. In vielen Fällen macht auch der frühzeitige Geschlechtsverkehr das Weib für eine größere Konzeptionsmöglichkeit unfähig. Nicht ganz unrichtig ist daher



Zeichn. V. Pasah bangkamiak der Oloh Ngadju (Borneo)

Nach Grabowsby

das Urteil eines Suaheli, der Veiten gegenüber die geringe Fruchtbarkeit seines Stammes erklärte: „Der Grund, weshalb die Suaheli keine große Nachkommen- schaft haben, ist der, daß sie in ihrer Jugend zu früh beginnen, geschlechtlich zu verkehren. Wenn sie heiraten, ist der Same in ihrem Körper meist ver- trocknet. Falls eine Frau noch geburtsfähig ist, bekommt sie ein, höchstens zwei Kinder, denn es ist kein Same mehr, den sie hat, sondern Schaum. Unsere Vor- fahren hatten viele Kinder, denn sie verboten, früh zu heiraten oder so früh mit Mädchen zu verkehren." Aus der Anlage zu geringer Fruchtbarkeit und der Unmöglichkeit, eine größere Kinderzahl zu ernähren, entwickelt sich nicht selten eine direkte Abneigung. So bittet nach Roth der Ehegatte bei den Australiern von Queensland die Geister, die die Kinder formen, um Sendung eines Kindes


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Das Weib bei den Naturvölkern


als eine Strafe für die Ehefrau, wenn diese ihren Gatten geärgert hat. Zu dieser Abneigung tritt oft noch ein gewisser Aberglaube oder falsche physiologische Kenntnisse. Diese sind besonders Grund der Gegnerschaft vieler Naturvölker gegen Zwillinge. Sie werden entweder samt der Mutter getötet, wie bei den Eingeborenen Guineas, oder ohne sie, wie bei verschiedenen australischen und Negervölkern, oder aber endlich die Feindschaft trifft nur das letztgeborene Zwillingskind, wie das bei kalifornischen Indianern, bei Mexikanern und perua- nischen Stämmen der Fall ist. Zu Schomburgk sagte einmal eine Indianerin von



Zeichn. VI Sdiuli-Negerin, niederkommend



Nach Feibin


Zeichn. VII Bongo-Negerin, niederkommend


Britisch-Guyana, als er ihr erzählte, daß die Europäerinnen häufig Zwillingen das Leben schenkten, mit geringschätziger Miene: „Wir sind keine Hündinnen, die einen ganzen Haufen Junge werfen." Allerdings bevorzugen andere Völker, besonders in Indonesien, Zwillingsgeburten, ebenso in Ostasien. So die Golden. Hier fertigt ein Schamane nach der Geburt ein besonderes Amulett mit Opfer- schale, um sie zu schützen (Tafel 2 u. 3). Von größtem Interesse ist aber die freiwillige Unfruchtbarkeit, die wir bei melanesischen Stämmen beobachten, die die Absicht, aussterben zu wollen, deutlich aussprechen. Dies ist in Neu- mecklenburg und Neuhannover der Fall. Als Mittel wird dabei der Coitus interruptus angewendet. Aber man sucht auch durch innerliche Mittel vorzu- beugen. So berichtet Blyth von den Fidschi: „Wie die eingeborenen Hebammen


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Das Weib bei den Naturvölkern


es unternehmen, Unfruchtbarkeit zu heilen, so nehmen sie auch zu Präventiv- mitteln ihre Zuflucht, die manchmal Erfolg haben, manchmal nicht. Hierzu be- nutzen sie einen Aufguß der Blätter und der entrindeten, geschabten Wurzel des Rogaholzes und der Samalo. Hat abends der Beischlaf stattgefunden, so wird der Trank am anderen Tage genommen. Dieses Präventivmittel für eine Entschwängerung wird auch von Frauen genommen, welche keine Schwanger- schaft mehr wünschen, nachdem sie ein oder mehrere Kinder geboren haben." Von den Australierinnen wird berichtet, daß sie durch eine stoßende Körper- bewegung nach der Kohabitation das Sperma wieder aus der Vagina auswerfen,



Zeidin. VIII. Creek-Indianerin, niederkommend Nadi Witfeowsfci


während die indischen Mundavölker durch eine absichtliche Knickung der Ge- bärmutter die Befruchtung erschweren; diese Sitte berichtet van der Burg auch aus Indonesien: „Der dort schon früh entwickelte Geschlechtstrieb der Mädchen wird anstandslos befriedigt, wobei man sich der Hilfe einer Dökön, einer der zahlreich vertretenen heilkundigen alten Frauen bedient, um nicht zu konzi- pieren. In der Tat scheinen diese Weiber zu verstehen, durch äußere Manipu- lationen, durch Drücken, Reiben, Kneten durch die Bauchdecken hindurch, nicht von der Scheide aus, eine Lageveränderung, Vor- oder Rückwärtsknickung der Gebärmutter zustande zu bringen, welche die Konzeption verhindern, und zwar ohne daß weitere Beschwerden davon die Folge sind als leichte Kreuz- und Leistenschmerzen und Urinbeschwerden in den ersten Tagen der Prozedur. Will


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Das Weib bei den Naturvölkern


ein derartiges Mädchen später heiraten und Mutter werden, so wird die Ge- bärmutter wieder auf dieselbe Weise in Ordnung gebracht." Noch größer ist allerdings der Kreis der Mittel, die gegen Unfruchtbarkeit helfen sollen, und es liegt in der Natur der Sache, daß hier Aberglaube und Sympathie die meisten derartigen, oft völlig wertlosen Dinge entstehen ließ. Zweck haben natürlich in vielen Fällen die Apbrodisiaka aus den bereits oben gestreiften Gründen. Derartige Mittel bestehen meistens in einer regelrechten Kur, die die Reizung der Sexualorgane bezweckt und in eine Trink- und Bade- kur zerfällt. Es bedürfte einer speziellen Untersuchung, inwieweit die gegebenen



Zeichn. IX Niederkommende Kaiowä-Indianerin Die Hebamme bläst ihr ein Brechmittel in den Mund Nach der Zeichnung eines Kaiowä-lndianers



Zeidin. X

Schwere Niederkunft einer Frau

in Kerrie am Weiften Nil


Mittel, unter denen die geschabte Wurzel der Mbokase (Art des Brotfrucht- baumes), die Nüsse der Rerega oder Kayo (Art Tumerik), Früchte der Iris Sibi- rica und ähnliches erscheint, wirklich anreizenden Wert haben oder nur mystische Bedeutung in sich schließen. Von Interesse ist jedenfalls, daß gleich nach Ein- nahme dieser Mittel der Koitus ausgeführt werden soll. Ganz in das Gebiet des Fruchtbarkeitszaubers ragen dagegen eine ganz unendliche Reihe von mysti- schen und sympathischen Mitteln, die sich aus dem Glauben des primitiven Menschen erklären, daß nicht der Koitus die Ursache der Schwängerung sei, sondern diese von außen her durch Dämonen oder eine Gottheit betätigt würde.


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Das Weib bei den Naturvölkern


Wir haben oben näher darüber gesprochen. Man muß also entweder diese höhere Macht versöhnen oder den Bann brechen, der sie verhindert, ihre Schuldigkeit


NaAWHbowsbi



Zeichn. XI. Niederkunft bei den Kabylen



Zeidin. XII. Niederkunft der Penimonee-Indianerinnen Nadi Engelmann

zu tun. Dieser Baum ist gewöhnlich ein böser Zauber, den Unbekannt aus- gesprochen hat, denn es ist bekannt, daß Naturvölker in allen schlimmen Ereig- nissen die Wirkung eines Zaubers erblicken, wie wir oben sahen sogar im Todes- fall. Hein erzählt uns beispielsweise, wie die Dayaks von Borneo sich zur Un-


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Das Weib bei den Naturvölkern


fruchtbarkeit stellen. Dort glaubt man nämlich, daß die Wassergötter (Djata) hindernd eingreifen können: „Wollen unfruchtbare Frauen Kindersegen er- langen, so veranstalten sie einem Djata ein großes Fest, Bararamin genannt, bei welchem man in einem schön geschmückten Boote nach einem Wohnsitze der Djatas fährt und dort Hühner (und anderes Geflügel), deren Schnäbel mit Goldblech belegt sind, zum Opfer darbringt, indem man sie entweder lebendig in das Wasser wirft oder ihnen den Kopf abschneidet und bloß diesen opfert, den Rumpf des Tieres aber verzehrt. In manchen Fällen scheint man sich jedoch mit aus Holz geschnitzten Vogelfiguren zu begnügen." Hier wie bei allen Fruchtbarkeitsriten spielt häufig der Zauberpriester eine große Rolle. Wieder verdanken wir Büttikofer eine recht gute Beobachtung, die er bei den Vey- negern in Liberia machte: „Der unter den Eingeborenen allgemein herrschende Aberglaube ermöglicht den zahlreichen Fetischdoktoren, in der Veysprache buli- kai genannt, eine lohnende Existenz, da dieselben nicht allein durch das An- fertigen und Einsegnen von Grigris, sondern auch durch Beschwörungen von Zauber u. dgl. viel Geld verdienen. Ein richtiger buli-kai weiß überall Rat zu schaffen. Bekommt z. B. eine Frau keine Kinder — was als eine große Schande gilt — , so schreibt sie dies einem auf ihr lastenden Zauber zu und holt sich beim Fetischdoktor Rat, welcher sofort bereit ist, für eine geringe Entschädigung den Zauber zu lösen. Es müssen dann saras gelegt oder auf eine andere Weise die bösen Geister günstig gestimmt werden. Oft verlangt der Doktor eine ganze Reihe von Gegenständen. Einige derselben werden, nachdem die nötigen Zauber- formeln darüber gesprochen sind, begraben oder in den Fluß geworfen, andere sind dazu bestimmt, um .verkauft' zu werden, worunter der Doktor versteht, daß dieselben ihm übergeben werden müssen. Unter den letzteren sind ein ge- wisses Quantum Reis oder ein weißes Huhn die gebräuchlichsten. Immer nennt der Zauberer genau die Farben dieser Opfer, und wenn z. B. kein weißes Huhn herbeigeschafft werden kann, so muß ein Stück weißes Baumwollenzeug an dessen Stelle treten. Weiß und rot scheinen die beiden Farben zu sein, welche bei solchen Gegenständen allen anderen vorgezogen werden. Dabei macht der Dok- tor seinen Klienten allerlei Vorschriften über das Vermeiden gewisser Speisen. So findet man z. B. Personen, die kein Huhn, andere, die kein Affenfleisch, und wieder andere, die kein Fleisch einer ihnen speziell genannten Antilopenart essen


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Das Weib bei den Naturvölkern


dürfen. Diese Enthaltungsvorschriften gehen oft von Eltern auf Kinder und Enkel über. Als ich zufällig einmal einen meiner Diener fragte, warum er kein Affen- fleisch essen wolle, antwortete er: ,Weil meine Mutter es nicht essen darf.' " Nach dem bei Ploß-Bartels zusammengestellten Material ergibt sich nun etwa folgender Überblick über fruchtbare und unfruchtbare Völker, wobei solche, bei denen fünf und mehr Kinder durchschnittlich in der Familie geboren werden, als fruchtbar gelten:


a) f,


■uchtbar:



b) unfruchtbar:




Kirgisen ca. j,j


Ostjaken


ca.


4


Tschuktschen





, 6



,,


4


Yakuten





. 7.5



,,


3


Todas . .





» 5



,,


3


Eskimo . .





, 6


Indianer Nordamerikas


,,


4.5


Feuerländer





. 7,5


Indianer Südamerikas .


,,


4


Masai . .





, 6,3


Wanjamwesi ....


5,


4


Asa Wanderobbo




. 5,7


Loangoneger ....


,,


2,5


Mandingo . .




» 5


Hottentotten ....


5.


3


Salomonsinsulaner



» 5


Zentralaustralier . . .


,,


3


Savageinsulaner .



, 6



,5


2



Neukaledonier . . .


»


4







Gilbertinsulaner . . .


5,


3


b) Das Weib als Mutter Über die eigentliche Dauer der Schwangerschaft sind sonderbarerweise nicht ein- mal alle Kulturvölker richtig orientiert, geschweige denn, daß sich Naturvölker ein klares Bild machen würden. Man rechnet heute 270 bis 280 Tage (vom ersten Tag der letzten Periode ab gerechnet). Besonders interessant ist nun, daß verschiedene afrikanische Stämme glauben, daß die Knaben länger im Mutter- leibe bleiben als die Mädchen. So geben die Wapogoro und die Suaheü den Knaben dementsprechend 9 bis 12 Monate, den Mädchen 8 bis 9 Monate. Ganz ähnlich ist es mit dem Urteil über die Kennzeichen bestellt. Leider ist hier noch viel zu wenig beobachtet worden. Interessant ist der Glaube der Neger von Old-Calabar; sie nehmen als Kennzeichen das Ausbleiben der Menstruation,


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Abb. 100.

Gesichtsbemalundg

einer Seri-Indianerin (Arizona).



Abb. 102.

Ausschlagen der Vorderzähne eines Mädchens des

Kaitischstammes (Australien).


Nach Spencer und Gillen.



Abb. 103. Rollstempel für die Körperbemalung. Rio Tiquie.



Abb. 101. Eine Muli. Tochter eines Häuptlings der Provinz Lampong.



Abb 104. Behälter für die Geräte zur Körperbemalung (aus Birken- rinde). Tlinkit, Nordamerika.

203



Abb. 105. Kadiueo-Indianerin, bemalt.



Nach Boggiani.


Abb. 106. Tschipeway-Indianerin mit Kind.

Nach M'Kenney.



Nach Falkenstein.

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Abb. 107. Weib mit Busenschnur, Loango.



Abb. 108. Schmuckstücke aus Luzon und Mindanao (Philippinen).

Links: Ohrpflock der Negritomädchen (Luzon). Mitte oben: Parfümpaketchen, Manobo (Mindanao). Mitte unten: Frauenarmband (Tabuhang) von Früchten und wohlriechenden Blättern Negrito Casiyuran (N. Luzon). Rechts:

Halsschmuck (Manikl der Negritomädchen, Casiyuran (N. Luzon). Museum f. Völkerkunde, Dresden.



Abb. 109. Hottentottenschürze.


Abb. 110. Armplastik bei einem Taulipang-Mädchen.

Nach Koeh-Grünberg.


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Das Weib bei den Naturvölkern


dann ein bleiches, aschfarbenes Aussehen des Gesichtes und des oberen Teiles der Brust, auf dem außerdem gelbliche Flecke auftreten, während der Warzenhof dunkler wird, an. Deshalb sträuben sich auch die Männer, eine Kleidung be- stehen zu lassen, die dieses Zeichen verdeckt. Noch unklarer denken Naturvölker über die Lage der Frucht; was ihnen ja schließlich nicht zu verdenken ist, da sie wenig Einblick in das Innere des menschlichen Körpers besitzen. So glauben die Golden (an der Amurmündung in Sibirien), daß das Kind im Mutterleib aufrecht steht, während die Papua von Niederländisch-Neuguinea umgekehrt das Kind auf dem Kopf stehend denken (vgl. Abb. 99, Fig. 6), was wohl mit der Normalgeburt zusammenhängt. Jedenfalls unterscheiden viele Natur- völker zwei Hauptlagen der Geburt, die Schädellage und die Fußlage. Je ge- ringer aber die wirklichen Kenntnisse sind, desto reicher sind die Schwanger- schaftsgebräucbe. Hauptsächlich sind sie eine Fortsetzung des Abwehrzaubers der Befruchtungszeremonien. Da ist uns zunächst eine Notiz von Hein (bei Ploß- Bartels) über die Dayak von Borneo schon deshalb von größter Wichtigkeit, weil sie bestätigt, was wir oben sagten, daß nämlich große Sorge besteht, Dämo- nen möchten die richtige Befruchtung hindern. Er sagt: „Schwangere Frauen opfern den Djata und den Panti kleine, balai panti genannte Häuschen, welche entweder in einen Fluß versenkt oder in der Nähe des Hauses in den Wipfel eines Baumes gehängt werden; denselben Zweck, böse Geister von dem Körper der Schwangeren abzuhalten, versieht die hüttenartige ,pasah kangkamiak', in welcher den Hantus Hühner geopfert werden (vgl. Zeichn. V). Der Kamiak ist ein sehr böswilliger Geist, dem die Gabe zu fliegen eigen ist und der von schwangeren Frauen auf das äußerste gefürchtet wird, da er sich stets bestrebt, in den Körper derselben unsichtbar einzudringen und die Geburt des Kindes entweder zu erschweren oder ganz unmöglich zu machen. Ihm wird in kleinen Häuschen in ähnlicher Weise wie den Djata geopfert." Hein erklärt sodann die Hühneropfer für die Schwangeren. Sie haben ihren Grund in dem Glauben, daß die während des Gebarens sterbenden weiblichen Hantuen in böse Geister, Kangkamiak oder Kamiak, verwandelt werden, welche zumeist in Gestalt eines Huhnes in schwangere Frauen zu fahren suchen, um sie am Gebären zu hindern; sogar die Stimme eines solchen Kangkamiak ähnelt dem Geschrei einer Henne; Hühneropfer bringt man daher auch den Wassergöttern Djata, welche

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die Schwangeren vor den bösen Geistern beschützen und leicht gebären lassen. Ein sehr interessantes Gerät der Huta (Si Gaol Habinsaran) gibt uns Volz. Es ist der Pagar pandiam, ein Talisman, der zu Häupten der Schlafstelle hoch- schwangerer Frauen zum Schutz von Mutter und Kind aufgehängt wird und aus Rotangschnur und 5 Bambusfiguren besteht (Abb. 164). Von weiterem Interesse ist ein Gebrauch der Buginesen und Makassaren (südlich Celebes), weil hier der Zusammenhang eines mystischen Brauches mit primitiver Medizin zu erkennen ist. Matthes erzählt uns nämlich, daß sie vor der Niederkunft den Leib der Schwangeren massieren und ihr dann eine Binde unter das Gesäß schieben, deren Enden sie über ihr zusammenschlagen. So wird die Frau vorsichtig hin und her geschüttelt und dann die Binde an der Treppe ausgeschlagen. Danach wird die Schwangere nochmals an der Tür ausgeschüttelt, um alle bösen Geister zu ver- treiben. Solche Binden werden nämlich bei vielen Naturvölkern, so bei den Gilbertinsulanern, um den Leib der Schwangeren gelegt. Man glaubt dadurch zugleich die Geburt zu erleiditern. Über ein ähnliches mystisches Heilmittel berichtet Grünwedel nach Beobachtungen von Vaughan Stevens. Der hoch- interessante Bericht lautet: „Die Höhlung des Bambusstückes (Tahong) wird, nachdem jede Seite mit einem Stöpsel aus Holz oder Baumrinde verstopft ist, als Büchse für Stein und Stahl zum Feueranmachen usw. benutzt. Die Zeichnung besteht in der Hauptsache aus zwei Teilen; der obere, aus her- umlaufenden Zickzacklinien bestehende Teil ist ein Zaubermittel gegen Ekel und Erbrechen, welches Schwangere auszustehen haben, der untere Teil enthält eine Anzahl von Kolonnen, von denen eine jede einen der Zustände darstellt, welche eine Schwangere vom Moment der Empfängnis bis zur Geburt durch- machen muß. Es ist schwer, diese Stadien genau zu fixieren, da die Semang-Leute oft den Sitz des Unwohlseins an eine andere Stelle versetzen, als es in Wirklich- keit der Fall ist. Sicher ist folgendes: Das kragenartige Zeichen an der Spitze der einen der Kolonnenlinien am Ende der schwarzen zahnartigen Striche ist das Kind in der Gebärmutter. Die schwarzen Zähne bilden den Zusammenhang zwischen Kind und Mutter und gehen von der Seite des Kindes zu der der Mutter hinunter, welcher Teil viel größer dargestellt ist. Zur Rechten dieser vertikalen Reihe von Zähnen ist die Kolonne von scheibenartigen Figuren, welche bloß auf der Seite der Mutter dargestellt sind, die Abbildung des Blut-


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Verlustes durch Zerreißen der Gefäße bei der Geburt . . . Wie erwähnt, wird der Tahong von den Semang-Frauen unter dem Gürtel sorgfältig verborgen und darf keinem fremden Manne zu Gesicht kommen. Der Ehemann schneidet das Muster, und eine schwangere Frau, welche ohne Tahong sich treffen läßt, wird von den anderen Semang- Weibern etwa ebenso angesehen wie in Europa eine Mutter ohne Trauring. Die Muster der Tahong differieren unter oich nur un- bedeutend, wie den Männern eben das Eingravieren des allgemein anerkannten Musters gelingt. Der Häuptling ist im Besitz des orthodoxen Musters und ist stets imstande, falls angefragt würde, die einzig echte Zeichnung zu geben." Wir sahen oben, daß man ursprünglich glaubte, das Kind käme auf übernatür- lichem Wege von außen in die Mutter, ohne Zutun des Vaters, und sahen ferner, daß dieser Glaube später dahin revidiert wurde, daß man nur die Seele auf solchem Wege kommend dachte. Diese Anschauung erklärt nun eine ganze Reihe von Schwangerschaftsgebräuchen. Am besten berichtet dazu wieder Stevens bei Grünwedel. Die Weiber der Orang Pangyang in Malakka legen nämlich während der Schwangerschaftszeit an einem Baume, der zur Gattung ihres Lebensbaumes — also ursprünglich der Baum, von dem das Kind kommt — ge- hört, Blumen nieder. Auf diesem Baume sitzt die Seele ihres zukünftigen Kindes in der Gestalt eines Vogels und wartet darauf, daß sie von der Mutter gegessen wird. „Der Vogel, welcher die Seele für das Kind der Schwangeren besitzt, be- wohnt stets dieselbe Art von Bäumen, wie der Geburtsbaum (Lebensbaum), er fliegt von dem einen zum andern und folgt dem noch ungebornen Körper. Die Seelen der ersten Kinder sind stets junge, aus den Eiern entwickelte Vögel, die Brut eines Vogels, der die Seele der betreffenden Mutter besaß. Die Vögel können die Plazenta eines Knaben von der eines Mädchens unterscheiden. Die Seelen erhielten die Vögel von Kaii (dem höchsten Gott)." Wer den Seelenvogel nicht ißt, bringt entweder ein totes oder doch nicht lebensfähiges Kind zur Welt. Zu den wesentlichen Schwangerschaftsgebräuchen gehört aber auch die Er- forschung, welches Geschlecht das im Mutterleibe ruhende Kind haben werde, eine Frage, die für Naturvölker besonders dort sehr brennend wird, wo Mäd- chen nicht gerne gesehen werden. So glauben die Suaheli, daß eine Frau, die während ihrer Schwangerschaftszeit tüchtig arbeitet, einen Knaben gebären wird, während, wenn sie lässig ist, ein Mädchen zur Welt kommt. Darin liegt

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zugleich ein Versuch, das Schicksal zu bestimmen, d. h. das Geschlecht willkür- lich zu beeinflussen, ein Wille, den unsere heutige Menschheit mit den Natur- völkern gemein hat. Eine weitere Reihe von Gebräuchen sucht eine glückliche Geburt vorzubereiten oder auf das künftige Leben des Kindes einzuwirken. Dazu gehören zunächst Mittel, denen man einen direkten Einfluß im Sinne unserer Medizin zuschreibt. Man kann diese Mittel in drei Gruppen teilen, in wirkliche oder doch medikamentös verwendete Heilmittel, in sympathisch- mystische Mittel und in solche, die einen Analogiezauber darstellen. Zur ersten Gruppe gehören allerlei körperliche Übungen. So berichtet Man von den Min- copies (den Bewohnern der Andamanen), daß hier die Weiber während der Schwangerschaft körperliche Übungen vornehmen, um damit eine leichtere Ent- bindung zu erreichen. Ähnlich wird es in Zentralafrika, besonders in Uganda, gehandhabt. Hier setzt kurz vor der Entbindung eine regelrechte Massage ein. Dabei wird sehr oft ein besonderer Speisezettel vorgeschrieben, oder es werden Speiseverbote verordnet. Gerade hier, in Uganda, gibt ma den Schwangeren, nach Mitteilungen von Roscoe, ein leicht abführendes Salz und salbt ihren Kör- per mit öl ein. Die Indianerinnen Brasiliens enthalten sich beispielsweise in dieser Zeit des Fleisches oder, wie Koch-Grünberg von den Kobeua berichtet, gewisser Arten: „Einen Monat vor der Geburt darf die Kobeuafrau alle Vögel und Fische essen, außer dem Pirarara (Silurus Pirarara Natl.), dessen Genuß überhaupt mancherlei üble Folgen haben soll. Alle Vierfüßler aber, besonders Tapir, Capivära und Hirsch, sind ihr verboten. Diese Vorschrift gipfelt also in einer geregelten Diät, wie sie der Indianer bei allen Krankheitsfällen an- wendet (also Tabu-Vorschriften). Von den Kanakinnen erzählt Graf Pfeil, daß die Mutter gewisse Speisen genießen, andere vermeiden muß, wenn die Schwan- gerschaft ihrem Ende zugeht; diese seien der Mode unterworfen und bezweck- ten, daß das Kind schön und kräftig werde, dichten Haarwuchs und schöne Zähne bekomme usw." Die Frauen von den Karolinnen bekommen nur die Milch von Kokusnüssen. Fische sind fast überall verboten, nur die Weiber der indonesischen Inseln Romang, Nila, Dama usw. erhalten sie täglich in rohem Zustand mit dem Safte von Citrus hysterix betropft. Sehr vorsichtig sind die Masai; Merker in seinem klassischen Werke sagt davon: „Während der ersten fünf Schwangerschaftsmonate lebt die Frau in Speisen und Getränken wie ge-


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wohnlich. Dann bekommt sie eine Brühe, von Lunge, Leber und Nieren mit einer ol mokotan genannten, bitter schmeckenden Baumrinde (von Albizzia anthelmintica) gekocht, und Milch, im letzten Monat nur diese. Die Frau soll dadurch möglichst stark abmagern, damit die Geburt leichter vonstatten geht." Sympathisch-mystische Grundlage haben dagegen eine Reihe anderer Gebräuche. So behängt sich die Sdiwangere in Westafrika nach Ploß-Bartels an Hals, Arm und Fuß mit Zauberzeichen und Zauberschnüren und bekommt von einer Prie- sterin Manschetten aus Bast um Hände und Knie gelegt, die ihr eine glückliche Entbindung garantieren sollen. Hierher gehört zweifelsohne auch die Verwen- dung von Ton, die sich so weit verbreitet findet. Wir finden das Essen von Ton oder ähnlicher Erde bei den Schwangeren in Ostafrika, bei den Mincopies auf den Andamanen (weißer Ton), auf Ambon, ja sogar noch in Kulturländern wie Indien, Persien und Vorderasien. Hier wurde ein wohlriechendes rotes Erdpulver gegessen. Der Zweck geht wohl am deutlichsten aus einer Mitteilung von Büchner hervor, der über das Pemba der Neger sagt: „Pemba ist ein feiner, weißer, kaolinhaltiger Ton, der nicht überall zu finden ist und deshalb oft weit her- geholt wird und einen Handelsartikel bildet. Seine Anwendung erinnert viel- fach an das Weihwasser der Katholiken, und der Ausdruck Pemba wird auch oft im Sinne von Glück oder Segen gebraucht. Man sagt Pemba geben, indem man sich die angefeuchtete Substanz gegenseitig auf die Arme oder auf die Brust streicht. Schwangere Kranke beschmieren sich häufig damit das ganze Gesicht." Es sei hier daran erinnert, daß dieses Beschmieren mit weißer Erde auch bei den Reifezeremonien eine große Rolle spielt, wie wir oben zeigten. Mit dem Erd- essen, wie es in Australien und anderen nahrungsarmen Ländern vorkommt, hat dieses Verzehren von Ton natürlich nichts zu tun. Der Analogiezauber bei Schwangeren findet sich ebenfalls über die ganze Erde verbreitet. Maaß erzählt z. B. von den Mentaweiinsulanerinnen: „Befindet sich eine Frau oder Mädchen in diesem Zustand und bedarf es eines neuen Hüftschurzes oder hat den Wunsch nach selbigem, so verfertigt sie in ihrem Garten einen solchen und legt den alten ausgebreitet dahin, doch kann dies auch an einem anderen Ort geschehen, wäh- rend in anderen, nicht Schwangerschaftsfällen sie den Schurz einfach wegwirft. Der Grund, weshalb sie den Schurz ausbreitet, findet sich in dem Glauben, daß dadurch das Kind gerade und nicht krumm geboren wird. Alle Sachen, welche


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sie während dieser Periode benutzen, suchen sie gerade hinzulegen. . . . Die Mentaweiinsulanerinnen dürfen sonst, nach Maaß, während der Schwangerschaft alles essen, außer dem Tintenfisch, weil dieser in Höhlen und zwischen Korallen lebt. Während der Ebbe hält er seinen Kopf heraus und ist schwer aus seinen Schlupfwinkeln herauszubekommen, weil er sich dann aufbläht. Die Frauen der Eingeborenen denken nun, wenn sie sich des Genusses dieses Fisches hingeben, daß es ihnen bei der Geburt mit ihren Kindern dann ähnlich gehen würde. Die Chacoindianerinnen Südamerikas essen nach der Verheiratung kein Schaf- fleisch mehr, weil sie glauben, sonst stumpfnasige Kinder zu bekommen. Diese Art Zauber erklärt sich ohne weiteres, wenn wir daran denken, daß Natur- völker auch sonst glauben, die Eigenschaften jener Tiere oder Menschen zu er- langen, die sie aufessen. Recht charakteristisch sind die Schwangerschafts- gebräuche, die uns Parkinson von den Gilbertinsulanerinnen berichtet, weil hier die verschiedensten Vorstellungen durcheinander gehen: „Bei der ersten Schwangerschaft wird schon am Ende des zweiten Monats eine alte Frau gerufen, die später Hebammendienste verrichten soll. Diese läßt von den Hülsen von ungefähr jo Kokosnüssen eine Pyramide errichten, in deren Spitze das Herz- blatt einer Kokospalme eingesteckt wird. Die junge Frau setzt sich auf eine Matte daneben. Die Alte nimmt von einem hierzu besonders bereiteten Brote aus geschabten Taroknollen und Kokosnußkernen ein ungefähr einen Fuß langes, 2 Zoll breites und i Zoll dickes Stück, rollt es zwischen den Händen und be- rührt damit die junge Frau an verschiedenen Stellen des Körpers. Damit murmelt sie ein Gebet an die Göttin der Schwangeren, Eibong, daß sie das Kind schön und wohlgestaltet mache, daß es, wenn es ein Knabe wird, später die Liebe und Zuneigung der jungen Mädchen gewinnen möge, und wenn es ein Mädchen wird, daß es eines reichen Mannes oder tapferen Kriegers Liebe erringe. Dann bricht sie ein Stück von dem Gebäck ab, reicht es der jungen Frau zum Essen, und den Rest verzehrt der Ehemann. Bis zum Morgen des vierten Tages schläft die Alte mit der Schwangeren jede Nacht neben der Kokos- hülsenpyramide. Jetzt melden sich Adoptiveltern für das Kind, da es Sitte ist, dasselbe nach beendeter Säugezeit anderen Eltern zu übergeben. Am Ende des dritten Monats begibt sich das Paar mit der Alten und allen Verwandten an einen unbewohnten Ort. Speisen und Getränke werden unter einen Baum ge-


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stellt, welchen der Adoptivvater des Mannes der Schwangeren mit diesem drei- mal umgeht; darauf nehmen beide unter demselben Platz und werden von der alten Frau mit den besten Speisen versorgt. Dann folgt ein allgemeines Gelage mit Tanz und Gesang. Am Schluß des vierten Monats geht die Alte mit der Schwangeren und dem Adoptivvater von deren Mann zu einem Kreuzweg. Hier wird der jungen Frau ihre Bekleidung abgenommen und verbrannt. Der Schwie- gervater hat jedoch eine neue Bekleidung mitgebracht, die von der alten Frau um die Hüften der jungen befestigt wird. Dabei wird ihr gesagt, daß sie von nun an zu den alten Frauen gerechnet wird, daß sie mit dem alten Kleid auch ihre Kindheit abgelegt hat und von nun an nur daran zu denken hat, wie sie ihrem Mann sich angenehm zeigen kann, und daß sie vor allen Dingen dem- selben treubleiben muß. Dann gehen sie nach Hause, wo die Verwandtschaft sie schon zu einem Gelage erwartet."

Betrachten wir nun die Stellung, die das schwangere Weib bei Naturvölkern ein- nimmt, so können wir mit großer Freude konstatieren, daß ihm fast durchweg das größte Entgegenkommen gezeigt wird. Und selbst dort, wo gewisse Be- schränkungen auftreten, wurzeln sie in dem Glauben, daß die Schwangere eben- so wie die Menstruierende unrein sei. Weit öfter aber wird ihr die sorgfältigste Schonung zuteil. So berichtet Merker, daß sich bei den Masai Mann und Weib trennen, bis die Säugezeit vorbei ist. Kein Mann darf die Frau während dieser Periode der Enthaltsamkeit berühren. Sie legt sogar ihren bisher getragenen Stämme, die sonst nichts weniger als feinfühlend gegen das weibliche Geschlecht damit erklären, daß die Frau alles wegzulassen habe, was Männer anlocken könne. In vielen Fällen ist freilich diese Enthaltsamkeit den Frauen nicht ein- mal angenehm, denn die Malaiinnen haben nicht Lust, solange sich des Verkehrs zu enthalten, und treiben deshalb die Frucht oft ab. Prinz Max von Wied, der Anfang des 19. Jahrhunderts Südamerika bereiste und uns bestätigt, daß die Weiber bei den Indianern wie Lasttiere gehalten wurden, berichtet aber, daß vom Momente an, wo die Schwangerschaft beobachtet wird, dem Weibe jeg- liche Arbeit erleichtert wird. Dies gilt auch sogar für verschiedene nordasiatische Stämme, die sonst nichts weniger als feinfühlend gegen das weibliche Geschlecht sind. Heckewelder schildert die aufopfernde Tätigkeit der Männer bei den Indianern, die ehedem in Pennsylvanien wohnten; er berichtet, daß der Mann


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oft 40 bis 50 Meilen lief, um jene Leckerbissen zu bekommen, die die Frau während der Zeit ihrer Gelüste wünschte, und nennt als solche Kranichbeeren, Welschkorn, Eichhörnchen, Enten usw.

Eine ganz eigenartige Auffassung der Naturvölker bringt den Mann in engste Verbindung mit dem Geschlechtsleben des Weibes und macht ihn so zum Mit- träger von Vorgängen, die ihn in Wirklichkeit gar nicht tangieren. Dahin ge- hört z. B. die so bekannte Couvade, über die wir noch zu sprechen haben werden. Da ist zunächst wichtig, daß bei den transkaukasischen Pschawen nach Fürst Eristow der Mann während der Schwangerschaft ebenso unrein ist wie das Weib, daß er sich bei den Buginesen und Makassaren ebenso launisch benimmt wie die Frau und dieselben Gelüste zeigt, daß er bei den Papua der Dorah-Bai alle Speisengebote seiner Frau mithalten muß, ebenso bei den südamerikanischen Indianern. Bei den Mentaweiinsulanern hat er nach Maaß die häuslichen kleinen Funktionen zu verrichten wie das Weib, weil sich sonst das Kind im Leibe der Mutter herumdreht. Die Dajaken glauben, daß es besser sei, wenn der Ehe- mann sein schwangeres Weib möglichst nie verlasse, da seine Anwesenheit das Gedeihen des Kindes im Mutterleib fördere, und in Atjeh soll der Mann eben- falls beim Weibe bleiben, besonders in der Zeit zwischen Sonnenaufgang und -Untergang, damit es vor Spuk und ähnlichem geschützt sei, der die Schwangere bedroht. Gerade aus dieser Stelle geht hervor, daß der Mann seinem Weibe Schutz gegen die Dämonen gewähren soll. Man darf also in der Couvade — die sicherlich nicht nur einen Grund für ihr Entstehen und ihre Beibehaltung hat — wohl unter anderem den Zweck sehen, daß der Mann die Dämonen täuschen soll, wenn er sich anstatt des Weibes zu Bett legt, damit sie an seinem Körper, dem sie nichts anhaben können, ihr Zerstörungswerk beginnen sollen. (Vgl. v. Reitzenstein in: Marcuse, „Handwörterbuch der Sexualwissenschaft", Artikel „Couvade".)

Wir haben hier aber audi noch des gewaltsamen Abbruchs der Schwangerschaft zu gedenken: des Abortus. Bei uns ist er zur strafbaren Handlung geworden, wobei eigentlich nur wieder der Druck des Christentums maßgebend wurde. Das abgetriebene Kind ist nicht getauft worden und so nach der Lehre der Kirche in ihrem Jenseits benachteiligt. An sich liegt kein Grund für eine Strafbarkeit vor, und so sehen wir denn bei Naturvölkern den Abortus überall gestattet,


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für übervölkerte Gebiete ist er sogar ein Segen. In anderen Fällen wird er übertrieben und dann ist er zu einer Gefahr für die betreffenden sozialen Ver- bände geworden. (Vgl. v. Reitzenstein in: „Geschlecht und Gesellschaft", Jahr- gang X, Heft 4 und 5, 1922: Sexualreform, „Zur gesetzlichen Freigabe der freiwilligen künstlichen Frühgeburt.") Die Gründe sind bei Naturvölkern sehr verschieden. Zunächst werden vielfach die außerehelichen Kinder abgetrieben. Dies hat aber andere Gründe als bei uns. Da die Mädchen der Naturvölker gewöhnlich gleich nach der Geschlechtsreife verheiratet werden, so sind die außerehelichen Kinder zugleich solche, die vor Vollzug der Reifezeremonien ge- boren worden sind und als solche entweder nicht als Vollmenschen oder nicht als Stammesangehörige betrachtet werden. Dieses Abteiben geschieht beispiels- weise auf den Fidschiinseln, in Neu-Guinea, bei den Ovambo usw. In Fidschi ist es originellerweise überhaupt eine Schande, viele Kinder zu haben. Nahrungs- mangel veranlaßt audi viele Völker dazu, so die Australier, Gilbertinsulaner, Mundavölker. Verschiedene südamerikanische Stämme und ostafrikanische Völkerschaften zwingt die Unmöglichkeit, zwei Kinder stillen zu können, dazu. Bei vielen indianischen Völkern Nordamerikas erfolgt die Abtreibung von Kin- dern aus Beziehungen zu Weißen, weil das Becken der Indianerin für das Durch- lassen solcher Kinder zu eng gebaut ist. Soziale Gründe walten auf Borneo; dort bleiben adlige Mädchen gewöhnlich ledig und beseitigen Spuren eines nicht ge- eigneten Verkehrs. Schönheitsverlust besorgen beispielsweise die Samoanerinnen, Neukaledonierinnen, Paraguayindianerinnen, wenn sie öfters schwanger sind. Bequemlichkeit erscheint oft als Grund auf Neukaledonien, Samoa, Tahiti, Ha- wai, auf Malakka und an vielen anderen Orten. Die Bewohner von Babar geben direkt an, daß die Schwangerschaft sie zwingen würde, mit dem Koitus aufzuhören. Selten wird auch Rache des Weibes gegen ihren Mann als Grund genannt, so bei den Ovambo. Im allgemeinen aber ist der Abortus überaus häufig besonders bei den Maoriweibern, von denen berichtet wird, daß viele Frauen 10 bis 12 Kinder abgetrieben haben, obwohl außerdem noch Kindesmord stattfindet. Auf den Gesellschaftsinseln, auf Samoa usw. ist dagegen der Kindes- mord verboten, während Abtreiben ohne weiteres gestattet ist. Verbote des Abortierens erfahren wir nur von sehr wenigen der Naturvölker, so den Orang- Laut auf Malakka, den Tschippewä-Indianern usw. Die Zeit der Abtreibung


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ist sehr verschieden; am besten haben die Masai den 3. Monat der Schwanger- schaft dazu bestimmt; die Suaheli treiben vom 2. bis 4., die Salomonsinsulane- rinnen vom 3. bis 7. Monat ab. Interessant ist übrigens, daß verschiedene Völker in der Ehe eine bestimmte Kinderzahl leben lassen und die folgenden sodann beseitigen. Dies gilt für die Watubela-Insulaner (2 Kinder), die Bewohner der Aaruinseln (3 Kinder), die südamerikanischen Lengua und Abiponen (1 bis 2 Kinder), die Winnebägo (1 Kind), die Oregonindianer (2 Kinder) usw. Häufig hat sich auch ein eigener Stand von Weibern ausgebildet, die die Ab- treibung berufsmäßig besorgen, so bei den Krähen-Indianern, den Assiniboin, den Salomonsinsulanern, den Bewohnern von Fidschi. Die angewendeten Mittel sind sehr verschieden; charakteristisch ist aber, daß in diesem Falle die sympathi- schen Mittel stark im Hintergrund stehen. Dagegen können wir die angewende- ten Kuren in mechanische Eingriffe und in Medizinen teilen. Das Wasser heißer Schwefelquellen trinken die Loyalitätsinsulanerinnen, die Bafiotonegerinnen essen roten Pfeffer, kochend heiße Bananen werden in Neukaledonien ver- schluckt usw. Hören wir dazu einige Reisende. Jacobs erzählt, daß ihm die Konkubinen der Fürsten auf Bali erzählten, „daß, sobald eine von ihnen schwanger wird, sie sich bei dem Fürsten melden muß, der ihr dann sofort ein chinesisches Obiat (pengeret) gibt. Dieses .mixtum quid', von schwarzer Farbe und herbem Geschmack, verursacht nach dem Gebrauch ein Gefühl von Wärme und hat beinahe stets den gewünschten Erfolg." Von den Herero-, Hotten- totten- und Buschweibern berichtet Lübbert: „Die Schwangere läßt sich vom dritten oder vierten Monat an von einem Freunde oder einer Freundin mit dem Fuß vor den Bauch treten. Hierzu schnürt man den Leib oberhalb der Gebär- mutter mit einem Strick möglichst fest zusammen, um den Fötus am Wachstum zu verhindern. Innerlich nimmt man Salpeter oder übermäßig viel Kochsalz. Besonderen Schaden stiften diese Maßnahmen anscheinend nur in den selten- sten Fällen." Furchtbar klingt die Schilderung, die Ploß-Bartels unter Anlehnung an Currier von den Assiniboinindianern geben: „In manchen Fällen wird ein spitzer Stock in die Gebärmutter eingeführt und das Ei angestochen. In anderen Fällen wird ein Pfahl in die Erde getrieben und die Patientin lehnt ihren Leib auf dessen oberes Ende, das ungefähr 2 Fuß über dem Erdboden sich befindet, und weigert ihren Bauch darauf hin und her, bis der Fötus abgeht. Eine


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andere Methode besteht darin, daß die Schwangere sich mit dem Rücken auf die Erde niederlegt, und dann wird ihr ein breites Brett quer über den Bauch gelegt. Auf dieses Brett stellen sich dann zwei oder drei ihrer Freundinnen der Reihe nach und hüpfen darauf, bis Blut aus der Vagina fließt; oder der Bauch wird geknetet und getreten, bis die Frucht ausgestoßen wird. So roh auch dieses Verfahren ist, so wird doch angegeben, daß selten danach der Tod eintritt." An gleicher Stelle erwähnt Pallas, daß bei den Kalmückinnen alte Weiber den Unterleib der Schwangeren reiben, dann glühende, in eine alte Schuhsohle gewickelte Kohlen auf die Gegend der Gebärmutter legen. Besonders charakteristisch sind aber die Angaben Bessels über die Eskimos: „Ähnlich wie sich im missionarisierten Grönland die Schwangeren des Kaminstockes (ein Stück Holz zum Ausweiten der nassen Fußbekleidung) zu diesem Zwecke bedienen, so benutzen die Itanerinnen des Smith-Sundes entweder den Peitschenstiel oder einen anderen Gegenstand und klopfen oder pressen sich damit gegen das Ab- domen, welche Prozedur mehrmals des Tages wiederholt wird. Eine andere Art der Abtreibung der Leibesfrucht besteht in der Perforation der Embryonal- hüllen, eine Operation, die uns in gelindes Staunen versetzt. Eine dünngeschnitzte Walroß- oder Seehundsrippe ist an ihrem einen Ende messerschneidenartig zu- geschärft, während das entgegengesetzte Ende stumpf und abgerundet ist. Das erstere trägt einen aus gegerbtem Seehundsfell genähten zylindrischen Überzug, der an beiden Enden offen ist und dessen Länge derjenigen des schneidenden Teiles des Knochenstückes entspricht. Sowohl an das obere als an das untere Ende des Futterals ist ein etwa 15 bis 18 Zoll langer Faden aus Renntiersehne befestigt. Wird diese Sonde in die Vagina eingeführt, so ist der schneidende Teil durch den Lederüberzug gedeckt. Wenn die Operierende weit genug in die Geschlechtsöffnung eingedrungen zu sein glaubt, so übt sie einen sanften Zug auf den am unteren Ende des Futterals befestigten Faden aus. Hierdurch wird selbstverständlich die Messerschneide bloßgelegt, worauf eine halbe Umdrehung der Sonde vorgenommen wird, verbunden mit einem Stoße nach oben und innen. Nachdem die Ruptur der Embryonalhüllen erfolgt, zieht man das Instrument wieder zurück; zuvor aber wird ein Zug auf den oberen Faden des Messer- futterals ausgeführt, um den scharfen Teil der Sonde zu bedecken und hierdurch


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einer Verletzung des Geschlechtskanals vorzubeugen." Diese Operation führen die Schwangeren stets selbst aus.

Damit stehen wir vor der Geburt selbst. Sowohl der eigentliche Vorgang als die Unzahl von Gebräuchen macht das Gebiet beinahe unendlich. Wir können hier also nur eine kleine Skizze der wichtigsten Vorgänge geben. Über die Zeit des Säugens wollen wir sodann noch kürzer berichten, da wir damit schon mehr in das Leben des Kindes denn in das des Weibes eingreifen. Die Unmenge aber- gläubischer Ideen ist in ihrer Grundidee doch wieder auf dem gleichen Gedanken- gang aufgebaut, der schon für die Menstruationsgebräuche gültig war, nämlich auf die Unreinheit des Weibes während aller jener Zeiten, die in irgendwelchen Beziehungen zu seinem Sexualapparat stehen; dies ist aber nicht etwa aus mora- listischen Prinzipien der Fall, sondern hängt mit dem Dämonenglauben zusam- men, wie wir bereits gesehen haben. Zunächst ist es ein zwar selbstverständ- liches, aber trotzdem interessantes Resultat, daß die Einzelbeobachtung der Naturvölker es bestätigt hat, daß die Entbindung bei ihnen glatt und ohne große Unannehmlichkeiten vor sich geht, weil eben ihr Körper noch nicht unter den „Segnungen der Kultur" gelitten hat. Nur wenige Berichte weichen ab, darunter der von Dobrizhoffer, der von den Frauen der Abiponen behauptet, daß sie schwer entbinden. Dies steht aber ziemlich vereinzelt da, und es mag vielleicht auch mitgewirkt haben, daß Dobrizhoffer mehrmals von Schwer- geburten hörte, die natürlich bei Naturvölkern auch vorkommen und dann durch die derbe Behandlungsweise doppelt schmerzhaft sein müssen. Steller erzählt z. B., daß eine Kamtschadalin aus ihrer Hütte hervorkam, gleich als ob sie ein alltägliches Geschäft verrichten wollte, und nach einer Viertelstunde mit einem Kinde zurück kam, ohne daß man auch nur ein Verändern der Farbe an ihrem Gesicht bemerkt hätte. Theophilus Hahn schrieb einmal an Ploß folgende interessante Notiz über die Hottentottenweiber: „Die Hottentottinnen gebären außerordenlich leicht; es kommt oft vor, daß eine Frau sich selbst entbindet und kurz nach der Entbindung ihre Arbeit wieder verrichtet, als wenn nichts vorgefallen wäre. . . . Unter den Nama-Hottentotten zeigt das weibliche Ge- schlecht bei Entbindungen eine bewundernswürdige Zähigkeit. Eine Frau kam einst in Kindesnöte und war ohne jeglichen Beistand allein zu Hause. Sie jagte einfach eine zurückgebliebene Kuh von der Lagerstätte auf, legte sich in die


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warme Vertiefung und entband sich dort selbst. Am Abend saß sie, als ob nichts vorgefallen wäre, rauchend und schwatzend am Feuer. Eine andere, noch sehr junge, schwangere Frau zieht morgens mit dem Vieh zu dem einige Stunden entfernten Weidefelde hinaus; des Abends kommt die Schäferin und trägt einen jungen Schäfer, von dem sie des Tags über genesen war, auf dem Rücken." Dementsprechend ist auch die Dauer der Niederkunft gewöhnlich eine sehr kurze. Von den Maori und Aino werden uns beispielsweise 1 5 Minuten berichtet; auch die Sterblichkeit erscheint im allgemeinen nicht groß. Man hält die Gebärende, wie gesagt, für unrein, wegen der Gefahr, in Gestalt von allerlei Spuk Schaden beiziehen zu können. Parkinson erzählt beispielsweise folgenden Vorgang von den Sulka in Neu-Pommern: „Gebiert eine Frau, so hat das in den Augen der Eingeborenen zur Folge, daß die Männer feige werden, daß die Waffen ihre Kraft verlieren und daß den zum Pflanzen bestimmten Taroablegern ihre Keimfähigkeit genommen wird. Um nun dies zu verhüten, wird folgende Zere- monie vorgenommen. Sobald bekannt wird, daß eine Frau geboren hat, ver- sammeln sich die männlichen Bewohner des Gehöftes im Männerhause, bringen Äste von einer starkriechenden Baumart, brechen die Zweige ab und legen die abgestreiften Blätter ins Feuer. Alle Anwesenden nehmen Zweige mit jungen Blattkeimen in die Hände. Einer spricht gewisse Worte über Ingwer, den er in seiner Hand hält, und teilt ihn darauf an die Anwesenden aus. Diese kauen ihn und speien ihn auf die Zweige, welche dann in den Rauch gehalten und nachher auf die Schilde und Waffen am Hause, auf die Taroableger, auf die Dächer und über die Haustüren gesteckt werden." So darf es uns nicht wun- dern, wenn, wie wir sehen werden, die Gebärenden abgesondert werden. Daß aber nicht etwa moralische Ideen dafür maßgebend sind, geht daraus hervor, daß bei vielen Völkern die Geburt öffentlich vollzogen wird, sogar noch häufiger als der Koitus, und daß man dabei zumeist auch Kinder zusehen läßt, was auf diese übrigens gar keine nachteiligen Einflüsse hat. Wir begegnen solcher öffent- lichen Geburt, um nur einige Beispiele anzuführen, bei den Kamtschadalinnen, die vor allen Weibern kniend niederkommen, bei den Weibern der Maori, wo die Mutter selbst in aller Öffentlichkeit die Abnabelung besorgt, bei den Min- kopi der Andamanen, in Hawai, bei den Mundavölkern usw. Von den Guinea- negern berichtet uns diese öffentliche Geburt schon Purchas vom Jahre 1625.


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Gar häufig kommen die Weiber der Naturvölker ohne jede Hilfe nieder. Mallat sagt uns, daß die Negritosfrauen der Philippinen dabei den Unterleib auf ein Bambusrohr stützen und stark drücken. Das Kind wird dann in heiße Asche gelegt, die Mutter legt sich daneben und schneidet die Nabelschnur durch. Von den Schulinegerinnen erzählt Felkin in ähnlicher Weise: „Ein Holzklotz wird unmittelbar vor einen Baumstamm gestellt; auf diesen mit Gras belegten und Fell überdeckten, 3V2 Fuß hohen Klotz setzt sich die Frau. Etwa 2 Fuß von dem Klotz und ebensoweit voneinander entfernt sind zwei Stangen in die Erde getrieben, von welchen jede in der Höhe von i l j 2 Fuß von der Erde entfernt eine Sprosse hat, auf welche beiderseits die Frau ihre Füße stemmt, während sie sich mit den Händen an den Stangen festhält. Nachdem sie einmal Platz genommen hat, gibt sie ihn fast nie auf, bis das Kind ans Licht gekommen ist" (Zeichn. VI). Doch ist natürlich die Beihilfe auch sehr verbreitet. Felkin erzählt z. B. von den Bongonegern, „daß hier eine Stange zwischen zwei Bäumen auf deren Äste horizontal gelegt wird, so daß die stehende Frau sie oben mit ihren Händen wie ein Reck erfassen kann. In den Wehenpausen geht sie in lang- samer Bewegung auf und nieder, sobald aber die Wehe auftritt, ergreift sie jedesmal die Stange, setzt die Füße auseinander und drängt nach unten. Die helfende Person kauert vor ihr, um zu verhüten, daß das Kind zur Erde fällt. Jene zwischen die Bäume gelegte Stange ist permanent und für jeden vorkom- menden Geburtsfall bereit. Sobald die Geburt beendet ist, baden Mutter und Kind; ein Freundestrupp begleitet sie singend und schreiend in das Wasser; die Plazenta wird dabei von einer an der Spitze des Zuges tanzenden Frau getragen und so weit als möglich in den Fluß geworfen" (Zeichn. VII). Diese Geburtshelfer sind von verschiedener Art. Zunächst ist es der Ehemann selbst. Dies berichtet beispielsweise Ehrenreich von den Karayä-Indianern Süd- amerikas: „Das Weib kniet dabei auf den Hacken, mit den Händen einen Pfosten umfassend, während der Mann sie von Seiten mit starkem Druck auf den Leib packt." Bei den westafrikanischen Evhe-Stämmen ist es die Mutter, an der Malabarküste die Schwiegermutter, die helfend beispringen. Bei den Dajak erfahren wir aber bereits, daß es „erfahrene Frauen" sind, und bei Masai und Suaheli wird uns schon von gewerbsmäßigen Frauen berichtet, die entlohnt werden. So erhalten diese „Hebammen" — denn so dürfen wir sie anstandslos


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bereits heißen — bei den Suaheli i bis i J / 2 Taler und die Kleidung der Ge- bärenden. In Atjeh und Fidschi ist man noch weiter fortgeschritten, denn hier findet bereits regelmäßiger Unterricht statt. Männliche Geburtshelfer treten dann endlich in Hawai, in BaÜ usw. auf.

Der Platz der Niederkunft ist entsprechend der Anschauung, die jeder Stamm vom Grade der Unreinheit der Gebärenden hat, auch recht verschieden. Bei verschiedenen Völkern eilen die schwangeren Weiber in den Wald hinaus oder mit besonderer Vorliebe an ein Gewässer, um sich hier ihrer Bürde zu entledigen. Die Samoanerin aber geht im 8. oder 9. Monat ihrer Schwangerschaft ins Haus ihrer Eltern zurück und kommt hier nieder. Sehr oft bleibt das Weib aber auch in ihrer bisherigen Wohnung, erhält dann aber gewöhnlich einen abge- sonderten Teil angewiesen, den meist weder der Ehemann noch sonst Männer betreten dürfen. In manchen Fällen, so auf den Tanembar- und Timorlao- Inseln, wird sogar ein warnendes Zeichen in Gestalt eines Zweiges darüber be- festigt. Eine weitere Entwicklungsstufe zeigt uns eigene Häuser, sogenannte Geburtshütten. Engelmann schildert uns eine solche bei den Comanche-Indianern. Dieser Raum ist in der Nähe des Zeltes, das das Weib sonst bewohnt, auf- gestellt. „Derselbe ist aus Reisholz oder Busch hergestellt, sechs oder sieben Fuß hoch, mit Stecken im festen Boden versehen; er hat die Form eines etwa 8 Fuß im Durchmesser haltenden, nicht geschlossenen Kreises, wobei der Ein- gang so gestaltet ist, daß eines der beiden Enden der Wand etwas über das andere übergreift. In einiger Entfernung vom Eingange hat man drei Pfähle aus dünnen Bäumchen aufgerichtet, zehn Schritt voneinander entfernt und vier Fuß hoch. Innerhalb des Gebärraumes sind zwei rechtwinklige Aushöhlungen im Boden ausgegraben, zehn bis achtzehn Zoll in der Weite, und ein Pfahl steht am Ende einer jeden dieser Vertiefungen. In die eine derselben hat man einen heißen Stein gelegt, in die andere ein wenig lose Erde zur Aufnahme des Stuhls und Urins. Der übrige Fußboden ist mit Kräutern bestreut. Dies ist ihre Methode, einen Gebärraum anzufertigen, wenn sie in ihrem Lager sind; in einer Jahreszeit, wo Reisig und Laub ihnen fehlen, füllen sie die Lücken mit Kleidungsstücken aus oder bedecken dieselben mit Häuten." Was nun die Geburtsstellung anbelangt, so ist dieselbe überaus verschieden. Es ist heute noch nicht möglich, festzustellen, inwieweit etwa die eine oder andere Stel-


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lung mit sonstigen Charakteristika oder gar physischen Merkmalen der ein- zelnen Rassen zusammenhängt. Deshalb sei von einer besonderen Beschreibung abgesehen.

Eine Zusammenstellung ergibt das gewiß interessante Resultat, daß die In- dianer Mexikos und der Vereinigten Staaten fast in allen Stellungen, die denk- bar sind, niederkommen, und daß die sitzende und hockende Stellung bei Natur- völkern besonders beliebt ist. Hier sei auch noch die Bauchlage der Creek- Indianer (Zeichn. VIII) erwähnt.

Die eigentliche Geburt wird nun durch eine Reihe sowohl medikamentöser als physikalischer Eingriffe vorbereitet. Inwieweit diese Mittel — ähnlich denen, die wir oben anführten — wirklich von Wert sind, verdiente genauere Unter- suchung durch berufene Gynäkologen. Unter den Arzneien sind pflanzliche De- kokte am häufigsten; diese begegnen uns auf Hawai, Samoa, bei den Papua, auf Malakka, bei Indianern usw. Daneben kommt aber auch vor, z. B. bei einzelnen Indianerstämmen Nordamerikas, daß lediglich heißes Wasser gegeben wird. In Indonesien weiß man ekelerregende Mittel zu schätzen, die Erbrechen herbeiführen, wodurch ein Druck auf den Unterleib ausgeführt wird. Ebenso bei den Kaiowä-Indianern (Zeichn. IX). Dazu dient auch Urin als Getränk. Sal- bungen oder Aufgüsse mit kaltem Wasser auf den Unterleib, wie dies die Australier zu tun pflegen, bilden den Übergang zu den physischen Mitteln, unter denen uns eine Art von Dampfbad, bei dem die Gebärende über einem Topf mit rauchendem Kräuterabsud sitzt (Kerrie), zunächst begegnet. Rein physi- kalisch ist dagegen das Anwenden von Pressungen, die zunächst darin bestehen, daß die Kreißende nicht schreien darf und so den Atem anhalten muß, wo- durch die Bauchpresse unterstützt wird. Dies wird oft, wie bei den Kalmücken, dadurch gefördert, daß ihr Nase und Mund verbunden werden. Druck von außen her wird durch die assistierenden Personen ausgeübt. Auf Bali besorgt dies der Mann, bei den Papuas kneten Frauen mit den Händen die Brüste, bei den Orang Belendas auf Malakka wird der Schwangeren ein Tuch fest um den Leib gebunden und eine helfende Frau streicht darauf den Körper vom Nabel ab nach abwärts. In Kerrie (weißer Nil) übt ein am Boden liegender Mann einen Druck mit einem Tuch aus (Zeichn. X). Bei den Penimonee-In-


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Abb. 115. Weib mit Lippenflock ( Deutsch-Ostafrika).

Originalaufnahme von A Monteiro, Dar-es-Salam.



Abb. 117. Musguweib mit Ober- und Unter- lippenpflock und Ohrpflöcken.

Nach Mohn.

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Abb .116. Weib mit Oberlippenpflock (Deutsch-Ostafrika).



Abb. 118. Ober- und Unterlippenpflock.

Nach Weule.



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Abb. 121. Samoanerin mit Blütenschmuck.


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dianern wird die Bauchmassage in Rückenlage durchgeführt (Zeichn. XII). Die Kabylen unterstützen sie mit den Händen (Zeichn. XI). Besonders eigenartig ist das Verhalten der Kanakinnen nach Graf Pfeil. Sobald der Tag der Geburt naht, geht die Mutter zum Meeresstrand und wirft sich, mit einem schweren Stein in beiden Händen, in die Brandungswelle. Diese ist oft so stark, daß ein Stehen unmöglich ist und das Weib oftmals niedergeworfen wird. Es steht aber immer wieder auf und wirft sich von neuem der Brandung entgegen. Erst dann zieht es sich zur Geburt selbst in die Hütte zurück. Noch weiter geht man aber bei den Indianern Nordamerikas, wo ein helfendes Weib die Hand in die Vagina einführt und so eine Erweiterung der Geschlechtsteile herbeiführt, ja bei den Suaheli wird sogar die Genialspalte durch einen Einschnitt mit dem Rasiermesser vergrößert.

Der Geburtsakt selbst wird durch die verschiedensten mehr oder weniger gün- stigen Manipulationen unterstützt. Dahin gehört das Hervorziehen des Kindes, sobald Teile von ihm erreichbar werden. Die Ainos benutzen dazu sogar Stricke, mit denen sie so lange ziehen, bis das Kind ganz oder zerstückt zum Vorschein kommt. Besonders Interesse für Naturvölker hat aber die Abnabelung. Oben haben wir bereits gesehen, daß das die Mutter manchmal selbst besorgt. Die Geräte dazu sind, entsprechend den Schneideinstrumenten selbst, recht primitiv; im nördlichen Australien dient dazu beispielsweise eine geschärfte Muschel- schale, in Queensland ein Känguruhzahn. Die Zentralaustralier nehmen dabei Unterbindungen vor und trennen aber oft nur mit dem Fingernagel. Wo die Unterbindung unterlassen wird, findet manchmal Styptikation des Nabelstrangs durch Bestreuen mit Holzkohlenpulver oder Asche statt. Bei den Papua und in Niederländisch-Indien ist entsprechend der Bambus-Kultur ein als Bambus ge- schnittenes Messer in Gebrauch, während Karl v. d. Steinen von den Marquesas- insulanern berichtet, daß sie das Steinmesser vorziehen, weil Bambusinstrumente zuviel Schmerz bereiten. Die genaue Durchführung sehen wir an einem Beispiele, das Max Bartels nach Stevens Aufzeichnungen über die Abnabelung bei den wilden Stämmen von Malakka gibt: „Die Nabelschnur wird so weit entfernt vom Körper des Kindes unterbunden, daß das stehenbleibende Stück bis zu dem Knie herabreicht. Die Durchschneidung kann irgendeine Frau vornehmen; es wird zu diesem Zwecke aber eine Unterlage von weichem Juletongholze

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verwendet, welche Potong Pusat genannt wird. Man darf zum Durchschneiden kein eisernes Werkzeug benutzen. Früher nahm man eine weiße Schnecke, jetzt werden Bambusmesser, Semilow genannt, oder Messer aus dem Blattstiele der Bertampalme, Tappar genannt, von den Orang Semang verwendet. Auch die Orang Benua benutzen Bambusmesser, welche die Form eines großen Tranchier- messers haben. Aber auch große hölzerne Messer werden von den Orang Hutan verwendet. Am eigentümlichsten sind die Instrumente, mit welchem die Orang Sennoi die Nabelschnur durchtrennen. Sie sind aus Holz geschnitzt und haben eine große Ähnlichkeit mit einer schmalen Fuchsschwanzsäge. Das hölzerne Sägeblatt ist durch einen schmalen Talon mit dem zierlichen Griff verbunden und trägt auf der Unterseite eine doppelte Reihe von Sägezähnen. Diese Geräte heißen Smee Karr, und sie werden von der Hebamme auch benutzt, um die Zauber- muster auf die Bambusgefäße (Chitnort) aufzutragen, aus welchen die Men- struierenden gewaschen werden. Bei den Orang Laut mißt die Hebamme drei Breiten des Bambusmessers von der Nabelschnur von dem Kinde aus ab und unterbindet hier; das entspringt dreimal der Breite ihres Mittelfingers." Bei den Kobeua findet nach Koch-Grünberg die Geburt oft in einer abseits gelegenen Hütte oder im Walde statt im Beisein aller verheirateter Weiber, die im Gesicht rot bemalt sind. Die Nabelschnur wird von der Mutter des Mannes mit Titirica- Schneidegras abgeschnitten und sofort mit der Nachgeburt vergraben. Die Nabel- schnur ist den Naturvölkern eine sehr wichtige Sache; es kann mit ihr und der Nachgeburt, wie mit jedem Körperteil, nämlich Zauber getrieben werden. Des- halb wird der Nabelschnurrest häufig begraben oder ins Wasser geworfen. Ganz eigenartige Dinge knüpft man aber in Uganda an ihn. Dort wird er nämlich bis zur feierlichen Namengebung aufbewahrt und dient dann auch zu einer sonderbaren Prüfung. Man wirft ihn dazu in ein Gefäß, das Milch, Bier und Wasser gemischt enthält; schwimmt er, so ist das Kind legitim; geht er hingegen unter, so glaubt man, es sei im Ehebruch erzeugt worden, und die Mutter läuft Gefahr, eine tüchtige Tracht Prügel zu bekommen. Andere Völker bewahren ihn sorgfältig auf, weil sie glauben, daß es sonst dem Kinde Unglück bringen würde. Bei den Ainos trägt ihn übrigens die Mutter ihr Leben lang mit sich und nimmt ihn auch mit ins Grab. Ganz ähnlich ist die Behandlung der Nach-


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geburt. Man sucht ihr Ausstoßen durch allerlei Mittel zu befördern. Die Somali trinken dazu warmen Schaftalg, der abführende Wirkung hat. Eigentlich ver- nünftig gestalten es sich die Australierinnen. Dieselben graben ein kleines Loch in den Boden und setzen sich darüber, wie bei der Defäkation. Der dadurch auf den Bauch ausgeübte Druck ist sehr wirksam. Besonders originell verfährt man in Deutsch-Südwestafrika. Lübbert sagt: „Auch bindet man einen Stein an die Nabelschnur und läßt die Frau herumgehen." Äußerst wichtig ist dagegen für Erklärung mancher Vorgänge die Anschauungsweise der Bewohner von Atjeh. Jacobs erzählt von ihnen bei Ploß-Bartels, „daß sie die Anschauung haben, daß die Nachgeburt eines Mädchens dessen Schwester, diejenige eines Knaben dessen Bruder sei. Sie wird getrocknet und begraben, und wenn das Kind einen auf- getriebenen Leib oder andere körperliche Unbequemlichkeiten bekommt, dann ist man fest davon überzeugt, daß die Plazenta in ihrem Grabe krank geworden sei. Man legt dann Heilmittel auf die Stelle, wo man die Plazenta begraben hat. Ändert das aber an dem Befinden des Kindes nichts, dann glauben die Atjeher, daß die Plazenta in ihrem Grabe kein angenehmes Lager gefunden habe, daß sie entweder zu feucht oder zu trocken liege; dann gräbt man die Nach- geburt wieder aus und beerdigt sie an einer anderen Stelle. Außerdem herrscht aber noch die Meinung, daß die Seele des Mutterkuchens das Grab verlasse, um mit ihrem Zwillinge zu spielen; namentlich glaubt man, daß das dann geschehe, wenn man das Kind im Schlafe lachen sieht." Von Interesse ist auch, daß bei vereinzelten Stämmen (so bei brasilianischen Indianerinnen) die Nachgeburt aufgegessen wird.

Sehr reich sind Vorkehrungen und Gebräuche bei Schwergeburten. Man denkt hier stets an eine Verhexung, an böse Geister und ähnliches und wendet dem- entsprechend Maßregeln an. Entweder sucht man den Dämon durch Schmeichel- worte zum Weggehen zu bewegen, oder man schlägt einen Höllenlärm, um ihn zu verscheuchen. Es werden aber auch wirkliche Mittel dagegen angewendet. So bläst bei den Kaiowä-Indianern die Hebamme der Kreißenden ein Brech- mittel in den Mund (Zeichn. IX). Wo nichts anderes mehr hilft, greift man zu derben Mitteln. Die Warangi in Ostafrika schneiden in schwierigen Fällen mit einem gewöhnlichen Pfeil dem Kinde im Mutterleibe die Arme an der Schulter ab und ziehen es dann heraus. Höchstes Interesse verdient aber, daß man in

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Uganda mit Erfolg den Kaiserschnitt ausgeführt hat. Felkin war selbst Zeuge. Es diente 1878 in Kahura dazu ein rückwärts gekrümmtes Messer. Die zu Operierende war durch Bananenwein in einen Zustand von Halbbetäubung ver- setzt worden. Der Schnitt wurde in der Mittellinie des Körpers bis kurz unter den Nabel geführt. Die Wand sowohl des Bauches als auch der Gebärmutter war getrennt, das Fruchtwasser stürzte hervor; die blutenden Stellen der Bauch- wand wurden durch einen Assistenten mittels eines rotglühenden Eisens tuschiert. Dann wurde sehr rasch der Schnitt in die Uteruswand vollzogen, das Kind herausgenommen und der Nabelstrang durchschnitten. Nach Reinigung der Wunde wurden ihre Ränder mit dünnen eisernen Nägeln zusammengeheftet und mit Rindenstoff umwunden. Darüber kam ein Pflaster und schließlich eine Bandage. Leichte Eiterung wurde entfernt, und am 11. Tag war die Wunde geheilt.

Was für die Geburt gilt, gilt auch für das Wochenbett. Wieder die große Furcht vor Geistern und Dämonen, die sich bei der Nachblutung festsetzen könnten. Man sucht die Blutungen zumeist durch kalte Bäder zu stillen oder durch eine kräftige Räucherung. Dazu dient Wasserdampf oder der Rauch bestimmter Hölzer, auch von Tabak. Sehr interessante Schilderungen gibt wieder Koch- Grünberg. Zunächst schreibt er von den Kobeua: „Wenige Stunden nach einer Geburt in Namocoliba begab sich der Zauberarzt mit seinem ganzen Zauber- apparat, Rassel, Bergkristallen u. a., den er in einem flachen Korb trug, in die ,Wochenstube', die mit Paxiubalatten und Bananenblättern dicht abgeschlossen wurde. Dort nahm er eine lange Beschwörung in eintönigem Gemurmel vor, wobei außer der Wöchnerin und ihrem Manne nur seine Eltern anwesend waren. Der Abschluß der fünftägigen Wochenzeit, die stets in der Wohnungsabteilung des jungen Paares abgehalten wird, war von denselben Gebräuchen begleitet wie am Tiquie. Bevor man das Neugeborene zum ersten Bade trug, wurde das ganze Haus ausgeräumt. Auch wir mußten unser ganzes Gepäck ins Freie bringen. Erst am folgenden Tage brachte ein naher Anverwandter — in der Regel ist es der Bruder des Mannes — gekochte Fischchen zur Speise, womit die Fastenzeit vorüber war. Acht Tage nach der Geburt veranstalteten die Eltern zu Ehren ihres Sprößlings ein Trinkfest, zu dem die ganze Verwandtschaft zu- sammenkommt. Bei dieser Gelegenheit gibt der Großvater (Vater des Vaters)


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dem Kinde den Namen." Noch interessanter ist eine Beschreibung von den Tuyuka am Rio Tiquie: „Eine der hintersten Abteilungen des Hauses war durdi Gitter aus Paxiubalatten und Matten von dem übrigen Raum streng abge- schlossen. Dort hielt ein junges Ehepaar gemeinsam die Wochenstube ab. Von Zeit zu Zeit quäkte das Neugeborene. Am nächsten Morgen fand die fünftägige Wochenstube ihren feierlidien Abschluß. Kurz vor Tagesanbruch trugen die Indianer alles Gerät, das den jungen Eheleuten gehörte, Kaschiritöpfe, Sdiemel, einen Kasten mit Federschmuck u. a., und besonders die Waffen ins Freie. Dann verließen die Unbeteiligten das Haus durch die Hintertür. Bald bewegte sich durch den Eingang ein eigenartiger Zug zum Fluß. Voran schritt die Mutter des jungen Mannes und trug auf einer großen Topfscherbe glühende und stark qualmende Kohlen, deren Rauch sie mit einem Feuerfänger auf dem ganzen Wege um sich verbreitete. Dahinter kam die junge Mutter mit dem Neu- geborenen auf den Armen und hinter ihr der glückliche Vater. Am Flusse angelangt, beräucherte die Alte, auf und ab schreitend, den ganzen Platz, stieg dann in ein kleines Kanu und beräucherte auch das Wasser hin und her. Darauf nahmen beide Eheleute mit dem Kleinen ein Bad und kehrten in das Haus zurück, wo ihnen die Großmutter einen großen Topf voll gekochter Fische überbrachte, die erste festere Speise seit fünf Tagen. Aus diesen Gebräudien scheint hervorzugehen, daß Eltern und Kind kurz nach der Geburt als unrein gelten. Deshalb wird gebadet. Die strenge Enthaltsamkeit der Eltern — sie dürfen während der ersten fünf Tage nur Beiju und Farinha essen und nichts arbeiten — , die Beräucherung des Weges und des Wassers, sowie die Entfernung der Gerätschaften, besonders der Waffen, aus dem Hause sollen offenbar alle schädlichen Einflüsse von dem kleinen Weltbürger abwenden 1 ). Ob die heutigen Indianer freilich noch die tiefere Bedeutung aller dieser Gebräuche kennen, ist zweifelhaft. Nach dem gemeinsamen Bade gibt der Vater nicht der Großvater, dem Kind einen Namen, der sich auch hier häufig auf ein Tier bezieht." Die Zurechtlegung der Genitalien wird durdi zusammenziehende Mittel, so durdi Einreibung mit Zitronensaft und ähnlichem, vollzogen. Gewöhnlich wird Diät


') Dies betrifft nicht allein das Kind, wie Koch-Grünberg hier angibt, sondern auch seine Umgebung sowie Waffen und Geräte, die unrein geworden sind.


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damit verbunden. So darf bei den Orang Belendas auf Malakka die Wöchnerin zehn Tage lang kein kaltes "Wasser trinken, und ein Aufguß von Mirian Sejok, den sie statt dessen erhält, soll zusammenziehend auf die Genitalien wirken. Zu essen bekommt sie fünf Tage lang nur eine Knollenart sowie Reis und Pisang. Es dienen dazu die verschiedensten Bambusgefäße mit charakteristi- schen Zeichnungen. Die Dauer des Wochenbettes hängt von dem Fortbe- stehen des blutigen Ausflusses und der Abschrumpfung des Nabelstranges ab. So ist die Dauer sehr verschieden; während von den Karolineninsulanerinnen nur 2 Tage, von den Samoanerinnen, Tatarinnen, Cayenneindianerinnen 3 Tage, von Fidschi weibern, Tlinkitindianerinnen, Masai 10 Tage berichtet wird, dauert es bei Koloschen 20, bei den Weibern von Malakka und Atjeh gar 40 Tage. Weit länger bleibt das Weib aber unrein und muß während dieser Zeit bei vielen Völkern in eigener Hütte zubringen. So 4 Tage: Orotschonen; 8 Tage: Munda, Dayak; 10 Tage: Korjaken, Masai, Hawaierinnen; 14 Tage: Frauen von Malabar; ij Tage: Frauen von Nauru; 21 Tage: Kalmückinnen; 22 Tage: Negerinnen der Sklavenküste; 30 Tage: zentralindische Stämme, Kaffern; 35 Tage: Ostjakinnen; 40 Tage: Suaheli; 42 Tage: Wogulinnen; 43 Tage: Weiber von Atjeh; 60 Tage: Samojedinnen, Gilbertinsulanerinnen, Eskimo- weiber; 90 Tage: Tahitierinnen usw. Bei anderen Völkern, so den Ovaherero, den Loangoweibern, vielen Polynesiern, hängt die Zeit der Reinheit davon ab, daß die Nabelschnur gänzlich verschwunden ist. Die Reinigung selbst wird durch verschiedenerlei Gebräuche vollzogen, so durch Waschungen, Räucherungen usw. Bei den Huichol (Mexiko) klettern die Mütter fünf Tage nach ihrer Entbindung zur Hütte der Geburtsgöttin Tsakuruma hinab und legen Opfergaben nieder, um das Gedeihen des Kindes zu sichern.

Von Interesse ist, daß auch hier wieder sehr häufig der Mann mit als unrein gilt, so bei den indischen Gotra und den Santal. Dies führt uns wieder auf das so viel umstrittene Männerkindbett (Couvade). Die Wöchnerin steht dabei nämlich gleich nach der Geburt auf, während sich an ihrer Stelle der Mann niederzulegen hat und alle Zeremonien durchmachen muß, die eigentlich der Frau zuständen. (Näheres siehe v. Reitzenstein, Art. Couvade, in: Marcuse, „Hand- wörterbuch der Sexualwissenschaft", Bonn 1923.) Ganz kurz sei noch der Säuge- zeit gedacht. Bei Naturvölkern besorgt das Stillen die Mutter selbst, aber es


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ist interessant, daß hier das Kind schon ganz früh auch andere Nahrung be- kommt, so in Old-Calabar sehr viel Wasser, bei verschiedenen Indianerstämmen gekaute Früchte, bei den ostafrikanischen Maskakira sogar das berauschende Pombe, bei den Wotjäken nach drei Monaten Fleisch und Brot. Die Säugezeit ist sehr verschieden, und Ploß-Bartels haben hier wieder eine Zusammenstellung gemacht, der wir folgendes entnehmen:


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Jahr:


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Samoaner, Neu-Mecklenburg, Koloschen, Tlinkit- Indianer, Hottentotten; „ Makassaren;

Jahre: Dakotah, Sioux, Loangoneger; „ Waswaheli;

„ Ruck-Insulaner, Salomon-Insulaner, Masai, Waganda; „ Australier, Tataren, Kirgisen, Kameruner, Mandingo- neger, OldCalabar, Basuto, Tlinkit, Apachen, Abiponen; „ Todas, Fidschi, Goldküste; „ Lappen, Grönländer, Irokesen, Kamtschatka; „ Nauru, viele Indianer Brasiliens, Ostjaken, Samoa, Oregonstämme, Kalifornier, Australier, Hawai, Guinea- küste;

Samojeden, Todas; Australier, Neu-Seeland; Indianer Nordamerikas; Eskimo vom Smith-Sound; Karolinen;

nordamerikanische Indianer; Eskimo von King Williams Land. Mit wenigen Worten muß hier noch des unfreiwilligen Abortus' gedacht werden. Bekanntlich unterscheidet man hier Frühgeburt und Fehlgeburt, den eigentlichen Abortus. Diese ist bei Naturvölkern oft recht häufig, so bei den Australiern, weil diese ihre Weiber schlecht behandeln. Ebenso bei den Weibern der Hotten- totten im zweiten und dritten Monat, während er wieder bei den Fidschi- insulanern sehr selten ist. Auch hier sucht man öfters die Erklärung im Einfluß böser Geister. Vom Kapitel Kindermord, das bei den Naturvölkern ebenfalls


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ein sehr ausgedehntes ist, interessiert uns besonders der Mädchenmord. Wenn die Orinokoindianerin zum Gebären in den Busch geht und es kommt ein Mädchen hervor, dann bricht sie ihm den Hals oder begräbt es lebendig. Durch Aussetzen wurde es bei den Athapasken weggeräumt. Die Eskimos der Bering- straße bringen es zu einem Begräbnisplatz, stopfen ihm Mund und Nase voll Schnee und lassen es so liegen; die Papuaweiber biegen ihm gleich nach der Geburt den Kopf vornüber, so daß ihm das Genick gebrochen wird. Manchmal allerdings wird auch das Mädchen begrüßt, oft sogar mit besonderer Freude, weil es ein wertvoller Handelsartikel ist, da die Ehen durch Kauf abgeschlossen werden.


c) Das Weib im anormalen Verkehr.

Zunächst ist es erforderlich, sich über das Wort „anormal" klarzuwerden. Am besten wird man damit alle jene geschlechtlichen Handlungen bezeichnen, die nicht zu einer Befruchtung führen können, also Vereinigung von Organen und Geräten, die das ausschließen, oder eine Veranlagung, bei der die Entspannung eintritt, ohne daß eine zur Befruchtung nötige Vereinigung erwünscht erscheint (Fetischismus, Exhibitionismus, Autoerotismus usw.), oder schließlich eine Ver- anlagung, die Handlungen lustbetont erscheinen läßt, die normal veranlagten Menschen unlustbetont sind (Sadismus, Masochismus, Koprophilie usw.). Wir haben danach bei Naturvölkern (genau wie bei Kulturvölkern) drei Gruppen scharf zu unterscheiden:

i. Sexuelle Handlungen anormaler Art, die dem polymorpb-perversen Kreis der kindlichen Sexualsphäre angehören und durch Verdrängungen noch nicht beseitigt sind (koprophile Triebe, sexueller Zeigetrieb, sexueller Spieltrieb und ähnliches). Bei dem meist absoluten Mangel an sexualwissenschaftlicher Schulung unserer Beobachter sind Angaben über dieses Gebiet unendlich selten. Einzelne Mitteilungen zeigen aber doch, daß wir die gleichen Erscheinungen voraussetzen können wie bei Kulturvölkern, wenn auch, was bei der freien Erziehung eben- falls selbstverständlich ist, in geringem Grade.

2. Ersatzhandlungen, die in Ermangelung der Möglichkeit normalen Verkehrs vorgenommen werden (sog. sexuelle Äquivalente), wozu Jugendmasturbation,


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Pseudohomosexualität usw. zu zählen sind. Es können dabei Geräte oder son- stige Dinge, wie Früchte verwendet werden. So berichtet van der Borgt, daß die Masturbation bei den Mädchen der Warandi (Ostafrika) sehr häufig ist; das gleiche erzählen Torday und Joyce von den Ba-Huana des Kongogebietes. Genauer geht Fritsch bei den Hottentotten auf die Frage ein: „Die Masturbation ist unter dem jungen weiblichen Geschlecht, wie ich auf gute Autorität hin ver- sichern kann, eine so häufige, daß man sie als Landessitte hinstellen könnte. Es wird daher auch kein besonderes Geheimnis daraus gemacht, sondern in den Erzählungen und Sagen sprechen die Leute davon wie von der gewöhnlichsten Sache. So heißt es, einem Mädchen sei dabei das Herz abgestoßen worden, in einem anderen Falle wurde eine von den auf ihr kauernden Gespielinnen erdrückt, und diese Ereignisse werden nicht der Wunderbarkeit wegen berichtet, sondern dienen nur als Ausgangspunkte für die alsdann folgende Gespenster- geschichte." Schon das „Abstoßen des Herzens" zeigt auf die Verwendung eines Instrumentes. Derartige Geräte finden wir besonders in Afrika und Indonesien häufig. Von den balinesischen Mädchen wird die Verwendung von Ketimoen- und Pisangfrüchten erwähnt, und zugleich ein Apparat aus Holz und mit Wachs überzogen geschildert, der das männliche Glied nachahmt und Ganem oder Tjelak-tjelakan malern (Tjelak = Penis, malern = Wachs) genannt wird. Dieses selbe Instrument wird von den Mädchen in Atjeh benutzt (Medilin-dilin von Dilin = Penis), dann von den Dajakinnen (Balak), bei denen Tribadie als häufig angegeben wird (von tQtßdg rgißstv = reiben). Solche Instrumente sind be- sonders in Afrika häufig; ihre Verwendung wird natürlich durch das Harems- system auch bei verheirateten Frauen gefördert. Bei den Haussa wird das Gerät „Madigo" genannt und besteht aus Holz, das mit Leder überzogen ist. In Ostafrika ist es nach Baumann ein Stab aus Ebenholz in der Form eines männlichen Gliedes von ansehnlicher Größe, der von schwarzen und indischen Handwerkern zu diesem Zweck hergestellt und insgeheim verkauft wird. Manch- mal soll er auch aus Elfenbein gefertigt werden. Es kommen zwei verschiedene Formen vor. Die eine hat an dem unteren Ende eine Kerbe, wo eine Schnur befestigt wird, die das eine der Weiber sich um den Leib bindet, um an der andern den männlichen Akt nachzuahmen. Der Stab ist meist durchbohrt und mit einer Blase versehen, in die dann zur Nachahmung der Ejakulation warmes


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Wasser oder der klebrige Saft des Dälakubaumes (Haussa) eingegossen wird. Bei der anderen Form ist der Stab an beiden Enden eicheiförmig zugeschnitzt, so daß er von beiden Weibern in die Vagina eingeführt werden kann, wozu diese eine sitzende Stellung einnehmen. Auch hier ist der Stab durchbohrt. Beim Gebrauche werden die Stäbe eingeölt. Die Weiber der Tschuktschen be- nutzen dagegen den zweiköpfigen Wadenmuskel von Tieren, der eingetrocknet wird und offenbar trotzdem seine Geschmeidigkeit behält (Gastroknemius). 3. Sexuelle Handlungen, die nicht zur Befruchtung führen können und vor- genommen werden, obwohl Alter und Verhältnisse einen normalen Verkehr gestatten würden, weil sie für die betreffenden Personen die eigentliche Möglich- keit der Entspannung darstellen. Sie können entweder auf innersekretorischen Störungen oder auf Verdrängungserscheinungen beruhen (Neurosen), oder schließlich das Endresultat einer degenerativen Entwicklung sein (Entartung). Viele Beobachter halten diese degenerativen Erscheinungen für allein genügend, um das anormale Geschlechtsleben zu erklären; das ist natürlich ein völlig laien- haftes Urteil und ist, da es auf der momentan in Europa geltenden Moral basiert, die Ursache, weshalb die Reisenden so wenig Material für die Beob- achtung dieser Gebiete beibringen, die für die Erklärung mancher Gepflogen- heiten (religiöse Momente, Sagen usw.) so wichtig wären. Man kann im Gegen- teil feststellen, daß gerade die auf degenerativen Momenten aufbauenden Er- klärungen des anormalen Geschlechtslebens die am allerwenigsten wichtigen und am seltensten zutreffenden sein dürften. Sind wir nun schon für das anormale männliche Sexualleben der Naturvölker wenig unterrichtet, so gilt es um so mehr für das weibliche. Für das gleichgeschlechtliche Leben besitzen wir aller- dings ein sehr gutes Sammelwerk in dem umfangreichen Buche von Karsch- Haack. Jedenfalls dürften anormale Erscheinungen bei Naturvölkern gar nicht selten sein, homosexuelle, deren weibliche Formen man mit lesbischer Liebe und Tribadie bezeichnet, sicherlich verhältnismäßig nicht seltener als bei Kultur- völkern sein. So wird uns von typischen Mannweibern bei den Bulaa (Brit. Neu-Guinea) berichtet, von den Buginesen erzählt, daß es dort Frauen gibt, die sich als Männer kleiden (Transvestitismus) usw. General Melville fand auf der Insel Dominica (Westindien) eine Mandingonegerin, die eine 2 Zoll lange und daumendicke Klitoris hatte, ein Fall, der bei Negerinnen nicht selten ist.


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Baumann berichtet über die Frauen Sansibars: „Konträrsexual angelegte Weiber sind ebenfalls nicht selten. Die orientalische Sitte macht es ihnen zwar un- möglich, öffentlich Männerkleider zu tragen, doch tun sie das in häuslicher Zurückgezogenheit. Andere Weiber erkennen sie an ihrer männlichen Haltung, sowie daran, das ihnen die weibliche Kleidung , nicht steht'. Sie zeigen Vorliebe für männliche Verrichtungen. Geschlechtliche Befriedigung suchen sie bei anderen Weibern, teils konträr angelegten ihresgleichen, teils normalen, die sich aus Zwang oder Gewinnsucht dazu hergeben. Die ausgeführten Akte sind: kulam- bana = einander lecken (Sapphismus, lesbische Liebe), kusayana = die Ge- schlechtsteile einander reiben (Tribadie) und kujitia mbo ya mpingo = sieb den Ebenholzpenis beibringen." Von den Tami-Insulanerinnen (Insel Tamiongedu bei Neupommern) wird Onanie und lesbische Liebe (Tamalape genannt) bezeugt, für die Eskimos Tribadie festgestellt. Im alten Mexiko findet sich für tribaden- haften Verkehr der Name patlachuia und für Tribadie nepatlachuiliztli (= das Ubereinandergebreitetsein) ; bei den Aymara (Peru) der Name ccacchatha. Übri- gens stand bei der aztekischen Bevölkerung Mexikos auf Tribadie und aus- geübten Transvestitismus die Todesstrafe. Obwohl wir es hier mit Kultur- völkern zu tun haben, dürfen wir doch daraus Schlüsse auf andere Indianer- stämme Amerikas ziehen.

Von besonderem Interesse sind aber andere Angaben, die in diesem Gebiete wurzeln und zeigen, daß auch sexualpathologische Momente bei der Bildung der Amazonensagen mitgespielt haben. So sagt de Magahanes de Gandava (1576), daß es unter den Tupistämmen (Südamerika) Indianerinnen gab, die Männer nachahmten und mit Bogen und Pfeilen in den Krieg oder auf die Jagd zogen. Sie lebten wie verheiratet mit einer Dienerin zusammen. Solche Ver- bindungen gleichgeschlechtlich Empfindender sind auch aus Afrika bekannt, so nach Fritsch von den Ovaherero (Damara), wo man eine solche Verbindung als Omapanga oder Oupanga (urspr. = Freundschaft) bezeichnet. Von Interesse ist, daß übrigens schon ältere Autoren den Namen „Amazonen" aus solchen Motiven zu erklären suchen, so Servius: äfia ^woas = untereinander zusammen- haltend (außer der Gesellschaft der Männer zusammen lebend). Ihm schloß sich später auch Burton an. Ein besonderes Kapitel dieser Erscheinungen bilden aber auch die Schamaninnen,


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wie die Zauberpriesterinnen überhaupt. Audi bei männlichen Schamanen treffen wir öfters auf Persönlichkeiten, die ins Gebiet der sexuellen Zwischenstufen ge- hören, d. h. neben androgynen Schamaninnen erscheinen gänzlich effiminierte Schamanen, und nicht selten findet sich gerade hier die Sage von einer Ver- wandlung des Geschlechtes, ja die Tschuktschen haben für diese Verwandlung sogar ein eigenes Wort: Qatschikitschhetscha (= mannähnliches Weib). Diese „Verwandlungen" kommen hier aber auch unter gewöhnlichen Sterblichen vor. So berichtet Bogoras (nach Karsch-Haack) über einen derartigen sehr inter- essanten Fall. Es handelte sich um eine Witwe in mittleren Jahren, welche drei halberwachsene leibliche Kinder besaß. Zuerst empfing sie nur eine „Eingebung" der gewöhnlichen Art, aber später verlangten die „Geister" ihre „Verwandlung" in einen Mann. Nun beschnitt sie ihr Haar, kleidete sich männlich, gewöhnte sich an männliche Sprechweise und lernte sogar in sehr kurzer Zeit den Speer handhaben und mit einer Büchse schießen. Schließlich wollte sie heiraten und fand auch leicht ein ganz junges Mädchen, das seine Zustimmung gab, ihr Weib zu werden. Die „verwandelte" Frau versah sich mit einem Gastroknemius von Renntierbein, befestigte ihn an einem breiten Ledergürtel und gebrauchte ihn wie ein männliches Geschlechtsorgan. Nach einiger Zeit wünschte sich der ver- wandelte Ehe„mann" von seinem jungen Weibe Kinder und ging zu diesem Zweck eine Ehe zu dreien mit einem jungen Nachbar ein. Wirklich waren nach drei Jahren zwei Söhne in ihrer Familie geboren. Nach der Auffassung der Tschuktschen von einer Ehe zu dreien wurden diese als seine eigenen recht- mäßigen Kinder angesehen. So konnte diese Frau in ihrer Jugend Kinder aus ihrem eigenen Schöße und im späteren Leben Kinder von einem Weibe besitzen, das sie geheiratet hatte. Jochelson berichtet weiterhin, daß bei den Korjaken weibliche Schamanen ebenso wie in Weiber „verwandelte" für besonders mächtig gehalten werden. Nur die Geburt eines Kindes kann vollständigen oder wenig- stens zeitweiligen Verlust der schamanistischen Machteinflüsse zur Folge haben. Während seiner Menstruationsperiode sei es dem weiblichen Schamanen ver- boten, eine Trommel zu berühren (vgl. Abb. 154). Übrigens ist es nicht uninter- essant, gerade bei sibirischen Völkerschaften sehr häufig eine besondere Neigung zu virilen Typen bei den Frauen beobachten zu können, ein Eindruck, der durch die Gleichheit der Kleidung verstärkt wird (vgl. Abb. 155).


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Unter den übrigen Perversitäten treffen wir bei den Naturvölkern ebenfalls nahezu alle Arten. Freilich sind die Aufzeichnungen sehr dürftig. Der Cunni- lingus ist von Finsch in der Südsee beobachtet und ist auch aus Südafrika und Ostafrika bekannt. Ferner haben wir die paedicatio mulierum mit der immissio penis in anum. Ganz wenig wissen wir vorläufig über Sadismus, Fetischismus und Masochismus. Recht verbreitet aber ist wieder die Bestialität oder der Verkehr mit Tieren. Das erzählt uns beispielsweise Steller von den Kamtscha- dalinnen, die vielfach Verkehr mit Hunden hatten.

d) Die Ehe.

Wir haben bereits erwähnt, daß die Ehe nicht etwa von Urbeginn an besteht, daß sie ferner nicht den Zweck hat, das Geschlechtsverhältnis zu regeln und ähnliches, sondern daß sie ein rein wirtschaftliches Institut ist. Wir haben des- halb die Betrachtung weiblichen Geschlechtslebens auch vollständig von der Ehe getrennt und vorher behandelt. Hier obliegt es uns nun, zu zeigen, was die Ehe ist und wie sie sich entwickelt hat. Wir können uns dabei absolut der gegenwärtig durch die kirchlich beeinflußten Arbeiten Westermarks und des Pater W. Schmidt wieder stärker in den Vordergrund geschobenen Ansicht, die Monogamie sei die ursprüngliche Form der Ehe, ja des menschlichen Ge- schlechtsverkehrs, nicht anschließen, da wir kein Interesse daran haben, die Völkerkunde in den Dienst einer Religion oder Weltauffassung zu stellen. Sondern wir wollen, wie J. Bloch sich einmal so schön ausdrückte, die Wahrheit suchen, niemandem zuliebe und niemandem zuleide. Freilich verkennen wir nicht, daß gerade die Frage nach dem Ursprung und den ersten Formen der Ehe eine sehr schwierige ist, da uns die Zeit der Morgenröte menschlichen Daseins gerade hier keine absoluten Zeugnisse hinterlassen hat. Wir können also nur durch Rückschlüsse versuchen, ein Bild zu zeichnen, und wollen dies auf Grund der größten Wahrscheinlichkeit tun, ohne uns durch irgendwelche Tendenz be- einflussen zu lassen. Wir setzen lediglich voraus, daß der Werdegang der Menschheit sich dem Naturganzen einordnet, betrachten ihn also nicht als „Schöpfung", sondern als eine Evolution, freilidi als eine Evolution, die einer Wellenlinie gleicht und ab und zu auch absteigende Linien kennt.


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Das Weib bei den Naturvölkern


Solche Momente kennzeichnen sich aber stets deutlich. Eine zeitweilige De- generation äußert sich niemals lediglich auf einem Gebiete, sondern greift stets in das Gesamterscheinungsgebiet ein. Man ist nicht berechtigt, sich überall dort, wo man es zur Begründung einer modernen Weltauffassung oder einer heutigen politischen Parteimeinung braucht, entsprechend die Vorzeit zu gestalten und überall dort, wo die Erscheinungsformen modern-politischen oder kirchlich-politisch gefärbten Anschauungen widersprechen, eine „Degeneration" anzunehmen. Wer dies tut, muß in der Lage sein, die Degeneration auch sonst aus der kulturellen Erscheinungswelt nachzuweisen. Niemand wird bezweifeln können, daß die Ehe, und insbesondere die Einehe, eine sehr hohe kulturelle Ent- wicklungsstufe voraussetzt, also für primitive Zeiten an sich höchst unwahrschein- lich ist und, falls man mit ihr rechnen will, eines ganz besonders exakten Be- weises bedarf. Weshalb auf allen anderen Gebieten menschliche Entwicklung vom Primitiven zum Höheren fortschreitet, aber gerade auf dem sonst von der modernen Moral so tief eingeschätzten Sexualleben mit dem Vollkommenen be- gonnen haben soll, ist nicht einzusehen, ausgenommen man nimmt das Paradies- märchen und den natar gesetzlichen Wert der christlichen Moral, die doch über- all mit physiologischen Momenten im Widerspruch steht, als gegeben an. Das ist es aber gerade, was Wissenschaft und Glauben scheidet, und wir haben nicht die Absicht, ein dogmatisches, sondern ein wissenschaftliches Werk zu schreiben, und glauben, wenn wir versuchen, eine Erkenntnis der Wahrheit zu suchen, nicht „unsittlicher" zu sein als die Kirche, deren Vertreter wir wenigstens zum großen Teil dieselbe redliche Absicht nicht absprechen wollen. Wenn es sich aber herausstellt, daß diese Erkenntnis sich mit der heutigen Moral nicht deckt, dann steht uns höchstens frei, zu urteilen, daß sich die Menschheit aufwärts entwickelt hätte, es ist uns aber nicht erlaubt, zur Rettung der Höherbewertung der „heu- tigen Moral" die Urzeit in einem anderen Lichte erscheinen zu lassen, als sie war. Schließlich ist der Begriff des Sittlichen doch nicht verknüpft mit jenen Inter- essen, die dem Wohlergehen einer bestimmten religiösen Partei entsprechen, sondern mit dem Wohlergehen der Menschheit überhaupt, ohne Parteimeinung. Wo hygienische und „sittliche" Momente sich widersprechen, ist vom Standpunkt einer wahren Ethik aus immer das sittliche Moment im Unrecht; ganz falsch aber wäre es, vom Standpunkt dieser einer modernen Weltauffassung bestimmter


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Kreise dienenden Moral den Werdegang der Geschichte und der Natur nach- träglich anders darstellen zu wollen, als er wirklich war. Dies geschieht leider allerdings sehr häufig. Moderne Moralisten haben auch heute stets die alte Klage auf den Lippen: „Ach, die Welt wird immer schlechter, in der guten alten Zeit war das besser." Betrachtet man nun die gute alte Zeit, dann sieht man, daß da- mals die Moralprediger dasselbe sagten. Will nun aber jemand streng objektiv das kulturelle Leben irgendeines Abschnittes der „guten alten Zeit" darstellen, dann hält die moderne Moral solche Arbeiten zum mindesten für „unnötig". Jedenfalls hängt der Wert der wahren Einehe nicht von dieser eigenartigen „Forschungsmethode" ab, wie überhaupt nicht von der christlichen oder einer anderen Moral, sondern von ihrem tatsächlichen inneren Werte. Es ist auch für den Maßstab, mit dem man sie messen soll, ganz gleichgültig, ob sie in der Ur- zeit vorhanden war oder erst erworben wurde. Was wir also darstellen wollen, ist und kann auch nur Theorie sein, aber wir bauen sie auf der größten Wahr- scheinlichkeit auf und nicht zum Zweck, ein Dogma zu retten. Wir haben bereits gezeigt, daß von einem Binden des Weibes — und das ist ja die Ehe ihrem innersten Wesen nach — erst die Rede sein kann, wenn der Begriff des Besitzes entwickelt ist, weil sonst sein „Besitz" nicht garantiert wäre, das Verlangen nach Erben ein müßiges wäre; wenn weiterhin der Ahnenkult ausgebildet ge- wesen war, weil sonst keine Opfer für ihn nötig waren, und daß schließlich zu ihrer vollen Durchbildung der Zusammenhang von Kohabitation und Konzep- tion bekannt gewesen sein muß. Wenn man nun einwendete, daß ja schon im „Tierreich" die Einehe bekannt sei, so ist das wenig wertvoll. Zunächst befrem- det es, daß es von jenen Kreisen geschieht, die sonst der „entwicklungsgeschicht- lichen Auffassung" feindlich gegenüberstehen — sie hier zu ihren Spezialzwecken aber anscheinend einmal gebrauchen können; dann halten wir es für sehr gefähr- lich, „kulturelle" Momente zu Brücken zwischen Mensch und den nächsten tie- rischen Formen zu benutzen. Dann aber zeigt sich, daß beim „Tiere" alle über- haupt denkbaren Formen des geschlechtlichen Zusammenlebens vorkommen. Aber doch gewinnen wir aus diesem Vergleich ein wertvolles Moment. Wir sehen im Tierreich, daß das geschlechtliche Zusammenleben der Tiere einzig und allein geregelt wird durch die Brutpflege. Der domestizierte Hund z. B. lebt völlig agamisch; er hat die Sorge um den Nachwuchs verlernt, über den seine ver-


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schiedenen Vorfahren sich auch im Wildzustand wohl keine allzu große Sorge machten, denn wir dürfen sie wohl zumeist als Herdentiere betrachten. Das Hühnervolk lebt polygyn im Gegensatz etwa zu den Singvögeln, die wenigstens auf die Brutdauer monogyn leben. Bei den Sittichen etwa könnte man — wenn man so will — vielleicht sogar von Monogamie sprechen. Alles wird durch die Brutpflege bestimmt. Wir dürfen also mit größter Wahrscheinlichkeit annehmen, daß auch für den Menschen ursprünglich die gleichen Grundlagen gelten. Die Polygamie als Allgemeinerscheinung scheidet ebenso wie die Polyandrie von An- fang an aus, da ja die Zahl von Männchen und Weibchen nahezu gleich ist; in Betracht kommt also für die Urzeit der Hauptsache nach die Agamie oder die Monogynie, wobei aber einzelne Männer auch Polygynie durchsetzen konnten. Nun ist der Mensch ohne jeden Zweifel zu den „Herdentieren" zu rechnen; seine ursprüngliche Brutpflege wird also der dieser Tiere entsprochen haben, also sicherlich agam gewesen sein, um so mehr, als die geschlechtliche Paarung doch die Folge eines physiologischen Vorgangs, der chemischen Erotisierung,



Zeichn. XIII. Mandioba-Reibhols Nach K. v. d. Steinen

ist. Diese tritt aber stets dort auf, wo das andere Geschlecht einen entsprechend starken Reiz, der in der Lage ist, diese innersekretorischen Vorgänge auszulösen, ausübt. Warum in der Urzeit, die selbstverständlich noch keine höheren sozialen Ziele ausgebildet hatte, diese Erotisierung ausgerechnet nur von einem Weibe ausgegangen sein soll und sich dauernd erhalten hätte, ist nicht einzusehen und ist eine derartig ungeheuerliche Behauptung, daß sie sehr exakt bewiesen werden müßte, um auch nur den leisesten Anspruch erheben zu können, für den Aufbau eines wirtschaftlichen Systems verwendet zu werden. Wer darauf verweist, daß monogame Formen bei den hochstehenden Affen vorhanden seien, vergißt die Hauptsache, daß diese eben nicht Herdentiere sind und ein Einzelleben führen — also eines persönlichen Schutzes ihrer Nachkommen bedürfen — , eine Eigen-


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Abb. 12 2. Samoa-Mädchen mit Fidji-Einschlag.

Museum f. Völkerkunde, Dresden.


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Abb. 127. Nubische Tänzerin.

Anthropol. Ges.. Berlin.




Abb. 128. Wandorobo-Weiber mit Eisenschmuck.

Phot. von C. Vincenti. Dar-es-Salam.



Abb. 129. Masaiweib von unterhalb Kibongoto.



Nach Merker.


Abb. 130. Dayak-Weiber mit Ringschmuck.


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Schaft, die sicherlich einer der Gründe ihrer tieferstehenden Entwicklung war, denn eine der wichtigsten Grundlagen für die menschliche Höherentwicklung war ja eben seine Veranlagung als Herdentier. Die Herde übernimmt gleich- sam die Brutpflege. Die jungen Tiere folgen ihr und schließen sich ihr an. Die Weibchen sind den Männchen gemeinsam. Tut man also den Dingen keine Ge- walt an, dann wird die Agamie als ursprüngliche Form des geschlechtlichen Lebens wahrscheinlicher. Man hat sich daran gewöhnt, diese „Herden" beim Menschen als „Horden" zu bezeichnen und weist ihnen bestimmte Gebiete zu, die die Horde für ihren Nahrungserwerb beansprucht und gegen andere Horden abgrenzt. Nahrungserwerb und Weib zeigt ja schon die primitivste Kunst als die beiden Pole, um die sich das Leben der Menschen der Frühzeit drehte. Ent- sprechend aber unserer Erfahrung und vor allem auch den ältesten Gerätefunden kann dieser Mensch der Urzeit nur „Sammler" gewesen sein, d. h. er sammelte innerhalb seines Erwerbsgebietes alles, was er zu seiner Ernährung bedurfte. Die Jagd kam noch nicht ernstlich in Betracht, da ihm ihre Hauptvoraussetzung, die Existenz von Feuerwaffen, fehlte. Mann und Weib konnten also in gleicher Weise zum Erwerb beitragen, und es bestand keine Ursache, das Zusammen- leben der Horden zu ändern. Im Bedürfnis der gegenseitigen Unterstützung dürfen wir ja auch die Wurzeln der ältesten sozialen Verbände, der Horden, suchen. Sie mögen klein gewesen sein und in ihrer Größe von der Ergiebigkeit des Sammelgebietes abgehangen haben. Männer und Weiber der Horde hatten freien Verkehr untereinander, und wie sie ihre Sammelgebiete gegen Angehörige anderer Horden verteidigten, so verteidigten die Männer der Horde auch die zu ihr gehörigen Weiber. Es war ein Zustand der Endogyme. Die Kinder wur- den nicht dem oder jenem Manne der Horde geboren, sie gehörten vielmehr zu dieser überhaupt, da ja der Vater als solcher nicht bekannt war, selbst wenn schon in jenen Zeiten der Zusammenhang von Konzeption und Kohabitation bekannt gewesen wäre, was billig zu bezweifeln ist. Gebräuche fanden beim Eingehen dieser Beziehungen ebensowenig statt wie sie bei Tieren stattfinden. Die Paarung vollzog sich unter der Wirkung des Detumeszenztriebes, und es war natürlich nicht notwendig, daß ihr Zweck als solcher bekannt war. Zweifels- ohne gerieten in der ältesten Zeit bereits verschiedene Horden wegen ihrer Sammelgebiete feindlich aneinander, und gar manchmal mögen dabei Weiber

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der anderen Horde erbeutet worden sein, zumal wenn diese ausgerottet wurde. Wurden sie dann nicht aufgefressen, was wohl sehr häufig war, dann mag es



Nach v. d. Steinen


Zeidin. XIV. Maisstampfende Apiaba-Frauen


gekommen sein, daß sie in eine untergeordnete Stellung zur siegreichen Horde traten. Aber auch ihre Kinder gehörten unter der gleichen Bedingung zu dieser und wuchsen in ihr auf. Am wertvollsten waren natürlich jene Weiber, von


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denen die Horde die meisten Kinder erhielt. Darin lag aber zugleich die Wurzel für eine Art der Weiterbildung. Denn gerade beim Menschen mag die anato- mische und physiologische Verschiedenheit beider Geschlechter in frühester Zeit den Unterschied in der Möglichkeit zu Arbeiten bedingt haben, und darin lag die Wurzel zur Arbeitsteilung. Das Ende der Schwangerschaft, die Geburt und die beim Menschen besonders lange Säugezeit veranlaßten ohne weiteres, daß das Weib eine getrennte Entwicklung vom Manne nehmen mußte und auf seine Unterstützung angewiesen war. So blieb es seinem speziellen Wirkungskreis, der ihm auch bei den heutigen primitivsten Naturvölkern geblieben ist, treu: der Sammlertätigkeit. Die Gewinnung der Nahrungsmittel war aber keine leichte, es setzte schwere Kämpfe mit den gewaltigen Tieren und anderen Menschen ab, was den Mann zur Ausgestaltung seiner Waffen führte: er kam zu Fernwaffen: Wurfkeule, Speer und Pfeil, und wurde so zum Jäger. Ganz abgesehen davon, daß die Sammelgebiete an sich weniger ergiebig wurden, je länger in ihnen eine Horde sich aufhielt, wurde der Zustand dort um so schlimmer, wo die Frucht- barkeit der Bewohner eine größere war, und nur die Jagd konnte das Gebiet besser ausnutzen. Dies führte aber auch dazu, daß die Horde aufbrach und neue Gebiete suchte, wobei dann zumeist die kleinen Mädchen und die alten Weiber getötet wurden, oder aber sie blieb seßhaft, und die Weiber entfalteten ihrer- seits eine Tätigkeit, die in weit höherem Grade zur Unterstützung des Lebens beitrug als das reine Sammeln: das Weib wurde die Erfinderin des Ackerbaues. Näher darauf einzugehen ist hier nicht der Ort, wir kommen aber später darauf zurück. In dieser fundamentalen Arbeitsteilung liegt aber auch die Entwicklung der Beziehungen von Mann und Weib begründet. Dort, wo nämlich das Weib diesen Fortschritt nicht machte oder der Boden ungeeignet wird, entwickeln sich die Beziehungen mehr und mehr patriarchal, während bei jenen Stämmen, in denen das Weib Trägerin einer besonderen, neben der männlichen herlaufenden Kultur wird, oft eine mehr matriarchale Entwicklung auftritt. In der ersten Gruppe gehören die Kinder der Horde als solcher, in der zweiten bleiben sie bei der Mutter, bis sie sich den übrigen Männern der Gruppe anschließen, wozu besondere Zeremonien (Reifezeremonien) nötig sind. Folgen wir zunächst dem Entwicklungsgang jener. Das ausgeplünderte Sammelgebiet und der dadurch bedingte Nahrungsmangel zwingt die Horde zur Weiterwanderung, nachdem

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die kleinen Mädchen und die alten Weiber, die beide nur essen, ohne etwas leisten zu können, manchmal getötet und oft genug aufgefressen sind. Die anderen Weiber ziehen mit. Haben wir für den Weibermord bei den Feuer- ländern oben ein Beispiel angeführt, so für die traurige Lage der Arbeitsweiber eines bei den Samojeden ebenfalls. So kommt man in neue Gebiete, die wieder erträglich genug sind, um eine kräftige Horde zu ernähren. Da wächst einerseits die Lust nach Weibern wieder, andererseits das Bedürfnis nach Kindern. Im eigenen Kreise ist nur ein schwacher Nachwuchs zu erwarten, und da bleibt dann nichts anderes übrig, als Weiber zu rauben, wo man sie bekommt. Cook fand z. B. auf Tahiti bei seiner Landung nur ein Zehntel der Bevölkerung als Frauen vor, und auf der Osterinsel standen 700 Männern gar nur 30 Weiber gegenüber. Das kann keine Zukunft begründen, um so mehr, als die älteren Männer dann auf Grund ihres Ansehens die Weiber mehr oder minder für sich beanspruchen. Da liegt es für tüchtige und waghalsige junge Männer denn nahe, ins Gebiet einer benachbarten Horde einzubrechen und dort sich eines Weibes zu bemächtigen. So gelangen diese in den persönlichen Besitz eines Weibes und damit ihrer Kinder, die Horde hat keinen Anteil daran, das Eigenweib tritt neben das allen Hordengenossen gemeinsame Hordenweib, und die Grundlagen für zwei hochwichtige kulturelle Entwicklungsreihen waren gegeben: für die Ehe und die Familie. Damit wäre der Ursprung dieser Reihen exogam. Diese Erklärung hat den Vorzug, daß sie in gleicher Weise den Ursprung der Mono- gamie wie der Polygamie erklärt, und die erstere lediglich als einen Spezialfall der letzteren erscheinen läßt, der von der Tüchtigkeit des Mannes abhängt. Ebenso erscheint darin der freie Verkehr nicht als eine Dekadenzerscheinung, sondern lediglich — wie das an sich klar ist — als Rest urzeitlicher Verhältnisse, die eben auf der innersekretorischen Grundlage aufbauen. Aber auch die beiden Formen der Familie erklären sich zwanglos: die Großfamilie und die Sonder- familie, einschließlich der Entstehung des Begriffes der Unfreien, der Diener- schaft. Erfolgt der Raub durch einen einzelnen Mann, so haben wir die Grund- lage für die Sonder familie, bei der Mann und Weib (oder Weiber) mit den erzeugten Kindern bis zu deren Selbständigkeit zusammenbleiben. Schreitet aber der Mann noch zur Viehzuclu fort — denn diese ist seine Erfindung — , dann gibt die mehr lokale Beschäftigung Veranlassung zur Gliederung der Horde,


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weil mit der Viehzucht die Objekte des persönlichen Besitzes sich vermehren, die Horde zerfällt in eine Reihe von Hausgenossenschaften, die wir als „männ- liche oder patriarchalische Hausgenossenschaften" bezeichnen wollen. Eine Haus- genossenschaft umfaßt alle Leute, die zu ihrer engen Gruppe gehören, also Weiber, Kinder und Unfreie, sie ist also die wesentliche Grundlage der Groß- familie. Was ehedem die Horde tat, nämlich für die bei ihr befindlichen Weiber eine Monopolisierung durchzudrücken, das tut jetzt die Hausgenossenschaft. Dieser Zustand war bei uns nicht anders. Unser Wort Familie, das jetzt deszen- dentischen Charakter hat, ist noch nicht lange eingeführt. Es hat um 1700 seinen Eingang in die deutsche Sprache gefunden und ersetzte das alte Wort hiwische. Beide Worte bezeichnen ursprünglich die Hausgenossenschaft. Familie ist vom gleichen Stamme wie famulus, Diener, Sklave, und hiwische ist in seinem ersten Teil aus einer Wurzel gebildet, der gotisch heiwa entspricht, und die auch sonst in germanischen Worten weit verbreitet ist, dabei aber stets die Bedeu- tung „Mann, Frau, Kinder und Dienerschaft" hat. Man sieht also, in der patriar- chalen Hausgenossenschaft stehen Frauen und Dienerschaft in engstem Zusam- menhang, ohne daß aber damit auf einen besonderen Tiefstand der Frau ge- schlossen werden dürfte; die gleiche Benennung bezieht sich lediglich auf die gleiche Art des Erwerbes, da beide von außen her hereingenommen wurden. Inner- halb dieser Hausgenossenschaft waren nun die Frauen gemeinsam (Frauenkom- munismus, der sich auch auf Gäste erstrecken kann, ein Verhältnis, dem man den gänzlich unsachlichen Namen „gastliche Prostitution" gab. Gewöhnlich ge- schah der Erwerb der Frauen von außen her dadurch, daß ein jüngeres Mitglied mit den Genossen der Hausgenossenschaft sich ein Weib verschaffte, dies aber nicht für sich allein hatte, sondern mit ihnen und besonders mit dem Oberhaupt der Hausgenossenschaft teilte, eventuell sogar an dieses abgab. Inwieweit inner- halb der Hausgenossenschaft auch der Verkehr mit den in ihr geborenen Mädchen aufrechterhalten wurde, bedarf noch sehr der Untersuchung. Zweifellos galt diese Art von Endogynie aber für die Urzeit. Wo dagegen an Weibern Mangel herrschte, war dieser Mangel nur durch Raub zu beseitigen. Die Hausgenossen zogen dazu gemeinsam aus. Wir werden später sehen, für wie schwierig man diesen Eintritt des Weibes betrachtete, das erst eine ganze Reihe von Zeremo- nien durchmachen mußte, bis es als Mitglied des neuen Verbandes gelten konnte.


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Denn es war damit seinem Ahnenkreis entzogen und die Ahnen um die von ihm geborenen Kinder betrogen. Aber auch der Rechtsbegriff der Horde war verletzt, genau so, wie wenn ein Nichtdazugehöriger in ihr gejagt hätte. Wir dürfen annehmen, daß dieser Weiberraub schon in der Urzeit zur Pflicht der Blutrache führen konnte. Blutrache erscheint aber zumeist ablösbar, dies mußte für den Weiberraub besonders wünschenswert sein, da er ja in jeder Horde vor- kommen konnte oder sogar mußte. Der Raub der Weiber konnte also selbst- verständlich in keiner andern Weise Dauerzustand sein, als es heute etwa der Sklavenraub ist, d. h. er kann nur gelegentlich, wenn aucl der Zahl nach häufig, vorkommen. So ist der Frauenraub wohl nirgends und zu keiner Zeit die einzige Form des Weibererwerbs gewesen, wiewohl er zweifelsohne überall dort vor- gekommen ist, wo heute exogyne oder exogame Verhältnisse bestehen. Eine Kulturstufe, die der „Raubehe" gehuldigt hätte, hat es nie gegeben, wohl aber muß die Notwendigkeit, einer anderen Horde Weiber zu entnehmen, schon frühzeitig dazu geführt haben, dafür eine Form zu finden, die möglichst ohne Kämpfe die Herübernahme gestattet. Dazu gab es verschiedene Möglichkeiten. Das Weib bleibt in ihrem Stamm und der Mann besucht es zeitweise, die Kinder gehören zum Stamm des Weibes; eine Form geschlechtlicher Verbindung, die auch im vorderen Orient eine große Rolle spielte. Ein Spezialfall davon, nach der matriarchalen Seite abgebogen, ist der, daß der Mann ganz in den Stamm des Weibes übertritt, oder doch längere Zeit dort verweilt und für die Horde des Weibes arbeitet (sog. Dienstehe). Oder aber — und das ist der wichtigste Fall — der Mann zahlt gleichsam ein Wehrgeld, genau wie man auch bei einem Mord die Blutrache durch ein Wehrgeld ablösen kann. In der Urzeit war dieses Wehrgeld natürlich in Waren (Jagdbeute, Waffen usw.) zu entrichten, wofür er dann unter Erledigung verschiedener Zeremonien das Weib erhielt. Im Laufe der Zeit vergaß man den ursprünglichen Grund dieser Entschädigung und faßte sie mit dem Wachsen des patriarchalen Gedankens als eine Kauf summe für das Weib selbst auf, d. h. man entrichtete mit der Zeit die Ablösungssumme vor dem Raub. Damit ist auch das Wesen der sogenannten „Kaufehe" zwanglos erklärt. In der Hausgenossenschaft wurzelt aber auch ein Teil der polyandrischen Erscheinungen, besonders jene, bei denen mehrere Brüder zugleich Gatten eines Weibes sind, oder dieses dem Vater und Sohn gemeinsam dient. Daß Polyandrie


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aus Sparsamkeit entstanden wäre, wie manche behaupten, ist natürlich nicht der Fall, wiewohl sie manchmal mitwirken mag, daß sie sich fernerhin erhält. Eine weitere Lösung stellt die sogenannte Gruppenehe dar, derzufolge die eine Gruppe mit den Weibern der anderen Gruppe geschlechtlichen Verkehr pflegt, oder die Weiber gegenseitig entnommen werden. Häufig tritt sie in engsten Zusammen- hang mit dem Totemismus, und es entwickelt sich schließlich die Gepflogenheit, daß nur bestimmte Gruppen miteinander Verbindungen eingehen können, ja daß Verbindungen innerhalb einer Gruppe überhaupt unzulässig sind, so etwa wie bei uns Ehen zwischen den nächsten Verwandten nicht gestattet sind. Der Grund ist das Hereinragen der uterinen Verwandtschaft, auf die wir nachher kommen; in ihr hat sich ursprünglich auch der totemistische Gedanke vererbt. Man verband nämlich ursprünglich die Abstammung mit einem Tiere oder einer Pflanze und benannte sich danach, wie wir oben sahen. Dieses Totemwesen ist aber auch Urheber jeder Fruchtbarkeit, es darf nicht gegessen werden, und An- gehörige des gleichen Totems dürfen sich, wie gesagt, nicht heiraten. Der Grund dieses Gebots ist noch ziemlich verschleiert. Wir kommen nach Erledigung der matriarchalen Entwicklung darauf zurück. Flier diene zunächst ein Schema, das die einfachste Form der Gruppenehe zeigt, bei der nur zwei Untergruppen ge- dacht sind:

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a-Gruppe b-Gruppe


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Es sind also Frauen der a-Gruppe in Verbindung mit den Männern der b-Gruppe und umgekehrt (sie sind ihnen „erlaubt"). Ein anderer Weg, Verbindungsmög- lichkeiten zu schaffen, war das Konnubium, eine Vertragsart, derzufolge Grup- pen, die unter sich abgeschlossen hatten, sich gegenseitig Weiber entnahmen. Auch darauf können wir erst später zurückkommen, da die Konnubien gewöhn- lich erst nach Auflösung der alten Hordeneinteilung in Betracht kommen. Einen ganz anderen Gang nimmt die matriarchale Entwicklung, da für sie eben der Satz maßgebend war: Mutterschaft ist Sacloe der Beobachtung, Vaterschaft der Schlußfolgerung. Wir haben gesehen, daß das patriarchale System sich dar-


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auf gründet, daß der Mann sich in den Besitz des Weibes setzt und so Herr seiner Kinder wird, wobei innerhalb der patriarchalen Hausgenossenschaften von einem bestimmten Vaterschaftsverhältnis keine Rede ist. Das Kind sagt Vater zu allen Männern der Hausgenossenschaft oder, wie Große sie nannte, der Großfamilie. Im matriarchalen Entwicklungsgang ist die Blutsverwandt- schaft klar und das Verhältnis ist ein uterines. Der Entwicklungsgang nimmt aber besonders dort eine scharf umgrenzte Erscheinungsform an, wo das Weib sich frei erhalten hat, aus der rein unterstützenden Tätigkeit innerhalb der Männergesellschaft herausgetreten und zum Ackerbau fortgeschritten ist, was wir oben kurz skizziert haben und unten genauer besprechen werden. In diesem Momente beginnt dann jener eigenartige Kampf, der einerseits zur Bildung von Männergesellschaften mit ihren Männerbünden, andererseits zur — allerdings selteneren — Bildung von Weibergesellschaften führt. Da das ackerbauende Weib selbständiger ist, so löst sich der Zustand der Horde ohne weiteres auf, und der Mann kommt zu ihm, wie wir bereits oben erwähnten und unten näher sehen werden. So wird die Verbindung beider Teile eine besuchsweise. Die Kin- der verbleiben der Gruppe des Weibes und stehen untereinander im Verhältnis der Blutsverwandtschaft. Der Aufbau ist der der uterinen Sippe. Der Verkehr kann aber auch in der Weise stattfinden, daß die Männergesellschaft in ein per- manentes Junggesellentum mit besonderem Klubhaus ausartet, in dem sie von den jungen Weibern besucht wird. Auch dann gehören die Kinder der Gruppe der Mutter. Die Knaben gehen, wenn sie groß geworden sind, in den Männer- bund der mütterlichen Gruppe über. Wo sich die Männer- und Weiberbünde aufgelöst haben, kann aber trotzdem die matriarchale Entwicklung fortschreiten und nimmt dann zwei Formen an. Das Weib haust innerhalb ihres Stammes in ihrer eigenen Wohnung und wird da von den Männern besucht. Die zweite Form ist bereits eine bestimmte Art von Ehe, bei der eine Gruppe von Männern ganz in die Gruppe und die Behausung des Weibes übergeht, so daß eine weib- liche Hausgenossenschaft von polyandriscloem Charakter entsteht. Auch in diesen beiden Fällen gehören die Kinder der Deszendenz der Muttergruppe an. Auf diesem Boden baut nun die Ehe auf; sie ist erst denkbar, wenn der Einzel- persönlichkcit der Besitz des Weibes (respektive Mannes) durch die Allgemein- heit garantiert wird. Das Durcheinandergreifen patriarchaler und matriarchaler


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Entwicklungskreise einerseits und das Fortbestehen der Agamie neben der Ehe andererseits erschwert die Darstellung sehr. Von eigentlicher Ehe kann nur dort die Rede sein, wo wir es mit einer an sich dauernden (wenn auch leicht trenn- baren) Verbindung zu tun haben, die durch bestimmte Riten abgeschlossen wird. Neben ihr bestehen dann Verhältnisse fort, die aus der matriarchalen Agamie herüberragen, oder auch die Jugend lebt unter sich agam, während das spätere Alter Ehebündnisse eingeht, oder die breitere Menge lebt in einem mehr agamen Verhältnis, und nur die Vornehmeren und Reichen schließen festere Bündnisse. Am deutlichsten sehen wir dieses Fortbestehen alter Formen bei Australiern und Indianern. Wir betreten damit ein sehr schwieriges Gebiet, denn man hat zweifelsohne diesen australischen und indianischen Sitten viel zu große Bedeu- tung beigemessen, ja es so hingestellt, als seien diese z. T. überaus komplizierten Formen einmal Gemeingut der Menschheit gewesen. Das ist sidierlich nicht der Fall. Gerade die australischen Gepflogenheiten im Sexualleben müssen unbedingt als eine Spezialenlwicklung aufgefaßt werden, der sicherlich eine Allgemein- bedeutung nicht zukommt. Außerdem kann ich mich des Eindrucks nicht erweh- ren, daß sowohl bei Australiern wie Indianern viel falsch beobachtet oder doch künstlich komplizierter gemacht wurde, als es wirklich ist, so daß man vielleicht sogar sagen darf, es gab eine Zeit, in der geradezu Unfug mit diesen Geschlechts- bindungen in der Wissenschaft getrieben wurde. Im Nachfolgenden soll aber doch der Versuch gemacht werden, wenigstens die Hauptlinien dieser Verhält- nisse darzustellen, weil sie für geschlechtliche Verbindungen an sich interessant sind. Da haben wir zunächst die australische Gruppenehe, die von der Jugend und bei festlichen Gelegenheiten von agamischen Zuständen durchbrochen wird. Jeder Stamm zerfällt dabei in mindestens zwei Gruppen, deren sich jede wieder in die Männer und die Weiber, die für sich getrennte Verbände darstellen, glie- diert. Nun war es die erste Regelung dieses System, daß die Manner der einen Gruppe mit den Weibern der anderen verkehrten und umgekehrt. Die- ser Verkehr stellt sich dann in einer Art Ehe in drei Entwicklungsstufen dar. Zunächst war er frei, alle Männer der einen Gruppe waren die Gatten der Frauen der andern, dann wurde der Verkehr nicht mehr durchgehend wirk- lich vollzogen, obwohl das Anrecht blieb, und selbst dieses schrumpfte schließ- lich dahin ein, daß der Mann seine Weiber immer nur aus der andern Gruppe


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holte. 1 ) Wir haben also folgendes Schema, das noch dem oben gegebenen ähn- lich ist:

Stamm X


I

Gruppe A

A


Gruppe B B


Diese Teilung erweitert sich jedoch sehr bald, und zwar aus verschiedenen Grün- den. Einer der wichtigsten war die Einführung von Generationen. Durch Herein- ragen der matriarchalen Entwicklung in diesen Hordenbegriff wurde die Tochter von A und 23 der B-Gruppe zugewiesen und hätte so geschlechtlich mit ihrem Vater A verkehren können. Um dies zu vermeiden, schuf man ein neues System, die Altersklassen, bei dem die Kinder jeder Generation eine Gruppe für sich bildeten, die sich wohl unter sich geschlechtlich verbinden konnte, nicht aber mit der Generation ihrer Eltern. So erhalten wir folgendes Schema:

Stamm Y


I Gruppe A

Generation i l I


Generation \ a 11 \%



Gruppe B

Kl | Generation 25j I


a | Generation 2,1 II


Es gehören also die Kinder von A< 23t zur z. Generation, ebenso die von Bi und Sit. Es heiraten sich A» 23* und B« 31», und ihre Kinder werden nun wieder der i. Generation zugewiesen.

Betrachten wir ein praktisches Beispiel, z.B. die Einteilung des Kamilaroistammes: Es bilden also die Männer jeder Gruppe wieder Untergruppen nach Genera- tionen, die eigene Namen tragen; desgleichen ist das bei den Frauen der Fall.


') Hier und in folgenden Schemen sind die Männer stets mit lateinischer (Antiqua), die Frauen mit deutscher ßraftut) Schrift bezeichnet


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Das Weib bei den Naturvölkern


K a m i 1 aro i


I Gruppe A

Generation j Murri I 1 Wafya


1


Gruppe B

Generation I


Kumboi Sutba J


Generation I Kubbi ■ "—==-— ==11117" Ipa ' ! Generation

II lÄubbota ■ 3pata | II

Damit ist aber die Entwicklung der Gruppenehe nicht abgeschlossen. In diese

Heiratsklassen schneidet nämlich fernerhin der Totemismus ein. So gibt es bei

den Kamilaroi sechs Torems. Wie oben erwähnt, darf aber innerhalb eines

Totemverbandes eine Ehe nicht geschlossen werden, und so bleibt nichts

anderes übrig, als das Schema auch totemistisch zu gliedern; da nun je drei

Totemgruppen sich zu einer Phratrie vereinen, die sich mit unsern Gruppen A

und B decken, so werden sowohl die Männergruppen jeder Generation wie die

der Weiber in Unterabteilungen getrennt. Diese Totems sind nun bei den

Kamilaroi:


I. Dilbi

1. Duli (Leguaneidechse)

2. Murriira (Padymalon)

3. Mute (Opossum) Wir erhalten also folgendes Schema:

Kamilaroi


II. Kupat him

1. Dinoun (Emu)

2. ßilba (Bandikot) 2. N u r a i (Schwarzschlange)


I I. Phratrie: Dilbi


Generation I


Murri


OTatba


Duli j Murriira l Mute

f öu(i \ OTurriiro { 3JTute


II. Phratrie: Kupat him

Dinoun

Kumbo |

} Generation I


Bilba Nurai


©inoun

Silba

iflurai


Sutba


Generation II {


Kuppi


ftuf>bota<


Duli j Murriira l Mute

©uli

IRurriira

Sflufe


Dinoun

Bilba

Nurai

£>inoun

Silba

3turai



Generation II


257


Das Weib bei den Naturvölkern


Heiratet nun ein Murri eine Sutfya aus dem Totem 2>inoun, und etwa eine aus dem Totem ifturat, so werden die Knaben aus diesen Ehen wie oben Ipai, die Mädchen %pata, aber das Kind der 33utf)a SMnoun bleibt im Totem 3)tnoun, ebenso wie das des Totem üfturai in diesem. Diese Entwicklung wird natürlich noch komplizierter, wenn man es nicht mit Zweiteilung zu tun hat, sondern noch weiter verzweigte Einteilung statthat. Für unsere Zwecke mag aber das Angeführte genügen. In jener Zeit nun, in der die Männer der einen Gruppe mit den Frauen der anderen Gruppe verkehrten, entstanden z. T. die Namen für die nächsten Verwandtschaftsbeziehungen. Da es bestimmte Väter dement- sprechend nicht gab, so bezeichneten die Kinder alle Männer der einen Gruppe mit „Vater", alle Frauen der andern Gruppe mit „Mutter", alle Brüder dieser Frauen mit „Onkel", sich selbst aber betrachteten sie als „Geschwister". Für die Männer der einen Gruppe waren dann die andern „Schwäger"; der Bruder der Mutter ist also immer zugleich Ehemann der Schwester des Vaters. Die Vor- schriften gelten unter allen Umständen, und ihre Verletzung wird oft sogar mit dem Tode bestraft.

Eine tatsächliche Gruppenehe herrscht noch bei dem Urabunnastamm; hier hat in Wirklichkeit eine Gruppe von Männern eheliche Beziehungen zu einer Gruppe von Weibern. Weitaus bei den meisten Stämmen aber bestehen diese Beziehungen nicht mehr wirklich, sondern de iure. So haben bei den Port-Lincoln-Stämmen die Männer der einen Gruppe das Recht, mit den Frauen der andern zu ver- kehren; in Südaustralien bestehen die männlichen Klassen Kumite und Kroki neben den weiblichen Äumitegor und $rofegor. Jeder Kumite ist nun z. B. de iure Gatte von jeder ßrofegor, doch nimmt er in der Praxis eben nur so viel Weiber, wie er erlangen und halten kann. In ihrer weiteren Ausdehnung führen diese Gebräuche zu einem Ehesystem, das wir besonders deutlich bei den Dieri beobachten können. Hier steht nämlich eine Gruppe von Männern zu einer Gruppe von Weibern in einem Verwandtschaftsverhältnis, das man als „noa" bezeichnet, d. h. die Angehörigen der einen Gruppe sind die möglichen Gatten der Angehörigen der anderen Gruppe. Diese Verwandtschaft wird äußerlich da- durch begründet, daß die reich bemalten Mütter zweier Kinder diese einander in die Ehe versprechen. Man nennt sie Tippa-malku, und als Zeichen, daß solche Versprechungen gemacht wurden, werden die Nabelschnüre der beiden Kinder


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Das Weib bei den Naturvölkern


mit Emufedern und verschiedenen farbigen Schnüren zusammengeknüpft. In dieses System greift nun ein zweites hinein, das die Dieri Pirrauruverwandtscliaft nennen. Jede Tippa-malku-Frau eines Mannes ist berechtigt, mit einem anderen Manne in geschlechtlichen Verkehr zu treten. Dieser Mann kann nun stets seine ehelichen Rechte auf seine Pirrauru ausüben, wo immer er sie trifft; d. h. wenn ihr Tippa-malku-Gatte abwesend ist. Er vertritt dessen Stelle und nimmt sie solange unter seinen Schutz. Hat nun ein Mann zufällig in seinem Lager eines seiner Tippa-malku- Weiber und seine Pirrauru, so hat ersteres den Vortritt, was sich besonders in der Lagerordnung ausdrückt. Er schläft dem Feuer zunächst, dann folgt die Tippa-malku und dann die Pirrauru. Ein ähnliches Bild wurde für die Gruppenehe der Indianer entworfen, von andern allerdings bestritten. Es würde sich danach die Gruppierung, in die sich die nordamerikanischen In- dianer auf Grund der Ehe teilen lassen, auch sonst mit den kulturellen Verhält- nissen decken. Die erste Gruppe umfaßt jene Stämme, bei denen sich die Gruppen- ehe mehr oder weniger rein erhalten hat, es haben also verwandte Männer hier Frauen und Kinder, verwandte Frauen Männer und Kinder gemeinsam, d. h. es verheiraten sich alle Männer eines Eheverbandes mit allen Mädchen eines anderen, ohne daß dabei ein Mann an ein bestimmtes Weib gebunden wäre. Meistens herrscht hierbei Mutterrecht, so daß dann die Kinder zum Clan der Mutter ge- hören. Nehmen wir beispielsweise an, A» Ai A» wären drei Söhne des Clanes A und 23» 23» 23» drei Töchter des Clanes B, dann würden die Kinder der von ihnen geschlossenen Gruppenehe zu allen Ai Vater, zu allen 23» Mutter sagen, und alle A» würden diese Kinder als die ihrigen betrachten, da ein bestimmter Vater ja nicht zu ermitteln ist. Wäre das System streng durchgeführt worden, dann hätten, wie bei Australiern, sich unbedingt auch Eltern und Kinder begatten müssen, was vielleicht ehedem auch vorkam. Es wurde aber Regel, daß niemand in den Clan sich verheiraten kann, aus dem er stammt. Sind z. B. A» A» A» und 2Ii 21» 2Ii An- gehörige der Familie A, B» Bi B» und 93» 33» 33» Stammesangehörige der Fa- milie B, und verbinden sie sich in Gruppenehe mit mutterrechtlichem Einschlag, dann werden als Söhne As As As und Bs Bs Bs und als Töchter 21s 21* 21» und 93s 23s 23s aus diesen Geschlechtsverhältnissen entspringen. Jetzt können dann die As und 21* weder in die Familie A noch in die Familie B heiraten; sie ■müssen also von einer dritten Familie C aufgenommen werden. Es heiraten sich


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Das Weib bei den Naturvölkern


dann A» A» A» und @> G>> (£», und diese gelten nun zugleich auch als Gattinnen von A» Ai Ai (den Vätern der A» A' An, so daß also geschlechtliche Verbindung mit den Schwiegertöchtern besteht, worauf wir schon oben hingewiesen haben). Ihre Kinder werden C» C» O und 6» Gl» Gl» sein, die sowohl zu einem Ai wie allen A» Vater sagen. Auch auf diese Generation wirkt das Gesetz weiter, denn die C» und Gl» können weder in die Familie A und B noch C heiraten. Sie wählen deshalb ihre Ehegenossen aus einer Familie D, aus der sich die O alle Mädchen 2)» holen, deren Kinder D« und S)« sind. Auch jetzt gelten alle A», A», A» mit den Frauen 33', Gl*, ©» verheiratet und die Kinder sind gemeinsam. Es herrscht also in einer solchen Hausgemeinschaft völlige Weiber- und Kinder- gemeinschaft. Wir erhalten also folgendes Schema eines Zweiges aus der mutter- rechtlichen Gruppenehe mit 4 Generationsstufen:


Gruppe A


Gruppe


B


Gruppe C


Gruppe D


A, 21,

1


»,


B,

_|



c,


(£ 2

1







1 81.



~~ 1

A 2

l





~~ 1






r~ Ö 3




1

c 3

1


D 3 ©s

l






1 ©*


1 D 4


Erst mit der 4. Generation erlischt das Gesetz, so daß z. B. ein A« sich mit einer 33» verheiraten kann, während die Kindergemeinschaft auch hier fortbesteht und alle A«, A», A«, A« z. B. als Väter von SB» und alle 33«, S», &, $ti als deren Mütter gelten. Auf diesem Standpunkt, d. h. der Einteilung nach Generationen, wären der große Stock der Dakota-Sioux und Assiniboin, die Obermissouri- indianer (Mandan, Hidatsa [Minitari, Großventre], Apsarokas oder Crow) und die Biloxi und Arapaho gestanden. Bei vielen anderen Stämmen hingegen hielt sich das Mutterrecht nicht, und im Gefolge des Vaterrechts verschwand die Weibergemeinschaft im System, obwohl den stammverwandten Männern der


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Das Weib bei den Naturvölkern


Gatten (eventuell auch Gästen) geschlechtlicher Verkehr mit der Frau gestattet war, so daß nur die Gemeinschaft der Kinder blieb. Es sind das die Missouri- stämme und Winnebägos.

Neben der Gruppenehe besteht oder bestand noch in historischer Zeit als alter Rest vielfach noch die matriarchale Eheform weiter, deren schönstes Beispiel die



Zeichn. XV. Eskimos, eine Hütte bauend

Araber der Wüste lieferten. Der Mann kommt als Besucher zum Weib. Der freie Verkehr, den dieses dadurch hat, heißt zinä und ist eine Art von Poly- andrie. In seiner Durchbildung zur eheartigen Verbindung nimmt er zwei For- men, die sadiqa- und die mot'a-Ebe, an. Diese der ältesten arabischen Zeit angehörigen Formen ragen bis in die Kulturperiode des Altertums hinein, und noch Mohammed mußte sich mit ihnen abfinden. An sich war die mot'a-Form von unbegrenzter Dauer, konnte aber je nach Wunsch auch nur ganz kurze Zeit währen. Das Weib bekommt für sein Entgegenkommen eine Gabe. Ebenso wird die sadiqa-Form durch eine Gabe besiegelt; Weib und Kinder verbleiben


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Das Weib bei den Naturvölkern


dem Stamme der Mutter; diese bleibt in ihrer Behausung wohnen und wechselt auf keinen Fall ihren Stamm. Von besonderem Interesse ist, daß sie in später Zeit noch die eigentliche Eheform der Araber, die patriarchale Ba'alsehe durch- bricht, da die Frauen sie in Abwesenheit ihrer Männer mit anderen Männern abzuschließen pflegten. Der matriarchale Grundzug ist in der ganzen arabischen



Zeichn. XVI. Querschnitt und Längenschnitt einer Eskimohütte

Welt überall zu bemerken. So bezeichnet das Wort für Mutter zugleich Volk und Stamm, das für Bauch und Unterleib Geschlecht und Stamm, das für Brust aber Verwandtschaft — da die Milchverwandschaft der uterinen gleichstand'). Ja, es hat sich sogar eine rein matriarchale Vollehe erhalten, die beena-Ehe, die der nebt-t-pa-Ehe der Altägypter usw. entspricht. Dabei behielt die Frau volles Verfügungsrecht über sich selbst und hatte damit auch das Recht der Scheidung.


') Darüber mehr in: v. Reitzenstein, Liebe und Ehe im alten Orient. Stuttgart 1909, S. 44 ff.


262



Abb. 131. Metallschmuck.

Oben: Djempang, Makassar, zum Bedecken der Ge- schlechtsteile kleiner Madchen Unten; Tjitjing Fuß- ring aus Messing, von Kindern aus niederen Ständen

getragen (Süd-Celebesl. Museum f. Völkerkunde, Dresden.



Abb. 134. Eskimoweiber im Winterkostüm.

Bull, of the americ. Mus. of Nat. History.



Abb. 132. Hüttgürtel einer Frau aus Parfümprlanzen (Manoba-Mindanäo).



Abb. 13 3- Eskimo-Weibermaske (Kwikpagmiut).



Abb. 13 5. Weib mit Doppelschurz (vä hi), Anachoreten.

Nach Godefroy-Album.


263



Abb. 136. Junge Hottentottenmädchen (Südafrika).


Originalaufnahme von Speer in Aus.


264



Abb. 137. Kastration und Penishalsbänder bei den Kaffern.

Nach Lindschotten.



Abb. 138. Dayakfrauen.


265



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Abb. 139. Kaffern-Mischling.




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Abb. 140. Kaffern-Mischling im europäisch- moralisierenden Phantasie-Kostüm.



Abb. 141. Buschweib.

Phot. G. Fritsch.


Abb. 142. Queensländerin (Queensland Belle).


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Das Weib bei den Naturvölkern


Der Abschluß dieser Ehe war wie bei allen matriarchalen Eheformen sehr ein- fach; der Mann stellte sich mit dem Worte Khitb = „Freier" vor, und das Weib antwortete, — wenn es darauf eingehen wollte: nikh = „ich heirate". Zweifelsohne wurden derartige Eheformen dort besonders deutlich erhalten, wo das Weib Erbtochter war. Aber dies mußte gar nicht erforderlich sein, bei vielen Stämmen war und ist es im Prinzip notwendig, daß eine Ehe gar nicht anders eingegangen werden kann, als daß der Mann vollständig in den Stamm der Frau übergeht und dort oft ein recht bescheidenes Dasein fristet. Folgerichtig ist dies zumeist bei ackerbautreibenden Völkern der Fall, so besonders bei den Malaien. Man nennt diese Art der Eheschließung auf Sumatra: ambil anak. Sie wird überall durch das patriarchale System zurückgedrängt, allein der uterine Sippenbegriff wurzelt zu tief, und so bedarf es meist nicht nur großer Ab- lösungen, wenn der Mann Weib und Kinder bekommen will, sondern vor allem auch sehr umständlicher Gebräuche, um das Weib in den Stamm des Mannes zu bringen. Auf diese kommen wir nachher. Die Ablösungen werden zumeist durch Konnubien geregelt. Da wir oben die Malaien zitierten, wollen wir zunächst deren Ablösungsmöglichkeiten betrachten, obwohl sie heute zu den Halbkultur- völkern zählen. Hier existieren zwei Eheformen, die diesem Bestreben dienen: die djudjur-Form, bei der der Mann das Weib kauft, und die semando-F orm, bei der er durch Vergleich sich dahin einigt, daß beide Ehegatten gleiche Rechte besitzen, insbesondere die Kinder gemeinsam haben; auch hier hat der Mann ein Geschenk zu geben. Zweifelsohne haben wir auch in der Couvade oder dem Männerkindbett, dessen wir in diesem Buche mehrfach gedenken müssen, z. T. ein solches Bestreben vor uns. Das Weib, das in einen anderen Stamm übergeht, setzt sich, wie wir sehen werden, der Rache der Ahnen seines Stammes aus, da es diese um die Kinder betrügt. Deshalb vollzieht der Mann die Wochenbett- zeremonien und gibt so nach außen zu erkennen, daß er die Kinder durch Rechts- akt übernimmt. Thurston schildert diesen eigenartigen Vorgang z. B. von den indischen Kukk in Gopala. Der Gatte läßt sich von seinem Weibe die ungefähre Zeit des Wochenbettes sagen und wartet dann die Niederkunft ab. Sobald diese vollzogen ist, geht er auf drei Tage zu Bett und nimmt Medizin, bestehend aus einer Brühe von Hühner und Hammelfleisch, gewürzt mit Ingwer, Pfeffer, Zwiebeln, Knoblauch usw. Er trinkt Arak und ißt so gut, wie er es nur er-

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Das Weib bei den Naturvölkern


möglichen kann, während sein Weib gekochten Reis mit sehr wenig Salz erhält, weil man fürchtet, daß durch mehr Salz Krankheit entstehe. Es ist besonders ein Mitweib, das ihm behilflich ist, während der Gatte nichts tut, außer essen, trinken und schlafen. Die Kleider des Gatten, des Weibes und des Mitweibes werden einem Wäscher gegeben, damit er sie am vierten Tage wäscht, und die Personen selbst unterziehen sich Reinigungszeremonien. Danach gibt die Familie dem Kastenvolk ein Essen, das das mit der Geburt des Kindes verknüpfte Zere- moniell beendet. Die weitaus wichtigste Form der Ablösung war aber der Kauf, sei es in Form von Diensten, die der Mann dem Vater oder der Familie des Mädchens leistet, sei es in einer an diese zu zahlenden Summe in barem Gelde oder in Wertobjekten. Der Frauenkauf ist in direkter oder abgeblaßter Form die verbreitetste Eheschließungsart und liegt, wenn auch fast unkenntlich, auch unserer Eheschließung zugrunde. Die Dienstehe haben wir sehr deutlich bei den überaus primitiven Seriindianern am kalifornischen Golf. Der Bursche geht, nachdem die Weiber es gestattet haben, in den Clan des Mädchens über und muß dessen ganze Familie samt etwaiger Krüppel und InvaÜden ernähren, wo- bei er seine Geschicklichkeit im Jagen, Fischen usw. zu zeigen hat. Dabei muß er seinem Weibe gegenüber völlige Enthaltsamkeit üben, während dieses von den Clanburschen des Bräutigams die allerintimsten Aufmerksamkeiten emp- fangen darf. Diese Zeit dauert ein Jahr. Ein anderes Beispiel geben die Sulka von Neupommern (Melanesien). Hier herrscht Mädchen wähl. „T'el ka ngaung mang" =„Sie legt ihr Herz auf den Mann ihrer Wahl". Das Mädchen teilt dabei ihre Empfindungen ihrem Vater mit, der ihr antwortet: „Warte, wir werden ihn einladen, um für dich zu arbeiten." Nimmt der Jüngling die Wer- bung des Vaters an, so ist er verpflichtet, ihm bei der Arbeit zu helfen. Im allgemeinen kann der Mann so viele Frauen kaufen, als er zu bezahlen und zu erhalten vermag, denn wir dürfen sagen, daß vier Fünftel der Erde polygam leben dürfen und bei dem anderen Fünftel die Monogamie nur eine gesetzliche Forderung darstellt, die wohl die Polygamie, nicht aber die Polygynie aus- schaltet. Bei der eigentlichen Polygamie stehen die verschiedenen Weiber in gleichem Rang, und zumeist muß der Mann jedem Weibe eine eigene Hütte oder ein eigenes Zelt bauen, das es für sich bewohnt und in dem es vom Manne besucht wird. Auch hier sehen wir wieder den Ursprung aus matriarchalen Ver-


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Das Weib bei den Naturvölkern


hältnissen. Schon darin liegt der Grund, daß Polygamie meist sehr teuer ist und deshalb in der Praxis zurücktritt, sobald die betreffenden Völker durch kulturelle Entwicklung eine kostspieligere Haushaltung und eine schwierigere Lebensunterhalts-Erwerbung durchführen müssen. An sich ist die Polygamie nicht zu verurteilen; daß man ihr bei uns feindlich gegenübersteht, liegt in der christ- lichen Ethik begründet; aber es werden nur sehr wenige Menschen zur wahren Monogamie kommen, und unter diesen wieder nur ein Bruchteil zur dauernden wahren Monogamie. Die Zahl der Frauen ist sehr verschieden und wird außer- dem, wie das in der Natur der Sache liegt, von den verschiedenen Beobachtern recht verschieden angegeben. So nehmen die grönländischen Eskimos bis 4 (in Einzelfällen bis n) Frauen, die Thompsonindianer 2 bis 4 (in Einzelfällen 7 bis 8), die Tlinkit bis 5, die kalifornischen Karok und Yurok leben meist mono- gam, die Omaha bis 3, die Mandan bis 4 (ihre Häuptlinge 8 bis 14), die Huronen- häuptlinge bis 14, die Australier von Queensland 2 (selten 3 bis 4, und Leute mit 6 Frauen sind bereits Gegenstand des Neides), die Zentralaustralier selten mehr als 2, usw. Der Preis, der für ein "Weib entrichtet wird, ist sehr ver- schieden. Für ein Hupamädchen werden 30 bis 100 Dollar bezahlt, der Ara- pahoindianer gibt bis zu 10 Pferde, während uns von den Mandan erzählt wird, daß es üblich war, 2 Pferde, 1 Flinte mit Munition für ein Jahr, einige Quart Branntwein und eine Anzahl Pfriemen zu bieten. In Afrika bezahlen nach Müller-Lyer die Hottentotten 1 Ochsen und 1 Kuh, die Kruneger 3 Kühe und 1 Schaf, die Kaffern 6 bis 30 Stück Rindvieh, die Bongo 20 Pfund Eisen und 20 Lanzenspitzen, die Togoneger 16 Dollar und 6 Dollar in Waren, die Gallina 40 bis 60 Mark. Für eine Häuptlingstochter in Kamerun gibt man den Wert von 6000 Schilling, für eine einfache Freie 2000 Schilling, für eine Sklavin bis zu 800 Schilling. In Asien — also bei Nomaden — hingegen erscheinen die Preise sehr hoch: Kalmücken, Kirgisen und Tataren zahlen bis zu 90 vierjährige Pferde, 90 vierjährige Schafe und 90 vierjährige Kamele, die Tungusen bis zu 20 Renntiere, die Turkmenen für ein junges Mädchen 5 Kamele, für eine Witwe aber jo. In den meisten Frauen ist eine Frau Hauptfrau, oft die zuerst ge- nommene, manchmal auch die, die das erste Kind, zumeist den ersten Sohn geboren hat, während die anderen Frauen Nebenfrauen sind. Besonders inter- essant ist eine Notiz Merkers über die Masai: „Der Verheiratete hat im ganzen

15* 269


Das Weib bei den Naturvölkern


5 bis 6 Frauen, reiche Männer haben außerdem noch einige Nebenfrauen, mit denen sie rechtlich nicht verheiratet sind. Die Nebenfrauen ergänzen sich aus Witwen, die sich nicht wieder verheiraten dürfen oder sich noch nicht wieder verheiratet haben und in ihrer Stellung als Nebenfrau eine dauernde oder vor- übergehende Versorgung sehen." Das Alter liegt bei Naturvölkern sehr früh, und das Weib verblüht dementsprechend sehr schnell; so erfahren wir von den Weibern auf Borneo, daß sie schon mit 20 Jahren aufhören, Kinder zu be- kommen. Die Mädchen werden verheiratet bei den:

Eskimos im Alter von 8 — 10 Jahren,


Thompsonindianern Maidu (Kalifornien) Omahaindianern Mandanindianern Foxindianern . . g ' Delawaren . . . Paraguayindianern




Abiponen

Indianern von Brit.-Guyana Feuerländern


3




Australiern . . . Viktoriagebiet . . Arunta (Australien) Neukaledoniern Maori .... Gilbertinsulanern . Sudannegern . . . Nord-Guinea . . Vey-Negern . . Mandingo Somali .... Kaffern .... Betschuanen . . .


33 33


17—18


33 33


10 — 15 „


33 >3


20 „


33 33


II »


JJ 33


16 „


>3 33


14


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>) »)


19 — 20 „


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3) 53


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33 33


13 ..


33 33


14 >•


33 33


12 — 13 „


270


Das Weib bei den Naturvölkern


Herero im Alter von i 2 Jahren,

Hottentotten „ „ „ 8 — 9

Buschleuten » » » 7

Madagassen „ „ „ 10




Mincopie (Andamanen) Vedas (Südindien) . .

Borneo

Malaien

Samojeden .... Tungusen ....

Ostjaken

Wotjäken ....


>> >>


)) >>


9

7— 9

8- 9 14—15

ro

12

10

22—23


usw.


Wir sehen also, was man logischerweise auch gar nicht anders erwarten kann: die Ehe ist ein soziales Institut, das nicht etwa zur Regelung des Geschlechtsver- kehrs auf einer ethischen Basis entstand. Der Geschlechtsverkehr ist in ihr lediglich auch vorhanden, weil er im allgemeinen nirgends fehlt, wo Mann und Weib länger zusammen leben. Dementsprechend paßt sich die Ehe als soziale Erschei- nung stets den allgemeinen sozialen Verhältnissen an; sie kann also bei primi- tiven Wirtschafts- und Kulturverhältnissen nicht die höchste Stufe ihrer eigenen Entwicklung gehabt haben. Daß sich diese „paradiese Idee" gerade hier so vielfach zum Ausdruck bringen läßt, liegt viel an der Unklarheit des Begriffes „Einehe". Die Vertreter ihrer ursprünglichen Gültigkeit lassen den Begriff sicht- lich gerne im Dunkeln. Wenn ich bei einem Volke selbst fast alle Männer finde, die mit einem Weibe die Ehe eingehen, so darf ich nicht sagen, daß das Volk monogam lebt, denn dann wären auch die islamitischen Völker monogam; man kann bekanntlich in der Türkei lange reisen, bis man einen Türken mit mehr als einer Frau trifft. Es gehört dazu vielmehr, daß bei diesem Volke ein Gesetz durchgeführt wird, daß jeder nur ein Weib haben darf. Aber auch damit wäre die Ursprünglichkeit der Monogamie nicht bewiesen, man könnte dann höchstens vom Abschluß einer kulturellen Reihe sprechen. Es müßte vielmehr zu dieser Feststellung noch der Nachweis geführt werden, daß mindestens die weitaus größte Zahl aller Männer auch keinen Trieb zum außerehelichen Verkehr


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Das Weib bei den Naturvölkern


empfindet; erst dann hätte man das Recht, von einer Ursprünglichkeit des mono- gynen Wesens zu sprechen. Wer also von einer monogamen Veranlagung des Menschen sprechen will, muß es als vererbten Instinkt erweisen, daß der Mensch sich von Haus aus nur mit einem Weibe paarte und mit diesem die Pflege des Nachwuchses (Brutpflege) durchführte und dabei seinen Geschlechtstrieb natur- gemäß entspannte. Wer aber die Monogamie als eine ganz frühzeitige Regelung des Geschlechtstriebes erweisen will, muß wenigstens den Versuch machen, die Motive zu diesem für eine Frühzeit als Anachronismus erscheinenden Momente zu erweisen, und die Möglichkeit eines Verbotes mehrfacher Paarung zu erhärten suchen. Beides ist nicht nur nicht zu erweisen, sondern gänzlich unwahrschein- lich. Von einer monogamen oder auch nur monogynen Veranlagung des Mannes zu sprechen ist geradezu widersinnig. Die Motive zu solchen Behauptungen liegen ja auch schließlich niemals in rein wissenschaftlichen Bestrebungen, sondern in politischen Momenten, wie sich in jedem Einzelfall zeigen läßt. Niemand wird aber bezweifeln wollen, daß der Mensch gerade in der Zeit seiner Abzweigung zu den Herdentieren zu zählen war, denn darin liegt eben die Wurzel seines Werdeganges. Steht er aber auf diesem Standpunkte, dann muß er auch gerade für sein Geschlechtsleben von dem der Herdentiere ausgehen und gelangt so am selbstverständlichsten zum agamischen Geschlechtsleben, bei dem die Brutpflege der Herde obliegt, womit eine der ersten Domestikationserscheinungen verbunden ist, die den Gang der kulturellen Entwicklung einleiten. Durch die Ehe wird das Weib als Besitz behandelt, denn es wird einem Manne vorbehalten; sie wird also am zwanglosesten durch die an sich widerrechtliche Wegnahme von Weibern aus anderen Horden erklärt, weil allein dadurch der Übergang des Weibes in persönlichen Besitz denkbar ist. Je nachdem nun die wirtschaftlidien Verhält- nisse sich zum Ackerbau oder zum Nomadentum weiter entwickelten, wurde auch die Art des Weiberbesitzes getroffen. Bei Ackerbauvölkern ist das Weib ein viel stärkerer wirtschaftlicher Faktor, weil es daran in erster Linie beteiligt ist und einen großen Teil der wirtschaftlichen Verantwortung trägt; es wird sich also von selbst eine größere Freiheit behalten und größere Forderungen stellen können. Bei Nomaden ist das nicht der Fall, da sich kein wirtschaftliches Moment mit dem Leben des Weibes verknüpft; es ist bedeutungslos und wird mehr zum Spielzeug des Mannes. Das Leben der Ackerbauer entspricht auch


272


Das Weib bei den Naturvölkern


der Physiologie des weiblichen Organismus, in dem der Kontrektions trieb vor- herrscht, viel mehr; die Seßhaftigkeit garantiert ihm in ganz anderer Weise die Entfaltung seiner weiblichen Tätigkeit und macht es vom Schutze des Mannes weniger abhängig. So war auch nur bei Ackerbauvölkern die Entwicklung zur wahren, auf bestimmten Gesetzen beruhenden Monogamie möglich, die aber auch hier stets nur einen Ausnahmezustand darstellt, auch bei Völkern, die sie gesetz- lich durchgeführt haben. Sie fällt also ganz außerhalb der Betrachtung des Weibes bei den Naturvölkern. Gerade das Auftreten von Monogamie bei Natur- völkern — wenn überhaupt richtig beobachtet ist — bestätigt unsere Meinung, denn es handelt sich hier um eine Degenerationserscheinung. Wenn nämlich be- richtet wird, daß einige Pygmäenvölker monogam leben, so fehlt einerseits die exakte sexualwissenschaftliche Durchforschung dieser Erscheinung (eine sta- tistisch-ethnographische genügt hier nicht), und andererseits haben wir es gerade hier ausgesprochen deutlich mit einer kulturellen Degeneration dieser Völker zu tun. Alle Pygmäen sind degeneriert, wenn auch nicht somatisch — was sicherlich nicht der Fall ist — sondern kulturell, wie sie ja alle in ein kulturvernichtendes Milieu zurückgedrängt sind. Verarmungserscheinungen bringen aber von selbst stets gerade in bezug auf das Geschlechtsleben die größten Einschränkungen mit sich. Wer also in der sog. „Einehe" der Weddah die ursprüngliche Form des menschlichen Paarungslebens sehen will, müßte zeigen, daß sie tatsächlich absolut besteht, und vor allem, daß sie vor Urzeiten bestanden hat. Diesen Beweis hätte er zu erbringen, weil er zugeben muß, daß die Weddah in ihrem heutigen Zustand in einer Periode absoluter kultureller Degeneration leben, denn sie haben gar keine eigene Kulturwelt und stehen jedenfalls tiefer als der Mensch des Paläolithikums, selbst des früheren. Er müßte zeigen, wie sich physiologisch das ganze Triebleben mit seinen innersekretorischen Vorgängen zu dieser Erscheinung verhält. Auf Grund unseres heutigen Wissens kann man bestimmt sagen, daß der Mensch, hätte er von Anfang an nur in Einzelpaaren das Leben von Ein- siedlergruppen geführt, nicht viel über die Stufe des Gorilla hinausgekommen wäre. Das Zusammenleben in Horden war es eben gerade, das ihn einen anderen Weg gehen ließ, der zu kulturellen Erscheinungen führte, und innerhalb solcher Verbände mußte der Detumeszenztrieb des Mannes von allen Weibern, die einen geschlechtlichen Reiz auf ihn ausübten, angeregt werden. Wo dann aber bei der


273


Das Weib bei den Naturvölkern


Möglichkeit, ihn zu befriedigen, die stetigen Hemmungen hergekommen wären, ist gar nicht einzusehen. Diese Hemmungen sind eben auch nur wirtschaftlich gerade durch die Degeneration zu erklären. Jedenfalls ist die Westermarcksche Behauptung, die monogame Veranlagung sei angeboren und wurde durch die Erziehung zerstört nicht nur das Unbewiesenste, was sich denken läßt, sondern auch das Unbegründetste, wie er ja auch gar nicht versucht, dieses Schlagwort irgendwie physiologisch zu begründen, was er tun müßte, da er damit aus dem Gebiet der kulturellen Forschung in das der naturwissenschaftlichen übergreift. Nicht unerwähnt wollen wir noch jene lockeren Verbindungen lassen, bei denen der Mann die Frau verleihen und zeitweise vertauschen kann, weil sie so recht charakteristisch für die Entwicklung des Treuebegriffes sind. So haben die Tschuktschen eine sogenannte Wechselehe, bei der zwei oder mehr Männer be- schließen, daß sie gleiches Anrecht auf ihre Frauen haben. Auch ein unver- heirateter Mann kann sich an einer solchen Wechselehe beteiligen, so daß wir eine weitere Entstehungsform der Polyandrie vor uns haben. Die Eskimos der Repulsebai geben ihre Weiber von Mann zu Mann weiter, bis sie wieder beim ersten Gatten ankommen. Andere Stämme tauschen ihre Frauen öfters auf ein bis zwei Wochen aus.

Bei einzelnen Naturvölkern, so in Indonesien, bei Indianern Nordamerikas, kommt auch das sogenannte Levirat vor, demzufolge der nächste Verwandte die Witwe seines verstorbenen Verwandten zu heiraten hat; in deutlichen Fällen gelten dann die Kinder, die er mit ihr zeugt, als Nachkommenschaft des Ver- storbenen.

Der Begriff der Blutsverwandtschaft wird dagegen bei vielen Naturvölkern nicht in unserem Sinne aufgefaßt. So ist es bei den Weddah auf Ceylon zwar verboten, seine ältere Schwester zu heiraten, während der Ehe mit der jüngeren nichts im Wege steht, ein Zeichen, daß die Vermutung, die Naturvölker hätten sich von den übrigens nicht absolut nachgewiesenen schädlichen Einflüssen einer geschlechtlichen Verbindung innerhalb der Blutsverwandtschaft überzeugt, nicht stichhaltig ist. Zweifelsohne liegen dabei ganz andere Motive zugrunde, die für uns heute noch nicht durchsichtig sind. (Vgl. hier die Darstellungen von Ehe- paaren, Abb. 157, 160.)


274


Das Weib bei den Naturvölkern


Wir können also den Entwicklungsgang der Ehe etwa wie folgt darstellen. Für Naturvölker kommt davon nur die primitive, totemistische und durch Moham- medanismus und christliche Mission die rein religiöse Stufe in Betracht.


Überblick über den

Entwicklungsgang

der Ehe


Primitive Stufe

System: grober männlich. In- dividualismus

Motive: Arbeitskraft Kinder Liebe

Forderung: Kraft und Aus- dauer (Arbeitstier)

Form: Agamie, Poiygynie bis Polygamie (m. Spezialfällen Monogynie und Monogamie aus Not)

Stellung der Frau: unterge- ordnet

Abschließendes Moment: Raub oder Kauf


religiöser


Ast


totemistische Gruppe 1

Syst.: Aberglaube

Mot. : Kinder (für Arbeit und Jenseits) Arbeitskraft Liebe

Ford.: Keuschheit des Weibes und Fruchtbarkeit

Form: Polygynie bis Poly- gamie (sp. Fall : Monogamie)

St. d. Fr. : geachtet als Mutter

Ab. M.: Rechtsgebräuche


Rein religiöse Stufe

Syst.: Moralismus

Mot.: Kinder (Gemeinde und Jenseits) Arbeitskraft

Liebe (bis z. notwendigen Übel herab gedrückt)

Ford.: Keuschheit v. Mädchen und Weib (oft audi v. Mann)

Form : Polygamie od. Pflicht- monogamie

St. d. Fr. : Religiöse Genossin (auch ohne inneres Band)

Ab. M.: mystische Ideen


materielle


wirtschaftl.


Ast


Stufe


ideelle


Stufe


Syst. : versteckter männlicherlndividualismus

mit moral. Mäntelchen Mot.: Geld

Kinder

Liebe Ford.: Pseudomonogamie (m. Prostitution) St. d. Fr.: gleichgültig Ab. M. : Mitgift und übl. äußere Form

Syst.: beiderseitiger Individualismus Mot.: Liebe

Mitarbeit

Kinder Ford. : Gegenliebe und Freundschaft Form: wahre Monogamie (ev. freie Liebe) St. d. Fr.: Freundin Ab. M. : innere Neigung mit od. ohne äußere

Form


  • ) Diese Bezeichnung ist an sich

jede andere.


nicht gerade glücklich, sie trifft aber doch das Wesen der Sache besser als


Wir haben noch der Hochzeitsriten zu gedenken. Im wesentlichen gruppieren sie sich bei allen Völkern um eine Reihe feststehender Punkte. Zunächst sind alle Handlungen, die sich auf den Genitalapparat beziehen, als gefährlich be- trachtet worden, weil man glaubte, daß dabei dem Zauber und den Dämonen Tür und Tor geöffnet sei, wie wir schon mehrfach in diesem Buche zeigten. Wir werden also einer Reihe von Sühne- und Reinigungszeremonien begegnen, sowohl vorbereitenden als während und nach der Hochzeit vollzogenen. Bei der Eheschließung, bei der das Weib von seiner Familie in die des Mannes übertritt, sind es zunächst die Ahnen, die man fürchten muß; aber auch verschiedene andere Dämonen drohen Gefahr. Zu ihrer Beseitigung dient das Bad, das Opfer der Kleidung, des Haares, des Gürtels, des Tuches mit dem Blut der Brautnacht usw. Dann hat ferner die Braut eine Reihe Austritts- und Versöhnungszere- monien durchzumachen, und zwar sowohl gegen die bisherigen Familienmit-


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Das Weib bei den Naturvölkern


glieder als gegen ihre bisherigen Ahnen. Dazu gehört die Verhüllung, die An- legung von Trauerkleidung (das weiße Brautkleid in Verbindung mit Weinen usw. ist Zeichen der Trauer), die Polterabendfeiern usw. In vielen Fällen reihen sich hier die Ablösungsriten ein. Wir haben gesehen, daß häufig — besonders in jenen Fällen, in denen Hausgenossenschaften (Großfamilien) bestehen — das Weib einer ganzen Gruppe von Männern angehört. Später werden sie abgelöst dadurch, daß sie zunächst dem Weibe der Reihe nach beiwohnen dürfen usw. Die wichtigsten Riten sind aber die Aufnahmeriten in Stamm und Ahnenkreis des Mannes, denn er erwartet von dem Weibe, daß es ihm Kinder seines Kreises gebiert, die ihm Totenopfer usw. bringen können, und dazu ist es nötig, daß es sich die neuen Ahnen gnädig stimmen muß. Hierher gehören ungemein viele Ge- bräuche, die sich größtenteils auch sonst mit den Adoptionszeremonien decken. Dazu tritt eine große Feier, in der diese neuen Ahnen seitens des Weibes ver- ehrt werden. Die letzte große Gruppe der Hochzeitsgebräuche schließt sich an den Ehevollzug an; dazu gehören alle Abwehrriten gegen verderbenbringende Dämonen der Brautnacht, und die Befruchtungsriten, insbesondere die Keusch- heitsnächte, Baumverehrung, Wasserkult und ähnliches. Wir können hier nur einige wenige Beispiele anführen, wie sich bei Naturvölkern Hochzeiten ab- spielen. Wie auch bei anderen Zeremonien ist überall eine besondere Kleidung oder ein besonderer Schmuck üblich (vgl. Abb. 156, 158, 159, 161). Der eigent- lichen Eheschließung geht so ziemlich überall die Werbung voraus. Dabei wirbt entweder der Jüngling selbst oder seine Eltern oder Vertrauensleute, sei es aus Gefälligkeit, sei es berufsmäßig; in vielen Fällen hat das Mädchen nichts dazu zu sagen und einfach zu folgen.- So erzählt Israel bei Ploß-Bartels von den Hottentotten: „Der Liebhaber geht zu den Eltern seiner Auserwählten, setzt sich stillschweigend nieder und kocht ebenso wortlos Kaffee. Ist derselbe zu- bereitet, so gießt er einen Becher voll, um ihn der Braut hinzureichen; trinkt diese ihn zur Hälfte aus und gibt dem Bräutigam den Becher zurück, damit dieser die andere Hälfte trinke, so ist er angenommen. Ohne ein Wort zu sagen, wird ihn das Mädchen leeren, wenn der Brautwerber ein bemittelter Mann ist und die Eltern ihr Töchterchen hoch genug bezahlt bekommen. Dann be- deutet das Leeren des Bechers: ja, ich will deine Frau werden. Läßt sie das Getränk stehen, so grämt sich der Liebhaber nicht sehr, vielmehr wandert er


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Das Weib bei den Naturvölkern


in eine andere Hütte, um dort nochmals sein Glück zu versuchen." Das Kleider- opfer haben wir in einem sehr deutlichen Beispiel bei den Lillooetindianern in Nordwestamerika. Die Braut behält beim Ehevollzug ihr bockledernes Schürzen- tuch, das zwischen den Beinen durchgezogen getragen wird, an, wie sie es als Mädchen trug. Der Gatte schneidet es dann mit einem kleinen Messer oder einer Pfeilspitze auf und wirft es nach der Feuerung, während es bei den Thompson- indianern das Mädchen selbst an einer sichtbaren Stelle aufhängt; in beiden Fällen verläßt das junge Paar dann am frühen Morgen das Lager, die Frau um zu baden, der Mann um zu jagen. Die Eltern finden das Schürzentuch und laden die Nachbarschaft zu einem kleinen Feste. Bei den Lillooet wird es dann in Streifen geschnitten, die an die Gäste verteilt werden, bei den Thompson- indianern einer alten Frau geschenkt. Oben haben wir bereits gesehen, welche Bewandtnis es mit diesen Tüchern, die auf die Genitalien Bezug nehmen, hat; man glaubt die bösen Dämonen darin und will ihre Wirkung durch Zerschneiden oder Schenken an ein altes Weib, dem wenig mehr passieren kann, unschädlich machen. Die Aufnahme in den Kreis des Mannes wird oft recht handgreiflich vor Augen geführt. So geht in Ostgrönland der Mann einfach in das Haus des gewünschten Mädchens, faßt es beim Schopf und schleppt es ohne weitere Umstände in sein Haus, wo er es auf eine Pritsche setzt. Der „gute Ton" fordert es, daß es sich dabei nach Kräften sträubt und jammert; oft geht es auch ernst- haft gefährlich zu, aber die Verwandten des Mädchens sitzen ruhig dabei und sehen zu, ohne zu helfen. Das Zurwehrsetzen ist Formalität geworden und hängt ebenso wie das Weinen nicht zu einer verblaßten Raubehe, sondern mit dem Stammesaustritt zusammen. Ganz der Charakter der Adoption ist es da- gegen, wenn bei den Todas der Mann in das Dorf des Mädchens kommt, sich neben dieses niederlegt und seinen Mantel ausbreitet, so daß sie beide davon bedeckt sind. Am schönsten wird diese Auffassung wiedergegeben durch das Treten des Paares in den Kreis der Verwandten (Abb. 162). Auch das gemein- same Essen gehört hierher (Abb. 165), das gemeinsame Sitzen auf einer Matte (Abb. 163) usw. Recht deutlich hat uns Südindien auch die Verpflichtung erhalten, daß das Mädchen nicht dem Bräutigam allein, sondern auch seinen Genossen gehört. Thurston erzählt von den Kambalattars: „Nach der Hochzeit ist es Gebrauch für das Weib, mit den Brüdern seines Gatten und seinen nahen Ver-


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Das Weib bei den Naturvölkern


wandten sowie mit seinen Onkeln zu verkehren." Ganz deutlich berichtet über die Ablösung Merker von den Masai: „Er (der Bräutigam) verweigert andern, was ihnen zusteht, und muß gewärtig sein, daß diese ihm in den nächsten Tagen einige Rinder stehlen, ohne daß er berechtigt ist, darüber Klage zu erheben. Wer diesen alten Brauch nicht mitmachen will, was vorkommen soll, läßt, um ihm zu entgehen, die Hochzeit ohne jede Festlichkeit stattfinden. Der Bräutigam übergibt nur den Brautpreis, worauf ihm die Braut ohne irgendwelche Zere- monien in seine bereits fertiggestellte Hütte folgt." Über die Befruchtungs- zeremonien haben wir oben schon des weiteren gesprochen; es sei hier daher lediglich der Keuschheitsnächte gedacht. Bekanntlich ist beim Fasten aller Völker geschlechtliche Enthaltsamkeit Hauptsache; wir sahen bereits, daß man so die Gottheit oder den Dämon herbeizieht. Es sind dies also eigentlich keine Keuschheitsnächte, sondern Befruchtungsnächte. Man unterscheidet zwei Arten, solche, bei denen sich das Brautpaar zu seiner Schlafstelle begibt und ein be- fruchtendes Gerät aufstellt, und solche, bei denen es seine Lagerstätte nicht be- steigen darf, sondern an Plätzen schlafen muß, an denen man auch sonst die Hausdämonen oder Felddämonen anwesend glaubt; so beim Feuerherd, im Stall, in Wald und Feld. So schläft bei dem australischen Euahlagistamm der Bräu- tigam auf der einen, die Braut auf der andern Seite des Feuers einen ganzen Monat lang getrennt, bis dann ein altes Weib die Braut auffordert, auf derselben Seite wie der Mann zu schlafen. Bei manchen Völkern dauert sehr bezeichnender- weise das Schlafen im Stall usw. so lange, bis die Frau das erste Kind geboren hat. Aus unserer Darstellung ging schon mehrfach hervor, daß Naturvölker den Ehebruch zumeist nicht streng nehmen, obwohl nicht vergessen werden darf, daß bei vielen Stämmen zwar in der Jugend freier Verkehr herrscht, die Ehen aber, besonders seitens des Weibes, absolut ohne außerehelichen Verkehr gehalten werden. Sehr weit verbreitet ist dagegen die Sitte, das Weib einem Gaste zu leihen oder die Weiber zu tauschen, wovon wir oben sprachen. Wie auch bei unseren Vorfahren gilt eben der außereheliche Verkehr des Weibes, wenn er mit Wissen des Mannes geschieht, nicht als Ehebruch.

Wo er aber bestraft wird, da sind die Strafen oft außerordentlich hoch, denn der Grund ist immer der, daß sich der Mann um echte Nachkommenschaft be- trogen sieht, denn die Opfer der Kinder gelten stets dem leiblichen Vater.


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Das Weib bei den Naturvölkern


Die Ehescheidung ist zumeist sehr leicht, wo sie überhaupt möglich ist; auf ver- schiedenen indonesischen Inseln gibt es nämlich beispielsweise keine Scheidung; läuft die Frau ihrem Manne davon, so sind ihre Eltern gehalten, sie wieder zurückzubringen. Dagegen währt die Ehe auf den Marianen nicht länger, als es beide Gatten wünschen; dabei riskiert der Mann sogar, daß die Sippe der Frau ihm sein Eigentum zerstört. Bei den Kaffern findet die Scheidung ohne jede Schwierigkeit statt, und man macht davon auch reichlich Gebrauch. Bei den Eskimos findet keine Scheidung mehr statt, wenn ein Kind, besonders ein Knabe geboren worden ist. Recht originell ist, daß nach Vortisch die geschiedenen Frauen der Goldküste sich Kopf oder Arm mit weißer Erde bestreichen müssen. Interessant ist eine Ehescheidung wegen Krankheit, über die uns Koch-Grünberg in seinem an guten Beobachtungen so reichem Werke schreibt. Als er zu den Bara im nordwestlichen Südamerika kam, gab es da einen Kranken, einen noch jungen Mann, der an Malaria litt: „Eines Abends erschienen zwei fremde In- dianer, Tuyuka vom oberen Papury, Schwäger des Kranken, der eine Schwester von ihnen zur Frau hatte. Wilde Begrüßungsszenen fanden statt, zunächst mit der Schwester, dann mit dem Kranken selbst, der mit jämmerlicher Stimme über seine Leiden berichtete. Die beiden Fremdlinge stießen drohende Worte aus, deuteten mit leidenschaftlichen Gebärden in die Ferne und schüttelten ein langes Messer und einen Stock, den sie in der Rechten trugen, als wollten sie den un- bekannten Gegner bedrohen, der ihrem Verwandten die Krankheit geschickt hatte. Es war ganz so wie bei dem Sterbefall in Cururu-cuara am Aiary; nur das Trauergeheul zum Schlüsse fehlte. Nachdem sie alle Bewohner der Maloka in ähnlicher Weise begrüßt hatten, setzten sich die Fremden nieder, und die Unterhaltung lenkte in ruhigere Bahnen ein. Sie blieben bis zum übernächsten Tag und beteiligten sich auch an einer kleinen Kneiperei. Nichts deutete weiter auf etwas Außergewöhnliches hin. Erst als sie Abschied nahmen, wurde es uns klar, daß sie nur gekommen waren, um ihre Schwester von dem kranken Gatten weg in die Heimat zurückzuholen. Offenbar hatte man ihn aufgegeben. Die Frau belud sich mit ihrem gesunden Knaben und ihrem ganzen Hausrat; ihr krankes Mädchen ließ sie zurück. Mit weinerlichen Worten sagte sie jedem ein- zelnen Lebewohl. Die beiden Tuyuka schrien vom Eingang her wild in das Haus hinein; die Bara antworteten ebenso. Dann gingen jene weg. Der Vater


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Das Weib bei den Naturvölkern


des Kranken lief ihnen nach. Am Waldesrande kam es abermals zu einer auf- regenden Szene. Der Barä schimpfte heftig hinter den Scheidenden her. Die Brüder wendeten sich um. Leidenschaftliche Gebärden auf beiden Seiten. Wir dachten schon, es käme zu Schlägen. Doch jene verschwanden im Wald, und der Barä kam gleichgültig zurück. Trotz des Lärms hatte ich den Eindruck, daß es sich nur um eine leere Zeremonie handelte, was auch aus der Teilnahmslosigkeit der Zuschauer hervorzugehen schien."

Viel des Interessanten bietet auch die Witwe. Zweifelsohne war ihr in der Früh- zeit besonders aller patriarchalischen Völker ein trauriges Los zugefallen: sie mußte mit der Dienerschaft sterben. Bis in die indische Hochkultur hinein zieht sich dieser schreckliche Zustand; nur mit schweren Mitteln wurden die Engländer dieser Unsitte Herr. Bei Naturvölkern greift nun allerdings die mutterrechtliche Grundlage oft zu stark durch, so daß die Frau am Leben bleibt, sehr oft wieder heiratet oder doch als Beischläferin in das Haus eines anderen Mannes eingehen kann, wenn nicht das Levirat ihr überhaupt eine gesicherte Zukunft bietet. Aber auch dort, wo das Töten der Witwe nicht üblich ist, hat sie oft sehr unangenehme Gebräuche mitzumachen. Bei nordamerikanischen Indianern mußte sie sich mit Messern zerfleischen und die Haare abschneiden, bei den Mincopie auf den An- damanen trägt sie längere Zeit den präparierten Schädel ihres Mannes ständig mit sich herum, im allgemeinen so lange, bis es ihr gelingt, sich neuerdings zu verheiraten. Er wird mit Bändern an der Schulter befestigt. Die Tschipeway- Indianerinnen tragen einen Teil der männlichen Kleidung in Bündelform mit sich (Abb. 174). In Neu-Südwales gibt es eine Witwenkappe (Pota oder Kopi genannt). Sie wird während der Trauerzeit von der Witwe oder der nächsten weiblichen Verwandten des Verstorbenen, in Einzelfällen auch von alten Män- nern oder vom ganzen Stamm getragen. Ihre Herstellung ist sehr eigenartig. Bei manchen Stämmen wird als erste Handlung das Haar abgesengt, bei anderen dagegen ein Netz über das Haar gebreitet und dann die Kappe mittels eines „Mörtels" aus gebranntem Gips oder Gips mit Ton und Asche vermischt in einer etwa 2 Zoll dicken Schicht „auf gemauert". Sie hat ein zwischen 8 und 14 Pfund schwankendes Gewicht und wird 1 — 12 Monate getragen. Ist die Zeit des Tragens vorüber, dann wird die Kappe manchmal kalziniert und auf das Grab des Verstorbenen gelegt. Ebenso ist die Trauerkleidung sehr weit verbreitet.


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Das Weib bei den Naturvölkern


Maaß beschreibt sie von den Mentawei-Insulanerinnen: Die Bananenstreifen des Schurzes und der Oberkörperbedeckung werden breit geschnitten, Perlen, Arm- bänder sowie sonstiger Schmuck abgelegt, auch die so reizend wirkenden Blumen. Die Hüte werden glatt, ohne Bananenstreifen getragen. Der Schmuck wird nicht eher wieder angelegt, bis sie sich verheiratet. Ähnlich wie die Braut macht sich auch die Witwe möglichst unkenntlich oder trägt entsprechende Kleidung (Abb. 173).

Interessant ist noch, daß sich bei verschiedenen Naturvölkern richtige Trauer- gesänge ausgebildet haben, deren einer aus Deutsch-Neuguinea (Bogadjim), der andere von den Baronganegerinnen stammt:

Oh, der gute Mann. Der gute Mann ist gestorben,

Der Mann, stark und schön wie ein Nußbaum.

Er war so gut:

Wenn er aß, gab er mir stets ein großes Stück Speise.

Verlassen hast du mich, mein Gatte,

Was soll ich nun beginnen?

Du hast mich ernährt!

Jetzt werde ich verachtet und verlassen!

(Nach Andree.)

Neben der Ehe läuft, wie oben erwähnt, überall der freie Verkehr weiter. Besonders die Jugend übt ihn ohne Bedenken in mehr oder minder geregelter Weise, wie wir oben bereits erwähnten. Es gibt sogar Fälle, wo ganze Völker wieder dazu zurückgekehrt sind; wie z.B. die Kaffern. Als sie durch ihre Kampfesorganisation Ehe und Familie auflösten und ihre ganze Lebensweise einem ständigen Kriegslager anpaßten, um immer und überall schlagfertig zu sein, da wurden die Frauen in eine Art von Konkubinen verwandelt, mit denen die Krieger frei verkehrten. Die Unterbindung des freien Verkehrs der jungen Leute bei Naturvölkern durch die Tätigkeit unserer Missionen ist also der ge- sunden Entwicklung dieser Völker ebenso schädlich wie die plötzliche Einführung der Monogamie als Zwangsinstitut. Wie diese ein Naturvolk unmöglich be- friedigen kann, weil es nicht plötzlich auf die Stufe jenes Grades von Frauen-


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Das Weib bei den Naturvölkern


aditung gehoben werden kann, der für Monogamie nötig ist, so wird sich die Jugend der Naturvölker auch nicht zur naturwidrigen Askese bekehren lassen, und an Stelle eines geregelten freien Verkehrs, dem weder sachlich noch in betreff der beteiligten Personen Verachtung anhaftet, tritt die Prostitution mit ihrem Verbrecher- und Raubsystem, mit ihren Krankheiten und manchmal auch Perversitäten, die die an sich normale Betätigung des Geschlechtsverkehrs an die Spuren des Verbrechens heftet und so diesem den Weg zeigt in gesellschaft- liche Kreise, die sonst von ihm freigeblieben wären. Krankt nicht Europa bis ins Mark an dieser heuchlerischen Moral? Und wenn es nicht daran zugrunde gegangen ist, so liegt das daran, daß jeder langsam fortschreitende Krankheits- prozeß neben den Toxinen zugleich die Antitoxine entwickelt; die Naturvölker erhalten diese Krankheit plötzlich, und so werden sie an den Toxinen zugrunde gehen, bevor sie Antitoxine gebildet haben.

Nur gestreift sei hier, daß die Geschlechtsunterschiede auch im Grabe sehr häufig deutlich ausgedrückt werden (Abb. 172).


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Abb. 143. Tinguinanen von Ilocos (Philippinen).

Anthropol. Ges., Berlin.


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Abb. 144. Karaibenfrauen mit Uluris.


Nach Ehrenreich.



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Abb. 14 5. Uluris der Bakairi. 284



Abb. 146. Chingpaw-Frau.



Abb. 147. Samoanerin mit Kopfschmuck.

Museum f. Volkerkunde, Dresden.


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KAPITEL III

Das häusliche Leben des Weibes

Mann und Weib y\ ie Natur hat Mann und Weib verschieden geschaffen, und in dieser Ver- LS schiedenheit liegt auch der verschiedene Wirkungskreis begründet. Es ist — auch unter uns — eine Dekadenzeichnung, wenn der Mann sich darin gefällt, weibisch zu erscheinen; eine ebenso große Dekadenz ist es aber, wenn ein Weib männlich erscheinen will. Nur die Ausbildung der natürlichen Eigenschaften und ihre Steigerung zum höchsten erreichbaren Grad hegt im Wollen der Natur, nur sie kann einer wahren Weiterentwicklung der Menschheit dienen. Wenri das Weib nicht mehr in der Lage ist, seine Kulturwelt auszubauen, und zur verarmten Nachahmung schreiten muß, dann wird es zur Karikatur. Jede Ka- rikatur ist aber in sich wertlos und dient nur zur Erheiterung des lachenden Dritten. Ein Zweig unserer Frauenbewegung, der in vermännlichter Kleidung männliche Berufe ausführen will oder um extreme politische Ideen sich ab- streitet, ist sexualpathologisch zu bewerten. Nicht die Hülle schafft reale Werte, sondern der Kern; der männliche Kern bleibt dem Weibe aber ebenso unerreich- bar, wie dem Manne das Kindergebären. Und in diesem Worte liegt die ewige unvergängliche chinesische Mauer für die Arbeitsteilung beider Geschlechter Zwei große Fragen hat Europa zu lösen, die soziale und die sexuelle; die soziale wird nur der Mann lösen, und die sexuelle muß das Weib lösen, ja, ich stehe nicht an zu behaupten, daß die soziale gar nicht gelöst werden kann, bevor nicht die sexuelle wenigstens gefördert ist. Jene doktrinären Frauengestalten in Mannerkleidern mit tribadenhaftem Anstrich und jene politischen Clowns, wie sie besonders England gezeitigt hat, können das allerdings nicht; sie sind eine Degenerationserscheinung, sie sind verwelkte Knospen, die keine Frucht bringen können, weil sie aus irgendeinem Grunde nicht blühen konnten. Arbeitsteilung muß also auch hier wie überall auf der Welt sein und kann nur auf dem Boden der Natur gedeihen. Wir brauchen eine gesunde Frauenbewegung, die sich ein originales weibliches Ideal der Freiheit zum Ziel gesteckt hat, das zunächst

Das Weib bei den Naturvölkern 14 Q

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Das Weib bei den Naturvölkern


darin besteht, in dem Riesenbau des sexuellen Lebens Tür und Fenster zu öffnen, damit ein frischer Zug die Stickluft daraus vertreibt. Ein freies Weib neben einem freien Mann, und beide in ihrer Eigenart entwickelt, das allein kann wahre Arbeitsteilung bringen, und nur auf aufrichtiger Arbeitsteilung kann eine gesunde Entwicklung basieren. Das mag deshalb gesagt worden sein, damit wir sehen, wie unrichtig es ist, wenn wir Naturvölker verspotten, weil wir bei ihnen das andere Extrem gar oft finden. Wir haben kein Recht, sie um dessentwillen



Zeidin. XVII. Eskimofrau am Herd Nach Klutsdiab

zu tadeln, denn wir sitzen im Glashaus, und wenn wir tadeln, werfen wir mit Steinen. Was wir aber tun könnten, wäre, ihnen sowohl wie uns selbst zu helfen. An sich ist die Arbeitsteilung bei Naturvölkern oft gar nicht schlecht, schon um dessentwillen nicht, weil, wie wir gleich sehen werden, sowohl der Mann wie das Weib jene Berufe verrichten, die sie sozusagen geschaffen, erfunden haben. Das Weib hat die Kinder zu gebären; und alles, was damit zusammen- hängt, ist ein großes Stück Arbeit, eine Arbeit, die ihm nicht abgenommen werden kann. Richtig aufgefaßt füllt dieses Gebiet, da an ihm die häusliche


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Tätigkeit haftet, das Leben des Weibes; allmonatlich erinnert es die Natur daran; keine Emanzipation wird diesen ihr unbequemen Fingerzeig verwischen können. Will das Weib andere Berufe übernehmen, so wird die Leistungs- fähigkeit auf dem bisherigen eingeschränkt, die jedoch umgekehrt der Mann nicht übernehmen kann. Das Weib ist aber dabei schwächer als der Mann und zu vielen Zeiten gar nicht in der Lage, sich zu verteidigen. Deshalb hat bei den Naturvölkern der Mann das Waffenhandwerk übernommen und damit auch den Kampf im öffentlichen Leben. Mit dem Kampf ging die Jagd Hand in Hand, die in anderen Weltteilen nicht jenen gemütlichen Anstrich hat wie bei uns; auch sie fiel dem Manne zu. Wir finden bei Naturvölkern das Weib nicht daran beteiligt; während aber der Mann im Kampf mit Tier und Feinden stand, waren die Weiber des Stammes mehr seßhaft, sie walteten in Höhle oder Hütte, denn ihre Natur band sie mehr und mehr an den festen Platz. So wird Grund- satz der ältesten Arbeitsteilung, daß der Mann in erster Linie die animalische, die Frau die vegetabilische Nahrung beischafft (Abb. 175), wenn auch die Sammel- tätigkeit es der Frau gestattet, da und dort tierische Nahrungsstoffe heimzu- bringen. Damit ist nicht gesagt, daß jeder Berufskreis ganz einseitig wäre; Parkinson erzählt uns beispielsweise von den Gilbertinsulanern: „Die Frau ist von der Eheschließung an von ihrem Ehemann unzertrennlich, sie folgt ihm überall; wenn er in den Krieg geht, ist sie ihm zur Seite und trägt seine Waffen (ähnlich in Australien, vgl. Abb. 166), geht er auf den Fischfang, begleitet sie ihn, kurz, wo einer der jungen Leute ist, da findet man auch den andern. Nur bei einer Gelegenheit darf die junge Frau nicht ihren Mann begleiten, dies ist, wenn er zum allgemeinen Spiel und Tanz in das große Haus ,Te Maneape' der Dorf- schaft geht. Für sie ist nach der Ehe Spiel und Tanz im großen Haus vorbei; sie muß, solange der Mann fort ist, in der Hütte verweilen, und findet er sie dort nicht, wenn er zurückkehrt, so kann sie sicher sein, eine tüchtige Tracht Schläge davonzutragen und darf sich darüber nicht beklagen." Diese Kamerad- schaft schlägt allerdings auch ins Gegenteil um. Oft bekommt sie dann die ganze Arbeit aufgebürdet, der Mann geht nur in öffentliche Versammlungen, zieht in den Krieg, jagt und fischt und liegt sonst auf der faulen Haut. So berichtet auch Prinz von Wied von den Botokuden (18 17), daß die Gesellschaft, wenn sie aufbrechen will, den Weibern ihre wenigen Habseligkeiten in die aus Bindfaden

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Das Weib bei den Naturvölkern


geknüpften Reisesäcke gibt, die größtenteils auf dem Rücken durch einen über die Stirn laufenden Strick getragen werden, und zu allem Überfluß wird darauf oft noch ein Kind gesetzt, während die Männer daneben leer hergehen, nur mit Pfeil und Bogen in der Hand; was freilich zum Teil auch seinen Grund in der stetig nötigen Kampfbereitschaft hat (Abb. 168, 169, 171). Manche Völker haben dazu eigene Tragvorrichtungen ausgebildet. So haben die Masaifrauen eigene Gepäckhalter (Abb. 176). Auch für die Ainu läßt sich diese Art der Wanderung belegen (Abb. 167). Ähnlich erzählt Weddell (1824) von den Feuerländern. Er stellt ihnen zwar das Zeugnis aus, daß die Männer viel Zärtlichkeit für die Frauen zeigten, daß sie ihnen aber trotzdem alle Arbeit aufbürden. Die Frauen müssen rudern, während der Mann gemütlich im Kanu sitzt, sie sammeln Mu- scheln, erziehen die Kinder, bauen die Hütten, kurz, jede mühevolle Arbeit fällt ihnen zu. Da kommt es denn häufig vor — wie bei den Zulus — , daß die Frau selbst den Mann bittet, weitere Frauen zu nehmen, die ihr die Arbeit ab- nehmen, denn sie selbst ist dann Hauptfrau. So ähnlich ist es auch bei den Indianern. Eastmann erzählt uns: „Die Leiden des Sioux- Weibes beginnen mit ihrer Geburt. Schon als Kind ist sie ein Gegenstand der Verachtung im Vergleich mit ihrem Bruder neben ihr, der einst ein großer Krieger werden wird. Als Mädchen wird sie geachtet, solange der junge Mann, der sie zum Weibe begehrt, an dem Erfolge seiner Bewerbung zweifelt. Ist sie erst sein Weib, so hört die Teilnahme für ihr Los auf. Wie bald reißen die Stürme und Kämpfe des Lebens alle warmen und zarten Gefühle mit der Wurzel aus ihrem Herzen. Sie muß die Last der Familie tragen. Will es der Mann, so muß sie den ganzen Tag mit einer schweren Last auf dem Rücken fortziehen, und nachts, wenn halt- gemacht wird, muß sie die Speisen bereiten für die Familie, bevor sie sich zur Ruhe begeben darf." Noch schlimmer ist es wohl bei den Orang Laut auf Malakka. Da kommt der Mann von der Jagd und öffentlichem Leben heim, verzehrt den ganzen Vorrat an den mit saurem Schweiße von der Frau ge- sammelten Wurzeln und Fischen und wirft Frau und Kindern ein paar übrige Brocken hin. Umgekehrt leben beispielsweise die Samoanerinnen ein reines Dol- cefarniente. Nur die leichtesten Arbeiten in der Küche haben sie zu verrichten, das Empfangs- und Wohnhaus zu ordnen, sich zu schmücken und mit anderen Frauen über die vorbeigehenden jungen Männer zu sprechen, während sie höch-


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stens kleine Handarbeiten, wie Mattenflechten, verrichten. Es ist nicht zu ver- kennen, daß die Mehrzahl der Beobachter hier ziemlich falsch berichtet haben und zu sehr mit der europäisch-ethischen oder europäisch-sozialpolitischen oder gar mit der Frauenrechtlerbrille sah. Gute Beobachter sehen auch tatsächlich in dieser Arbeitsteilungsfrage anders. So gibt Pechuel-Lösche in seiner vorzüglichen Volkskunde von Loango (Westafrika) ein entsprechend berichtigtes Bild. Er sagt: „Die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern ist befriedigend geordnet. Der freie Mann oder der selbständig schaffende Mann — nämlich der Hörige, der sich mit seinem Herrn auf Entgelt geeinigt hat — jagt, fischt, treibt Zwischenhandel im Küstenstrich, leitet Handelszüge nach dem Innern, wirkt als Heilkünstler und Zaubermeister, dient Europäern als Leibjunge, Hofmeister, Handwerker, Wäscher, Bootsführer. Das ist würdige Beschäftigung für den Herrn und selbständigen Mann. Mancher töpfert, schmiedet, gießt und treibt Metall, schnitzt, siedet Salz, webt, flechtet, knotet, doch ist das mehr Lieb- haberei als geziemende Tätigkeit, da diese den Hörigen zukommt. Nur Schnitzerei und Metallformen stehen in Ehren, sofern sie als Kunst getrieben werden.

Die Herrin waltet an ihrem Herde, dessen Feuer, obgleich fast stets im Freien, ans schließ lieb für sie brennt. Das Gesinde muß anderswo hantieren, der Herr ebenfalls, so ihn nach einem Braten gelüstet. Er röstet sich Frucht und Fleisch am Feuer und in Asche wie in der Wildnis, oder läßt es sich von seinen Dienern rösten, wenn seine Frau es ihm nicht zuliebe tun will. Ihre Pflicht und ihr Recht ist es, für ihn an ihrem Feuer Speisen in Geschirren zu bereiten, mithin für ihn zu kochen, zu dämpfen. Er hat Wild, Fisch, Gewürz, Baumfrüchte, Palmsaft und Handelszutaten zu liefern. Sie beschafft Gemüse und andere Zukost aus ihrer Pflanzung oder im Tauschwege und sammelt manchmal Mu- scheln. Was sie von ihrem Felde über den Verpflegungsbedarf für ihren Ehe- mann erntet, was sie aus ihrer Tierzucht gewinnt, ist ihr Eigen. Der Gatte darf nicht eine Knolle aus ihrem Korbe, nicht ein Ei aus ihrem Hühnerstall nehmen, sie hätten denn eine Art der Ehe geschlossen, die neben anderm auch Güter- gemeinschaft bedingt.

Ganz verkehrt wäre es, die Frau, wie das so gang und gäbe ist, als Lasttier des Mannes zu betrachten. Sie arbeitet gewiß nicht mehr, oft viel weniger als er.


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Das Weib bei den Naturvölkern


Wer oder was sollte sie zum Lasttier machen? Das Essen ist des Eheherrn schwache Seite, auch in Afrika. Mit dem Kochen hat sie den Gemahl am Schnürchen, und mancher, der seine Frau geärgert hat, klagt mit gutem Grunde, daß sie ihn schlecht versorge.

Eine gut gestellte Frau beschäftigt sieb nach ihrer Neigung ganz wie bei uns daheim. Zum Arbeiten hat sie ihr Gesinde, und auch das hat viel weniger als bei uns zu tun. Sie kocht zwar selbst für ihren Mann, aber, wo mehrere Ehe- frauen sind, Reihe um mit den andern. Selbst in der Einehe und unter den Kleinleuten, wo die Frauen über keine Hilfe verfügen, haben sie herzlich wenig zu tun, viel weniger als unsere Bauernweiber. Herrin wie Dienende, sogar die Leibeigenen eingeschlossen, sind keinesfalls überbürdet. Alle Weiber mit ihren wechselnden, wenig anstrengenden und gesunden Beschäftigungen stehen sich jedenfalls viel besser als zahlreiche Mädchen, Frauen, Mütter unter Zivilisierten, die mit restloser quälender Tätigkeit ihr Leben in Dürftigkeit fristen, unter denen man bei den Kleinleuten die wahren Lasttiere findet, wie nirgendwo unter Wilden."

Hier haben wir die richtige Auffassung. Wied und die meisten anderen der- artigen Beobachter greifen stets Ausnahmezustände (Wanderungen usw.) heraus, beobachten aber nicht das normale Leben. Man muß eben auch bei Beurteilung solcher Fragen frei sein von jeglicher Beeinflussung.

Weibliche Tätigkeiten

Aus dem Wirkungskreis der Frau und dem des Mannes grenzen sich mehr und mehr bestimmte Gebiete ab; der Mann behält die Jagd ganz in der Hand, während die Frau eine Reihe von Erfindungen an ihren Wirkungskreis knüpft, die der Erschließung neuer Nahrungsquellen und der Zubereitung der Nahrung sowie der Kleidung dienen. Steht dem Manne auf der Jagd nur das Braten des Wildes am Feuer zu Gebote, so entwickelt das Weib zu Hause eine Art von Kochkunst. Sie vergräbt das Fleisch mit heißen Steinen in die Erde und erhält so einen besseren Braten, oder sie wirft heiße Steine in eine große Fruchtschale, die Wasser enthält, und bringt dies zum Kochen, da ihr ein anderes Gefäß noch nicht zur Seite steht. So sagt K. v. d. Steinen in seinem grundlegenden Werke „Unter den Naturvölkern Zentralbrasiliens":


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„Am Schingu flochten die Männer den Bratrost, brieten Fisch und Fleisch, die Frauen buken die Beijus, kochten die Getränke, die Früchte und rösteten Palm- nüsse — welch andern Sinn konnte diese Teilung in animalische Männer- und vegetabilische Frauenküche haben, als daß ein jedes der beiden Geschlechter noch in seinem uralten Ressort geblieben war?" — Das hat uns bereits auf die älteste erwerbende Tätigkeit des Weibes, die Sammeltätigkeit, aufmerksam gemacht. „Bei den Australnegern", sagt Lumholtz, „sind es die Frauen, die wesentlich für den täglichen Bedarf an Nahrungsmitteln zu sorgen haben, und sie unter- nehmen oft lange Ausflüge zu diesem Zweck. Im ganzen ist die Stellung der Frau, wie bei allen wilden Völkern, eine sehr untergeordnete. Sie muß alle grobe Arbeit verrichten, mit ihrem Korb und Stock ausgehen, um Früchte zu sammeln, Wurzeln auszugraben und Larven aus den Bäumen zu hauen. Früchte findet sie teils auf dem Felde, teils in den Bäumen, welche sie erklettert, wenn auch mit weniger Fertigkeit als die Männer. Der erwähnte Stock (Grabstock), das einzige Gerät des Weibes, ist ihr auf ihren Expeditionen unentbehrlich; er ist von hartem, festem Holze, i 1 /« bis z m lang und am Ende zugespitzt. Sogar zu den Festen und zum Tanze nimmt die verheiratete Frau ihren Stock mit sich als Zeichen ihrer Würde als Familienversorgerin. Oft muß sie auch tagelang ihr kleines Kind auf den Schultern umhertragen und legt es nur weg, wenn sie graben oder klettern muß. Kommt sie dann nach Hause, so hat sie meistens viel mit der Zubereitung der gesammelten Schätze und dem Aus- wässern der giftigen Früchte zu tun." Weiterhin erstreckt sich die Sammler- tätigkeit des Weibes auf Fische und Beeren, wo solche zu bekommen sind. Bei den Aleuten sammeln nach v. Langsdorf die Weiber und Mäddien zur Zeit der Reife den Wintervorrat an Beeren (Himbeeren, Kneschenika, Morastbeeren, Preiselbeeren, Blaubeeren usw.) und Wurzeln; von den Käua (Rio Aiary) sagt Koch-Grünberg: „Steigt die Sonne höher und wird die Hitze für die Arbeit im Freien unerträglich, so kehren die Frauen allmählich vom Felde zurück, gebückt, daher keuchend unter der schweren Last der mit Mandiokawurzeln wohlgefüllten großen Tragkörbe, die ihnen an einem über die Stirn gelegten Bastband auf dem Rücken hängen." Eine höhere Stufe der Sammlertätigkeit stellen darin bereits die Indianer dar, weil sie einen Teil dieser gesammelten Nahrung trocknen. Dies führt uns zum Fischfang. Auch er ist dem Weibe neben


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dem Mann zugänglich, allein die Weiber unterscheiden sich auch in dieser Tätig- keit von der männlichen. Während nämlich der Mann mit Reusen und Angel- gerät auszieht, fischen die Weiber vorzüglich mit Handnetzen, so besonders in der Südsee. Alle diese Arten von Nahrungserwerb hat man sich gewöhnt mit „aneignender Wirtschaft" zu bezeichnen, der die „erzeugende" gegenübertritt. Auch hier greift die Arbeitsteilung wieder scharf durch. Wir beobachten nämlich, daß der Ackerbau die Domäne des Weibes ist und die Viehzucht die des Mannes, wenn es auch bei verschiedenen Völkern vorkommt, daß die Weiber das Vieh melken, was schon Kolb (um 1700) von den Hottentotten bestätigt; ja noch mehr, wir können sogar dem Weibe den Ruf sichern, die Erfinderin des Acker- baues gewesen zu sein und damit dem Kulturgang eine der wichtigsten Stufen errungen zu haben. Wie schwer mag es ihm gefallen sein, einen Teil der ge- sammelten Samen, die es aus weiter Ferne holte, vor Mann und Kindern zu bewahren und, anstatt sie direkt zu verwerten, in der Nähe ihrer Behausung auszusäen. Vielleicht hat es schon selbst den Boden dadurch gedüngt, daß es andere dort wachsende Pflanzen abbrannte, ohne diesen Zusammenhang zu ahnen. So war es zunächst ein Raubbau, aus dem der eigentliche Ackerbau entwuchs. Schön berichtet dazu K. v. d. Steinen, der ähnliche Vorgänge im Quellgebiet des Schingu in Brasilien beobachtete: „Mann und Frau repräsentieren beide einen Stand oder eine bestimmte Summe von Fachkenntnissen. . . . Die relative Seßhaftigkeit, die mit dem Fischerleben verbunden war, hatte sich erst zur dauernden befestigen können, als die Frauen gelernt hatten, zu pflanzen, Töpfe zu machen und Mehl zu bereiten. Obwohl der Feldbau am Schingu bereits zu achtungswerter Vervollkommnung gediehen war, ließ sich doch an kleinen Zügen erkennen, welchen Ursprung er wenigstens hier genommen hatte. Man pflanzte die in der Nachbarsdiaft vorkommenden nützlichen Gewächse an, jeder Stamm machte auf seinem eigenen Boden seine eigenen Erfahrungen, und durch die Frauen, die im Frieden und im Kriege zu anderen Stämmen kamen, wurden sie verbreitet." Eine weitere Stufe der Vervollkommnung war es dann, als der Grabstock der Frau für das Einsetzen der Samen durch die Hacke er- setzt wurde, eine Stufe, die sich noch bei vielen Völkern findet und die man sich gewöhnt hat als Hackbau zu bezeichnen. Neben ihm, der ursprünglich weibliche Erfindung und weibliche Tätigkeit war, entwickelte der Mann aus der


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Jagd die Viehzucht. Das Zusammenwirken beider Interessenkreise schuf dann die richtige Landwirtschaft, da durch die Viehzucht der Dung zum Hackbau kam, die einzige Möglichkeit, um mit dem Raubbau zu brechen, da man dann die Ackerstelle nach Ausnutzung des Bodens nicht mehr zu wechseln brauchte. Und wer schuf wieder die Grundlage zu dieser äußerst segensvollen Vereinigung, in der zugleich das wichtigste der familienbildenden Elemente liegt? Das Weib, ist auch hier wieder die Antwort. Es zog, wie wir oben gesehen haben, den Mann mit seiner Jagdbeute nach Hause, weil es eben die Kochkunst entdeckt hatte. Der Mann lieferte sie gerne ab, um von der Frau dafür die zubereitete gemischte Kost zu empfangen, und er wurde so zugleich ein ständiger Besucher ihrer Hütte, während er bisher im Männerhause wohnte. Mit Recht betont aber Schurtz, daß die erste gemeinsame Wirtsdiaft auch an vielen Stellen Nachteile haben konnte: „Der Anbau von Nutzpflanzen vermehrt die Nahrungsquellen, aber er wirkt zerstörend auf die aneignende Wirtschaft, indem er die Wildnis lichtet, die Jagdbeute mindert und gleichzeitig eine Volksvermehrung begünstigt, die die Menge des vorhandenen Wildes zur Zahl der Jäger in ein immer größeres Mißverhältnis setzt. Vielfach wird das Wild bis auf ärmliche Reste ausgerottet und die Wirtschaft der Männer dadurch vernichtet. Wären die Männer die Schwächeren, so würde das verhängnisvolle Folgen für sie selbst haben, in Wahrheit aber ergibt sich das Gegenteil. Die ganze Last der Wirtschaft fällt nunmehr auf die Frauen, und während die Männer sich vergnügen oder höch- stens leichte gewerbliche Arbeiten treiben und überflüssige Kriege führen, sinken die Weiber auf die Stufe von Arbeitstieren und Sklaven herab." Der Mann sucht den Schaden durch eine neue Raubwirtschaft auszugleidien, wie wir oben schon ausgeführt haben, indem er durch seine Kriege Sklaven schafft, die die Frau unterstützen. Der Fortschritt der Kochkunst, der darin bestand, eine Möglichkeit zu schaffen, das Feuer direkt in ihren Dienst stellen zu können und die Benutzung der heißen Steine auszuschalten, war ebenfalls vom Weibe gemacht worden, denn es erfand die Töpferei. Es ahmte Fruchtschalen, in denen es bisher das Wasser aufbewahrte, in Ton nach und hatte so die Möglichkeit, das Gefäß selbst über das Feuer setzen zu können. Mit der Töpferei hatte das Weib eine zweite Stufe der Kultur erstiegen. Daß diese Lehmgefäße härter wurden, wenn man sie brannte, das zu erkennen war ebenfalls eine Folge des


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Kochens. So ist es denn kein Zufall, wenn wir heute bei den meisten Natur- völkern die Ausübung der Töpferei in den Händen des Weibes sehen (Abb. 179). Das gilt für Afrika, für Melanesien, für Amerika usw. Sehr interessant ist es aber, daß sowohl in Afrika als in Amerika der Mann, wenn er sich mit Töpferei zu befassen beginnt, vor allem Tabakspfeifen fertigt. Und noch eine Erfindung machte das Weib; die Idee dazu mochte seiner Sammeltätigkeit entsprungen sein, genau wie unsere Kinder Binsen zusammenflechten und ein Körbdien herstellen, wenn sie etwas zu tragen haben, so auch das Weib. Es mögen auch Binsen oder biegsame Äste gewesen sein, die zusammengeflochten wurden, um einen wenn auch primitiven Tragkorb herzustellen. Die damit gewonnene Technik aber gab Fingerzeige für die Herstellung von Matten und ähnlichen Dingen, besonders von Fischnetzen, die dem Weibe die Beteiligung an der Fischerei ermöglichten. Im Thurn beschreibt uns die Töpferei bei den Indianerinnen von Guyana: „Eine flache, kreisrunde Tonmasse, die Grundlage des beabsichtigten Topfes, wird zu- nächst auf ein schmales Stück Brett gelegt. Der Rest des Tones wird zwischen den Händen zu langen zylindrischen Stücken von der Dicke eines Mannes- daumens ausgerollt. Eine dieser Rollen wird nun rund um den Rand der Basis gelegt, so daß sie diese wie der Rand eines Troges umgibt. Dieser Rand wird nun zwischen Zeigefinger und Daumen bearbeitet, wird mit dem Ton der Basis eng verbunden, wird geknetet und geglättet, und mit großer Nettigkeit wird ihm genau die Krümmung gegeben, die er als Teil des Gefäßkörpers haben muß. Auf die erste Rolle wird dann eine zweite gelegt und in derselben Weise behandelt. Auf diese Art wird das Gefäß allmählich stückweise auf- gebaut, und seine Wände, obwohl nur mit den Fingern bearbeitet, bekommen genau die richtige Krümmung." Eine andere Art primitiver Töpferei bestand zweifelsohne in der Verbindung des Korbflechtern mit der Lehmarbeit. Ein Korb wurde innerlich und äußerlich mit Lehm umkleidet und gab so einen für verschiedene Fälle geeigneten Topf ab. Beide Arten erfordern sodann das Glatt- streichen, was mit Muschelschalen — in denen wir ja schon mehrfach primitive Messer erkannt haben — und ähnlichem geschieht. Die Veranlassung zur Ver- zierung lag frühzeitig vor. Während der Mann seine Waffen mit Kerben und ähnlichem schmückte und so die Schnitzerei förderte, die auch zumeist in den Händen des Mannes verblieb, wurde das Weib durch die Flechterei auf


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allerlei ornamentale Motive gelenkt, die dann auch oft auf Töpfe übertragen wurden. Die Nachbildung des Totemtieres oder der Totempjlanze, die sym- bolische Darstellung von allerlei Erscheinungsformen, die dem Zauber dienten, gaben weitere Motive ab, an denen Mann und Weib in gleicher Weise beteiligt sind. Damit war der Weg zur Kunst geebnet, worauf wir im nächsten Kapitel kurz kommen werden. Also auch darin wirkt die ursprüngliche Arbeitsteilung nach. War der Mann derjenige, der durch seine technischen Arbeiten die künst- liche Feuergewinnung entdeckte, so oblag es dem Weibe, das F euer zu bewahren, und veranlaßte es zum Aufbau des Herdes oder doch der Feuergrube, die ein wichtiger Mittelpunkt für die Zentralisierung der Hausgenossenschaft und der Familie wurde. Weiterhin oblag es dem Weibe und obliegt ihm bei Naturvölkern noch, Wasser und Holz zu holen. Das Schöpfen des Wassers ist eine monotone Beschäftigung ebenso wie das Reiben des Getreides und ähnlicher Früchte und Wurzeln auf Mahlsteinen (Abb. 178, 185), was auch zu den weiblichen Erfin- dungen gehört; man vertrieb sich dabei die Zeit durch ein rhythmisches Singen, und allüberall begegnen uns Lieder, die man als Schöpf- und Mahllieder bezeich- net. Manche Gewächse, wie Mais usw., lassen sich weniger gut mahlen. Teils müssen sie geschabt werden, so die Mandioca in Südamerika, wozu ein eigenes Instrument dient (Abb. 1 77, Zeichn. XI II), oder sie werden gestampft (Abb. i8i,Zeichn.XIV), und dazu hatte das Weib den Mörser erfunden. Dabei trat dann eine weitere Arbeitsteilung ein, dahingehend, daß diese langwierigen Beschäftigungen all- mählich den jungen Mädchen zufielen. Die älteste Art, Getreide zu mahlen, war sehr mühsam, trotzdem hat sie sich noch heute bei den meisten Naturvölkern, die überhaupt dazu fortgeschritten sind, erhalten. Es waren zwei Steine, ein flacher, der im Laufe der Zeit von selbst schalenförmig wurde, und ein rund- licher, der sich auf ihm bewegte. Einen Fortschritt machte diese primitive Art des Mahlens nur selten; man durchbohrte beide Steine, steckte einen Pflock durch die Löcher und drehte den oberen um diesen Pflock als Achse. In ganz ähnlicher Weise, vielleicht parallel dazu, machte die Töpferei einen Fortschritt, nämlich den zur Drehscheibe, die ganz ähnlich konstruiert wurde. Nicht überall wurde aber das Getreide gemahlen; der Mörser erschien praktischer dazu. Und dabei machte das Weib eine neue Entdeckung. Wie der Mann den Tabak auf- fand, so war das Weib die Entdeckerin der berauschenden Getränke. Zurück-


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gebliebene Mais- oder Mehlreste im Mörser, die mit Wasser in Berührung kamen und in Gärung übergingen, waren der Anfang. Das eigenartigste ist daran, daß fast überall die Weiber die Verfertiger dieser Getränke sind, an ihrem Konsum aber nur seltener teilnehmen, wohl deshalb, weil das Weib mehr durch kleine laufende Geschäfte davon abgehalten wurde. So bereiten die In- dianerinnen Nord-, Mittel- und Südamerikas Cassine (Abb. 183), Tschitscha und Kaschiri, die Polynesierinnen den Kawa (Abb. 191), der allerdings eine ganz eigenartige Zubereitung erfährt. Die jungen Mädchen sitzen um ein Gefäß, kauen die Wurzeln von Piper methysticum, spucken das Gekaute in das Ge- fäß und lassen den Aufguß davon gären. In Afrika brauen die Weiber Bier, in den nördlichen Gegenden der Erde machen sie ein Dekokt aus Fliegenscbwäm- men, das allerdings eine sehr schädliche Wirkung ausübt. Hier mag nur eine Schilderung der Kaschiribereitung folgen, wie sie uns Koch-Grünberg von den Siusi in Cururucuara gibt. Er beschreibt die Herstellung dieses braunen, säuer- lich-prickelnd schmeckenden Getränkes: „Höchst unappetitlich wie sein Aus- sehen ist auch die Zubereitung dieses am ganzen oberen Rio Negro und seinen Nebenflüssen und in vielen anderen Gegenden des tropischen Südüamerika so beliebten Getränkes. Stark angebrannte Mandiocafladen werden zerkleinert in einen Holztrog geworfen und mit frischem Wasser angesetzt. Um die Gärung zu beschleunigen, werden von den Weibern oder bei manchen Stämmen auch von den Männern Mandiocafladen gekaut und hinzugetan. Blätter eines ge- wissen Baumes, bisweilen auch Zuckerrohrsaft, liefern berauschende Ingredien- zien. Das Ganze wird von den Weibern sorgfältig durchgeknetet. Der Trog wird darauf mit frischen Bananenblättern oder mit Matten dicht verdeckt und steht in der warmen Maloka neben dem Herdfeuer, das die ganze Nacht hin- durch unterhalten wird. Am nächsten Tage kann das Gebräu als süßliches, harm- loses Payauru getrunken werden. Eigentliches Kaschiri wird es erst nach zwei- tägiger Gärung und enthält dann genug Alkohol, um sich davon einen tüchtigen Rausch zu holen. Die braune, breiartige Masse wird zu dem Zweck von der Frau, die abgesehen von dem Kauen, das Monopol der Kaschiribereitung hat, durch ein großes Korbsieb gepreßt, das auf einem dreieckigen Holzgestell ruht. Die immer noch dicke Brühe läuft in den darunterstehenden Topf, aus dem sie die Gastgeberin oder ihr Gatte mit der Kalabasse kredenzt. Bisweilen wird die


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frisch angesetzte Masse in dem Holztroge oder einem größeren Topfe, oder auch nur in Bananenblätter gewickelt, wochenlang aufbewahrt, um bei Gelegenheit, mit Wasser durchgesiebt, ihre Verwendung zu finden. Die festverschlossenen Töpfe sind häufig mit einem Netz von Schlingpflanzen umflochten, damit sie durch die Gärung nicht zersprengt werden. Außer der Mandioca werden auch Carä (Dioscorea), süße Bataten (Batatas edulis), Mais und verschiedene Palmfrüchte zur Kaschiribereitung verwendet. Besonders die goldgelben Früchte der Pupunha-Palme liefern ein sehr schmackhaftes Getränk. Auch andere Fabri- kate werden vielfach von Weibern hergestellt, so z. B. bei den alten Indianern der Ahornzucker (Abb. 184).

Der Handel ist im wesentlichen männlicher Beruf; aber die Weiber stehen ihm doch nicht ganz ferne; freilich auch hier sind sie kraft ihrer Natur mehr an die Scholle gebunden, und so wird der Markthandel ihr eigentlicher Wirkungskreis. In Afrika bringen sie besonders gekochte Speisen und Töpferwaren zum Verkauf (Abb. 182). Wo die Weiber Bierbrauerei treiben, dort richten sie auch kleine Schank- betriebe ein und werden so die Begründerinnen der Wirtschaften (Abb. 186). Es gibt sogar Gegenden, wo der Markthandel weibliches Monopol ist oder war, so im alten Nicaragua. Hier war den Männern das Betreten des Marktplatzes bei Prügelstrafe verboten. Auch am stummen Handel nehmen die Weiber Anteil. Er vollzieht sich in der Weise, daß die eine Partei ihre Waren an einem be- stimmten Platz niederlegt und sich zurückzieht. Unterdessen erscheint die andere Partei, nimmt die Gegenstände und legt ihre Tauschgaben dafür nieder. Ist nun die erste Partei nicht zufrieden, so berührt sie die Sachen nicht, zieht sich aber- mals zurück und erwartet Zugaben. Der Markthandel blüht besonders in Afrika. Entsprechend der Art dieses Handels liegen aber die Marktplätze nicht wie bei uns mitten im Orte, sondern an den Grenzgebieten, gewöhnlich auf Hügeln oder unter merkwürdigen Bäumen. Die Ordnung wird peinlich aufrechterhalten durch den Häuptling oder einen Zauberer; der zu Bestrafende wird bis zum Kopf in der Mitte des Platzes vergraben und ihm der Schädel zertrümmert. Entsprechend dieser häuslichen Tätigkeit gibt es auch allerlei Geräte, die man als spezifisch weibliche bezeichnen muß. Dazu gehört in erster Linie das Weiber- messer der Eskimos, ein schaberartiges Instrument, das in einem Holz- oder Beingriff eingelassen ist und dem Weibe als Universalwerkzeug für alle seine


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Verrichtungen dient. Wir haben oben bereits erwähnt, daß den Weibern bei Naturvölkern heute zumeist die Errichtung der Wohnung obliegt. Bei den Australiern wird die dürftige Hütte fast ganz von Frauen errichtet, bei den Eskimos bauen sie das Stein- oder Schneehaus (Zeichn. XV). Eine schöne Beschreibung dazu gibt David Cranz (iy6z). Er berichtet, daß die Weibsleute bei den Grönländern im September die Häuser bauen oder aus- bessern müssen, weil meist in der sommerlichen Regenzeit das Dach einfällt. Diese Wohnung wird nach Michaelis bezogen und im Frühjahr nach Schnee- schmelze mit Freude wieder verlassen, weil dabei die Dächer zerweichen. Sie bewohnen dann Zelte. Dazu legen sie den Grund in Gestalt eines Vierecks durch kleine platte Steine, zwischen denen 10 bis 40 Stangen aufgestellt sind, die oben auf einem mannshohen Gestelle oder Türpfosten aufliegen und in einer Spitze zusammenlaufen. Sie werden mit einer doppelten Decke von Seehundsfellen be- hängt, und wer reich ist, legt darunter Renntierfelle, das Rauhe nach auswärts. Der untere Rand der Decke wird am Boden mit Moos verstopft und mit Steinen beschwert, damit der Wind das Zelt nicht aufhebt. Vor dem Eingang ist ein aus ganz zarten Seehunddärmen zusammengenähter Vorhang, der am Rande mit rotem oder blauem Tuch oder einem weißen Bande verziert ist. Er hält die kalte Luft ab und läßt doch genug Licht durch. Die Felle hängen oben und seitlich noch ein Stück vor, und dieser Raum dient als Vorratshaus, in dem sie auch die übel- riechenden Gefäße aufbewahren, während sie in messingnen Kesseln unter freiem Himmel kochen. In den Winkeln der Zelte aber hebt die Hausfrau ihren Haus- rat auf und hängt eine aus weißem Leder bestehende, mit allerlei Figuren benähte Decke vor, an die sie zugleich ihre Spiegel, Bänder und Nadelkissen hängt. Ein Schneehaus stellt Zeidin. XVI dar. Bei sibirischen Völkern ist es ein ähnliches Zelt, das die Frauen errichten müssen, in Afrika aber Hütten, die aus Flechtwerk und Lehm bestehen, v. Höhnel gibt eine Beschreibung der Krale der Masai, die aus i 1 /» bis 2 m hohen Hütten mit etwa 3 bis 3'/* m Durchmesser bestehen. Die Krale werden von vielen (bis 1000) Menschen bewohnt. Macht der Weidewechsel eine Wanderung und so ein Verlassen nötig, dann wird das Gestäbe der Hütten oft mitgenommen, und damit werden die Weiber beladen, die außerdem noch die übrigen Besitztümer, die sich allerdings meist auf Milchgefäße, Strohmatten, Töpfe und rauchgare Ochsenhäute beschränken, tragen müssen. Ist ein neuer


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Weideplatz gefunden, dann haben die Weiber die Behausung wieder aufzubauen. Die älteste Zeit beschränkte sich im wesentlichen auf zwei Grundtypen künst- licher Wohnungen (abgesehen von den Höhlen als natürliche), auf die Wohn- grube und den Windschirm. Welches System von beiden das ältere ist, mag da- hingestellt bleiben; vielleicht sind sie beide gleich alte Produkte verschiedener Gegenden. Die Wohngruben deuten zumeist auf kältere Gegenden und sind ganz spezielle Frauenwohnungen, da sie am besten Wärme halten. Noch in histo- rischer Zeit waren sie es in Deutschland unter dem Namen Dung. Es sind unter- irdische Gemächer gewesen, die oben abgedeckt und mit Dung bedeckt waren. Aber auch die Windschirme (Abb. 189) werden fast stets von den Weibern auf- gebaut. Schadenberg beschreibt uns ihre Aufstellung bei den Negritos der Philip- pinen: „Die Verfertigung der Windschirme ist ihre nächste Sorge, wenn sie einen passenden Platz für ihre Niederlassung gefunden haben. Die Arbeit wird gewöhnlich durch die Weiber und die Kinder ausgeführt. Die Herstellung der Windschirme geschieht folgendermaßen: Aus gespaltenem Bambus wird ein Rah- men verfertigt, ca. 2 m hoch und i 1 /» m breit; in diesen werden Längs- und Querstöcke eingezogen und fest miteinander verflochten und verschlungen. Das Intervall eines Bambusspanes vom andern beträgt ungefähr i 1 /» dm; diese Zwischenräume werden mit Blättern dachziegelartig gedeckt. In der Mitte des oberen Teiles wird eine gleichfalls 2 m lange Stütze angebracht und vermittels dieser der Windschirm in einem Winkel von 45 Grad aufgestellt; zur größeren Bequemlichkeit wird der Boden unter dem Schirm mit Laub belegt." Bei anderen Völkern wurde aber stets die Lehmarbeit der Frau für den Hausbau wertvoll; geflochtene Häuserteile wurden mit Lehm überzogen und so in festeren Zustand gebracht. Hier mag auch darauf hingewiesen werden, daß bei verschiedenen polygam lebenden Völkern die Frauen oft eigene Häuser bewohnen (Abb. 170). Neben der Töpferei haben wir aber noch einer Hausindustrie zu gedenken, die sich bei manchen Völkern verbreitet hat und ganz in den Händen der Weiber sich befindet. Tritt der Töpferei der Frauen die Schnitzerei des Mannes gegen- über, so dem Gerben des Mannes die Herstellung von Baumrindenstoff — aller- dings ist das Gerben nicht ausschließlich in Händen des Mannes. Wohl hat die Frau diesen Stoff auch erfunden; in Polynesien, wo er Tapa heißt, geschieht die Herstellung einzig und allein durch Frauen in eigens dazu bestimmten Hütten;


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sehr häufig liefert aber der Mann den Rohstoff dazu. Je geringer die Erträgnisse der Jagd sind und wurden, desto mehr nahm natürlich diese Industrie überhand und wurde auch von Männern mehr und mehr übernommen. Am beliebtesten sind die Rinden der Ficus-Arten, die man in Afrika, Ozeanien usw. verwendet. Whitehead berichtet uns über die Herstellung: „Die Muruts ziehen die Rinde, die sehr zusammenhängend und biegsam ist, in breiten Streifen von einem Baume ab. Sie wird dann auf ihrer ganzen Fläche mit einem schweren hölzernen In- strument gehämmert (Abb. 180), dessen eine flache Seite von tiefen Kreuzlinien wie eine Feile durchzogen ist; auf diese "Weise zerstört man die härteren Fasern der Rinde und wandelt sie in einen sehr geschmeidigen, aber keineswegs festen Stoff um. Da die Rinde voll von Rissen und Löchern ist, wird dieser Fehler durch querübergenähte Rindenstreifen beseitigt." Die Polynesierinnen wässern dabei sehr stark und firnissen den Stoff schließlich mit einer aus der Rinde von Aleurites triloba hergestellten Gummilösung, so daß er wasserdicht wird. Allerlei Färberei und Bemalung dient ihm als Schmuck. Aber auch die Gerbindustrie er- füllt den Arbeitskreis des Weibes, und zwar häufig in einer uns recht schrecklich dünkenden Weise. Bei den Eskimos beispielsweise müssen die "Weiber die Tier- felle, die vorher in Urin geweicht wurden, vollständig durchkauen, eine Be- schäftigung, durch die sie ihre Zähne im Laufe der Jahre völlig abnützen. An die Stoffherstellung aus Rohprodukten reiht sich die aus Mitteln der Weberei und der Flechtkunst (Abb. 188). Daß diese hauptsächlich in den "Wirkungskreis des Weibes fällt, haben wir bereits mehrfach erwähnt. In geradezu überraschen- der "Weise hat sich hier aber die Arbeitsteilung vollzogen, so daß es heute völlig unmöglich erscheint, jedem der beiden Geschlechter seinen Erfinderanteil zuzu- weisen. So fertigen die Salomoinsulanerinnen die Fischkörbe, ihre Männer aber die Stricke und Netze, während in Australien die Männer die Körbe flechten und in Samoa wieder die Weiber die Matten herstellen und es darin zu einer fabel- haften Technik bringen, während die Männer nur die Stricke drehen. Oft be- ruht der Unterschied auch darin, daß die Männer die feineren kunstvollen Flechtereien machen und die Weiber die gröberen, so bei den Kaffern. Die Wirkungskreise sind überhaupt oft recht eigenartig. So schildert Prinz M. v. Wied (1817) die Zustände bei den Botokuden. Die Frau muß dem Manne unbedingt gehorchen, und die Narben an ihrem Körper zeigen den Weg, wie dieser Ge-


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Abb. 158. Ifugaopaar mit Hochzeitsschmuck.


Nach Buschan.


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horsam erzwungen wurde. Ihr Geschäft ist alles, was sich nicht auf die Jagd be- zieht. Sie baut die Hütte, sucht Früchte, die sie zumeist mit dem Kopf trägt (ähnlich auch bei anderen Völkern, so Abb. 190, 200), und ist das Lasttier für die Reisen. Zu alledem hat sie ihre kleinen Kinder ständig auf dem Rücken zu tragen (Abb. 168). Besonders reich ist die Tätigkeit der Weiber der Aleuten der des Mannes gegenüber nach dem Berichte von v. Langsdorf von 1807. Weiber und Mädchen müssen im Sommer Fische aufschneiden, reinigen und trocknen, Beeren und Wurzeln für den Winter sammeln, Felle für Boote zusammennähen, was insofern originell ist, als das hölzerne Gerippe dieser Baidarken von den Männern gefertigt wird, die dann auch die Seehundsfelle zubereiten und zu- schneiden, während die Weiber den Faden zum Nähen aus Walfisch- und Renn- tiersehnen drehen. Dann steht es den Weibern zu, die Kleider, Stiefel und Schuhe zu fertigen, die Schlingen für die Wurfspieße und die Angelschnüre zu drehen. Im Nähen entwickeln sie besonderes Geschick, und sie verwenden be- sondere Arten von Nähten für die Regenkleider aus Seehunddärmen, die aus Vogelhäuten, die Seehundkleider, die Boote oder die Stiefel. In den Winter- nächten flechten sie feine Matten und kleine Körbchen aus Stroh, die sie bunt färben, oft mit Urin, den sie durch verschiedenartige Mischung auf eine sehr vor- teilhafte Weise auch zu vielen anderen Zwecken, so als Surrogat der Seife, be- nutzen. Über die Mongolen erzählt Prschewalski (1873), daß den Weibern das Melken der Herde, Sammeln der Sahne, Buttern, Kochen und alle übrigen Haus- arbeiten zufallen, während die Männer gewöhnlich nichts tun, als den ganzen Tag von einer Jurte zur andern reiten, dabei Tee oder Kumys trinken und mit den Nachbarn plaudern. Originell ist die Verwendung der Weiber für die Boote der Feuerländer, was uns Weddell beschreibt, der 1824 zur Robben jagd sich dort aufhielt. In der ersten Abteilung eines solchen Fahrzeuges liegen die Fisch- geräte, in der zweiten sitzen die Weiber, die das erste Ruder führen, in der vier- ten sammelt sich das eingelaufene Wasser, das wieder ausgeschöpft wird, in der fünften sitzen die Männer, in der sechsten die Weiber, die das hintere Ruder führen, und schließlich folgt noch der Raum für die übrigen Gerätschaften. Dies wird um so interessanter, als vielfach auch die besitzrechtlichen Verhältnisse ver- schiedene sind. So sagt Thurnwald von den Admiralitätsinseln: „Die erste und natürlichste soziale Differenzierung ist offenbar die der Geschlechter gewesen.

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Die Männer leben für sich und die Frauen; bei Tänzen, Festen, bei Verbrennung von Toten — nie findet wie bei uns eine Mischung, stets eine Sonderung der Geschlechter in je eine Gruppe statt. Bestimmte Tätigkeiten fallen den Männern zu, andere den Frauen; bestimmter Werkzeuge und Geräte bedienen sich die Männer, anderer die Frauen. So teilt sich auch der Besitz an materiellen Gütern zwischen den Geschlechtern. Es ist daher selbstverständlich, daß die Güter des Mannes nur ein Mann, die einer Frau auch nur eine Frau zu eigen haben und erben kann. Tatsächlich besitzt der Mann: Haus, Schweine, Kokospalmen, Betel- palmen, Waffen, Netze, Körbe, Tragtaschen u. dgl. Die Frauen gewöhnlich: Töpfe, Tragbänder, andere Tragtaschen, kleine Netze, gewisse Körbe, Platten oder Gestelle zum Aufbewahren von Speisen, Nadeln aus Fledermausknochen u. dgl., ja auf den Admiralitätsinseln hat man besonderes Frauengcld aus perlen- artigen bleigrauen Früchten (,lacrima coix'). Aber der Mann verfügt nicht über das Eigentum der Frau. Er beansprucht wohl ihre Arbeitskraft für die Taro- pflanzung, dafür gewährt er ihr Schutz . . . Die Wichtigkeit der Person des Erben, wie auch die Norm, daß Ehegatten einander nicht beerben können, wie das be- sonders in gewissen alten Rechten der Fall ist, wird uns aus dem Gesagten ver- ständlich, wenn wir diese Sonderung in Geschlechtseigentum als eine möglicher- weise einstens verbreitete Einrichtung betrachten. Erst die größere Verbreitung des Geldes und geldgleicher allgemeiner Wertträger verwischte den Unterschied von Geschlechtseigentum."

Doch kehren wir zu der Weberei zurück. Zu den eigentlichen Geweben bedarf es erst der Herstellung des Materials, das Fadens. Dies geschieht bekanntlich durch Spinnen, was wieder hauptsächlich Weiberarbeit ist. Bei Naturvölkern bedient man sich ausschließlich der Spinnwirtel, kleiner Scheibchen aus Ton, Stein, Knochen usw., durch die die Spindel gesteckt wird. Die Vorbereitung der Pflanzen- und Tierfaser zu diesem Betriebe ist teilweise recht umständlich, wird aber auch zumeist von Weibern besorgt. Dies führt uns von selbst zur Weberei (Abb. 196). Wahrscheinlich ist ihre Erfinderin das Weib, aber die Verbesserung des Gewerbes lag in den Händen des Mannes, der den eigentlichen Webestuhl erfand und sich im großen diesem Gewerbe widmete, ähnlich wie er mehr oder minder zum Schneider wurde. Dies gilt besonders für Afrika. Hier spinnen die Frauen, aber die Gewebe werden hauptsächlich von Männern gefertigt.


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Noch müssen wir kurz der verschiedenen anderen Zweige der Technik gedenken, unter denen uns in Afrika besonders die Eisenindustrie auffällt; sie ist natürlich ganz in Händen des Mannes, nur bei Herstellung des Rohmaterials, beim Schläm- men des eisenhaltigen Sandes wird das Weib verwendet. Recht wichtig erscheint auch die Salzgewinnung. Bekanntlich ist Salz besonders für Völker, die von vegetabilischer Kost leben, eine Naturnotwendigkeit, und die größten Kämpfe und Kriege werden um salzhaltige Gewässer oder um die Möglichkeit des Salz- handels geführt. Dies ist natürlich nicht überall möglich und ist, weil mit Kämp- fen verbunden, im Wirkungskreis des Mannes liegend. Da war es denn für viele Stämme ein wahrer Segen, daß das Weib entdeckte, daß sich aus der Asche verschiedener Pflanzen durch Auslaugen salzartige Stoffe gewinnen ließen. Auch andere technische Arbeiten fallen z. T. dem Weibe zu, so das sehr langwierige Bohren von Löchern in Steine durch ein Bambusrohr mit feinem Sand.

Verhältnis zum Mann

Trotz dieses reichen Wirkungskreises nimmt man aber vielfach auf das Ruhe- bedürfnis des Weibes keine Rücksicht; dies geht aus einer interessanten Schilde- rung indianischer Verhältnisse von Im Thurn hervor. Er erzählt von den In- dianern Guyanas: „Wenn der Tag endlich zu Ende ist und die Weiber genug Feuerholz für die Nacht zusammengelesen haben, werfen sie sich in ihre Hänge- matten, und ein allgemeines Gespräch beginnt. Bis tief in die Nacht hinein er- zählen die Männer endlose Geschichten, die sie manchmal wie einen einförmigen Gesang summen, manchmal auch mit einem erstaunlichen Aufwand von Pathos und Gebärdenspiel zu Gehör bringen. Die Knaben und jungen Männer tragen ihr Teil zum Lärme bei, indem sie um die Häuser wandeln und Hörner oder Flöten blasen. Es ist nur wenig Nachtruhe in einer Indianersiedlung zu finden. Diese Leute schlafen nach Art der Hunde ohne Schwierigkeit nur für kurze Zeit, dafür aber um so öfter, gleichgültig ob bei Tag oder Nacht, und ganz nach Laune. Die Männer, die tagsüber von Zeit zu Zeit geschlafen haben, brauchen keine Nachtruhe, und auf die Weiber nimmt man keine Rücksicht." Und doch obliegt dem Weibe oft noch außerdem die Körperpflege ihres Gatten, die bei dem Ungezieferreichtum der warmen Länder wahrlich keine Kleinigkeit ist. Wie oft sehen wir Aufnahmen, bei denen der Mann auf der Erde sitzt, sich gegen die

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Knie des Weibes stemmt, während dieses mit einem riesigen Kamm seinen Kopf bearbeitet. Unter sich sind die Frauen oft ebenfalls nicht gerade zart und lernen dabei so viel, daß sie auch bei Naturvölkern ihre Männer zu Rittern des Pan- toffels machen. So schreibt Merensky von den Basuto: „Die Weiber des Mannes vertragen sich, weil jede von ihnen getrennte Wirtschaft führt. Jede hat einen eigenen Hof, ein eigenes Haus (s. Abb. 170), auch eigenen Garten und infolgedessen eigene Kornvorräte. Der Mann haust zeitweilig in der einen Wirtschaft, dann wieder in einer anderen. Jede Frau aber ist verpflichtet, ihm täglich Speise (vgl. Abb. 1 89 u. Zeichn.XVII) zu bereiten und dorthin zu bringen, wo er residiert. Die Stellung der Frau ist keine sklavenartige, ihre Pflichten sind durch die Volks- sitte festgesetzt, diese muß sie erfüllen, genießt aber sonst viele Freiheit, und selbst ihr Kornvorrat darf vom Manne nicht ohne ihren Willen angetastet werden. Zänkische und herrschsüchtige Frauen gibt es überall, und auch unter den Basuto gerät mancher Mann schneller oder allmählicher unter den Pantoffel seiner Frau oder Frauen. Im allgemeinen nehmen die Frauen keine verachtete Stellung ein, man kann sogar sagen, daß ihre Stellung die der Gleichberechtigung mit den Männern ist, denn Vergehen an Weibern werden ebenso bestraft wie solche, die an Männern begangen sind." Auch das Füttern der Tiere obliegt oft den Weibern (Abb. 194). Ja, was besonders interessant ist, sie stillen mit der eigenen Milch. So sollen nach Schellong die Papuafrauen auch ihre jungen Haustiere, Hunde und Schweine, an die Brust nehmen; es war ihm folgende Geschichte passiert: „Meine Windhündin warf 11 Junge, und da ich nicht wußte, was ich mit diesem Segen anfangen sollte, überbrachte ich 6 davon den Eingeborenen eines benachbarten Dorfes, mit der Aufforderung, sie sollten die Kleinen ver- zehren; das wiesen sie jedoch sehr entrüstet als ,Stoff Verschwendung' zurück und meinten, sie würden klüger handeln, wenn sie die junge Brut ihren Frauen an die Brüste legten und sie so aufzubringen versuchten." (Vgl. Abb. 193, 195). Oft kommen aber die Weiber auch unter sich in Streit. Eine recht interessante Schilderung gibt davon der Missionar Beste über die Kaffernfrauen: „Weiber- duelle sind unter den Kaffern nichts Seltenes, wenn es auch dabei nicht gerade darauf abgesehen ist, das Leben zu nehmen, sondern die Beleidigung schon durch eine tüchtige Schlägerei gesühnt erscheint. Bei diesen Duellen geht es auch in aller Form zu. Die Beleidigte erscheint mit einer Genossin als Zeugin vor der


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Hütte der Gegnerin und fordert sie auf, an einem bestimmten Ort, meist am Flußufer oder sonst entlegenen Stellen, zu einer bestimmten Zeit zu erscheinen. Meist wird diese Forderung, um dem Stigma der Feigheit zu entgehen, auch an- genommen, und die Kombattantinnen erscheinen zur festgesetzten Zeit mit (oder seltener ohne) Zeugen auf dem Kampfplatze. Nachdem sich die Duellanten bis an die Hüften all und jeder Kleidung entledigt, beginnt der Kampf, jedoch mit keinen anderen Waffen als die, die jeder von der Natur mitbekommen hat, d. h. die Hände, Füße, Nägel und Zähne. Wie Furien fahren sie aufeinander los, und die eine sucht die andere im Schlagen und Stoßen und Kratzen und Beißen zu überbieten. Besondere Bravour beweisen sie gewöhnlich im Letzt- genannten und schnappen nach allem, was ihnen irgend in den Weg kommt, und wehe der armen Nase, Ohr, Finger oder was ihnen sonst zwischen die weißen, scharfen Zähne gerät; da ist kein Entrinnen, und manche Duellantin trägt für zeitlebens ein Mal und Denkzeichen davon. Soweit der Atem irgend reicht, wird dabei natürlich auch geschimpft und geflucht, bis endlich der eine Kämpfer nicht mehr kann und sich für überwunden erklärt. Niemand wird es einfallen, etwa zu versuchen, die Kämpfenden zu trennen." Ein australisches Weiberduell stellt Abb. 198 dar.

Da verdient es denn unser besonderes Interesse, zu erwähnen, daß sich bei vielen Naturvölkern spezielle Frauenwaffen ausgebildet haben, die den Weibern allein zukommen. Äußerlich fallen sie fast stets durch ihre Kleinheit auf, und man sieht ihnen an, daß ihr Zweck hauptsächlich der momentanen Notwehr oder ähnlichem wie dem eben geschilderten Duelle dient. So führen die Australierinnen Schlag- stöcke, die Fidschiinsulanerinnen eine Abart von Bogen, der offenbar nichts anderes ist als eine alte, bei Männern längst außer Gebrauch gekommene Form; die Weiber auf Neuguinea haben kleine, flache Keulen. Daneben kommen Schlagsteine und spezielle kleine Weiberwaffen im zentralen Afrika vor, die die Weiber unter dem Schurz verborgen tragen. Besonders charakteristisch sind aber die Kratzwaffen, die ihre höchste Ausbildung auf den Gilbertinseln gefunden haben und ebenfalls unter dem Schurz verborgen getragen werden.


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KAPITEL IV

Das geistige Kulturleben des Weibes

Weib und Aberglaube

War in betreff der materiellen Kultur für das Weib ein wesentlicher ausschlag- gebender Anteil an der kulturellen Entwicklung zu konstatieren, so gilt das in gar keiner Weise für das geistige Leben, was innersekretorisch nicht anders zu erwarten ist. Das meiste, was hier zu sagen war, begegnete uns bereits im Laufe unserer Darstellung, und weitaus die größte Hälfte des übrigbleibenden Teiles erstreckt sich auf rein abergläubische Vorstellungen, die sich wieder mehr oder minder auf die Sexualsphäre ausdehnen. Was uns also bleibt, gruppiert sich in vier Abschnitte: das Weib und die Feste, das Weib und die Religion, das Weib und die Kunsttätigkeit und das Weib und die Sitte. Durchgehend machte sich bei Naturvölkern das Bestreben bemerkbar, den Weibern viele Vorgänge mit dem Schleier des Geheimnisse zu umhüllen und allerlei Schreckmittel auszusinnen, deren wahre Bedeutung die Männer unter sich geheimhalten. Freilich antworten, wie wir bei Gelegenheit der Reifezeremonien bereits gesehen haben, die Weiber oftmals mit gleichen Mitteln, ohne aber ernstlich durchzudringen. Der Kern dieser eigenartigen Tatsache liegt im wirtschaftlichen Leben begründet, von dem wir eben gesehen haben, daß es bei den Naturvölkern eine Art von Konkurrenz- kampf zwisdoen der Männer und der Frauengruppe darstellt, und daß dabei die beiden Teile versuchen, ihre Position auf Grund abergläubischer Vorstellungen des andern Teiles zu stärken. Da wir ja sozusagen das Leben des Weibes voll- ständig mit durchlebt haben, so sind wir den meisten derartigen Erscheinungen bereits begegnet. Es mag daher hier lediglich auf einiges hingewiesen werden. Die Australier besitzen Instrumente, mit denen sie die Weiber zu schrecken ver- stehen, das Schwirrholz und die Churinga. Das Schwirrholz ist ein läng- liches, flaches Holzstückchen, an einem Ende durchbohrt, so daß es hier einen Faden aufnehmen kann. Bringt man es daran in rasch rotierende Be- wegung, so wird ein eigenartiger Ton erzeugt, von dem man den Weibern — die nicht zusehen dürfen — sagt, es sei die Stimme eines Geistes. Bei den Jüng-


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lingsweihen wird die männliche Jugend in dies „Geheimnis" eingeweiht, und sie muß den Weibern und Kindern gegenüber absolut reinen Mund halten bei schwerer Strafe. Die Churinga oder der Seelenstein hat kein Loch, sondern gilt als Sitz einer Seele. Jeder Australier besitzt solch einen Stein, aber Weiber und Kinder dürfen den ihrigen nicht sehen. Auch politische Vorgänge werden den Weibern gerne vollständig verheimlicht. Wir haben oben eine sehr bezeichnete Schilderung Koch-Grünbergs wiedergegeben.

Was nun die Feste anlangt, so sind die Weiber in erster Linie an denen inter- essiert, die sie direkt betreffen, also an solchen, die mit der Geschlechtsreife oder der Hochzeit zusammenhängen; auch die Totenfeste gehören hierher. Sie alle haben wir bereits besprochen. Es erübrigt uns also, vor allem hier des Tanzes zu gedenken. Da ist es nun auffällig, daß auch hier das Weib eine nach unseren Begriffen untergeordnete Rolle spielt, ja, daß es bei weitaus den meisten Tänzen gar nicht eigentlich mitwirkt, sondern lediglich Musik machen und den Takt schlagen darf, während die Männer im vollen Schmuck den Tanz ausführen. Tänze der Weiber allein oder in Gruppen mit rein ästhetischer oder wenn man will erotischer Wirkung sind den Naturvölkern großenteils fremd und treten erst bei Kulturvölkern in ihrer vollen Bedeutung hervor. Bei Naturvölkern liegt im Körper an sich infolge ihrer freien Auffassung und Lebensweise wenig An- reizendes. Unsere Moral hingegen hat mit ihrer Verhüllung und ihren Verboten unsere krankhafte Reizbarkeit und damit die sexuelle Frage erst geschaffen. Je mehr von dieser Moral, desto mehr Reizbarkeit, desto mehr Erotik. Trotzdem haben aber auch die Frauen bei Naturvölkern einige Tänze entwickelt, die sich häufig an bestimmte Gelegenheiten, so religiöse oder soziale Festlichkeiten, an- schließen; ab und zu hat sich auch eine Art von Tänzerinnen ausgebildet. Das klassische Land der Tänze ist Indien. Allerdings sind sie hier bereits sehr in den Dienst der indischen Hochkultur getreten. Dennoch geben sie ein gutes Beispiel auch für unsere Zwecke. Kämpfer beschreibt uns beispielsweise einen südindischen Frauentanz: „Im südlichen Malabar wird ein Fest gefeiert, bei welchem dem Gott des Wetters und des Erntesegens vestalische Jungfrauen dargeboten werden, damit sie von seinen Geistern besessen werden sollen. Durch diese Wollust befriedigt, soll der Gott die Herden und Feldfrüchte verschonen. Dies geschieht auf öffentlichem Platze alljährlich in folgender Weise: Die Jung-


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f rauen werden unter Begleitung des Brahmanen aus dem Tempel geführt und zur öffentlichen Besichtigung aufgestellt. Sie sind schön, wohlgeschmückt, ihr Antlitz ist bescheiden und trägt nichts von Besessenheit an sich. Unverweilt aber, wäh- rend ein Priester aus den Veden die Sprüche vorliest, beginnen die Mädchen sich leicht zu bewegen, dann bald zu tanzen und endlich ihren Leib durch Sprünge und schnelle, ungeordnete Bewegungen zu ermüden, die Glieder und Augen zu verdrehen, zu schäumen und abscheuliche Handlungen darzustellen: das Volk glaubt nun, daß sie von den in sie gefahrenen Dämonen so bewegt werden. Wäh- rend dies geschieht, erschallt fröhliche Musik von Zymbeln und Pauken, und auch das Volk beteiligt sich mit Rufen und Seufzen. Wenn die Mädchen erschöpft sind, führen die Brahmanen sie in den Tempel zurück und lassen sie ausruhen. Nach Verlauf einer kurzen Stunde sind sie wieder bei Sinnen und werden aufs neue dem Volke vorgeführt, damit die heidnische Schar sie wieder frei von den Geistern erblicke und das Götzenbild für versöhnt halte." Diese Tänze sind also auf schamanistischer Grundlage aufgebaut. Auch in Zentral- und Nordasien, wo sie hauptsächlich zu Hause sind und auch weibliche Schamanen vorkommen, wird der Tanz bis zur Ekstase fortgeführt. Die Schamanka weilt dann im Geister- reich. (Vgl. Abb. IJ4 und 201).

Weltbekannt sind die polynesischen Tänze geworden. Es mag daher noch die älteste Schilderung, die wir davon haben, die von Cook, Platz finden; sie bezieht sich auf die Einwohner von Ulietea (Tahiti): „Im Verlauf unseres Marsches be- gegneten wir einer Truppe von Tänzern, die uns zwei Stunden lang aufhielt und uns während dieser ganzen Zeit viel Unterhaltung gewährte. Die Truppe bestand aus zwei Tänzerinnen und sechs Männern mit drei Trommeln, und Tupia sagte uns, daß sie zu den angesehensten Leuten der Insel gehörten, und daß sie, ob- schon sie beständig von einem Ort zum andern zogen, doch kein Honorar von den Zuschauern annehmen, wie die kleinen Wandertruppen von Otaheite. Die Frauen hatten eine beträchtliche Menge von Tamou oder geflochtenen Haaren mehrmals um den Kopf gewunden. Diese Haare waren reichlich mit Blumen von Kap-Jasmin geschmückt, die mit viel Geschmack eingesteckt waren und einen wahrhaft eleganten Kopfschmuck bildeten. Ihr Hals, Schultern und Arme waren nackt, ebenso die Brüste bis zum Ansatz des Armes. Weiter unten waren sie mit schwarzem Zeug bedeckt, das dem Körper eng anlag. Auf der Seite jeder Brust,


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zunächst dem Arm, war ein kleines Büschel von schwarzen Federn angebracht, ziemlich in derselben Art, wie unsere Damen jetzt ihre Blumensträuße oder Buketts tragen. Auf ihren Hüften lag ein Stück Zeug auf, das sehr stark gefäl- telt war und bis zur Brust heraufreichte und nach unten in einen langen Frauen- rock überging, der ihre Füße vollständig verbarg, und den sie mit ebenso großer Gewandtheit handhabten, wie dies unsere Ballettänzerinnen zu tun verstehen. Die Falten über dem Gürtel waren abwechselnd braun und weiß gefärbt, der Rock unterhalb des Gürtels war ganz weiß. In diesem Aufzug bewegten sie sich in abgemessenem Schritte seitwärts, indem sie den Takt der Trommeln, die laut und lebhaft geschlagen wurden, ausgezeichnet einhielten. Bald nachher begannen sie ihre Hüften zu schütteln, indem sie die darauf hegenden Zeugfalten in eine sehr rasche Bewegung versetzten, die sie in gewissem Maße während des ganzen Tanzes fortsetzten, obgleich der Körper in verschiedene Stellungen gebracht wurde, zuweilen stehend, bald sitzend und bald auf Knien und Ellbogen ruhend, und dabei wurden die Finger mit einer kaum glaublichen Raschheit bewegt. Die Gewandtheit der Tänzerinnen und die Unterhaltung der Zuschauer bestand in- dessen großenteils in der Üppigkeit ihrer Stellungen und Gebärden, die in der Tat alle Beschreibung überstieg. Zwischen den Tänzen der Mädchen führten die Männer eine Art dramatischen Zwischenspieles auf, mit dem sowohl Dialog als Tanz verbunden war, aber wir waren nicht hinlänglich mit ihrer Sprache ver- traut, um sein Sujet zu verstehen." Eine besondere Rolle als Tänzerinnen spie- len die Samoanerinnen (Abb. 187 und 202). Auch in Mikronesien ist der Tanz sehr beliebt (Abb. 192). Überall macht sich ein besonderer Schmuck geltend, der oft sehr eigenartig ist und mit religiösen Ideen und Zaubergebräuchen zusammen- hängt. So besitzt das Museum zu Dresden einen derartig eigentümlichen Tanz- kopf schmuck aus Celebes (Abb. 210). Auch die beim Tanz benutzten Stöcke zei- gen Formen, die für Weiber charakteristisch sind (Abb. 216). Ungemein reichhaltig sind die Tänze der Indianer; aber auch sie enthalten meist nur Männergruppen. Owen Dorsey gibt einen sehr schönen Überblick über die der Omaha; wir sehen daraus, daß am Büffeltanz erst in neuer Zeit Frauen teilnehmen konnten, d. h. nur an den damit verbundenen Festen; ähnlich war es beim Grizzly-Bären- Tanz. Ein reiner Frauentanz war dagegen der Tanz „derer, welche die rote Farbe haben". Hier machten umgekehrt die Männer die Musik. Die Bemalung


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war vollständig rot und die „Medizin" waren Büschel von Wurzelhalmen be- stimmter Gräser. Beim Tanz derer, die auf den Tod gefaßt sind, war eine Frau als Sängerin beteiligt. Originell war dagegen wieder der Nachttanz. Hier tanzten während des Tages nur die Frauen und die Männer sangen dazu, während es bei Nacht umgekehrt war. Unserer Auffassung am nächsten kam der Hekana- tanz. Hier konnten nämlich junge Leute beider Geschlechter zusammenkommen, weil die Tanzenden paarweise geordnet waren. Einen südamerikanischen Tanz der Puris geben uns Spix und Martius im Bilde (Abb. 197). Meist schließen sich die weiblichen Tänze denen der Männer an. So schildert L. Wolf (1885) einen Tanz



Zcidin. XVIII. Liebesbrief eines indianischen Mädchens

der Lukengo bei den Bakuba (Zentralafrika). Ihn lösten die Frauen und Mädchen ab, deren Tanzbewegungen verschieden von denen der Männer waren und darin bestanden, daß sie sich abwechselnd bald auf dem einen, bald auf dem andern Fuße wiegten und eine erstaunliche Hüftgelenkigkeit nach allen mög- lichen Richtungen entwickelten, wobei die linke Hand mit gespreizten Fingern hoch über dem Kopf und die rechte dagegen gerade hinunter gehalten wurde. Finger und Handgelenke waren stets in korrespondierender Bewegung mit den Hüften. Sehr interessant ist auch eine Schilderung, die Steller (1744) von den Kamtschadalen gibt. Hier treten 10 Männer und Weiber, ledig und verheiratet, gut gekleidet, in einen Kreis, heben nach dem Takt einen Fuß nach dem andern. Jeder muß einige Worte als Losung sprechen, und die eine Hälfte der übrigen hat unterdessen das letzte, die andere das erste Wort zu wiederholen. So tanzen


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sie über einer Losung eine Stunde, wobei sich der Kreis immer mehr vergrößert, weil sich dem Tanz niemand entziehen kann; sogar die ältesten Greise nehmen Anteil. Dieses Vergnügen dauert vom Abend bis zum Morgen. Außerdem haben die Weiber einen besonderen Tanz. Sie stellen sich in zwei Linien gegenüber, sprechen ihre Losung und bleiben beständig auf einer Stellung stehen, legen beide Hände auf den Magen, heben nur die Fersen und Arme, ohne dabei vom Platze zu kommen. Bei den eigentlichen Itälmenen ist denn doch etwas mehr Bewegung vorhanden. Weiber und Mädchen sitzen im Kreise, plötzlich springt eine auf, mit langen Flechten des weichen „Grases Eheu" an den Mittelfingern,




Zeichn. XIX. Weibliche Geschlechtsteile (FelsenEeichnung von Abri Blanchard) Älteste künstlerische Darstellung der Menschheit

und singt ein Lied; sie dreht sich und wendet sich, daß der ganze Leib wie vom Fieber zittert, dazu bewegt sie die Glieder mit höchst wunderbarer Geschicklich- keit. Im Singen imitieren sie allerlei Tierstimmen und geben besondere Kehllaute von sich. Sehr bezeichnend ist eine Schilderung die Koch-Grünberg von den Siusi im nordwestlichen Südamerika gibt und die besonders gut die Beteiligung der Weiber zeigt. Er schreibt: „Bei Sonnenuntergang gegen 6 Uhr begannen die Tänze. Zwei Männer, bunte Federkronen auf dem Kopfe und Klappern aus Fruchtschalen um den rechten Fußknöchel gebunden, tanzten im raschen Marsch- schritt vor dem Festhause hin und her. Die eine Hand hatten sie auf der Schulter des Nebenmannes liegen, mit der anderen Hand hielten sie die großen Yapurutu, i bis iVj m lange Flöten aus dem Holz der Paxiubapalme, denen sie eine einförmige, aber melodische Weise entlockten. . . . Währenddessen saßen zwei andere Yapurutubläser, ebenso geschmückt wie die beiden Tänzer, aber ohne Klappern, auf einem Baumstamm links vom Eingang des Hauses und be-


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gleiteten den Tanz mit ihren Instrumenten. So ging es etwa ein dutzendmal hin und her, dann traten die beiden Tänzer in das Haus ein und schritten auch hier noch einigemal im mittleren Längsraum auf und ab, jeden zweiten Schritt mit den Klappern akzentuierend. Zwei Weiber hatten sie in ihre Mitte genommen, indem sie mit dem freien Arm ihren Hals umschlangen. Eifrig trippelnd suchten die bemalten Schönen sich den weit ausgreifenden Schritten ihrer Tänzer an- zupassen, deren Hüften sie umfaßt hielten. Mit einem anhaltenden Fortissimo der großen Flöten schloß diese Nummer. Die darauf folgende Pause wurde mit Musik ausgefüllt. Auf einer langen Bank im Haus saßen einige Jünglinge und bliesen kurze Akkorde in raschem Tempo auf Panflöten, die genau die Form der altgriechischen hatten." Nachdem Koch dann einige anschließende Männer- tänze beschreibt, fährt er fort: „Die Tänzer, die Weiber und Mädchen zwischen sich genommen hatten, tanzten nun aus dem Hause heraus und einigemale um den Ingahaufen herum. In endloser Wiederholung erscholl der rhythmische Ge- sang der Männer. Dann kehrten sie wieder in das Haus zurück und tanzten noch einige Runden ohne Weiber." Unterdessen tragen Weiber einen Teil der Früchte in großen Tragkörben in das Haus, wo sie mit lautem Jubel empfangen werden. „Sie überbrachten die Gastgeschenke. Um den Rest des Inga wurden wieder verschiedene Tänze aufgeführt, zunächst von zwei Yapurutubläsern mit zwei Mädchen in der Mitte wie am Anfang des Festes." Danach schildert Koch wieder männliche Tänze, an denen der Häuptling teilnimmt, und fährt fort: „Auch an diesem Tanz nahmen nach einiger Zeit Weiber teil. Sie schritten etwas außerhalb des Kreises, da sie die rechte Hand auf die linke Schulter ihres Part- ners legten. Einige führten Kinder an der freien Hand oder ließen die Kleinen auf der linken Hüfte reiten, andere trugen Säuglinge in der Bastbinde. Die Kinder schliefen z. T. während des Tanzes, trotz des Lärmes. Ein Weib schrie lange anhaltend in gellendem Tone als Begleitung zu dem feierlichen getragenen Gesänge der Männer:

,maliehe-mali-e-maliehe maliehe mali-e maliehe nunuyaha malie-he nunuyaha malie-he.' ..."


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Aber auch das Komische fehlt den Weibertänzen nicht. So erzählt Kühn von den Alfuren, daß hier bei Tänzen viele Weiber und Männer im Kreise sitzen. Bald steht das eine, bald das andere auf und schleudert die Arme zwischen zwei von Knaben aufrechtgehaltenen Hölzern. Wurde dabei das Tanzende, das nicht Takt hielt, getroffen, so mußte es aufhören und war dem Gelächter preisgegeben. Besonders hübsch nahmen sich, wie Kühn schreibt, zwei junge Mädchen aus, die zugleich tanzten, und zwar so, daß das eine hinübertrat, während das andere herüberschritt, wobei sie sich um sich selbst drehten. Das komische Moment aber liegt darin, daß die alten, fast nackten Weiber dem Tanze besonders leiden- schaftlich ergeben waren. Überall, wo Naturvölker enge mit Europäern und ihrer Moral zusammenkommen, artet der Tanz aus. Das gilt schon für Nord- afrika, und aus der ganzen Art der nubischen Tänzerin (Abb. 203) spricht schon der Typus der Prostituierten. Noch stärker gilt dies natürlich für die Neger Amerikas, wo auch der Alkohol noch das Seine tut (Abb. 199).

Weib und Religion

Noch weniger ist über die Beziehung des Weibes zur Religion zu sagen, d. h. insoweit, als speziell weibliche Kulte erscheinen. Eine speziell weibliche Götter- figur ist der schon oben erwähnte Koma im nördlichen Transvaal. Die Weiber halten alles darauf bezügliche als strenges Geheimnis, ganz ähnlich wie es die Männer zu tun pflegen. Ploß-Bartels erzählen dazu einen interessanten Fall: „Missionar Schlömann kam bei einer Fahrt einem Busche nahe, in welchem die Weiber ihre Koma-Gebräuche vollzogen. Von den aufgestellten Figürchen hatte der eingeborene, aber bereits getaufte Kutscher einige am Rande des Busches stehend erblickt. Dieses hatten die Weiber bemerkt, und es entstand ein un- geheurer Tumult. Sie stürmten auf den Wagen ein und verfolgten ihn mit Schreien und Schimpfen bis auf die Missionsstation. Hunderte von Weibern sam- melten sich an und machten ernstlich Miene, alles zu demolieren und die Stations- gebäude in Brand zu stecken. Dabei schrien sie unaufhörlich: ,Er hat sie ge- sehen, er hat sie gesehen, die Koma des Korbes!' Das soll soviel heißen, wie die Koma, welche sonst unter dem Korbe, d. h. unsichtbar ist. Endlich schaffte der Häuptling Hilfe und die Weiber wurden auseinandergejagt." Noch öfter leidet aber das Weib unter den abergläubischen Vorstellungen. Bekanntlich


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glauben Naturvölker, daß jeder Todesfall durch einen Zauber verursacht ist, und suchen den Urheber zu ermitteln. "Wie diesen Anschuldigungen innerhalb des religiösen Denkens mit besonderer Vorliebe das Weib unterworfen ist, zeigen unsere Hexenprozesse. Etwas weniger gefährlich, aber immerhin in dies Gebiet gehörig ist eine Notiz Koch-Grünbergs. Ein Siusi war einer Lungenentzündung erlegen: „Plötzlich noch lauteres, heftigeres Geschrei bei dem Totenlager, klat- schende Schläge: die Stammesalte stürzte hervor mit wirr um das Gesicht fliegen- den Haaren, verfolgt von Mandus Vater, dem alten Zauberarzt, der wild auf sie einschlug. Er ergriff einen Stock und tat, als wollte er sie totschlagen. Unter lautem Gezeter zerrten sie sich hin und her. Wütend schrie der Alte: ,Deine Verwandten haben ihn getötet, haben ihn vergiftet! Du bist schlecht! Warum ist er gestorben, der doch viel jünger war als du, der noch so viel arbeiten konnte und für uns sorgte? Warum bist du nicht gestorben, die du doch schon so alt und zu nichts mehr nutz bist? Nun ist er gestorben, nun sollst du auch sterben!' Die andern machten ängstliche Gesichter, blieben aber teilnahmslos. Da stürzte Mandus Neffe, der Sohn der Alten, mit einem noch größeren Knüppel auf seinen Großvater los, drohte ihn niederzuschlagen und schrie: ,Laß die Alte, sie ist nicht schuld daran! Sie arbeitet noch so viel für uns. Wenn du sie tötest, haben wir nichts mehr zu essen!' usw. Erbittert rangen sie. Mit Mühe hielt Mandu, der gerade in das Haus trat, die Wütenden auseinander. Ich glaubte schon, es sei etwas nicht in Ordnung. Doch es war leere Zeremonie. Sie ließen voneinander ab. Die Alte zog sich in eine Ecke in die Hängematte zurück, klagte und schimpfte noch eine Zeitlang vor sich hin und beruhigte sich dann. Der Zauberarzt setzte sich zu mir, nahm mir die Zigarette aus dem Munde und rauchte sie weiter. Sein Enkel trat wieder zu der Leiche, schrie, hockte nieder und weinte wie vorher." — Umgekehrt spielt aber ab und zu das Weib als Geschlechtswesen, d. h. der weibliche Geschlechtsteil, eine kultische Rolle, aller- dings nicht entfernt in dem Grade wie der männliche. Es mag dazu beitragen, daß er nicht so leicht nachzubilden ist als der Phallus. Im wesentlichen be- schränkt sich dieser Kult hauptsächlich auf Indien. Wichtiger ist dagegen der geschlechtliche Verkehr mit dem Weibe als Kulthandlung. In Java gehen Mann und Weib nachts auf die Reisfelder, wo sie den Koitus verrichten und davon besondere Fruchtbarkeit für das betreffende Feld erwarten. Ganz dasselbe er-


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fahren wir von den Bewohnern der Molukken zum Besten ihrer Baumpflan- zungen. Vorgänge, die wir im alten Europa auch beobachten können.

Weib und Kunst

Bereits im vorigen Kapitel haben wir gesehen, welche Beziehungen das Weib zur Kunst hat. Wir dürfen sagen, daß es eigentlich mehr zum Kunstgewerbe in Beziehungen steht als zu jenen Anfängen wirklicher Kunst, die wir immerhin bei Naturvölkern zu beobachten vermögen. Seine Tätigkeit erstreckt sich mehr auf das Gebiet des Ornaments denn auf Naturnachbildungen, wenn auch ab und zu unter den bemalten Gefäßen oder unter den geflochtenen Matten schwache Versuche gemacht werden, auch diesem Gebiete einiges abzuringen. Die beste Übung im Ornament haben die Weiber dort, wo sie die Tatauierung vornehmen, so bei südamerikanischen Indianerstämmen, wie wir es oben bereits geschildert haben. Die Grundformen dazu scheinen aber immerhin vielfach der männlichen Schnitzkunst entlehnt zu sein.

Anders wird es mit der Frage der Musik. Da haben wir ja bei Besprechung des Tanzes bereits gesehen, daß sie in erster Linie bei dieser Gelegenheit dem Weibe zufällt. Die primitivste Art ist wohl das Klatschen in die Hände, an das sich Trommeln anschließt. Aber auch auf andern Instrumenten finden wir das Weib zu Hause, soweit sie für Naturvölker in Betracht kommen. Trotzdem haben wir keine Veranlassung, hier näher darauf einzugehen, weil eben nichts daran spezifisch weiblich ist. Um aber ein Beispiel zu geben, bringen wir das „Mädchen- lied" aus Rehse, Kiziba:

Einer



v m ü i p M i j tJ


4


Yo - ho! Nkaba ngangire n - ti: Tin-di - shwe - ru - a! Chor


4



^^


I


m


^


Yo - ho! Yo - ho! Yo-ho - yo - o! Yo - o - ho! Yo - ho!

Yo-ho = Jodler (nach Hermann Ausruf der Trauer)


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i. Nkaba ngangire nti: Tindishwerua!

Idi war idi weigerte midi idi also: Ich will nicht geheiratet werden!

2. Tata na mawe bant uruunya!

Vater und Mutter sie midi zwingen!

3. Nainye kangie kurenga! Und ich so will ich gehen zu probieren!

An der Dichtkunst nimmt die Frau insofern Anteil, als sie Liebesliedchen singt. Naturvölker sind keineswegs arm daran. Inwieweit sie allerdings die Dichterin solcher Liedchen ist, bedürfte einer genaueren Untersuchung. Thurnwald, der gerade auf dem Gebiete der geistigen Kultur ganz vorzügliche Forschungen an- gestellt hat, bejaht dies. Wir wollen einige Proben geben:

Locklied eines Mädchens vom Bismarckarcbipel

„Von der Bananentraube die Früchte schmecken mir!

Ich war gekommen,

Du hattest Sehnsucht in mir erweckt.

Du solltest mich kaufen für eine Truhe!

Ihr habt ja Truhen

Unten an der Mündung des Moiro-Badis.

Nach den Früchten von der Bananentraube verlange ich!

An den Häuptlingszaun auf eurem Platz war ich gekommen.

Du hattest Sehnsucht in mir erweckt.

Für Armringe kaufe mich,

Ihr habt ja Armringe

Unten an der Mündung des Bachs,

Wo die Leute ans Land gehen." (Thurnwald.)

Ein Hausamädchen drückt seine Gefühle noch sonderbarer aus:

„Falpela vom Fellanistamm

Mag nicht den Geier der Fleischerzunft,

Mag nicht den Adler der Jägerzunft;


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Abb. 159. Jungvermähltes Paar aus Siar.


Nach Parkinson.


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Abb. 160. Wohlhabende Zakutenfamilie.



Phoio B. W. Cancy, Durban.

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Abb. 161. Zulubraut.



Abb. 162. Kaffernhochzeit.




-A«?


Abb. 163. Eheschließung der Andamanesen.


Nach Buschan.


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Abb. 164. Pagar pandiam Talisman, welcher zu Häupten der

Schlafstelle hochschwangerer Frauen zum Schutze von Mutter

und Kind aufgehängt wird. Huta Si Gaol Habinsaran.



Abb. 165. Heiratszeremonie der Irokesen. Weiber tragen das

Heiratsholz in die Hütte des Gatten; dahinter eine Frau mit

Kind und Kindertrage auf dem Rücken.


Nach Lafitau.




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Doch der Soldat vom Kriegerstamm

Ist ihr Kamel, ihr Bräutigam.

Sei mir gut, ich bin dir gut.

Wir wollen leben in guter Hut.

Haßt dich einer, so hasse auch ihn,

Streck' eine Viper vor ihm hin.

Gib mir, Allah, der Kamelstute Schrei,

Daß der Liebste vorne, nicht hinten sei."

(Rudolf Prietze.)

Besonders zart ruft eine Samoanerin ihrem Geliebten, einem deutschen Matrosen, nach, als er sie verlassen muß:

,Du gehst nun,

Aber vergiß nicht, an mich zu denken.

Leb wohl, mein Lieber, da du nun gehst!

Mein Sinn ist betrübt und mein Herz bricht in Stücke;

Ich bleibe hier und bin traurig,

Du sagst, du gehst, ach, nach Deutschland.

Mein Sinn ist über alle Maßen betrübt:

Vergiß nicht die, die dir zugetan ist!" (R. Andree.)

Ein anderes Liebeslied von der Osterinsel gibt Walter Knoche. Er sagt: Liebeslieder nehmen wie allenthalben unter den Naturvölkern auch auf der Osterinsel eine bevorzugte Stellung ein. Das von Thompson niedergeschriebene entbehrt nicht eines lyrischen Empfindens.

Wer trauert? Renga-a-manu Hakopa!

Ein roter Zweig vom Stamme ihres Vaters.

öffne deine Augenlider, mein Liebling!

Wo ist dein Bruder, mein Lieb?

Beim Fest in der Begrüßungsbai

Wollen wir uns unter den Federn deiner Sippe treffen.

Sie hat lange nach dir geschmachtet.

Sende deinen Bruder als einen Mittler unserer Liebe,

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Das Weib bei den Naturvölkern


Deinen Bruder, der jetzt im Hause meines Vaters weilt.

Oh, wo ist der Bote unserer Liebe!

Wenn das Fest des Treibholzes gefeiert wird,

Dann wollen wir uns zu liebender Umarmung begegnen.

Knoche bemerkt dazu:

Ethnographisch interessant ist hier die Angabe über das „Treffen unter den Federn deiner Sippe"; die Federn dienten also als unterscheidendes Zeichen der Stämme, die sich nach den alten Berichten oft befehdeten. Derartige Feind- schaften mögen dann gelegentlich dem Verkehr der Geschlechter Schranken ge- setzt und zu Szenen ä la Romeo und Julia Anlaß gegeben haben. Andererseits wurden die Töchter von ihren Vätern, um sie vom Zusammensein mit dem anderen Geschlecht abzuhalten, gelegentlich in die Höhlen oder Häuser ein- geschlossen, so daß die Liebe, obwohl im großen und ganzen der geschlechtliche Verkehr ein sehr freier war, doch auf Schwierigkeiten stieß und so zur Ent- stehung sehnsüchtiger Lieder Anlaß geben konnte. Bemerkenswert ist das „Treibholzfest"; wenn auch auf der Insel Holz nicht völlig fehlte, wie der Ma- hute (Monis papyrifera) und der zum Schnitzen von Figuren verwandte Toro- miro (Sophora tetraptera), beides kleine Bäume, so war das Treibholz vor allem zum Bau der wichtigen Kanus 1 ) von größter Bedeutung für die Insulaner. Es stammte wohl zumeist, verfrachtet durch Humboldtstrom und Passatdrift, aus dem südlichen Chile, wenn auch gelegentliche Herkunft vom Westen nicht aus- geschlossen war.

Das mag uns zu einigen Bemerkungen über das Liebesleben der Naturvölker überhaupt veranlassen. Es soll natürlich nicht bezweifelt werden, daß sie tiefere Regungen, die über den rein momentanen sexuellen Genuß hinausgehen, kennen, das geht ja bereits aus den obigen Liedchen hervor. Zweifelsohne ist aber ihr ganzes Liebesleben — vielleicht nicht ganz zu ihrem Nachteil — ein physisches. Selbst dort, wo scheinbar tiefere Zuneigung besteht, haben wir als Ursache doch das rein sexuelle Moment zu erkennen, das dem Verhältnisse keine lange Dauer


  • ) Heute werden Boote auf der Insel nicht mehr hergestellt; die drei oder vier vor-

handenen, aus Rinde gearbeiteten kleinen Auslegerkähne stammen aus Tahiti.


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bietet. So erzählt Koch-Grünberg von den Kobeua: „Ein junges Pärchen in Namocoliba war unzertrennlich. Fuhr der Mann zum Fischfang, so saß die Frau am Steuer; ging die Frau zur Arbeit in die Pflanzung, so begleitete sie der Mann mit Bogen und Pfeilen, um in ihrer Nähe zu jagen. Nach des Tages Last und Hitze saßen die beiden gewöhnlich auf dem Dorfplatz, kämmten sich gegen- seitig die Haare und lasen sich die Läuschen aus dem dichten Haupthaar oder die Stechmücken vom Rücken ab." Oder er berichtet an anderer Stelle von dem



Nach Comie Begouen


Zeichn. XX. Felsenmalerei von Cogul (Spanien)


Liebesverhältnis der Tochter Mandus zum Häuptlingssohn der Kaua-tapuyo namens Nerienene, dem sie aber weinend und klagend durch den Machtspruch ihres Vaters, der sie einem anderen Freier gab, entrissen wurde. Koch schildert den sehr schweren Abschied, muß dann aber doch berichten, wie rasch die Be- ziehungen ein Ende hatten. Sie dauerten eben nicht länger, als das physische Moment Bestand hatte. Der Abschied war am 21. Dezember, und bereits am 24. Dezember hatte Koch Gelegenheit, das neue junge Pärchen zu besuchen, das eben seine Flitterwochen begonnen hatte, und muß selbst die Worte nieder- schreiben: „Die junge Frau hatte sich schon ganz mit ihrem Schicksal abgefunden und schien mit ihrem stattlichen Mann ein Herz und eine Seele zu sein. Armer


16'


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Das Weib bei den Naturvölkern


Nerienene, so rasch hatte sie dich vergessen!" Auch Eifersucht ist noch kein Zeichen von Liebe, sondern, wie bei uns auch, von Egoismus, der bei Natur- völkern meist noch im Aberglauben wurzelt. So darf nach Wallace eine ver- heiratete Frau auf Lombok unter Todesstrafe nicht einmal eine Zigarre oder ähnliches von einem Fremden annehmen. Ein Engländer lebte dort beispiels- weise mit einem balinesischen Mädchen, das mit den Frauen des Rajah verwandt war und bei einem Fest eine Blume von einem anderen Manne angenommen hatte. Der Rajah, der dies erfuhr, forderte den Engländer auf, es herauszugeben,



Zeichn. XXI. Buschmannfrauen mit Hängebrüsten und Steatopygie Felsmalerei vom Buschmannshlipp


Nach v. Luschan


da es getötet werden müsse. Dieser weigerte sich und erklärte, er würde sich nur durch Gewalt zwingen lassen. Dies wagte der Rajah nicht, sandte aber später einen Mann nach dem Hause des Engländers, der das Mädchen herausrief und ihm mit den Worten: „Der Rajah sendet dir dies" einen Dolch ins Herz stieß. Wo solche Frauenbehandlung Platz greifen kann, dort kann von wirk- licher Liebe keine Rede sein.

Auch der Liebesbrief eines indianischen Mädchens, den wir hier abbilden (Zeichn. XVIII), zeigt nur das physische Moment. Von drei durch das Kreuz als christlich gekennzeichneten Mädchen a, e, d, die in einem Zeltlager c bei den Seen f wohnen, sendet a, die zur Bärenfamilie (b) gehört, den Brief an einen Mann, der einer anderen Familie (g) angehört, und teilt ihm mit, er möge auf dem Wege i — h zur ihr kommen.


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Das Weib bei den Naturvölkern


Wichtiger wird das Kapitel „Das Weib und die Sitte". Schamempfinden, Treue und Keuschheit sind Begriffe, mit denen wir umherwerfen, als ob sie selbstver- ständlich dem Menschen angeboren wären. Dies ist, wie wir im Verlaufe dieser Darstellung schon mehrmals Gelegenheit hatten zu erwähnen, nicht der Fall. Man könnte ihr Wesen wohl nicht besser charakterisieren, als es Stoll tut, dessen Worte, obwohl im einzelnen etwas veraltet, da die Resultate der innersekre- torischen Forschung von heute damals noch nicht bekannt waren, wir hier wiedergeben wollen:

i. Unser Körper reagiert auf alle die genannten Ursachen in gleicher Weise durch Änderungen im Tonus der Blutgefäße gewisser Körperbezirke. Diese werden durch „Erröten" infolge von Erweiterung der Gefäße oder durch „Er- blassen" infolge von Gefäßverengerung, sowie auch durch Änderung in der sekretorischen Tätigkeit gewisser Schleimhautdrüsen — es wird z. B. die Augen- bindehaut (conjunctiva) durch gesteigerte Absonderung von Feuchtigkeit glän- zender und feuchter — äußerlich und objektiv wahrnehmbar und subjektiv durch Hitze- oder Kältegefühl — kalten Schweiß — durch Trockenheit der Mund- schleimhaut usw. fühlbar.

2. Unsere Psyche reagiert auf alle diese Ursachen in gleicher Weise durch gewisse Hemmungen, die sich individuell verschieden aussprechen können, und deren Gesamtheit wir als „Befangenheit", „Verlegenheit", „Verwirrung" usw. be- zeichnen.

3. Das Schamgefühl, das Wort im weitesten Sinne gefaßt, ist eine Reaktion des einzelnen Menschen auf die Einflüsse, denen er seitens der sozialen Gesamtheit untersteht. Das in völliger Einsamkeit befindliche Individuum schämt sich nicht; weder seine Nacktheit noch seine Körperfunktionen, noch irgendwelche Hand- lungen, die es begeht, werden ihm eine Quelle der Unlustgefühle, die wir als „Schamgefühl" bezeichnen. Damit dieses ins Spiel komme, braucht der Mensch ein Publikum oder wenigstens die von früheren Erfahrungen herrührende Er- innerung an ein solches.

4. Das Schamgefühl beruht nicht auf angebornen Gefühlen sui generis, sondern entwickelt sich erst im Laufe des Lebens, und zwar muß der Mensch zum Scham- gefühl erzogen werden. Kinder kennen kein Schamgefühl, sie fühlen sich nicht im mindesten geniert, nackt zu sein; sie verrichten auch ihre körperlichen Be-


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Das Weib bei den Naturvölkern


dürfnisse wann und wo es sei, als etwas völlig Selbstverständliches, unbekümmert um die Anwesenheit anderer, und erst die Erziehung und die Belehrung über das, was sich schickt und nicht schickt, weckt in ihnen das Anstands- und Scham- gefühl, das je nach der Art der Erziehung wieder recht verschiedene Abstufungen zeigt. (Dies haben unterdessen die Forschungen von Freud und Steckel völlig bestätigt.)

5. Da also das Schamgefühl ein Produkt der Erziehung ist, so ist es beinahe selbstverständlich, daß die Umstände, die es ins Spiel bringen, von einem eth- nischen Kreis zum andern wechseln, und daß Dinge, die an einem Orte als selbstverständlich gelten, an einem andern den Gegenstand intensiven Scham- gefühls bilden und daher sorgfältig vermieden werden.

Charakteristisch für die durch die Christianisierung bis auf die ferne Osterinsel getragene Heuchelmoral ist eine Notiz Knoches: „Leider ist heute das gesunde sinnliche Empfinden der Eingeborenen, das aus den Liedern spricht, völlig ge- schwunden. Es war z. B. unmöglich, trotz aller Mühen, Nacktphotographien der Frauen aufzunehmen. Dies wurde abgelehnt mit den Worten: ,Somos christi- anos' (Wir sind Christen). Nur daß die sittlich entrüsteten Damen zum größten Teile, sobald die Nacht hereingebrochen war, einem Verkauf ihrer Reize gegen Garderobenstücke durchaus nicht abgeneigt waren. So haben die relativ ge- ringen Kontakte mit der europäischen Kultur genügt, um europäische Heuchelei, zusammen mit anderen Errungenschaften' der Zivilisation, auf jene weltferne Insel zu verpflanzen." Wäre es da nicht besser, wir unterließen die „Bekehrung" jener „Wilden", denn schließlich sind sie tatsächlich bessere Menschen! Nun, die Moral ist gerettet und das Volk ist — verdorben.

Von den Zoque-Indianern von Chiapas erzählt Remesal aus der Zeit der ersten Bekehrungsversuche durch spanische Mönche (1545): „Für ihre körperlichen Be- dürfnisse hatten sie weniger Anstandsgefühl als Hunde oder Katzen; denn sie urinierten voreinander sitzend und mitten in der Unterhaltung, wie sie gerade waren, und die ersten Male, wenn sie zur Predigt kamen, hinterließen sie den Boden ganz durchnäßt und mit Exkrementen beschmutzt, nicht besser als eine Schafhürde." Auch der geschlechtliche Verkehr wurde bei vielen Völkern der Öffentlichkeit nicht vorenthalten, wie wir schon oben erwähnten. Als Cook auf Tahiti kam (Mai 1769), beobachtete er einen ähnlichen Vorgang; er schreibt:


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Das Weib bei den Naturvölkern


„So war unser Frühgottesdienst, unsere Eingeborenen aber hielten es für an- gebracht, eine Vesper von ganz anderer Art abzuhalten. Ein junger Mann, fast 6 Fuß hoch, vollzog den Akt der Venus mit einem kleinen Mädchen von etwa ii oder 12 Jahren vor mehreren unserer Leute und einer großen Anzahl Ein- geborener, ohne die geringste Empfindung dafür, daß dies unanständig oder unschicklich wäre, sondern, wie es schien, in völliger Übereinstimmung mit der Landessitte. Unter den Zuschauern waren mehrere Frauen vornehmen Standes, vor allem die Königin Oberea, von denen richtigerweise gesagt werden kann, daß sie bei der Zeremonie assistierten, denn sie gaben dem jungen Mädchen An- weisung, wie sie ihre Rolle durchzuführen hätte, was sie übrigens, so jung sie auch war, nicht nötig zu haben schien." Wie wenig man in ganz Polynesien den Ge- schlechtsakt oder andere Handlungen an den Geschlechtsteilen für beschämend hielt, das zeigt die öffentliche Defloration auf Samoa, die uns Krämer wie folgt beschreibt: „Die öffentliche Defloration wurde 1897 noch bei Apia vollzogen, heute wird sie erloschen sein. . . . Steht die Verbindung der Dame (taupou) mit dem Freier (manaia) fest, so begeben sich beide in das Dorf des manaia. Die Dame wird etwa von 5 oder 6 Frauen, ihren aualuma, begleitet, welche die soafafine der Dame heißen. Die Dame ist mit einer feinen Matte bekleidet, darüber mit einer anderen feinen Matte, die mit vielen siapo zusammenarrangiert ist. Man nennt diese Bekleidung das lauf au. Auf dem Wege wird gesungen. Die Gesänge heißen tini der Dame und des manaia, da ihre Namen darin genannt werden. Man singt, bis man in das Dorf des manaia kommt. Dort angekommen, werden viele Speisen zubereitet. Trotzdem schlafen die Dame und der manaia noch nicht zusammen. Es vergeht eine Nacht und ein Tag. Darauf folgt der Tag, der für die öffentliche Entjungferung (fa'amaseiau) der Dame bestimmt ist. Das ganze Dorf versammelt sich nun auf dem Dorfplatze und setzt sich auf die eine Seite desselben. Die soafafine und die Dame sitzen auf der anderen Seite. Der mania und zwei tulafale oder Häuptlinge sitzen vor dem ganzen Dorf (d. h. in der Front vor ihren Dorf genossen). Der eine sitzt auf der einen, der andere auf der anderen Seite des manaia. Der manaia sitzt in der Mitte. Vor ihnen ist eine weiße Matte ('iesina) ausgebreitet. Sie sitzen mit unter- geschlagenen Beinen. Hierauf kommt die Dame (auf sie zu), die feine Matte, mit der sie bekleidet ist, ist dicht unter den Achselhöhlen festgehalten. Ist sie


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Das Weib bei den Naturvölkern


nahe herangekommen, so befiehlt der eine der beiden, welche zu den Seiten des manaia sitzen, der Dame zurückzugehen. Sie kehrt nach dem Ort zurück, wo ihre soafafine sind. Diese sprechen ihr Mut zu, sie solle mutig wieder vorgehen. Hierauf begibt sich die Dame wieder auf den Platz, wo der manaia ist. Es ist in dem Belieben der tulafele, welche bei dem manaia sind, wie oft die Dame hin und her zu gehen hat. Halten sie es für an der Zeit, daß die Dame ent- jungfert wird, so rufen sie ihr zu, sie solle herankommen. Die Dame kommt, legt die Hände auf die Schultern des manaia und tut so, als ob sie niederknien wollte. Hierauf sticht dieser mit dem Zeigefinger nach oben in den Geschlechts- teil der Dame. Das Blut fließt hierauf auf die vor dem manaia ausgebreitete Matte. Fühlt die Dame, daß ihr Geschlechtsteil von dem Zeigefinger des manaia durchstoßen ist, so wirft sie die feine Matte, welche unter ihren Achselhöhlen befestigt war, von sich und begibt sich nackt nach der Seite des Dorfplatzes, wo ihre soafafine sind. Alle Menschen auf dem Opferplatze sehen, wie das Blut an ihren Beinen herabläuft. Der manaia hebt seine Hand in die Höhe und zeigt das Blut, welches an seinem Zeigefinger ist, und ruft aus: ,Die Dame ist unversehrt befunden.' Der Lärm im Dorf ist groß, ebenso die Freude der soafafine der Dame." Daß man sogar umgekehrt dem Sexualapparat eine ge- wisse Würde beilegt, das zeigen die Genitalbinden der Ostjaken-Frauen Sibiriens, auf die mit Perlen die Umrisse der weiblichen Geschlechtsteile gestickt sind (vgl. Abb. 99, Fig. 8). Wie verschieden die Ansichten über das, dessen man sich schämen muß, sind, bezeugt Koch-Grünberg, der von den Desana berichtet: „Als ich Marco nach den Verben ,gebären' und geboren werden' (in ihrer Sprache) fragte, antwortete er mir zu meinem Erstaunen ganz leise und mit einem verlegenen Seitenblick auf die Weiber. Es ist gewiß ein feiner Anstands- begriff, daß der Mann sich scheut, über eine Handlung zu sprechen, die nur die Frau angeht, und bei der die Anwesenheit der Männer ausgeschlossen ist. Gar nicht prüde waren sie dagegen bei Wörtern, die wir allenfalls nur verblümt auszusprechen wagen. Ja, es bereitete ihnen offenbar einen naiven Genuß, mich wiederholt nach dergleichen in meiner Sprache zu fragen, so daß meine gute Erziehung sich manchmal unwillkürlich dagegen sträubte, ihre neugierigen Fragen zu beantworten, zumal in der Anwesenheit von Damen, die jedoch ,gar nichts dabei fanden'. Nie hatte ich den Eindruck, daß es sich um bewußte Zoten


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Abb. 1 66. Australierpaar auf derjagd imUrwald.

Nach Klaatsch.


Abb. 167. Wandernde Ainufamilie.

Kopie nach einem Kakemono.



Abb. 168. Eine Familie der Botocudos auf der Reise.

Nach Prinz v. Wied.


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Nach Wied.


Abb. 169- Reisen der Pani-Indianer.



Nach Ankermann.


Abb. 170. Weiberhäuser von Bamum.



Nach schooicraf,. Abb m Wandcmde Indianerfamilie.

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Abb. 17 2. Weibergrab der Sakai (auf Terak), dabei Kämme, Ohrrollen

und andere Gegenstände, dann Früchte und musikalische Instrumente für

den Gebrauch der Seele der Verstorbenen.

Nach Skeat-Blagden.



Abb. 173. WitwederAranda(Zentralaus ralien). Mit Kaolin beschmiert, trägt dieChi- murilia als Kopfputz.



Nach Spencer und Gillen.


Abb. 174. Witwe der Tschipewayan-Indianer.

Hält in den Armen die Puppe des verstorbenen

Mannes.


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Abb. 179. Basoko-Frauen (Kongostaat) bei der Töpferatbeit.



NachHoemes Abb lg0 Frauen Tapa klopfend (Brit. Neu-Guinea).


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Originalaufnahme.


Abb. 181. Weiber (Tabora Ostafrika), Mais stampfend.



Abb. 18 2. Markt in Assahun in Südtogo (Westafrika).


Nach Weule.

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Abb. 18 3. Indianerinnen bereiten Cassine Nach ufiuu. in irdenen Gefäßen.



Abb. 184. Zubereitung des Ahornzuckers.

Einige Weiber sammeln den Saft in die Gefäße, andere kochen

ihn, weitere kneten den dicken Saft mit den Händen. Oben sieht

man Frauen, wie sie bei Ausgang des Winters die Felder bebauen

und Getreide säen (Virginien),





top) I



Abb. 18 5. Bhilfrauen, Bajri mahlend.


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Abb. 186. Ostafrikanische Negerfrauen, Bier in Flaschenkürbissen tragend.


Mach Buschan.



Abb. 187. Dorftänzerinnen (Taupo) Samoa.

Nach Krämer.


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Das Weib bei den Naturvölkern


handelte." Umgekehrt erregte K. v. d. Steinen großes Aufsehen, als er in Gegen- wart südamerikanischer Indianer zu essen anfing. Sie schämten sich seiner. Die Schamempfindung wird also dort erweckt, wo man mit den üblidocn Vorschriften oder Anschauungen in Widerspruch gerät. Ganz richtig bemerkt Vailland von den Kaffern: „Da zu solcher Zeit (Menstruation) die Kleidung dieser wilden Frau diesen Zustand nur sehr unvollkommen verbergen kann, so würde ein solches Weib dem Spotte der übrigen ausgesetzt sein, wenn man äußerlich die geringste Spur ihrer Krankheit entdeckte; ein dergleichen verspottetes Weib würde alsdann die Zuneigung ihres Mannes oder Liebhabers sogleich verlieren. Man sieht also, daß diese natürliche Schamhaftigkeit lediglich in dem Bewußt- sein ihrer Unvollkommenheit und der Furcht zu mißfallen begründet ist." Schon bei der Entwicklung der Kleidung haben wir flüchtig den Grund angegeben, wie es kam, daß sexuelle Vorgänge und das öffentliche Zeigen des Sexualapparates unschicklich wurden. Die Unschicklichkeit entspringt einem Verbote, und dieses Verbot wurzelt nicht in der Moral, sondern in abergläubischer Furcht. Ganz ähnlich schämt man sich bei uns etwa zu sagen, daß man von Pferdefleisch lebt. Die Geschlechtsteile werden verschlossen, weil man z. B. Angriffe von Tieren oder Dämonen auf diese Gegenden befürchtet. Alle Naturvölker sind bei ihren Wanderungen durch die Wälder deshalb sehr vorsichtig. Auf Ambon zwingt der Dämon im Walde die Menschen zum Verkehr, und diese sterben dann, weil er sich dabei ihrer Seele bemächtigt — ein Nachklang davon hat sich in unseren Elfen- und Nixenmärchen erhalten. Auf den Aaru-Inseln hat der Dämon nur über die menstruierenden Weiber Macht, weshalb diese den Wald während dieser Zeit nicht betreten dürfen. Wenn sie trotzdem hingehen, beschläft sie der Dämon, und sie bekommen einen Stein in den Uterus. Auch das menstru- ierende Weib erzeugt selbst eventuell Dämonen, wenn es sein Blut nicht durch eine Binde auffängt (ebenso gilt das für das Deflorationsblut). Von den Zi- geunern berichtet v. Wlislocki: „Aber wehe dem Weib, das sein Menstruations- blut in eine solche Quelle oder gar auf den Gipfel des glücklichen Berges fließen läßt! Es wird unbewußt ein Wesen, halb Mensch, halb Tier, zur Welt bringen, das allnächtlich seine Gebärerin im Traume erschreckt und quält. Gewöhnlich hat ein solches Wesen den Kopf und Unterleib von demjenigen Tiere, nach welchem der betreffende glückliche Berg benannt worden ist." Wir sehen daraus


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Das Weib bei den Naturvölkern


also deutlich den Ursprung der Schamempfindung; von Angeborensein ist gar keine Rede. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Wertschätzen der Jungfrau- schaft. Die weitaus meisten Naturvölker kennen diesen Begriff gar nicht, da die jungen Mädchen mit den jungen Männern freien Verkehr üben bis zur Ehe. Wo "Wertschätzung der Jungfrauschaft auftritt, hängt sie entweder mit dem Ahnenkult zusammen oder sie ist der Ausfluß anderer abergläubischer Vor- stellungen, unter anderen jener, daß das Mädchen erst Verkehr üben darf, wenn es die künstliche Defloration oder die Reiferiten durchgemacht hat, damit das Deflorationsblut nicht Schaden anrichtet. Wir haben oben ein Beispiel an der Samoanerin gesehen. Später wurde dann die Wirkung mit der Ursache ver- tauscht, als man den wahren Zweck vergessen hatte. Es wurde für ein Gebot der Moral gehalten, Jungfrau zu sein — an sich ein unnatürlicher und wertloser Begriff — , und das Christentum machte sich diese Idee in erster Linie in seinem Kampfe gegen die antike Welt dienstbar, weil es mit den Wirkungen der Askese am meisten Aufsehen erregte und alle jene Menschen, die am Aufsehen Gefallen fanden, damit für seine Sache hatte, neben all denjenigen, die am Sexualleben Überdruß bekommen hatten. Die Jungfrau hat also keinen Vorzug in sich, sie entstammt abergläubischen Vorstellungen und kann infolgedessen manches Be- denkliche gegen sich haben. So gibt es denn eine Menge von Völkern, die das Bestehen der Jungfrauschaft sogar als Schande auffassen, so die Wotjäken, die Tschibtscha in Südamerika (diese müssen wir allerdings bereits zu den Halb- kulturvölkern rechnen). An der Forderung der Jungfrauschaft aber lernte der Mensch eifersüchtig zu werden, da sich auch hier allmählich Wirkung und Ur- sache verschoben. Dort, wo die Jungfrauschaft geschätzt wird, ist damit noch lange nicht gesagt, daß sie gehalten wird; ja man darf sagen, daß sie bei keinem Volke prinzipiell gehalten wird. Das beweist die Unzahl von Mitteln, die man anwendet, um die Blutung der Brautnacht vorzutäuschen. Es liegt darin übrigens wieder ein Fingerzeig, weshalb bei manchen Völkern die Forderung der Jung- frauschaft bestehen soll. Die meisten Beobachter geben lediglich an, daß man die Blutspuren erwünscht findet. Das ist ganz natürlich überall dort der Fall, wo man das Blut fürchtet. Tritt es nicht zutage, so ist es im Körper geblieben und kann Unheil stiften; tritt es zutage, so muß das Tuch mit den Spuren ver- nichtet werden. Deshalb erstrebt man bei den meisten jener Manipulationen,


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Das Weib bei den Naturvölkern


die die Jungfrauschaft vortäuschen sollen, die Blutung herbeizuführen; so durch mit Blut getränkten Schwämmchen, durch kleine Vernähungen, die reißen müssen und so Blut fließen lassen, und ähnliches. Auf den gleichen Motiven beruht teil- weise die Forderung der Keuschheit und jener daraus entspringende Treuebegriff, soweit er die Enthaltsamkeit der Ehefrau von der Beiwohnung mit anderen Männern als dem Gatten in sich schließt. Daß es auch hier nicht moralische Momente, sondern abergläubische Vorstellungen sind, denen diese Auffassung entspringt, geht daraus hervor, daß jeder geschlechtliche Verkehr, dessen sich das Weib mit Wissen ihres Mannes erfreut, gestattet ist. Wie Naturvölker sich den Treuebegriff denken, geht aus folgendem Beispiele hervor, das uns von den Masai berichtet wird: „Jeder Krieger hat sein Lieblingsmädchen. Solange er zu Hause ist, wohnt sie bei ihm, besorgt sein Vieh und fertigt einen Teil seines Schmuckes. Das Mädchen nennt ihren Liebhaber os sandja und zeigt den andern das Zustandekommen dieses Verhältnisses dadurch an, daß sie den zusammen- hockenden Kriegern eine Kürbisflache voll Milch bringt und sie neben das linke Bein ihres Auserwählten stellt. Solange dieser im Kral weilt, ist ihm sein Mäd- chen Treue schuldig; verläßt er ihn aber auch nur für einen Tag, so ist es be- rechtigt, sich mit einem andern Kralgenossen zu trösten." Durch religiöse For- derungen und durch das Eifersuchtsgefühl, das sich bei der gewaltsamen Mono- polisierung der Weiber verstärkte, wurde aber sowohl der Treuebegriff als die voreheliche Keuschheitsforderung ins Extrem gesteigert. Da derartige Ansprüche aber doch nicht durchführbar waren oder dem eifersüchtigen Ehegatten nicht durchführbar schienen, verfiel man auf eine Reihe recht schändlicher Mani- pulationen. Wir können sagen, daß die Naturvölker frei davon sind; wo bei ihnen Dinge wie Infibulation, Verschlußringe und ähnliches auftreten, kommen sie im Gefolge des Mohammedanismus oder des Christentums. Trotzdem wollen wir der Infibulation des Weibes hier gedenken; sie wird an Abscheulichkeit eigentlich nur noch vom christlichen Keuschheitsgürtel des Mittelalters über- troffen. Bei Naturvölkern tritt die Infibulation nur im nordöstlichen Afrika, also im östlichen Sudan und in der Gegend von Abessinien, also bei den Galla und Somali auf, mit anderen Worten in derjenigen Region Afrikas, die unter mohammedanischen und abessinisch-christlichen Einflüssen stand. Die Infibu- lation hat den Zweck, den Scheideneingang des Mädchens durch Zunähen oder


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Das Weih bei den Naturvölkern


Durchziehen eines Ringes zu verschließen, daß es nicht eher, als es der männliche Wille gestattet, Verkehr üben kann. Es werden zu diesem Zwecke die Ge- schlechtslippen angeschnitten und mit den frischen Wundflächen aneinander- genäht oder durch Binden zusammengedrückt, so daß sie aneinanderwachsen. Wir wissen diesen Vorgang bereits aus dem Mittelalter von den Bedscha, wie Magrizi erzählt. Dann berichtet darüber Lindschotten: „Man findet etliche bey jhnen, welche jhren Töchtern, wenn sie geboren werden, jhre Scham zunehen, lassen jnen nur ein klein Löchlein, dardurch sie nur ihr jungfrüwlich Wasser abschlagen mögen; wenn sie dann erwachsen und verheyrat werden, so mag sie der Breutgam wiederumb auffschneiden, so groß vnd so klein, als er vermeinet, daß sie jhm eben recht sey. Die selbige wunden wissen sie mit einer besonderen Salben widerumb zuzuheilen, wie ich dieser Weiber denn eine in Goa (Indien) gesehen hab, welche der Chirurgus oder Medicus an des Ertzbischoffs hoff bey vns hat auffgeschnitten." Panceri beschreibt eine zwanzigjährige Sudanesin nach dieser Hinsicht mit folgenden Worten: „Man sah an Stelle der Scham- spalte eine lineare Narbe, unter welcher der untersuchende Finger die Klitoris an ihrem Platze, aber völlig beweglich und unter dem genannten Narbengewebe versteckt nachweisen konnte. Nur wenn man die Schenkel auseinanderspreizte, sah man bei dem Perinäum die Scheidenöffnung in Form eines Spaltes, dessen Ränder durch den Kamm der kleinen Labien gebildet wurden, die gewissermaßen mit den großen verschmolzen waren. Die obere Kommissur, die Klitoris, die Harnröhrenmündung und die vordere Hälfte der kleinen Schamlippen waren verborgen, weil die großen Schamlippen miteinander verschmolzen waren." Es ist klar, daß diese Mädchen dann beim Abschluß der Ehe wieder aufgeschnitten werden müssen. Es kommt sogar vor, daß diese Aufschneidung nur zum Teil erfolgt. So berichtet Warne von den Stämmen am ersten Nilkatarakt, daß ein Weib zum Bräutigam kommt, nach dessen Penis ein Modell fertigt und danach die Art der Aufschneidung des Mädchens vollzieht. Das Sonderbare ist nun, daß auch oft die Frauen nach der Entbindung wieder auf eine Zeitlang vernäht werden. Für den Koitus macht die Vernähung oft Schwierigkeiten, und so ist es in Abessinien Sitte geworden, daß zwei Männer die Beine der Braut in die Höhe halten müssen, während dieser ihr beiwohnt. Diese Zeugen treten dann zu dem jungen Paare in ein Dauerverhältnis, das etwa unserer Patenschaft entspricht.


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KAPITEL V

Stellung des Weibes in Kunst und Dichtung

Die älteste menschliche Kunst der heutigen Naturvölker

Auch bei Naturvölkern können wir von bildender Kunst reden, und sie ist gar oft nicht unbedeutend. Das Weib ist in vielen Fällen Sujet geworden und es ist interessant, daß die primitiven Völker, die Europa vor etwa 30000 bis 50 000 Jahren bewohnten, im Weibe das hauptsächlichste Objekt für die künstlerische Darstellung sahen. Selbstverständlich ist die Darstellung des Weibes meist für unsere Auffassung erotisch, weil sie fast stets die Geschlechts- teile wiedergibt. Man darf dieses Moment aber den Naturvölkern nicht in gleicher Weise unterschieben. Sie haben nicht die Absicht, eine erotische Wirkung zu schaffen, sondern gehen von einem rein natürlichen Standpunkt aus. Da sie unsere Karikaturmoral nicht kennen, sagen sie sich mit Recht, das Wichtigste am Weibe, das es vom Manne in der Hauptsache unterscheidet, sind die Geschlechtsteile, folglich müssen sie auch wiedergegeben werden, denn aller primitiven Kunst ist gemeinsam, daß sie unterscheidende Merkmale betont, auch wo sie nicht sichtbar sind. So pflegen Naturvölker gerne, selbst wenn sie be- kleidete Europäer wiedergeben, die Geschlechtsteile zu zeichnen, obwohl sie sie gar nicht sehen. Jedenfalls ist aber von größtem Interesse, daß künstlerische Darstellungen des Menschen sehr frühzeitig auftreten, und daß es gerade das Weib ist, das am häufigsten dargestellt wird; man darf also wohl darausschließen, daß der Mann der Hersteller war. Weib und Jagd beherrscht jene Kunst der Hauptsache nach, und am Weibe ist es ausgesprochen die sexuelle Seite, die dar- gestellt wird. Sie steht — wörtlich genommen — an der Spitze aller mensch- lichen Kunsttätigkeit. Anscheinend sind nämlich die ältesten menschlichen Kunst- erzeugnisse drei Steinplatten, die im Musee du Perigord in Perigueux aufbewahrt werden. Sie fanden sich im Abri Blanchard (Commune Sergeac) in einer Schicht, die nach Wiegers dem mittleren Aurignacien angehört. Dargestellt ist auf jedem Relief ein weiblidier Geschlechtsteil (vulva) in stilisierter Form (Zeichn. XIX). In der gleichen Schicht fanden sich übrigens auch Nachbildungen des männlichen


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Das Weib bei den Naturvölkern


Geschlechtsteiles aus Renntierhorn. In der nun folgenden Periode entwickelt sich mit der plastischen Kunst überhaupt auch die Darstellung des „Weiblichen" sehr bestimmend weiter. Noch der gleichen Periode (mittl. Aurignacien) gehört eine ganze Reihe von Rundfigürchen an, die, aus Elfenbein, Kalkstein usw. geschnitzt, das Weib darstellen und eine geradezu überraschende Beobachtungs- gabe und Technik verraten. Es fällt auf, daß deutlich zwei Rassen zu unter- scheiden sind. Die eine ist kurzbeinig und neigt zur Körperfülle. Sie zeigt deutlich Steatopygie; die andere ist langbeinig und ohne derartige Fettanhäu- fungen. Am besten repräsentiert den ersten Typus die sogenannte „Venus von Willendorf", wohl etwas später als die anderen. Willendorf liegt in Nieder- österreich an der Donau, gegenüber der Ruine Aggstein. Die ausgegrabenen Schichten zeigten alle Stufen des Aurignacien; unter anderen Funden kam 1908 auch das prächtige, unendlich wertvolle Figürchen zutage, das der Arbeiter Joh. Veran fand (Abb. 19). Szombathy, der die Ausgrabungen leitete, sagt darüber: „Es ist ein 11 cm hohes Figürchen aus oolithischem, feinporösem Kalk- stein, vollkommen erhalten, mit unregelmäßig verteilten Resten einer roten Be- malung. Es stellt eine überreife, dicke Frau dar, mit großen Brüsten, ansehn- lichem Spitzbauch, vollen Hüften und Oberschenkeln, aber ohne eigentliche Steatopygie (Fettsteißbildung) 1 ); die Genitalien sind stark ausgeformt, die Rückenseite ist anatomisch richtig, mit mehreren naturwahren Details ausgestaltet. Das Kopfhaar ist durch eine Anzahl in konzentrischen Kreisen um den größten Teil des Kopfes gelegte Wulste ausgedrückt 2 ), das Gesicht absolut vernachlässigt. Von keinem Teile desselben (Auge, Nase, Mund, Ohren, Kinn) findet sich audi nur eine Andeutung. Die Arme sind reduziert, die Unterarme und die Hände nur in flachen, über die Brust gelegten Reliefstreifen ausgedrückt. Die Knie sind sehr wohl ausgebildet, die Unterschenkel zwar mit Waden versehen, aber stark verkürzt, die Vorderfüße ganz weggelassen. Von Bekleidung oder Schmuck ist an der Figur nichts angedeutet, als an jedem Unterarme ein grobzackiger Handgelenkring." Man sieht also deutlich, worauf es dem Künstler ankam,


  • ) Wir haben darüber schon oben gesprochen; sie ist sicher gemeint, wenn es auch dem

Künstler nicht gelang, sie deutlicher herauszuarbeiten.

J ) Dies dürfte wohl eine Haube aus kleinen Muscheln sein, wie sich deren Reste in den Höhlen finden.


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und Obermaier sagt mit vollem Recht: „Das ganze Figürchen zeigt, daß sein Verfertiger die Gestalt des menschlichen Körpers künstlerisch vorzüglich be- herrschte, daß es ihm aber nur darauf ankam, die primären und sekundären weiblichen Geschlechtscharaktere in die Erscheinung zu rücken. Der Rest ist genial auf das nötigste Minimum der Darstellung reduziert." Dem oberen Aurignacien dürfte dagegen ein Relief angehören, auf dem ein Weib ähn- licher Art mit einem Hörn dargestellt ist. Näheres darüber siehe: v. Reitzen- stein, „Die ältesten sexuellen Darstellungen der Menschheit" in „Geschlecht und Gesellschaft", herausgegeben von F. Frhr. v. Reitzenstein, Jahrg. X, Heft 10, Dresden 192 1.) Dieser Bevölkerungsschicht scheint auch die älteste Darstellung eines schwangeren Weibes unter einem Renntier (Abb. 209) anzugehören. Es ist eine Ritzzeichnung aus Laugerie Basse und gehört dem alten Magdalenien an. Wir sehen ein nacktes Weib, dem der Kopf fehlt, in hochschwangerem Zustande auf dem Rücken liegen. Die Brüste sind nicht dargestellt, dagegen die Ge- schlechtsteile deutlich hervorgehoben, obwohl sie eigentlich in dieser Lage gar nicht sichtbar wären. Die Behaarung ist deutlich angegeben. Weiterhin sehen wir die Beine eines Renntieres und im Hintergrunde verschiedene bogenförmige Linien. Leider ist die Darstellung nur ein Fragment. Wie alle menschlichen Darstellungen des Magdalenien ist sie im Gegensatze zu den Tierdarstellungen nicht gerade gut wiedergegeben. Nun liegt natürlich zunächst die Frage nahe: Sind die drei Darstellungen Teile eines Bildes? Wenn nicht nachweisbar ist, daß die Figuren zeitlich getrennt eingeritzt wurden, so müßte es doch höchst sonderbar zugehen, wenn auf solch einem räumlich beschränkten Stücke ein Künstler gleichzeitig mehrere Figuren in derartig spezialisierten Stellungen zweck- los nebeneinander einritzen würde, die bei ungezwungener Betrachtung auf den ersten Blick einen Zusammenhang vermuten lassen. Die Frau liegt sicherlich unter dem Renntiere, ja Ranke deutet sogar an, daß unsere Zeichnung Renntier und Weib in einer Hürde dargestellt (er glaubt also in den Bogenlinien eine Hürde zu sehen). Freilich ist das Weib verhältnismäßig etwas klein geraten und ihre Beine sollten streng genommen den linken Hinterfuß des Renntieres überschneiden. Aber gerade diese Fehler kehren stets wieder. Ohne Zweifel ist also der Zusammenhang näherliegend als das Gegenteil, und es besteht kein Grund, das Näherliegende zugunsten des Fernliegenden abzulehnen, da bis jetzt


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noch niemand auf die Idee kam, die Gleichzeitigkeit der einzelnen Teile der Darstellung zu bestreiten. Wir sind also berechtigt, die als Einheit gedachte Darstellung zu deuten zu versuchen. Es dürfte ein Zauber dargestellt sein. Das hochschwangere Weib steht vor der Niederkunft, und alle Naturvölker, ja selbst die Mehrzahl der Angehörigen der Kulturvölker, versuchen durch Zauber oder Sympathiemittel den Geburtsvorgang zu erleichtern. Diesem Zwecke dient eine abergläubische Handlung, die über die ganze Welt verbreitet ist. Besonders charakteristisch berichtet sie uns Baker von den arabischen Wei- bern. Frauen, die der Niederkunft entgegensehen, kriechen einem recht starken Kamel zwischen Vorder- und Hinterbeinen hindurch, in dem Glauben, daß diese Handlung die Stärke des Tieres auf das Kind übertragen würde. Nimmt man an, daß unser Knochenstück einem derartigen Zauber diente, dann wäre schon dadurch die mächtige Darstellung des Renntiers — es soll ein recht starkes sein — erklärt. Die Sitte des Durchkriechens und Durchziehens zwischen Tieren oder durch Höhlungen in Steinen und Pflanzen ist, wie gesagt, ebenso alt als verbreitet. Im wesentlichen liegt der Sitte die Idee zugrunde, daß das Leben der Menschen innig verknüpft ist mit einem Baume, einem Steine usw. Den zweiten weiblichen Typus führt uns Abb. 205 vor. Ein kleines weibliches Köpfchen ist uns erhalten, bei dem wir annehmen dürfen, daß bereits ein Schmuckmotiv, nämlich ein Häubchen aus Muscheln oder Schnecken, dargestellt sein soll. Von besonderem Interesse ist nun, daß man schon in jener Frühzeit dazu gelangte, die naturalistische Wiedergabe des menschlichen Körpers in eine ornamentale aufzulösen.

Weiterhin ist nun für uns die eigenartige Felsenmalerei von Cogul (Spanien) be- sonders wertvoll (vgl.Zeichn.XX). Der Mangel an völkerkundlichen Kenntnissen einerseits und die daraus entspringende Unmöglichkeit, das geistige Leben be- stimmter Kulturgruppen zu beurteilen, ließ wieder die sonderbarsten Deutungen hervorgehen. Vor allem muß man auf das fortwährende Suchen nach „Götter- gestalten" dort verzichten, wo keine oder nahezu keine vorhanden waren. Man kann vielleicht mit Recht sagen, daß dort, wo ein Pantheon in der Literatur vorliegt, der Zersetzungsprozeß der Volksreligion schon begonnen hat, und man kann andrerseits behaupten, daß unsere ganze Sagenwelt auf irgendwelche tat- sächlichen Vorgänge der Vorzeit zurückgeht. Es geht nicht an, daß man die


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Abb 188. Betsimisarakamädchen beim Mattenflechten.


Nach Weule.



Abb. 189. Windschirm als Wohnung der Panis (Südamerika).

Nach Prinz v. Wied.


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Abb. 196. Lepantcrlgorotenweiber, webend.



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Abb. 197. Tanz der Pu is.


Nach Spix und Martius-

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Das Weib bei den Naturvölkern


kleine männliche Figur zu einem Idol macht, um das Frauen einen Tanz aus- führen, d. h. es sozusagen göttlich verehren; es geht auch nicht an, weil an diesem Figürchen ein männlicher Geschlechtsteil sichtbar ist, sofort von Phallus- dienst zu sprechen; besonders originell ist aber, wenn der Archäologe Lange die Hypothese aufstellt, daß diese Gestalt nicht sowohl einen lebenden Mann als einen phallischen Götzen (!!) darstellen soll, und H. Schoen diese Erklärung als die bis jetzt befriedigendste bezeichnet und dann weiterfährt, „das Bild wäre also wohl das älteste heute bekannte Zeugnis" des Phallusdienstes. Zunächst fällt auf, daß einige Teile des Bildes (bei uns nicht ausgefüllt) mit roter Farbe gemalt sind; da nun über dem Bilde (in unserer Darstellung nicht wiedergegeben) eine rotgemalte Herde und darüber ebenfalls in Rot eine Figur dargestellt ist, könnte man sagen, die roten Figuren und die schwarzen sind nicht gleichzeitig, mit anderen Worten, die Gruppe, die in unserem Bilde dargestellt ist, gehört nicht zusammen. Aber gerade in diesem Bilde ist dieser Schluß äußerst un- wahrscheinlich. Betrachten wir von links die dritte Figur, so sehen wir, daß der Künstler gleichzeitig über rote und schwarze Farbe verfügte, ebenso bei der dritten Figur von rechts, bei der nur die Beine rot sind. Es mag sein, wie Breuil und Obermaier vermuten, daß die Tiergruppen selbst einer älteren Zeit angehören, die stilisierten Figuren aber scheinen zusammenzugehören, eine Meinung, die auch Obermaier zu vertreten scheint, wenn er sagt: „Die dortigen Hirsche, Capriden und Rinder reihen sich nach Stil und Aus- führung entschieden an das nordspanische Quartär an", dazwischen befinden sich aber stilisierte Figuren, die einen jüngeren Eindruck machen, einige direkte Jagdgruppen und eine Art Tanzszene, und dann sagt: „Die diluviale Fels- malerei von Cogul (Spanien) gibt einen Reigen wieder, den neun Frauen mit bloßem Oberkörper und langen Röcken um einen unbekleideten Mann auf- führen." Sind aber die Figuren des von uns dargestellten Ausschnittes gleich- zeitig, dann haben wir ohne jeden Zweifel eine Szene vor uns, die einen be- stimmten Vorgang, eine Zeremonie darstellt. Nun erkennen wir zunächst weiter, daß von den neun „weiblichen" Figuren eine kleiner dargestellt ist als die anderen, ohne daß äußere Gründe dazu zwingen; ebenso ist die männliche Figur kleiner dargestellt; es handelt sich also anscheinend auch nicht um einen „ero- tischen" Tanz, der um einen nackten Mann aufgeführt wird, sondern die beiden

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Das Weib bei den Naturvölkern


kleinen Figuren dürften Kinder sein. Bei der männlichen Figur erkennen wir, daß sie um die Beine einen Schmuck trägt. Weiter fällt aber die vierte (von links) auf, die ganz rot gemalt ist. Sie ist deutlich und scharf verschieden ge- zeichnet von den anderen Frauenfiguren, sie erweckt überhaupt nicht den Ein- druck einer menschlichen Figur, sondern einer Puppe, ja es sieht sogar so aus, als ob diese „Puppe" von der anderen Figur getragen wird. Damit würden wir auf die Darstellung einer jener oft übermenschengroßen Masken kommen, wie sie bei vielen Naturvölkern vorkommen und sich in ihren Ausläufern (z. B. in den Perchtentänzen) bis in die moderne Zeit erhalten haben. Bei den Australiern spielen sie eine größere Rolle. Ebenso werden derartige hohe, einem Aufsatz ähnliche Puppen bei den verschiedenartigsten anderen Zeremonien noch heute verwendet (Stabausfeste am Mittelrhein). Wir können also annehmen, daß irgendeine Zauberzeremonie vorliegt. Betrachten wir nun Zauberzeremonien bei Naturvölkern, bei denen ein junger Mann und Frauen im Vordergrund stehen, dann kommen wir zur Geschlechtsreifezeremonie. Wie wir schon schilderten, befinden sich die Knaben vielfach bis zur Geschlechtsreife in der Erziehung der Weiber. Mit der Geschlechtsreife scheiden sie aus diesem Kreise und treten in die Männergesellschaften. Solche Übertritte von einem Kreis in den andern pflegen Naturvölker durch bestimmte Zeremonien zu betätigen, und so setzen sich auch die Reifezeremonien teilweise zusammen aus Aus- tritts- und Eintrittszeremonien. Es liegt nahe, daß wir hier die Austritts- zeremonien aus dem Kreise der Frauen vor uns haben. Es interessiert uns aber an diesem Frauenbild auch die Tracht, die man zunächst für jene ferne Zeit nicht erwarten würde, und die Gesamtdarstellung überhaupt, d. h. die eigentümlichen Hängebrüste. Wir finden diese nämlich in der Kunst der heutigen Buschleute wieder.

Darstellung des Weibes in der Kunst der heutigen Naturvölker

Wenn wir die vorgeschichtliche Zeit so ausführlich behandelt haben, geschah es, weil wir eine von Kulturvölkern gänzlich unbeeinflußte künstlerische Darstellung vor uns hatten und dabei zugleich eine Reihe von Erkenntnismaterial für unsere vorausgehende Schilderung bekommen haben. Ganz in ähnlicher Weise behandelt die Plastik der heutigen Naturvölker das Weib. Die Darstellung beginnt im


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Das Weib bei den Naturvölkern


Kunstgewerbe, wo man Gefäßen Formen gibt, die auf weibliche Teile anspielen, oder Gebrauchsgegenstände, auch Ar dntektur teile, mit weiblichen Formen und Gestalten versieht. Selbständige Plastik ist ja nicht überall gleichmäßig verbreitet, zum Teil finden wir bei Naturvölkern sehr merkwürdige Dinge künstlerischer Darstellung. Die künstlerische Darstellung in Afrika zeigt das Bild 219 (bei der besonders die Verlängerung der kleinen Geschlechtslippen und die Narbentatau- ierung gut wiedergegeben ist), 206 eine stillende Mutter von allerdings sehr mo- derner Arbeit mit Fußringen, 208 Mutter und Kind (Yoruba), dann die originelle Doppelgruppe von Mann und Weib, Abb. 204. Die afrikanische Kunst erhob sich aber auch zu ganz auffälligen Leistungen, so gehört dazu die schöne Steatit- figur des Brit. Museums aus Mendiland (Sierra Leone) (Abb. 215). Dann vor allem die Beninkunst, von der wir in Abb. 93 ein prächtiges Beispiel geben. Freilich kann man hier und noch mehr bei den prachtvollen Funden von Leo Frobenius aus dem Nigergebiet nicht mehr von einer Kunst der Naturvölker sprechen. Es müssen hier fremde Einflüsse irgendeiner Art gewirkt haben, wenn sie auch heute noch nicht restlos geklärt sind. Aus dem südlichen Asien seien die beiden kleinen Figürchen der Insel Letti (Abb. 218) gegeben, deren eines weib- lich ist. Im allgemeinen ist Asien für eine Betrachtung der Kunst der Natur- völker kaum zu benutzen, da hier alles durch die großen Kulturzentren be- einflußt ist. Dagegen bietet die Südsee reichliches Material, bei dem freilich ein Einfluß von Asien her stellenweise sicherlich auch anzunehmen ist. So zeigt Abb. 207 eine Frau mit Kind vom Jünglingsschlafhaus von Kordo (jetzt im Dres- dener Museum). Abb. 212 bietet einen weiblichen Hausgott der Frauen, der bei religiösen Zeremonien auf dem Arm getragen wird, und rechts eine in der Südsee häufige Erscheinung, auf die wir hier aber, als aus unserm speziellen Rahmen fallend, nicht näher eingehen können; es ist ein zweigeschlechtlicher Hausgott; beide von der Osterinsel. Es sind ebenso schon Arbeiten, die der späteren Besied- lungsschicht der Osterinsel angehören. Zu einer ganz prächtigen und eigenartigen Entwicklung gelangte aber die Kunst der Maori (der Bewohner von Neu-See- land). Besonders jene Figuren, die zum Schmucke der Männerhäuser dienten, zeigen eine hohe Kunstentwicklung, die man wohl der Hauptsache nach als bodenständig ansprechen muß. So zeigt Abb. 214 zwei Pfeiler und Abb. 213 einen Pfeiler von der Veranda einer Pataka, der in charakteristischer Weise


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Das Weib bei den Naturvölkern


eine Beiwohnungsszene darstellt. Diese drei prächtigen Stücke befinden sich im Museum zu Auckland. Bei den amerikanischen Naturvölkern ist die plastische Kunst nicht zu dieser Höhe gelangt, allerdings bringt Nordamerika, besonders der Nordwesten, sehr schöne Ansätze (vgl. Abb. 217, die die verschiedenste Form zeigt). Abb. 211 zeigt eine hübsche weibliche Katschinafigur der Tusayan- indianer; sie stellt das Schälakomana oder Kornmädchen dar und wird beim Palükükontifest verwendet. Recht auffällig sind auch die Tonfigürchen aus Süd- amerika, die Ehrenreich und andere mitbrachten; sie stehen ganz vereinzelt und zeigen verhältnismäßig recht gute Darstellungen vom Weibe. (Vgl. Abb. 217, Fig. 5 und 6.)

Die Malerei tritt hinter die Plastik zurück, und es ist sehr auffällig, daß sie gerade dort vorkommt, wo die Plastik fehlt. So bemalen die nordwestameri- kanischen Indianer ihre Zelte mit allerlei Darstellungen, unter denen auch das Weib vertreten ist; freilich streifen alle diese Bilder stark an die Bilderschrift. Einzelne Handzeichnungen haben europäische Reisende durch eingeborene In- dianerstämme sich fertigen lassen, unter denen die von Koch-Grünberg besonders wertvoll sind. Die charakteristischsten Maler unter den Naturvölkern sind aber die Australier und die Buschmänner.


Darstellung des Weibes in der Literatur der heutigen Naturvölker

Die Literatur der Naturvölker beschäftigt sich aber dafür um so lieber mit ihm. Besser als Worte mögen das einige Proben zeigen. So besingt der Altaische Jüngling nach Radioff sein Mädchen:


„Was ist Wertvolles im Walde? Wertvoll ist der schöne Zobel. Was ist Wertvolles beim Volke? 's ist das Mädchen mit sechs Zöpfen. Was ist Wertvolles im Walde? 's ist der Zobel, der vierfüß'ge. Was ist Wertvolles im Volke? 's ist das Mädchen mit vier Zöpfen.


Der da rupft das weiße Kraut, Weißer Schimmel, sag', wo bist du? Deren Haar im Nacken gelb ist, Bräutchen, sage mir, wo bist du? Der da rupft das blaue Kraut, Blauer Schimmel, sag', wo bist du? Deren Haar im Nacken schwarz ist, Bräutchen, sage mir, wo bist du?"


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Das Weib bei den Naturvölkern


Der Hottentotten jüngling ist etwas derber:

„Meine Löwin, Beiße mich!

Bist du ängstlich, daß ich dich behexen Gieße für mich (d. h. Milch ein).

will? Meine Löwin,

Du melkest die Kuh mit fleischiger Du Tochter eines großen Mannes!"

Hand, Vielsagender dichten wieder die Hausaneger:


„Mabruka, Tochter unseres Lands, Mit Augen voller Sternenglanz! Ich ging bis nach Ghadames, Ich wanderte nach Algier, Ich wanderte nach Bona Und werbe um Mabruka, Ich wanderte nach Trables Und werbe um Mabruka, Ich ging bis nach Ägypten, Und werbe um Mabruka, Mabruka, mein Fleisch und Blut, Mein Herz, ich bin dir gut! Mein Herz ist krank geworden Um der Mabruka willen. Verkauf deine Kamele, Verkaufe deine Schafe, Verkaufe deine Knaben Zum Kaufpreis für Mabruka. Du Herr von Land und Herden, Soll ich dein eigen werden, Schaff ich dir viele Mühe. Du mußt mir tausend bringen, Für hundert gibt's keine Mabruka. Mabruka ist ein Kamelweib


Mit ihrem schlanken Halse. Ihre Zähne gleichen dem Golde, Ihre Hände sind von Golde, Ihr Fingerring von Golde, Ihr Arm ist schlank wie ein Stab. Ihre Nase gleicht der Rose, Ihr Angesicht dem Spiegel, Ihre Füße sind hennarot. Ihre Schuhe sind von Golde, Ihr Kopftuch ist von Golde, Dem Golde gleicht ihr Haar, Ihr Hüfttuch ist mit Silber gestickt, Ihr Hemde ganz mit Silber gestickt, Ihre Hosen sind aus Seide. Ihr Haar macht einen Sessel, Ihre Brüste sind wie ein silbern Ge- fäß — Betrachte ihren Busen, Er blendet dir die Augen! Schau nur ihre Gestalt, Sie wiegt sich gleich dem Rohrhalm! O falle nicht! Du gibst nicht acht Und läßt mich einsam weinen."

(Rudolf Prietze.)


Ein anderes Liedchen, indem ein betrogener Liebhaber spottet und schimpft, führt Thurnwald an:


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Das Weib bei den Naturvölkern


Du ungewaschene Schnauze!

Wenn du mich nicht wolltest,

Warum sagtest du denn,

Ich sollte dir eine Schnur roten Muschelscheibchen-Geldes geben?

Du warst stumm geblieben,

Als ich dir die Schnur roten Muschelscheibchen-Geldes gab.

Du hattest sie genommen.

Nach deinem Dorf hast du gebracht, was mir gehörte.

Ich, der junge Papagei 1 ),

Ich habe mich erzürnt und gesagt:

Ich wäre es schon so zufrieden gewesen!

(Wenn du einen anderen genommen hättest.)

Wie, dein Vater

Er fordert für dich zweihundert Faden 2 ) abuta-Muschelgeld!

Das nennt er den Kaufpreis für dich!

Du bist ja schon alt

Wie ein Opossum!

Kommt, hört doch!

Meine Gesippen!

Ihr, die ihr alle zu den Häuptlingen gehört!

Sagt es denen drüben:

Nach Kagabauku zu gehen (nach des Mädchens Dorf)

Fällt mir nicht ein!

Es ist ja unverkennlich, daß dieses Gedicht starke arabische Einschläge zeigt, aber immerhin bringt es noch recht viel, was aus dem ursprünglichen Ideenkreis der Neger selbst stammt.

Wie im Liede, so erscheint das Weib auch im Märchen und Sage. Auch hier mögen ein paar Beispiele genügen. Vor allem ein zentralaustralisches Märchen:


») So nennt sich der Dichter selbst

») Man bezahlt ioo — 200 Faden abuta-Muschelgeld für ein Mädchen. Ein mittelgroßes

Schwein kostet 20 — 30 Faden.


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Das Weib bei den Naturvölkern


Kareba und Lulyunja

Zwei Schwestern gingen miteinander nach Jalka (Zwiebeln). Die jüngere Schwe- ster fragte die ältere: „Schwester, Schwester, wo ist "Wasser?" — „Nach Wasser gehe jenseits zum geschlängelten Bach." Da ging die jüngere Schwester hin. Sie legte sich auf die Erde, trank Wasser und schöpfte die Mulde voll, um sie ihrer Schwester zurückzubringen. Während sie Wasser trank, kam der Teufel, um mit ihr zu huren. Sie warf die Mulde weg und entfloh dem Teufel. „O Schwester, komm! Der Teufel ist zu mir gekommen. Nachdem er mich geschlagen hat, wird er mich essen wollen." Der Teufel mit der haarigen Nase verfolgte sie. Sie rief ihrer Schwester laut zu: „Schwester, Schwester, komm schnell! Der Teufel könnte mich hauen." Die ältere Schwester antwortete: „Mädchen, komm schnell! Der Teufel möchte dich sehr schlagen." Der Leib des Mädchens war rot, der ihrer Schwester auch. Als der Teufel das Mädchen am Arm faßte, fürchtete es sich, wurde zornig, lief aus Furcht, stieß ihn mit den Ellbogen und rannte aus Furcht zur älteren Schwester hin. Ihre Schwester nahm den langen Frauenstock, schlenkerte fortwährend die Beine und riß ihre jüngere Schwester weg. Da floh der Teufel. Die Frau verfolgte ihn, verfolgte ihn sehr. Der Teufel lief sehr aus Furcht. Sie verfolgte ihn immerdar. Da machte sie den Teufel matt. Er wurde müde. Die Frau kam nahe, sie machte den Teufel schwach. Da sagte die Frau: „Du versöhne mich!" Der Teufel warf sie mit dem Speer. Die Frau bückte sich, so daß der Speer weithin flog. Da nahm die Frau ihren Stock, schlug ihn und vernichtete ihn. Die Frau schlug ihn sehr schnell. Der Teufel schlug die Frau mit dem Wurfbrett wieder. Sie schlugen beide immerfort. Da ging das Wurfbrett in Stücke, während der Stock der Frau ganz blieb. Die Frau schlug ihn ins Genick. Die jüngere Schwester stand immer entfernt davon. Obschon er im Genick sehr stark war, fiel er tot nieder. Da kehrte die Frau mit ihrer älteren Schwester heim.

(W. Planen.)

Diese Märchen sind, abgesehen von ihrem literarischen Wert, oft auch sehr be- deutungsvoll wegen der darin enthaltenen kulturellen und völkerpsychologischen Momente.

So streift das nachfolgende, von Parkinson in seinem wertvollen Werke „Dreißig Jahre in der Südsee" mitgeteilte, das Amazonenmotiv:


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Das Weib bei den Naturvölkern


Eines Tages gewahrte Tolangabuturu eine Taube. Er folgte derselben von Baum zu Baum und versuchte, sie zu ergreifen, aber stets entwich sie seinen Griffen. Schließlich flog sie über See, und Tolangabuturu setzte sich in seinen Kahn und verfolgte sie. Nach langer Fahrt gelangte er nach einer Insel und fand, daß die- selbe ausschließlich von Weibern bewohnt war. Dies kam ihm nicht geheuer vor, und er stieg auf einen Baum, um sich zu verstecken. Doch der Schatten des Baumes fiel auf eine Quelle, und als eine der Frauen an dieselbe Stelle kam, ge- wahrte sie das Schattenbild des Tolangabuturu und entdeckte seinen Aufenthalt. Er gefiel ihr auf den ersten Blick, und um ihn für sich allein zu behalten, holte sie aus freien Stücken "Wasser für die übrigen Weiber, damit diese keine Ge- legenheit fänden, den Schatz zu entdecken. Als nun alle Weiber fortgingen, um sich am Strande mit den Schildkröten zu verlustieren, schlich sich das Weib an den Baum und hieß den Tolangabuturu herabkommen. Sie nahm ihn nach ihrer Hütte und versteckte ihn dort, aber endlich entdeckten die übrigen seine An- wesenheit, und nun wollte eine jede den neuen Ankömmling haben. Dies war die Veranlassung zu großem Streit und Hader, denn die erste Finderin betrach- tete den Tolangabuturu als ihr ausschließliches Eigentum; aber schließlich einigte man sich, und er wurde das Allgemeingut der Weiber, die ihn nun bis zu seinem Ende aufs sorgfältigste pflegten.

Aber auch die Überlieferungen der Eingeborenen haben für uns oft sehr großen Wert, besonders im polynesischen Gebiet, da alle Polynesier in hohem Grade die Eigenschaft haben, alte Traditionen zu bewahren. So wurde Parkinson in Liue- niua von der der Insel Nukumanu benachbarten Insel Ongtong Java erzählt: „Lolo wohnte auf dem Meeresgrund und baute von dort aus die Korallenriffe empor. Während dieses Stadiums kam abermals ein Kanoe daher, welches vier Insassen enthielt, drei Männer und eine Frau. Lolo, dem sich vorher zwei Ge- nossen zugesellt hatten, Keui und Puapua, wollte die Fremdlinge nicht landen lassen und befahl ihnen, mit ihrem Kanoe am Strande zu bleiben. Aber die An- gekommenen baten und flehten und versprachen dem Lolo, sie würden ihn viele neue Sachen lehren, welche ihm und seiner Insel zu großem Vorteil gereichen würden, so daß Lolo sich schließlich erweichen ließ und ihnen Erlaubnis gab, seine Insel zu betreten. Die im Kanoe angekommenen Männer hießen Arne le


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Abb. 198. Duell zwischen australischen Frauen (mit Grabstock).

Nach Buschan.



Abb. 199. Die Baducca in S. Paulo.


Nach Spix und »Martius.


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Abb. 204. Mann und Weib. Holzschnitzerei aus Bomo (Afrika).


Ethn. Museum, Leiden.


Nach Stratz.



Abb. 205. Weibliches Elfenbeinköpfchen aus Brassempouy.

Nach Hoernes.


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Abb. 206. Stillendes Weib. Abb. 207. Abb. 208. Frauenfigur mit Kind

Museum f. Völkerkunde, Berim. Mutter und Kind. (Yoruba, Afrika).

Figur VOm TÜnelinffS- Museum (■ Völkerkunde, Berlin.

schlafhaus zu Kordo.



Abb. 209- Schwangere Frau unter dem Renntier.

Nach Piette.


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Abb. 21 O.Kopfschmuck (Belu

belu)einerTänzerin ausGoron-

talo (Nord-Celebes).

Museum f. Völkerkunde, Dresden.


Abb. 212. Moi-Figuren.

Links: Weiblicher Hausgott der Frauen, bei

religiösen Festen am Arm getragen. Rechts :

Zweigeschlechtlicher Hausgott

(Osterinsel: Hyäne-Fxpedition).

Museum f". Völkerkunde, Dresden.


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Abb. 214. Geschnitzter Pilaster (Maori).


Abb. 213. Mann und Weib. Geschnitzter Pfeiler von einer Veranda (Maori).

Museum v. Auckland (Neuseeland)



Abb. 215. Weibliche Steatitfigur aus Mendiland (Sierra Leone).


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Abb. 216.

Tanzstöcke der Weiber

von St. Matthias

(Südsee).

Nach Parkinson.



Abb. 218. Holzidole der Insel Letti (Indonesien).



Abb. 2 17. Darstellung des Weibes in der Kunst der Naturvölker Amerikas. 370


Abb. 219-

Weibliche Holzfigur

der Urua (Zentralafrika).


Das Weib bei den Naturvölkern


lago, Sapu und Kau, die Frau hieß Keruahine. Ihre Heimat war Makarama. Die Neuangekommenen hielten das gegebene Versprechen. Kau lehrte, durch An- einanderreihen von zwei Hölzern Feuer zu erzeugen, was bisher unbekannt gewesen; auch zeigte er, wie man durch Feuer die Speisen bereiten könne, was ebenfalls vorher nicht bekannt war. Sapu brachte aus dem Kanoe Kokosnüsse herbei, welche er auf der Insel pflanzte und dadurch den Grund zu den heutigen Kokosbeständen legte. Arne le lago hatte Taropflanzen mitgebracht, und er mit Keruahine legte die erste Taropflanzung an. Keruahine führte auch das Ta- tauieren ein; Lolo streckte sich auf einer Matte aus und wurde von ihr mit den heute noch gangbaren Mustern tatauiert. Das Tatauieren wurde dadurch all- gemein und ist bis zum heutigen Tage noch eine Verrichtung der Frauen. Arne le lago zeigte den Leuten auch, wie man auf einem Webstuhl Matten zur Be- kleidung von Männern und Weibern anfertigen könne, und das Weben wird in- folgedessen noch immer von den Männern verrichtet; nur der oberste Häuptling und seine Verwandten üben das Weben nicht aus. Lolo erwählte nach einiger Zeit Keruahine zu seiner Frau. Er erzürnte aber dadurch seine beiden Genossen, Keui und Puapua, welche ihrerseits ein Auge auf Keruahine hatten, und Puapua war so zornig, daß er die Inselgruppe ganz verließ und sich auf dem benachbarten Kikumanu (Nukumanu, Tasmaninseln) ansiedelte, wo er heute noch im Hare aiku verehrt wird. (In Nukumanu wird er Pau-Pau genannt.) Keui blieb aller- dings auf der Insel, aber er zog nach dem unbewohnten Teil jenseits des Be- gräbnisplatzes Keave, wo er auf dem Platze Kelahu ein Haus baute. Zur Zeit Keruahines kam auch Kapu lau lagi aus Nuguria in einem Kanoe an. Nur nach langen Verhandlungen erlaubte man ihm zu landen unter der Bedingung, daß er für sich allein wohnen bliebe. Lolos und Keruahines Kinder waren Poho uru moro, eine Tochter, welche als Kind starb (ulu mole mole heißt auf samoanisch Kahlkopf), und ein Sohn, Kemagia."

Was uns hier besonders interessiert, ist, daß man annahm, daß die Tatauierung weibliche Einführung ist.

Sehr reich ist die Literatur unseres früheren Samoa, über das wir ein prächtiges Werk von A. Krämer („Die Samoa-Inseln") besitzen, das reiche Beispiele gibt. Für uns ist hauptsächlich interessant die Erzählung von Pili, „der Eidechse". Die Samoaner betrachten besonders eine große schwarze Art mit großer Scheu.


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Das Weib bei den Naturvölkern


Pili Der Pili hat viele Namen: Pilitavae, Piliuli und Pilipa'u und Pilitaimagati. Er kam herunter vom Himmel und langte in Lefaga an. Er setzte sich in das Badewasser Punafofoa; als Sina darauf baden ging, saß er in einer Höhle im Wasser. Da griff er unverschämt nach der Scham der Jungfrau, und das Mädchen wurde von dem Schwanz des Pili getroffen. Sie lief davon, aber Pili jagte ihr nach.

Hier ist ihr Klagen und dieses sein Lied (eigene Übersetzung): Du Mädchen, du bist vorlaut, du willst hoch hinaus, rasch, mach zu, dein Blut leuchtet, niederrinnend, da bist unter deinem titi 1 ) zu Tode getroffen. Refrain: Du redest umsonst, ich bin unten traurig, meine Liebe und mein Sehnen, Mädchen, befriedige es.

Der Gesang des Pili

Pili saß im Wasser und horchte und schaute nach der Türe 2 ), ob die Jungfrau wohl suche nach Fackelreisern, damit sie aus ihrer Türe leuchte. In heißer Gier griff er nach ihrem Schoß und schnappte mit dem Mund nach ihrem Blut. Er fing den Vogel und bekam ihn, den jungen. So bekam ihn Sina zum Manne, das Mäd- chen, das er entehrt hatte. Punafofoa heißt das Badewasser der Sina, lange saß sie dort auf einem Steine. Sina schaute und schaute, sie beobachtete den Dämon, den Häuptling in Gestalt eines Fisches; bewegungslos saß sie da. Sina weinte, sie schob mit den Füßen den Fisch weg, den es nach ihr gelüstete. (Pili sprach:) „Sina stehe, antworte, erfülle den Wunsch unserer Dorfschaft. Es erflehen Glück der Folasa und Fitiuta, dem Moilega und Le'ula 3 ), dem Lefanoga und Tuimanu'a.

(Es erflehet Glück der Folasa und Fitiuta der Hoheit, und der Tuimanu'a für Moelega, und Le'ula für Tagaloa und Tuimanu'a. Sina lief weg in ihrer Angst nach Le'ula, daß es ihren Leib schütze.) Erhebe dich, Pili, ruft der laumagamaga*),


  • ) Ein Kleidungsstück, das um die Hüften liegt.

2 ) Eine Türe hat das Samoahaus zwar nicht, aber wenn alle Matten heruntergelassen sind

bis auf eine, dann ist doch eine Türe da.

s ) Le'ula ist ein ehemaliges Inlanddorf hinter Tau, wo Moilega lebte.

  • ) laumagamaga ein Farn.


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Das Weib bei den Naturvölkern


komm her und laß uns zusammen speisen. Der Pili aber, das Tier, wartet, um sie von seinem Versteck aus zu erledigen. Pili kriecht herum, stetig herum, sie lachen über ihn; doch wie der Sturmwind weht sein Begehren, er vergißt die Schamhaftigkeit der Sina. „Sina'), besetzt bist du unten von einem Häuptling, wenn Pili kommt, breite feine Matten aus. Wenn aber Pili den Tag arbeitslos draußen zubringt und nicht ins Haus kommt, dann breite nur gewöhnliche Matten aus." (Pili:) „Pulele'i'ite 2 ), Sina ist im Königshaus; sie kam ärgerlich hierher; ihre Schwangerschaftszeit habe ich berechnet, ich habe vier bis fünf Monate gezählt. Sina soll nicht mehr mit einem Manne schlafen, es ist nicht gewiß, ob sie gesund bleiben wird, oder ob sie den Geburtsmonat noch erlebt. Pulele'i'ite, schreite du nicht über sie, weil Sina auf ein Kind wartet; ihr sollt jedes seinen Bambuskopf schemel und jedes seine Matten haben 3 ); wenn sie aber gebärt, dann sprich zu Sina deine Worte, und ihr beide seid verbunden. Die Ur- sache, wie das Kind ins Haus kam*), ist unser Zusammenschlafen. Darum, wenn Sina ein Mädchen gebiert, dann sollst du, Pule'i'ite, einen Namen ihrer Tochter geben, wenn sie aber einen Sohn bekommt, dann berichte es Fagaapiapi, dem Sohn der Sa Pilimatavave 5 ); ich aber will hinabsteigen nach Afaasi, dort will ich bleiben, Glück erflehend. Verkünde von dem Fischnetz des Pililagi, daß keiner es mißbrauche zum Fischfang der Sapilitaimatagi. Glühe, du Morgenröte, glühe nur zu, du Morgenröte des Pilipa'u. Fitiuta machte Lärm zum Fono trommelnd; traurig sind die Fischer, die draußen vor dem Riff nach den Fischkörben tauchen müssen. O!"

Bis hierher reicht die eine Handschrift aus Manu'a. Getrennt davon erhielt ich diesen Teil der Fortsetzung, der sich aus einer Manu'a- und Tutuila-Handschrift zusammensetzt. Pega und Pega, ihre Eltern, werfen das Wasserloch zu 9 ), der Boden, der Quelle


  • ) So spricht wohl die Familie.
  • ) Pulele'i'ite Sohn des Sasa'umaani. Er hatte Sina geheiratet. Ärgerlich, weil sie durch

Pili schwanger wurde. Das Königshaus, ihr Vaterhaus.

3 ) Nicht eine Matte und einen Kopfschemel zusammen.

  • ) Pili gibt bekannt, daß er der Vater des Kindes der Sina ist.

6 ) Das Kind wurde ein Knabe und hieß Pilia'au, auch Piliopo, auch Pilitavave.

e ) Die Eltern der Sina werfen auf den Wunsch der Sina das Wasserloch Punafofoa zu,

in dem sie entehrt wurde.


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Das Weib bei den Naturvölkern


entleert sich nach Fitiuta. Pili sitzt in ihr, um sie einzubrechen. Schwarzer Pili, du klettertest heran und verschlangst Häuptlingssachen.

Bis hierher reicht die Manu'a-Handschrift. Das Folgende bis dorthin stammt zumeist aus Tutuila.

Sina ging dann im Zorn weg, als sie im Wasser gebadet hatte, und war ärger- lich wegen ihres Schosses. Pulea, Puleale'i'ite 1 ), gebrauche eine List, breite auf den Weg feine Matten und gute Schlafmatten aus, damit der Dämon darauf komme. Pili, komm' ins Haus herein, die Matten sind ausgebreitet. Sina kann nicht mit einem Manne schlafen, sie hat ihre Niederkunft noch nicht erreicht. Pulea, Puleale'i'ite, gib mir gute Antwort, bewillkommne den Pili im Haus. Sina schläft nicht auf schnell ausgebreiteten Matten, der Kopfschemel der Sina ist lang wie ein Tragestock, das Kopfpolster der Sina ist kein einschläfriger Kopf- schemel, und Sina schläft nicht auf aufgehäuften Matten. Pulea, Puleale'i'ite, frischgewaschen war Sina, als sie ihre Familie begründeten, aber zornig ging der Dämon davon.

Dieser und der folgende Vers fanden sich in der Handschrift von Olosega, aber nicht in den beiden andern.

Wenn die Frau von einem Knaben genest, sage es mir, daß er meinen Fisch- fang betreibe, ich weile in Olosisiga und will ihm den Titel bringen, aber Pili lehnt im Zorne ab, der in Oloie wohnt, wenn eine Tochter geboren wird. Sina komme ins Haus, daß ich meine Bestimmung treffe, wenn du uns beiden einen Knaben gebärst, so heiße er Toalepai. Uluao und Taufaipupu, ihr seid die Eltern des Pilipa'u, deine Herrschaft ist in Ulu 2 ). Es bricht hervor ein Platzregen und ein Regenschauer, wenn es viel regnet, süßt das Meer aus; es bricht hervor ein Platzregen und ein Regenschauer und ein sehr schnell strömender Regen 8 ), wenn der Regen andauert, süßt das Meer aus. Unser Wille ist Gesetz, so sind wir, wenn eine Kokospflanzung verlassen ist, so gehen wir hinein. Tutuila und Vatia, dort lebte Pili mit seinen Titeln 4 ), und es grollte das ganze Amoa und der


  • ) Hier in den Tutuila- Versen ist Puleale'i'ite verzeichnet, während sonst allgemein

Pulele'i'ite gesagt wird.

2 ) Ulu scheint ein Land auf Tau zu sein.

3 ) Dieser und der folgende Vers wollen sagen, daß die starke natürliche Leidenschaft keine Hindernisse kennt.

  • ) Pili erhielt überall die höchsten Titel.


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Das Weib bei den Naturvölkern


Westen von Amoa. Fasito'outa und Fasio'otai 1 ), Pili kam zu euch gereist. Aber nur Nachkommen habt ihr von ihm, der erste Ahne war Sina, die im Wasser war. Fasito'outa und Fasito'otai, lasset doch das Streiten mit uns, ihr habt dar- über keine Stimme, kein Pili erstand bei euch, er erstand in Manu'a der Pili- moevai 2 ), und Piliopo 3 ) folgte ihm; nutzlos streitet unser Manu'a, denn Pili er- stand in Fitiuta. Oü

Überaus reich ist der Märchenkreis Amerikas*). Leider ist die vielversprechende Sammlung „Nordamerikanische Märchen" 6 ) von Krickeberg noch nicht erschienen. Sie wird wohl bald nach Erscheinen dieses Werkes herauskommen, und wir möchten unsere Leser darauf verweisen, da wir besonders wertvolles Material erwarten dürfen. Eine geradezu erstaunliche Menge von Material für unsere Zwecke ergeben die Indianermärchen aus Südamerika von Th. Koch-Grünberg. So zeigt uns das folgende Märchen einen Einblick in das Verwandtschaftssystem. Die Indianer reden jedes jüngere Mädchen ihres Stammes mit „Schwester" oder „Base", jeden älteren Mann ihres Stammes mit „Onkel" an. Wir sehen hier auch den oben behandelten Fall, daß der Schwiegersohn mit seiner ganzen Habe in das Haus der Schwiegereltern übersiedelt und nach Geburt des ersten Kindes als vollberechtigtes Glied der Familie seiner Frau angehört, womit auch die Ehe erst gültig wird.

Die Zauberrasseln Eines Tages ging ein Mann mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen in das be- nachbarte Dorf, um an einem Trinkfest teilzunehmen. Ihre beiden Töchter blie-


1 ) Die beiden Dorfschaften in Aana nahmen Pili für sich in Anspruch, weil Pili die hier wohnende Tochter des Tuiaana Tava'etele freite.

2 ) Pilimoevai heißt Pili im Wasser den Beischlaf ausübend; er ist der Pilipa'u.

s ) Piliopo, der durch diese Umarmung entstand. Pili; opoga das Paaren der Schild- kröten (Pratt).

  • ) Wir entnehmen hier einzelne der prächtigen Märchensammlung, die in vielen Bänden

im Verlag von Eug. Diederichs in Jena erschien. Wir möchten unsere Leser auf dieses Werk besonders aufmerksam machen, und zwar in erster Linie auf die Naturvölker be- handelnde Bände: Südseemärchen von P. Hambruch 1921, Indianermärchen aus Süd- amerika von Th. Koch-Grünberg 1920, Afrikanische Märchen von Carl Meinhof 1921 und Malaiische Märchen von P. Hambruch 1922, deren Lektüre eine wertvolle Er- gänzung unserer Darstellung gibt. ') Inzwischen bereits erschienen.


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Das Weib bei den Naturvölkern


ben zu Hause und bereiteten Kaschiri. Als sie nun zum Bache hinunterschlender- ten, um Wasser zu holen, hörten sie einen eigenartigen Schrei. Es war Siwara, der Waldgeist, der sie absichtlich irreführte, indem er den Schrei eines großen Habichts nachahmte. Sie forderten den Habicht in der üblichen Weise heraus, indem sie riefen: „Schreie nicht, sondern zeige dich und töte etwas für uns!" Sie sahen nichts und hörten nichts weiter. Als sie wieder zu Hause waren und sich eine Weile ausgeruht hatten, näherte sich ein junger Mann dem Hause. Er begrüßte sie mit „Guten Tag, Basen!" und trat ein. „Wo sind eure Eltern?" fragte darauf der Fremde. Es war niemand anders als Siwara, welcher der Auf- forderung, sich zu zeigen, gefolgt war. Die Mädchen erzählten ihm, daß die anderen alle fort seien zu einem Trinkfest, und boten ihm Kassawa und Ge- tränk an. Nachdem er davon genossen hatte, sagte ihnen Siwara, sie sollten gehen und das Hokkohuhn hereinholen, das er ihnen mitgebracht hätte. Danach bat er sie, seine Hängematte hereinzubringen, da er die Nacht über dableiben wolle. Sie holten die Hängematte und hingen sie in dem Ende des Hauses auf, das am weitesten von ihrer Schlafstelle entfernt war. Da sagte er: „Fürchtet euch nicht! Ich werde euch nicht stören." Und er sprach wahr. Die Mädchen schliefen die ganze Nacht hindurch, ohne von ihm gestört zu werden. Früh am nächsten Morgen kehrte Siwara in den Wald zurück, aber bevor er Abschied nahm, verbot er ihnen, ihren Eltern von seinem Besuch zu erzählen. Nicht lange danach kamen die Eltern zurück. Als sie das geröstete Hokkohuhn sahen, riefen sie aus: „Wie seid ihr denn dazu gekommen?" Die Mädchen logen und sagten: „Wir sahen einen großen Habicht, der es erbeutet hatte, und nahmen es ihm weg." Nach und nach wurde das Hokkohuhn gekocht und gegessen, und als der alte Vater einen Bissen davon kaute, den er gerade aus dem Topf geholt hatte, biß er auf das Stück eines Blasrohrpfeils. Da wandte er sich an seine Töchter und fragte: „Wenn ein Habicht den Vogel tötete, wie kommt der Pfeil hinein?" Nun mußten sie gestehen, daß ihr Onkel ihnen das Hokkohuhn gebracht hätte. „Warum habt ihr das nicht gleich gesagt?" rief der Alte. „Warum ließet ihr mich nicht wissen, daß er euch besuchte, während wir fort waren? Geht gleich und ruft ihn herein!" Die Mädchen gingen hinaus und riefen: „Daku! Daku!" („Onkel! Onkel!"), und Siwara hörte sofort auf ihren Ruf. Als er eintrat, hieß ihn der Hausherr willkommen, und er setzte sich nieder auf den Schemel, der


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Das Weib bei den Naturvölkern


ihm angeboten wurde. „Danke, danke!" rief er aus. „Ich war gestern hier und leistete den Mädchen Gesellschaft." Nun war der alte Vater, der von dem Trink- fest kam, noch reichlich benebelt und wußte kaum, was er tat. Obgleich er nicht die leiseste Ahnung hatte, wer Siwara eigentlich war, bot er ihm seine älteste Tochter an, vorausgesetzt, daß sie ihm gefiele. Es traf sich, daß sie Siwara sehr gut gefiel, und er wandte sich daher an die Mutter und fragte sie, ob sie ihn als Schwiegersohn haben möchte. Sie sagte: „Ja, sehr gern." Und so geschah es, daß der Waldgeist eine Frau bekam und mit ihr im Hause seines Schwiegervaters seinen Wohnsitz nahm. Siwara erwies sich als ein sehr guter Gatte und Schwieger- sohn. Von jedem Jagdzug kehrte er beladen mit Wildbret heim. Er machte sich auch die Mühe, den Brüdern seiner Frau zu zeigen, wie man Wildschweine schießt. Früher brachten diese zwei Burschen oft einen Vogel heim und sagten, sie hätten ein Wildschwein gebracht. Sie wußten eben nicht, was ein Wildschwein war. Da nahm er sie eines Tages mit, und als sie einen geeigneten Platz erreicht hatten, schüttelte er seine Rassel, und herbei eilten die Wildschweine, gehorsam seinem Rufe. „Dies sind Schweine! Schießt!" sagte Siwara, aber die beiden Brü- der, die nie zuvor ein Wildschwein gesehen hatten, fürchteten sich und kletterten auf einen Baum. Da mußte er selbst drei oder vier töten, und diese nahmen sie dann später nach Hause. Die Zeit verging. Nachdem seine Frau ihm ein Kind geschenkt hatte, wurde Siwara anerkannter Erbe des Besitzes ihrer Familie und brachte auch sein Eigentum, das er bis jetzt im Walde gelassen hatte, in das Haus seines Schwiegervaters. Dieses galt fortan als sein eigenes Heim. Unter den Sachen, die er in sein neues Heim mitbrachte, befanden sich vier Rasseln, die nur zur Wildschweinjagd gebraucht wurden. Es gibt zwei Arten Schweine, eine harmlosere und eine gefährlichere. Für jede Art hatte er ein Paar Rasseln, eine Rassel, um die Tiere herbeizurufen, die andere, um sie fortzutreiben. Nachdem er die Rasseln aufgehängt hatte, warnte er die Verwandten seiner Frau dringend, diese Rasseln während seiner Abwesenheit zu berühren, weil daraus großes Un- glück entstehen würde. Bald darauf ging Siwara fort, um ein Feld zu roden. Während er fort war, kamen seine Schwäger zurück. Sie sahen die schönen, mit Federn verzierten Rasseln alle in einer Reihe hängen und konnten der Ver- suchung nicht widerstehen, eine herunterzunehmen, um sie genau zu betrachten. In ihre Betrachtung vertieft, vergaß der Schwager ganz des Verbot und begann


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Das Weib bei den Naturvölkern


sie zu schütteln. Aber ach! es war die falsche Rassel, die für die bösen Wild- schweine! Und nun kamen diese wilden Bestien in Scharen von nahe und fern herbei und ließen der jungen Mutter, den zwei Brüdern und den alten Leuten kaum Zeit, sich auf die nächsten Bäume zu flüchten. In der Eile und Aufregung hatte die Mutter jedoch ihr Kind vergessen, das die Schweine in Stücke rissen und verschlangen. Als sie sahen, was sich unten ereignete, schrien die Flüchtlinge und riefen nach Siwara, er solle schnell kommen und all die Tiere vertreiben, damit sie in Sicherheit heruntersteigen könnten. Siwara kam, schüttelte die rich- tige Rassel und trieb die Tiere fort. Als alle herabgestiegen waren und mit ihm zusammentrafen, suchte er nach seinem Kindchen. Aber er fand es nicht. Da tadelte er sie, daß sie seinem Gebot nicht gefolgt wären, und war so ärgerlich, daß er sie verließ. — Es ist jetzt schwer für sie, Nahrung zu bekommen. Auch Afrika ist sehr reich an Märchen. Wir geben hier zunächst das dem Werke: H. Brincker, „Wörterbuch des Otjiherero" (Leipzig, Weigel 1886) entnommene Märchen „Die schöne Tjaratjondjorondjondjo" wieder:

Die schöne Tjaratjondjorondjondjo

Es war einmal eine Frau, die hatte eine sehr schöne Tochter. Alle Leute wurden gar nicht satt, sie anzusehen. Und sie wurde sehr gut gehalten. Das Dorf war groß. Und es waren viele Mädchen darin, und darunter auch schöne Mädchen. Und sie jauchzte sehr. Und sie gingen hin, die Schaflämmer zu weiden. Alle Leute aber, die sie sahen, fragten: „Wem gehört jenes schöne Kind?" Und die anderen Mädchen sagten es ihnen. Dann faßte die Leute die Begierde, wenn sie vorübergingen, und sie wollten sie immer alle heiraten. Und sie brachten Eisen- kugeln und verbrauchten zum Aufreihen der Kugeln die Leibriemen der Frauen. Eines Tages versammelten sich alle Mädchen in der Werft, darunter war auch jenes Kind, und ihr Name war Tjaratjondjorondjondjo. Und sie gingen zu den Schafhirten und fragten sie: „Nun, ihr Burschen, wir sind natürlich alle schön, aber welche ist nun die Schönste?" Und sie antworteten: „Freilich seid ihr alle schön, aber soviel dieser Mittelfinger länger ist als die anderen Finger, ist Tjaratjondjorondjondjo schöner als ihr alle zusammen." Und sie gingen zu den Rinderhirten und fragten sie: „Nun, ihr Burschen, wir sind natürlich alle schön,


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Das Weib bei den Naturvölkern


aber welche ist nun die Schönste?" Und sie antworteten: „Freilich seid ihr alle schön, aber Tjaratjondjorondjondjo ist doppelt so schön wie Mbazuva und Rutangarauane." Und Tjaratjondjorondjondjo jubelte sehr. Und sie fragten alle Beerenpflücker, aber sie sagten dasselbe, was alle die Jünglinge gesagt hatten. Und die Mädchen winkten einander zu und meinten: „Laßt sie nur, morgen ist auch ein Tag." Sie aber merkte Unheil. Als dann der andere Morgen angebrochen war, machten sie sich auf, kamen und riefen: „Komm doch, wir wollen spielen gehen." Und sie sagte: „Seid mir nicht böse, ich habe Kopfschmerzen und kann nicht kom- men." Und sie sagten: „Bitte, wir wollen bei dir spielen, wir wollen etwas ver- stecken." Und ihre Mutter meinte: „Wie sagen deine Gespielinnen? Willst du nicht lieber doch aufstehen?" Da ging sie mit, und sie gingen an den Fluß und setzten sich hin und sagten zu allen Kindern: „Setzt euch hin, wir wollen etwas ver- stecken." Und die Mädchen sagten: „Tjaratjondjorondjondjo, setze dich zu uns!" Und sie setzte sich nieder. Anfangs trieben sie es harmlos, aber dann setzte sich ihr ein Kind auf die Herzgrube und sie sagte: „Kind, du tötest mich." Und sie hörte nicht darauf. Die Dienerin und die Freundin riefen: „Was ist das, ihr wollt nicht hören, ihr tut es absichtlich!" Aber das Mädchen blieb auf der Herz- grube sitzen und riß die Spitze des Magens ab, daß sie starb. Und sie verscharr- ten sie in die Erde. Aber die Dienerin und die Freundin weinten und sagten: „Ihr könnt es gar nicht zu Hause sagen." Und als sie ins Dorf kamen, fragten die Leute und sie sagten: „Das Mädchen, das das Kopfweh hatte, das ist schon vor einer Weile nach Hause gegangen." Und sie sagten: „Hierher ist sie nicht gekommen." Und sie gingen hin und suchten und fanden sie nicht. Und sie frag- ten die Dienerin, aber sie wollte nicht reden. Und sie suchten sehr. Und eines Tages fragten sie die Reisenden: „Habt ihr vielleicht irgendwo einen Leichnam gesehen?" Und sie antworteten: „Ach nein. Wir haben nichts gesehen. Wir haben nur ein sehr schönes Kind gesehen, den Leichnam sahen wir da unten am Fluß." Und sie gingen hin, und die Mutter ging mit und sagte: „Mein schönes Kind, jetzt müssen die Frauen die Schmuckriemen ablegen, was geschieht doch da unten an den Flüssen!" Und sie weinte den ganzen Tag, und sie kamen zu dem Leichnam, und sie nahm ihn auf den Rücken, und dann ging sie damit hin und weinte, und sie begruben sie.


Dm Weib bei den Naturvölkern 18 379


Sach- und Namenregister


• = Stammes- und Völkernamen — + = geographische Bezeichnungen — A = Abbildung Kursiv = Forscher, Reisende, Missionare usw.


Z = Zeichnung


tAaru-Inseln 216, 343 Abbrennen der Kopfhaare 73 'Abessinier 43, 53, A 57, 345,

346 'Abiponen 69, 71, 115, 216,

21 8, 233, 270 'Abnaki 156

Abortus 214, 233; s. a. Ge- burt 'Absäroka 108; s. a. Crow Abtreibung 216 Ackerbau 294 'Admiralitätsinsulaner A 46,

307 Adschbatul, Häuptling 170 'Afrikaner A 12, 44, 47, 122,

132, 157 Ahornzuckerbereitung A 184,

299 fAiary 171 'Aino s. Ainu 'Ainu A 30, 42, 113, 219, 227,

228, 200, A 195 Ainugrab A 172 t Alaska 202 Aleuten 113, 114, 135, 150 'Alfuren 74, 79, 319 'Algonkin 63, 156 tAltai 359

Amazonen A 52, 160, 237 t Amazonenstrom 63 fAmbon 211 fAmerika 54, 120, 151 Amerikaner 42, 44, 47, 54,

120, 190 Ampallang 194 'Amurvölker 136 'Anachoreten A 135 Analogiezauber 211 'Andamanen A 36, 50, 63, 120,

A 157, A 174, 211, 219, 271;

s. a. Minkopi Andree, R. 327 'Angolaner 47, 53, A 24 ; s. a.

Lunda Antifetischismus 177 tAntillen 151 Apatschen 64, 108, 233 Aphrodisiaka 109 'Apiaka Z 14 'Apsarokas 260 'Araber 262

Arakutja (ältere Frau) 107 'Aranda 83, A 173 'Arapaho 108, 260, 269 'Araukaner 54, 63 Archangclus Lamberti, P. 162 'Arier 50 Armbänder 141 Armplastik 127, Ano 'Aruak 157, 171 'Arunta 270 'Aschanti 53, A 54, 127 t Asien 50, 114, 211 Asier 44, 47 Assahun, Markt in A 182


'Assiniboin 108, 216, 260

'Athapasken 121, 234

'Atjeh 44, 64, 214, 229; s. a. Sumatra

fAustalien 114, 151, 172, 359

'Australier 47, 51, 63, 67, 8o, A89, A 95, A114, 127, 150, 190, 198, A 198, 202, 228,

233, 3" 'Aymara A 60, 237 'Azimba 74

Babagain Chojor Uessin (durch fremdes Haar ver- mehrte Zöpfe) 139

fBabar 215

Baducca A 199

'Bafioto 216

  • Ba-Huana 235

Baidarken 307

Bajri A 185

'Bakairi 142, A 145, 152

'Bakuba 316

fBali, Insel 216, 221, 222

'Balinesen 235, 330

'Ballanten 79

Bamum, Weiberhäuser von A 170

'Bantu 53, 114

'Barä 280

Bararamin, Fest 201

Bartbildung 108

Bartels, Max 44, 84, 97, 107, 116, 227; s. a. Ploß-Bartels

Barthema, Ludwig v. 79

'Basoko A 179

'Bassa 71

Bässler 116

'Basuto 52, 83, 84, A 58, 129, 233

'Batak 51, A 37, 79, 194

Bauchschnur 80

Bauchtanz 84

Baumann 86, 235

'Bawenda 101

Becken, weibl. 30, 47, 215

'Bedscha 160, 345

Befruchtung A 99

Befruchtungsriten 86, 96, 278

Behaarung 30

Beiju 67

Beiwohnungsszene 358, A213

Belly (Knabenzauberwald) 71

Belly (Narbenzeichen des Zauberwaldes) 81

Bemalung A33, A 102, A 105

t Benin 114

Beninkunst 357

'Bering-Eskimo 65 ; s. a. Es- kimo

Berserker 167

Beschneidung 71, 80, 84

Beschneidungsinstrumente A 94, A 99

Besitzteilung 308

Bessel 217


Beste, Missionar 310 Bestialität 239 'Betschuanen 43, 73, 270 'Betsimisaraka A 188 'Bhil A 185 'Bilochi 156

fBismarckarchipel 43, 327 Blase 31 Bloch, J. 329

Blumenschmuck A 121, 150 Blutdruck 31 Blutentziehung 99 Blutmischung 50 Blutverwandtschaft 274 Blyth 197 Boas 102 fBogadjim 188 Bogenan Feuersteinsplitter 74 Bogoras 238

Bomo, Holzschnitzerei A 204 fBongo Z 7, 220, 221, 269 Bony (Jungfrau) 72 Borgt, van der 235 fBorneo 51, 115, 215, 271 'Bororo A 151 'Botokuden A 125, 133, A 168,

289, 302 'Boulia 118 Bowditch 127 f Brasilien 115, 221 Breuil 355

Brieseldrüse s. Thymusdrüse Brincker, H. 378 fBritish-Guyana 73, 115, 270 Brooke Low 116 Brunstzeit 63 Brust, Ausbildung Z 2 Brustbehandlung 127 Buchner 172, 211 Buchu, wohlriech. Pulver 140 Buddhismus 172 'Buginesen 208, 214, 236 'Buka 174 'Bulaa 236

Bundubund A 8i, 84, A 86 Buntabo- Adachi 187 'Burätin A 201 Burg, van der 198 'Burmanen 188 Burnamon (abgesonderte

Hütte) 67 Burton 237 •Buschleute 42, 47, 53, 100,

A 141, 150, 216, A 270, Z 21,

357 Busenschnur 127, A 107, 142 Büttikofer 71, 201

Cabral 79 'Caiary-Uaupes 67 tCalabar s. Old Calabar ■fCalicut 79 'Campo-Indianer A9 'Caraiben s. Karaiben 'Carayä, 158 Carayuru-Farbe 68


Cardi 82 A 183 Cassine, Getränk 298 Catlin 118, 138

  • Cayenneindianer 232

fCelebes 79, 194 Cepas-kain-Kadu-Fest 79 tCeram 79, 221 fCeylon 50 'Chacoindianer 54

  • Chamacocco A 16, A 75

f Chanchamayo A 9 •Chicorä 138 'Chilenen 64 fChina 194 'Chinesen 136

  • Chingpaw A 146

'Chippeway s. Tschippewä 'Chiquitos 158 Chit-nort 68 Christentum 172 Churinga 312 Claraz 194 Codrington 157 Cogul, Felsmalerei Z 20, 350

  • Comanche-Indianer 221

Combarelles, Szene aus der Höhle Z 4

Conia-pu-yara 162 Cook 250, 314 Corpus luteum 41 Corpus luteum gravidatis 41 Couvade 214 Cr am 139, 300

  • Creek-Indianer Z 8, 222
  • Crow 108, 115, 138, 260;

s. a. Absäroka Cumulus oophorus 40 Cunnilingus 239 Currier 216

fDahomey 43, 169

  • Dajak 42, 50, 64, A 09, 115,

116, A 127, 141, 194, 200,

214, 232, 235

'Dakota 136, 214, 233, 260 tDama, Insel 211 Damara 53, 237 Dopper 72, 80 Darwin 108

  • Dayak s. Dajak

Debato idup, Idol A 99 Defloration 74, 142 Deflorationsinstrument A 99 Dekokt, Getränk 208

  • Delawaren 156, 269

Detumeszenztrieb 182 devil-women (Erzieherin) 71 Diaconus, Paulus 168 Dichtkunst 322, 327 Dieffenbach 114, 148 Dienstehe 252, 268 'Dieri 259 Liodor 161

Djata, Wassergott 201 Dobrizhofer 69, 218 fDominica, Insel 236 Doppelschurz A 135 fDorah-Bai 214 Dorsey, Owen 316


Drüsen der inneren Sekretion

31, 33, 34 Drusus 168

fDualla in Kamerun 173 Duell A 198, 311

Eastmann 200

Egede, Hans 114

Ehe 158, 239, 278, A 292

Ehe zu Dreien 238

Ehebruch 274

Ehescheidung 279

Ehrenreich 112, 158, 220

Eibong, Göttin 212

Eierstock A 1, A3. 29

Eifersucht 330

Eisenindustrie 309

Eisenschmuck A 128

Ejakulation 181

fElfenbeinküste 67

Embryo 34

Emin Pascha 122

Empfängnis 192

en dito Weib als Mädchen 102

Engelmann 221

Epilation 115

Epiphyse 34

Eristow, Fürst 214

Ernährung 48

Erotisierung 31

e singiki (beschnittenes Mäd- chen) 107

"Eskimo 47, 49, 59, 109, 114, 140, 150, A 74, 202, 217, 232

Eskimohütte Z 15

es siboli (Weib zur Zeit der Beschneidung) 102

Eurilthas 107

'Europäer 44, 47

  • Evhe 101, A 99

Exhibitionismus 238

'Faismädchen A io, 52

Falkenstein 47

  • Fan 120

Färben 113

Fasten 97

Federschmuck 149

Felkin 220

Felsenmalerei Z 20, 343

Fetischismus 235

Fettbildung 30, 47

  • Feuerländer 42, 44, 47, 63,

108, 202, 270, 290, 307

  • Fezzanmädchen 63

•Fidschiinsulaner A45, 52, 63,

193, 214, 220, 233, 311 Fingernägel 110, 116 Fintsch 44, 129 Fischer 71

Flechtkunst 302, 307, A 188 fFlorida 151 fFolgia 80 Follikel 40, A 5 'Formosaner 71, 131, A 113 Forster 51, 121 Fötus 42

  • Fox 64, 108, 270

Frauenduell A 198, 311 Frauengeld 308


Frauengürtel 142 Frauenherrschaft 157 Frauenwaffen 311 Fritsch 138, 235, 237 Fruchtbarkeit 100, 195 Frühreife 40 Fußverkrüppelung 121

•Gabungebiet 157

'Galla 52, 345

Galle 34

•Gallina 269

Galopin 187

Gandave, Magahanes de 237

Gebärmutter 29, 33, 42, 107;

s. a. Uterus Geburt A 7, A 8, 218, 219, 221 Geburtshilfe 220 Gee, Mc. 1 18 Geheimbünde 157 Gehirn 46

Geisterherbeiholung 97, 99 Gemütsbewegungen 31 Genitalbehandlung 127 Genitalbinde A 99 Genitalhaare 188 Gepäckhalter A 176 Gerberei 307 'Germanen 167 Geruchsinn 31 Geschlechtsbestimmung 211 Geschlechtsdrüsen 29, 39 Geschlechtshügel 42. Geschlechtsleben 190 Geschlechtsmerkmale 29, 30,

3i, 32, 33, 47 Geschlechtsorgane A 1 Geschlechtsreife 31, 62 Geschlechtsteile Z 19, 31, 32,

39, 44, 61, 86, 108, A 109 Geschlechtstrieb 180 Geschlechtsverkehr 60, A 99,

156, 176, 190, 235;

s. a. Koitus Geschlechtszellen 40 Geschmackssinn 31 Gestaltung des Beckens 47 •Gilbertinsulaner 47, 157, 202,

208, 212, 215, 232, 270, 289,

3ii Gliederverkrüppelung 121

  • Godah 71

'Golden 197, 202 fGoldküste 97, 151, 233 Gomoneger A 09 Gonaden Geschlechtsdrüsen 40 Gorontalo-Tanz- Kopfschmuck

A 210

  • Gotra 232

Gräber A 172, 282 Grabfunde 167 Greegree-bush 71, 72, 120 Greegree-women 71 •Grönländer 59, 114, 217, 233,

  • Großventre 260

Grünwedel 208 Gruppenehe 253, 255 "Guaicurus 158 fGuanahani, Insel 118 'Guayquirias 100


Guesquel 194 f Guinea 151, 233; Güldenklee, B. T. v. 65 Gürtelschließe A 98 ■("Guyana 54, 127, 309; s. a. Britisch-Guyana

Haar 42, 73, 110, 115 Haarschmuck A 123, A124; Haartracht A 120, 138 Haarzeremonien 73 Hagen 188 Hahl 168 Hahn 102, 218 'Haida 59, 112, A 70 Halsschmuck 136, 147 Hämaglobin 31 Handel 209

Hantu Darah, Dämonen 69 Hartland 97 Hartmann 45 Hauben 150 'Haussa 235, 322, 360 Haut 30, 31, 47, 71

  • Hawai 52, 215, 219, 232

Hebammen 220 fHebriden 63 Heckewelder 213 Hein 207

Heiratszeremonie A 165 Hekanatanz 316 Henning 46 'Herero A 17, 150, 270 Hermaphroditismus 40 Herreras 138 •Hidatsa 260 Hochzeitsriten 73, 275 Hochzeitsschmuck A 158 Hoden 29 Hoffmann 189 Höhnet, v. 300 Holzidole A2i8, 358 Holzschnitzerei A 204 Holzwand, bemalte A 33 Honget 113 'Hopi 59, A 156 'Hoskurath A 33 'Hottentotten A 25, 42, 43, 47, 53, A 55, A 56, 67, 102,

121, 202, 2l8, 295

Hüftgehänge A 99 Hüftgürtel A 132 Hüftschnur 141 Hühneropfer 208 'Huichol 232

  • Hundsrippenindianer 173
  • Hupa 102, 269
  • Huronen 156, 187, 169

Hymen, Stab zum Zerreißen

des — A 66 Hyperämie 46 Hypertrophie 40 Hypophyse 34

Ibrahim-Ibn-Ja'kub 162 tlQana 171

Idole A99, 101, A218, 358 •Ifugao A 158 Mgoroten 142, A 106 Illapuringa 120


•Ilpirra 83

Incretorische Drüsen s. Drü- sen der inneren Sekretion tlndien 50, 53, 151, 211, 227,

313 'Indianer A 9, A 16, 47, 48, 54, 59, A63, 64, A64, A183,

202, 211, 233

"(■Indonesien 50, 63, 73, 120, 127, 151, 194, 222, 235, 274 Infibulation 80, 314 Ipmunna 83

'Irokesen 156, A 165, 233 •Itälmenen 44, 74, 317 'Itaner 217 'Ituri-Zwergin A61 'Itynay 67

Jacobs 44, 191, 216, 229

Jagd A 166, 289

Jäger, Gustav 182

Jagor 50

•Jakuten 63, A 160, 202

'Jambassa A 123

  • Jap-Insulaner 80

'Japaner 43, 50

•Javaner 43, 50, A 20, A 38,

A 77. A 79, 320 •Jengone A 123 Jochelson 238 Johnston 115, 141 Joyce 235 Jungfrauschaft 79, 95

Kaaba zu Mekka 101

Kabrega 122

'Kabylen Zu, 227

'Kadiueo-Indianer A 105, 120

'Kaffern 47, 49, A50, 52 ^65, 67, 73, A 76, 80, A 137, 139, A 139, A 140, A 148, 232, 269, 270, 307, 319

Kahumanna, hawaiische Kö- nigin 116

fKahura 230

'Kaiowä Z 9, 222, 229

Kaiserschnitt 230

'Kaitisch A 102

Kakie 70

'Kaledonier 63

'Kalifornier 64, 233

'Kalmücken 177, 217, 232, 269

'Kambalatter 277

'Kameruner A 123, A 124, 233, 269

Kamiak, böser Geist 207

'Kamilaroi 256

Kämme 150, 194

'Kamtschadalen 43, 44, 63, 150, 191, 218; s. a. Itälmenen

■("Kamtschatka 74, 233; s. a. Itälmenen

'Kanaken 52, 21 1, 227

Kapuzen 150

Karagassen 150

"fKaragwe 122

'Karaiben Am, 122, A 144

'Karayä 112, 220

Kareba und Sulyunja (Er- zählung) 359


'Karo-Batak A37, 50;

s. a. Batak 'Karok 269

■("Karolinen A 192, 211, 233 Karpet A 33, 68 Karsch-Haack 236, 238 Kaschiri 68, 298 Kaschiri- Bereitung 298 Kaschiri-Fest 68 Kastration 31, A 137, 147 'Kataba-Indianer 214 Katschinafiguren A211, 358 'Kaua A 177, 293 Kaufehe 252 Kauffmann 167 'Kaukasier 47, 160, 162 'Kavirondo 1 14 Kawa, Getränk A 191, 298 Kazike (Häuptling) 162 Kerrie Z 10, 222 Keuschheitsgürtel 172 Keuschheitsnächte 278 'Khasi 157 Kinderjahre 60 Kindermord 216, 233 Kinderstein A89 Kindertragen 47, 120 fKing Williams Land 233 Kiranja, Vortänzerin 85 •Kirgisen A29, 50, 108, 140,

150, 202, 233, 269 Kitzler 43, 129 Kiziguha 160 'Klapperschlangen-Indianer

119 Kleideropfer 275 Kleidung 130, 151 Klimakterium 42, 107 'Klippkaffern A 148 Klirrschmuck 188 Klitoris 43, 44, 71, 81, A112 Knoche, Walter 327, 328 Knochenbau 30 'Kobeua 182, 210, 228, 229 Koch-Grünberg 54, 67, 99, 162,

171, 172, 182, 210, 228, 239,

280, 293, 313. 317, 359, 375 Koitus Z 4, 86, 192, 199;

s. a. Geschlechtsverkehr Koko, Greisin 107 Kolb 131, 294 'Koloschen 232, 233 Kolumbus 118 Koma, Tonfigur 101, 319 'Konde 68, 84, 101 Konfuzianismus 172 fKongo 141 Konnubium 253 Kontrektationstrieb 260 Konvergenz 46 Kopfhaare 73; s. a. Haare Kopfkratzer A 33 Kopfschmuck A98, A147, 149,

A 210 Koprophilie 235 'Korana 47, A 120 Korbflechterei s. Flechtkunst tKordo 358 fKordofan 142 'Korjaken 232, 238


Körper 28, 30, 46, 182 Körperbemalung A 103, A 104 Körperpflege 309 Körperplastik 47, 110, 120 'Kosso 71

  • Krähenindianer 118, 216

Kral 300 Krämer 371 Kranz 159 Krauß 83, 168 Kretinismus 40 Kreuzbeinraute 47 Krickeberg 375 Kröber 101

  • Kroboneger 97

Kropf 39 'Kruneger 269 Krusenstem 51 Kubarry 113, 170 Kühn 319

Kulambana (Sapphismus) 327 Kunstfertigkeiten 84

  • Kupferindianer 173

Kusayana (Tribadie) 327 Kutiktiza (Hüftbewegungen

beim Koitus) 86

  • Kutschinindianer 118, 121

'Kwakiutl 156

Labia interna 129 Labia majora 43 Labia minora 129 ■fLado 122 fLakos 43 Landwirtschaft 295 Langsdorf 113, 133, 307 'Lappen A 1 1, 48, 63, 233 Lendengrübchen A20, 47 'Lengua 216 Lenz, Oskar 119 "Lepanto-Igoroten A 106 Lery, Johann v. 173 tLeti Maa, Insel 43 Levirat 156, 274 Lewschin 140 'Liberianeger 71, 72, 80 Liebesbrief Z 18, 330 Liebesleben 329 Liebeslieder A 153, 327 Liebeszauber A 99, 188 'Lillooetindianer 277 Lindschotten 147, 188, 194 Lippenschmuck A 98, A 108,

A115, A 117, 133 Liquor folliculi 40 •Litauer 162 Littresche Drüsen 29 fLoango 47, 53, 67, 79, Ano,

202, 232, 233 Locklieder 327 Locktöne 187, 188 fLoilongstaat 149 Lopez, Eduard 169 Low, Mr. 108 •Loyalitätsinsulaner 216 Lübbert 216, 229 'Luiseno- Indianer 101 Lukengo 316 Lukokescha 169 Lumholtz 293


'Lunda A 24, 53, 170 Luperci (Priester) 79 Lutein 40 Luteinzellen A6

Maaß 211, 214 'Machacuras 74 tMadagaskar 151 •Madagassen 271 Mädchenlied 327 Mädchenmord 233 Magahanes de Gandava 237 Magrizi 160, 345 'Mahikan 156 •Maidu 269 Mais stampfende Frauen Z 14,

A181 'Makassaren 117, 208, 214, 233 fMakraka 122 •Mäku 182 tMalabarküste 79, 220, 232,

313 'Malaien 42, 50, 160 fMalakka 50, 68, 79, 216, 222,

227, 232 Mallat 220 'Mandanindianer 98, 260,

269, 270 Mandelslo 79 'Mandingo 43, 202, 233, 236

270 Mandioca 299 Mandioka reiben A 177 Mandioka-Reibholz Z 13 'Mandschu 136 Männergesellschaft 157 Mannweiber 48, 238 fManoba-Mindanäo A 132 'Manyema 85

  • Ma Nyema-Weib A 96

'Maori 52, A40, 63, 148, 213,

219 Märchen und Sage 361 Marcuse, M. 65, 99, 214, 232 Marensky 101 fMarianen 279 Marksubstanz 40 Markt in Assahun A 182 'Marquesaner 52, 227 Martin 47 Martins 68 tMarutsereich 170 'Masai 82, 102, 118, A 129,

141, 148, A 176, 202, 210,

2i 6, 233, 269, 300 'Maskakira 233 Masken 72, A86, 150 Maskentänze 158 •Maskoki 156 Masochismus 234 Massage 210 Mästung A 84, 122, 174 Masturbation 235 Mattenflechten s. Flechtkunst Matthes 208 'Mauhes 131 Melaje 147 tMelanesien 52, 114, 149, 151,

157, 190 •Melanesier 42, 44, 52, 197


Melville, General 236 Membran 40 Membrana granulosa 40 'Menomini 156 Menstruation A 33, 41, 63, 64.

66, 67, 69, 79, 99 Menstruationshütten 67 Menstruationskleid 80 Mentawei, Tatauierapparat

von — A 90 'Mentaweiinsulaner 211, 214,

280 Merensky, A., Missionar 129,

310 Merker 82, 102, 119, 210, 213,

269, 278 Mestizen A 32, A 70 Metallschürzchen 147 "Mexikaner 101, 197 Mika 107 Mikaoperation 107 Mikluho-Macley 44, 74. «9» tMikronesien 52, 316 Milchdrüsen 42, 61 'Minkopi 50, 210, 211 :

s. a. Andamanen 'Minitari 260 Misch typen 49. 5°. 59;

s. a. Mestizen •Missouriindianer 260, 261 'Mittu 149

'M'Kosa KarTerin A50 fMoQambique 147, 151 Mohammedanismus 172 Moi-Figuren A 212 Moll 181 •Molukken 50 'Mongolen 47, 307 'Monomotapa A 152, 169 Mons veneris 42, 108;

s. a. Geschlechtshügel Morgan 136 Mtondooharz 116 Muata Yamvo 169 Mugasha (Erzählung) 380 •Mulatten A 21 Muli A 101 Müller, Fr., Sprachforscher

130 Müller-Lyer 269

  • Munda 197, 214, 232

Mur turukel 113 'Muruts 302 •Musgu A 117 Musik 321 Muskulatur 30, 46 Mutation der Stimme 30 Mutterkuchen 42 Mutterpflichten 28 Mutterrecht 155 Mutunus 74 Muyombobaum 102 Mwari 84 Myrrhe 68

Nabelschnur 83, 228 Nachgeburt, Essen der —

229 Nacktgehen 86 Nadelschmuck 150


'Nairi 79

'nakitok (Das Weib nach dem Aufhören der Menses) 107

  • Nama-Hottentotten 102

fNamocoliba 229

narahu 114

Narben A96, 110; s. a. Schmucknarben

Nasenschmuck A 98, A114

Nauaprahete 70

fNauru A 84, 232, 233

  • Nayer 64

Nebenschilddrüsen 40

'Neger 42, 44, 47, 64, A 186

'Negrito 63, A72, A83, A82, 220

Nervenmasse 30

Nesogge (Zeichen des Bun- des) 80

tNeu-Dschuta 162

fNeu-Guinea 72, A 99, A 126, A 180, 236, 270, 311; s. a. Guinea

fNeu-Hannover 197

fNeu-Hebriden 63

fNeu-Kaledonien 44, 63, 216, 270

fNeu-Mecklenburg A13, 168, 197, 233

tNeu-Pommern 189, 219

fNeu-Seeland 52, 110, 114, 233

fNeu-Südwales A49, 74

Niederkunft Z 6, Z 7, Z 8, Z 9, Z io, Z ii, Z 12

tNiger-Delta 82

'Nigriter 44

fNikaragua 299

fNila, Insel 210

"Nilneger 142

'Nissan 174

N'janas 71

Nordenskjöld 49, 59

nouboucaetiuro (erste Haar- schur) 115

'Nubier A 130, A203

Nukahiwa, Tatauierung auf — A91

Nukumantatauierung A 88 Nußbaum 31

  • Nutka-Indianer 80, 101

fNyassa-See 101 Nymphen, rudimentäre 44

Obermaier 355 Oberschenkelform 30 'Odschibwä 63, A 153, A 175,

189; s. a. Tschippeway Ohrschmuck A98, Ai 13, An;,

Okipazeremonie 100

  • Okota 102

tOld Calabarküste 64, 93 202 •Oloh Nagadua Z5

  • Omaha 64, 65, 66, 139, 269

Omapanga, Freundschaft 237 'Orang-Belendas 222 'Orang-Benua 228 'Orang-Hutan 68 'Orang-Kenaboi 68


  • Orang-Laut 215, 228, 291
  • Orang-Pangyang 209
  • Orang-Sakai 79
  • Orang-Semang 228
  • Orang-Sennoi 68, 70

'Oregonindianer 215, 222 Oreüana 162 tOrinoko 100, 233 'Oronken 102 'Orotschonen 232 Osphresiologie, sexuelle 62 'Ostjaken 43, 176, 202, 215,

232. 233 'Ovaherero 232, 237 'Ovambo A 52, 53, 97, 102,

139, 215 Ovulation 40 'Oyowestämme 119 'Ozeanier 44, 47, in, 120,

127, 174

fPadaung 149

Pagar pandiam A 164, 208

fPalau-Ineln 113, 170, 171

Pallas 139, 176, 217

Pallme 142

fPonapi 129

Panceri 346

'Pani- Indianer A 169, 189

'Papua 44, 202, 203, 214, 222,

227, 234 'Paraguay-Indianer 63, 74,

215, 270 Parathyreoidea 40, 63, 74,

215, 270 Parkinson 212, 219, 289 Pasah kangkamiak Z 5 Pas sarge 100

'Patagonier 54, 194. A 195 Paulus Diaconus 168 Pechuel- Lösche 291 Peitschen von Frauen A80 Pemba, Tonart 211 'Penimonee-Indianer Z 12,

A 222 Penishalsbänder A 137, 148 'Pensylvanier 214 Perchtentanz 356 fPersien 211

'Peruaner A 27, 59, 82, 197 Perücken 150 'Pessy 71

Pfeil, Graf 210, 227 Pflanzengeist 96 Phallus 74

fPhilippinen 50, 63, 190 Pigmentation 119 Pigmente 40 Pilaster A 214, 358 Pili (Erzählung) 372 Pincette zum Ausraufen der

Augenwimpern A 97 Pituitrin 39 Placenta 42 Plinius 65 Ploß- Bartels 44, 48, 50» 64,

82, 99, 116, 201, 211, 217,

229, 275 Plumbayosaft 118 Poljakow 102


Polygamie 173

'Polynesier 42, 44, 52, 140, 150, 190, 232, 302, 307, 338 'Pontoc-Igoroten 142 Porobund 83 'Port-Lincoln 259 Powers 102

Prietze, Rudolf 327, 339 Prostata 29 Prschewalski 307 'Pschawen 214 Pubertät 31, 40, 63; s. a. Geschlechtsreife Pubertätsdrüse 32, 41, 42 Pur cell 107 Purchas 219 'Puris A 197 •Pygmäen 273

Qatschikitschhetscha, Mann- weib 238

'Queah 71

'Queensländer 67, A 142, 269

Quiai (Mädchen vor der Men- struation) 107

tQuoja 80

Radioff 359

Rahat, Gürtel 142

Ranke 120

Rauch als Reinigungsmittel 68

Rehse 321

Reichard 132

Reife A 33, 59, 80

Reifeprüfung 83

Reifezeremonien 68, 73, 99, 114, 142

Reinigungsmittel 68

Reinigungszeremonien 68

Reizmittel A 99, 182, 187, 189

'Rejang Dajak 116

Religion 319

Remesal 332

Richardson und Wentzel 173

Riedel 127, 147

Riesenwuchs 34

Rindensubstanz 40

Ringschmuck A 127, 131, 150

•Rio-Negro-Stämme 54

Roayami 70

Rodrigues 162

Rollsteinpel A 103, 120

fRomang, Insel 211

Roscoe 210

Roth 196

•Ruck-Insulaner 233

Rumanika 122

Rumpf bewegungen beim Koi- tus 195

Runzeln 108

'Russen 114

Rußtatauierung 114

Rust 101

  • Sac 64, 108

fSachalin 102 Sadismus 234

Sageawin (Liebesgesang)Ai53 Sahagun 10 1

Saints, P. Jean des, Mönch 170


'Salcai so, A 172, 294 "Salomoninsulaner 190, 202,

216, 233, 292, 307 Samenbläschen 29 Sammeltätigkeit 293 'Samoaner A41, 42, A 43,

A 44, 46. 52. 73, A 78, A 92,

115, A 121, A 122, A 147,

A 187, A 191, 193, A 202 'Samojeden 63, 68, 176, 177,

232, 233, 270 Sandy (Mädchenzauberwald)

7i, 72 Sandyding (Zauberwaldkind)

72 Sandy-Laten (Hühner) 80 fSango A 119, 150 tSansibar 194, 236

Santa] 232 Sapphismus 236 Sarasin 44 Säugen derTiere A193, A 195,

3io Säugezeit 28, 232 'Savageinsulaner 202 fSawy- Inseln 73 Saxo 168

Schädel 30, 46, 47, 120 Schadenberg 300 Schälakomana, Kornmädchen

A211, 358 Schamanen A 154, 197, A201,

238, 314 Schamgefühl 331 ,.Scham"schnur (Hüftschnur,

9. a. dort) 141 Schankbetriebe 229 Scheide (Vagina) 30

  • Scheiennen 108; s. a. Tsche-

yennen Schellen 141, 194 Schellong, von 310 Schieferdecker 191 Schilddrüse 31, 34 'Schildkröten- Indianer 118 'Schinguindianer 115 Schleier 150

Schlömann, Missionar 101 Schmidt-Fischer 149 Schmidt, Pater W . 239 Schmidt, R. 79 Schmuck 72, A 98, A 127, 129,

131, 142, 150 Schmuckdurchbohrungen 73 Schmucknarben 73, A95,Ao6,

110, 114 Schmuckstücke 80, A 108, 140 Schoen, H. 355 Schomburgk 115, 197 Schönheit 46, 50 'Schoschonen 63, 101 'Schuli-Neger Z 6, 219 Schulterschmuck 142 Schürte 295

Schwangere 208, A 209, 343 Schwangerschaft 86, 202, 209

  • Schwarzfußindianer 118

Schweinfurth 149 Schweiß 189 Schweißdrüsen 34


Schwergeburten 229 Schwirrholz 311 Se, Idol A 99, 101 'Seelappen 48; s. a. Lappen Sekrete der inneren Sekr. 34 Seligmann 66 'Semang 209

Semilow, Bambusinesser 227 'Seminolen 156 •Senegalneger 53, A 53, 63,

79, 142 Senfft 1 17

  • Senoi 50
  • Seri-Indianer Aioo, 118, 268

Servius 237 Sexualriten 73 'Siamesen A 193 "Sibirier A 149 tSierra Leone 83

  • Sinaugolo 193

'Singhalesen A 34, 50, 63 Sinus prostaticus 29

  • Sioux 64, 108, 233, 260, 290
  • Siusi 67, 99, 172, 298

'Skandinavier 167 Skenesche Drüsen 29 fSklavenküste 151, 232 Smith-Sund 217, 233 Soghwilly 80 Soh, Walddämon 72 Soh-bah, Großdämon 71, 72 'Somali 52, 63, 68, 139, 228,

270 Speicheldrüse 34 Spencer und Gülen 83. 96.

107, 120 Spieß, Missionar 101 Spinnen 308 Spix 68 Spix und Martius 119, 131,

3i6 Stammesabzeichen 112 Staudinger 194 Steatopygie A 25, A 26 Stein der Salbung 101 Steinach 32 Steinbohren 399 Steinen, K.v.d. 62, 115, 142,

152, 227, 292

Steller 44, 74, 191, 218, 239,

3i6 Stephan 189

Stevens, Vaughan 68, 208 Stimme 30, 108 Stall 110, in, 135, 141, 187 Strahlenaugen 52 Strehlow 96 'Suaheli 63, 64, 83, 102, 115,

159» 196, 216, 220, 227, 232 'Sudanneger 53, 270, 345

  • Sulka 219, 268

tSumatra 50, 79 156, 263;

s. a. Atjeh und Batak Suprarenin 40 •Surinamstämme 63 Ssombathy 348

Täbi (Hauptzopf) 139 Tacitus 168


Taconha-oba (Kleidungsstück) 131

Tagarah (Australierin) 44

fTahiti 52, 216, 232, 316

Tahong 209

Taillengürtel 152

'Talamanca-Indianer A 200

Tali 79

Tamalape, Onanie oder Sap- phismus 237

'Tami-Insulaner 237

fTamiongedu, Insel 237

Tampons 73

fTanembar- Inseln 63, 222

Tangi (Totenklagen) 114

fTanna (Neue Hebriden) 139

Tanz 188, A 197, 313

Tanzschmuck A 202, 302

Tanzstöcke A 216

Tapa A 180, 302

Tappar, Messer 227

'Tasmanier 52, A 47

'Tataren 232, 233, 269

Tatauierinstrumente Z 3, A 90

Tatauierung 50, 52, 53, 69, 73, A 88, A 91, A 92, 110, in, 113, 114, 188

'Taulipdng A 110, A 194

Taupo (Dorftänzerin) A 187

Telengekel, Genitaltatauierung 113

Telteket-Tatauierung 113

fTenasserim 79

tTeneriffa 79

"jTerekgebiet 162

Terminalhaarkleid 31

Theca externa 40

Theca interna 40

Thecaluteinzellen 40, 41

'Thompsonindianer 269, 275

Thurn, Im 309

Thurnwald 174, 307, 322

Thurston 135, 267, 278

Thymusdrüse 34, 40

Thyreoidea 39

Tiki, geschn. Figürchen 148

,,tikitiza" 84

■fTimbuktu 151

'Tinnehindianer 173

fTimorlao- Inseln 222

  • Tinguinanen A 143

Tjaratjondjorondjondjo, Er- zählung 378

Tjelak-tjelakan malem.künstl. Penis 235

'Tlinkit 232, 233, 269

'Toda A31, 50, 202, 233

•Togoneger 42, 43, 150

Ton essen 211

•Tongainsulaner A 48, 52, 121

Toni j es, Missionar 97

Töpferei A 179, 296

'Topnar-Hottentotten A 55/56

Torday 235

Torsobildung 44

Totemismus 253

Töten alter Weiber 108

Totenriten 99, 114, 115

Tragvorrichtungen 289

fTransvaal 101, 102, 319


Trauer 114, 116, 280;

s. a. Totenriten Treue 345

Tsakuruma, Geburtsgöttin 232 " Tschemakoko-Indianer s. Chamacocco 'Tscheroki 156 'Tschikasa 156 "Tschippeway-Indianer A 23,

A 106, 216, A 174, 280;

s. a. Odschibwä Tschirrintschirri 116 Tschitscha, Getränk 82, 208

  • Tschokta 120, 156
  • Tschuktschen 192, 202, 238

Tücher 150 'Tukäno 171, 173, 182 'Tungusen 202, 269, 270

  • Tupi 237

'Tupinamba 173 'Türken 271 'Turkmenen 269 'Turkvölker 50 'Tusayaindianer 359 Tutunus, Mutunus- 74 'Tuyuka 231

'Uaupe 99, 162

fUganda 127, 210, 228, 229

Uluri 63, A 144, A 145, 152

fUmari-Igarap6 172

Unawa (gesetzmäßige Gatten)

Aranda 83 Unfruchtbarkeit 196, 201 Ungunja, Männerlager 127 Unkulla (Schwestersöhne des

Vater) 83 Unterhautfettgewebe 108 f Upper-Georgiadistrikt 1 18 'Urabunna 258 Urin 307

Ursprung der Kleidung 130 'Urua A 219

Uterus 29; s. a. Gebärmutter tUziguha 160

Vagina 29, 73

Vailland 343

Vaillant, C. 129

Vala Sandyla 80

Vaughan Stevens 68, 208

'Vedas (Wedda) 270

Veiten 104, 196

Venus von Willendorf A 10,

348 Venusberg 30, 31 Veran, Joh. 348 Verblödung 40


Verdeckung der Geschlechts- teile 152; s. a. Geschlechts- teile

Verzierung 296

  • Vey 71, 72, 80, 202, 270

fViktoriagebiet 270

Virchow 44, 52

Voh 208

Vortisch 97

'Waankole A 190

'Wabondei 86

Wachstum 35, 59

Wadenplastik 122, Am

'Waganda 233

'Wagaya 121

'Wahima 53, 122

Waldeyer 46

Wallace 330

'Wandorobo A 128, 149, 202

'Wanjamwesi 63, 84. 131, 136,

'Waporogo 202

'Warandi 235

'Warangi 229

Wari kilili, mannbare Mäd- chen 84

Wari Kumbi 84

Warne 346

Warzenhof 44, 61

Waschungen 68, 83

Washenzi 86

Wasserzauber 102

'Waswaheli 233

'Watubela 216

'Wavunia 136

'Wawira A08

'Waziguha 159

Weber 47

Weberei A 196, 307, 308

Wechselehe 274

Wechseljahre 42, 107

'Wedda 44, 50, A 35. 273, 274

Wedeil 290, 307

Weib, Kinderjahre 60

Weib mit Hörn 343

Weib, stillendes A 206, 349

Weiberduell A 198

Weibergesellschaft 157

Weibergräber A 172, 280

Weiberhäuser A 170

Weiberkamm A 98

Weibermasken A 133

Weibersprache 159

Weibliche Figuren A 205, A215, A219, 221,

Weikhmann, Dr. 54

Weinpalme 72


Weiß 54

W estermark 239, 274

Wettengel 96

Whitehead 302

Wied, Prinz Max von 133,

214, 289, 307 Wiederverheiratung von

Witwen 121 Wiese 52 Willendorf, Venus von A 19

348 Windschirm A 189, 300 'Winnebägo 216, 261 Witwen 121 Witwenkappe 115, 280 Wlislocki, v. 343 Wochenbett 229 •Wogulen A 28, A 155, 232 Wohngrube 300 Wohnungsbau Z 15, 300 Wolf, L. 316 Wolff II. 13s Wollbehaarung 31 'Woloffinnen 44, 66, 116 Woridoh Windees 107 Woronfo, Beschneidungs-

messer A 99, 'Wotjäken 233, 270 Wunpa, Mädchen vor der

ersten Menstruation 107

X-Beinigkeit 46

  • Xosa-Kaffern 48, 73

fYacyuarua-See 162 Yankton Sioux 64 •Yaroinga A 33

  • Yurok 269

Yurupary-Tänzer 171

Zache 84, 159

Zähne 73, 110, 116, A 102

Zahnverstümmelungen A 102,

116 Zauberrasseln (Erzählung)

375 Zauberschmuck 137 Zaubergewalt 190 •Zigeuner 343 Zirbeldrüse 34 Zöller 51 Zöpfe 140

•Zoque-Indianer 332 Zoroastrismus 172

  • Zulu-Kaffern A22, 138, 150,

I5i. 159, 161 Zwergvölker 53, 54, A61 Zwergfuchs 39 Zwillinge 197 Zwischenzellen 41





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